Kitabı oku: «Robert Musil: Gesammelte Werke», sayfa 52
Anselm
Es gibt ein Mittel.
Maria
Aber so sagen Sie es doch lieber gleich.
Anselm
Ich habe es Ihnen ja schon gesagt.
Maria (nach einer Weile)
Aber das sind Phantasien; das ist phantastisch.
(Es tritt eine Pause ein)
Anselm
Glauben Sie denn, daß ich Thomas’ Überlegenheit bestreite, daß ich meinen Verstand neben seinem nicht als ungenügend empfinde?
Maria
Man sagt, daß Sie von der Universität fortmußten, weil Sie Auftritte gehabt haben?
Anselm
Ich habe mich unmöglich gemacht. Ich hätte vielleicht in einem Jahrhundert der Inquisition leben müssen. Wenn ein Mensch andrer Meinung ist, grinst mich der Stein an, die Bestialität. Wer den Blick dafür hat, sieht dahinter die schamlose Entschlossenheit von Ertrinkenden, die um den Platz im Boot kämpfen.
Maria
Aber man muß doch verschiedener Meinung sein können!
Anselm
Ich bin vielleicht nur zu dumm dafür. Ach, Maria, wir beide sind ja zu dumm für ihn. Ich muß fühlen, daß ich jemand das Letzte, das Entscheidende bedeute. Oder ich fühle mich verworfen. Thomas kann die Menschen entbehren, aber sagen Sie doch selbst: welche Monstrosität!
Maria
Darin haben Sie vielleicht nicht ganz unrecht; Thomas hat etwas Unmenschliches, ich habe es ihm auch oft gesagt.
Anselm (rasch festhaltend)
Er schätzt alle gering. Er vertraut nur der Kraft eines hochgehobenen Steins; von dieser Art ist nämlich die Kraft seiner Vernunft; diese Vernunft, von der heute die Welt beherrscht wird. Die Kräfte zwischen Gesichtern von Menschen, zwischen den Schwalben im Herbst, die unbeweisbaren Kräfte, Kräfte der Wärme, des Errötens, Kräfte sogar zwischen den Pferden eines Stalls, freundlichen oder feindlichen Beisammenseins, die – kennt er vielleicht, (höhnisch) oh, gewiß wird er sie kennen. Aber Wahrheiten, die nur verstanden werden können in Sekunden der Erschütterung und aufleuchten wie ein Funke zwischen zwei Menschen, denen vertraut er nicht.
Maria
Ich kann mir sehr gut denken, was Sie meinen. Aber in dem, was Sie sagen, steckt doch auch etwas, das sich sofort verflüchtigt, wenn man es beim Wort nehmen wollte. Etwas Unwirkliches. Etwas Unglaubwürdiges.
Anselm
Und gerade Sie sind beseligend voll solcher Kräfte! Jede Gebärde Ihres Körpers wird davon bewegt und sendet sie aus. Ohne Übertreibung gesprochen, Maria, ich bin manchmal so durchflutet davon, daß ich unter der Angst leide, meine Glieder und Gesichtszüge könnten wider Willen die Bewegungen der Ihren nachahmen wie Pflanzen, die am Grund eines fließenden Wassers stehn.
Maria
Aber das sind Übertreibungen!
Anselm
Das Natürlichste! Die menschliche Natur selbst! Stellen Sie sich nicht gering! Sie wissen, man begreift überhaupt nichts mit dem Verstand, nicht einmal das Daliegen eines Steins, sondern alles nur durch Liebe. In einem namenlosen Annäherungszustand und Verwandtschaftsgrad. Wovon diese Sache Mann – Frau nur ein überschätzter Einzelfall ist. Aber Thomas hat Sie das vergessen gelehrt. Gestehen Sie doch, daß er Sie ohnmächtig niederdrückt. Was bedeuten Ihnen denn seine Begriffe und Überlegungen!
Maria
Oh, es ist immer anregend und wertvoll!
Anselm
Oh! Wirklich? Aber Sie haben eine tiefere Verbindung mit Mensch und Ding als er. Ich weiß doch, wie Sie waren!
Maria
Das waren Jugenddummheiten.
Anselm
Thomas hat diese Kräfte in Ihnen nicht geduldet, wie er keine Kraft neben seiner duldet. Nun fehlen sie ihm. Das ist seine Katastrophe; ich habe ihn so weit, daß er es selbst ahnt.
Maria
Aber was wollen Sie eigentlich?!
Anselm
Was ist dabei: Sie gehen mit Regine und mir plötzlich fort?
Maria
Aber welchen Sinn?
Anselm
Heimlich. Ein so unerwarteter Stoß ist das einzige, was ihn erschüttern und zur Einkehr bringen könnte. Er zerstört sich sonst selbst.
