Kitabı oku: «Robert Musil: Gesammelte Werke», sayfa 45
Warum sind Sie ihm nicht auch untreu?
Ich? Ach, was denken Sie. Ich will mit solchen Sachen gar nichts zu tun haben.
Relation zu Torontos Eltern: Beschämung, ein gewisser Stolz, ihm trotzdem gut zu tun, ihm zum Arbeiten zu verhalten und dergleichen. – Ihr Kind – man müßte eigentliche viele Kinder haben –
Herbst. Er steht am Fenster. Warum lassen Sie sich das bieten? fragte T. plötzlich, als sie nachher allein waren. Einen Charakter haben ist Routine bzw. es gehört Routine dazu. Sie sollten Gesellschaft suchen, meinte er. Seither gingen sie manchmal mitsammen … Sie müssen jemanden kennen lernen. Er hatte sich manchmal gewünscht: eine Tarnkappe, eine Verwandlungskunst; jetzt ist der Zusammenbruch so. Er spürt im Kaffeehaus (und in der Pension) etwas ausgehen von Toronto, er kriecht dem nach. Er fühlt, daß Torontos Betrachtung ihn sexuell schwächt. Torontos allgemein anerkannte Sexualität. Das Monströse mindert. Er sehnt sich nach einer Frau – kann nicht – da kommt Toronto. Am ersten Abend ist er ganz selig. – Als Toronto nicht kann, ist er bös. Das Hingehn ist ein Versuch, Toronto zu zwingen, durch ihn … gemeinsam …
Es war böser Zufall. Er träumte manchmal von 24 Augen, die ihn ganz nahe anstarren. Wenn er aber eines, das klebrig über ihn zu kriechen begann, wegdrücken wollte, konnte er die Hand nicht rühren. Am Mittag wiederholte es sich, nur schien die Unfähigkeit, sich zu bewegen im Gehirn zu sein. Bald aber erschrak er heftig, denn Frau Landauer sagte laut über den Tisch hinüber … glaubte … zu fallen und er wußte nicht, was er darauf entgegnen solle. Und Mittags fiel er manchmal wieder wie im Schlaf, das Sinnlose wiederholte sich an ihm und er spürte im Gesicht, wie man ihn böswillig betastete. In der S. Pension wurde pünktlich um zwei Uhr gegessen. Aber Herr Eugenio Toronto erschien selten früher als …
Mittags aber schien sich das bloß zu wiederholen. Er fühlte sich sinnlos betastet, und die Unfähigkeit, sich zu bewegen, spürte er im Innersten statt in den Händen. Darum ging er nicht weg, obgleich er nur ein anderes Haus hätte zu suchen brauchen. Punkt zwei Uhr wurde gegessen. Zehn Minuten vor halb drei, selten früher, erschien Herr Eugenio Toronto und niemand nahm es ihm übel. Signora Quengha aus Mexiko pflegte bereits dann den ersten Gang mit dem Zahnstocher aus ihrem Mund wieder zu entfernen. Eh eh, Eugenio, ciao! schrie Herr Tripodo aus Turin jeden Mittag über den ganzen Tisch herüber, und Herr Nikokakopulo aus Athen vergaß nie hinzuzufügen: Gut geschlafen, heute? Wobei seine Lippen zweideutig gefettet sich spalteten und seine Hand stets nach irgendetwas in den Taschen seiner weiten Pantalons suchte. Frau Schirmer (die Besitzerin der Pension) machte ein nachsichtiges Duldergesicht. Eugenio Torontos Augen aber lächelten, seine Stirn war glatt, unter den gescheitelten, trocken üppigen Haaren, und seine Lippen strahlten. Er hatte eine Ausnahmestellung. Seine Lenden waren mager, alle bewunderten seine Brust, die wohlgewölbt und stets mit einer zart entzückenden Weste bekleidet, und seine langen, schmalen Finger brachen das Brot mit jugendlicher Federkraft. Es ging etwas Angreifendes von ihm aus, geheim, niemandem bewußt, in ihren Spitzen lag etwas wie das Schwirren einer Maultrommel. Fräulein Landauer, die Vorsitzende des Säuglingsheimsvereins sagte einmal von ihnen: „Als ob Flügel daran wären! Mittags aber faßte ihn zuweilen ein plötzliches Abströmen seiner Gedanken, er glaubte, die Situation wieder zu erkennen, als fiele er …
Dies war das einzigemal, daß Walther Grauauge, der neben ihr saß, ihr widersprach. Er sagte leise: „Im Gegenteil, man spürt ein standhaftes Wohlgefühl in den Füßen, wenn man ihn ansieht; man fühlt, daß man dort eine Seele hat, die zufrieden mit andren laufen kann, wie in einem Rudel Hunde … Seine Nachbarin sah ihn erstaunt an, sie wußte nicht recht, sah dann nach der andern Seite und schwieg. Auch Herr Grauauge schwieg, er sank wieder in sich zusammen und betrachtete aufmerksam den jünglinghaften Gott, der eilig die Suppe in sich hineinlöffelte und die Übrigen – wie Grauauge feststellte – sozusagen mit dem Munde galoppierend einholte.
