Kitabı oku: «Robert Musil: Gesammelte Werke», sayfa 54

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Maria (als wollte sie entsetzt fragen: du bist betrunken?)

Thomas, du …?

Thomas

Was, Thomas du! Man hat Freunde, damit man nicht eitel wird. Laß dich nicht täuschen. Es ist nur ein Irrtum, daß man sich wegen der Verschiedenheiten totschlägt. Die Ähnlichkeit ist das Furchtbare! Der Neid, weil man sich unterscheiden will, trotzdem man an einem Block festklebt. Gesteh das zu, Anselm!

(Schweigen)

Oh, nur Dunkelheit und Schweigen.

(Er wartet)

Aber da in der Lade liegt meine Pistole. Seit wir Knaben waren, wolltest du immer stärker sein als ich. Wenn ich nun schießen würde? Auf das etwas dunklere Schwarz dort kann ich ganz gut zielen …

(Er wartet. Schweigen)

Natürlich, du hältst gut aus. Du beißt die Zähne zusammen. Du läßt nicht locker. Maria soll glauben, du hast Gefühle, die den Tod selbst überdauern … Aber hast du jetzt gehört? Ich habe den Schlüssel gedreht … Jetzt habe ich die Lade auf … Noch zwei Minuten und ich bin dich los, ich kann dein Gehirn an die Wand schmieren!

(Er wartet)

Wenn du nicht geantwortet hast, bis ich hundert zähle, hat es dich nie gegeben. Eins … Zwei … Du warst nur eine Einbildung, oh, ich wäre so glücklich. Drei … Er hat ja kein Werk, er hat nichts geleistet! Er kriecht herum und reibt sich an Menschen. Verstehst du, Maria, er hat keine Bestätigung, er muß geliebt werden wie ein Schauspieler. Aber er kann doch geliebt werden? Nicht? Er kann doch?!

Maria

Du träumst, Thomas …?

Thomas

Ah, ihr traut mir nicht zu, es zu tun. Aber er hat mich um meine Stellung im Leben gebracht –

Maria

Du hast es selbst wollen!

Thomas

Du hast recht, du hast recht; (man sieht ihn aufstehn und sich dem Platz nähern, wo er Anselm vermutet) ich habe das wollen! Denn nun ist es wie in der Welt der Hunde. Der Geruch in deiner Nase entscheidet. Ein Seelengeruch! Da steht das Tier Thomas, dort lauert das Tier Anselm. Nichts unterscheidet sie vor sich selbst, als ein papierdünnes Gefühl von geschlossenem Leib und das Hämmern des Bluts dahinter. Habt ihr kein Herz, das zu begreifen?! Jagt es uns nicht in den Tod oder – einander in die Arme?!

Maria (ist geängstigt aufgesprungen und vertritt ihm den Weg)

Thomas, du hast getrunken!?

Thomas (ein Zündholz anreibend)

Sieh mich doch an!

(Er sucht mit der kleinen Flamme nach Anselm, Maria dreht rasch das Licht auf. Die Lade ist offen, aber Thomas steht ohne Waffe da)

Thomas (mit den Blicken noch immer Anselm vermissend)

Sie mich nur an …

(Anselm ist weg)

Thomas

Fort? Lautlos verschwunden? … Lautlos gekommen! Was ist zwischen euch gewesen?

Maria (heftig)

Es ist nichts gewesen!

Thomas

Nichts? Das ist eben alles! Ich weiß, daß du mir nie ein unwahres Wort sagen würdest. Nichts hat sich gerührt; aber die ganze Erde, mit allem, was darauf ist, bewegt sich.

Maria (fest)

Ist es wahr, daß du in die Stadt gefahren bist, um dich von diesem – Bericht zu überzeugen?

Thomas

Josef hat mich einfahren gehört, wir müssen kurz machen. Anselm ist nicht gekommen. Ich hatte mir die Brust aufgebrochen vor ihm, und er hat es nicht der Mühe wert gefunden, zu kommen!

Maria

Also ist es wahr … (Entschlossen) Gib mir den Bericht; ich will ihn verbrennen!

Thomas (sieht sie in anfangs wortloser Aufregung an)

Das ist ein großmütiger Einfall! Wahrhaftig, der hat Anselms Schwung! Ich gebe dir die Beweise natürlich nicht.

Maria

Du gehst geheime Abmachungen gegen Anselm ein. Du duldest, daß Josef im Haus bleibt, eine ganz unmögliche Situation. Fährst in die Stadt, während er das Haus bewacht. Alles ohne mich zu fragen. Anselm ist mein Freund so gut wie deiner: ich willige nicht ein, daß er bei uns so behandelt wird!

