Kitabı oku: «Robert Musil: Gesammelte Werke», sayfa 44
Zu Jakob Eberles letztem Gang
Es war in dem heißen Mai des Jahres 1906. Wir saßen vibrierend von der Glut in einem Café. Lauter Ästheten, gelehrte Künstler, Künstlergelehrte, Vielwisser, Byzantiner. Die Kommenden. Maria mit dem brutal gelben Teint blätterte in der Woche. (Triumph der Vielseitigkeit, der Vorsilbe Poly- selbst die Woche in sich aufnehmen zu können.) So kam die Sprache auf den Vesuv. Ein Glück, sagte Maria, daß die Ausgrabungen nicht wieder verschüttet wurden. Was liegt dagegen an allem anderen. Und man macht ein großes Geheul, statt froh zu sein, Feste zu feiern. Könnte man nicht, … sagte Marsilius und alle wußten den Nachsatz … auch das Gegenteil verteidigen … ohne daß er ihn aussprechen mußte, ja nicht einmal sein indignirtes Lächeln, das die Relativität aller moralischen Erkenntnis bewundernd bedauerte, wäre nötig gewesen. Nein man kann nicht. Wenn man bedenkt, was unsere ganze Kultur ohne Pompeji wäre, daß gewisse Gefühle, ja selbst gewisse Gesten nicht möglich wären ohne Pompeji, so daß selbst der miserabelste Plebejer etwas davon hat, – indem der Durchschnitt der Lebensform gehoben wird – kurz objectiv kann man es gewiß nicht. Aber subjectiv, meinte Marsilius. Geschmackssache. Er wußte nun, was sich Maria im Augenblick von ihm dachte .. Dieser Marsilius – Baumeister Marsilius – man klebt doch am Handwerk. Man kann nicht rein künstlerisch concipieren man hat den Schweiß seiner Arbeiter zu nahe an der Bewußtseinsschwelle … Aber es war wohl die ungewöhnliche Schwüle, wenigstens war es wie in der Enge eines pathologischen Zustandes –: Der Gedanke ließ ihn nicht aus. Subjektiv könnte man es verteidigen. Er war überarbeitet durch umfangreiche kunsthistorische Studien – es stieg ihm manchmal heiß in den Hals und er hatte Sehnsucht nach grünen Bäumen – so einem dichten gewölbtem Kastaniendach – eine weiße Bluse fiel ihm dazu ein, kühles Bier in großen, plumpen Gläsern, und so wurde allmählich ein Gastgarten daraus. Man konnte es also verteidigen – subjektiv natürlich nur – es führt so eine Linie über Maeterlinck – ja über das Christentum dorthin – selig sind die Armen im Geiste und schwer wiegen die Seelen derer, so nicht reden können – aber die Gedankenkünstelei verdroß ihn, er schwieg, konzentrierte alles auf das Bild dieses Gastgartens – es war aber wirklich durchaus banal, einfach ein Produkt der Hochsommertemperatur (Thermometergrade) –, und dennoch hatte er eine Ahnung, daß er es festhalten müsse, als ob ganz sicher noch etwas hinzukommen würde. Und so hielt er denn am ganzen Nachhauseweg das dumme Bild fest, und nur hie und da zuckte ein neues auf, ohne sich aber recht an das vorhandene anschließen zu können. Arbeiter, wie sie in der Mittagspause lang auf den Sandhaufen lagen, ein junges Mörtelweib, das mit glückblitzenden Augen aus einer braunen Flasche Schnaps trank … und sich so ganz vital befriedigt auf den schwangeren Bauch klopfte …
Zu Hause fand er eine Karte seines Vaters .. nächstens mehr; von allen die herzlichen Grüße; Gustl ist in Kissingen und dann München; Donaths seit vorgestern zurück. Eberle hat sich das Leben genommen. Schreibe recht bald. Dein zärtlicher Pp. Marsilius setzte sich sofort hin, holte eines der festen Billets mit dem Siegelring des Patriarchen … als Wappen und schrieb nach Hause. Ich habe mir’s überlegt und mache meine Reise erst im Herbst. Komme jetzt aber für 14 Tage zu Euch, um mich einstweilen ein bißchen zu erholen. Auf Wiedersehen Marsilius. In Bodenbach kaufte er sich die Lokalzeitung seiner Heimat. Wie er vermutet hatte, fand sich eine Notiz über das Begräbnis, des dreißigjährigen Studenten Jakob Eberle, der sich – infolge von Überarbeitung überreizt – das Leben genommen hatte. Studentenschaft und Professorenkollegium waren beim Begräbnis zugegen, der Rektor hatte eine Ansprache gehalten, in der er den Ernst der Wissenschaft betonte und den Verschiedenen als einen auf