Hören Sie, Herr Grauauge, Sie sind Doktor? – Warum sagen Sie das nicht? – in den Füßen eine zweite Seele. Walther Grauauges Ansehen stand nicht gut in der Pension. Er wohnte außerhalb und kam nur zum Speisen. Manchmal saß er mit ganz ernstem Gesicht, wenn alle andern über einen Witz lachten. Und manchmal lächelte er, wenn er selbst irgend etwas gesagt hatte, und kein Mensch verstand, was Witziges daran sein sollte. Meistens lächelte er aber nur aus Liebenswürdigkeit und oft viel zu spät, was diese Menschen für ein Zeichen von Dummheit hielten. Er wußte genau, daß es ihm mißlang, in diesem subalternem Kreis auch nur jenes Mindestmaß von Achtung zu gewinnen, dessen Fehlen jedesmal eine fahrlässige Beleidigung ist. Frau Schirmer ließ nie die Mädchen bei ihm zu servieren beginnen und richtete nie ihr Wort an ihn, wenn ihn aber einer der andern ansprach, sahen ihn alle rücksichtslos an, als warteten sie auf etwas Komisches. Es war böser Zufall. Seine Manieren waren höflich und sein Auftreten zwar bescheiden aber in nichts lächerlich, er hätte nur anderswohin gehen brauchen, in irgendetwas geistiger Gesellschaft, und er wäre geschätzt worden, aber hier täglich an dieser glatten Mauer abzugleiten, bildete für ihn eine eigenartige Leidenschaft. Er wußte, daß es im Grunde doch Unsicherheit war. Er war unvermögend, zwischen diesen Leuten hochzukommen. Weil er jederzeit hätte weggehen können, war es, wie wenn er sich freiwillig hinlegte, um sie auf sich herumtreten zu lassen, aber immerhin sobald er sich einmal unter sie gelegt hatte, vermochte er nicht sich aufzurichten. Nur Toronto erwies ihm ein von anfang an wohlwollendes lustiges Interesse. Er sagte: „Dieser Grauauge ist ja nicht sehr geweckt, aber er hat etwas Zuverlässiges.“ Und vor ihm sagte er: „Grauauge, seien Sie lebendiger!“ Oder: „Was haben Sie nur in ihrer Mappe, die Sie immer ans Fenster legen; ich glaube gar Sie sind ein heimlicher Philosoph.“ Und: „Grauauge, haben Sie schon je eine Frau geliebt? Wie ist das für Sie? Kommen Sie doch einmal mit mir, wir wollen bummeln.“ Grauauge aber, hielt an sich, zwang sich mit Willen in diesen Ton, errötete über das Ungeschick mußte deshalb darüber nachdenken, welche von diesen Frauen wohl Torontos Geliebte sein mochte und wie reizvoll fürchterlich zwei solche Erdenbürger aussehen mußten, wenn sie mit ihrer Liebe allein waren; wie gut sich Toronto in ihren Augen jetzt neben ihm machen mußte. Es war schon weit im Herbst, als Grauauge die Gesellschaft Torontos zu suchen begann. Er wußte nicht warum. Es regnete viel. Auf dem glänzenden Asphalt schwammen gelbe Blätter. Die Tage glitten neblig dahin und schon gegen fünf Uhr begannen sie leise zu zerrinnen. Um sechs Uhr zitterten die Lichter der Laternen feucht in langen Reihen. Frauen gingen mit höher gehobenen Röcken als sonst. Sie tauchten unmittelbar vor den Augen auf, so daß man erschrocken in die Kugel ihrer Ausdünstung geriet, und schon verflossen sie wieder in den allgemeinen Geruch von feuchter Luft und unbekannten nassen Kleidern. Es war der erste Herbst, wo Grauauge nicht arbeitete; qualvoller an Versuchungen, als er es sich vorgestellt hatte. Trotzdem er sich unauffällig und keinesfalls lächerlich benahm, und empfand ihre Bewunderung für Toronto, als ob er selbst daran einen Anteil hätte