Thomas

Gut, ich gebe dir die Mappe. Aber du mußt mich ohne Vorurteil anhören. Wenn du sie dann noch willst …: gebe ich sie dir. Warum ist er nicht zu mir gekommen? Weil er etwas zu verbergen hat: Er ist ein Schwindler!

Maria

Aber das sagst du immer. Und dann sagst du wieder, er ist der Mit-Nichtmensch!

Thomas

Trotzdem spielt er dir eine Komödie vor. Warum? Warum hat sich Johannes getötet?

Maria

Aber das weiß doch keiner von uns.

Thomas

Oh? … Weil er Anselm sein Vertrauen geschenkt hat.

Maria

Doch viel eher, weil ihn Regine gequält hat. Weiter!

Thomas

Es könnten ja dort in der Lade Beweise sein. Nicht sie sind es, sage ich. Aber hör’ mich doch an! Ich will ja, daß du es endlich aus dir selbst heraus erkennst! Johannes fehlte – wie uns allen – jener dumme Tropfen Gläubigkeit, ohne den man nicht leben kann, keinen Freund bewundert und keinen findet, jener helle Tropfen Dummheit, ohne den man kein gescheiter Mensch wird und nichts leistet. Jeder Mensch, jedes Werk, jedes Leben hat an einer Stelle eine Fuge, die nur zugeklebt ist! Zugeschwindelt ist!

Maria

Halt! Ohne einen Tropfen Dummheit kann man also nicht lieben?! Alles hat einen Riß, wenn man klug ist und nicht glaubt? Weiter.

Thomas

Nein, nicht so weiter! Manchmal glaube ich, daß wir deshalb neue Menschen sein könnten; manchmal glaube ich zusammenzubrechen! Ich klage mich ja an, Maria! Alles, was ich getan habe, war rohe Kraft! Wegrasen über solche Stellen. Aber glaub doch nicht, daß Anselm besser ist! Johannes war vielleicht besser. Was du wenigstens so nennst. Er war schwach. Zart. Er glaubte, daß irgend ein andrer Mensch ihm darüber weghelfen müsse. Und Regine war wenig geeignet; zu neugierig noch und unabgelebt; eine Türe, die sich nicht schließen läßt. So kam er an Anselm. Der ging scheinbar auf ihn ein. Vertiefte aber die Mutlosigkeit noch mehr in ihm und bestärkte Regine gleichzeitig in ihrer Ungeduld dagegen. Anselm gewann beide – für sich! Bis Johannes es nicht mehr ertrug!

Maria

Aber warum sollte er denn das alles getan haben?!

Thomas

Warum? Weil er leidet wie Johannes selbst! Weil er Bestätigung braucht und Menschen! Wenn man nichts leistet, so muß man geliebt werden, um bestätigt zu sein. Er stiehlt Liebe, er bricht ein, er raubt sie, wenn es sein muß! Aber –: wenn er sie hat, weiß er nichts damit anzufangen. Schon an der Universität –

Maria

Oh, das war anders.

Thomas

Ja, er hat dich bereits gut bearbeitet. Aber merkst du nicht, daß er sich – wie alle Menschen, die immer jemand lieben – nur für sich interessiert? Daß es ihn zu jedem neuen Menschen hinreißt; wie eine Krankheit; er muß ihm schmeicheln und sich ihm einreden.

Maria

Er mag Unüberlegtheiten machen. Aber Anteil nimmt er. Und das kommt von innen wie eine Quelle.

Thomas

Sitz’ ihm doch nicht auf. Das kommt wie die Praktiken und Schwindeleien von Medien, die längst außer Trance sind. Er liebt nicht, er haßt jeden Menschen wie der Angeklagte den Richter, dem er vorlügen muß!

Maria

Aber wovon sprichst du jetzt schon? Fühlst du nicht, daß das Konstruktionen sind?

Thomas

Fühlst du nicht, daß jeder Einwand von dir mir eine Qual ist?! Er lockt unter betrügerischen Versprechungen Menschen an, weil er mitten in der Unendlichkeit allein auf seiner eigenen Planke treiben muß! … Du verstehst mich nicht. Aber merkst du nicht, daß du und ich, wie du mich da anstarrst wie einen Irren, der elende Beweis dafür sind?!

Maria

Aber steht etwas von dem, was du bisher behauptet hast, bewiesen darin?

Thomas

Es steht … (er zögert und überwindet sich) nicht darin … Nein … Ich sagte ja, glaube ich, nur: nimm an. (Im Ton eines, der seine Sache verloren sieht) Das läßt sich nicht beweisen; das muß man glauben.

Maria

Aber das ist doch lächerlich; Thomas; armer Thomas.

Thomas

Lächerlich, von mir gesagt; und von ihm getan, wäre es eine Quelle.

