Kitabı oku: «Robert Musil: Gesammelte Werke», sayfa 46
P.A. und die Tänzerin
Eine Dame in der vierten Reihe konnte das Ende eines Privatgesprächs nicht finden. Ein junger Herr hinter ihr neigte sich ungeduldig vor und zurück, der Abwechslung wegen dann auch von links nach rechts. Aber die Tänzerin, die aus den Büchern des „P.A.“ vorlas, hatte schon zwölfmal das Wort edel ausgesprochen und achtmal das Wort exzeptionell, als die Dame noch etwas Wichtiges zu sagen wußte und erst dann verstummte. Danach war einen Augenblick Stille; dann stieg langsam wieder eine Unaufmerksamkeit an die Oberfläche. Selbst jener junge Herr, der mit dem liebenswürdigsten Gesicht zugehört hatte, wurde ärgerlich. Vorlesen kann sie nicht, dachte er. Dann: Sie ehrt Peter Altenberg mit einem feierlichen Hochdeutsch wie ein Dienstmädel, das ein nobles Verhältnis hat. Wie ein Dienstmädel? –: wie ein bescheidenes, gütiges Dienstmädchen, würde P.A. sagen. Na ja.
Dann jedoch tanzte sie. Und gewiß gab sie auch da nicht eine Kritik der reinen Vernunft mit den Beinen und nicht die Fußnoten von Diels zu den fragmentis veterorum stoicorum und ihre Schenkel waren nicht Klärbottiche dunkelster Seelengewißheiten wie die der Duncan. Sie tanzte vielmehr Variété; sie hatte prächtige Gewänder, liebliche Bewegungen und schöne Beine. Ihre Beine kamen manchmal aus den Gewändern hervor wie Artisten hinter dem Vorhang am Ende des Zeltes. Herzklopfen. Ein verschollener Geruch. Gelöste Haare, grüner Samt, Goldborten. Am stärksten aber doch der Geruch, der Geruch. Wenn man die Truhe mit den Winterkleidern Mamas und der Schwestern öffnete, stieg er auch dort, zugleich mit der Dunkelheit, die die Augen blendete, auf. Fortlaufen mußte man, sich hineinlegen, etwas rauben, ein kleiner Stallpage sein wollen oder wie ein brüllender Gorilla mit schlenkernden Armen auf diesen Geruch losgehn, der unwirklich zurückwich. Dann erst unterschied man die bekannten gutmütigen Rüschen und Röcke, Schweißblätter und Rauchwerk.
Hier bekamen die Gedanken des Herrn eine philosophische Ausbauchung. Sehnsucht? Wie war es? Ich habe mich manchmal nach einem Glas Wasser gesehnt, wenn ich mich aber am tiefsten nach einer Geliebten sehnte, wollte ich keine wirkliche. Ich sah nicht plötzlich ein neues Ziel, ich sah überhaupt kein Ziel, aber ich wurde von einer stärkeren, herrlicheren, fremden Art der Erwartung durchströmt wie ein leeres leuchtendes Zimmer und man glaubt, es muß etwas eintreten. Man fühlt eine Wunderbarkeit des Empfangens, zu der es nichts Wirkliches gibt, das man empfangen könnte … Die Tänzerin lockte seine Erinnerungen wie leises heißes Lampensummen langsam in seinen Gliedern empor. Die mit dem Geruch und dem Herzklopfen stammte von einem Zirkus in der Stadt Steyr in Oberösterreich. Er war damals ein kleiner Bub und konnte nicht begreifen, daß solche Wandermenschen ein gewöhnliches Familienleben führen; und wenn die Honoratioren der Stadt manchmal auf der Straße den Gruß der Direktorsleute erwiderten und sogar mit ihnen stehen blieben, freute er sich über ihr Unverständnis. Er aber hatte inzwischen das Unvorstellbare angebohrt; hinten in die Bretterverschalung des Zirkus schnitt er heimlich ein Loch, und erst als es dann in den Stall statt in die Garderobe sehen ließ, versagte sein Mut und er traute sich nicht ein zweites zu machen. Jedoch spürte er nun eine Höhle im Stadtwald auf und dort saß er wirklich, dachte an die wunderschöne Blanche, die währenddessen unten in der Stadt mit gelösten Haaren, in grünem Samt auf ihrem Schimmel für den Abend ihre Sprünge probte, und hielt finster ein Rehkrickel in der Tasche bereit für alles, was kommen konnte.
