Kitabı oku: «Robert Musil: Gesammelte Werke», sayfa 48
Katakombe
Den Staat in einer Figur repräsentieren. Etwa einen Freund der Staatsanwalt oder Regierungsbeamter wird.
Katakombe: Zweite Linie: Zeitalter des Dichters. Achilles, der Dichter; mit den Hemmungen vor dem Schreiben. (Archivar gleiche Geschichte; gerade das führt sie zusammen.)
Leute, denen es gut geht: Der vorsorglich Geborene. Der Bescheidene. Der unter einem guten Stern geborene. Der Assoziable. Der magere Wolf. Der Dumme in guten Verhältnissen. Der Heitere. Der Erotische mit Hochstapeleinschlag. Die kalten Mädchen.
Leute, denen es schlecht geht: Der Leichtsinnige. Der Zu Schöpferische. Der Dumme in schlechten Verhältnissen. Der Phantastische. Der Anspruchsvolle. Der Zu Anständige. Der Zu Sachliche. Der Erotische ohne Hochstapeleinschlag. Die zu guten Mädchen.
Den Typus Eloesser züchtigen. Immerhin ist er der erste, der den Versuch macht, Moral wissenschaftlich und doch genießbar zu behandeln.
Kapitalismus, letzte Definition: Leistung um persönlichen Vorteil willen. Unkapitalistischer Mensch: Leistung um ihrer selbst willen. Leistung aus Ehrgeiz? Aus Pflichtgefühl? Also: um höherer oder niederer Motive willen. Niedere sind im großen Ganzen: persönliche Vorteile. Curriculum vitae? Nur aus höheren Motiven wird man nie die Menschen zur Leistung bekommen. Also muss der persönliche Vorteil eingeschaltet bleiben, aber beschränkt werden. Ein Akkordsystem; aber ohne Thesaurierungsmöglichkeit. Womit also entlohnen? Das Notwendige hat jeder. Erholung ist für viele eine Strafe. Dotierung mit einem gradierten standard of life? Zum Beispiel. Von bestimmter Leistung an einen Hausgehilfen. Ein Zimmer mehr. Ein eigenes Haus. Ein Auto. Hiebei würde gegen den jetzigen Zustand immer noch „der unbenutzte Teil des Luxus“ erspart, das ist zum Beispiel das achte bis zwölfte Zimmer einer Zwölfzimmerwohnung, das fast nicht benutzt wird. Also System der Naturalentlohnung.
Unechte Sozialisierungen. „Die verderblichste aller menschlichen Einrichtungen, die Autorität“ (Alpheus in Nummer 94 vom 24. 4. 1919 in „Der Abend“). Richtig könnte es höchstens heißen „die verderbteste“ … „Aberglaube von einer Wissenschaft, die der großen Menge nicht zugänglich sein soll“ –. Man soll die Ergebnisse der Wissenschaft zugänglich machen und den Weg zur Wissenschaft, die Wissenschaft selbst wird man nicht einmal der großen Menge von Gelehrten allgemein zugänglich machen können. Es handelt sich um eine Besprechung des Buchs „Der Granatenkrüppel“ von W. A. Rumpf, das nichts Ungewöhnliches zu sein scheint, aber als das gepriesen wird. Ein Dichter, der erst nach der Revolution Sozialist wurde, ist mir in Kulturfragen maßgebender als ein Sozialist, der erst nach der Revolution Dichter wurde.
Das Schulproblem. Alle die Schulprobleme (Realschule oder Gymnasium, Latein oder auch Griechisch, Abiturium oder Beschreibung des Schülers, Schulgemeinde oder Disziplinschule, Lernschule oder Erziehung, Religionsunterricht oder nicht, usw., sind im Grunde nur eines, und das ist kein Schulproblem, sondern ein Lebensproblem.