Maria
Aber was würde Regine dazu sagen? Sie will doch möglichst bald Ordnung und Heirat!
Anselm
Maria, sie darf nichts einwenden! Ich muß Ihnen noch etwas anvertraun: Ich habe Regine nie mehr als Freundschaft versprochen.
Maria
Aber wozu geschieht dann alles?! War je von andrem die Rede?
Anselm
Helfen wollte ich ihr! Wissen Sie, warum Josef mich einen Betrüger nennt? Weil er nicht versteht, daß ich Regine von ihm fortgeholfen habe, ohne sie in diesem engen und alltäglichen Sinn zu lieben.
Maria
Aber er sagt doch auch: Potiphar?
Anselm
Weil er das irgendwie herausgebracht hat. Ich wollte sie aber nur wieder leben lehren, Gefühle in ihr erwecken, Gewichte ihr auferlegen; um sie aus der gespenstischen Luftleere herauszubringen, die um sie entstanden war.
Maria
Aber diese Geschichte mit Johannes ist doch erst recht ein Hirngespenst?!
Anselm
Eben deshalb nennt mich doch auch Thomas Betrüger. So muß ich Ihnen also auch das gestehn. Ich duldete es, um mich zu schützen! Regine neigte dazu, mich mißzuverstehn; sie war so herabgekommen. Aber mir graute davor, daß sich die menschliche Beziehung wieder zu diesem Kampf zusammenziehen sollte: so mußte ich Johannes zur Ablenkung benützen. Was immer er war, er war nicht ich!
Maria
Schrecklich, was Sie da mitgemacht haben!
Anselm
Eine Schwäche vielleicht von mir. Ich fand diese Geschichte vor; sie verkehrte mit diesem Toten wie mit einem lebendigen Schutzheiligen. Der sie vor nichts beschützte; vor nichts! Sie ist ja ein Mensch ganz ohne wahre Beziehungen zu andren Menschen. Ihre Gefühle sitzen im Kopf wie bei Thomas. Solche Menschen sind in allem übertrieben. Dann rührte mich wohl auch die arme Unbeholfenheit dieser Lüge. Aber ich wollte sie gerade von diesem Morphiumpräparat ganz sacht entwöhnen, da kam Thomas mit seinem Eingreifen. Heirat, Brief an Josef, Detektiv: Sie können nun ermessen, was er angerichtet hat.
Maria
Ich pflichte Ihnen noch gar nicht in allem bei, Anselm, aber ich beginne jetzt freilich einen Zusammenhang zwischen manchem zu ahnen, das ich bisher nicht verstand.
Anselm
Thomas ist ja in dieser Sache der gnadenlose Verstandesmensch, den er in Josef bekämpft; den er nur in Josef bekämpft!
Maria
In der Tat, Sie haben nicht ganz unrecht; ein wenig haben Sie recht … Man müßte schon etwas Starkes tun, um ihn zur Umkehr zu bringen … Und Sie waren wirklich in einem Kloster?
Anselm
Warum fragen Sie? Ich war dort.
Maria
Anselm, weil Sie mir immer nur die Wahrheit sagen dürfen! Ich würde zugrunde gehn, wenn jetzt nicht volle Wahrheit zwischen uns allen herrscht!
Anselm
Maria, selbst wenn ich wollte, könnte ich Sie nicht belügen; Ihnen beichte ich ja!
Maria
Sie müssen aber doch mit ihm sprechen.
Anselm
Das kann ich nicht! In einen nach Verständigung Dürstenden mich hinabbeugen kann ich; aber mit Thomas sprechen kann ich nicht. Sie können ihm ja alles wiedererzählen. Könnten Sie ihm sagen, was wir gesprochen haben?! Oder würden die Worte zwischen Ihrem Mund und seinem Ohr die Kraft verlieren?! – Sie müssen heimlich und überraschend von hier fortgehn. Er sucht Sie. Der Platz, den sein Ratschluß Ihnen zugewiesen hat, ist verlassen. Sie sind bei sich. Das ist das einzige, was ihn zur Umkehr bringen kann!
Maria
Wissen Sie, daß Sie Gefahr laufen, ein schlechter Mensch zu werden? Sie meinen etwas Gutes, aber Sie kennen dann gar keine Bedenken in der Wahl der Mittel.
Anselm
Aber was heißt denn, Mittel wählen, wenn ich schon fühle, daß Sie aus Ihren innersten Kräften das richtige finden werden; es hieße, mit der Pistole nach der Sonne schießen. Ach, Maria, ich bin weniger als ein schlechter Mensch; ein Gelehrter, der die Gelehrsamkeit verloren hat, und ein Mensch, der sich immer und immer wieder in der Wahl seiner Mittel vergriff. Nur Sie können uns helfen.
