Kitabı oku: «Robert Musil: Gesammelte Werke», sayfa 41
Scherl, der sich einen Leibgraphologen hält
Scherl, der sich einen Leibgraphologen hält. M. erhält 50.000 Mark Gehalt. Was tut er dafür? Er sitzt fünf Stunden in der Redaktion. Nun das ist auch nicht angenehmer. Gott irgendwo muß er doch sitzen.
Junge Geistliche
Mein letztes Kranl
Nur ka Wasser net
Hallodrioh
Jupeitia …
Löffel eingesteckt, weiß net wo
Und am Weißsee, da wohnt halt mei Schatz
Eine Flasche Rotwein und ein Stück Braten …
Junge Geistliche betrunken auf einer Hütte.
Der Sommeraufenthalt
Der Sommeraufenthalt. Zwei Genies.
Man kann für Genies sehr schwer Namen erfinden, wenn man die wirklichen verheimlichen will. Es ist offenbar eine Eigenschaft, die am Namen haftet und nicht am Menschen; auch wenn der Mensch Maier hieß; dann ist es eben Robert Maier und trotz des Maier ein ganz einsam schwebender Name. Ich will die beiden Genies Peter und Paul nennen. Sie galten für Genies; das heißt sie hatten einen Kreis. Einen ziemlich großen Kreis, in dem sie das galten; ob sie es wirklich waren, weiß man nicht. Peter war Psychoanalyst (so hieß die von ihm begründete Forschung und ist wohl unterscheidbar von der Psychoanalyse durch ihr besseres Verhältnis zur Psychiatrie) und Paul war Philosoph. Sie hatten in einer fesselnden Streitfrage, ohne sich zu kennen, beisammengestanden, das Verlangen nach genauerer wie weiterer Aussprache fügte sich an, und der Philosoph, der ein kleines Landhaus bewohnte, lud den Psychoanalysten ein, einige Sommerwochen bei ihm zu verbringen. Sie waren beide verheiratet. Als Peter mit seiner Frau und einem Kajütenkoffer voll Büchern unter dem andren Gepäck in Stuttgart eintraf, führte sie ein Mietauto in Kletterschlingen die sonnige Berglehne nach Degerloch hinauf – zwischen Wein und Villen hindurch – das damals ein reizendes Dorf war, welches wie aus einem hohen Baumwipfel auf die Stadt hinabsah. Als sie das Holzgatter des kleinen Vorgartens aufstießen, stand in der Türe des Hauses ein Mann mit schwellendem Bart und dilettantenhaften Willkommgebärden; das war Paul. Auch seine Worte waren, wie ein Anzug vom Dorfschneider, der Bedeutung des großen Augenblicks angemessen. Zimmer – Aussicht – Kletterrosen. Peters Frau Eline – niemand hatte vor ihrer Existenz von diesem Namen gewußt – musterte den Raum mit dem urwüchsigen Mißtrauen des Menschen, der in die Behausung (ein Wort wie Behaarung) eines andren Menschen geraten ist. Laden auf und zu, ehe sie sich entschließen konnte, etwas hineinzutun. Sie war eine weibchenhafte Frau mit einem energischen blonden Haarstrich aus der Stirne. Sie sah den Besuch wie ein Abenteuer an, das man versuchen konnte, da man sich in den Hotels der großen Badeorte doch auch langweilte. „Peter“, sagte sie, „Du bist ein Idiot in allem, was nicht Dein Genie ist: ich glaube, Du hast … vergessen.“ Unten im Garten, zwischen den schon fruchtschweren Bäumen, stand Paul mit schwellendem Bart und wartete. Er hatte ein leeres Papier in der Hand, um Aufzeichnungen machen zu können, auf- und abschreitend zwischen seinen Bäumen, aber man konnte bemerken, daß er unruhig war, stillstand und nur so aussah, als ob er dachte. Peter suchte … und es bereitete ihm Vergnügen, Paul auf den Geistesfreund warten zu lassen. Mit einemmal kam ihm ein Genie in Betrieb sehr komisch vor. … Als er endlich hinuntergeht, ist Paul im Haus. Er öffnet vorsichtig ein paar Zimmer. Endlich findet er ihn und seine Gattin Pauline zieht ihm gerade die Stiefel aus, die naß geworden waren, während er eifrig seitlich gebeugt, etwas auf dem nun nicht mehr leeren Papier schreibt. Das Bild war lächerlich, und doch hatte es etwas von einer königlichen Zeremonie an sich.
