Kitabı oku: «Robert Musil: Gesammelte Werke», sayfa 49

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Satirisch-utopische Experimentalromans

Kriegstagebuch eines Flohs

Vorwort

So treue Begleiter des Menschen wir sind – unser Anspruch auf diesen Titel ist größer als der des Hundes, denn insgesamt haben die Menschen weit mehr Flöhe als Hunde; schon deshalb, weil allein auf jeden Hund mehrere Flöhe entfallen – und so Bedeutendes wir zum Aufstieg der Menschheit beigetragen haben, denn die Furcht vor uns trug sehr zu ihrer Reinlichkeit bei, und der Verbrauch an Seife ist bekanntlich ein Gradmesser der Zivilisation: so ungenaue Vorstellungen von uns sind bei den Menschen verbreitet. Schon über unsere Lebensdauer wissen sie nichts. Im Brehm …

Ich weiß, daß meine Rasse im Zeitalter der Hygiene keinen leichten Stand hat. – Die Flohpoesie ist ganz und gar altmodisch. – Aber solange über Fliegen und Hunde Bücher geschrieben werden. Überdies wird kein Mensch bestreiten, daß wir über die Maßen kriegerisch und tapfer sind. – Im Zeitalter des Militarismus ebenso wie des Sports dürfen wir unseren Platz beanspruchen. Nachtrag: Ich war auf Sommerfrische bei einem Tiroler Bauern … Auf fremdem Boden. Parasit des Bluts. Welch ein Symbol!

Und ich glaube, die meisten Menschen halten uns für Saisontiere wie die Mücken. Nun ist allerdings die Mortalitätsziffer unter uns Flöhen erschrekend hoch, aber nur weil wir den ärgsten Verfolgungen ausgesetzt sind und selten eines natürlichen Todes sterben. Ich kann aber behaupten und sehe dem Gegenbeweis der Wissenschaft mit Ruhe entgegen, daß die natürliche Lebensdauer eines Flohs gar nicht so gering ist. Ich war im Jahre 1914 bereits ein Floh in der Vollreife meiner geistigen Anlagen und schreibe heute meine Erinnerungen nieder; mein Gedächtnis ist vorzüglich und von der Verbitterung des Alterns, wie Casanova bei Niederschrift der seinen, fühle ich noch nichts.

Ein zweites Vorurteil gilt unsrer lästigen Natur. Hier muß ich zugeben, daß es allerdings ganz ordinäre Flöhe gibt, ja daß vielleicht die Mehrzahl von uns das vernichtende Urteil verdient, das man jederzeit gegen sie zu vollstrecken bereit ist. Allein meiner Ansicht nach kommen diese Eigenschaften nur von der langen Lebensgemeinschaft mit den Menschen. Wir sind rücksichtslos, athletisch geschickt, todesverachtend, nicht abzuschütteln, wenn wir uns etwas vorgesetzt haben, opfern das Blut anderer Geschöpfe, und vermehren uns stark, weil wir die Liebe und die Familie hochhalten: das sind Eigenschaften des starken Menschen, welche er allerdings andren niemals erlaubt.

Wenn ich indes von einem Vorurteil spreche, so meine ich eben, daß man zwischen Flöhen genau so Unterschiede machen muß wie zwischen Menschen. Was der Mensch erwischt, sind zudringliche Flöhe, und die geistigen, sensiblen, gebildeten, feinfühligen Flöhe entziehen sich seiner Kenntnis, ganz abzusehen davon, daß es hieße eine ungerechte Forderung an die Flöhe richten, wenn man verlangte, daß die hochgearteten Geschöpfe gerade unter ihnen die Mehrheit bilden sollten. Man wird in mir einen solchen kennenlernen und ich kann mir deshalb die Beschreibung ersparen bis auf eine Vorbemerkung: Ein Feinfloh legt Wert darauf, mit einem Menschen von Bedeutung zusammenzuleben. Er sucht lange, bis er das ihm Zusagende findet, aber dann trennt er sich nicht so leicht von seinem Gefährten, an dessen geistigen und körperlichen Schicksalen er regen Anteil nimmt. Er trachtet, ihm im gemeinsamen Haushalt möglichst alle Unannehmlichkeiten zu ersparen, und nährt sich deshalb von Menschen – oder Tieren – mit denen sie in Berührung kommen, und macht Jagdausflüge, von denen er möglichst bald zurückkehrt. Er hat – dies muß ich zum Verständnis von Späterem erwähnen – dabei ein Orientierungsvermögen wie ein Zugvogel. Und nur im Notfall vergreift er sich an seinem Herrn oder der Dame seines Interesses. Einmal im Lauf mehrerer Monate stellt der Großstädter ärgerlich fest – in der Einsamkeit der ländlichen Natur geschieht es häufiger – daß er im Auto, auf der Elektrischen, in der Eisenbahn, im Gedränge oder durch die verfluchten Hunde, welche das Haus verschweinen, den Besuch eines Flohs erhalten hat: Es kommt natürlich vor, daß dies gewöhnlich der Vulgärfloh (lateinisch pulex irritans) ist, aber zuweilen ahnt der Mensch nichts davon, daß es durch Jahre der gleiche, so außerordentlich zurückhaltende geistige Floh ist, der mit ihm lebt.