Maria

Du selbst hast mir alle Tage von ihm erzählt, als er noch nicht da war und kommen sollte. Er hat das, hast du gesagt, was dir fehlt. Dieses einfache durch Interesse mit allen Menschen verbunden sein, ohne Kampf und Werk. Aber jetzt hast du dich aufhetzen lassen; nein, du selbst bist es, der Josef aufhetzt! Und Anselm dazu. Als müßtest du ihn wieder schlecht machen. Eigensinnig mit deiner größeren Kraft. Gib mir die Mappe, ich will sie – für dich selbst! – verbrennen.

Thomas (zurückweichend)

Nein, noch nicht, nein! Jetzt haben wir nicht mehr Zeit, ich höre schon Josef. Geh, geh zu ihm! Ich bitte dich, geh noch einmal zu ihm! (Er drängt sie zur Tür)

Maria

Ich will nicht zu ihm gehn! Ich will mit dir sprechen!

Thomas

Ich kann dich nicht reden hören! Geh zu ihm! Vielleicht – sieh ihn an und denk’ an das, was ich sagte.

Maria

Nein –

(Aber da Josef eintritt – bei der andren Türe –, kann sie nicht weitersprechen. Ab)

Josef (dunkel gekleidet, Gesichtsausdruck wie bei einem Begräbnis)

Du verzögerst die Entscheidung zu lange; ich bin hier in einer unhaltbaren Situation. Regine vorenthält sich meinem Zuspruch, so wie sie meine Briefe nicht beantwortet hat. Sie mißbrauchte meine Langmut offenbar noch nicht genug!

Thomas

Fahr’ zurück, laß Zeit zu entwirren!

Josef

Hast du dich von der Richtigkeit meiner Darstellung überzeugt?

Thomas

Ja. (Er entnimmt dem Schreibtisch die Mappe Staders und legt sie vor sich)

Josef

Regine weiß kaum, was es heißt, einen Mann mitten in seiner Existenz zu treffen. Aber dieser krankhafte Lügner, dieser Hochstapler muß unschädlich gemacht werden! … Ich dachte ja anfangs: eine Erholungsreise, eine nervöse Laune, dieses plötzliche Fortgehn ohne ein Wort zu sagen. Ich war schon bereit, auch diese Ungebührlichkeit hinzunehmen. Regine war ja gewöhnlich unfreundlich, eine Heilige sozusagen. Du verstehst mich, das hat ja auch seine guten Seiten: nie vermochte sie Erwärmung für Männliches zu zeigen. Aber da – ich suchte nach einem Wort der Aufklärung, der Güte, anstatt dieser knappen Mitteilung, daß sie zu ihrer Schwester gereist sei –, da fand ich dieses Büchlein, voll der abscheulichsten schriftlichen Ergüsse, denen ich kaum zu folgen vermochte …!

Thomas

Sie haben geschrieben, daß sie hierher reisen, weil Johannes hier mit ihnen gelebt hat?

Josef

Regine schrieb es, aber ich bin überzeugt: unter seinem Diktat. Wie dumm sonst, mir Waffen zu liefern: sie will mich doch auch immer betrogen haben! Um Johannes nah zu bleiben! Kannst du das verstehn?!

Thomas

Ja.

Josef

Das kannst du verstehn?! Nun ja, so seid ihr alle: eine Idee braucht nur übertrieben zu sein, gleich habt ihr dafür eine Schwäche!

Thomas

Ich kann etwas dabei denken. So wie Heimweh.

Josef

Ah, »gedacht« wird sie sich wohl auch etwas dabei haben: denn es ist ganz bestimmt nicht wahr! Die kalte, keusche Regine: Da liegt das Verbrechen, das Unverständliche beginnt da. Einem Toten durch Jahre ein lebhaftes Andenken bewahren, trotz … – nun wir waren eben glücklich verheiratet! Aber mit dem könnte man sich schließlich abfinden, wenn es auch übertrieben ist; es ist sogar edel; aber natürlich doch schon sehr übertrieben. Nun denke jedoch: Treue? Das ist abnormal! Das ist auch schon eine Lüge! Und gar, sozusagen als Totenopfer, Laszivitäten? Eine förmlich pausenlose jahrelange Kette von Ehebrüchen?! Ganz abgesehn vom Tierischen, bloß der Schmutz der Heimlichkeiten und Lügen: Kannst du dir das bei einem so scheuen, anspruchsvollen und – ich kann ja zu dir wie zu ihrem Bruder sprechen – unsinnlichen Menschen wie Regine auch nur vorstellen?

Thomas

Sie dürfte wohl zu stolz dazu sein.

Josef

Und wie stolz sie war! Es ist manchmal geradezu peinlich, wie hochfahrend sie über fremde Menschen urteilt. Aber da setzte eben die Arbeit dieses Burschen ein. Ich bin überzeugt, er wollte sich damit eine Art Rückversicherung für allerhand Möglichkeiten schaffen.

