Kitabı oku: «Robert Musil: Gesammelte Werke», sayfa 39

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Und ein andermal sprachen wir, ja, da war es dann, daß wir von der Liebe mit Tieren sprachen. Ich weiß nicht, wie wir dazu kamen, es geschah so von selbst. Demeter hatte ihr die Geschichte von der Wirtin oben am Berg erzählt, und sie erzählte sie mir wieder. Es ist gewiß so etwas als Wirklichkeit gedacht eine Widrigkeit, aber es mußte wohl schon ihr unheimlicher Einfluß gewesen sein: im Träumen und Sprechen von diesen bewußtlosen Geschöpfen hatte sie etwas wie wenn sie von der Liebe zu Engeln spräche, und hielt mich fest. Es war eine ganz blasse, geschlechtslose Sinnlichkeit, eine unpersönlich, grenzenlos, wie ein warmer schwellender Wind die Welt füllende Sinnlichkeit. Und es rührte mich wie eine heimliche Hand an, als sie sagte: so unpersönlich, so bis auf die nackte, warme Weichheit ausgekleidet erschienst Du mir damals, als Dich Demeter schlug.

Dann wiederholte sie nochmals: „ich verstehe es so gut, sie unterhielt sich gern mit den Burschen, aber sie ließ keinen an sich heran, nur ihre zwei Doggen.“ Wir saßen ganz allein in einem der halb dunklen Säle; ich wollte etwas einwenden, aber sie erzählte weiter: „… sie ließ keinen an sich heran, nur ihre zwei Doggen. Und ganz unvermittelt sagte Demeter zu mir: ‚Der wird dich nicht heiraten und der … nicht; du wirst hier bleiben und alt werden wie die Tante …‘ Verstehst du das, da bekam ich Angst? Ist Dir nicht auch so? Ich hätte nie daran gedacht, daß die Tante ein Mensch sei? Sie erschien mir nie als ein Mann oder eine Frau. Jetzt erschrak ich mit einemmal darüber, daß das etwas war, was auch ich werden konnte. Und nun schien plötzlich, als ob sie durch lange Zeit nie älter geworden wäre und dann mit einem Ruck sehr alt und dann wieder geblieben.“ Und Demeter sagte: „Wir dürfen machen, was wir wollen. Wir haben wenig Geld, aber wir sind die älteste Familie in der Provinz. Wir leben anders, Johannes ging nicht ins Ministerium und ich nicht zur Armee, nicht einmal Geistlicher wurde er. Sie sehen alle ein bißchen auf uns herab, weil wir nicht mehr reich sind, aber wir brauchen das Geld nicht, und wir brauchen sie nicht. Und wohl weil ich noch über die Tante erschrocken war, traf mich das plötzlich so geheimnisvoll, dunkel und leise seufzend, und ich bekam irgendwie bei Demeters Worten ein seltsames Gefühl von unserem Haus.“