Sagen Sie, … wo? wo? Toronto hatte Grauauge gebeten gehabt, öfter … nicht imstande sich selbst vorzustellen – Eifersucht auf Toronto und gerät unter seine Sinnlichkeit – Er macht Vorwürfe: Sie sind leichtsinnig, die arme Frau usw. – wundert sich über die Ausgesprochenheit seiner Reaktion und ist beruhigt zu fühlen, daß ihr Grund eigentlich in seiner sexuellen Enttäuschung liegt. – Gespräch weiter bis kategorial. – Hingehn, Toronto begleitet ihn, Haß, Mord wechselnd mit Güte, Zurückführen Zwingen: durch ihn … gemeinsam. Von Mord kommt jetzt seine Einstellung auf Selbstmord. Es ist auf einmal wieder da, als er sagt: Heiraten Sie ihn. Er stutzt moralisch. Er hat auf einmal wieder das dichterische Gefühl von Leben. Eine Stimmung umfängt ihn und Frau M. Es ist unmoralisch, es kann so nicht weitergehn. Denken Sie an Ihre Eltern, an Ihr Kind. Wie weit ist es mit Ihnen gekommen. Vielleicht meinte er: mit mir gekommen. Sie sieht, mit dem Rücken zu ihm, durchs Fenster. Er redet auf sie ein. Daß er Moral predigt, ist ihm überhaupt angenehm; er sieht darin das Zufällige seines Tuns, seine absolute Polymorphie. – Als er zu Frau M. kam, fragte sie ihn: Sie kennen doch Rom? – Oh ja sie ist schön; möchten Sie hinreisen? – Es ist so schwer für eine alleinstehende Frau, mir ist auch nie früher die Idee gekommen, zu reisen. Er fragt sich: ernstlich was soll ich jetzt raten?
Er spürt ernstlich, ich muß mich zusammennehmen. Selbstmord? Gefühl von Sich-und-sein-Leben-Zurückstellen. Tiergarten – Büffel – kleine böse Trinkeraugen – er sieht zu – ihm ist, als könnte er sich hineinversetzen, nur ein irgend fehlt. – So ist es bei Frau M. – er sieht ihr und Toronto zu. Er ist eifersüchtig auf Toronto und liebt doch dessen Verhältnis zu Frau M. Lieben Sie sie! Sie müssen! – Was geht das Sie an?! Grauauge fragt Toronto nach seinen Sexualitäten aus. Er holt obszöne Bilder hervor. (Um ihn anzueifern) (Käme nach Comissen)
Er bringt sie zur Verzweiflung, sie weint wirft sich neben einem Fauteuil auf die Knie – birgt das Gesicht in die Hände –. Wenn sie sich jetzt tötete, könnte ich mit ihr machen, was sie will. – Das Alleinsein mit dieser Frau in der Wohnung befällt ihn (zugleich immer ein: wozu dient es! zu nichts. Sein moralischer Vorwurf.)
Grauauge ging nachhause. Seltsam war es, wenn Grauauge unter solchem Eindruck nachhause ging. Er hatte die Beklemmung eines lasterhaften Erlebnisses. Und plötzlich begann er zu lächeln. Daß es ihm, auch nachdem er sich geistig aufgegeben hatte, nicht anders gelingen wollte, als auf eine so zusammengesetzte Weise einfach zu sein, belustigte ihn. Er gehörte nicht hierhin und nicht dorthin. Nichts nahm ihn auf und nichts blieb zurück; kein Werk, kein Freund, kein Erfolg. Und allmählich wich das einem seltsamen Gefühl; es war nichts von ihm geblieben, der Geruch und Lärm in der Luft sog ihn an wie weiches Fließpapier einen Tropfen, in der Stille der gegeneinanderbrüllenden Kräfte der Straße fühlte er sich geheimnisvoll verschwinden. (Der intellektuelle Mensch!) Aber dann schrak er mit einemmal vor irgend einem ihn kreuzenden Menschen, vor einem Wagen oder Pfeiler auf, zurückgerufen und von der Befürchtung, belastet, für sich einstehn zu müssen und für sein Inneres sich nach außen verantworten zu können, daß man vor seinem Körper, der hier als Mann ging, irgend etwas wie Mut, Ehre oder eine ähnliche Selbstverständlichkeit verlangen könnte.