Gewölbter Raum. Die heroische und die „kleine Gipfelung“. Die erste lächerlich und fruchtbar, sie macht die Genies schlechter, aber die Bewunderer besser. Und so verliebt sich Peter in Pauline. Ähnlich wie die schwarze Freundin Saikes. Ihre Präsenz füllt die Vorstellung immer weiter aus, die er sich von ihrem Leben unter diesem Manne macht. Der Leichtsinn, mit dem er sich selbst behandelt, entsetzt Pauline. Und doch zieht er alles an, was Gegenströmung in ihr ist. Wie beide Strömungen in der Gegenwart liegen. Eline langweilt sich und kann sich im entferntesten nicht in Paul verlieben. Sie findet ihn lächerlich. Sie hat recht. Aber glücklicher sind die Menschen, die unrecht haben. Sie findet einen Flieger, der wie aus Bronze ist. Sie möchte sich einen Tag lang in ihn verlieben. Aber er ist ein Dummkopf. So fliegt sie bloß. Und kreist verzweifelt über der Villa, in der Peter und Pauline, wenn nicht glücklich, so doch verrückt sind.
Anfänge und Notizen
Tagebuch Hippolyte
Personen:
Hippolyte
Madelaine
Margérite
In einer Gesellschaft bei F. lernte ich Madelaine kennen. Beim Hingehen sagte mir H: Geben Sie Obacht, Sie werden jemand Interessanten kennen lernen – und er nannte den Namen – man weiß nicht, ob sie schön oder häßlich ist. Ich fand gleich Anschluß. Ich sagte nichts, was nicht ohne einen kleinen Witz oder Verbeugung gewesen wäre. Auch einige galante Frechheiten sagte ich ihr in die Augen hinein. Ich war in einer guten Stimmung wie an einem erfolgreichen Assautabend. Ein kleines Männchen, das Madelaine in der Tombola gewann und unter allerlei Capriccen herzte, gab leichte Gelegenheit zu beziehungsreichen Scherzen. Beim Abschied vergaß sie es; ich trug es ihr ins Vorzimmer nach. Sie hatte es „ihren kleinen Mann“ genannt und dann auf einem Kaminsims stehen gelassen. Ich beklagte mich im Namen des Symbols über die leichtfertige Grausamkeit. Aber wenn auch meine Sätze nicht geistlos waren; sie reuten mich: Ich hätte nichts sagen und einfach am nächsten Tag ihr das Männchen bringen sollen. Diese Gunst des Augenblicks hatte ich nicht ergriffen. Trotzdem behielt ich die Erinnerung an einen angenehmen, leichten Abend.
Später erzählte mir Madelaine, daß ich ihr zu Anfang den Eindruck großer Blasiertheit machte. Das nächste Mal – ungefähr vier Wochen später – gelang es mir,mit ihr in einer ziemlich ungestörten Ecke zu sitzen. Ich entwickelte ihr eine Theorie des Flirt und sprach überhaupt viel von Mann und Weib. Wie sie heute behauptet, weiß sie noch jedes Wort.
Dann war ich einmal bei Hs ihr Tischnachbar und tags darauf trafen wir uns wieder bei F. Es waren immer Leute um uns, doch trachtete ich, in meinen Worten so persönlich als möglich zu sein. Beim Weggehen bedauerte ich, sie solange nicht sehen zu können und erhielt die Erlaubnis Besuch zu machen. H. erzählte mir am Heimwege mit Achtung von ihrem Ernste; er findet sie interessant und würde – wäre er nicht verheiratet – „anklopfen“. Traf sie nicht an. Wenn ich nicht irre, ging sie noch am selben Tag zu Hs, um meine Adresse auszukundschaften. Seither war ich häufig bei ihr zum Thee und ging auch mit ihr spazieren. Sprach meist gut, was mich mit großer Freude erfüllte.