Die nächste Erinnerung jedoch war schon aus einem Restaurant in einer mittelgroßen Stadt, das Kasino hieß. Es gehörte zum Variété, hatte kleine Räume, die in Weiß und Gold gehalten waren, mit roten Teppichen. Habitués, Gewohnte, speisten dort zu Abend, still, freundlich, bald fortgehend. Aber daß sie bis zuletzt ruhig und ritterlich blieben und noch an der Schwelle Zeit zu einem liebenswürdigen Lächeln für ihre Begleiterin fanden, war für ihn das, was ihn allwöchentlich in dieses kleine Kasino führte, wo er sein ganzes Taschengeld für ein gut aussehendes Souper ausgab, das er allein verzehrte. Wie macht man das? Ich möchte dich: Sängerin, Tänzerin, Reifenspringerin … Du weißt schon, wie und wozu. Aber höre, ich will dir nur ja keine Liebeserklärung machen, ich will mir gar nichts vergeben; ich weiß ja, wie ihr seid; haben will ich dich, … mit der geringsten Indirektheit, denn du bist wunderschön, dunkel … Aber glaub nur nicht, daß ich nicht weiß, wie du zu haben bist: man zahlt ein Souper, verspricht einen Schmuck und sagt: allons; – allons sagt man und du weißt schon. – Und nur so wird deine Schönheit für einen überlegen Genießenden zu dem herrlichen Abgrund, der sie ist. Aber wie kann man liebenswürdig lächeln, ohne plötzlich vor Verliebtheit zu weinen und dich zu bitten, daß du trotz allem nur ja gut … gut bleiben sollst?
Doch verstand ihn keine. Sie saßen zusammen, sprachen von Agenten und Engagementsorten oder lasen die Anzeigen in den Fachblättern. „Ein Obermann, der gut Salto drehen kann, wird gesucht,“ „eine Mittelstimme kann eintreten bei 12 sisters …“ Es ist ein Gewerbe, ein ehrliches Gewerbe. Und wenn man schon hie und da eine Einladung annimmt, warum soll man wirklich nicht auch einmal vergnügt sein? Daß man aber auf der Bühne allabendlich eine Unanständigkeit zu sagen oder zu tun hat? …, ja was haben Sie dagegen? …, was denken Sie nur? …, die Leute fliegen darauf wie auf Zucker! Männchen, tadelte einmal eine, was willst du bloß …?!
Hier schweiften die Gedanken des jungen Herrn abermals ab. Solange die Witwe nicht mitverbrannt wird, bleiben es graduelle Unterschiede. Ob man allabendlich, oder in drei, fünf, fünfzehn Jahren Lebensgefährtin eines neuen Mannes ist? Oder auch nur zu denken vermag, es könnte schön sein? Und wir? Wenn Kamilla A. stirbt oder uns verrät, bekommen wir vor Seelenschmerz eine Bauchfellentzündung, und wenn Kamilla B. kommt, besitzen wir die schamlose Vergeßlichkeit, von neuem und tatsächlich wieder rein und unberührt zu sein. [Bei Kamilla M. kommen wir endlich darauf, markieren nur mehr die Mystik des Erlebnisses, lassen uns von da ab die Nägel rosa färben, die Haare am Leib römisch schneiden und pudern uns in den Achselhöhlen, – aus einem unbestimmten Gefühl von falschem Weg und nicht mehr Umkehrenkönnen heraus.]