Er bemerkte, daß … Überhaupt begann ihm manchmal sein Körper als etwas Unberechenbares, Feindseliges zu erscheinen und er fing an, davor Angst zu bekommen. Die Bedürfnisse waren geblieben, die kräftige Verdauung, die Eßlust, die Geschlechtlichkeit, an seinem von innen klein gewordenen Körper hingen sie in den natürlichen Dimensionen des Mannes. Wenn er sie befriedigen mußte, schämte er sich wie für eine Handlung, die er eigentlich nicht verantworten konnte. Und er litt unter der Vorstellung, das gar nicht verheimlichen zu können. Er glaubte zu fühlen, daß alle die Frauen es wußten, mit denen er täglich zusammen kam; sie verfolgten ihn deswegen. Ihn aber zog es zu ihnen wie ein kleines Hündchen zu großen weiblichen Hunden; das Wetter mit seinen kurzen wie Kammern verhangenen Tagen war von einer ungeheuren Sinnlichkeit, die seiner seelischen Lage keine Befriedigung gestattete das einzige Vergnügen, das er sich gestattete, war, mit dem Gedanken zu spielen, daß alle diese Frauen Toronto liebten. So unbestimmt blieb es lange. Grauauge wußte sich nicht zu helfen; seit das Lebendige aus ihnen herausgestorben war, waren seine Eigenschaften sinnlos und löchrig schlecht aneinander gewachsen zurückgeblieben. Da nahm ihn einmal Toronto vor Tisch auf die Seite. Er sah melancholisch aus, zuckte ärgerlich mit den Schultern und sagte: „Wissen Sie, dieser Nikotakopulo ist ein schmieriger Mensch, so alt u. immer solche Geschichten! Und Tripodo … kalten Angst vor den Weibern.“ … Sie ist ein erhabenes und edles Geschöpf, sagte Toronto endlich, „und ich bin ihrer nicht würdig. Grauauge fühlte … anvertrauen kann.“ Wie ein zäher Pflanzensaft wand sich die Erwartung von Torontos Liebesschicksal bis in Grauauges Arme. Er konnte kaum den letzten Rest von Haltung bewahren. Bei Tisch sprach ihn Frau Landauer zweimal an, ohne daß er es hörte; er erwachte erst, als alle über ihn lachten. Ihn befiel plötzlich wieder seine Angst vor dieser Frau. Das niedere Speisezimmer war von Braten- und Gemüsedunst erfüllt, sie hockten da in Mahlzeitgemeinsamkeit wie ein Urvolk. Er empfand Angst vor seinem hilflosen Ekel. Aber zugleich hob sich zum erstenmal seit seinem Unglück ein neuer Zusammenhang ab, der Anfang eines Umrisses, nach dem er sein Leben einrichten konnte, dämmrig, unterwasserspiegelhaft: er war nicht zwischen diese Leute gesunken, sondern tiefer als sie. Der Reiz war neu und heftig. Er erinnerte ihn plötzlich an den seiner ersten Lüge als Kind, mit einemmal war damals alles bis dahin Klare und Langweilige verhängt und lockend gewesen – und später an den … abenteuerliche Welt. Grauauge sah langsam in die Gesichter, von einem zum andern, es störte ihn nicht, daß ihm zuweilen Spott entgegenblickte. Er horchte auf das Lachen, auf die von Alltäglichkeiten gefristeten Gespräche. Jemand sagte: Morgen singt Caruso – ein anderer: man sollte solchen Eltern die Kinder wegnehmen. Er hatte plötzlich mitten zwischen diesem harmlosen gewöhnlichen Leben das Gefühl, an einem Verbrechen, einem Abenteuer beteiligt zu sein. (Sie hockten da …) Die Zuversicht war in ihm, daß er irgend etwas Heimliches, Aufregendes tun werde.