Eine entscheidende Wendung scheint für mich eingetreten zu sein, als ich ihr die Gedichte von Rilke? vorlas. Doch fällt mir eben etwas ein, das älter ist: Als ich einmal abends von ihr kam, fiel mir Valerie ein. Ich vermutete (mit Unrecht) eine Ähnlichkeit des Typus. An dieses schwere überreife Fallen dachte ich. Die Parallele ergriff mich. Ich hatte sofort den Wunsch, die Epoche Valerie wiederzuleben. Aber mit aller Erfahrung, was mich damals ziemlich ahnungslos ergriff. In diesem déjà connu liegt ein morbider Reiz, etwas krankhaft Intensives. Dies war die erste Bedeutung Madelaines für mich. Ich nahm mir vor sie zu gewinnen. Wohllüstig, mit geöffneten Sinnen und verschlossenen Erinnerungen. Die ganze nächste Zeit über sondierte ich. Aber die Parallele war falsch. Mein Interesse ermüdete und spannte nur hie und da wieder an. Für ein Gewinnen war der Antrieb zu schwach. Dann erst kam jener Nachmittag. Ich lag in einem hohen Stuhl und psalmodierte. Meine Stimme hatte etwas Priesterliches, Rauhes und Erregtes – zögernde Inbrunst eines Mariengebetes. Dazu die Pracht Rs. Ohne die Stimmung zu verletzen erklärte ich. Ich celebrierte gewissermaßen meine Meinung von der Liebe. Es griff mich bis zur Erschöpfung an. Auch sie. Es war wirklich gelungen, unsere persönliche Beziehung aufs äußerste zu steigern. Und die Gemeinsamkeit war so, als ob wir eine Nacht zusammen geschlafen hätten. Seither sehne ich mich nach ihr und sie zeigt mir, daß sie mich liebt. Noch schien es mir anfangs ungewiß. K. redet mir zu, nicht zu zaudern. Selbst ein Fehlschlag ist besser als unversucht lassen. Aber ich kann nicht. Marguérite. Ich überlege nicht, ich mache mir keine Vorwürfe, aber sie wird es wohl sein, die mir die Kraft raubt. Ich habe kaum mehr etwas zu wagen und greife doch nicht zu. Als wir uns das letztemal sahen, fuhr ich mit Madelaine ins bois.
Madelaine sprach nur leicht verschleiert von ihrer Liebe zu mir. Zu meinem Schrecken sehe ich, daß ich ihre Sätze nicht mehr weiß. Aber sie durchdrangen mich. Es war wie ein Glück, das man kaum begreift. Und ich bat sie fast, mir Zeit zu lassen. Ich sagte ihr, daß ich sie liebe, daß ich aber es noch nicht wahr haben will. Sie verreist für acht Tage. Ich bat sie, diese Tage über noch den feinen Genuß der Enthaltsamkeit uns kosten zu lassen. Aber es war nicht Raffinement, nur Feigheit. Jetzt sehne ich mich nach ihr. Marguérite erscheint mir hübscher als vorher, aber ich vermag sie kaum zu küssen. Denn nicht mehr in ihr küsse ich mich. Ich will etwas finden, das mir in dieser Angelegenheit Stil und gutes Gewissen gibt.
Ich vergaß zu notieren, daß das erste Zeichen meiner Neigung war, daß mir wieder Gedanken von einem lange verlorenen Typus einfielen. Scheidungsgedanken. Ich muß mich ganz auf Madelaine konzentrieren können. Mit ihr – so als ob es zum ersten Mal in die Welt hinausginge. Ich muß mich ganz hingeben können.
Ich verbrachte zwei Tage mit Marguérite. Aus Feigheit vor ihrem Verdacht. Ich hatte Angst davor, aber alles ging gut. Wenn ich mich an die Sinnlichkeit erinnere, muß ich an gelbe Seide denken, die mich bedeckte. Ich vermochte mich ganz auf den Augenblick zu konzentrieren. Im Ganzen war aber meine Stimmung schwankend. Überempfindlich gegen Derbheiten an Marguerite, die ich lange nicht mehr beachtet hatte. Ich muß mich nur der gewissen Phantasien enthalten: Mit Madelaine allein im Gebirge, oder nachts im Wald oder dergleichen. Gegen Ende wurde meine Stimmung immer günstiger für Marguerite. Zärtlichkeiten sind mir ganz natürlich, nur die kindischen Neckereien, das Klein- und Ausgelassen-Sein geht nicht.
Madelaine ist wieder zurück. Es lag etwas Fremdes zwischen uns. Alltagsärger, der in der Zwischenzeit vorfiel. Ich habe keinen rechten Anschluß an sie. Dabei Angst, durch meine Künstelei den Augenblick versäumt zu haben. Ich bin entschlossen, mir das nächstemal Gewißheit zu holen. Gegen Marguerite bin ich fast so, als ob nichts nebenher ginge. Vielleicht deswegen, weil ich nun bestimmt weiß, daß Madelaines Zeit gemessen ist.