Thomas (wie jemand, dem es trotz langer Mühe nicht klar wurde)

Aber warum soll er ihr das eingeredet haben?

Josef

Um mich zu treffen!

Thomas

Waren denn diese Notizen an dich gerichtet?

Josef

Nein. Regine ist ja so entsetzlich unpraktisch, sie hatte einfach alle Papiere in den Laden liegengelassen … Aber sie konnten eben gar nicht anders als an mich gerichtet sein. Wahrscheinlich hat er es mit irgendeiner Absicht so veranstaltet, der Halunke! Denn die Ergebnisse meines Detektivs – weißt du, der Kerl ist ja nicht wenig übertrieben, seine wissenschaftliche Methode ist natürlich Unsinn, aber geschickt ist er – und alle seine Ergebnisse bestätigen es doch: Anselm schmeichelt sich an Menschen heran. Ich, zum Beispiel, mochte ihn von früher her gar nicht leiden, aber er packt dich ganz sanft und demütig bei deinen Schwächen, schmeichelt dir deine Gedanken heraus, du glaubst, noch nie von einem andren so verstanden worden zu sein. Um: wenn er dich hat, dir eine sorgfältig ausspionierte, berechnet grausame Verletzung zuzufügen. Wiederholt hat er sich doch sogar falscher Namen und Dokumente dazu bedient! Hat sich als adelig ausgegeben, als reich oder arm, gelehrt oder einfältig. Naturheilapostel oder Morphinist, je nachdem er es brauchte, um eine ahnungslose, aber doch noch irgendwie gewarnte Seele zu betören. Wie du weißt, gibt es darunter auch Geschichten, die ihm den Kragen kosten werden.

Thomas (steht auf)

Aber wie erklärst du dir das?

Josef

Krank. Er ist ein gefährlicher Kranker. Aber das schließt seine Verantwortlichkeit keineswegs aus.

Thomas

Ich denke fortwährend darüber nach; aber es ist zuwenig und zuviel.

Josef

Ich sage dir: ein gemeingefährlicher Kranker. Er hat das Ganze Regine künstlich eingeredet. Er haßte mich von früher, ich weiß nicht weshalb, ich habe euch allen gewiß nur Gutes getan; schon diese Gehässigkeit ist krankhaft! Und mit welchem Raffinement eines Abnormalen ist der Gedanke ausgebaut; man muß ihn sich nur – mit Mühe! – in eine logische Ordnung gebracht haben. Da heißt es: Solange sie an Johannes glaube, dürfe sie tun, was sie will. Denn er sei nichts als ihr eigenes Schicksal; der Frühverstorbene, weißt du. Nicht eine Erinnerung, nicht ein Traum, was man alles zur Not verstehen könnte, sondern: (er nimmt diese Worte förmlich in die Hand wie einen unverständlichen Mechanismus) Das, was sie werden wollte, ihr Glaube an sich, ihre von Wirklichkeit befreite Illusion von sich! Sie – selbst – als – gut! Nun müßte daraus wenigstens folgen, daß sie Gutes tun wolle. Aber gefehlt. Je schlechter sie werde, desto näher komme sie Johannes! Denn man sei desto mehr bei sich, je mehr man sich verliere! Und Demütigungen zu erleiden sei das Schicksal des Geistes in der Welt! Demütigungen, das – verstehst du – bin dann schon ich; warum nicht ebensogut Geist wie Anselm, der doch nichts geleistet hat, weiß ich nicht. Ich sage dir: solche Aphorismen hätte Regine aus eigenem nie in ihrem Leben gemacht. Aber einmal so weit gebracht, muß sie sich natürlich aller möglichen Schändlichkeit bezichtigen! Er wollte sich damit den Rückzug sichern. Aber so dumm bin ich nicht. Wenn er sie schreiben hieß, sie habe ihn begehrt und verführen, er aber nur ihre Seele leiten wollen, er habe eher sich geschlagen und mit Selbstmord gedroht als das zuzulassen, »worauf ich und andre den größten Wert legen«: so hatte ich gleich den Verdacht und er hat sich verdichtet: (vertraulich) Darin spiegelt sich nur seine eigne abnorme Verfassung.

Thomas

Aber ich bitte dich, im Grunde ist Anselm gar nicht anders als wir; das sind nur Akzentverschiebungen.

