Kitabı oku: «Robert Musil: Gesammelte Werke», sayfa 57
Josef
Wenn man überhaupt auf solche Gedankengänge eingehen darf: Sie hätte sich mir rechtzeitig anvertrauen sollen!
Thomas
Du würdest ihr den moralischen Defekt nachgewiesen haben und hättest damit recht gehabt. Sie hätte ebensogut zu einem Arzt gehen können und er hätte ihr gesagt: Erotomanie auf neurasthenisch-hysteroider Basis, frigide Erscheinungsart bei pathogener Hemmungslosigkeit oder dergleichen und hätte auch recht gehabt! Denn sie schlang ja die sogenannten Abenteuer in sich hinein wie ein Kettenraucher, mit dem Überdruß als einzigem Grenzzeichen. Sie konnte vielleicht schließlich überhaupt keinen Mann sehen, ohne –
Josef
Ohne was?! Fühlst du denn nicht, wie unerträglich verkommen das ist?!
Thomas
Ohne nach ihm zu greifen; wie du kein Handbuch deiner Wissenschaft sehen kannst, ohne es aufzublättern, obgleich du sicher bist, ohnedies alles zu wissen, was darin steht. Übersieh doch nicht, wie oft wir genau so lasterhaft handeln – nur im Guten.
Josef
Ach, unpassende Geistreicheleien, mit denen du gern groß tust. Man müßte sie Anspruchslosigkeit lehren und Achtung vor den festen Grundlagen des Daseins.
Thomas
Josef, eben das ist es: die hat sie nicht, diese Achtung. Für dich gibt es Gesetze, Regeln; Gefühle, die man respektieren muß, Menschen, auf die man Rücksicht zu nehmen hat. Sie hat mir all dem geschöpft wie mit einem Sieb; erstaunt, daß es ihr nie gelingt. Inmitten einer ungeheuren Wohlordnung, gegen die sie nicht das geringste Stichhaltige einzuwenden weiß, bleibt etwas in ihr uneingeordnet. Der Keim einer anderen Ordnung, die sie nicht ausdenken wird. Ein Stückchen vom noch flüssigen Feuerkern der Schöpfung.
Josef
Du willst sie also wohl gar noch als einen Ausnahmemenschen hinstellen? (Steht auf. Ironisch, entschlossen, mit verstellter Feierlichkeit) Ich danke dir; du hast mich sehen gelehrt. Weißt du, daß du damit auch den verteidigt hast, mit dem deine Frau geht?
Thomas
Ja. Das weiß ich. Und das will ich ja doch. Du verlangst Ideale; aber auch, daß man keinen extremen Gebrauch von ihnen mache. Du läßt die Witwer wieder heiraten, aber erklärst die Liebe für unendlich, damit die Wiederverehelichung erst nach dem Tode erfolgt. Du glaubst an den struggle of life, aber milderst ihn durch das Gebot: Liebe deinen Nächsten. Du glaubst an die Nächstenliebe, aber milderst sie durch den struggle of life. Du verschaffst den Gesetzen unbedingt Geltung, aber begnadigst hinterdrein. Du bist für Besitz und Wohltätigkeit. Du erklärst, daß man für die höchsten Güter sterben müsse, weil du schon voraussetzt, daß keiner auch nur eine Stunde lang für sie lebt –
Josef (unterbricht ihn)
Du möchtest also mit einem Wort behaupten, daß ich überfordere; am Ende, daß ich zu rigoros war. Oder umgekehrt: daß ich solch eine gewöhnliche Kompromißnatur bin?
Thomas
Ich will nur behaupten, was niemand bestreitet, daß du ein tüchtiger Mensch bist, der sich eine solide Grundlage schaffen muß! Ich will gar nichts andres behaupten. Du gehst auf einem ausgelegten Balkennetz; es gibt aber Menschen, die von den dazwischenliegenden Löchern angezogen werden hinunterzublicken.
Josef
Ich danke; ich erkenne jetzt doch, wer du bist. Du bist zwischen den Kranken ein Angekränkelter.
Thomas
Ich meine, daß man gegen Menschen wie dich um die Berechtigung kämpfen muß, hie und da krank zu sein und die Welt aus der Horizontale zu sehn.
Josef (geht nahe zu ihm)
Glaubst du, daß man mit solchen Anschauungen das Vertrauen verdient, Schüler zu haben und an der Universität lehren zu dürfen?