Und Veronika sah mich an, mit großen, still gesträubten Augen, und fragte mich, als sie mir das wiedererzählte, ob ich nicht auch oft dieses Haus fühle? Sie sagte: „Denn der Garten und das Haus sind das einzige, was ich immer empfunden habe, – oh, der Garten, ich dachte manchmal, so muß es sein, wenn man im Schnee liegt, so trostlos wohlig, ohne Boden schwebend zwischen Wärme und Kälte, man möchte aufspringen und erschlafft in ein süßes Verfließen. Sooft ich an ihn denke, fühle ich eine leere, ununterbrochene Schönheit, Licht in dumpfem Übermaß, wortloses Licht, sinnlos wohltuend auf der Haut, und ein Ächzen und Reiben in den Rinden und ein unaufhörliches leises Sausen in den Blättern. Ja, als ob die Schönheit des Lebens, das da in diesem Garten bei uns endet, etwas Flaches, wagrecht Endloses wäre, das einen einschließt und abschneidet wie ein Meer, in dem man versinken würde, wenn man es betreten wollte. Und da fühle ich dann unser Haus, seine Finsternis mit den knarrenden Treppen und den klagenden Türen, den engen Winkeln und finster ragenden Schränken, und manchmal irgendwo bei einem hohen kleinen Fenster Licht wie aus einem geneigten Eimer langsam sickernd ausgegossen, und eine Angst, als stünde einer mit einer Laterne dort.“ Und Demeter sagte: „Es ist nicht meine Art, Worte zu machen, das trifft Johannes besser, aber ich versichere dir, es ist manchmal etwas sinnlos Aufgerichtetes in mir, ein Schwanken, wie von einem Baum, ein fürchterlicher, ganz unmenschlicher Laut, wie eine Kinderrassel, eine Osterquarre … ich brauche mich bloß zu beugen, so komme ich mir gar nicht mehr wie ich vor; ich möchte manchmal mein Gesicht bemalen …“ Da kam es mir vor, als wäre unser Haus eine Welt, in der wir allein sind, eine trübe Welt, in der alles verkümmert und seltsam wird wie unter Wasser, und es erschien mir beinahe natürlich, daß ich Demeters Wunsch nachgeben sollte. Er sagte: „Es bleibt unter uns und existiert also sozusagen nicht, da es niemand weiß, es dringt nicht in die weibliche Welt hinaus …“ – „Du darfst nicht glauben, daß ich irgendetwas für Demeter fühlte. Er tat sich bloß vor mir auf wie ein großer mit Zähnen bewegter Mund, der mich verschlingen konnte, als Mann blieb er mir so fremd wie alle, aber es war ein Hineinströmen in ihn, was ich mir vorstellte, und zwischen den Lippen in Tropfen wieder Zurückfallen, ein Hineingeschlucktwerden wie von einem trinkenden Tier, so teilnahmslos und stumpf … man möchte manchmal Geschehnisse erleben, wenn man sie bloß als Handlungen tun könnte und mit niemandem und mit nichts. Aber da fielst Du mir ein, und ich wies Demeter augenblicklich zurück; es muß eine andre Art geben für das gleiche, eine gute …“

Kreisende Dinge, ein Mensch, aber manchmal schon ein Wort, eine Wärme, ein Hauch ist wie ein Steinchen in einem Wirbel, das dir plötzlich den Mittelpunkt anzeigt, um den du dich drehst. Wie eine Begegnung in der Einsamkeit, um die die wirre, regellose Nähe mit einem Schlage fest und wie gewölbt wird … Ich glaubte mit einemmal zu erkennen, daß Veronika, die ich alle Tage gesehen hatte, ohne sie zu achten, bestimmt sei, mir zu helfen. Ich war plötzlich mit ihr verbunden. Ich fragte sie mit mißtrauischer Hoffnung: „Was meinst Du …?“ Sie sagte: „Ich habe eine unklare Vorstellung von dem, was man einander sein könnte. Man hat doch Angst voreinander, selbst Du bist manchmal so hart und fest wie ein Stein, der nach mir schlägt, ich meine aber eine Art, wo man sich ganz in dem auflöst, was man für einander ist, so daß man nicht außerdem noch dabeisteht und sich zusieht. Ich weiß es nicht zu erklären; Dein Gott ist so …“ Dann sagte sie: „Er ist nirgends, weil er in allem ist. Er ist eine böse dicke Frau, die mich zwingt, ihre Brüste zu küssen, und ist zugleich ich, die manchmal, wenn sie allein ist, sich flach vor einem Schrank auf die Erde legt und so etwas denkt. Und Du bist vielleicht so; Du bist manchmal so unpersönlich und eingezogen wie eine Kerze im Dunkel, die nichts selbst ist und nur das Dunkel größer und sichtbar macht. Seit ich Dich damals Dich fürchten sah, ist mir, als ob Du aus meinen Gedanken herausfielst und nur die Furcht blieb, wie ein dunkler Fleck und dann ein warmer, weicher Rand, der sie begrenzt. Und es kommt ja nur darauf an, daß man wie das Geschehen ist und nicht wie die Person, die handelt; man müßte jeder allein sein mit dem, was geschieht, und zugleich müßte man zusammen sein, stumm und geschlossen wie die Innenseite von vier fensterlosen Wänden, die einen Raum bilden, in dem alles wirklich geschehen kann und doch so ohne hinauszudringen, als ob es nur in Gedanken geschähe …“