Josef

Ich würde dich bedauern. Er scheint doch in der Tat Angst vor … nun davor … vor einem Zuweitgehen zu haben. Man kann sich das nicht recht vorstellen. Um so weniger, als er eine Frau hat. Aber meistens scheint er wirklich eine ganz ungewöhnliche Erschütterung dabei zu erleiden. Statt einer Frau ist ihm plötzlich ein Mensch zu nahe gekommen! Eine überspannte Krisis bricht in ihm aus; das sind dann diese krankhaft gehässigen Handlungen. Lieber hält er sie ja an, »sich meinen Ansprüchen auszusetzen«, wenn er auch »Martern« leidet!

Thomas

Du hältst es also für sicher, daß sich eigentlich alles bei ihm nur um Freundschaft dreht. Natürlich kann es dann wider seinen Willen über diese Grenze hinaustreiben.

Josef

Stader – der Detektiv, weißt du – hat die einleuchtende Theorie aufgestellt: Wäre es weiter gegangen, dann wären sie im Haus geblieben. Denn dann scheut man das Aufsehn … Und ich sage dir: Wenn er wenigstens ein Mann wäre, so wüßte ich, was ich zu tun habe! Aber er ist ein Abwegiger, ein Narr, eine weibische Memme! (Er sucht sich durch heftiges Hinundhergehen zu beruhigen) Und gutgläubig, Thomas, gutgläubig liebst du eine Frau und sie liefert, angesteckt von solcher Narrheit, deine Ehre ihrem Mitnarren aus …!

Thomas

Ich habe dich in meinem Brief auf schwer bestimmbare Menschen vorbereitet.

Josef

Und hast mich als den Rückständigen hingestellt, in deiner sehr unnötigen Moraltheorie, was gar nicht dein Fach ist; nun siehst du wohl die Praxis. Aber ich glaube, du schämst dich deines Irrtums; die Tatsachen haben mir mehr Genugtuung gegeben, als du könntest. Du hast dich doch seit unsrer ersten Unterredung überzeugt, daß die Angaben stimmen?

Thomas

Ja. Was ich nachprüfen konnte, hat gestimmt.

Josef

Und für diesen Fall hast du dich verpflichtet, ihn aus dem Haus zu weisen.

Thomas

Ja. Ich habe mich verpflichtet. (Nach kurzem Kampf) Aber ich kann nicht. Er darf gerade jetzt nicht fortgehn. Er muß noch bleiben. Dring nicht in mich. (Er legt die Mappe in den Schreibtisch zurück)

Josef (sieht ihn staunend an, geht wieder hin und her)

Du verstehst mich nicht falsch? Ich verzichte durchaus nicht auf die Autorität, welche mir das Gesetz leiht. Ich zögerte nur aus Rücksicht für dich; und aus Abneigung gegen den Familienskandal … Ich verlange, daß du dich vor den Frauen von ihm lossagst und ihm dein Haus verschließt.

Thomas

Ich anerkenne deine Güte, … aber das kann ich nicht.

Josef

Gut … Das enthebt mich nicht meiner Pflicht, Ordnung zu machen. Gib mir die Dokumente zurück.

Thomas (endlich ganz entschlossen, zieht den Schlüssel der Lade ab)

Nein. Entschuldige. Ich kann nicht.

Josef (erschüttert)

Hast du also wirklich Neigung zu ihm …! So fängt es immer an. (Nach Überwindung) Er ist hier, um dich und Maria ebenso zu betrügen, wie er es mir und Regine getan hat!

Thomas

… Ich weiß es. Aber … meinst du es – so ganz einfach? So ganz ebenso?

Josef

Du kennst nicht alles.

Thomas

Aber es ist nicht wahr! Er kann nicht gekommen sein, um mir Übles zu tun!

Josef

Aber du Narr! Du eingebildeter Narr! Du meinst, die einfache Wahrheit sei für dich nicht gut genug; das Einmaleins der Tatsachen, für dich gilt es nur, wenn es zugleich eine »höhere Wahrheit« ist!

Thomas

Eben das wollte ich vielleicht sagen. Wenn du mir beweisen würdest, Anselm will mich betrügen, und wenn du mir beweisen würdest, – Maria will es: Das kann nicht wahr sein! Und das kann nicht falsch sein! Das kann nur etwas bedeuten, das damit gar nicht gesagt ist.

Josef

Also auch du bist berückt und verzaubert. Gut. Also bleibe ich hier.

Thomas

Wie meinst du das?

Josef

Ich bleibe hier in deinem Haus. Du wirst mir nicht die Türe weisen, während du sie jenem Schurken offenhältst.

Thomas (verwirrt)

Natürlich nicht, nein … aber das läßt sich nicht machen.

Josef

Und ich sage dir, daß ich nicht von hier fortgehe, bevor ich diesen »Kopfjäger« – ja siehst du, das ist der richtige Ausdruck, den habe ich für ihn gefunden – hier vor euch allen genötigt habe, mir die Schuhe zu lecken! Du wirst sehn, er tut es, er ist klüger als ihr! Er hält nicht stand, sobald er merkt, worum es sich handelt!