Thomas
Ich pfeife auch drauf. Verstehst du: ich – pfeif – dir – drauf. Ich möchte mir das Gefühl bewahren, durch eine fremde Stadt zu gehn, in der ich noch ungeheure Möglichkeiten vor mir habe.
Josef
Also so weit geht deine Übereinstimmung mit diesem davongejagten Privatdozenten?
Thomas (schreit ihn an)
Ich finde ihn lächerlich!! … Ich verteidige ihn ja nur gegen dich.
Josef
Thomas, du bist noch immer verwirrt! Zehn Jahre hast du wissenschaftlich gearbeitet; und ich muß sagen, tüchtig. Du sprichst unverantwortlich, aber ich fühle mich für dich verantwortlich.
Thomas
Sie um dich! Unsre Kollegen fliegen, durchbohren Berge, fahren unter Wasser, zucken vor keiner noch so tiefen Neuerung ihrer Systeme zurück. Alles, was sie seit Jahrhunderten machen, ist kühn als Gleichnis einer ungeheuren, abenteuerlichen neuen Menschlichkeit. Die niemals kommt. Denn ihr habt über eurem Tun längst seine Seele vergessen. Und wenn ihr Seele haben wollt, verliert ihr den Verstand so wie ein Student die Couleur ablegt, bevor er zu Weibern geht.
Josef
Das ist mangelnder Ernst! Macht, was ihr wollt! Euer armer Vater auf seinem Totenbett hat euch Geschwister und Vettern zwar meiner als des Älteren Sorge anvertraut, aber Gott sei mein Zeuge, ich kann mich nicht länger damit einlassen. Ich will mit euch nichts zu tun haben. Nichts!
(Zornig ab. Thomas lacht hinter ihm drein. Regine öffnet leise die Tür)
Regine
Ich habe gehorcht.
Thomas (gespielt)
Das sollst du nicht mehr tun, Regine.
Regine (putzt ihren Rock ab)
Was liegt daran, ob ich zuletzt das noch tue. Oh, ich wollte es noch einmal versuchen; aber (sie sagt das, wie man von einem bösen Zeichen spricht) ich habe mich geschämt.
Thomas
Reginchen, Träumelinchen, das darfst du nicht tun, das schickt sich nicht. Du bist jetzt ein edler, erwachsener, kämpfender Mensch. Weiß du schon? Maria ist fort. Wein doch nicht! Natürlich: Anselm!
Regine (kämpft mit den Tränen)
Nicht um Anselm, nicht um Anselm! Soll ihn sich Maria nur holen! Mir war er nie auch nur sympathisch; immer blieb etwas fremd; eilig in den Beinen, schnüffelnd um die Nase. Ich hatte nie dieses einfach körperliche Vertrauen zu ihm, wie ich es, solange ich denken kann, zu dir hatte … Aber ich habe gefühlt, mein Leben wird besser; er hat soviel Interesse für mich gehabt; er findet an jedem etwas heraus; da durfte nichts mehr nur beiläufig geschehn …
Thomas
Ach? Und die Narretei mit Johannes?
Regine
Thomas, für mich hat Johannes gelebt, nur für mich! Er hatte keinen andren Zweck und Lebensinhalt anerkannt als mich! So verrückt war ich nie, zu vergessen, daß das alles war; an Wirklichkeit. Aber daß es dieses Wesen in der Welt nicht mehr gab: dagegen lehnte ich mich auf. Es war Flucht in die Unwirklichkeit, gut – (Sie denkt nach und wiederholt es ohne die Mißbilligung im Ton) Flucht in die Unwirklichkeit: auch das hat er immer gesagt, Anselm … In die Nochnichtwirklichkeit, auf den Berg. Es ist etwas in uns, das zwischen diesen Menschen nicht zu Hause ist: wissen wir, was es ist? Und hat nicht den Mut dazu gehabt! … Ich war ja plötzlich ganz blöd und keusch geworden, als ich merkte, es handelt sich um andres. Das war nicht mehr dieses traumhaft einfache einen Menschen hineinziehn hinter die vier Papierwände der Phantasie. Seine Ideen schoben einen Widerstand davor. Zum erstenmal war es nicht dieser sinnlos direkte Weiberweg von den Augen unter das Herz; ich begriff: starke Menschen sind rein. Und ob du mich auslachst: ich wäre immer gern stark gewesen wie ein Riese, von dem man noch nach Geschlechtern erzählt! Und jeder kann es; jeder läßt sich nur in sich hineinpacken wie in einen zu kleinen Koffer. Aber er hat den Mut nicht gehabt! Er hat sich gerettet! Thomas! Was er mit Maria tut: das ist feige Flucht in die Wirklichkeit.