Es war übereilt, aber wie in einer Krankheit so anders notwendig, als ich jetzt sagte: „wollen wir zusammen …?“ Es schien einen Augenblick, als könnte sie nicht nein sagen. Aber sie begann sich plötzlich zu verändern, wie etwas zurücksinkt, die Linien ihres Gesichts wurden hier kleiner und dort größer, gewiß, sie hätte nicht nein sagen gekonnt, aber sie war schon nicht mehr sie, und zögernd, wie einen weiten, ungewohnten Weg kamen ihre Worte: „… was denkst Du …?“ Und: „… ich glaube, so unpersönlich kann überhaupt kein Mensch sein .. könnte nur ein Tier … hilf mir doch, warum muß ich immer an ein Tier denken …?!“ Ich antwortete ihr: „es ist nur ein stilles abseitiges Wasser, in dem deine Gedanken säumen. Es fehlt Dir bloß das, was Dich von da wieder in den breiten fahrbaren Strom herausreißen könnte, irgendetwas, eine Entschlossenheit, eine Überwindung. Aber du meinst einen Menschen, wenn Du Tier sagst, bloß einen schwer zu erreichenden Menschen. Du meinst nichts Ekles.“

Doch sie gab mir hartnäckig zurück: „vielleicht könnte selbst das Eklige so wehrlos und abgelöst sein, so rein es selbst, wie es sich niemand dächte.“ Und dann sagte sie plötzlich: „ja, vielleicht, wenn du sterben würdest, wenn es sicher wäre, daß du sterben müßtest …“ Ich antwortete ihr darauf: „es wird mir irgendwann ein Unglück geschehn, ich weiß es, man spürt manchmal im voraus die Lockerheit, mit der man am Leben hängt. Was du sagst, ist nur Spiel, das, worauf es ankommt, ist eine Gebärde des Lebens.“ Doch sie schüttelte den Kopf.

Und nun, nach dem Abschied, nachdem wir uns getrennt hatten und er seinen Weg zur Bahn fortsetzte und ich ihm nachsah, war es, wie wenn etwas mit einem leisen Klingen gesprungen wäre, und wie aus einer zerbrochen am Boden liegenden Hülle stieg daraus mein immer gesuchtes Gefühl von mir selbst empor. Es war plötzlich so fest, daß ich mich wie ein Messer in dem Leben dieses anderen Menschen fühlte. Es war plötzlich alles klar gegliedert; er wird gehen und sich töten, das war etwas so Wuchtendes, wie ein dunkler schwerer Körper auf der Erde liegt, es war so etwas Unwiderrufliches wie ein Schnitt durch die Zeit, vor dem alles Strömende erstarrt, es sprang dieser Augenblick mit einem plötzlichen Blinken wie ein Schwert aus allem anderen heraus, und ich glaubte, deutlich etwas zu sehen, was man gar nicht sehen kann, wie die Beziehung meiner Seele zu dieser andern, in ihrer augenblicklichen Lage, ein Durchgangsding, ein Ausholen und Übergang, plötzlich zu etwas Letztem, Unverückbarem, Unabänderlichem geworden war, das wie ein Aststumpf in die Ewigkeit ragte.

Eine Traumhelligkeit stieg in mir auf, in der das Geschehen wie zartes Geäder sichtbar wurde, ein neues, geheimnisvolles Licht lag auf den Dingen, und ich fühlte es auch auf mir, ich veränderte mich darin für mich selbst, ich war fast schon eine Gestalt, wie sie durch die Bilder der Schlafenden schweifen. Oh, dieses Licht, diese Gestalten .. Sie sind wie wirklich und greifen doch mit einer Bewegung an die Seele, der nichts Wirkliches gleicht. Sie greifen tiefer in mich hinein, bedeutungsvoller, heller, musikhafter .. Wie über das, was sie zu sein scheinen und für die Wirklichkeit bleiben, hinaus auf einen namenlosen, zum erstenmal gesehenen Gegenstand bezogen … Meine Standhaftigkeit war belohnt. Es gibt ein Glück, ein auf das Wirkliche Blicken, das wie Musik, wie Linien ist … Und ich hätte vielleicht auch glauben gekonnt, daß es Liebe war, ich war schon von Zärtlichkeit für ihn erfüllt, dem ich alles dankte, aber ich schritt durch eine andere Welt, und eine Lust, ihm weh zu tun, trug mich dort wie eine leichte Luft, die ich mit bebendem Wittern einatmete, die mich erfüllte und hob und in der meine Gebärden ausfuhren, in die Ferne gerissen, in der sich meine Schritte mit einem leisen Druck vom Boden lösten und über Wälder hoben.