Es ist allerdings richtig, daß wir im Schmutz geboren werden. Aber nicht wenig emporgekommene Menschen rühmen sich dessen geradezu. Und im übrigen ist der Geburtsakt des Menschen und manches andre an und in ihm auch nicht gerade das Sauberste. Es ist nicht wahr, daß wir schlecht gepflegte Menschen bevorzugen. Ordinäre Flöhe tun dies wahrscheinlich ebenso wie ordinäre Menschen. Der Feinfloh liebt die reine Haut und die duftende Wäsche. Ich habe in meinem Leben häufig in den höchsten Gesellschaftskreisen verkehrt. Was mir zu stechen erlaubt, ist nur die geistige Überlegenheit, eine Art Wut auf die erfolgreichen Menschen. Niemals habe ich einem Genie weh getan.

Ein Feinfloh versteht natürlich die Sprache der Menschen. Bekanntlich ist das Umgekehrte nie der Fall. Aus begreiflichen Gründen, da die Verfolgung die Intelligenz anspornt. Deshalb ist auch noch niemals ein Geistfloh gefangen worden. Hervorgestoßene Zornesworte verraten ihm die mörderische Absicht und gestatten ihm, sich rechtzeitig zu bergen. Was Menschen zwischen die Finger geriet, war stets nur ein Ordinärfloh, der die Sprache nicht erlernt hat. Ich will nicht verhehlen, daß mich der Tod dieser groben Geschöpfe kalt läßt. Im Gegenteil, je mehr von ihnen umgebracht werden, desto besser ist es! Ich hab kein Nationalgefühl in mir!

Es ist ihm durchaus unangenehm, daß er ein Floh ist, obgleich große Dichter … Später: Gespräche mit dem Säbel, der Fliege.

Anfang: Rom und Porto d’Anzio. Pension Kaiser + Wacker. Ich hatte damals meinen Standort oberhalb des Knies von Madame Parmentier.

Schwere Existenz wegen der Unverschämtheit der italienischen Flöhe. Gespräche. Die schöne Ottavina. Der brave Hausknecht. In Porto d’Anzio. Der Fliegerleutnant und mein Herr als Rivalen.

Mondnacht in einem abseitigen Teil des Strandes. Madame Parmentier sitzt, Madame Parmentier erlaubt schon die Röcke zurückzuschieben und die Knie zu bewundern. Da, ein Geräusch. Rasch alles Verfängliche beseitigt: Der Tenente. Gemeinsames Pistolenschießen am Meer.

Am nächsten Tag die ersten ernsten Nachrichten. Alle noch optimistisch. Mein Herr ernst. Madame Parmentier hat kein Interesse mehr für ihn. Es wird Zeit für mich, mein Standquartier zu verlassen, wenn ich nicht zurückbleiben will. Mein Herr scheint verliebt in einen württembergischen Professor zu sein.

Abreise. Ankunft in Berlin. Wie nach Sylt. Langer Aufenthalt in einer Station. Das durchkommende Regiment (wie auf Sylt). Schwieriges Weiterkommen. Grabesernst in Berlin. Das Gedränge beim österreichischen Konsulat. Die Mobilisierung. Schöne Zeiten für Flöhe. Unsre historische Vorliebe für Stroh. Wir müssen auf Antwort warten. Das Mystische. Quatiermeister Stein und die Siege in Belgien. Kerr, Bie usw.

Er kommt erst auf Umwegen zu seinem dauernden Herrn. Kurz vor dem Augenblick, wo dieser verwundet wird. Ärgert sich gerade über die zu kurz tragenden österreichischen Geschütze und die österreichische Politik als Ursache. Hat einen Fluchtimpuls, der aber von den vorwärts Drängenden überschwemmt wird. Empfängt den Schlag – gibt einen kleinen Laut von sich. Befriedigung über die Verwundung. Dann Angst beim Daliegen. Auch solches beschreiben wie Genugtuung eines geistigen Menschen über die Tapferkeitsauszeichnungen, obgleich er sich doch klar ist. Geschichte mit der Bataillonskasse. Ausflug zu Landtmann und Geschichte der Altartür. Dann diese Halbgefahren, die wie Gefahrtümpel sind, stehend, ungewiß, eigenartig reizvoll. Diese verhallenden Schüsse hie und da im Gebirg (Steinewerfen, klein Grau) gehören dazu, zerdehnte Gefahr. – Die Erlebnisse mit Hradezny und Vidale (er hieß so ähnlich wie Rhadetzky und hatte einen Schuß durch den Hintern).