Thomas
So einfach geht es bei Maria nicht, du wirst sehn.
Regine (bereitet sich Tee)
Ich war, bevor ich an die Tür kam, noch einmal durch das Haus gegangen. Zu den alten Kinderzimmern, zu den Bodenkammern, zu allen Plätzen unsrer Phantasie. Auch an der Stelle, wo sich Johannes getötet hat, war ich. (Sie zuckt die Achseln mit dem Ausdruck: es war nichts) Alles war fast genau so wie einst. Die Dienstleute standen hinter ihren Türen auf; etwas später, so warten sie in ihren Zimmern darauf, daß man klingle. Alles ist dann aufgeräumt und aufgezogen. Bereit, loszuschnurren wie an allen den fünfzehnmal dreihundertfünfundsechzig nicht mehr vorhandenen Tagen. Darunter die Tage, wo ich nicht hier war, wo ich unglücklich war, wo ich in einem fremden Haus ins Bettlaken biß und weinte.
Thomas
Immer leerer wird das Haus. Anselm ist fort, Maria ist fort; ich wette, daß Josef den nächsten Zug nimmt.
Regine
Oh, ich möchte mich noch einmal niederwerfen dürfen auf die Erde, zwischen die Blumen des Teppichs. Sieh mich nur so an – halt mich mit deinen bösen nüchternen Augen, damit ich es nicht tue!
Thomas
Auf solchen großen Blumen sind wir manchmal Ornamente gegangen. So groß waren sie nicht, aber sinnlos verschlungen.
Regine
Die Blumen wachsen maßlos, wenn man auf der Erde liegt. Die Stuhlbeine stehen wie Bäume ohne Kronen steif und warumlos in ihre Stellen gepflanzt: Das ist die Welt. Die große Welt.
Thomas
Wir saßen einmal in einem Schrank – erinnerst du dich noch? – versteckt.
Regine (geht aufmerksam den paar großen Kurven des Teppichmusters nach; vor und zurück, manchmal von der einen zur andren übertretend)
Das ist so unheimlich. Ich kann mich überall hin bewegen und kann mich doch nicht überall hin bewegen. Nachts, wenn ich wach bin, würde ich mich nie trauen, aufzustehn und aufrecht durchs Zimmer zu gehn. Selbst wenn ich nur meine Hand hervorziehe und unter den Kopf lege, muß ich sie rasch wieder zurücknehmen. So unheimlich ist es, daß sie daliegt in der fremden Welt, ohne daß ich sie sehe. Sie ist gar nicht mehr meine Hand; ich muß sie rasch unter die Decke ziehn und wieder anheilen lassen.
Thomas (seinen Gedanken verfolgend)
Wir saßen in einem Schrank und unsre Halsadern glucksten vor Aufregung. (Er unterbricht sich) Aber Unsinn, wir sind keine Kinder mehr. (Auf die von Regine abgeschrittenen Muster deutend) Man kommt nie aus dem Vorgezeichneten heraus. Manchmal ist mir, als wäre alles schon in der Kindheit beschlossen gewesen. Steigend, kommt man immer wieder an den gleichen Punkten vorbei, dreht sich über dem vorgezeichneten Grundriß im Leeren. Wie eine Wendeltreppe.
Regine (mit halb gespieltem, halb wirklichem Entsetzen auf die emporführende Treppe deutend)
Da ist sie! Ich mag sie nicht sehn! (Sie verbirgt sich am Diwan)
– – –
Thomas (selbst erschrocken)
Kannst du erschrecken! (Er setzt sich brüderlich ungeniert zu ihr) Heute nacht habe ich geträumt; von dir. Wir saßen wieder in einem Schrank –
Regine
Aber wie dein Herz klopft. Durch den Rock.
Thomas
Aber gleicht denn dieses Zimmer nicht einem Schrank? Ist denn dieses ganze leergewordene Haus nicht wie ein ausgeräumter Schrank? So wird man wieder zurückgedreht.