Diese Gewißheit hat mir übrigens auch Madelaine gegenüber wieder zu einigem Leichtsinn verholfen. Ich war in der letzten Zeit zu sentimental. Heute kam es zu einer Krise. Die Schwierigkeit mit Marguérite türmte sich in mir an und raubte mir alle Freiheit. Ich setzte Madelaine ausführlich meinen Zustand auseinander. Sie schien mich zu ermutigen. Dann kam ihr aber wohl der Einfall, daß eine Liebe, an der man so würgt, keine Leidenschaft ist. Und sie will mitgerissen werden – ins Unendliche. Endlich hatte ich alles herausgebracht. Ich war ganz warm. Ich hatte mein Leben vor Madelaine ausgebreitet, wie sich ein Bub vor eine Frau wirft. Sie sprach plötzlich so freundschaftlich. Ich wurde vorsichtig und formulierte sehr umständlich – ob sie glaube, daß aus ihrem jetzigen Zustand Neigung werden könnte oderdergleichen. Nein, Neigung reißt sofort mit; da gibt es kein Fragen. Unbeschreibliches Gefühl der Enttäuschung. Plötzlich verkehrte Perspektive. Aufsteigender Zorn. Sofort Erinnerung, daß mich dieser Augenblick nicht stillos verlassen dürfe. Ruhige, analysirende, psychologische Worte. Ich zerlegte unsere Beziehungen. Zeigte, was mich zu meinem Glauben veranlaßte, bat um Aufklärung Ich kenne Sie noch so wenig – hatte sie unter anderem gesagt; daran erinnerte ich sie, wie mir einfällt, noch nicht. Im Übrigen hatte sie sich schlecht ausgedrückt. Sie hat Neigung zu mir und kämpft, um es zu unterdrücken, weil sie sich vor meiner Moral fürchtet. Von dem Augenblick der Ablehnung an war ich wie von einer Last befreit. Sofort Herr der Situation. Konnte ihre Hand fassen, konnte ihren Arm nehmen. Redete in allen Tönen zu ihr, die ich die ganzen Tage nicht fand. Alle Zärtlichkeit, die von mir gewichen war, war nun da und fand reinen ungehinderten natürlichen Ausdruck. Sie zitterte, hatte Thränen in den Augen. Wir waren sehr lieb miteinander. Behandelten dieses Verhältnis wie etwas leicht Zerbrechliches, sehr Sonderbares, mit dem man sich feine Mühe geben müsse. Behandelten es als etwas Selbstverständliches. Am Nachhauseweg, allein, kam ich manchmal in frivole Stimmung und unvermittelt wieder in ganz Heilige. Aber dieses Heilige, mit dem Bewußtsein eines bloß augenblicklichen, fast nur andeutenden Genusses war wohl die eigentliche Quelle des Frivolen. Übrigens scheint unsere Beziehung durchaus noch nicht fest zu sein. Ich habe um ihre Hand angehalten. Denken Sie nur, ich – dieser Gamin! Bin ich nicht ein Staatsbürger? Und habe einen Korb bekommen! Meine Würde brachte mir keine Gefahr. Was für eine reizende Excursion. Ich wurde so fröhlich auf diesen Korb hin, so zärtlich zu ihr. Solche Sprünge versteht sie wohl nicht. Solchen lustigen Herrn Pierrot.
– Psychologische Nachwirkung. Schlaflosigkeit. Herrliche Nacht im finstern Zimmer. Am Divan unter einer Reisedecke geschlafen. Schrieb langen Brief an Madelaine. Im Anfang wie eine Fortbildung des Stils der Valeriezeit. Später, in dem von der Leidenschaft handelnden Teil, Neues. Es wurde mir klar, daß ich nicht ganz untertauchen kann, daß meine Leidenschaft eines Untergrundes von Resignation braucht. Daß Leidenschaft für mich nur eine caprice sein kann, an die man nicht ganz glaubt, nach der man sich aber ganz sehnt. Schrieb in großem Fieber. Der gewisse Sturm ohne Wellen.