Das Schlieferl

In sechs Tagen schuf Gott Himmel und Erde. Am siebenten schuf er nichts. Er hatte bloß sein Gefallen an allem. Und doch entstand an diesem Tag noch ein Geschöpf. Das war das Schlieferl. Es entstand aus Gefälligkeit.

Der hohe Herr wollen, wenn ich es der hohen Einsicht anheimstellen darf, erwägen, daß ich eigentlich aus nichts bestehe, begann das Schlieferl, und da Gott allgütig ist, erwog er es. Er setzte das Schlieferl an einen Ort, wo nichts geschah und also auch dem Schlieferl nichts geschehn konnte, unter die Juristen der kaiserlich-königlichen Ministerien. Er nahm ihm vorsichtig alle Knochen aus dem Leib, gab ihm eine Haut, die so glatt und zäh ist wie das feinste Konzeptpapier, und ein Ölklistier als Seele. Mit Hilfe dieser Ausrüstung wurde das Schlieferl sehr angenehm und unterschied sich auf das Vorteilhafteste von einem gemeinen Kriecher. Auf einem Kriecher tritt man herum, was immerhin eine, wenn auch geringe Anstrengung bereitet, wenn man Schlieferl hat, bleibt man bequem im Amtsstuhl sitzen, und bei dieser Gelegenheit, also bei der Sitzgelegenheit, dringt das Schlieferl hinein und erobert sich das Innere seines Vorgesetzten. Man merkt es gar nicht, aber einmal da angelangt, wird das Schlieferl eine unentbehrliche Annehmlichkeit.

Das Schlieferl ist liebenswürdig, das zeigt schon der Diminutiv; einen Schliefer gibt es überhaupt nicht. Es hat niemals eine eigene Meinung, sondern immer die seiner Vorgesetzten, und wenn ein Schlieferl geschickt ist, hat es die Meinung seiner Vorgesetzten früher als diese. Im Zweifelsfall erledigt es einen Akt so, daß man jede Meinung darin finden kann; für diesen Zweck hat es den Ministerialstil erfunden, der so ist wie wenn man einen Apfel in einer einzigen langen Spirale schält und diese dann hinlegt: tritt einer drauf, so rutscht er aus, da steht aber der Konzipient schon und fängt den Vorgesetzten auf, wohin immer er sich neigt und hat von der hohen Einsicht des Vorgesetzten eben diese Auffassung erwartet.

Eine besondere Stärke des Schlieferls ist sein Gedächtnis für Vorakten. Da es selbst, wie eingangs erzählt, nur auf Grund früherer Akte Gottes entstand, kennt es kein Ding der Welt, das es nicht mit Hilfe von Vorakten erledigte. Niemals wird ein Schlieferl seinem Chef eine neue Entscheidung zumuten, und gälte es die Welt neu zu erschaffen, es würde wissen, daß das schon einmal da war, wie es der Herr Ministerialrat X. gemacht hat und wie es aufgenommen würde. Auch für alle Personaldaten hat daher das Schlieferl ein besonders gutes Gedächtnis. Die Welt verachtet es, erst was der und jener da und dann darüber gesagt hat, ersetzt ihm die Sache, wo ein Vorakt fehlt.

Es versteht sich von selbst, daß die großen Erfolge, welche die Schlieferln in den Ministerien erzielten – nach einer Behauptung des Abgeordneten L., die dieser bei der Begrüßung des Abgeordneten Wense machte, sollen sie es sogar – obgleich dies durchaus die private Meinung Herrn Ls bleiben möge – bis zum Sektions-Chef bringen – dazu beigetragen haben, daß sie sich in alle Berufe verbreiteten. Es gibt heute Schlieferln auch unter den Politikern, unter den Dichtern, den Kritikern, den Journalisten, ja es gibt sogar Schlieferln der Aufrechtheit und Überzeugungstreue. Sie passen sich natürlich jeweils ihrem Milieu an, und es ist sehr schwer, sie einheitlich so zu kennzeichnen, daß jeder sie sofort herausfinden kann. Man muß die Nase für sie haben, denn sie sind wie Gerüche, deren hauptsächlichste Eigenschaft ja auch die Substanzlosigkeit ist und die Fähigkeit durch jedes Schlüsselloch zu dringen. Sie haben nichts Festes und sind deshalb immer dort, wo etwas los ist. Sie tun niemals Übles und niemals Gutes, aber sie halten die Beziehungen zwischen allen Üblen und allen Guten der Welt aufrecht. Sie bestehen überhaupt nur aus persönlichen Beziehungen ohne eine Person zu sein, man kann an ihrem Kommen und Gehn erkennen, ob es einem gut geht oder die Leute von einem sprechen oder nicht, ob man augenblicklich und mehr oder weniger einen wichtigen Punkt in der Welt einnimmt. Deshalb sind sie unentbehrlich. Selbst der liebe Gott wüßte wahrscheinlich nicht, wenn er sie nicht aus Versehen erschaffen hätte, ob er im Mittelpunkt des Interesses steht oder passé ist.

