Kitabı oku: «Robert Musil: Gesammelte Werke», sayfa 47

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Der Mann ohne Gefühl
Der Mann ohne Gefühl (inclusive Tonka)

Dieser Knabe entwickelte sich zu dem Mann der entfernten oder schattenlosen … Gefühle. Wie es kam, weiß er selbst nicht; es scheint ihm wohl, daß diese einzelnen Etappen darin etwas bedeuten, denn sie fallen ihm ein, wenn er so eine Stunde hat, wo man sich wie ein Weg, eine Ebene dehnt, aber er versteht es nicht. Tonka war nie eine verzweifelte Brandung, ein tödlicher Sturm, an dessen Ufer man steht. Es waren schon starke Gefühle, aber mehr ein Sympascho als ein eigenes Leid. Als er am Ende mit der Mutter spricht, taucht die Erinnerung an etwas anderes auf. Man kann hier eventuell auch den Franzensberg mit der Paderewskierinnerung hereinnehmen. Er ist Mediziner, Psychologe. Verheiratet mit einer tüchtigen Neurologin. Es scheint ihm der einzige Weg zum Herankommen an sich. Er lernt die Tragödin kennen. Wird von ihr genommen. Verlassen, als er sie zu langweilen beginnt. Und wird von einem ganz heulenden Leid um sie gepackt. Zerrissen. Aber es ist nicht Gefühl, sondern eigentlich nur Pathos. Er ist angesteckt von ihren vehementen Gebärden, ihren Ausbrüchen, diesem Derwischtum. Es ist wie eine Psychose. Wie ein starkes Reizmittel, das plötzlich entzogen wird. Er wußte immer, daß sie im Grunde dumm ist. Auch, als er sie kennen lernte, wußte er es. Sie ist keine Menschendarstellerin, sondern ist Theater. Er hat sich mit einer psychiatrischen Sache einen populären Namen gemacht und sie will irgend etwas von ihm lernen. Sie zeichnet ihn aus. Er bekommt die Vorstellungen jener nervösen Sexualität. Sie machen eine Ruderpartie zusammen. Sie will Platz wechseln. Er steht auf, sie benutzt den unsichern Stand im Boot und wirft ihn fast zu sich nieder, preßt seinen Kopf zwischen ihre Beine. Er will seiner Frau nicht untreu sein, er hat auch gar kein unwiderstehliches Begehren nach der Schauspielerin, aber es erschiene ihm so gewaltsam und lächerlich, sich diesem Angriff zu entziehn. Der Direktor und linke Gatte. Ein Gesicht mit zwei runden, kleinen, hübschen, dunklen Augen, wie wenn man zwei Steinchen in eine teigartige Masse geworfen hätte. Beobachtet ihn vom ersten Abend an ängstlich, wütend, drohend. Szene im Hotelzimmer. Er fühlt, daß der Direktor eine Pistole aus der Tasche ziehn wird. Er bleibt immer nahe bei ihm. Plötzlich geschieht es. Er packt mit einer Hand den Arm über dem Ellenbogen und reißt ihn hinauf, mit der andern Hand gleitet er den Unterarm hinauf und schlägt mit dem Daumen den Schaft nach oben aus der Hand hinaus. Der Direktor will sich noch einmal nach der Pistole bücken, er stößt sie mit dem Fuß unter einen Schrank. Der Direktor droht, daß er eine andre Gelegenheit finden werde. Er geht mit einem wunderbaren Gefühl. Diese Handgreiflichkeiten beseligen ihn. Nach einer Weile fällt ihm ein, daß er jetzt ständig bedroht sein wird. Es ist klar, daß er zur Polizei gehen müßte. Das ist ihm aber gräßlich. Er sieht die ganze Unmöglichkeit des Staates. Er ärgert sich, daß ihn etwas so Unvernünftiges wie die Lebensgefahr lockt. Aber solche Berührungen mit fremden Körpern ziehen an wie sexuelle. Er sehnt sich, noch einmal so mit dem Direktor zu ringen. Als er wieder hinkommt, ist die Schauspielerin entschlossen, ihn ihrer Karriere zu opfern, und hat sich mit dem Direktor ausgesöhnt.