Zunächst nur das Wissen betrachtet: Das Problem ist: Zu jeder Zeit das wissen, was man braucht. Dieses Problem ist in der Schule nicht zu lösen; dort kann seine Lösung nur angebahnt werden. Was habe ich alles gelernt? …. Einiges ist ganz verloren gegangen. Von der Mehrheit ist ein gewisses latentes Wissen geblieben. Hinreichend, um mir auf vielen Gebieten die Bildung vorläufiger Ideen zu ermöglichen, die an und für sich gar nicht genügen, aber für die Weiterarbeit eine brauchbare Basis sind. Die Schule hat intellektuell 1) diese Basis zu geben, 2) die Technik der Weiterarbeit. 3) Sie hat den Intellekt zu schulen (wenn man das nicht schon als in 1) und 2) enthalten ansieht). Was ist mir geblieben? Lesen, die vier Spezies in einfachster Ausführung, Rechtschreiben (mit wiederholter Nachhilfe). Aus Geschichte usw. vage Brocken. So geht es aber auch einem Arzt-Spezialisten auf dem Gebiet der Medizin im allgemeinen, einem Ingenieur usw. Läßt sich dieser Effekt nicht ökonomischer erzielen? Die Aufgabe ist: Optimum an mühelosem, praktischem, unvergeßlichem Überblick. – Technik des Wiederfindens lehren. Jedenfalls erfordert das eine gewisse innere Anordnung des Stoffes.
1) Man lernt nicht zu viel, man lernt nicht zu wenig, sondern man lernt im unrechten Augenblick.
2) Es handelt sich nicht darum, ob mehr Humaniora oder mehr Realia, sondern darum, daß weder die noch die den Menschen entsprechend rüsten.
3) Die Schule ist nicht mit der Schule zuende. Was sie zu geben hat, ist eine Grundlage, Sehnsucht nach mehr und Arbeitstechnik. Der Schulgang kann gekürzt werden.
4) Dafür muß der Fortbildungsunterricht auch der „Gebildeten“ organisiert werden und die geistige Arbeit.
5) Die Prüfungen sind einzuschränken auf: a) das unbedingt zu Merkende; b) das Gedächtnis pädagogisch eventuell Notwendige.
6) Der Unterricht ist einzuschränken auf: a) 5 a) und b). b) Anleitende und aneifernde Übersichten.
c) Alles Eingehendere ist fakultativ zu behandeln. d) Die Gliederung der Mittelschulstudien hat sich dabei schon der Hochschule anzupassen.
7) Sprachunterricht: Moderne und alte Sprachen nach praktischer Methode beibringen; Lehrziel: Verständnis leichter Lektüre. Zum Träger der logisch-grammatikalischen Erziehung die deutsche Sprache nehmen.
8) Literaturgeschichte ersetzen durch a) Einführung in die Lektüre; b) Kulturgeschichte.
9) Religionsunterricht ersetzen durch Geschichte der Ideologien.
Zeitung als Bildungsmittel heranziehn. Latein und Griechisch: Ich lerne aus dem einen Aufsatz Taines über die Anabasis mehr über Griechenland als aus mühsamen Sprachstudium. Welcher Wahnsinn wäre täglich zwei Seiten Strindberg durchzunehmen. So werden aber klassische Autoren gelesen; verteilt aufs Jahr! Unkünstlerisch in phantastischem Maße. Der Geist der klassischen Geschichte ist von Mommsen, Niebuhr, Sybel, Savigny usw usw. verarbeitet worden: Verschieden verarbeitet. Soll man dem noch den Geist des Lehrers hinzufügen?! Der Schüler kann sich keine eigene Auffassung bilden, denn er kennt zu wenig das Material. Den Geist des Altertums zu erfassen sind die klassischen Studien durchaus nicht das geeignetste Mittel.
Panama
Marietta: Die Frauen im Hauptquartier sind sozusagen der personifizierte soziale, philosophische und dergleichen Ehrgeiz ihrer Männer. Hauptursache oder -symptom, daß die (schwierige) moralische Aufgabe nicht erfaßt wird (der Organisation des Widerstandes). Andrerseits ist aber Marietta ein Mistviech nicht ohne sympathische Lebendigkeit. In beidem liegt ihre Bedeutung. Sie ist eigentlich nur unter diesen Verhältnisssen schlecht. Sie hat etwas Urwüchsiges.
Der Flaumacher: Die praktische Begabung besteht darin, daß man recht behält auch wenn man unrecht hat.
Das Land über dem Südpol (Planet Ed)
Das Land über dem Punkt, den noch niemand betreten hat. Es wird irgendwo einen Punkt geben, den noch keines Menschen Fuß betreten hat. Vielleicht mitten in einer Großstadt. Es ist nicht ausgeschlossen. Dort trat die entscheidende Wendung in der Geschichte ein, die ich erzähle.
Vorgeschichte muß müd machen an menschlichen Freuden und Eigenschaften, damit man das Kloster der Geistigen nicht fad findet. Eine Welt regiert von wenigen, die in einer Art Kloster leben. Welt, eingeteilt in Experimentalfelder. Sie leben jeweils mit.