Maria
Anselm, wir müssen darüber noch sprechen. Auch über Regine. Sie versprechen mir aber, danach mit Thomas zu reden? (Da Anselm schweigt) O ja, Sie versprechen es! Kommen Sie, dann gehen wir jetzt noch in den Park. (Da Anselm sich zur anderen Türe wendet) Nein, nicht da herum, hier (sie zeigt auf das Schlafzimmer) haben wir es ganz nahe. Aber Sie müssen die Augen schließen, es ist alles in Unordnung. Ich meine, wenn wir uns aussprechen, könnte es Thomas wirklich helfen.
Anselm (mit verhaltener Wut und Bosheit)
Ach, ich möchte lieber, daß Sie durchs Fenster klettern! Wollen Sie nicht da hinaus?! Sie müßten sich hineinkrümmen und -runden und die Röcke zusammennehmen, so daß Sie gar nicht mehr zu verstehn sind; wie bei einem Unglücksfall! Aber Sie sind zu schön, um sich so etwas zu traun.
Maria
Aber was fällt Ihnen jetzt wieder ein?
Anselm
Daß Sie da geschlafen haben durch Jahre!!
Maria
Unsinn! Augen schließen! Geben Sie mir Ihre Hand!
(Ab. Die Bühne bleibt einen Augenblick leer)
Regine (eintretend)
Wenn Sie wirklich glauben, dann hier herein; hier wird uns jetzt niemand stören.
Fräulein Mertens
Oh, ich weiß, daß es Ihnen kaum erträglich erscheint, einem fremden Mann Vertrauen zu schenken. Wer sollte Sie besser verstehen als ich?! Ich weiß, was es heißt, sich in sein Inneres verschließen, Sie zarteste Heilige!
Regine
Thomas hat wohl etwas von einem Detektiv gesprochen …? Aber ich mag das nicht leiden!
Fräulein Mertens
Nein, natürlich ist es nicht recht von Doktor Thomas; einer seiner kalten Einfälle! Sie sehen es!
Regine
Feststellen! Beobachten! Was will man denn damit erreichen! Das ist so dumm.
Fräulein Mertens
Aber vielleicht kann Ihnen der Mann nützen; er hat ausdrücklich nach Ihnen verlangt. (Sie winkt bei der offenen Tür hinaus) Und wenn er auch etwas gewöhnlich aussieht, hat er doch kein unsympathisches Gesicht. Ich werde Sie allein lassen.
(Sie läßt an sich vorbei Stader eintreten und zieht sich zurück. Stader tritt näher, mit allen Organen den Raum beschnüffelnd. Er war einmal ein hübscher Junge und ist jetzt ein tüchtiger Mensch. Seine Kleidung ahmt die Korrektheit eines wohlhabenden Gelehrten nach, aber mit einem kleinen schwarzen Künstlerschlips. Er legt beim Eintreten einen grämlichen, alten Ausdruck aufs Gesicht und rückt an einer großen blauen Brille, als hätte er sie eben aufgesetzt)
Regine
Sie schickt … ein Bureau? Wollen Sie Platz nehmen.
(Sie setzen sich. Stader zögert dabei und räuspert sich. Da es ihm nicht gelingt, Reginens Aufmerksamkeit in die gewünschte Richtung zu lenken, nimmt er die Brille ab und macht ein natürliches Gesicht)
Stader
Wie doch diese überholten, altmodischen Mittel noch immer wirken! Eine Brille, ein wenig Meisterschaft im Ausdruck und es genügt schon für einfache Fälle! Sie erkannten mich also nicht.
Regine
Ich weiß noch immer nicht ..? (Sie betrachtet ihn, er grinst allmählich über das ganze Gesicht) Was meinen Sie?
Stader
Sie erinnern sich nicht?
Regine
N … ein. Ach ja … Sie waren Diener bei uns?
Stader
Hrr mja; nun ja gewiß; ich war Diener … Stader, Ferdinand Stader, … Ferdinand!? Aber schon damals in der freien Zeit etwas Besseres, Sänger und Dichter.
Regine
Ich weiß. Sie sind nachts in Gastwirtschaften als Sänger aufgetreten, obgleich Sie das eigentlich nicht durften. Das gefiel mir.
Stader
Und wie oft haben Sie mir einen Kuß ins Haar gehaucht und gesagt, du – –
Regine
Benehmen Sie sich doch nicht abgeschmackt!
Stader
Abgeschmackt? Mit den Zähnen und allen zehn Fingern haben Sie in mein Haar gebissen und gesagt: Du in –, du in –; Herrgott, bis vor kurzem hab’ ich’s noch gewußt und jetzt hab’ ich’s vergessen! Es war etwas mit Genie.
Regine
Du – ingénu. Mein Gott! (Sie schlägt die Hände vors Gesicht) Anspeien könnte ich mich heute!!