Das geniale Rennpferd

Sitzung der Unsterblichen. Nachdem alle sitzen, ist bis auf weiteres der Zugang zur Akademie gesperrt.

Man sieht Denkerstirnen. Gesichter, in denen das Leben der Zeit pulst.

Der Präsident: Unsterbliche! Ich bitte unser neues Mitglied, zu entschuldigen, daß wir uns nicht zu seiner Begrüßung erheben. Wir sind stolz, es nicht zu können. Die Akademie der Dichtkunst, welche anfangs – wie wir gerne einräumen – von der Öffentlichkeit mit einem beträchtlichen Mißtrauen, ja sogar mit Lächeln aufgenommen worden ist, hat sich durchgesetzt. Ein männlicher ruhiger Geist wie der meine hat nichts anderes erwarten können. In einem Zeitalter, wo die Wirtschaft eine so große Rolle spielt, und in einem verarmten Volk mit Idealen war die Verbindung der Wirtschaft und der unaustilgbaren Bedürfnisse des Humanismus eine Notwendigkeit. Der wirtschaftliche Vorteil, den sie gewährt, war auch das erste, was die Öffentlichkeit vom Wesen der Akademie begriffen hat.

Wir sind uns nicht klar darüber, welche geistigen Aufgaben die Akademie erfüllen soll. Aber wir sind einig darin, daß es diese Aufgaben geben muß. Namentlich die erst später zu uns gekommenen Mitglieder haben das klar zum Ausdruck gebracht. Sie haben vor ihrer Ernennung behauptet, daß die Akademie eine vollkommen nutzlose, veraltete Einrichtung sei, welche persönlichen Beziehungen diene, von denen man sie mit Unrecht ausschließe; und das erste war, nachdem sie aufgenommen wurden, daß sie erklärten, sich diesem Rufe nicht verschließen zu können, weil es eine Pflicht sei, die Möglichkeiten auszunutzen, welche eine Akademie biete, um dem deutschen Geist zu dienen. Wir wollen also über die wirtschaftlichen Vorteile nicht gering denken; sie ziehen die Ideale nach sich, und wir hoffen alle, daß uns etwas einfallen wird, um der deutschen Dichtung sehr zu nützen.

Der Andrang zur Akademie ist unter diesen Umständen naturgemäß sehr groß geworden. Wir haben uns nach dem künstlerischen Verdienst gerichtet, nach der Auflagenziffer, nach Zufällen, nach persönlichen Beziehungen, nach Staatsinteressen, nach Intrigen – aber alles das hat nicht genügt, um die Auslese des unsterblichen Teils der deutschen Dichtung in feste Grenzen einzuschließen. Es ist schlechterdings nicht zu sagen, was alles in die Akademie gehört, und noch weniger, wer darin sein möchte. Jeder. Wir haben darum vorläufig den Zuzug gesperrt, indem wir fest auf unseren Plätzen sitzen.

Wir nehmen heute das letzte Mitglied auf. Seinen Verdiensten haben wie uns nach reiflicher Überlegung doch nicht verschließen können, und ich erteile somit unserem unsterblichen Freund, dem Rennpferd Blunderbuss das Wort zu seiner Antrittsrede.

Blunderbuss: Unsterbliche!

Es mag 25 Jahre her sein, daß zum erstenmal ein Sportjournalist es wagte, das Wort niederzuschreiben: das geniale Rennpferd. Es galt meinem Vorfahren Ferror. Sie aber erst haben den Mut besessen, das Ergebnis der Zeitentwicklung zu ziehen und mich in den Kreis der gekrönten Geister der Nation aufzunehmen. Ich will versuchen, Ihnen meinen Dank dafür abzustatten, indem ich die Gründe ihres weitvorausblickenden und doch so zeitgemäßen Beschlusses ausspreche, der mich geehrt hat, mehr aber noch das Prinzip, dem wie alle dienen.

1. Mitglieder der Akademie! Wenn Platon, von dessen Akademie die unsere den Namen empfangen hat, heute in einer Zeitungsredaktion vorspräche: was würde sich abspielen? … Und das alles würde ganz mit Recht geschehen. Das ist die Bedeutung der Popularität. Oder akademischer ausgedrückt, der Auflagenziffer.