Die Bucklige

(Dumm – fein; leidend und bös; gegen die Kartenfrau, gegen die Freundin. Ihr Motiv: Es kann dir nix geschehn. Ohne Geld wächst man an. Installateur – Spiegel, Bindfaden – Skandal, aus dem Haus – Die Jüdin, die verdammte. Haß, weil bedrängt. Die etwas zu wenig – etwas zu viel Geld hat)

Ich müßte lügen, wenn ich so tun wollte, als wisse ich genau, wie sich diese Geschichte zugetragen hat; ich habe sie aus einem der Madel mit vielen Fragen herausgebracht, und den Ort kenne ich und die Marie habe ich dort oft gesehen: das ist alles. 50 Menschen vielleicht lebten in jenem „Hof“ der Wiener Vorstadt. Solche Höfe sind lange Pflasterstreifen, die rückwärts des Hauses in der Verlängerung der Einfahrt liegen und zu beiden Seiten von niederen Wohnbauten und Ställen eingesäumt werden. Gras wächst in den Ritzen zwischen den Granitwürfeln, die Türen der Wohnungen, der Pferde-, Holz-, Ziegen- und Hühnerställe stehen im Sommer nebeneinander den ganzen Tag offen, Kochgeschirr steht vor den Türen, immer steht irgendwo ein Wagen, ein Sägebock oder ein Schraubstock, Kinder spielen auf den Erdstreifen neben den Steinen, an der Pumpe wäscht sich ein Mann oder reinigt eine Frau etwas und hinten schließt ein Baum den langen Blick ab, vor dem ein Gitter den Weg versperrt, denn dort fängt der Garten an, der dem Hausherrn oder einer Partei vom Straßenhaus gehört. In den vornehmen alten Teilen der Stadt sind diese Höfe längst zu Querstraßen, Durchhäusern, langen Geschäftsbasaren geworden, aber in den Vorstädten sieht man sie noch anders, und gewöhnlich, aber ich weiß nicht warum, ist von den zwei großen Torbögen des Vorderhauses durch die man beim Vorbeigehn hineinschaut, der hintere nur so weit offen, wie er gerad ansteigt, während die Rundung mit strahlenförmigen bunten Scheiben verglast ist, so daß man den Himmel über dieser eingewandten Welt in blauen, gelben, roten und grünen Dreiecken sieht. Unter den Menschen, welche diese Höfe bewohnen, gibt es Zimmerherren und Schlafburschen, Kutscher, bürgerliche Handwerksmeister, alleinstehende Frauen und vielköpfige Familien kleiner Beamter; es herrscht ohne Freundschaft, aber durch tägliche Begegnung ein lockerer und doch fester Zusammenhang von Sitte, Tratsch, Nörgelei und gegenseitiger Hilfsbereitschaft in diesen Winkeln, nicht unähnlich dem der sich auf einer langen Eisenbahnfahrt oder Zwischendecksreise entwickelt. Natürlich hatte es die Marie nicht leicht, hier für etwas Feineres zu gelten, wo man sich wochentags unbekümmert in jeder Art Vernachlässigung zeigt und Sonntags fein macht, ohne sich mehr dabei zu denken; es ließ sich nicht vermeiden, daß sie ein wenig geziert wurde. Wenn sie zum Beispiel den Schlüssel zu einem der Orte in der Hand tragen mußte, die von allen Parteien gemeinsam benutzt wurden, – sagen wir etwa, den der Waschküche, um nichts andres zu nennen – so trug sie ihn auf besondre, graziöse und abweisende Art in der Hand; oder sie trat nie anders als sorgfältig frisiert aus der Wohnungstür in den Hof, und ihre Kleider waren stets von hausgemachter Nettigkeit, ja sogar ein wenig putzsüchtig, wobei sie vor allem eine kleine Schwäche für auffallende Rüschen und Schleifen an Hals und Händen zeigte.