Regine (richtet sich halb auf, von einem beängstigenden Gedanken erfaßt)
Was werden wir jetzt machen?!
Thomas
Nichts, Regine. Die vergoldeten Nüsse hängen nie an den wirklichen Bäumen. Man sucht sie bloß dort; was merkwürdig genug ist. Ich habe mir vielleicht einigemal in jedem Jahr heimlich gewünscht: Marias Abwendung. Loslassen, leise durch die Weite wandernde Begleitmusik zu einem Marsch, der noch gar nicht vor sich geht. So wie du bist. Sie sieht auch wahrscheinlich nur etwas wie Sterne, an Tragstangen schwankend; Blätter, durch deren Schlaf Licht wie mit Händen fährt. Aber es mag schön an so etwas zu denken sein –
Regine
Und ist holprig durch solche Nacht zu gehn? Braver Thomas! (Sie legt sich wieder hin)
Thomas
Nein, unsinnig, unsinnig beides! So ziellos, so zwecklos das Ganze!
Regine
Warte. Ich kann mir gar nicht mehr vorstellen, wie das früher bei mir war. Ich lag unter einem Gebüsch und nahm einen Käfer in den Mund. Der stellte sich tot. Und mein Puls zählte. Und ich sagte mir, bei einer bestimmten Zahl wird er als kleiner Prinz aus meinem magisch erleuchteten Mund heraustreten. Ja, das war noch Zauberei. Einen Teil der Welt verschlucken. Dann spuckte ich das Ding aus, wenn die Zahl vorbei war, aber dachte mir doch das nächstemal das gleiche, denn ich hatte ein geheimnisvolles Gefühl von mir. So habe ich gelebt. Lange. Dann wurde es immer gewöhnlicher. Ja. Immer zweckloser. Immer sinnloser.
Thomas
Spürst du nicht, daß es von den Wiesen herein nach Fischen riecht? Ein unanständiger Geruch. (Er steht hinter ihrem Kopf) Und wenn ich dich anschaue, so verkehrt, bist du wie eine plastische Karte, ein gräßlicher Gegenstand, keine Frau.
Regine
Hast aber nachts mit Herzklopfen geträumt, daß wir in einem Schrank saßen?
Thomas
Du warst älter als du bist, so alt wie Maria, und zugleich sahst du aus wie vor fünfzehn Jahren. Du schriest so wie gestern, aber es war leis und schön. Wir sind ganz ruhig gesessen. Dein Bein lag an meinem wie ein Boot an seinem Landungssteg; dann wieder wie das süße glitzernde Hin- und Herrinnen des Winds in den Wipfeln. Das war Glück.
Regine
Aber wie soll man das tun?
Thomas
Tun? Ich weiß nicht. Aus Verzweiflung einander aufschneiden und sich in fremdem Innern wälzen wie ein Hund auf dem Aas?
Regine
Das Ende war vorgezeichnet! Wir wissen nicht, was wir tun sollen! Wir werden immer wieder vor dieser Wand stehn! Ich kann nicht mehr!
Thomas (hält ihren Kopf fest und küßt sie)
Dich kann ich küssen: Verkommene Schwester. Unsre vier Lippen sind vier Würmer, nichts sonst!
Regine
Ich möchte dich mit den weichsten Teilen meines Körpers umschließen. Wie er mich umschließt. Weil ich dich immer lieb hatte. Wie mich. Aber nicht mehr. Nicht mehr.
Thomas
Ah … erst stand dieser Kuß weit vor mir lockend. Nun ist er ebensoweit hinter mir, brennend. Hindurchgekommen sind wir nie. Nie. Nie. Du fühlst das!
(Fräulein Mertens ist eingetreten und hat das mitangesehn. Sie will sich eben empört zurückziehn, als die beiden sie bemerken)
Fräulein Mertens
Oh, Regine, Sie haben sich rasch getröstet; ich wollte fortgehn, ohne ein Wort zu sagen. Eine mir unverständliche Auffassung herrscht in diesem Haus.
(Regine und Thomas brechen in ein etwas erzwungenes Lachen aus)
Thomas
Verstehen Sie, das war keine Liebesszene, was Sie überrascht haben. Das war eine Anti-Liebesszene. Das war eine Sozusagen-Verzweiflungsszene.