seinem gefahrvollen Posten Gefallenen schilderte, der akademische Gesangverein, dessen Mitglied der Verstorbene war, hatte den Abschiedscantus gesungen, sicher wurde nachher in der Kneipe der Ferialverbindung salamander gerieben und Hanuschkas, Eberles bester Freund, wird den Nebensitzenden von verdächtigen Äußerungen erzählt haben, die sich schon in der letzten Zeit gezeigt haben. Hanuschka … Marsilius sah den kleinen, breitschultrigen Halbslawen vor sich, mit irgendeiner furchtbar breit gestreiften Krawatte, wie sie sie alle trugen, dann sein grauenvoll ungelenkes Lachen, bei dem jeder Teil des Gesichtes für sich irgendwohin ging … Es war eine andre Welt, eine lange verlassene Welt, eine beschränkte, widrige, von der er nicht verstand, wie sie ihn so lange festhalten gekonnt – und doch wurde ihm jetzt warm, heimlich –, zum Einschlafen, als sie Stück um Stück erwachte. So fuhr er bis B. Und von Station zu Station wurde das Bild Eberles in ihm lebendiger, dieses Menschen, den er kaum gekannt hatte, der an seinen heutigen Ansprüchen gemessen völlig ohne Wert war und um dessentwillen er dennoch diese weite, reizlose Reise machte und an Maria dachte, als ob sich ein Sprung zwischen ihnen gezeigt hätte, der größer werden würde.
Gerade deswegen wollte er es eigentlich abschütteln. Maria war fein, gelehrt, voll Reminiscenzen, vielfältig, alle Vergangenheiten konnte man in ihr lieben. Marsilius wollte sich erinnern. Damals – gleich – als ihr Kopf in den Kissen lag, gelb vom verfärbten Zimmerlicht – wie aus einem fahl getönten Stein herausgeschnitten. Oder … Aber andre Bilder wuchsen darüber hin, erst wie Farbenflecke, die es wie wuchernder Rasen zudeckten, dann sich allmählich zusammenschlossen, bis da und dort einer der Züge Jakob Eberles sich gebildet hatte, von denen Marsilius nie geglaubt hätte, sich noch zu erinnern. Ein kleiner Kopf, zu klein fast für die lange magere Gestalt, – das war wohl eine bezeichnende Einzelheit. Dann etwas Merkwürdiges: – das Haar.
Stil: Das Verschwimmende, kaum Abgehobene eines solchen Lebens. Es kommt, hat stille unbeachtete Wirbel und geht – bei der Arbeiterretirade am Meer – wieder in die Unendlichkeit. Man könnte den Einfall von Eberles letztem Gang mit der Schilderung des sterilen Menschen verknüpfen. Eberle etwa als Opfer ihrer Witzchen (natürlich nur so nebenbei). Da ist einerseits der Mensch Eberle, der vielleicht etwas Dunkles am Grunde hat; ist das aber ein persönlicher Vorzug? So ähnlich ist die Frage. Es schützt nicht vor Lächerlichkeit, es gibt vielleicht einen Moment in seinem Leben, der wie ein Geigenton ist, den genießt aber ein anderer. Höchstens eine Abschiedfärbung, mit der er die Welt sieht, grenzt ihn für kurze Zeit ab; aber was vermag er damit? Es ist das Problem der Ökonomie, das Schöne ist nichts, wenn man es nicht zerteilen, einordnen, verfächern kann. Dann der Mensch A., der eigentlich Fragwürdige. Er könnte Maler sein, er könnte Dichter sein; warum ist er es nicht? Er darf es nicht sein, sagt er sich, er muß der Umfassende bleiben. In Amsterdam zu Hause wie in Rom, niemand ernst nehmend, alles vernichtend. Vorbild von Romanen, nicht Romane schreibend, in einem kleinen Erlebnis mehr als eine Generation von Dichtern, stets sich dessen bewußt. Poseur. Warum Poseur? Betrügt sich um alles. Und handelt doch scheinbar richtig. Wieder die Breite, die fehlt. Er wird kleinlich hinterhältig, weil sie ihm fehlt und weil er mit Gewalt sein Ziel spielen will. Könnte er es in Wirklichkeit überhaupt erreichen? Er ist kaum anzugreifen, so haarscharf geht er am Rechten vorbei. … Zum Schluß haben Marsilius und A. das Bedürfnis, für einige Zeit voneinander befreit zu sein. Und wie Marsilius zum ersten Mal das südliche Meer vor sich hat, atmet er weit auf, er fühlt wie er über A. hinauswächst, indem er zu sich selbst findet. Dasselbe fühlt aber A. unter dem feuchten, über die Ebene heraufkommenden Himmel Hollands. – Recht haben nur Sonne, Wind und Regen.