Thomas (bitter und mit wachsender Ergriffenheit)

Du würdest es bereuen. Wenn auch nichts vorgefallen ist, so ist doch … eine Abwendung nicht fortzuleugnen. Du würdest mit Regine sprechen wollen, sie würde dir ausweichen. Du würdest ihr etwas beweisen und sie würde es einfach nicht hören. Verstehst du: eine Taubheit der Seele. Du würdest ihr mit dem Finger zeigen, er ist ein Schurke, und sie würde es nicht sehen. Du würdest den Verstand verlieren, wahrhaftig du würdest nicht mehr wissen, redest du sinnlos oder fliegen deine Worte fort?!

Josef

Ich werde mir Gehör zu verschaffen wissen. Ich will mir nicht vorwerfen müssen, daß ich durch Unentschlossenheit mich mitschuldig gemacht habe. (Ab)

Thomas (durchmißt in höchster Qual einigemal das Zimmer)

Du würdest denken, solch jahrelanges Beisammensein sei etwas Geistiges. Dann kommt einer, nichts hat sich geändert, aber alles, was du tust, ist ohne Bedeutung und alles, was er tut, bedeutet etwas. Deine Worte, die vordem tief eindrangen, fallen dir unbeachtet vom Munde. Wo ist Seele, Ordnung, geistiges Gesetz? Zusammengehören, Begriffenwerden, Ergreifen? Wahrheit, wirkliches Gefühl? Der Abgrund des stummen Alleinseins schluckt sie wieder ein!

Maria (tritt vorsichtig ein)

Ich wußte nicht recht, bist du schon wieder allein? Ich habe gewartet.

Thomas

Und … hast gehört?

Maria

Ich habe nicht gehorcht. Ich will nicht wissen, was ihr gesprochen habt. Gib mir die Mappe.

Thomas (weicht wie vor einer unentrinnbaren Gefahr zurück)

Also …? Also wirklich?

Maria

Ich habe darüber noch einmal mit ihm gesprochen. Er beginnt sich mir anzuvertraun. Laß ihn mein Freund sein. Gerade wenn er schlecht ist.

Thomas

Also wirklich … Und was ich dir gesagt habe?

Maria

Wenn du es selbst glaubtest, würdest du es anders anpacken als nur so von innen heraus. (Schmerzlich) Warum hast du dich in das eingelassen? Weil du glaubst, daß er mich beeinflußt. Ja, er tut es; darf er denn nicht?

Thomas

Er darf? Kann! Kann es, Maria! Sieh mich doch an, was hat sich verändert? Du verlierst dein Stopfholz, dieses liebe runde Ding, über das du manchmal die Strümpfe spannst; dann findest du es nach Tagen auf der Straße wieder: du erkennst es kaum; was du daran war, ist verwest; es ist nur ein lächerliches kleines Holzskelett. So kehrst du wieder. Seines Geistes Kind; Fetzen der Widerwärtigkeit dieses fremden Mutterschoßes hängen an dir!

Maria

Du bist ein harter, gewaltsamer Mensch.

Thomas

Sag neidig. Sag voll Haß. Dieses fremde Wesen möchte ich mit den wildesten Säuren wegätzen, das mit mir ringt, ohne daß wir uns fassen können! In deinen Gedanken finde ich ihn, das ist hilfloser verlassen sein, als ob ich ihn in deinem Bett fände.

Maria

Du bist ein harter, eifersüchtiger Mensch; du forderst, ohne selbst etwas geben zu wollen. Darf ich nur auf dich hören? Mußt in jeder Frage du recht haben?

Thomas

So wenig, daß ich manchmal nicht mehr verstehe, warum bist du immer bei mir gewesen und nicht bei ihm? Es ist etwas in mir, etwas störrisch Unbelehrbares, das wacht über dich wie eine Mutter über die Freude ihres Kinds. Das fühlt, dummglücklich im Schmerz, wenn du von ihm kommst, etwas Erfrischtes, Neues.

Maria

Siehst du, daß du eigentlich alles gar nicht meinethalben machst, Aufregungen und Gefahr für unsre Existenz. Sondern nur weil du zu fühlen glaubst, daß er mich – nicht begehrt! – sondern höher schätzt als du!

Thomas

Seit es anfing, sagst du mir, es sei nicht Liebe, sondern ein geistiges Erlebnis –

Maria

Das ist es auch nur.

Thomas (gequält)

Fast ebensolang zeige ich dir schon, er ist im inneren Erlebnis ein Fälscher. Aber du glaubst nicht an mich, sondern an ihn. Das klingt so einfach und ist – das Grauen.