Fräulein Mertens
Ich maße mir kein Urteil an.
Thomas
Worüber waren wir verzweifelt, Regine?
Regine (noch im Ton)
Wir waren darüber verzweifelt, daß uns nichts mehr übrigblieb, daß wir uns wieder benehmen mußten wie als Schulkinder. (Aus der Rolle fallend) Mertens! Hören Sie, lassen Sie mich nicht allein! Ich brauche jemand, der meinen Kopf hält. Thomas würde traurig neben mir sitzen, wenn ich sterbe, und mir erklären, daß ich ihn dabei nur störe. Er würde verlangen, daß ich als Sterbende ihm ausdrücken helfe, warum dieser Augenblick nur eine glanzlose körperliche Katastrophe ist, während Angst und Trauer zu seinen beiden Seiten so verzaubert glühn.
Thomas
Aber sei doch nicht albern.
Fräulein Mertens
Ich reise abends. Ich werde den Rest dieses Tags außer Haus verbringen. Treiben Sie bitte nicht bis zum Ende Scherz mit mir; Sie denken nicht ans Sterben.
Regine
Aber Mertens! Habe ich nicht immer daran gedacht?
Fräulein Mertens
Ich weiß nicht, woran Sie gedacht haben, während Sie mir einen herrlichen Glauben vorspiegelten, der sich in der engen Wirklichkeit nicht zufrieden gab. Ich bin einer Illusion unterlegen. Denn auch ich habe einst den Geliebten verloren; aber ich habe ihm durch einundzwanzig Jahre reine Treue gewahrt bis heute. (Ab)
Thomas
Da hast du’s! Das Laster ist Schmutz. Aber die Tugend ist auch nur frisch genießbar!
Regine
Nun wird sie wirklich gehn. Maria, Josef, sie –: Die Ordnung weicht zurück wie das Fleisch beim Skorbut von den Zähnen; nun müssen sie bald ausfallen.
Thomas
Warum läßt du dich niederdrücken! Selbst von so einer Person. (Sie sitzen geduckt fern voneinander und können den Versuch nicht wieder aufnehmen)
Regine (trotzig)
Weil ich nicht weiß, was ich tun soll. Verstehst du denn nicht, ich habe immer etwas tun müssen. Nun weiß ich nichts mehr. Komm! Nein, bleib! Das Geheimnis: ich mitten zwischen alldem – ist zu Ende.
Thomas
Nichts behält in der Nähe die Leuchtkraft und bei liebloser Betrachtung; Leuchtwürmchen: fängst du eins, ist es ein lichtloses graues Würstchen! Aber das zu wissen, gibt ein verteufelteres Gefühl als zu poeseln: Gotteslaternchen!
Regine
Für mich haben Gedanken wenig Reiz.
Thomas
Da hast du vielleicht recht. Dagegen ist vielleicht wenig zu sagen … Aber dann kann ich dir nicht helfen.
Regine
… Als ich von euch fortging, nach Johannes, besaß ich noch Mut. Irgendeine Erwartung; ich nannte sie, falsch natürlich: Trauer.
Thomas
Hunger war es natürlich.
Regine
Ja, Mut. Aber was kam, war ein endloses Quellen von leeren Stunden. Ich verstehe einfach nicht, wie die andren Menschen es machen, sie richtig auszufüllen.
Thomas
Sie schwindeln natürlich; sie haben einen Beruf, ein Ziel, einen Charakter, Bekannte, Manieren, Vorsätze, Kleider. Wechselseitige Sicherungen gegen den Untergang in den Millionen Metern Raumtiefe.
Regine
Aber es ist alles, was geschieht, doch nur halb Ernst; halb Spiel! Man beschwört das Entsetzlichste, und es kommt ganz gleichgültig herauf, ohne Grauen und Spannung. Weil gerade ein Telephon in der Nähe ist oder nicht in der Nähe ist, aus Langweile, aus Sinnlosigkeit des Widerstands. Weil das ganze Dahinleben so schrecklich von selbst und ohne dich geht, ohne Schuld und Unschuld, wenn man es einmal begonnen hat.
Thomas (geht zu ihr und sieht sie unschlüssig an)
Aus tausend Gründen quellend; die ein Detektiv oder ein Menschenkenner erforschen kann; nur nicht aus dem einen, dem tiefsten Grund: aus dir.