Stader
Beruhigen Sie sich. Sie haben mir zwar schweres Unrecht zugefügt, als Sie mich so einfach … na ja, hinauswerfen wollte ich sagen. Ich wußte ja nicht, daß feine Damen so sein können. Aber ich trage Ihnen nichts nach. Denn Sie haben mich dadurch auf den Weg der Wahrheit gestoßen. Und der Wahrheit verdanke ich meinen Aufstieg! Sie hatten sich nämlich nicht in mir geirrt, und Ihr Wort, daß ich ein Genie bin, das hat mich begleitet und gestärkt; es nützt Ihnen nichts mehr, wenn Sie es heute zurückzunehmen versuchen. Ich war nie bloß nur Diener, ich habe das gleich danach aufgegeben. Ich war vielerlei. Präparator, Klavierspieler, Paukdiener, Photograph, sogar Hundefänger; ich war ein vielseitiger Mensch, schon bevor ich meinen Beruf entdeckte. Und ich muß sagen, man braucht für ihn auch außer der Strenge der Forschung etwas Künstlerblut: Heute bin ich Inhaber des größten neuzeitlichen Ausforschungsinstituts.
Regine
Ausforschungs?
Stader
Detektivinstituts.
Regine
Sie wollen Geld?! Wieviel? Ich habe keins.
Stader (würdig)
Betrachten Sie mich, bitte, als in ritterlichen Beziehungen Ihnen gegenübergestanden! Ich wollte Sie bloß um eine Gefälligkeit ersuchen. (Mit herablassender Zärtlichkeit ihren Irrtum verbessernd) Keine solche; Sie haben sich doch noch immer nicht geändert. Mein Institut ist das größte und neuzeitlichste Ausforschungsinstitut der Gegenwart: Newton, Galilei & Stader. Früher hätte man so etwas Argus genannt; weil ich weiß, was ich der neuzeitlichen Wissenschaft schulde, habe ich ihre beiden Begründer in den Namen der Firma aufgenommen.
Regine (die sich nicht zurechtfindet)
Ja also, dann sind Sie aber der Detektiv, von dem mein Vetter Thomas gesprochen hat?
Stader
Ihr –? Wer ist Thomas?!
Regine
Mein Vetter Doktor Thomas – nun, Sie befinden sich doch in seinem Haus! Er hat davon gesprochen, einen Detektiv kommen lassen zu wollen.
Stader (sehr beunruhigt)
In der Angelegenheit Seiner Exzellenz Ihres Gatten und eines gewissen Doktor Anselm Mornas?
Regine
Wahrscheinlich doch!
Stader (in äußerster Gemütsbewegung)
Er hat einen Detektiv! Und nicht mich! Ich bin vernichtet!
Regine
Aber ich weiß ja gar nicht sicher, ob er es wirklich getan hat.
Stader
Es ist noch nicht sicher?! Sie müssen mir sofort eine Aussprache mit ihm vermitteln. Ich bin der Detektiv Seiner Exzellenz; aber ich will ihm alle meine Geheimnisse verkaufen, schenken will ich sie ihm, wenn er mit Gehör leiht! Sie müssen mich ihm sofort auf das herzlichste empfehlen!
Regine
Aber das ist ja unmöglich.
Stader
Unmöglich? Sie meinen wegen –? Vorbei ist gewesen. Ein Mann hat größere Interessen! Hören Sie mich an: Mein Institut arbeitet mit den neuzeitlichen Mitteln der Wissenschaft. Mit Graphologik, Pathographik, hereditärer Belastung, Wahrscheinlichkeitslehre, Statistik, Psychoanalyse, Experimentalpsychologik und so weiter. Wir suchen die wissenschaftlichen Elemente der Tat auf; denn alles, was in der Welt geschieht, geschieht nach Gesetzen. Nach ewigen Gesetzen! Auf ihnen ruht der Ruf meines Instituts. Ungezählte junge Gelehrte und Studenten arbeiten in meinen Diensten. Ich frage nicht nach läppischen Einzelheiten eines Falls; man liefert mir die gesetzlichen Bestimmungsstücke eines Menschen und ich weiß, was er unter gegebenen Umständen getan haben – muß! Verstehen Sie? Die moderne Wissenschaft und Detektivik engt den Bereich des Zufälligen, Ordnungslosen, angeblich Persönlichen immer mehr ein. Es gibt keinen Zufall! Es gibt keine Tatsachen! Jawohl! Es gibt nur – wissenschaftliche Zusammenhänge.
Ja, das ist aus Ihrem »kleinen Neapolitaner«, aus Ihren »Straßensänger« geworden!