Schattenspiel in der Kleinstadt

Jeden Morgen um halb neun Uhr sagte der Bezirksarzt das Gleiche: „Wenn jemand nach mir schicken sollte, so weißt Du wo ich bin!“ Wenn er das sagte, hielt die brave schwere Stute vor der Haustüre, mit dem leichten Landwagen, dessen vier Räder ganz nah beisammen standen, weil sie außer einer schmalen Vorbank nur zwei Sitze, und ein halbmuschelförmiges Verdeck trugen, das bei schönem Wetter niedergeklappt wurde aber bei Regenwetter gemütlich nach altem Leder roch. Frau Magdalene Steiner erwiderte nie etwas auf diese Anrede, die halb Frage, halb Feststellung war. Sie stand oben auf dem Treppchen, das vom Hausflur zur Straße hinabführte, hielt die Arme reglos über dem Magen gekreuzt, zuckte mit keinem Muskel und war bloß der Ordnung wegen da, wenn ihr Gatte das Besteck und den Wettermantel auf den freien Wagensitz legte, das Spritzleder über seinen Beinen schloß und dem Knecht des Gasthofs, wo Wagen und Pferd eingestellt waren, die Zügel abnahm. Während Dr. St. sich dann zur Bremse vorneigte und eifrig drehte, zog die Stute an, und sein Abschiedsblick landete auf der Treppe wie ein Steinchen, das man über die Schulter wirft; Frau Magdalene winkte mit einem Augendeckel und lächelte in einer schwer beschreiblichen Weise ihm nach, die zwölf Jahre Ehe und die Kinder einschloß. Das einzige, was ihr an ihrem Leben mißfiel, war, daß von der Haustüre der schmale Flur nach hinten zu einer Treppe lief, die in das obere Stockwerk führte, von einer zweiten Partei bewohnte Stockwerk führte, wovon ihre Wohnung, die zu beiden Seiten des Ganges lag, durchbohrt wurde wie der Apfel vom Wurm. Es war ein immer dankbares Gespräch, mit ihrem Mann zu überlegen, was der Besitz eines eigenen Hauses kosten würde, über welchen Betrag dafür schon verfügt werden durfte und welchen man als Hypothek aufnehmen könnte. Aber auch die Fortschritte der Wissenschaft verlangten Opfer, eine Röntgenkammer war vor einiger Zeit eingerichtet worden, die nicht einmal das Ortskrankenhaus besaß, und der Ankauf eines kleinen Automobils, wie es alle ganz zeitgemäßen Landärzte besitzen, ließ sich kaum noch lange aufschieben. Man konnte ja vielleicht ein schon gebrauchtes erwerben; dennoch war unter diesen Umständen auch bei sorgfältigster Berechnung nicht zu erwarten, daß man in das Haus früher einziehen werde als zu dem Zeitpunkt, wo das Jüngste die Schule verließ. Dieser Zeitpunkt aber war fest vorgesehen und anderen Kummer hatte das Ehepaar eigentlich nicht. Um drei Uhr begann die Sprechstunde; da war ihr Mann gewöhnlich schon zurück und hatte gegessen. Wenn die Sprechstunde zuende war, schüttelte Frau St. jeden Tag ein paar mal den Kopf, und an Regentagen seufzte sie, wobei ihre Augen in Flur und Wartezimmer den Fußboden musterten, denn die Bauern trugen an ihren Schuhen viel Schmutz herein; zuweilen dachte sie dann dunkel und unklar an das Bild einer feinen Stadtpraxis, während ihre junge Magd den Boden fegte und aufwischte, gewöhnlich dachte sie aber gar nichts, sondern stand nur aufgerichtet dabei und machte eine tadelnde Bemerkung über die schlechten Manieren der Bauern, worauf