Nachher Apathie. Ein paar Tage später Spaziergang ganz ohne Kontakt. Zum Schlusse, in dem Bemühen doch noch Anschluß an mich zu finden, kam ich mir beinahe lächerlich vor. Merkwürdig war, wie heute eine Zärtlichkeit für Marguérite in mir aufschoß. Sah sie plötzlich als armes, krankes Mäderl, und über das Mitleid kam den gewohnten Weg die Liebe. Merkwürdig, daß ich ihr gegenüber jeder Regung nachgeben kann, gegen Madelaine nicht.
Sehr sonderbarer Tag. Nachmittag bei Madelaine Sie wollte singen. Ich hatte die alten Lieder aber nicht bekommen können. Mattgraues verschlossenes Zimmer. Sie kniete bei mir, sie stand ganz dicht ober mir. Sie liebt dieses Stille an mir. Ich konnte mich nicht rühren. Banalitäten fielen mir ein. Ich küßte nur ihren Arm, streichelte ihn, streichelte mein Gesicht mit seinem weichen, schwarzen Flaum. Mußte weggehen, war der Situation nicht gewachsen. Sie war voll verhaltener Leidenschaft. Sprach metallisch und plötzlich mehr als sonst. Ich glaube, daß ich sie nicht verstehe. Und mich? Will sie geheiratet werden? Selbst dieses Gedankens war ich fähig! Überhaupt! Es war ein Glück und fast eine Verlegenheit. Ob ihr nicht die Knie wehtun, in der unbequemen Stellung?! Sogar das fiel mir ein. Und wurde wichtig. Denn alles kam mir plötzlich unnatürlich und gewollt vor. Ist das Liebe? Es kann es sein. Nur traf zufällig eine Culmination mit einer Depression zusammen.
Eine große Aufregung ist in mir. Ich möchte Madelaine heiraten. Trotzdem gefällt mir Marguerite besser als seit langem. Sehe gewisse natürliche Feinheiten an ihr, gegen die ich abgestumpft war. War müd zärtlich gegen sie, so ganz mich auflösend, wie ich es gerne bei Madelaine wäre.
Ich verstehe Madelaine erst recht nicht. Ich glaube wohl, daß an jenem Freitag echte Empfindung im Spiel war. Ich verfüge über mich und gebe mich dir. So ähnliches sagte sie auch. Warum ich aber gelähmt war weiß ich auch nicht. Entweder reizt sie mich nicht genügend sinnlich, oder ist zu viel Sturm in mir. Über diese Alternative bin ich mir nicht klar. Sonntag war sie sehr warm-müde. Ich wollte sie heiraten. Wollte sie so haben, wie dazu nötig. Sie mißverstand mich völlig, empfand mich als theoretisch und verlor den Kontakt. Dienstag behandelte sie mich schlecht. War ostentativ kühl. Endlich kam es wegen Sonntag heraus. Ich versuchte die geistreichsten Erklärungen, habe aber an Boden verloren und bin unglücklich. Ich will noch immer das ganz Große von ihr. Nachher soupierten wir zusammen und tranken Brüderschaft. Waren sehr herzlich, sie ein wenig koboldig und in Weinlaune. Ich bemerkte einzelne Derbheiten in ihren Gesten und meine Stimmung wurde leichter.
Heute, Donnerstag, kam sie zu spät. Endlich in ganz merkwürdiger Laune. Ich schaukelte sie im Stuhl. Sie wollte nichts ernstes. Wir plauderten ziemlich leichthin und graziös. Viel mit den Augen. Meine Art wurde wieder ein wenig mondän. Ich hatte das Gefühl, daß sie vor mir mit einem Mann zusammen war, der ihr gefiel. Das gab mir mich wieder. Ich küßte sie endlich, halte nicht allzuviel von ihr und lebe dem Augenblick. Ich gefalle ihr so. Eigentlich ist dieser Sieg eine bittere Enttäuschung und Lehre. Aber ich bin frei von Leidenschaft und so viel glücklicher.