Seine Exzellenz, Ihr Herr Gemahl, hat uns nun, angezogen von dem außerordentlichen Ruf, den unser Institut in der gesamten Fachwelt genießt, die Ehre seines Auftrags erwiesen. Es lag mir viel daran, eine so hochgestellte wissenschaftliche Persönlichkeit zufriedenzustellen: hier ist das schriftliche Elaborat. (Er weist stolz auf eine dicke Mappe, die er nicht aus der Hand läßt)
Regine
Elaborat? Sie wollen doch nicht sagen? Über wen?!
Stader
Wir verwenden neben den geschilderten neuzeitlichen Mitteln natürlich auch Rescherschöre, Bestechungen, Frauen, Alkohol, Dienstboten, Spolierungen, kurz die sozusagen klassischen Mittel der Detektivwissenschaft. Wollen Sie sehen? (Er öffnet seine Mappe) Hier diese Postkarte ist von Doktor Anselm Mornas an seinen Schneider und handelt von der Bestellung eines Winteranzugs. Wollen Sie beachten, daß die Karte im August geschrieben worden sein muß. Das läßt sich beweisen durch das Datum des Poststempels und den Umstand, daß es sich um eine reine und direkte sogenannte Zweckorientierung handelt, wobei eine Irreführung des Schneiders nicht dienlich wäre.
Regine (ganz benommen)
Das verstehe ich nicht, aber was läßt sich denn daraus schließen!?
Stader
Oh …! Bestellung eines Winteranzugs im August, das könnte bedeuten: Voraussicht; Sparsamkeit, denn im Sommer sind die Winterstoffe billiger; Mangel an Schick, denn man erhält noch nicht die kommenden Winterstoffe; viertens eine geheime Absicht. Pedantisch vorsorglich ist er nicht, sparsam ist er nicht, ohne Schick ist er nicht: was bleibt also? Ein Geheimnis. Da haben Sie schon den ganzen Menschen! – Mit der Analyse des Inhalts stimmt die der Schrift überein. Sehen Sie nur diesen aufwärts strebenden Haken: Abenteuerlust. Dieses geduckte »u«: geheime Leidenschaften. Oh, es ist ein Genuß, das verborgene Wesen eines Menschen so spielend vor sich auszubreiten! Hier! Sehen Sie diesen Schattenstrich: ein Selbstmordgedanke! Und nun die sich fast verkriechenden Mittelbuchstaben: Wandertrieb; es ist die Schrift eines Mannes, der zuweilen verschwindet und die Nachricht ausstreut, daß er in den Tod geht. Ich halte mich nicht dabei auf, daß er das Wort »Betrag« so schreibt, daß man es auch für »Betrug« lesen könnte, ich weiß auch ohne das, sein Lebensdrang ist wach: diese steil ansteigenden Haarstriche! Er hat in summa das Gefühl, daß er ohne die Person nicht leben kann, die er im Winter in diesem Anzug treffen wird.
Regine
Ja kennt er denn die schon?
Stader
Das waren Sie!
Regine
Woher wollen Sie das denn wissen.
Stader
Nun ich werde als Beauftragter Seiner Exzellenz doch wissen, wann Doktor Anselm zum erstenmal ins Haus kam. (Er sieht auf seine Armbanduhr) Aber meine Zeit beginnt mir zu mangeln, sehen Sie nur noch dieses Dokument.
Regine
Das ist ja meine Schrift!
Stader
Jaha. Das habe ich seinerzeit als Andenken mitgenommen; es war Ihr Wirtschaftsbuch.
Regine
Was können Sie daraus sehen!
Stader
Ich habe es selbst untersucht. In diesem Fall, muß ich sagen, haben alle wissenschaftlichen Anhaltspunkte nicht mehr ergeben, als ich schon wußte. (Indes er blättert) Herzlos. Schläft lang. Unverständig. Kurz: (In ruhigem, lang aufgespartem Triumph) Eine, wissenschaftlich betrachtet, durchaus nicht vollwertige Person. Und …! (Er hat die gesuchte Stelle endlich gefunden und reicht sie ihr sehr vorsichtig hin, so daß ihm das Buch nicht entrissen werden kann) Und hier steht »Ferdinand« und daneben »Doppelpunkt kleiner Neapolitaner«. Und da: »Johannes, wann kehrst du wieder?«!
Regine
Geben Sie es mir zurück.