Es war mir fast übel vor Leichtigkeit und Glück, und diese Übelkeit wich erst von mir, als ich die Hand auf das Tor unseres Hauses legte. Es ist ein kleines, rundes, festgefügtes Tor, und als ich es schloß, legte es sich undurchdringlich vor, und ich stand im Dunkel wie in einem stillen, unterirdischen Wasser. In diesem Augenblick dachte ich zum erstenmal wieder an unser Haus, ich schritt langsam vorwärts und fühlte dabei, ohne sie zu berühren, die Nähe der kühlen, mich umschließenden Wände; es war ein sonderbar heimliches Gefühl: ich fühlte, daß ich bei mir war.

Als ich in mein Zimmer trat, wurde es heller. Ich hatte, irgendeiner Eingebung folgend, schon morgens die Fenster geschlossen, durch die Ritzen der Läden fiel Licht und löste das Dunkel zu einer braunen, dünnflüssigen, stellenweise goldig getönten Farbe auf, steil und mit scharfen Kanten ragten die Möbel darinnen, da und dort glimmte es in den Metallbeschlägen. Ich setzte mich, und wie ich müd und schwer war und nur in morgens lose ohne Mieder übergeworfenen Kleidern, fiel ich ganz in mich zusammen.

Ich begann, an unsere Gespräche zurückzudenken. Aber ich erinnerte nicht mehr viel, es schien alles in jenem letzten Augenblick untergegangen zu sein, Wirkliches wenigstens, aus der Wirklichkeit gekommene Worte und Gründe. Und doch war noch etwas anderes da, und ich betrachtete, was ich empfangen hatte. Eine Kindheitserinnerung, eine Erinnerung wie andere, was weiter? Nein, es stieg und stieg in mir und füllte mich aus; ich wunderte mich, wieviel Platz in mir auszufüllen war. Und es wurde warm, als ich den Geruch wahrnahm, der ringsum von den Gegenständen aufstieg. Ich hatte, irgendeiner Eingebung folgend, morgens die Fenster geschlossen, es roch nach Nacht, nach Schubladen, nach Schweiß, nach meinen Haaren und von warmen Betten. Es war ein beklemmender, verbrauchter, wohl eigentlich widriger Geruch, aber wie er so still und trüb um mich stand, begann mir plötzlich das Herz zu klopfen, ich erhob mich und schloß die Türe ab und wußte nicht, warum, denn von der Dienerschaft konnte niemand kommen, und die Tante war schon seit Wochen krank und vermochte nicht zu gehen, aber überhaupt: ich wußte auch nicht, warum niemand hätte kommen sollen. Doch ich hatte ein Gefühl, als ich zusperrte, als ob ich mich mit diesem Geruch wie mit etwas Unzüchtigem einschließen würde. Und ich erschrak darüber, ging mit zwei schnellen Schritten wieder von der Türe weg, blieb dann einen Augenblick stehen, weil ich noch immer nicht wußte, was ich eigentlich wollte, und wandte mich schließlich kurz zur Kommode hinüber, wo der Teekessel stand.

Ich zündete den Spiritus an und wußte, daß ich damit einen Entschluß ausführte, den ich lange vorher, draußen, im Freien, gefaßt hatte. Und aus keinem andern Grunde, als weil ich ihn draußen, unter den Menschen gefaßt hatte, führte ich ihn jetzt aus, mit einer plötzlichen Geschäftigkeit und Lust an fingernden Bewegungen, wie wenn ich meine Hände aus dem Dunkel in grelles Licht hinausstreckte. Aber dann saß ich wieder und schaute auf das kleine Licht der Flamme und fühlte das schweigende, vom Leben abgetrennte Zimmer. Und als der Tee am Kasten fertig war, dachte ich, wie sonderbar dieses Geschehen, das das einzig Wirkliche, Schritt an Schritt Gefügte und klar sich Abzeichnende war, wie sonderbar fleischlos doch dieses Geschehen, bloß wie er Knochen eines Arms in die weiche, gestaltlos um mich kreisende Unruhe hereinragte; die Bewegung meiner Hand nach der Schale, das Ansetzen, das leise Schlagen der Flüssigkeit gegen die Ränder, diese kleinen, gedankenlosen Dinge hoben sich halblaut, wie Porzellan schimmert, aus der dämmernden Stille hervor, es schob sich leise um mich der Geruch zusammen, mein Herz stieg wieder groß und pochend in der Brust empor, und ich begriff eine Seligkeit der Überwältigung, die ich noch nicht kannte, wie ein Mädchen, dem eine plötzliche Veränderung der Gedanken von innen die gespannten Beine öffnet, deren Muskeln sich noch im Augenblick vorher verzweifelt gegen einen Mann gewehrt hatten.