… Urvolk … Ekel. Aber zugleich hob sich ihm ein … tiefer als sie. Er sah langsam … Abenteuer beteiligt zu sein. Der Reiz war; Seltsamer und bezeichnender Zufall. Kerbtiere – Traum, Abersinn, Schläfrigkeit; Eine große – aber promiscue Sinnlichkeit liegt in der Luft. Er denkt an Selbstmord; Die Überlegenheit eines Menschen ist etwas Sonderbares. Man braucht bloß ihrer Einbildung nachzugeben und das Vertrauen in sich absichtlich eine Weile zu unterdrücken. So wird sie wirklich und beinahe körperlich fühlbar (wohlwollende Bemerkungen Torontos)
Grauauge sah vollkommen ein, daß Toronto ihm überlegen war. Toronto hatte einfach Talent zum Durchschnittsmenschen. Sein Witz gilt als witzlos usw., er erringt kein Mindestmaß an Achtung. Aus der Gemeinschaft, wo er etwas war, hat er sich selbst ausgeschlossen. Sein Verstand galt als minderwertig (= ist) und seine Eigenschaften waren es natürlich auch. Das gibt ihm ein seltsam überlegenes, unterlegenes, demütiges und höhnisches Gefühl von sich und dem Leben. Und seine Inferiorität wirkt wie ein Abenteuer auf ihn. Als arbeitender Mensch war er durchaus moralisch, jetzt neigt er zu „Verbrecher“, fester in das schon Vorhandene – seine schlechte Behandlung und seine Neigung dafür – gruppieren. Faszination durch das Leben und den Durchschnittsmenschen. Seine demütigende Rolle bei Frau M. … und fast unwillkürlich begeht er nur das seine.
Alles was von Frauen im allgmeinen und Relation Grauauge -Toronto gilt, auf Fr. M. beziehen, statt Sinnlichkeit Sympathie setzen, gegenüber Toronto Vitalität.
Reiseblätter
Kakophonie
Zu Besuch bei meiner Jugend
Miniaturaussicht: Brünn besucht; Stadt erster Studentenjahre, zwischen siebzehn und zwanzig. Ich genieße träg schlemmerisch; alles ist für mich wichtig, was hier mit mir in Berührung stand. Früh am Vormittag über den Franzensberg geschlendert. Zum erstenmal: Welch seltsamer Berg. Wie ein Schneckenhaus baucht er sich in spiraligen Hängen abwärts; Busch, dünne Akazienbäume. Habe ich je in diesen Anlagen einen Mensch rasten gesehn? Sie sind da um diese nackte, häßliche Erdflanke, die sich von der obern zur untern Stadt zieht, zu verdecken; man geht durch; die seitlich geschlungenen Pfade dienen nur der Illusion des Lustwandelns, niemand betritt sie; Anlagen, die nicht zur Annehmlichkeit da sind, sondern um über eine Unannehmlichkeit wegzutäuschen. (Sinnbild unserer Vergnügungen?) Demütiger Berg. Löchrige Wege, alte zerbrochene Geländer, schiefe Laternenpfähle, auf den Bänken die erdige Fährte von Kinderschuhen zwischen den Büschen die magere lockere Erde. Oben ein Obelisk: die braven Bürger dem guten Kaiser Franz. Macht man solche Anstrengungen zur Annehmlichkeit oder um über eine unangenehme Kahlheit des Inneren, sich zu täuschen? Pathologie des heutigen Daseins. Es beginnt eine Assoziationskette mit der Obervorstellung: Ideale. Die Sonne scheint, Sperlinge piepsen, kein Mensch zu sehn. Sperlinge lärmen um einen Platanenbaum in zwei Drittel der Berghöhe. Man steht an dem windschiefen Geländerchen. Sieht hinunter ins leere Hurengassel an der einen Seite. Sieht von hinten in die Häuser wie in geöffnete Schachteln, wie in geöffnete Schachteln in die Häuser. In dieser Stadt habe ich zum erstenmal Paderewski Chopin spielen gehört fällt mir ein.
Schiefe Häuschen, winklige Höfe mit außen kletternden Hofstiegen, eine Schwengelpumpe, ein Sägebock, ein umgestürztes Schaff. Alles im Schatten. Nur die kleinen Kamine schmauchen in die Sonne und eine Katze läßt sich, zusammengeringelt auf einem Dachfirst, bestrahlen. Waldhäuschen, Bauernfrieden. Einmal ulkten wir nachts durch diese Gasse, Schauspieler und Studenten. Brachen in so ein Häuschen ein. Es hatte kleine quadratische Fenster, Petroleumlampen, Schlafsofas aus schwarzer Wachsleinwand. Wir wollten nichts. Einer von uns steckte einem der Mädchen seinen Stock bis zur Zwinge in die Vulva. Wir standen alle herum, es war ein starkes häßliches Mädchen. Die „Mama“ machte ein ängstliches Gesicht. Da lachte das Mädchen. Wir alle lachten. Die Mama lachte. (War ich dabei?) (Wer waren noch die andern? Keine Ahnung.) Ich merke mir keine Melodien. Aber ich weiß genau, wann mir ein Gefühl auffiel. Damals mit siebzehn Jahren als Paderewski spielte, war es mit der Vorstellung einer Frau verbunden. Diese Frau sollte älter sein als ich; ich sah sie nicht vor mir, ich hatte nur ein Gefühl meiner Neigung zu ihr. Auf die Winkelminute genau; das gibt es. Und dann hatte ich eine Vorstellung von eigentlich sinnlosen Gesprächen ohne Punkt und Beistrich mit ihr. Nur so: wie wenn man in der Sonne steht und fröstelnd vom Wind bestrichen wird.