Gesichtspunkt
Das Problem Eberle-Marsilius usw. hängt zusammen mit der Schwierigkeit letzter Begründungen von Werten. Worüber ich mit All. anläßlich Kochalskis sprach. Dieser Mensch hat Erfolg, wird verwöhnt, behauptet jedenfalls beim Spiel intensive Empfindungen zu haben und in anderen zu erzeugen. Ich sagte, diese Empfindungen seien nichts wert. Warum? Weil zum Wertvoll-Emotionalen immer die Verflechtung mit Intellektuellem gehöre. Wie aber, wenn er sehr abgestufte, mannigfaltige Gefühle hat, sie hat, ohne darüber reden zu können? Es ist also auch hier die Frage, wieviel die Gefühle geistig stummer Menschen wert sind.
Grauauges nebligster Herbst
Grauauges nebligster Herbst: Nicht auf diese Sexualität stimmen, sondern auf empfindlich sein, etwas sentimental, kleine Negerin, ungebrochene Wellen der Einsamkeit, fremder Schläfer im Coupé, Blick über die Dächer auf das Oberhaus (wie in Rom) – Wobei man zum Schluß ja doch bei einer Durchschnittsfrau landet.
Grauauges nebligster Herbst
Einmal saß Grauauge mit Toronto allein im Kaffeehaus. Da sagte er: Ist es nicht schöner, alle besitzen zu können als eine wirklich zu besitzen? Oh nein, Grauauge, antwortete Toronto, was nutzt mir der beste Wein in einem fremden Keller? Er steht stundenlang am Fenster seines möblierten Zimmers; sieht auf die Straße und wartet auf die Dienstmädchen, die in ihren Leinwandkleidern … Er kauft sich Patiencekarten … Ins Theater kann er nicht gehn, Bücher nicht lesen. Das Leben ist einfach, wenn man es irgendwie verschnürt, unendlich schwer wie ein unverschnürter Packen Holz, aus dem immer ein anderes Scheit herausfällt, wenn man es ohne das trägt. Und das wollte er. Das ist nicht Langeweile. Er gerät unter Torontos Einfluß. Weil dessen Vorschlag, ins Kaffeehaus zu gehn, einmal das einzige Bestimmte war. Das Leben – oder etwas im Leben zu sein, ein Charakter, ist Routine. Früher hatte er viele Verhältnisse mit Frauen, jetzt ist er völlig unfähig, schüchtern. Er erzwingt es noch manchmal, aber es liegt die Kluft zwischen Gefühl und Tun. Aber er kann aus den Erfahrungen seiner Erinnerung anderen Ratschläge geben. Toronto wird darin seine Form, zu erleben. (Schätzt ihn usw. Sie gehen hin, kalt neblig, immer in der gleichen feuchten Kugel, die sie nur einander sehen ließ, während das nächstliegende schon verschwamm nebeneinander, (Das heißt, ein Mensch, der es besser machen könnte, wird steigernd gelähmt, durch das Zusehen, daß es ein anderer macht.) Je mehr er sieht, wie’s gemacht wird, desto unfähiger wird er, es zu tun. Schließlich sieht er: Es kann so nicht weitergehen, entschließt sich zu irgend etwas. So wie Art des Denkens in Art der Reaktion. Sie hat nur das Sexuelle von ihm. Gerade darauf legt sie keinen Wert (sie weiß aber auch nicht, worauf sonst) und es wird zum Inhalt ihrer Liebe, sich äußert: Liebe zu Toronto in Art der Eifersuchtsgefühle. – Etwas gleichmütig, vom Schiefen eigentlich überzeugt, daß so etwas schief gehen muß; Ende von vornherein überzeugt nicht leidenschaftlich. Sie saßen aktuell – roter Peluche – Wasserlachen auf Marmor – lauter Männer – Grauauge überfällt es, daß er ein Kridatar sei. Niko – Sexualität – Schutz in Betrachtung Torontos – frauenhaftes oder knabenhaftes Gefühl? Materien seiner Schenkel.
Ein Mensch, der vielleicht ein Genie ist, bildet sich ein, es nicht zu sein, und wird dadurch vollkommen unmoralisch (moralisch haltlos). Das heißt, er weiß bis zu einem gewissen Grade, daß er es sich vielleicht nur einbildet – aber er gerät so hinein wie in Perverses, es ist eine Episode. Statt Verzweiflung also Lockung.