die Magd sich geschmeichelt auf den Knien aufrichtete und das gleiche erwiderte. Dann machten sie eifrig weiter Ordnung, die eine reglos und wachend, die Arme über dem Magen gekreuzt, die andre eilig, aber beide an etwas Wichtigem und Berechtigtem beteiligt, denn mit diesen schmutzigen Fußtapfen kam ein großer Teil des Erworbenen … Um diese Zeit war ihr Mann im Krankenhaus oder bei den paar Patienten des Städtchens. Es gab einen Kegelabend und auch genug andere Unterhaltung. Man ging mit der Zeit; nicht gerade schnell, eher so: man steht, die Arme über dem Magen gekreuzt, sieht der Zeit zu und folgt ihr mit einer kaum merklichen Bewegung des Augenwinkels; wenn sie einem entgleiten würde, geht man ihr schnell ein paar Schritte nach. Man denkt etwas verächtlich und ruhig. Man hat feste Grundsätze, weil die Unbeweglichkeit des Lebens sonst unerträglich wäre. Aber so hat sie einen Heiligenschein. Herr St. brauchte Frau St. wirklich nicht zu fragen, ob sie wisse, wo er zu finden sein werde. Sie nahm die Boten und telefonische Bestellungen auf, und die Wege kannte sie sogut wie seine braune Stute. Obgleich man keine Landpartien macht, wenn man mitten im Land geboren ist; aber einmal im Leben, zu Pfingsten, Ostern, am Geburts- und Namenstag war man irgendwo, und ehe man 20 Jahre alt geworden ist, überall. Nach dem Abendbrot las man die Medizinische Wochenschrift oder die Zeitung und gähnte. Dann kam das Gespräch auf das Haus mit der Hypothek. Oder auf die Ereignisse des Städtchens. Herr St. erzählte von einem interessanten Fall aus der Praxis. Oder er weiß, da er auch Gerichts- und Polizeiarzt ist, das Neueste an Todschlägen und Diebstählen aus der Umgebung. Er liebt aber das Psychiatrisieren nicht sehr. Wenn es sich nicht um Idioten oder sinnlos Berauschte handelt, findet er, daß sie immer noch das Unrecht ihres Tuns hätten einsehen können und an einem freien (anständigen) Gebrauch ihrer Willenskraft nicht ganz behindert waren. Da aber die neuzeitliche Richtung in der Medizin allerhand Konzession und Faxen macht, schiebt er solche Fälle lieber in die Kreishauptstadt ab. Wenn er aber gar nichts zu berichten hat und es noch nicht halb zehn Uhr wird, so erzählt er vom Krieg. Kurz nach seinem Ende haben sie geheiratet. Und vom Krieg, wenn man ihn mitgemacht hat, kann man natürlich sehr viel erzählen. Man hat viele berühmte Personen mit eigenen Augen gesehn, von den Gefahren und Abenteuern zu schweigen. Man braucht keine besondere Klugheit zum Leben, sondern nur Geste, Charakter. Im Sommer kommen die Städter zu uns, und wenn sie erst wüßten, wie schön es im Winter ist! – so sprechen die jungen Leute. Es ist lächerlich zu glauben, daß dieses Leben ärmer ist als das in den großen Städten. Es dauert doppelt so lang und ist doppelt so schwer an Gewicht. Die Wangen, die wie ein Apfel waren, werden später überrot wie ein Apfel im Herbst und zuletzt wie ein Apfel im Winter, mit vielen Falten, aber gut abgelegenem Geschmack. Man darf nur keine Phantasie haben. Menschen, die unter diesen Verhältnissen glücklich bleiben, nimmt eine gütige Fee die Phantasie aus der Wiege heraus.