Stader
Aber was denken Sie. (Freundschaftlich) Ja, sagen Sie, ich habe vorhin etwas gehorcht, es war ja nicht viel Gelegenheit, aber die Dame, die in Ihrer Gesellschaft war, rief »Heilige«. Machen Sie das also wirklich noch immer? Das haben Sie nämlich doch schon mir erzählt: Ihre Liebe zu mir galt dem seligen Herrn Johannes und mir gewissermaßen nur, wie wenn einer in Stellvertretung getraut wird. Das hat mir damals mächtig imponiert. Ich war unschuldig – entschuldigen Sie, daß ich lache: mir erzählten Sie das, dem späteren Newton & Stader – und ich habe es Ihnen geglaubt. Aber es war auch eine schöne Erfindung und hat mich später zum Psychologen gemacht. Nur: etwas so Ungewöhnliches ist nicht jedermanns Verständnis zugänglich. Und wenn man es zu oft wiederholt und ganz unwürdige Individuen zu den Akten kommen: Sie werden große Unannehmlichkeiten haben! Wissen Sie übrigens, daß Ihr jetziger Bräutigam bereits verheiratet ist und sich von seiner Frau nicht scheiden lassen will, um nicht Sie heiraten zu müssen.
Regine (die sich inzwischen zusammengenommen hat)
Ja.
Stader
Das hat nämlich die Analyse dieses Briefs an seine rechtmäßige Frau ergeben, – indem es darinsteht.
Regine
Den möchte ich sehen, zeigen Sie ihn mir.
Stader (legt ihn in die Mappe zurück und verschließt diese sorgsam)
Sie würden ihn zerreißen.
Regine
Sie haben also den Auftrag erhalten, mich auszuspionieren?
Stader
Seine Exzellenz der Herr Professor und ich dienen, jeder in seiner Art, seit unseren Mannesjahren der Wahrheit!
Regine (steht auf)
Sie sind ein Schwindler! Sie wissen gar nichts! Ich habe Sie nie gekannt! Ich kann ja doch jederzeit einen Eid darauf schwören.
Stader
Ich habe Ihnen ja bei weitem nicht alles gezeigt, ich habe noch ganz anderes Material: Vermissen Sie nichts?
Regine
Was sollte ich vermissen?
Stader
Ein Notizbuch zum Beispiel? Ein ganz kleines, gelbes Buch; darin haben Sie ihre Lebensgeschichte aufgezeichnet und die des Doktors Anselm.
Regine
Aber das habe ich doch – –!
Stader
Nein, das haben Sie eben nicht mehr.
Regine
Das habe ich doch in den Koffer gelegt, das weiß ich ganz bestimmt.
Stader
Kann ja sein. Aber durchaus nicht nur die einfachen Naturen, auch in der besten Gesellschaft … ich kann nicht mehr sagen als: selbst in wissenschaftlichen Kreisen findet man Subjekte! – Aber lassen wir das. Sehen Sie, diese Ausbrüche der Heftigkeit kennen wir; Sie haben mich nicht beleidigt.
Regine (die ihren Entschluß gefaßt hat)
Ja; lassen wir es!!
Stader
Die Wahrheit ist immer Angriffen ausgesetzt, aber sie ist darüber erhaben.
Regine
Wenn das die Wahrheit ist, so ist sie eine ungeheure schmutzige Menschenfalle … Ich sehe Sie an, wie ein Gespenst stehn Sie da. So wie Sie könnten dastehn: – ich werde nachdenken und Ihnen die genaue Zahl sagen; die können Sie dann zu den Akten nehmen. Wie soll ich Ihnen begreiflich machen, daß all das niemals wahr gewesen ist?!
Stader (dem diese Wendung ungelegen kommt)
Sie brauchen es ja gar nicht.
Regine
Aber es ist ja wahr gewesen! Erinnern Sie sich nicht?! Wissen Sie nicht mehr, wie hündinnenhaft ich Ihnen hingegeben war?
Stader (beruhigend)
Vorbei ist gewesen.
Regine
So kommen Sie nicht davon! Ich hatte Sie vorher gesehn, wie Sie waren, ich habe Sie nachher so gesehn: aber dazwischen konnte ich das einfach nicht aushalten, so abscheulich waren Sie mir!
Stader
Ja, ja, ja; etwas Derartiges hört man immer nach solchen Gelegenheiten.
Regine
Aber ich konnte mir ja gar nicht genug daran tun, mir vor Ihnen etwas zu vergeben! Ich kann, wenn ich allein im Zimmer bin, es manchmal auch nicht ertragen, meinen Schrank so einfach dastehn zu sehn; manchmal bemerke ich, daß er sich verändert und Gesichter zieht. Dann muß ich ihn rasch aufmachen und nachsehn; ich würde ihn sonst vielleicht auch Johannes nennen.