Krida: Es war ihm kein Freund geblieben, kein Werk, kein Erfolg. Auf eine komplizierte Weise versuchen, einfach zu sein, auf eine intellektuelle – weil er nicht anders kann – dumm. In jedem intellektuellen Menschen steckt Dummheit, man muß sie nur durch verkehrte Ansprüche in ihm auslösen. So kommt er zum Bleiben in der Pension. … In einer Zeit, die das Intellektuelle mißachtet … Ahndung … Gefühl …
Sexualität ist so eine Stelle in jedem bedeutenden Menschen. Es ist nicht Zufall, daß sich der Prozeß sofort vollzieht. Grauauge bemerkte ängstlich, daß Toronto von seiner Sinnlichkeit, dem letzten, was ihm geblieben war, Besitz ergriff. Es demoralisierte ihn, daß Toronto oft für ihn zahlte. Sonderbar die Gespräche. Die Witze. Grauauge kann nicht reagieren. Jetzt von Toronto ausgehen und sagen, wovon es ausgeht, und dann die Episode sich ausbreiten lassen. Grauauge erkennt: Die Frau … Er empfindet sie mit Sinnlichkeit, ihre Wohnung – vielleicht schon: ihre Liebe zu Toronto. Aber er fühlt, daß er keinen Kontakt mit ihr gewinnt. Der Empfang schüchtert ihn noch nachträglich ein. Später: Er bekommt von Toronto den Auftrag, sie zu unterhalten. Toronto: Sie sollten bei ihr wohnen. Er sagt es. Toronto freut sich nicht, fühlt, daß sie nun bös auf ihn ist und wird ganz passiv. Einmal sagte Toronto:
Später: Fortsetzung von ich bin zu jung
Später: töten – aber es wird im Gespräch scheiden daraus. Es hilft nichts, Sie müssen es ihr sagen. Das war an jenem Abend, wo dann die Sinnlichkeit kommt. Dieses: Sie sollten bei ihr wohnen, schon als einen Höhepunkt, als letzten Stoß, den Grauauges eigener Entschluß bekommt. Unmittelbar danach: Sagt es, Grauauge wird abgewiesen und vorher schon beginnendes Auftauchen Grauauges aus der Benommenheit. Entschluß zu so etwas? Er ist Toronto wieder ganz überlegen, doch bloß so weit, daß er äußerlich seine Führung braucht. Er befriedigt sich so, aber noch masturbationsartig. Von dem Moment ab, wo er merkt, daß es nicht klappt.
Die im Nebel, für … angeleuchtet wie hinter den Wänden eines Aquariums im Nebel vorbeiglitten.
Den Anblick einer fremden, uneinsichtigen Ordnung und Respekt, den man ihr (der fingiert wider besseres Wissen strahlt in ihnen, auf Glauben sein kann), der Boden unter seinen Füßen, dieser schmutzige, abgeschabte, bespuckte Boden begann langsam in Strahlen zu schwimmen, wenn Grauauge ihn anblickte. Dann verlor Grauauge regelmäßig, weil er statt auf das Spiel zu achten jeden Ausdruck in dem Gesicht und dem Körper Torontos studierte. Genie von außen. T hilft ihm – Hingebung – Freundschaft, wie wenn einen auf einmal eine feste Hand faßt.
Es ist gleichgültig, stellte er fest, ob ich diese Annahme wirklich glaube oder bloß fingiere, denn obgleich er sich wider besseres Wissen gleichsam nur in sie hinauf kam, strahlte sie doch, und von diesem Glück.