Eines Tags lief das Gerücht in die Stadt, daß auf Schloß Trauneck der Gutsbesitzer, Baron … ermordet worden sei, und bis zum Abend war das Gerücht bestätigt; eine Magd hatte die von einem Schuß ins Gesicht niedergestreckte Leiche, welche bei dem warmen Frühlingswetter schon stark in Fäulnis übergegangen war, auf einem leeren, abseits stehenden Speicher gefunden; des Barons eigenes Gewehr und eine ausgeschossene Schrothülse lagen daneben. Man dachte anfangs an Selbstmord oder einen Unglücksfall. Aber es gibt Beobachtungen, von denen jede einzelne so geringfügig ist, daß sie niemand erzählen will, und doch sind es ihrer so viele und geheimnisvoll zusammengestimmte, daß eine Behauptung von Mund zu Mund zu gehen beginnt, an die noch keiner glaubt, obgleich jeder ein wenig zu ihr beiträgt. So war vom ersten Augenblick an unter dem Gesinde die Erzählung entstanden, der Baron sein von einem Fremden getötet worden; nicht begründeter war es zu Beginn als die Unruhe, welche Vieh vor einem Gewitter erfaßt, aber bis zum Abend hatte die Gerichtskommission Anzeichen gefunden, welche auch in diese Richtung wiesen. Am nächsten Morgen erfuhr man in der Stadt, daß der Verdacht auf den fremden Arbeitern ruhe, welche das Schloß ausbesserten. Das war sehr verständlich, aber schon beim Mittagsbrot erfuhr man den Widerruf, denn die Fremden hatten ihre Unschuld einwandfrei erwiesen. Ebenso erwiesen sich die Verhaftungen, welche die Landjäger da und dort an Landstreichern und fremden Durchzüglern vornahmen, als unhaltbar. Man stand völlig im Dunkeln. Der Baron hatte nur zwei Tage am Gut bleiben wollen, um die Arbeiten zu beaufsichtigen, drei war er geblieben, am Abend des dritten war er ermordet worden. Man fand in seiner Brieftasche ein Telegramm der Baronin, das besorgt nach seinem Ausbleiben fragte; dieses Portefeuille war durchwühlt, ebenso die Taschen der Kleider, aber scheinbar fehlte nichts daraus und es war der Mörder gestört worden. Herr B. war ein ruhiger Mann in den Fünfzigern; er verbrachte mehrmals im Jahr einige Wochen auf seiner Besitzung, um zu jagen und die Wirtschaft zu beaufsichtigen. Man verkehrte mit seinem Förster und seinen Verwalter, und ein oder zweimal im Jahr wurden die Standespersonen des Bezirks einer großen Jagd zugezogen. So hatte schon sein Vater gelebt. Man erfuhr nicht viel von den B’s; da wohl irgendeinmal aus der Fremde gekommen, sicher seit mehr als 100 Jahren gab es sie auf Trauneck, ein fremder Fels, der einmal hier liegen geblieben und von heimischem Moos überwachsen worden war; man kümmerte sich nicht um sie und rechnete sie zum Stolz der Gegend. Diese Gegend bestand aus lauter solchen festen Punkten. Nein, der Doktor brauchte seine Frau wirklich nicht zu fragen, ob sie wisse, wohin er fahre: da waren der Bauer am Wald, der Moosleitner, das Fuchsengut, waren die Eisenbahnstation Ebenerding, der Weiler Pösting und die Mühle in Sierngraben: man selbst war höchstens einmal dort, aber diese Orte waren immer an ihrem Platz, so weit man dachte. Es war deshalb nicht anders wie wenn in den Frieden der Gegend ein Raubtier eingebrochen wäre. Jeder Bericht davon, daß man diese oder jene Spur wieder aufgeben mußte, wirkte wie eine Schreckensnachricht. Man sprach von wenig andrem, beteiligte sich wenigstens mit Mutmaßungen an den Nachforschungen, und allmählig bildete sich dabei ein ganz unwahrscheinlicher Verdacht heraus. Niemand hätte ihn geradezu aussprechen mögen und befragt, hätte er versichert, daß so etwas ganz sinnlos sei: aber so bildet sich auch ein Gedicht aus Worten, die scheinbar gar nichts miteinander gemein haben, und wie in einem solchen Rausch dichtete jeder an dem gleichen Verdacht.