Maria

Ich glaube noch an dich! Aber was hast du daraus gemacht?! Etwas nie Fertiges. Etwas, das nie klar wird. Von jedem neuen Einfall bedroht. Als Ersatz dafür ein unbestimmtes Zusammengehören, wie Reisende in einem Abteil. Ohne Zwang und Leidenschaft! Ich will nicht denken! Man kann auch anders etwas sein! Thomas, was dich gepackt hält und zerrt und schüttelt, bist du selbst! Die Scham über die Stunden, wo du nicht denkst; wo du zu mir kommst, weil du nicht denken willst, entblößter als nackt in diesen schändlich »schwachen« Stunden, wo die Eingeweide heraustreten. Was hast du aus uns gemacht! »Du du« und »da da«, »Mausi und Katz«, »kitzi kitzi, kleiner Mann und Mädi«!

Thomas

Still! Still! Es ist grauenvoll! Ich kann es nicht anhören! … Spürst du nicht das ungeheuer hilflose Vertrauen darin? Alles, was dir ein Mensch geben kann, liegt in dem Bewußtsein, daß du seine Neigung nicht verdienst. Daß er dich gut findet, für den in alle Ewigkeit kein Grund zu finden ist, der ihn als gut beweist. Daß er dich, der sich nicht sprechen, nicht denken, nicht beweisen kann, nimmt als Ganzes. Daß er da ist; hergeweht; zur Wärme, zur Aufrichtung für dich! Hast du es nicht so empfunden?! Warst du immer anders?

Maria

Daß du noch stolz darauf bist! Du hast mich den Mut zu mir selbst verlieren lassen!

Thomas

Und Anselm gibt dir einen gefälschten!! Du wirst eine ungeheure Enttäuschung erleben!

Maria

Vielleicht fälscht er. Aber ich habe ein Recht darauf, daß man mir vorredet: so ist es! Daß – und wenn es nur eine Täuschung wäre! – etwas stärker als ich aufwächst. Daß man mir Worte sagt, die nur wahr sind, weil ich sie höre. Daß mich Musik führt, nicht daß man mir sagt: vergiß nicht, hier wird ein Stück getrockneten Darms gekratzt! Nicht, weil ich dumm bin, Thomas, sondern weil ich ein Mensch bin! So wie ich ein Recht darauf habe, daß Wasser rinnt und Steine hart sind und Schweres in meinen Rocksaum genäht, damit er nicht schlottert!

Thomas

Wir reden aneinander vorbei. Wir sagen das gleiche, aber bei mir heißt es Thomas und bei dir Anselm.

Maria

Ist das alles, was du antwortest? Nie, nie, nie steht etwas da, groß, aufregend, notwendig, nach der Hand greifend! Du nimmst mich nicht einmal fort von ihm.

Thomas

Man kann niemand fortnehmen von dort, wo er steht. Du wirst aber – (er sucht Worte und findet kein besseres) eine unsagbare Enttäuschung erleben.

Maria

Sag es mir, wenn du etwas wirklich weißt! Laß mich doch nicht so allein!

Thomas

Beweisen läßt es sich nicht.

Maria (trotzig gemacht)

Ich meine, der einzige Beweis für und gegen einen Menschen ist, ob man in seiner Nähe steigt oder sinkt.

Anselm (stürzt aufs äußerste erregt herein, jede Rücksicht ungeduldig preisgebend)

Ich muß Maria noch einmal sprechen. Ich muß rasch Maria noch sprechen.

Thomas

Ich werde euch allein lassen.

Maria

Thomas, nicht so! Es ist so gleichgültig für das Entscheidende, daß er ein Mann ist.

Thomas

Und wenn das seine Spezialität wäre? Anselm, hast du gehört?! Hast du verstanden, daß Josef im Haus wartet?! (Da Anselm ihm nicht antwortet, überwältigt ihn Wut, er packt die Kissen des Diwans und schleudert sie auf den Fußboden) Legt euch doch auf die Erde … da! … da! … Tut es ab, bevor wir weiterreden! Blut durchqualmt euch den Kopf! Das noch nicht vereinigte Mark steht in der Tiefsee der Körper wie Korallenwald! Vorstellungen rinnen hindurch wie die wandernden Wiesen blumenhäutiger Fischscharen! Du und Ich pressen sich geheimnisvoll vergrößert ans Kugelglas der Augen! Und das Herz rauscht dazu!

Maria (beginnt in sich hineinzuweinen)

Schämst du dich nicht?