Um zwei Uhr wurde gegessen. Zehn Minuten vor halb drei erschien gewöhnlich Herr Eugenio Torento. Signora Quengha aus Mexiko pflegte dann bereits den ersten Gang mit dem Zahnstocher wieder aus dem Mund zu entfernen. Eh Eugenio, Ciao! Herr Tripodo aus Bologna schrie das jeden Mittag über den Tisch und Herr Nikokakopulo aus Athen vergaß nie hinzuzufügen: Gut geschlafen? Dabei leuchteten seine Lippen zweideutig auf und seine Hand tastete nach irgend etwas in den Taschen seiner weiten Pantalons. Frau Schirmer, die Besitzerin der Pension, machte ein nachsichtig liebenswürdiges Gesicht. Eugenio Torentos Augen aber strahlten, seine Stirn war glatt unter den gescheitelten, trocken üppigen Haaren und seine Lippen lächelten. Seine Lenden waren schmal, seine Brust wohlgewölbt und stets mit einer entzückenden Weste bekleidet; seine langen, mageren Finger brachen mit jugendlicher Federkraft, engesten Bewegungen das Brot. Es schien etwas Lichtes von ihnen auszugehen. Fräulein Landauer, die Vorsitzende des Säuglingsheimsvereins, sagte einmal von ihnen: Ist es nicht, als ob Flügel daran wären? Wie Mercur, jener behende Gott. Dies war das einzigemal, daß Walther Grauauge, der neben ihr und Torento gegenüber saß, widersprach und darauf aufmerksam machte, daß diese Person die Flügel an den Füßen zu tragen pflegte, Fräulein Landauer sah ihn aber ob dieser unpassenden Genauigkeit erstaunt an und antwortete nichts mehr. Auch Herr Grauauge sank wieder in sich zusammen und betrachtete intensiv den jungen Gott, wie rasch er die Suppe in sich hineinlöffelte und sozusagen mit dem Munde galloppierend die Übrigen einholte. Walter Grauauges Ansehen stand nicht gut in der Pension. Manchmal saß er mit ganz ernstem Gesicht, wenn alle anderen über einen Witz lachten. Und manchmal lächelte er, wenn er selbst irgend etwas sagte und kein Mensch verstand, was er da Lustiges oder irgendwie besonders Gutes daran gab. Häufig lächelte er aber nur aus Liebenswürdigkeit, und das hielten diese Menschen – obwohl sie in der Mehrzahl keine Deutschen, sondern nur dumm waren – für ein Zeichen von Schwäche. Daher kam es wohl auch, daß sie ihn für furchtsam hielten. Frau Schirmer ließ nie bei ihm zu servieren anfangen, zu seiner Rechten saß eine alte, fast taube Baronin und Fräulein Landauer saß nur links von ihm, weil sie erklärt hatte, daß sie doch am liebsten mit Männern nichts zu tun habe. Bloß Eugenio Torento gefiel es, Walter Grauauge ein gewisses wohlwollendes Interesse zu bezeugen. Torento sagte: „Dieser Grauauge – er ist ja nicht sehr geweckt, aber ich glaube, er hat etwas Zuverlässiges.“ Und: „Grauauge, seien Sie beweglicher.“ Und: „Grauauge, ich glaube gar, Sie sind ein Philosoph.“ Und: „Grauauge, haben Sie schon je eine Frau geliebt? Wie ist das? Kommen Sie.“ Grauauge sucht sich dann vorzustellen …
Es war schon weit im Herbst, als Grauauge die Gesellschaft Eugenio Torentos zu suchen begann. Er wußte nicht, warum. Es regnete viel. Auf dem glänzenden Asphalt schwammen gelbe Blätter. Die Tage glitten neblig dahin, und schon gegen fünf Uhr begannen sie leise zu zerrinnen. Um sechs Uhr zitterten die Lichter der Laternen feucht in langen Reihen. Frauen gingen mit gehobenen Röcken. Tauchten unmittelbar vor den Augen auf – daß man die Dunstkugel ihres Atems schnitt. Verschwanden im Ungefähren. Es war der erste Herbst, wo Grauauge nicht arbeitete. Er überwältigte ihn, traf ihn wehrlos
Grauauges nebligster Herbst
und er konnte glauben, daß seine sonstige Zurücksetzung hinter Toronto auch diesen Sinn hatte. Einleitung bis …: etwas wie Traum schlug in ihm auf, Abersinn Schläfrigkeit, während er reglos spürte, wie unfreundlich man ihn betrachtet Bloß Toronto erwies ihm … Wenn er ihn verspottet, denkt Grauauge darüber nach, welches seine Geliebte sein mag und empfindet statt seiner Niederlage jedesmal wie einen schlüpfrig kriechenden Reiz, den Triumph, den die in ihr erregen muß.