Die zwanzig Werke

Archivar

Er sagt lange Zeit nicht, was er ist, weil er sich noch schämt. So wissen sie ihn gar nicht zu rubrizieren.

Volksgarten – Burgplatz – altes Gemäuer der alten Burg – zu den Museen, der Reitschule schweifender Blick – Portier groß und schlank – seit der Revolution einen kleinen Schnurrbart oder schon früher? – Langer blauer oder schwarzer Mantel – ein rechtwinkeliges niederes Parallelepiped als Kappe, mit breiter Goldborde.

Einfahrt – links und rechts aufschwingende Treppen hinter Glastüren – belegte Stufen – Säle wie diese Säle sind – die man einst nur für Zimmer ansah – Man geht durch Wien, an einem regnerischen Abend – irgendwo in einer engen Gasse werden im ersten Stock Fenster geöffnet – Aufräumfrauen zünden Licht an, und eine wundervolle Decke erstrahlt, unter der man die Besenstiele und von den Tischen in die Luft ragende Sesselbeine gewahrt.

Wenn man aber am Ministerium des Äußeren vorbei geht, denkt man immer Daun, Laudon, Kaunitz – man weiß nicht warum – man erinnert sich nicht mehr.

Eine große Glastüre mit einer kleinen Glastüre darinnen führt in den Hof – der ist weniger schön – eigentlich schon unschön. – Man bemerkt, daß die Erbauer und ersten Benutzer doch schon eine Menschenart aus zweiter Hand waren. Dann kommt noch ein Hof, und in einem Winkel, bei einem großen Holzstapel, führt eine enge, finstere, gewundene – man möchte glauben, schmutzige, aber schmutzig ist sie nicht! – Treppe zu den Büros des Pressedepartments.

Es führt auch noch eine zweite breite Treppe hinauf, aber die Pressebeamten benützen die erste, wo man unter sich bleibt und keinem Diplomaten, sondern höchstens einem Amtsdiener begegnet.

Oben im zweiten Stock läuft ein Gang, der zweimal einen rechten Winkel macht, einen hölzernen Fußboden hat, nicht mit Teppichen belegt und muffig dunkel ist. Es gibt dort eine Reihe von Zimmern, die auf den Minoritenplatz gehn – sie sind schön, wenn auch nicht so schön wie die Zimmer Erster Klasse. Es gibt in diesem Amt mehrere bürokratische Schichten – die Diplomatie – die Konsularabteilung – die Hilfsämter, und zwischen diesen beiden oder vielleicht als letztes das Pressedepartment – Man merkt es an allem.

Die Zimmer der Journalisten (? – eines Mitteldings …) gehn auf einen düsteren Hof – schmucklos usw. –

Im schlechtesten Zimmer – einem Kasten mit dunklem Eingang – einer geräumigen bürokratischen Hundehütte …

In diesem Zimmer saß an einem herrlichen Frühlingstag der Held dieser Geschichte (ich erzähle das ganz altmodisch, weil ich überhaupt eine steckenbleibende Geschichte erzählen will) mit einer Schere in der Hand, und vor ihm stand eine große, in amtlichen Ausmaßen gehaltene Flasche mit flüssigem Gummi. Daß ein schöner Frühlingstag war, konnte man nur mit viel Übung an den spärlich auf die gegenüberliegenden Gesimse tropfenden Lichtflecken erkennen – der Held spielte mit der Schere, die er auf seinen Daumen und Zeigefinger gesteckt hatte und sah nachdenklich dem Fräulein A. zu, das vor kurzem einen dicken Stapel von eingeklebten Zeitungsausschnitten auf seinen Tisch gelegt hatte.

Ob auch ihre Körperhaare hellbraun sind wie die Augenbrauen? – dachte er. – Man behauptet doch, daß das bei allen Menschen übereinstimme. – Es beunruhigte ihn, mit diesem Mädchen in einem abgelegenen, von trüber Langeweile erfüllten Zimmer zu sein, worin alle ihre Bewegungen glitten wie Fische in einem Aquarium.

Fräulein A. war im manipulativen Dienst irgendwelcher Gesandtschaften gestanden, ehe der Krieg kam und alles dann anders wurde. Sie hatte in Paris und London gelebt. Wenn man annahm, daß sie mit siebzehn Jahren im Jahre 1913 in den diplomatischen Hilfsdienst eingetreten sei, so müßte sie jetzt (1928) zweiunddreißig Jahre alt sein, und das mochte stimmen. Sie konnte aber ebensogut sechundzwanzig Jahre alt und erst nach dem Umsturz eingetreten sein. Er hatte sie nie danach gefragt. Sein Verhältnis zu ihr war schwierig. Sie hatte ein hübsches, etwas überschärftes Gesicht mit grauen Augen, die nicht zufrieden waren. Man konnte meinen, daß sie jemanden heiraten wollte, der Schwierigkeiten machte. Oder ebensogut, daß sie mit ihrer Mutter lebe und kein Verhältnis habe. Sie war sehr schlank und ziemlich hoch gestreckt, mager und weich, mit langen Händen, die gern ein wenig vornehm aussahen. Man merkte, daß sie ihren Chef aus Grundsatz mit Zurückhaltung behandelte. – Worauf wartet sie? – dachte er. Da sind wir nun tagaus tagein in dieser Höhle beisammen; ganz unnatürlich ist es. Wir könnten den ganzen Tag Dinge tun (wie die Kinder dunkles Zimmer spielen), die mehr Spaß machen als Zeitungsausschnitte. Sicher denken wir beide daran wie die Stummen.