Briefe an einen Imaginären
am Tag nach meiner Geburt: … Meine Situation ist entschieden unsympathisch. Ich bin noch nichts als ein Schlauch durch den die Nahrung auf der einen Seite herein auf der andern hinaus rinnt. Meine Mutter nimmt mich an die Brust – ich finde das ekelhaft, milchig und fett – mein Vater steht dabei und glotzt – ich begreife nicht, wie man das erotisch finden kann. Und dabei muß ich fortwährend diese Saugbewegungen machen. Irgend etwas in mir will weg davon, aber trotzdem muß ich – mit einem runden Mund wie ein Fisch. Man nennt das Instinkt. Meine Tante sah dem zu und sagte etwas von Glück und deutschem Bild. – Ich möchte wieder zurück woher ich kam, aber ich vermag auch nicht, diese häßlich schleimige Gegend dort begehrenswert zu finden.
Mutter Anfang 40 Sohn Anfang 20. – Die Frau, Gesicht, dem Sommersprossen einen unbestimmt dunkelgelblichen Ton geben. Aufgeschnittener Mund. Mittelgroßer knochiger Körper, an dem Kleider nicht gerade hängen noch sitzen. Vor Jahren, als der Junge noch klein war, hatte sie einen Anstand mit dem Gericht gehabt – wegen einer Nachbarin. Hausdiebstahl – Das war aber auch das einzigemal das sie erwischt wurde. Wegen dieser dummen Gans – wie die immer das Maul vollgenommen und affektiert gesprochen hat! Der Junge ist weniger professional, als daß er systematisch Gelegenheiten ausnutzt. Er geht nicht in Kaschemmen – er hat wohl ein bißchen prahlerische Verhältnisse mit einem Ladenfräulein, das er als sehr geehrtes Fräulein behandelt, mit einem Milchmädel und mit einer Kokotte – aber eigentliches Vergnügen macht es ihm nicht. Er trägt gern auffallende englische Stoffe und Lackschuhe; nicht um als Kavalier zu gelten, sondern – nicht wahr weil wir halt Sinn für was solid Elegantes haben. – Seine Augen stehen etwas weit auseinander und liegen wie in perspektivischer Verkürzung klein in den Höhlen – Die zwei führen das idealste Familienleben, denn ihm ist die Mutter mit ihrem ruhigen Urteil wirklich ein Vorbild und er kann Achtung vor ihr haben.
Vater war Beamter in irgend einer Rechnungsabteilung – Sohn besuchte drei Klassen des Gymnasiums. Dann starb Vater. Mutter allein konnte sich nicht halten. Sie haben aber kleine Pension und stehlen nur gelegentlich. Sohn ist auch materiell an Mutter gewiesen, wegen Pension. – Scheu vor Diebsbanden und dergleichen. Eigenbrötler – Angst vor Militär – im Gefängnis war ihm schrecklich die Disziplin, das schroffe Wesen der Aufseher, nicht weniger aber die Späße der Gefangenen. Er blickt zur Mutter auf – aber es bleibt doch etwas leer in ihm, sie ist verbittert.
Ein Mensch macht in Erlangen das Doktorat mit einer phytopathologischen Arbeit, indem er auf eine alte unbekannte Arbeit bloß ein neues Titelblatt setzt. Er wird Assistent und gilt als sehr begabt und als Anwärter für die nächste vakante Professur. Er reicht der franz. Akademie eine Arbeit ein, die gleichfalls ein Plagiat ist. Auf diesem Fachgebiet sind so wenig Spezialisten, daß er es riskieren kann. Durch einen Zufall wird er entdeckt. Ein Mensch, der klug sein muß, dem aber die Fähigkeit zur Synthese mangelt und der ehrgeizig ist. Poseur.