Stader (warnend, aber ebenso entschlossen, zu dem Seinen zu kommen)
Ich kann Ihnen nur raten, vertrauen Sie sich Ihrem Vetter Professor Thomas an. Das ist ein Mann, dem man sich anvertrauen darf. Welch ein Ruf in der Fachwelt, hat man mir gesagt; aber daneben auch welch ein Blick für die Menschheit! Den haben die gelehrten Herren nicht immer; gerade in meinem Beruf hat man manchmal mit ihrer Geringschätzung zu kämpfen. Natürlich mit Unrecht, denn im modernen Sinn ist ein Detektiv etwas ebenso Hohes wie ein Forscher; ja etwas noch Höheres, wenn man bedenkt, daß er Menschen ausforscht. Immerhin ist da stets eine Unterstützung nötig. (Er ist aufgestanden) Ich habe ihn für eine große Idee zu gewinnen. Daß Sie sich bei mir nicht an den Unwürdigsten verschwendet haben, ist bewiesen. Sie brauchen Professor Thomas nur in einer herzlichen und einladenden Weise auf mich aufmerksam zu machen als auf einen Menschen, mit dem es sich lohnt, in ständiger Verbindung zu bleiben. Wenn Sie das wollten, bliebe alles streng unter uns dreien!
Regine
Das tue ich nicht; das bringe ich nicht mehr zustande.
Stader
Regine, haben Sie sich nicht! Sie waren damals schlecht zu mir, aber ich habe mit dem Abstandsgeld, das Sie mir gegeben haben, mein Institut gegründet. Ich will Ihnen wohl. Aber seit ich von Professor Thomas gehört habe, finde ich keine Ruhe! Ich bin alles imstande! Ich habe unberechenbares Künstlerblut in mir! Ohne das hätte ich es in meinem Beruf nicht so weit bringen können. Seien Sie anständig!
Regine
Ich will nicht.
Stader
Aber ich kann Ihnen ja doch zu sehr schaden!
Regine
Tun Sie es. Sie kennen mich ja, wie ich wirklich und wahrhaftig bin; Sie haben mich in der Hand. Ich will, daß Sie diese Mappe Seiner Exzellenz ausliefern.
Stader
Ja, aber haben Sie denn gar kein Schamgefühl?! Das wird vor Gericht ausführlich behandelt werden! Sie müssen doch etwas Schamgefühl haben, Sie werden sich doch nicht so bloßstellen lassen! Oder Angst!?
Regine
Hören Sie »Ferdinand«: Man kann innen heilig sein wie die Pferde des Sonnengotts und außen ist es das, was Sie in Ihren Akten haben. Das ist ein Geheimnis, das Ihr Institut nie entdecken wird. Man tut etwas und es bedeutet innen etwas ganz andres als außen. Mit der Zeit aber hat man innen doch nur das getan, was außen geschehen ist. Man hat nicht mehr die Kraft, es zu verwandeln!
Stader
Nun, ich könnte unter Eid nur aussagen, daß Sie jederzeit sehr wirklich bei der Sache gewesen zu sein schienen.
Regine
– ?! Ja. Sie haben recht. Das ist das Entsetzliche. – Aber Sie müssen gehn; wir können hier nicht länger bleiben.
Stader
Ja, ich habe auch schon größte Eile, ich muß zum Zug. (Mit einem letzten Versuch) Professor Thomas ist bedroht! Ein dunkler Anschlag schwebt über seinem Haupte. Sie wissen ja nicht, was in dem Brief steht, den Sie gesehen haben: Anselm ist nicht Ihrethalben hier, er ist hier, um seinem Freund die Frau zu entführen!
Regine
So? Sie müssen hier durchgehn. Da kommt eine Tür, die führt in ein Badezimmer, dann auf einen Gang und ein paar Stufen – ich werde Sie lieber selbst führen. (Sie geht voran)
Stader (in der Schlafzimmertür)
Ich gehe jetzt zu Seiner Exzellenz. Ich gebe es also Seiner Exzellenz. Aber bevor ich es Seiner Exzellenz gebe, wäre ich auf der Bahn noch zu treffen. Und vielleicht auch noch nachher … Solche Geschichten, das verstehe ich nicht; ein Mann hat Logik! Ich habe gedacht, Sie würden alles tun, um die Mappe zu erhalten. (Ab)
(Die Bühne bleibt einen Augenblick leer, bevor bei der andren Türe Anselm eintritt. Er sieht sich vorsichtig um, geht rasch zur Schlafzimmertür und versinkt, auf den Türrahmen gestützt, in Betrachtung. Sein Ausdruck ist der der visio beata. Plötzlich weicht er zurück wie bei einer unerlaubten Handlung betreten und sucht sich eine harmlose Haltung zu geben. Regine ist durch das Schlafzimmer zurückgekehrt, tritt ein und steht ihm gegenüber)
Anselm
Du warst im Zimmer?
Regine
Nein, ich bin von außen gekommen, aber du hast mich nicht gleich bemerkt.
Anselm
Ja, ja, ich suchte dich; ich habe sie stehengelassen, aber ich fand dich nirgends.
Regine
Das ist ja nicht wahr.