Aua, die Amme des Kaffeehauses. – Betreten des Punkts allein genügt nicht. Man muß auch in der gewissen Verfassung sein.
Typus der Herrscher: Mischung englisch-deutsch-französisch.
Statistik – Individuum
Die Erfahrung, daß die statistischen Daten sich mit der inneren Erfahrung nicht decken, ist eigentlich naheliegend. Zum Beispiel Zunahme der unehelichen Zeugungen in den Sommermonaten: Auf alle wirkt das Meteorologische, bringt sie in eine gewisse Disposition auf Grund deren erst das individuell Erotische ins Spiel kommt; sie selbst ist so unpersönlich wie eine gute Mahlzeit. Wir sind bestimmt in Dingen in denen wir nicht unsere Individualität erblicken. Die wir darum auch wenig beachten, sowenig wie die Gemeinsamkeit, daß wir doch alle täglich Fäkalien abstoßen. Oder um ein Uhr essen. Zusammenhängend damit: das Belanglose veröffentlichter Liebesbriefwechsel.
Südpol
Erst die verschiedenen Tiergeschichten. Dann in einem innersten Land Menschen, die alle intellektuell möglichen Konstellationen leben. Sie sind im Technischen nicht vorgeschrittener als die auf der Erde, weil sie darauf keine Energie verwenden, sondern nur gebrauchen, was dort erfunden wird, ihre ganze Energie liegt im Seelischen.
Das Land über … irgendeinem imaginären Punkt in Innerasien. Die Hauptperson Mathematiker, 25 Jahre, Genie, zermürbt von der Anwendungslosigkeit der Mathematik. Gerade auf dem Punkt, wo er sich verzweifelt wieder an die ripsüberzogenen Kinderstunden gibt. Tante Sabine, 36 Jahre.
Oben: Es ist unmöglich, zu stehlen oder jemanden zu verletzen. Dies vorausgesetzt, verliert unsere ganze Moral die Basis. Denn da man den Begriff Diebstahl nicht kennt, sieht man ihn auch in sexibus anders an.
Land über dem Südpol
Vielleicht ist es gemein, so unbedacht abzuurteilen … Vielleicht ist es töricht, nicht besser den Versuch des Verstehens zu machen … Aber dann telegrafierte ich: In Rom, über Nacht, ist der bekannte junge Gelehrte X. gelegentlich umfangreicher Forschungen über den jüngsten Kometen infolge Überarbeitung von einer schweren Psychose befallen worden. Die Ärzte erklären seinen Zustand für bedenklich, wenn auch nicht aussichtslos. Und ich fühlte fast, wie mir Generationen von Journalisten wohlwollend über die Schulter sahen und murmelte im Nachhausegehen krankhaft mir vor: daß unsere Zeit die Schnelligkeit liebt, sie ist impressionistisch, pointillistisch, feuilletonistisch und die Treppe zum Forum hinaufsteigend, wo ich damals wohnte, fühlte ich mich als der Sohn dieser Zeit, als der Sohn elektrischer Erfindungen, der Dampfturbinen, Aeroplane und Expreßzüge, und überlegte mir, ob ich nicht eigentlich besser über dieses Thema meiner Depesche noch einen Artikel nachsenden könnte …
Ich sah dann X. noch einmal nach Jahr und Tag in Berlin. Er bohrte sich finster, die hohe Gestalt gebeugt, durch die Menge. Er war auffallend mager. In Erinnerung an unser letztes Beisammensein, und weil mein Telegramm mit der Zeit doch ein wenig mein Gewissen belastete, wäre es mir lieber gewesen, ihm zu entgehen. Aber sein Auge, das – scheinbar dumpf und verschleiert vor sich hinstarrend – doch mit einer eigentümlichen huschenden, fast bösartigen Hast nach allen Seiten umherlief, hatte mich erkannt, und er kam geraden Wegs auf mich zu. „Ich suche Sie schon seit Tagen, sagte er kurz, beinahe ohne Begrüßung, ich muß Sie sofort sprechen, ich habe keine Zeit mehr.