Als nun die Tänzerin wieder etwas vorlas, wurde sehr lebhaft, was der junge Herr vor einiger Zeit über den Menschen P.A. zu denken begonnen hatte, ohne es zuendezuführen. Es fiel ihm ein: P.A. war ein großer Dichter. Zu sprechen ist aber von einem Phänomen, das sich an diesem langsam zurückbleibenden Dichter mit wachsender Deutlichkeit zeigt: in dem Maße, als er uns entschwindet, unnuanciert, bilderbogenhaft wird, in dem Maße schließt sich sein Umriß und gewinnt einen hellen Saum wie Menschen vor einem Abendhimmel. Wenn wir uns umwenden, sehen wir ihn so auf einer uns fernen Hügelkette auf und ab gehn, immer das gleiche Stück hin und wieder zurück, mit einer fast unverständlichen Unermüdlichkeit, aber mit jenem hellen, hellen Saum gezeichnet. Seine Höhen heißen die Hügel der Güte und liegen uns immerhin neunzehnhundertundacht Jahre näher als die letzten des gleichen Namens. Er verläßt sie niemals mehr und betreibt dort eine kleine Apotheke: Tamar-Grillon um einen linden, beschwingenden Stuhl zu erzeugen, Absud vom Lebensbaum für kleine Mädchen, die in Verlegenheit geraten sind, Blumen für Melancholiker, kleine, primitive Stundengläser für allzu Lustige; er heilt die Seele mit hundert Kniebeugen und den Körper durch Zuspruch; er nennt das Lebensenergien wecken. Am größten ist er, wenn er ausgelacht wird. Wenn ein Mädel zu ihm sagt: „Sei lieb, Peter, der Baron will heut nacht zu der Paula kommen, leg dich für das einemal ins Dienstbotenzimmer,“ dann geht Peter wie der weise, gütige Elefant, wie der ernste, nachdenkliche Tapier zu der wunderschönen, edlen Magd und legt sich ins Gesindebett. „Wenn es dir nur genützt hat,“ sagt er am nächsten Mittag zu Paula. Sagt aber eine: „Fahr ab, Peter! Ein Waschlappen bist und kein Mann!“ – so rafft er still seine Weichteile zusammen, erhebt noch einmal den Blick und geht. Geht und stolpert bald wieder über sein Seelengekröse, schleift es, hört ein Gelächter, faßt es mit einer geduldigen Bewegung wieder an sich und schreitet weiter. Schreitet erhaben, traurig und lächerlich, legendenhaft und mit einem Gesicht ganz ähnlich dem unsrigen, … ein Christus mit einem Hornkneifer.
Dies fiel dem jungen Herrn über den merkwürdigen und geliebten Menschen P.A. ein, wie er durch die Schriften des Dichters P.A. geht. Warum? Er wußte es nicht. Es wäre noch viel zärtlicher gewesen, wenn er nicht all das andre hinter sich gehabt hätte. Aus welchem Grunde er schließlich überhaupt verstimmt wurde und sich, ein wenig traurig, mehr der kleinen Tänzerin widmete. Jetzt aber nicht nur, weil sie wundervoll tanzte, sondern auch weil sie schlecht rezitierte und mit ihren ängstlichen Bemühungen P.A. klein machte. Eine lässige Sehnsucht stieg auf. Diese Sehnsucht ist, fühlte er, wie der halbbeleuchtete Zirkus, wenn man zu früh vor der Vorstellung kommt. Blanche wird erscheinen, Blanche wird zulächeln, Blanche wird die Einladung des Herrn Bezirkskommissärs annehmen. Sie wird nachts von ihm in den großen leeren Zirkus, wo nur ein Gasstern brennt, zurückgelegt werden und wenn man das Tor öffnet, wird sie verwandelt duften, wie die Kleider in Mamas Truhe. Und noch zuhause, während er das Zimmer, in dem er saß, im Spiegel betrachtete und ein wenig unwirklich fand, sagte er sich: Man sollte dem mehr nachgehn … Nie wirklich gewordene Gefühle, plötzliches, unverantwortliches Aufleuchten … also wie war das damals … und vor einer Stunde noch? … Man sollte doch solche Dinge nicht gleich wieder vergessen … Dann dachte er daran, wie er Blanche ja noch einmal wiedergesehen hatte, es war der einzige Kuß, den sie ihm je gab, am Weg zum Bahnhof in Leoben, er war fünfzehn Jahre alt, Blanche war schon etwas scharf im Gesicht. „Wir reisen morgen fort, aus Europa weg,“ sagte sie, „nach Spanien …“