Thomas

Und Josef wartet dazu!! – In dieser Lage hat Scham keinen Sinn mehr. (Zu Anselm) Sag nur ein aufrichtiges Wort; ein Wort, das unschuldig wie ein kleines Tier in dir herumschlüpft. Damit ich weiß, Maria wird es streicheln können, Maria wird nicht frieren vor Enttäuschung! Ein Wort, damit ich glauben kann: Demütigungen waren es nur, weil sie zu erleiden unser Schicksal ist, das Vorrecht des Geistes zwischen den Pächtern der Welt! Und ich will alles tragen! Will Josef abwehren statt ihn zu holen, und Maria trösten in ihrer Angst und in ihrer Verachtung für mich und ihr sagen, man ist nie so sehr bei sich, als wenn man sich verliert.

Maria

Mir sagst du, glaub ihm nicht; ihm bietest du mich völlig an: du hast keine Würde mehr!

Thomas (in höchstem Entsetzen, schüttelt den reglosen Anselm am Ärmel)

Es ist widerlich, wie du vor mir stehst. Widerlich, wie wir alle dastehn. So außerordentlich körperlich. So außerordentlich körperlich zwischen uns allen ist es, wie du Maria geistig beherrschst. Etwas widerlich Geschlechtliches von Mensch zu Mensch ist zwischen uns! Was scherst du mich! Was will Maria von mir! Fleischtürme steht ihr da! (Ab, um Josef zu holen)

Anselm (einer wahnsinnigen Erregung endlich freien Lauf lassend)

Weinen Sie nicht!! Ich habe mich nicht rühren können vor ihm! Damit er nichts errät! Aber ich töte mich eher, als daß ich Sie weinen lasse!!

Maria

Anselm! Bei allen Heiligen! Werden Sie mich nie anlügen?! Ich würde zugrundegehn, wenn Sie lügen …!

Anselm (mißtrauisch erkaltend)

Hat man Ihnen etwas gesagt?

Maria

Wie soll ich Vertrauen haben …?

Anselm

Wir dürfen keine Minute mehr verlieren. Kann ich Ihren Glauben durch ein Opfer wiedergewinnen? Ihren Glauben an sich! (Drohend) Ich tue alles, ohne zu zögern!

Maria

Aber ich werde die Ahnung nicht los: Sie wollen mich bloß verleiten, anders zu sein, als ich bin. Ich fühle das. Gewiß müssen Sie immer ähnlich gewesen sein.

Anselm

Ja. Ich habe immer Menschen verleitet, besser zu sein, als sie sind. Aber ich habe Qualen gelitten.

Maria

Auch gegen Regine ähnlich.

Anselm

Ja. Aber ich hasse sie deshalb!

Maria

Sie werden auch mich hassen! Ihr Leben war immer voll von Freunden und Geliebten.

Anselm

Hat man Ihnen so etwas gesagt? Dann wissen Sie: aus Ungeduld. Aus Schwäche, die nicht länger warten will. Aber die Enttäuschung schon in sich trägt. Den Haß schon in sich trägt; der nur aus Angst versucht, Liebe zu werden! Schon als Kind, als kleinen Jungen haben sie mich alle geküßt, diese Mütter, Kindsfrauen, Mägde, Schwestern, Freundinnen. Die Dickhäuter, in deren Haut der Pfeil der Sehnsucht nach dem Menschen steckenbleibt und zu einer gutmütigen Verdauungsfreude einheilt! Ich kann nicht ohne Menschen sein! Und das bekommt man dafür! Sie wissen es ja selbst.

Maria

Thomas sagt, Sie wollen geliebt werden; nur weil Sie nichts leisten. Oh, er ist fürchterlich, man traut sich selbst nicht mehr.

Anselm

Und Sie werden mich doch verstehn: Mein ganzes Leben ist dadurch zerstört worden. Wie oft hat mich schon Hoffnungslosigkeit angerührt. Der Wille wider mich. Gehetzten, Verrückten, mittendrin Ausgeschlossenen. Ich habe vielleicht manches getan. Aber wenn auch Sie mich enttäuschen, der einzige große Mensch, den ich gefunden habe, gibt es nur ein Mittel: eine Leine; eine sanfte, weiche Leine. Und eine seidenglatte, grüne Seife; mit der reibe ich sie ein. Das doch noch einmal tun zu können, ist die letzte große Beruhigung für mich. Die Verwesung ist nicht feindlich; sie ist mild und weich; Allmutter, still und farbig und ungeheuer; blaue und gelbe Streifen werden meinen Leib überziehn –

Maria

Wie soll ich Vertrauen haben, wenn Sie wieder in solchen kranken Ekelbildern schwelgen!

Anselm (unterbrochen, sieht sie bös an)

Selbst wenn ich Sie ansehe, zittre ich ja zuweilen. Ich fürchte mich, weil Sie nur eine Frau sind.

Maria

Türler ve etiketler

Yaş sınırı:
18+
Litres'teki yayın tarihi:
10 haziran 2026
Hacim:
5257 s. 13 illüstrasyon
ISBN:
9782377871742
Telif hakkı:
Bookwire
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