2. Aber Ihr Gewissen sagt Ihnen, daß die Courts-Mahler eine höhere Auflage hat als sie, daß die Lustige Witwe öfter gespielt worden ist als Madame Lescaut, ja sogar als der Wettlauf mit dem Schatten und der Schweiger. Wie ordnen Sie das in ihr Gewissen ein?

Unsterbliche, Sie glauben nicht an die Magie des geschäftlichen Erfolgs, aber sie glauben bis zu einem gewissen Grad an diese Magie. Sie sind der Überzeugung, daß man ein schlechter Schriftsteller sein und eine große Auflage haben könne, aber Sie sind nicht überzeugt, daß man ein großer Schriftsteller sein und eine kleine Auflage haben könne. Das ist kein Widerspruch, wohl aber ein unklares Verhältnis. Erlauben Sie mir die Hoffnung, mit meiner Erfahrung als Rennpferd Ihnen vielleicht dienen zu können. Ein großes Rennpferd ist nicht denkbar ohne einen großen Totoumsatz. Die Interessen von Züchter, Besitzer, Trainer, Reiter, Klub, Buchmachern, Wettern, Berichterstattern hängen an ihm. So ist es auch in der Literatur. Wir Tiere haben das Sprichwort: Wo Tauben sind, fliegen Tauben zu. Sie sagen: Wo Könige bauen, haben die Kärrner zu tun: Es ist das gleiche. Der Mann, welcher seine 10 Mark in meinen Sieg oder in ihrem Buch anlegen will, wird eher kommen, wenn ihm der Betrieb um uns imponiert. Und nur für diesen Mann, das heißt, dafür, daß er sein Geld auf die beste Weise anlegt, arbeiten wir.

Trotzdem, wenn wir auch den Erfolg um der Erziehung der Nation willen mit einer gewissen Umsicht pflegen, sind wir uns auch bewußt, daß es nicht allein auf den Erfolg ankommt. Noch nie sind zum Beispiel ein Florettfechter oder ein Trabrennpferd von den Sportjournalisten genial genannt worden, sondern mit tiefem Instinkt nur ein Galopp-Pferd, ein Boxer oder ein Fußballcrack. Es kommt da auf zwei Dinge an: man muß dem Volk ans Herz greifen und man muß eine gewisse Qualität des Edlen besitzen.

3. Lassen Sie mich von der zweiten zuerst sprechen. Ich fühle mich da in der heiklen Lage, daß meine Worte Sie leicht verletzen könnten, weil ein edles Rennpferd derart einmütig bewundert und erkannt wird, wie es Ihnen im allgemeinen nicht beschieden ist. Ich muß da abermals vom Erfolg sprechen. Wir verdanken unseren Erfolg ja nicht der Bewunderung, sondern die Bewunderung dem Erfolg, während bei Ihnen dieses Verhältnis in einem gewissen freien Gleichgewicht und gegenseitiger Steigerung besteht. Lassen Sie uns über diesen Unterschied aber nicht den Idealismus der Nation vergessen. Die Nation will bewundern, ja sie muß. Es ist eine Nation, welche schon viele große Dichter besessen und bewundert hat. Diese Dichter sind tot und die Vokabeln der Bewunderung sind übrig geblieben. Sie wissen, eine Witwe heiratet leichter als ein Mädchen – die Funktion der Bewunderung verlangt gebieterisch nach einem neuen Inhalt. Abermals greife ich nach einem Beispiel aus dem Tierreich: Es kommt vor, daß man in der Brunftzeit männliche Frösche tot angeklammert an ein Stückchen Holz findet. So geht es den Kritikern, den Essayisten, den Biographen, den Zeitschilderern, den Bewunderern aller Art: sie klammern sich, um ihre Vokabeln und Sätze loszuwerden, an alles an, aber am liebsten natürlich an das, was schon feststeht. Die edle Qualität besteht darin, daß man die edlen Qualitäten erregt.

4. Lassen Sie mich einen vergleichenden Blick auf die geistigen Qualitäten eines Dichtenden … eines rennenden Genies werfen.

DRAMEN

Vorspiel zu dem Melodrama Der Tierkreis

[Der Merker, 1.5.1920, S. 246-253]

(Landstraße. Schneesturm. Dunkler Abend. Mann, Frau kommen schwer ankämpfend, bleiben erschöpft stehn.)

Mann:

Not, Tod! (Er läßt eine schwere Hausierertrage von den Schultern gleiten und lehnt sich erschöpft darauf.)

Frau:

Was treibst Du?! Seit einer Stunde sagst Du nichts als diesen Blödsinn.