Es war schon weit im Herbst, als … er quälte ihn. Grauauge erkannte erst jetzt (dadurch) welche … Zuges. Jetzt aber war er geistig ein Kridatar, ein Abgeworfener. Und seit der jahrelange Glaube an seine Sendung fort war, wuchsen die einfachsten Überlegungen zu … stockte lange nach. Das Leben war voll moralischer Schwierigkeiten und dabei sinnlos. Seit er keine Theorie mehr von sich besaß, war er bloß seinen Trieben überlassen und fühlte verzweifelnd, daß er ohne Theorie von sich, (das heißt ohne Abkürzung, Illusion, ohne ein Vorurteil, wie er sein zu müssen glaubte) auch keine ausgeprägten Triebe besaß. (Eventuell: Seit das Lebende … verkümmert. Nur eine unbestimmte sinnliche Sehnsucht nach einer Geliebten, die es ihm hätte erleichtern können, war oft in ihm, aber auch sie, obgleich sie ihn so körperlich schmerzte, wie er es vorher nie gekannt hatte, glich mehr einer Unbeschränktheit oder der Unordnung und Weite dieses feuchten langen Herbstes. Wie Kammern verhangene, nie voll erwachende Tage. Einmal hatte bei Tisch Nikokakopulo einen zu derben Scherz über Grauauge gemacht. „Sie sehen Fräulein Landauer manchmal so verliebt von der Seite an.“ Unmittelbar vor Torontos Erzählung sagte er, „wenn sie es aber übelnähme, könnte sie sie mit einer Wade erdrücken.“ – „Warum lassen Sie sich das bieten?“ fragte Toronto, als sie nachher zufällig allein zurückgeblieben waren. Grauauge antwortete zuerst nicht. Dann sagte er: „Weil ich solche Überlegenheit bewundre; als ob bloßes Fleisch sich aufrecht halten könnte!“ Er sagte das ganz ohne Spott. Es war, vom Regen, der in blinkenden Strähnen vor den Fenstern niederging ein unbestimmter, silberner Schimmer im Zimmer. Toronto wußte nicht, verstellte sich dieser Mensch? Seither gingen sie manchmal zusammen mittags weg oder trafen einander, wenn es dämmerte, in einem Kaffeehaus. Sie saßen hinter den hohen, unverhangenen Scheiben und paßten gelangweilt auf die Frauen, die im Nebel für einen Augenblick angeleuchtet, an dem Glas wie hinter den Wänden eines Aquariums vorbeiglitten; sie wußten nicht, was sie miteinander reden sollten. Toronto war 22 Jahre alt und nahm alle … für sich. Es war, obgleich es sich nur um Gedanken handelte, wie wenn Grauauge immer zu spät käme. Er liebte aber das zu fühlen, der Gedanke, daß die unaufhaltsame Männlichkeit dieses jungen Menschen ihn vom Leben abschnitt. Er sah dann weg, nahm eine Zeitung, sah im Kaffeehaus umher; die Unbekannten draußen mochten gewiß besser zu Toronto passen. Ihm (aber) schien (manchmal) für Augenblicke, als ob alles wieder wie früher sei. Die Leute schrumpften in dem glühenden künstlichen Licht zu fremden, von seiner Abneigung wie gefleckten Wesen ein. Er hatte keine Lust an ihren Vergnügungen, kein Interesse mit ihnen gemeinsam, jedes Geschick zu Geltung unter ihnen ging ihm ab, er erregte keine Sympathien und empfand keine. Ihm, der wieder die Schere war, die hindurchgehen mußte, fehlten die kleinen Häkchen, mit denen sonst die Natur die Menschen untereinander zu einem Gewebe verfilzt. Er fühlte geheimnisvoll, daß ihn nichts diesen Leuten Wesentliches hinderte zu stehlen, zu lügen oder sich dafür verachten zu lassen und seine jahrealte Willenskraft glühte in ihm seinen Menschen mit vollständig anderen Gefühlsvoraussetzungen zu begründen, unwiderlegbar zu machen, zu beweisen. Er sagte manchmal zu Toronto ein paar unbestimmte Worte wie aus einer Vorrede, bloß um sie wieder zu hören. Einmal sagte er unvermittelt: „Als Ingenieur lernen Sie ja auch exakte Wissenschaften; sind Sie nicht wundervoll?“ Und ein andermal sagte er: „Wo das Wissen aufhört, fängt heute die Oper an. Was man nicht mit Zahlen oder bombenfesten Begriffen behandeln kann, läßt man in einer Wolke von Ahnung, ungenauen Tröstungen, Seelenkuckucksheimen gemeiner Gefühle.