Ich saß träg da, von dem heißen Getränk im ganzen Körper mit Wärme und Schwere gefüllt, und fühlte allmählich, wie ich die trübe, lastende Abgeschlossenheit dieses Raums, der voll Ausdünstung war, mit leisen, raschen Atemzügen in mich einzufangen begann. Da wurde ich von Ekel erfaßt und wollte eine Weile nicht atmen, aber langsam begann es meine Brust wieder zu heben und zu senken, mein Leben ging weiter, unabhängig von mir, als würde es von einer fremden, übermächtigen Regelmäßigkeit ergriffen. Und ich empfand ein eigentümlich wildes, würgendes Glück dabei. Mich widerte diese Luft an, die schon im Innern des Körpers gewesen war, wie wenn man mich zwingen würde, in Wäsche zu schlüpfen, die von fremden Menschen noch warm ist, oder als ob sich etwas versteckt Abscheuliches, wie meine eigenen Gedärme, um mich legte. Ich hätte ausweichen, die Fenster aufreißen mögen. Aber gerade weil ich mich durch all das wie mit einer rohen Gebärde gegen etwas gepreßt und in einer unerbittlichen, mein gesondertes Gefühl von mir unmöglich machenden Nähe festgehalten fühlte, war ein taumelndes Empfinden, ein plötzliches Michpreisgeben in mir, eine ätzend bittere Lüsternheit, wie wenn ich in einem trägen, gräßlich verschlungenen Wirrsal meinen Leib verloren hätte und wenn etwas Fremdes scheußlich über ihn kriecht, nicht mehr zu unterscheiden wüßte, ob er in der wollüstigen Verwirrung sich nicht zuckend selbst berührt hat. Und ich hätte aufspringen und diese Luft in breiten Zügen in mich hineintrinken mögen, ich hätte mich in sie hineinwühlen, mit offenen Lippen durch sie wie durch Unrat hindurchreisen wollen. Denn dieses Zimmer war wie ein Tier so gewaltig grauenhaft und voll antlitzloser, mich verstümmelnder Laster, und doch so stumm und gütig und leblos sich schützend um mich stellend, was immer es mich zwang, in ihm zu tun.

Und mein Atem ging, seit ich dieses Doppelte fühlte, rascher und rascher, und ich saß ganz verwirrt und erschreckt, und er ging wie ein Fremdes, das immer fremder wächst, und ging doch wie hinter einer Deckung, die ich war, und ich suchte dem nur so ganz willenlos zu wehren, und mit einemmal konnte ich es nicht mehr und stand ein paar Augenblicke still und ging ein paar Schritte durch das Zimmer, mit einem Lächeln, das ich wie einen Schnitt im Gesicht spürte, und warf mich dann, wie ich war und mit diesem Lächeln, in diesem Zimmer auf die Erde nieder.

So blieb ich lange liegen und war mit der Zeit in einen heißen, unerquicklichen Schlaf gesunken. Als ich aufwachte, hörte ich Schritte, und Stimmen gingen unter meinen Fenstern vorbei. Ich erkannte die Leute am Fall der Worte, und es kam mir der Gedanke, was sie jetzt wohl zu mir sagen würden. Ich sah zwei Männer mit erstaunten und vorwurfsvollen Blicken mich betrachten; ich fühlte dabei irgendwie mit, daß es Männerblicke waren. Dann aber fiel mir ein, daß mich ja niemand sehen konnte, und von diesem Augenblick an lag ich wie in einem Versteck; ich lag sehr unordentlich da, etwas vom Dunkel erregt, nur halb bekleidet und ganz verschoben, und das Zimmer um mich war noch immer so, wie wenn ich mich etwas sehr Unanständigem überlassen hätte. Plötzlich dachte ich: die gehen draußen, und in ihren Kleidern tragen sie einen wirren Dunst ihres Leibes, und in ihrem Leibe tragen sie Unrat, ja, sie tragen ihn in sich spazieren und bleiben sehr aufrecht damit stehen und unterhalten sich in sorgfältigen Worten und zuweilen gluckst es in ihnen wie in tönernen Krüglein …

Ich sagte mir darauf, daß es auch mir so ginge, und ich suchte es mir vorzustellen, ich suchte mir mich von innen vorzustellen, und mit einer Art Wollust spürte ich meinen Bauch dabei schwer und wie eine warme Kugel. Ja, es lockte mich, mit den flachen Händen gegen ihn zu schlagen, aus unnennbarem Gefühl darüber, daß mir dieser Gedanke ein Vergnügen bereiten konnte, daß ich gar keine Angst hatte, trotz solcher Gedanken, das wundervolle Schöne nicht erleben zu können, das nun kommen mußte.