Samstag sahen wir uns wieder. Erst schien es, als ob ich abermals nicht Boden fassen könnte. Endlich nahmen wir uns einen Wagen und fuhren ins bois. Dort wurde ich allmählich wärmer. Legte mein Kinn auf ihre Schulter und sprach so auf sie ein. Dann saßen wir bis zehn Uhr im Wald. Ich hielt ihre Knie und wir küßten uns oft. Sie küßt nicht gut, wie ich bemerke. Beim Loslösen der Lippen verursacht sie Geräusch. Überhaupt ist sie ziemlich primitiv. Ich muß es sie anders lehren. Das gibt mir alle Sicherheit und nimmt mir ziemlich viel Illusion. Montag wartete ich vor dem Hause ihres Lehrers auf sie; etwas entfernt. Sie trat heraus – zurückgeneigter Kopf – halbgeschlossene Augen, – als ob sie ihren Mund ins Licht hielte, damit die Sonne die Küsse darauf trockne. Ihr Blick suchte mich, aber, wie mir schien, etwas grausam. Später bemerkte ich, daß eine Flechte ihres Haares sich gelöst hatte. Sicher hat sie etwas mit ihrem Lehrer gehabt … Und dies constatieren zu können, freute mich.
Der Dämon
Auf Pflastersteinen gehen, statistische Wahrscheinlichkeit: Wenn erst einmal einige gegangen sind, ist es eher verständlich, wiewohl auch da … aber warum gehet der Erste geradeso und nicht anders. – Der Kandidat reiste am nächsten Tag ab. Fräulein Milli hatte das Bedürfnis, sich abzusondern. Nicht daß sie den Kandidaten geliebt hatte, aber doch wie um zu dokumentieren, daß sie die Tage über anders gelebt habe. Aber weil das Gefühl so an Mathilde Emminger hielt, schien es doch etwas mehr gewesen zu sein. Der Fremde, der von der Straße aus zusah, dann dem Jungen ein kleines Geldgeschenk gegeben hatte, trug damals enge Hosen mit Strumpfen, später nackte Beine, kurze Kniehosen und ein Hochländerröckchen. Dann machen die Eltern eine Tagespartie, und Mathilde ist allein, da zeigt sich der Engel zum ersten Mal. Als dann die Eltern abreisen, gelang es ihr, für einige Tage allein dableiben zu dürfen. Weiß Gott, wieso. Denn bisher war sie wohl ein-, zweimal auf längere Zeiten bei Freundinnen zu Besuch gewesen, – aber ganz allein, das war ihr nicht einmal eingefallen, darum zu bitten. Nun war sie aber ganz allein, nur der Frau Oberfinanzrat zum Schutze anbefohlen. Der sollte sie aber erst um elf Uhr zum Marienbründl nachkommen. Sie lag mit einem wunderbaren Gefühl im Bett und mochte nicht aufstehen. „Machen Sie keine Dummheiten“, sagte der Engel, „Sie sind jetzt 19 Jahre, worauf warten Sie eigentlich noch?“
Aufbau
Der Schluß – die Verführung – ist etwas von normaler Bluttemperatur, realistisch. Wozu – fragt man – ist dann der Dämon in Bewegung gesetzt? Er darf daher nicht eigentlich motivierend eingreifen, er ist weder ein hallucinatorisches Charakterisierungsrequisit noch etwas, das durch sein Erscheinen den Fall des Mädchens herbeiführt. Er ist Hintergrundsmusik, Begleitmusik, nicht eigentlich ein Geschehnis in der Novelle neben den anderen, sondern mehr der Glaube des Erzählers. Er darf demgemäß auch nicht wie ein zweckbeladenes Symbol, sondern muß wie etwas Selbstverständliches erscheinen, – wie man im Mittelalter schlechtweg eine Handlung aus Besessenheit erklärte. Eine Schwierigkeit bleibt im Verhalten des – realistisch aufgebauten – Mädchens gegen den Dämon, hier wird man sagen, er ist ein Produkt ihrer gestauten Erotik und dergleichen, was nicht sein soll. – Dem ist eventuell schon in der Einleitung vorzubeugen, indem man entweder den Dämon von Anfang an als handelnd mit einführt oder das Mädchen und den Juristen so sprechen läßt, daß das Erscheinen des Dämons nichts Exorbitantes ist. Nebstbei bemerkt: Der Dämon erzieht sie zur Güte à la P. A. und etwas davon steckt auch in der Passivität ihres Falls. Sie kann religiös sein und daher den Engel-Dämon ohne weiteres real nehmen. Der Jurist ein Kandidat der Theologie oder junger Priester, der Anfang eine versteckt erotische Beziehung zwischen den beiden, er spricht von der Ausbaufähigkeit der katholischen Religion und dergleichen, sie lieben sich durch das Medium eines solchen gemeinsamen Ausbaus. Sie hat einen großen Mund, niedere, breite Stirn, starke Augenbrauen, Haare auf den Armen, aber ein längliches schmales Kinn.