“ Ich bat ihn, zu mir zu kommen. Unterwegs erarbeiteten sich meine Gedanken die Befriedigung, daß er – wenn er mich wegen jener unglückseligen Depesche hätte ohrfeigen wollen – dies wohl schon getan haben müßte, und ich sah mit ungetrübter Neugierde seinen Mitteilungen entgegen. – Das war zeitig am Vormittag, als wir uns so getroffen hatten, gegen ein Uhr nachts verließ er meine Wohnung. Er schüttelte mir zum Abschied die Hand und sagte: „Sie waren ungläubig und gemein, und wenn ich damals Zeit gefunden hätte, würde ich sie wohl verprügelt haben, aber sie waren der erste, der mich mit Kot bewarf, und heute empfinde ich das merkwürdigerweise fast wie eine Erinnerung an schönere Zeiten. Sie sind sozusagen mein Freund geworden, wie man den Anfang eines Unglücks liebt, weil ihn die Entfernung dämpft … Und ich nehme Abschied vom Leben.“ Ein Paket mit Aufzeichnungen und Schriften ließ er bei mir zurück. Ich begegnete ihm dann nur noch ein einziges Mal und teilweise, nämlich bloß seinem Namen und das war ein Journal für Psychiatrie und wenige Wochen nachher … Was ich hier jetzt veröffentlichen werde, ist der Inhalt seiner fragmentarischen Aufzeichnungen, ergänzt durch das, was er mir selbst erzählte. Alles Mathematische, Berechnungen, astronomische Ortsbestimmungen, Beweise für die Wirklichkeit seiner Entdeckungen und dergleichen lasse ich weg, teils zur Bequemlichkeit meiner Leser, teils – um es aufrichtig zu sagen –, weil ich bis heute noch nicht die Scheu überwinden konnte, mich in dieses Formel- und Zahlenmaterial zu vertiefen. Ich habe einigemale hineingeblickt und wurde so fortgerissen von dem klaren, zwingenden Aufbau dieser Überlegungen und zur Bestätigung mitgeteilten Tatsachen, daß mein Verstand zu zittern begann, wie ein dünnes Boot, von einem überstarken Motor angetriebenes Boot, den es nicht auszuhalten vermag. Es ist nicht ehrenvoll, aber ich vermied diese Beweise, weil ich fürchtete, ihnen glauben zu müssen und ihnen doch nicht glauben wollte. Aber ich denke mich einer Schuld zu entledigen, indem ich das Übrige hier zu seinem Gedenken veröffentliche.
Südpol
Gute und verläßliche Fakten aus dem Leben der Tiere in den neuesten, von Fachmännern besorgten Auflagen des Brehm. Begattung bei Molchen und Salamandern: Sie schwimmen mehrmals aneinander vorbei, dann setzt das Männchen das Sperma am Boden ab, das Weibchen holt es sich und führt es sich selbst ein. – Das bloße Suspendiertsein des Genusses ins Beisammensein, das Verstohlene des Weibchens, wie ein Exibitionist bei der Laterne.
Der Frosch drückt manchmal mit seinen Haftschwielen das Weibchen tot. So brünstig ist er. Es soll vorkommen, dass sie in dieser verwirrten Brunst Fische überfallen und ganze Karpfenteiche verwüsten. Das Männchen wird vom Weibchen spazieren getragen, acht bis vierzehn Tage lang. Einmal im Jahr. Das Weibchen eines brasilianischen Laubfrosches sucht, während sie ihn so trägt, eine seichte Stelle am Tümpelrand und dämmt dort eine flache Schüssel ab. Mit den Händen, mehrere Nächte lang, mit dem Männchen am Rücken. Dann erst legt sie die Eier ab und das Männchen spritzt sein Sperma darauf.
Die Geburtshelferkröte legt ihre Eier in Schnüren aus. Das Männchen fängt sie auf und schlingt sie sich achterförmig um die Hinterbeine, während es sich am Rücken tragen lässt. Bei der Darwinskröte nimmt das Männchen die befruchteten Eier in den Mund, es bildet sich ein Kropf, in dem es sie trägt, bis sie ausschlüpfen. Bei Fischen und Amphibien verteidigt oft das Männchen die Jungen gegen die Mutter. Bei Fischen baut fast immer das Männchen das Nest. Bei vielen trägt es die Eier im Maul. Auch bei den Seepferdchen trägt das Männchen die befruchteten Eier an sich, quasi schwanger.
Bei einer Art Fröschen klettert die Mutter auf einen Baum und sucht ein morsches Astloch, das sie ausmuldet. Holt dann von andren Bäumen Harz und verschmiert das Nest damit.