Danach tat ich still, was ich zu tun hatte, und der Tag verlief ruhig wie alle andern. Von Zeit zu Zeit tauchte das Geschehen in meinem Bewußtsein auf, ich sah dann nach der Uhr und suchte mir einzubilden, was jetzt wohl werde, später aber strengte ich mich an, lange nicht an ihn zu denken, und als ich es das nächstemal wieder tat, mußte der Zug schon durch die Finsternis der Bergtäler nach Süden rollen.

Ich legte mich zeitig zu Bett und schlief rasch ein. Aber ich schlief leicht und ungeduldig, wie jemand, dem am nächsten Tag etwas Besonderes bevorsteht. Es war unter meinen Augenlidern eine beständige Helligkeit, gegen den Morgen zu wurde sie noch lichter und schien sich zu dehnen, sie wurde unsagbar weit, als ich aufwachte, wußte ich: das Meer …

Jetzt mußte er es schon, wie er mir versprochen hatte, vor sich sehen und hatte nichts Notwendiges auf dieser Welt mehr zu tun, als seinen Entschluß auszuführen. Er wird hinausrudern und schießen. Aber ich wußte nicht wann. Ich begann zu mutmaßen und Gründe gegeneinander zu stellen. Wird er gleich von der Bahn ins Boot …? Oder wird er auf den Abend warten? Wenn das Meer so ganz ruhig daliegt und wie mit großen Augen hersieht? Ich ging den ganzen Tag in einer Unruhe dahin, wie wenn beständig feine Nadeln gegen meine Haut schlügen. Zuweilen tauchte irgendwo – aus einem goldenen Rahmen, der an der Wand aufleuchtete, aus dem Dunkel des Treppenhauses oder aus dem weißen Leinen, an dem ich stickte, – sein Gesicht auf. Bleich und mit karmesinroten Lippen .. verzerrt und aufgedunsen vom Wasser .. oder bloß wie eine schwarze Locke über einer eingesunkenen Stirn. Der ganze Tag war wie ein Weg zu mir, gegen Abend zu wurde ich wie Gesang, und als es ganz Abend geworden war, wußte ich, daß es geschehen sein mußte.

Eine tiefe Ruhe und ein Gefühl des Geheimnisses senkte sich auf mich herab. Ich zündete in meinem Zimmer alle Lichter an und saß zwischen ihnen, reglos in der Mitte des Raums; ich holte sein Bild aus der Lade hervor und stellte es vor mich hin. Das ganze Gemach schien ein einziges Empfinden zu sein, ein leises Klingen, wie es zur Weihnachtszeit durch ein Haus geht. Die Geräte wuchteten unverrückbar an ihrem Platze, der Tisch und der Schrank und die Uhr an der Wand, sie waren ganz erfüllt von sich selbst und so fest in sich geschlossen wie eine geballte Faust. Und doch sahen sie wie mit Augen auf und auf mich herab, als ob sie die vielen Jahre, die sie schon da standen, nur auf diesen Abend gewartet hätten, um zueinander zu finden. Es schloß und wölbte sich etwas in die Höhe; es strömte von allen Seiten herzu und hob sich hinauf …; ich hatte ein Gefühl, wie wenn mein Leben plötzlich wie ein riesiger Raum mit schweigend flackernden Kerzen um mich stünde. Und dann wurde es wie im Märchen, Schleier sanken herab, sanft wie Schneetreiben vor beleuchteten Fensterscheiben, und mein Leben schien, in Bildern hineingewoben, an mir vorüberzutreiben, ein Kindheitsduft stieg aus Kasten und Laden empor, die Lichter knisterten. Da wußte ich es:

Türler ve etiketler

Yaş sınırı:
18+
Litres'teki yayın tarihi:
10 haziran 2026
Hacim:
5257 s. 13 illüstrasyon
ISBN:
9782377871742
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