“ … Als ob es so sein müßte? Toronto sah ihn dann fragend und verständnislos an, ernst in seinen Stuhl gelehnt und eine kleine alltägliche Ärgerfalte (weil Grauauge so redete) saß zwischen seinen Augen. Der wegfegende Haß der schöpferischen Ungeduld faßte Grauauge. Dann fiel ihm mit einemmal ein: es fehlt dir ja irgend etwas. Er suchte sich zu erinnern. Was wäre es nur? Irgendeine Kleinigkeit, die er nie mehr einbringen konnte, weil sie eigentlich nur in einem zufälligen, persönlichen Zusammenhang mit seiner Aufgabe stand, Kraft zu lesen, Gedächtnistreue, Zuversicht. In Wirklichkeit fehlt ihm nichts als die Fähigkeit zur Charlatanerie. Irgend etwas jener seelischen Zusammensetzung, die außer der Gewalt der Ideen zu einem großen Umsturz nötig ist – und die Gewißheit kam langsam wieder: Du kannst es nicht. Diese Zeit wird gehen, über dich hinweggehen, es ist richtig, und andere werden es tun. Ohne dich. Und er brach zusammen. Dann starrte er bestürzt mit einemmal Toronto an. Ihre Augen liefen wieder eine Weile miteinander hinter den Frauen her. Eine unabsehbare Öde und Zwecklosigkeit lag vor Ihm. Und plötzlich brach er zusammen; ein fast kindliches Handfaßgefühl beschlich ihn. Er hätte diesem jungen Menschen, der aus einer kleinen italienischen Provinzstadt stammte und im Leben so sicher und heimisch war, in die Tasche schlüpfen und sich mittragen lassen mögen. Strahlend betäubte er ihn mit selbstverständlichen Gefühlen und reizte ihn mit einer gemeinen Halbtrunkenheit wie die nervöse Trauer eines Begräbnisses, die sinnlose Lustigkeit eines Tanzes, das Blechgeklingel einer heiligen Handlung in der Lächerlichkeit einer Landkirche. Er empfand Freundschaft für ihn; dieser Mensch lebte an seiner Stelle; er brauchte ihm nur zuzusehn, nur bei ihm zu sein; und einen leisen schaudernden Haß. Abneigung (als sei er ihm schon zu nahe gekommen) wie vor frischem rohem Fleisch. Wo die Gefühle gewöhnlicher zusammenströmen.
Nikotakopulo: Es ist ein Hineingeraten, eine Episode; etwas neblig und schattend Vorübergehendes.
… warten konnte. Er war ein geistiger Kridatar, ein Schiffbrüchiger. Er hatte kein Vertrauen mehr zu sich. … arbeitet. Eine Geliebte, natürlich eine Geliebte?! Aber Grauauge wußte, daß das eine Ergänzungsvorstellung zu solchen Regentagen war, aber nicht umgekehrt. Nach einem gewissen Alter ist Geliebte eine Realität, der man sich fügen gelernt hat. Er überdachte die Frauen in der Pension. Da war eine Sängerin mit der Bauchatmung usw. Man müßte Toronto sein. Dieses Eklige reizt ihn wohl, aber ohne System ist man ein Esser ohne Verdauung. Er hatte Einfälle, aber er sagte sich: Wozu, sie haben keinen Sinn. Einfälle müssen eine moralische Berechtigung haben, zu einem System zusammenpassen, und nur in einem solchen System ist man als Mensch möglich. Den einzelnen Einfall können hunderte haben. Er aber war ein geistiger Kridatar, ein Mensch, dem sein System zusammengebrochen war. Es war ihm kein … geblieben. Der Geruch und Lärm auf der Straße zog ihn verschwimmend an wie Löschpapier einen Tropfen. In der Stille bis zur Taubheit gegeneinander brüllender verschwand er, einer furchtbar festen Masse auf ihn, dem kein Freund war, geheimnisvoll und unwahrscheinlich. Die Interferenz der Kräfte. Vor den einzelnen, plötzlichen, vielen kleinen Menschen, Wagen, einem zurückgeworfenen Pfeiler aber erschrak er. Sie hatten einfach einen Einfluß auf ihn. Vielleicht schon deshalb, weil er jedesmal vor ihm erschrak, liebte er Toronto; er liebte ihn, seine Gesellschaft, das wurde ihm bald klar. Seine Lebenskraft unterdrückte die seine. Das was ihm von sich blieb, dieses Bißchen, dem kein … geblieben war. Zufällige, unmotivierbar das nicht gleich wegtreiben konnte, fühlte er klein und schmal und von dessen kräftigen Schultern im Gedränge gesichert neben Toronto gehen, wie in einem Hafen. Die Anfechtungen Grauauges waren geblieben, die kräftige Verdauung, die Geschlechtlichkeit. Er mußte sie befriedigen, so unverantwortbar ihm das auch erschien. Er schämte sich, sie zu befriedigen, denn an seinem kleinen Innenkörper hingen sie in den natürlichen Dimensionen