Bei einer Kröte schmiert sich das Männchen (?) die befruchteten Eier auf den Rücken in eine der wabeartigen Erosionen, dort wachsen sie fest ein. Das ist wie eine Vorstufe der Schwangerschaft. Nur vom Männchen übernommen.
Es wird ein ethischer Kongress der Tiere einberufen, bei dem sie sich über die besten derartigen Einrichtungen aussprechen und einigen sollen, in bezug auf die seelische und soziale Wirkung.
Südpol
1. Kapitel – Einleitung und 1. Kapitel, fragmentarisch. …
x. Kapitel – Der Kongreß der Tiere. …
y. Kapitel – Die Bestraften. Eine Travestierung der göttlichen Komödie. Die Nationalisten, Staatsfanatiker, idealistischen Philosophen und so weiter werden damit bestraft, dass sie ihre Behauptungen bis in die wahren Konsequenzen leben müssen. Eine eigene Gruppe, die moralischen Systeme.
Priesterroman
Manchmal stehn die zwei Pappeln vor seinem Fenster in der Dämmerung wie der Schweifbusch des Satans. Der Bergsturz links äfft (klafft) wie ein kahl geöffneter Hinterteil. Und unten, hinter den kleinen Häusern, wohin man nicht sehen kann, fließt – er weiß es – dunkel und trüb der schmale Bach; geschlängelt, wahrscheinlich jahrhundertelang mit den gleichen, sinnlosen, schnellen Windungen sich auf der gleichen Stelle krümmend, eine behende, unaufhörliche, gräßlich zwecklose Schlange von Murmellauten, ein höllisches Seelenungeziefer, das er nicht von sich abschütteln kann. Und unter dem Wasser gedeihen dicke Gräser, deren Namen niemand hier kennt, und aufgedunsene Würmer bohren in der Erde. Abends aber, wenn das Tal zwischen den Bergen hinabsinkt, graben seine Augen in diesem Dunkel wie gebückte Weiber auf Kehrichtbergen; er allein fühlt, wie die Höfe rückwärts (hinten) offen stehn, mit den achtlos ausgebreiteten Eingeweiden des täglichen Lebens all dieser Seelen, deren Hirt er ist, den Holzstapeln, den Düngerhaufen, den aufgehängten Hemden, den Handlungen ohne Zeugen, einer Schaufel, einem stehen gelassenen Karren, den kleinen hölzernen Aborten. Eine gräßliche Unzucht. Während vorne die Straße läuft, wo das Dorf einen Namen hat. Er hat, bevor er sich hieher zu kommen wünschte, lange an der Universität studiert, nicht nur Theologie, sondern auch Philosophie und ziemlich viel von den Naturwissenschaften, und glaubt darum an die Existenz des Teufels, von Dämonen und Engeln. Denn das sind Wesen, deren Existenz die Wissenschaft nicht widerlegen kann, wenngleich die Art dieser Existenz schwer zu bestimmen ist. So schwer, daß er – wenn er mit sich allein ist – einräumt, daß das Verdienst der Kirche mehr darin besteht, daß sie an ihrer Existenz festhält, als in der Art liegt, wie sie sich diese ausdenkt. Er hat in Stunden kalter, rein intellektueller Extase – und hierin lag für ihn die Gewähr, daß er nicht verrückt, sondern zu ungewöhnlichen Erkenntnissen bestimmt sei – in der Spannung von Studiernächten, in denen kein Laut war als das Hämmern seines Gehirns rings über allen Dächern, schon vor langer Zeit jene Kanäle gebohrt, welche sein Wissen mit der Möglichkeit seines Glaubens verbanden. Es war für ihn leichter als für solche, denen die Wissenschaft die Erfüllung keines Bedürfnisses schuldig bleibt, weil sie ganz von der geistigen Art ihrer Zeit sind, und schwerer als für jene bäurischen Seminaristen, (denen man erzählt, daß Kant ein recht kluger aber philosophisch zu wenig geschulter Mann war, und) die an den Teufel glauben, weil sie nie etwas andres gehört haben. Er aber hat, obwohl er weiß, daß er es nicht sollte, fast eine Zärtlichkeit für jenen eisigen und engen Stolz der Wissenschaft, der auf das Knappe und Tatsächliche gerichtet ist und stets wird ihm als letzte Entschuldigung für die Geistlosigkeit ihrer Erlebnisse erscheinen, daß sie wahr sind. Sein eigenes Leben hätte sonst nicht seinen Wert.