Um die Gründung des literarischen Vorwärts
Franziskus Lang (Länglich): Wenn er von Leidenschaft spricht, preßt er die Worte durch die Zähne. Sein Gesicht wird von den Backenknochen gegen das Kinn zu zusammengezogener als sonst. Man sieht, daß seine Farbe grau ist. Er gewinnt etwas von Figuren Chodovietzkys. Er sagt mit dem Ausdruck großer Kühnheit: „Die einzig wirklichen Wahrheiten sind die nichts als subjektiven: die andern sind nur vorläufige Meinungen (und kämpft dafür, daß der Künstler kein eitler Spaßmacher sei) Man fragt sich: und 2 x 2 = 4? Man könnte ihn damit entschuldigen, daß er Einschränkungen nicht erwähnt, die selbstverständlich sind. Aber es handelt sich auch beim Dichter gar nicht ums: in die Welt stellen von Meinungen, sondern um eine Art Homunkulusfabrikation, um Psychisches, das in der Sphäre des Tuns liegt – selbst wenn er Meinungen ausspricht: Sie sind nie seine Meinungen. Er läßt hier bloß aus: „dieses Bereichs“ oder „seines Bereichs“. Blei meint aber: Die moralische Beurteilung des Falls arbeitet mit einer unvollständigen Basis im Vergleich mit der künstlerischen. Es ist ihm ein Stolz zu sagen: „Alle Kunst ist passionell und jeder Künstler ein tragischer Mensch.“ Oder daß man auf der Höhe den Aufschrei des Künstlers hört: „Könnte ich leben!“ Er weiß, daß diese Zeit etwas sich nötig fühlt (Rast, Umschau und Einsicht), weil sie in viel zu vielem sich selbst voraus war und sich ans Letzte begab, wo das Erste nicht getan war, sie überhob sich am Größten (wo denn?). Man kann nicht einmal mit dem Finger hinweisen, wo es liegt, wenn man es nicht auch heben kann. Kerr: die Gleichgültigkeit des Stils gegen den Inhalt – in stilistischer Vollendung. Diese abgeschliffenen Stilisten: Ich habe das Gefühl, daß sie zu Hause ihre schönen Hosen herunterlassen und auf einer Sentenz mit nacktem Popo sitzen wie auf einem Brutei. Er behauptet: Die Zeit ist sich (in Sternheims Komödien) ihres Charakters künstlerisch bewußt geworden. Er behauptet, daß unsere Zeit ein ungestilltes Verlangen nach ihrer Form hat.
Roman
Eine Doktorin und ein Intuitionsberufler als Ehepaar. Ein bürgerlicher Monarchist.
Um die Gründung des literarischen Vorwärts
Die Leute um Benjamin Constant, die Madame de Charrières, die Staël lebten diese intellektuell-erotischen Verhältnisse, für die heute erst ein Apostel nötig ist. Constant trat für den Liberalismus ein und war ein glänzender Kopf. Heute schlägt man alles mit der Realpolitik tot, deren traurigstes Zeichen das Prestige der christlich- sozialen Partei in Österreich ist. Im – auf die Frauen schimpfenden, nur die Mädels lobenden – Knurr, der einzige Politiker dieses Stils.
Es wäre mir egal, ob aristokratisch oder sozialistisch – es kommt darauf an, Bedürfnisse hinaufzuleiten. Unsere Literaten – was fingen sie mit der Macht an?! Ich bin nun einmal Chemikerin, das ist das Traurige, daß man heute da nicht mehr heraus kann. Das einzige wäre eine erweiterte Erotik, eine πωλισ-Erotik. Ich möchte die Geschichte jener Zeit lesen, aber ich kann nicht, meine chemische Arbeit nimmt mich von neuem ganz in Anspruch, mehr als je, obgleich ich gedacht hatte … Wenn man wenigstens anständige Zeitungen hätte.
Einen sehr großen, perlengestickten Ridicule, eine Tasche, in dieser Zeit, die uns noch zwingen wird, uns von Kunstgewerblern tätowieren zu lassen, einen absichtlich geschmacklosen. Unsere .. Mitarbeiterin fand in der Oranienstraße in der Nähe des Lokals der Heilsarmee einen Ridicule mit einem Notizbuch, das die folgenden Aufzeichnungen einer nahestehenden Persönlichkeit enthielt, welche einen interessanten Einblick in jene Bewegung gewähren, die zur Gründung des … führte, und die ganz gewiß das deutsche Geistes- und Gesellschaftsleben revoltieren wird.