Mann:

Seit einer halben erst; es muß einen Grund haben. Mein Herz ließ aus, ich hätte die verdammte Kraxe stehn lassen sollen. Jeden Besitz hab ich stehn lassen, den letzten Dreck hab ich durchs Wetter schleppen müssen! Not, Tod! Haha, nein, ich dachte, ich muß sie retten!

Frau:

Wir kommen um, wenn wir stehen bleiben. Hilf mir lieber vorwärts. (Sie kann sich kaum gegen den Sturm am Platze halten.)

Mann:

Ja, wir kommen sicher um.

Frau:

Komm, komm! War seit vier Stunden kein Haus, muß doch bald eins kommen!

Mann:

(an einen Baum gelehnt:) Ich kann nicht. Ich habe mich übernommen.

Frau:

Aber was soll ich denn tun?! Soll ich hier auf der Straße verrecken – wie ein Roß?!

Mann:

Vorwärts!

Frau:

Vorwärts!

Mann:

Nein Du! Geh allein.

Frau:

Oh Gott, da soll ich nun alles liegen lassen!

Mann:

Vorwärts, vorwärts! Du wirst schon ein Haus finden. Vorwärts, sage ich!

Frau:

Aber ich fürchte mich vor dem Sturm.

Mann:

Vorwärts, sage ich! Sonst krepierst Du. (Er schlägt sie mit dem Stock.)

Frau:

Au! Du Tier!

Mann:

Sonst krepierst Du!

Frau:

Gott wird Dich strafen, daß Du mich allein in die Nacht jagst! (Heulend davon.) … Allein in die Nacht jagst …

Mann:

(hinter ihr dreinschreiend:) Sonst krepierst Du ja …

(Die Frau kämpft sich mühsam durch den Sturm. Ab.)

Mann:

Sterben will ich allein! … Stirb Du fünfzig Schritt weiter. (Lehnt sich wieder an seinen Baum. Zieht aus der Brusttasche eine halb geleerte Schnapsflasche, hält sie gegen den Rest von Lichtschimmer.) Ja, ja, noch ein bißchen, noch ein klein wenig. (Wirft, ohne zu trinken, die Flasche in den Schnee.) Not, Tod, bin ich das Weib los, brauch ich den Schnaps nicht; das Trinken kommt nur von der Sprache.

(Ein schwacher, sich ausbreitender Lichtschimmer wird von der Flasche ausgegossen und in dem stehn plötzlich die zwei Worte da. Mittelgroße Gestalten in dunklen Kapuzenmänteln, anfangs zu einem Umriß zusammengewachsen.)

Mann:

Seit wann kenne ich Euch? An der Wiege seid Ihr mir nicht gesungen worden! Verfluchte Worte! Ihr wart der Wurm im Apfel meines Lebens! Wie schön war trotzdem der Apfel.

Not:

Hast Du nicht gelacht, wenn alte Leute zitterten?

Mann:

(von der Vorstellung erheitert:) Ja, ja.

Not:

Wenn Du ein Gesicht sahst, das von Kummer und Krankheit entstellt war?

Mann:

Ja, ja. Und ich lache noch, wenn ich dran denke. Das ist eine dumme Wichtigtuerei mit dem Leiden, man soll’ davor das Gesicht ziehn wie man den Hut zieht.

Not:

Dich liebe ich! Wer so sprechen kann wie Du, den habe ich immer geliebt!

Mann:

Bei Gott, erst seit ich dreißig Jahre alt war, hast Du mich zu lieben begonnen. Und wie bescheiden Du’s eingefädelt hast. Erst nur ein-, zweimal alle paar Monate eine flüchtige Visite, das hält warm ohne zu übermüden. Dann ein paar Stunden Gesellschaft im Tag. Und mit einmal bist Du jede Nacht bei mir im Bett gelegen und warst nicht mehr aus den Schragen zu drücken.

Not:

Wenn ich Dir einen Arm um die Brust und einen um den Bauch schlang, wie wandest Du Dich, mein Knabe und hieltst Dich doch hin. Wie durchschnitt mich dein Stöhnen, wenn ich Dir auf dem Hals ritt!

Mann:

Hast mir die Polster verkauft und das Leintuch weggezogen. Mußtest dann selbst auf barem Stroh liegen!

Not:

Und kein Nachthemd mehr und bald überhaupt nur ein Hemd. Und kein Bad und kein warmes Wasser und bald keine Seife mehr. Wie hast Du zum Schluß schon gestunken, mein Junge, bei lebendigem Leib; wie Wildpret. Und warst doch früher in Batist gegangen.

Mann:

Als ich dem Hund das stehengelassene Futter aus der Schüssel fraß, das richtete mich wieder auf. Welch ein Genie ist der Mensch doch auch nach unten! Können ruhig andre meine Seidenhemden tragen.