Draußen hörte man einen Männerschritt sich nähern. Welch ein Schritt, sie hatte Männersohlen; er konnte ihren Schritt von anderen unterscheiden, noch ehe sie das Vorzimmer betrat. – Schwer zu sagen, wie man das macht, – dachte er. – Sie geht wie ein seelenloser Körper. Dabei hat sie sehr viel Seele. Sie weiß aber, wie häßlich sie ist. Das ist es. Sie geht wie ein häßlicher Körper, der auf alles Spiel verzichtet hat. Er fürchtete, daß Fräulein von B. ihn liebte. Sie sah ihn immer ernst an und bemühte sich nicht im geringsten, ihm gefällig zu sein, obgleich sie ihren Dienst mit unübertrefflicher Pünktlichkeit versah. Sie war um einen Kopf größer als er, knochig und mochte hoch in den Vierzig sein. – Ah, vielleicht sieht sie mich bloß so sonderbar an, weil sie kurzsichtig ist – dachte er. Sie hatte einen kleinen Blähhals, über dessen Knoten eine geschwollene Ader lief. Man konnte die Schwellung aber auch für Form ansehen, ein etwas ausgebauchter Stein, in den eine Schlange gemeißelt war; dann war sie sehr schön. Sie stammte aus sehr guter Familie und hatte das diplomatische Sprachexamen abgelegt. Sie versah den Dienst im Zeitungsausschnittsarchiv seit undenklichen Vorkriegszeiten, und ihr Gedächtnis ersetzte eine Generation von Vorständen.

Zeitungsausschnittsarchiv, ja so lautete die Bezeichnung für dieses verächtlich untergebrachte Hilfsamt.

Beschreibung dieses Dienstes.

Wie hineingekommen. – Aufwachen mitten in einem wüsten Traum – Gräßlich, vor dem Chef zu stehen. Oder der Hilfsämterdirektor mit seiner Talmifreundlichkeit – erinnert zu werden, an die eigene Bescheidenheit – Ich werde ihm einmal diese Schere in den Bauch rennen.

Kurz vor der Heilung: Er heiratet Fräulein von P. Wochenlang trainiert er sich darauf, sich die Umarmung nur mit häßlichen Frauen vorzustellen; er kann schöne gar nicht mehr vertragen. Das ausführlich erzählen.

Dann aber ist Fräulein von P. natürlich ein Mensch mit Ansprüchen, Sentiments usw., und noch dazu ist er gesund und sieht das Verrückte seiner Handlungsweise ein. Er ist abgebaut und zum Teil auf seine Frau angewiesen. Ungefähr im Alter der Generation Fontana macht er nun die Versuche, sich eine Stellung zu schaffen.

Das An-die-Wand-gedrückt-Werden in den Staatsämtern lässt sich im Archivar verwenden. Alle Menschen können etwas bestimmtes oder sind wenigstens auf einem bestimmten Platz. Die Bürokratie wehrt sich gegen den Eindringling, aber auch Dr. Stern kann ihn als einen Dilletanten bezeichnen. Denn auch die Opposition ist berufsmässig organisiert. Wenn er zufällig mit einer Anregung Erfolg hat, so wird sie in der Ausführung vom Referenten zum Alten zurückgedreht und schliesslich muss man sagen, dass er eigentlich nur aufgehalten hat, ohne etwas Neues zu bringen.

Türler ve etiketler

Yaş sınırı:
18+
Litres'teki yayın tarihi:
10 haziran 2026
Hacim:
5257 s. 13 illüstrasyon
ISBN:
9782377871742
Telif hakkı:
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