… Edmund hat heute mit Kassiber gesprochen, dann mit Bellimor Männe, abends in der Dalbellischen Weinstube mit Knurr. Als er um halb eins nach Hause kam, sagte er zu mir, „Betthase“ „Betthase ich werde dich … !“, und wollte sofort mit dem Hut am Kopf über die Lehne des Bettes. Da wußte ich’s natürlich … (Realpolitik …). Er blutete ein wenig aus der Seele, als ich ihm erklärte, daß es für heute ganz gewiß nichts sei, weil ich nicht wolle. Während er sich auskleidete, sagte er zu mir: „Weißes Luder. Weißes Luder, ich huste auf Dich. Ich spucke auf Deine Seele, Dein Mittelstück will ich!“
Mein guter Edmund. Sein Mund war in dieser Nacht unendlich. „Gewalt ist in mir“, erklärte er, „Sehnsucht nach der wüsten, weiten Leere nach dem Geschlechtsakt, Fauste sind in meinem Kopf; so komm doch.“ Aber ich rührte mich nicht. Da meinte er: „Ich weiß ja, daß alles in Dir schon zitternd durcheinanderrennt, wie Schafe im Stall, die draußen den Wolf wittern.“ Und ich antwortete: „Es denkt gar nicht daran.“ Nach einer Weile sagte ich: „Edmund, glaub doch nicht, daß das nur etwas Männliches ist, dieser fahle, ausgeleerte Horizont der Enttäuschung. Glaub doch, daß auch du manchmal für mich nur etwas ganz Kleines an jenem großen Pfahl bist, den ich umirgendeiner Entspannung und Beruhigung meiner Gedanken willen in mich hineinstoßen möchte …“ Aber er war nicht zu beruhigen. „Pah“, deklamierte er, „deine paar Abhandlungen, wenn schon … Ob es eine mathematische Abhandlung ist oder die Analyse eines Dichters, das lernt man und Du hast natürlich Talent des Gehirns. Aber man wird wieder unterscheiden zwischen Gehirn und Seele, zwischen der Spitze des Werkzeugs und der Wucht seiner schwingenden Masse. Und die ist nur im Mann, Seele ist nur im Mann, die wenn auch stupide Wucht, die mit dem ganzen Körper dreinplatzt, durchreißt, Oberflächen zerschlägt … Prügeln möchte ich Dich, prügeln möchte ich irgendetwas … meine Worte und Gedanken möchte ich wie Prügel auf irgendetwas fühlen …“ Unendlich war sein Mund in dieser Nacht, und einmal kam mir die Lust, diesen großen, häßlich nach Worten haschenden Mund, da, dort auf meinem Körper zucken und noch auf meiner Haut manchmal nach einem Wort sich hinkrümmen zu fühlen. „Edmund“, bat ich, „glaub mir, Du bist mir ganz gleichgültig, es ist nur gesellschaftlicher Ausdruck, daß ich tue, als ob Du mich erregtest, nur gesellschaftlicher Ausdruck.“ Aber wie hätte er …
…
Am Morgen beim Rasieren, war er grau, ärgerlich, in sich hineingewandt. „Wie in eine weite Ebene“, dachte ich und war ruhig, heiter, selbstverständlich. Aber natürlich bemerkte ich, daß er nichtssagend aussah und irgendetwas ganz Unerotisches, den Raum des Zimmers überall unangenehm Verstopfendes, zuweilen geradezu Dämliches in seinem Aussehen hatte. Übrigens erfuhr ich noch in der Nacht, daß sie eine Zeitschrift gründen werden.