Vor vierzehn Tagen hat er seine neunundschechzigjährige Wirtschafterin begraben. Verhuzelt war sie im Sarg gelegen mit braunen Faltenhänden und zahnarmen Kiefern. Zeit ihres Lebens war sie fromm und ehrsam gewesen; der Meßner brachte ihm die Grabschrift auf die gottselige Jungfrau zum Visum. Er las sie und es beschlich ihn ein unangenehmer Gedanke. Er ist ihn heute noch nicht los. Es ist eigentlich kein Gedanke. Mehr wie wenn man in ein Gebüsch gegriffen hat und Blätter und kleine Würmer an der Hand kleben. (Vierzehn Tage vor jenem Abend, wo er seiner Wirtschafterin auftrug, ihm ein Bad zu bereiten, war seine alte … gestorben … gewesen; der Meßner hatte ihm … zum Visum gebracht. Er hatte sie gelesen und ein unan genehmer Gedanke beschlich ihn, dessen Nachwehen er bis heute nicht los wurde. Es war eigentlich kein Gedanke; es war mehr wie wenn man im Frühjahr einen großen Stein wegwälzt und in das vergilbte Afterleben schaut, das darunter den Winter überwand.
Die Vorstellung der sorgsam behüteten Jungfräulichkeit des alten Weibes, das sein Haus mit ihm geteilt hatte, ekelte ihn wie eine geschlechtliche Götzendienerei.)
Seine neue Wirtschafterin ist schon wenige Tage später zu ihm gezogen. Sie ist die Base einer Häuslerin aus dem Dorf, die ihn in der Zwischenzeit besorgt hat und ihr Kommen vermittelte. Sie ist vorher bis vor einem Jahre ungefähr bei dem alten zu jener Zeit verstorbenen Pfarrer in St. Jakob in Stellung gewesen.
Es ist ihm angenehm, daß wieder Ordnung herrscht und weil er sich gleich wieder an seine Bücher begab hat er von ihr noch keinen andern Eindruck gewonnen, als daß die Zimmer, die zur Zeit der Alten nach Salben und Kräutern rochen jetzt einen andern Geruch haben. Und daß, so sie im Neben hantiert, oder durch den Gang vor seiner Stube kommt, die Dielen unter dem Gewicht ihrer Knochen anders krachen als unter den Schritten der Verstorbenen. Und daß sie, wenn sie durch die niedern Türen tritt, deren Rahmen beinahe mit den Schultern und Hüften berührt.
Er hat ihr am ersten Tag den Auftrag gegeben, ihm warmes Wasser zu bereiten und den Trog, der in der Küche stand zu einem Bad zu füllen. Sie hat ihn lang angesehn und dann ernst gesagt: der selige Herr Pfarrer hat das nie von mir verlangt. Er hat flüchtig aufgesehn, es ist ihm die Erinnerung durch den Kopf gefahren, daß die Seminaristen in … eine ärztliche Verordnung den Oberen vorweisen mußten, um die ausnahmsweise Bewilligung eines Bades zu erhalten, und er hat ihr kurz befohlen, daß sie zu tun habe, was er ihr sage.
Als Barbara ihm am nächsten Morgen das Frühstück brachte, ist sie nicht gleich aus dem Zimmer gegangen, ist noch in der Tür stehn geblieben und hat ihm mitgeteilt, daß sie in der Nacht den Teufel gesehen habe. Er erinnert sich, daß es ihm unangenehm war, als sie das sagte.
Er hat die Vorstellung, daß der Teufel nichts für solche Leute ist. Er selbst hat nie den Teufel gesehn.
Er hat mehr eine indirekte Vorstellung von ihm. Wenn man durch Wiesen voll Lauch und Lattich geht, durch nasses Niederholz. Die Kürbisse und das alte Mistbeet hinter seinem Haus …
Priesterroman. Er wohnt …gasse 17, Tür 7. Dann …gasse 27, Tür 17. Usw. Er hatt da überall Unglück und war schon ganz abergläubisch wegen der vielen Sieben. Er zieht in eine Nummer 6, Tür 6 und von da an gelingt ihm alles.
Konsequenz: So blöd ist das Metaphysische. Der Urgrund der Welt ist nicht geistvoller als ein blöder Aberglaube! Er hält den Aberglauben für wahr und verachtet die Welt. In dieser Einstellung gelingt ihm natürlich noch mehr.