Not:

Genug, Liebling; damit langweilst Du mich schon, ich war Dir zu lange treu wegen Deiner philosophischen Einfälle. Ich habe Gesellschaft.

Mann:

Wohl der Herr Zuhälter?

Not:

Ja; der erschlägt Dich jetzt. Ich habe nicht Zeit, mich länger mit Dir abzugeben.

Mann:

Oh, mein Fledermäuschen, verdien ich das?

Not:

Hast Du je etwas verdient?

Mann:

Aber dann doch auch nicht einen so stattlichen, kühnen Tod wie Deinen Herrn Zuhälter?

Not:

Solang es Dir gut ging, hast Du den Armen in die hingehaltene Hand gespuckt und als Du selbst den Bettlerhut hinhalten mußtest, hast Du ihn rasch aufgesetzt, wenn ein Reicher vorbeikam. Darum mach nicht so langsam, es hilft Dir doch keiner. (In einem Flackern des Lichts sieht es einen Augenblick lang aus, als stünden ein Zuhälter und seine Freundin unschlüssig vor dem hingesunkenen Mann. Dann erlischt das Bild.)

(Das Licht leuchtet wieder auf und neben einem Bildstock steht wie herausgestiegen eine schöne Frau. Blau-weißes barockes Seidengewand, Goldkrone auf dem Haar. Der Mann hat sich an seinem Stock aufgerichtet, als wollte er weiter.)

Die Himmlische:

Halt an, mein Kind, wo gehst Du hin?

Weißt Du nicht, daß ich Deine Mutter bin?

Mann:

Aus welcher Truhe bist Du ausgekrochen? Sag? Ein Geruch fließt von Dir her … Und was für prächtige Seide Du trägst; das knackt wie tausend kleine elektrische Funken. Wie die Holzscheite im Ofen, wenn der Knabe einschlief. Du elektrisierst mich. Du marterst mich. Aus dem Ofen roch die Nacht. An der Hofmauer klingelte eilig der Schlitten vorbei. Das kleine Mädchen saß in meiner hellen Ohrhöhle, an den Laternen meiner Augen vorbei wirbelten die Flocken, die ihr Haar puderten, in meiner Nase schnoben die Pferde, ach und so oft ich mit der Peitsche knallte, sprang das kleine Mädchen durch einen Reifen, schlugen die apfelblütenroten Röckchen hoch und die silbernen Sterne an den Höschen schwirrten. Aber schon, weißt Du, taute es Nacht, große Tropfen, dann spiegelschwarze Flächen –

Die Himmlische:

Halt an, mein Kind. Wo gehst Du hin?

Mann:

Oh, Du hast recht. Es war gar nicht Winter. Der Winter war schrecklich, mit den unwirschen Großen in einer Stube. Wintersehnsucht war’s, Herbst. Mutter öffnete die Truhen, die Schwestern drängten eitel hinzu. Oh, jetzt weiß ich alles. Wie süß Du riechst nach Pelzwerk und Kampfer. Ich liebe Dich ja seit je! Seidenreste kamen hervor. Unterröcke. Schweißblätter. Winterstrümpfe. Federn. Schmelzzacken. Schmetterlinge. Grüne Vögel. Monde … Zauberhaft stieg die Frau aus der Truhe.

Wo bliebst Du dann, als ich erwachsen war und Dich hätte halten können?! Muß ich Dich jetzt zum erstenmal wiedersehn?! Wie scheußlich waren die Frauen. Die Schwestern wie nackter Kuchenteig. Und die mir amtlich zugebilligte Eva sah nach dem zweiten Kind ums Becken herum aus wie der Hintern einer Ziege. Untreue? Wozu? Es ist ja doch immer derselbe weiche Seelenknödel, in den man mit der Gabel sticht.

Die Himmlische:

Halt ein, mein Liebster.

Mann:

Ja leuchte Du nur. (Der Lichtschein wird heller, Hintergrund klärt auf, jenseits des Schneetreibens wird eine blühende Landschaft sichtbar wie von ihrem hohen Rand aus gesehn.) Was treibst Du! Was zauberst Du da?

Aus einem Abend wie ein aufgesprungner Schrein

Schwebt Ding nach Ding leis in die Nacht hinein.

Die Himmlische:

Geliebter, diese Welt ist Dein und mein!

Ist wie ein Tanz durch einen sanften Wiesenhang,

Der sacht gedrehten Grüns um uns entgleitet.

Indes er den entzückten Fuß noch abwärts leitet, –

Mann:

Fühlst Du und ich entgrenzt schon unsren Gang,

Um den der Raum wie Segelstoß sich weitet!