…
Onkel Gottfried sagte nach den ersten Nummern: „Das ist ein sozialdemokratisches Witzblatt.“ Er meint das nicht so arg, aber er ist ein Feind des allgemeinen Wahlrechts. Er ist gar nicht dumm, obwohl er in seinen Briefen zwischen Wohlgeboren, Hochwohlgeboren und Hochgeboren unterscheidet und stehen bleibt, wenn er einen vorüberfahrenden Hofwagen grüßt. „Das sind Formalitäten“, antwortete er Edmund, „die das Leben angenehm geregelt machen.“ Er sagt: „Wenn du jemandem schreibst: Ihr ergebener Freund, so meinst du ja auch viel weniger, als Du äußerst.“ Er sagt: „Ich fühle mich natürlich auch nicht als leibeigen.“ Sagt: „Oder findest Du es irgendwie einen Gewinn, sprechen zu können: Bürger Wilhelm, Schloßplatz Nummer 1, statt Eure Majestät? Wenn diese Majestät in Wahrheit so wenig Dein Leben beinflußt als Herr Schnabel in der Großbeerenstraße.“ Ja weniger als ein paar Arbeiter die Sonnabend nach sechs Uhr von ihrem Bauplatz kommen und Dich zwingen, vom Trottoir herunterzusteigen? Und so: Und er sagt: „Aber Ihr treibt Agitation und nicht Kulturarbeit.“ Er ist ein wenig konservativ, und die Neuigkeiten, die er sagt, dürfen nicht weniger als 10 Jahre alt sein. Ein andermal sagte Onkel Gottfried: „Die Aristokratie! Gerade sie macht, daß Dir der Herrscher nicht persönlich fühlbar wird. Mag wie sie tun, gegen unseren Geschmack gehen. Immerzu: Schimpfe auf die Servilität, die Lächerlichkeit, das 18. Jahrhundert, aber erkenne an, daß sie das Legitimitätsprinzip aus einer sonst gesellschaftlich für uns unerträglichen zu einer bloß politischen Erscheinung macht. Betrachte um Gotteswillen solche Dinge doch nur funktionell, ich mit meinen 30 Jahren Staatsdienst kann nicht anders.“ Ich fand es so sonderbar, daß Onkel Gottfried der funktionellen Betrachtungsweise das Wort reden mußte. Es ist weit mit mir gekommen, daß mir Onkel Gottfried interessant wurde. Neulich traf ich einen alten Freund wieder. Er ist Musiker. Er sagte, während wir uns stritten von irgendetwas, gerade es sei doch das Wunderbare, das man seit Nietzsche nicht mehr leugnen könne … Herrgott, wie erschien mir dieser Mensch?
Sommer in der Stadt
Ich konnte mich überhaupt nicht entschließen zu verreisen. Immer zwischen zwei drei Regentagen kommt ein halber Sommertag, wo die Lachen am Himmel stehn und die Sonne freundlich dazwischen schwimmt. Ich treibe durch die Stadt; selbst für einen Ausflug in die Umgebung ist nicht genug kosmische Energie, in dieser vom Regen kalt erschlafften Luft. Durch die schmalen geknickten Gassen der innern Stadt triftet man dahin wie eine Gondel. Jemand ruft mich an. Leise im Vorbeigleiten plätschert er an die Bordwand des Bewußtseins, setzt sich durch, ich stehe, denke lange nach ..: menschliche Traurigkeit kann sich in den durchgetretenen Knien einer Hose sammeln. Sein Gesicht sah aus wie ein mit der Sichel geschnittenes Kornfeld. Wir waren einst miteinander in die Schule gegangen, nach dem Abiturum wurde er plötzlich Schauspieler. Ich erfuhr erst viel später davon. Nichts hatte auch darauf hingedeutet. Er war ein nüchterner verläßlicher Bursche gewesen und zu selbst der Zeit, wo wir alle dichteten, das wußte ich noch, hatte er sich bloß Uhland zum Muster genommen und machte sehr vernünftig aufgebaute Balladen. Er hatte immer etwas Amerikanisches in seiner Art dachte ich dann, etwas von diesem in gleicher Weise hintereinander Hausknecht und Redakteur, Rechtsanwalt und Eisenbahnschaffner, Teewirt und Prediger sein. Aber er war die ganze Zeit über zweimal Regisseur, einmal Pächter eines kleinen Provinztheaters und sonst immer Schauspieler gewesen. Er war verheiratet gewesen, solange er jung war und es ihm nicht übel ging, und er hatte in dieser ganzen Zeit, Gott weiß warum, seine Frau kein einzigesmal betrogen; jetzt wo er geschieden war, hatte er kein