des Mannes. Vielleicht liebte er Toronto mehr noch deshalb, weil solch eine gewöhnliche schöne Männlichkeit von ihm ausstrahlte. Er spürte es, wenn er mit ihm durch die Spiegelscheibe des Kaffehauses nach den Frauen sah, und er spürte es in der Pension. Er stand am Fenster. Er kaufte Karten (Diese Beschäftigung mit sich demoralisierte ihn, er trat ganz benommen auf die Straße und fand keine Haltung, ohne das Bewußtsein eines Wertes zu haben.) Er stand wieder am Fenster. Da kam einmal Toronto. Er fühlte sich ertappt. Toronto mustert das Zimmer. Was für eine schöne Cigarettenspitze Sie haben. Es ergriff ihn, daß Toronto gerade auf diese Spur einstiger Männlichkeit zu sprechen kam. Er hat auch Nikokakopulo hieher bestellt. Sie spielen. Grauauge imponiert, wie Toronto aufhört. Es geschieht aus Melancholie. Er geht nicht fort, sondern bleibt allein und erzählt Grauauge. Es ist nach Tisch. Sie gehen dann zu Frau M. Gespräche mit Frau M. über Gewissen, Erotik und dergleichen. Schüchternheit, Liebesquadrill und dergleichen hiehernehmen. Sie kennen doch Rom; ist die Villa Borge, Bor ..“ „Borghese?“ „Ja, ist sie wirklich so schön?“ „O ja, sie ist schön; vieles andere aber auch, allerorten, verblüfft sie nie die Vorstellung, daß sie hier in vier Zimmern und ein paar Straßen wohnen?“ (Banal, banal, war ein Echo in Grauauge). Mir ist nie die Idee gekommen zu reisen. Es ist auch schwer für eine alleinstehende Frau.“ „Ihr Herr Gemahl reiste nie?“ „Nur wegen seiner Geschäfte. Ach und überhaupt …“ Er glaubt, wenn er nur lieb und stürmisch zu mir ist, ist alles gut. Ich will das aber gar nicht so sehr … Ist es nicht schön? Ja, aber ich will nicht nur …
Lassen Sie sich scheiden, heiraten Sie ihn! Heiraten? Aber was denken Sie, er ist so jung. Und wenn Sie ihn nicht einmal heiraten möchten, was wollen Sie von diesem Verhältnis? Wollen? Ich will nichts. Ich weiß gar nicht wie alles kommt. – Dann denken Sie doch, daß das Sünde ist, Unmoral. Wie machen Sie das mit sich aus? Es ist nicht unmoralisch, wenn eine Frau, die sonst nichts vom Leben gehabt hat, ihn liebt! Aber daß Sie nichts wollen, ist unmoralisch! „Sagen Sie, es ist einfach körperliche Unmöglichkeit …?“ – „Ja es ist eine Unmöglichkeit,“ seufzte Toronto. „Es ist wie eine Krankheit, ich kann nichts, kann nichts empfinden. Wo bleiben die Ideale?! Wo? Wo? Mir graut vor mir.“ Eugenio tat in diesem Augenblick Grauauge leid. „Warum fragen Sie nicht: Woher kamen die Ideale? Eugenio, vor ein paar Jahren sind sie noch auf der Schulbank gesessen. Haben Dante respektiert und sind abends ins Kino gegangen. Sie hatten eine herrlich abenteuerliche Vorstellung von der Liebe, die sich aus dem Rattern von Eisenbahnen und Maschinen, wirbelnden Vermögensgewinnen, dem Flirren exotischen Films und einer allgemeinen Sehnsucht zusammengesetzt war. Also woher soll was kommen? Das wiegt. Das riecht nach einer Haut, die große Fleischmassen umspannt. Das trägt Knöpfelschuhe, aus denen die Beine wie zwei Comisse hervorsprießen … Grauauge zitterte bei diesen Bildern, deren Sinnlichkeit er in Toronto wirken beginnen fühlte, er empfand sie nur durch ihn … „Wenn Sie sie haben wollen.“ Zum Schluß wirft er sich vor der Frau hin und will ihr den Nachttopf unterschieben oder dergeichen. „Können Sie Ihren Popo kaum mit dem Arm umspannen.“ Das ist eine Tatsache, Eugenio; die Frau ist eine Tatsache und was wir mit ihr erleben, sind kategorial andere Gefühle als die Ideale, die wir uns von ihr machen.“ „Was ist kategorial?“ fragte Toronto. „Ach,“ sagte Grauauge „es hängt mit dem Menschen zusammen, der ich früher war; es ist Unsinn.“
Grauauges nebligster Herbst
Herbstnebel
Ihr Gespräch war grau wie kalter Milchkaffee. Letztes Gespräch: Sie versteht Grauauge nicht, er ist ihr verdächtig mit dem, was er von sich sagt – sie ist hilflos zwischen den zwei Männern. Grauauge fühlt das alles.
Ich schäme mich, daß er immer nur …
Aber was wollen Sie sonst?
Ich weiß nicht. Glücklich sein.