Anselm (blickt sie überrascht an, dann sagt er ruhig)
Maria? Aber was denkst du! Sie amüsiert mich.
Regine
Sie wartet auf dich?
Anselm
Ich sollte ihr etwas holen, ein Schultertuch; aber sie kann lange warten. Sie sieht in mir einen romantischen Helden und erwartet mittelalterliche Aufmerksamkeiten von mir; sie begreift etwas schwer wie fast alle stattlichen Frauen.
Regine (verstellt)
Hast du ihr essen zugesehn? Sie kaut langsam wie eine Kuh. Am liebsten möchte sie immer auch blumige Gespräche, große grüne Wortlandschaften zum Grasen; das machst du übrigens großartig.
Anselm (sucht sie zu überbieten. Und da er sich nach den vorausgegangenen leidenschaftlichen Szenen mit Maria in der Gegenphase des geistigen Ekels befindet, spricht er anfangs überzeugungsvoller)
Ja, sie braucht Lyrik, geradezu mit der Butterspritze. Das macht mich rasen. Thomas wirkt, nach ihr genossen, trocken herrlich wie Wüstenwind. Verstehst du, ich halte es gar nicht für ausgeschlossen, daß sie ihn plötzlich verläßt, wenn der Geist über sie kommt; diese über achtzig Kilo schweren Seelen fallen wie die Säcke um.
Regine
Würdest du sie gern so sehn? Sie fordert dazu heraus, ihr irgendwie Paprika in den Körper zu praktizieren und sie hüpfen zu machen, um ihr dann zu sagen: Meine Liebe Maria, ein hygienischer Geruch von Tugend umgibt Sie wie die reine Karbolluft Spitäler, solche Sprünge sind nichts für Sie!
Anselm
Hopsen Sie nicht so, alte Tugend! Ich würde da gern ihr Gesicht sehn.
Regine
Erinnerst du dich noch, wie dünn ihre Beine waren, und die Höschen hingen dem Musterkind immer vor. Jetzt kann man das nicht sehn, aber seit wir hier sind, verfolgt mich die Frage, ob die Beine noch immer zu dünn sind?
Anselm (kann nicht mehr mit)
Von früh bis spät beisammen: Sprechen wir nicht mehr von ihr; es schüttelt mich, wenn ich an sie denke.
Regine
Siehst du, du lügst! Oh, wie du lügst!
Anselm
Würde ich so über sie sprechen können?!
Regine
Ach du! Du sprichst doch über einen Menschen nur gut, solange er dir gleichgültig ist. Wenn du etwas für ihn empfindest, so beschmierst du ihn mit Schmutz, damit du es versteckst! (Sie bricht plötzlich ab) Komm fort!
Anselm (unwillig)
Warum?!
Regine
Komm fort, Anselm! Wir reisen! Wir fliehn! Wenn Josef da ist, sind wir schon weg. Du hast dich hier verstrickt, du kannst von Maria nicht los.
Anselm
Sei doch nicht gleich so gräßlich weibisch. (Er überlegt) Du müßtest im Gegenteil Maria bitten, daß sie mit uns kommt.
Regine
Und?
Anselm
Wenn wir außerhalb dieses Hauses zusammenleben, kann dein Mann uns die größten Unannehmlichkeiten bereiten; wenn du mit deiner Schwester reist, kann er gar nichts tun.
Regine
Und –?! Das schlag dir aus dem Kopf. Ich mache euch nicht noch länger die Mauer.
Anselm
Du bildest dir also ein, mir ein Geheimnis entrissen zu haben. Also ja: Deine Schwester ist herrlich! Herrlich und ungewürzt wie Wasser. Riecht so gut wie eine Bügelstube; meinethalben, wenn du willst, auch so dumpf.
Regine
Und ich?
Anselm
Auch Josef ist eigentlich ein herrlicher Mensch. Wir haben uns erlaubt, auf ihn hinabzusehn. Gewiß, sie sind aufreizend schwerfällig in Gemüt und Geist, diese Menschen. Aber ich will dir etwas sagen: Auch das ungewöhnliche Erlebnis ist nichts als eine umgestülpte Gewöhnlichkeit. Und selbst in einem Rindergespann ist das Leben reicher als in einem Kopf wie Thomas, und ein Kutscher, der bei seinen Pferden schläft, weiß von der Welt mehr als er und du!
Regine
Ich soll also zu Josef zurück?
Anselm
Gott, ich meine, vorerst einmal in frische Luft hinaus. Hier wird man diese gestockten Erlebnisse mit Johannes nie los. Wie ein Zimmer am Morgen nach einer Zecherei ist es hier.
Regine
Also: mit dem Kopf in »herrliches« frisches Wasser! Ich will aber nicht. Ich werde mich eher töten. Hörst du? Aber nicht deinetwegen.
Anselm