Geld um es nachzuholen und die Haare hatten schon ihm auszugehn begonnen. Und ich, sagte ich, mein Gott, die Zeit ist ungeeignet für hochwertige Arbeit. Ich habe, antwortete er, deine Bücher gelesen. Als ich Regisseur in Reichenhall war. Sie sind doch nicht das Richtige. – Ich fühlte, daß er keine Widerrede erwartete, ja daß er nicht einmal von meinen Büchern, sondern von etwas anderem mir Unbekannten sprach, und so sagte ich bloß ja ja – und nach einer Weile: du bist jung, gut erhalten, frei, du lebst jetzt hier gewiß aus dem Vollen und hast eine sehr vernünftige Verachtung für Bücher überhaupt. Lebst? pah, warf er einer vorübergehenden jungen Frau ins Gesicht – dieses gemeine Leben, was hast du davon. Und dann habe ich auch kein Geld. Was? So? Das teilt bloß meinen letzten Kreuzer mit mir, um unermüdet wie eine Henne … das saugt dich aus und gibt dir nichts, nichts, nichts. Ich habe meine Ideale.“ Ich verstand nicht gleich. „Ich habe sie, verstehst du, habe, habe sie, wie man einen Hut hat, ein Stück Geld, einen Tramwayschein.“ Hast du vielleicht zu lange nichts gegessen? meinte ich besorgt, man kann doch nicht Ideale in der Tasche tragen. „Plakate,“ stieß er hervor und sah umher, ob er nicht welche sähe … „Ich habe den unmittelbaren, heißen Besitz meiner Gefühle wiedererlangt, wie man ihn in der Kindheit hat. Komm morgen mit mir.“ Ich hatte keine Ahnung, was er meinte, aber mir war seltsamerweise, als ob ich ihn verstünde. Ich sagte: Du sammelst? … Flächenkunst? Aber ich wußte, daß es das nicht war. Ich hatte viel Zeit nachzudenken und es fielen mir bis zum nächsten Tag einige merkwürdige Erinnerungen ein. Mein Onkel Hermann erzählte mir einmal, als ich ein Kind war, von einem seiner Reitpferde, das krank war. Schenk es mir, bat ich, wenn es doch krank ist. Und er sagte lächelnd, der gute Spaßonkel, ja, wenn es krepiert sein wird. Ich wußte nicht, was krepieren heißt, ich dachte, daß sei irgend ein Ereignis des gewöhnlichen Pferdelebens. Ich hatte meine Bitte mit einer zaghaften, kecken, durch irgend etwas in seiner Erzählung ermutigten Begehrlichkeit vorgebracht, von ihrer Vergeblichkeit eigentlich überzeugt und mit einemmal schoß ein Blutstrom wie aus der Erde bis in meine Haare hinauf, ein unbändiges Glück, ein Rausch, der nicht tanzte, nicht lachte, sondern vor Unbändigkeit ganz still stand. Wie ihn keine Frau erzeugt. Bis mir mein guter Onkel erklärte, was krepieren sei. Ein andermal – ausgeschnittene Löwen – Und das drittemal war es ein Papppferd, eine Bonboniere. – Noch später wirkliche Pferde mit dem Schimmer jenes Gefühls empfunden. So war ich nicht erstaunt, als mein Freund mich am nächsten Tag, da wir uns … trafen, mit den Worten empfing: Flächenkunst hast du gesagt? Kunst? Eben das nicht. Kunst ist die entscheidende Abirrung. – Sie gehen Vorstadt, ohne viel zu finden. – Meine Familie war auf dem Land, meine Freunde waren auf dem Land. Niemand in der Stadt kannte mich. Ich schämte mich mit meinem Freund Plakate zu suchen, aber es verführte mich wie eine Heimlichkeit. Es war ein Tun. Naiv ist dieses Plakat? Gewiß. Aber nun versuch, es einmal ganz ernst zu nehmen, gewissermaßen wörtlich; es ist gar nicht naiv, es greift dir bis in die Seele hinein. Ausbeute von ihm als schlecht bezeichnet. In einem einfachen Wirtshaus zieht er Tarrockkarten heraus und beginnt mit ihnen. Da weigere ich mich. Jetzt spielt er sein Höchstes aus: den Wurstlprater.
Sommer in der Stadt.
Vorrede Regensommer
Wenn man aufs Land geht, setzt man die Ungeduld des Winters im Tennisspielen und Bergsteigen fort. Die wahre Naivität liegt in der Stadt. Das empfindsame Verhältnis zu den Gegebenheiten. Sie ist entleert anderseits tauchen seltsame Menschen still an die Oberfläche. Eines Tags stand plötzlich der Entschluß in mir fest, Tante M. zu besuchen.