Die Himmlische:

Und nun der Tanz uns mählig auseinanderbreitet,

An tausend Stellen trunken uns verwebend

Im Drehn –

Mann:

– Das groß und geisterhaft schon schreitet,

Fühlst Du und ich, bis in die Mitte bebend:

Die Erde sinkt, uns umeinander hebend!

(Der Mann hat einen spukhaften einsamen Tanz aufgeführt. Plötzlich sinkt er um und im Fall erlischt das Bild.)

(Als er sich wieder aufrichtet, steht im Lichtschein seine alte Mutter vor ihm.)

Mann:

Halt an, mein Kind! Das kennen wir schon! Alter Teufel, siehst Du’s, siehst Du’s, wohin Du mich gebracht hast?

Mutter:

(die Hände ausstreckend:) Mein Kind! Mein Kind!

Mann:

Jawohl: Dein Kind. Dein Lutschmäulchen, Dein Zuckerpopotscherl, Dein Püppchen! Deine Hoffnung! Dein Wille! Deine Liebe! Dein, Dein, Dein, Dein!!!! Potz Nabelschnur, am liebsten möchtet ihr mit ihr und uns Pferdchen spielen lebenslang! Hast Du mir Geld gegeben, als ich immerzu las und Bücher kaufte?!

Mutter:

Aber ich habe es Dir doch gegeben?

Mann:

Ja. Und als ich mein Weib heiratete, diesen Satan wie Du, den Du sofort ausgewittert hast, da hast Du mir keins gegeben.

Mutter:

Nein, denn sie war ja Dein Unglück!

Mann:

Ja, sie war mein Unglück!

Mutter:

(schmerzlich die Arme nach ihm breitend:) Mein Kind! Mein Kind!

Mann:

Ein Glück, daß Du Dich doch nicht vom Fleck rührst. Und als ich geächtet und ausgestoßen war, gabst Du mir Geld, um mich wieder in Ruf zu bringen?

Mutter:

Aber ich hatte doch keins mehr. Deine Schulden hatten doch schon alles verschlungen.

Mann:

Und das traust Du Dich zu sagen?! Eine Mutter, die kein Geld hat, eine Mutter, die nicht Steine aus dem Weg räumen kann, Daunen schneien lassen, Sterne herunter holen, ist eine Prellerei! Pack Dich!

Mutter:

Oh, Du hast ein böses Herz!

Mann:

– Ist ein gemeiner Aufsitzer! (Er weint.)

(Die Erscheinung verschwindet.)

(Einhübsches, lebhaftes, junges Mädchen, in einer Tracht wie vor 50 oder 60 Jahren, erscheint ihm.)

Mann:

Gott gedankt, eine angenehme Abwechslung; was treibst Du, Kind?

Mädchen:

Ich klettere auf Bäume.

Mann:

Natürlich. Aber gib auf den Sturm acht.

Mädchen:

Er hat mir den Reif fortgetragen.

Mann:

Deine Erfindung ist nicht besonders reich, aber wie Deine Beine entzücken! Klettere! Dir darf kein Sturm etwas tun, nein, kaum an den Rock fassen. Siehst Du, ich bin ein alter Onkel, lach ein wenig über mich. Laß Deine Zähne blicken, so schmelzend und schimmernd sind sicher auch Deine Brüste. Ich will Witze für Dich reißen. Will Dir Rätsel aufgeben.

Was ist das Schönste im ganzen Land?

Ein ro-o-osa Seidenband.

Und dran? Und dran?

Ein süßer, folgsamer Hampelmann,

Ein Hampelmann, ein Strampelmann,

Ein hampelnder, strampelnder Mann daran,

Zum Ziehen, zum Ziehen

Für Fräulein –

Also darauf mußt jetzt Du Dich reimen; Marie? Stefanie? Melanie? Rose-Marie? Meine Mutter hieß auch Rosemarie. Nun? Wie heißt Du?

Mädchen:

Rate!

Mann:

Rate, rate! Ich wette, Du suchst Dir am Baum doch nur einen schönen Mann!

Mädchen:

Einen guten Mann und ein Bübchen, ein goldenes Bübchen, das er mir machen wird.

Mann:

Und was soll aus dem Bübchen werden? Etwas Großes? Ja, etwas Beglückendes und Befreiendes. Wie Du mich erinnerst; wüßt ich nur woran?

Wie einer toten Großvaterkusine Kleid,

Leises Zimmer, so heimlich weit

Hingst Du im duftenden Schrank der Welt.

Oh, Kinderglühn, vom Dunkel verzweit,

Oh, Einsamkeit unter seidenen Röcken, über uns gestellt,

Türler ve etiketler

Yaş sınırı:
18+
Litres'teki yayın tarihi:
10 haziran 2026
Hacim:
5257 s. 13 illüstrasyon
ISBN:
9782377871742
Telif hakkı:
Bookwire
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