Regine (abwehrend)
Wir können es nicht noch einmal machen. (Sie geht weiter weg von ihm) Menschen glauben dich zu besitzen, dein ganzes Wesen liefert sich ihnen aus und du bist gar nicht vorhanden in diesem wahnsinnig abschnurrenden Spielwerk …: Das war einmal schön, Geheimnis, Zauberei, eine Formel von wahnsinniger Kraft. Irgendwie gut und groß.
Thomas
Aber doch auch bloß: die Anfangsillusion, die jeder junge Mensch von sich hat, das Morgengefühl. Man kann tun, was man will, denn alles kommt zu einem selbst zurück wie ein in die Luft geworfener Bumerang.
Regine
Man hatte Freude daran, sich exzentrisch zu parfümieren und komplizierte leichte Speisen zu essen. Und eines Tages ertappt man sich dabei, daß man nur mehr Tee trinkt, Bonbons ißt und Zigaretten raucht. Hineingezogen fühlt man sich in einen Plan, der vor allem Anfang gemacht war, und eingeschlossen. Das Vorherberechnete kommt über dich, das was alle wissen; der Schlaf zu bestimmten Stunden, die Mahlzeiten zu bestimmten Stunden, der Rhythmus der Verdauung, der mit der Sonne um die Erde geht …
Thomas
Und im Sommer nehmen die Zeugungen zu und im Herbst die Selbstmorde.
Regine
Es zieht dich hinein! Und die Männer werden noch immer wie etwas unverständlich Kriechendes zu mir kommen; wie Tausendfüßer, wie Würmer; du merkst keinen Unterschied und fühlst doch, daß in jedem von ihnen das Leben verschieden ist …!
Thomas (wie mit einer Vision vor sich, sieht von fern durchs Fenster ins Ferne)
Bald wird jetzt Maria mit Anselm weit draußen stehn; in einer fremden Landschaft. Die Sonne wird auf Gras und Sträucher scheinen wie hier, das Gestrüpp wird dampfen und alles in der Luft fliegende Fleisch wird jubeln. Anselm wird vielleicht lügen, aber in jener fernen Landschaft kann ich gar nicht wissen, was er sagt …
Regine
Bist du unglücklich?
Thomas
Jeder Konflikt hat seine Bedeutung nur in einer bestimmten Luft; sowie ich sie in dieser fernen Landschaft sehe, ist alles vorbei. Das ist nicht in Einklang zu bringen, Regine; alle letzten Dinge sind nicht in Einklang mit uns zu bringen. Wohl ist nur denen, die es nicht brauchen.
Regine
Hilf mir, Thomas, rate mir, wenn du es kannst.
Thomas
Wie soll ich dir helfen? Man muß einfach die Kraft haben, diese Widersprüche zu lieben.
Regine
Was wirst du denn tun?
Thomas
Ich weiß nicht. Jetzt denke ich so, aber vielleicht denke ich später anders. Ich möchte bloß vor mich hingehn …
Regine
Geh mit mir fort! Machen wir etwas! Nur irgend etwas! Hilf mir doch! Mein Wille von einst wird sonst zu einem Brei von Ekel!
Thomas
Aber Regine. Fast körperlich weiter erscheint die Welt, wenn vordem die rechte Seite immer durch die Nachbarschaft eines anderen Menschen abgeblendet war. So steht man mit einemmal erstaunt in einem weiten Halbkreis. Allein.
Regine
Bleiben wie ich bin, kann ich nicht! Und anders werden, wie denn?! Wie Maria?!
Thomas
Man wandert einfach so umher. Feindlich sind dir alle, die ihren bestimmten Weg gehn, während du auf der unbestimmten Bettlerfahrt des Geistes durch die Welt bist. Trotzdem gehörst du ihnen irgendwie zu. Nicht viel sagen, wenn sie dich streng anschaun; Stille; man verkriecht sich hinter seiner Haut.
Regine (mit plötzlicher Wendung zum Gehen)
So hast du mir nur noch eins zu tun übriggelassen! Das, was ich dir nicht gesagt habe!
Thomas
Übertriebenheiten! Ich hab dich absichtlich nicht mehr danach gefragt. In diesen letzten Tagen dachte ich auch manchmal daran. Aber wenn man nachher an seiner eigenen Leiche stehn könnte, würde man sich der Voreiligkeit schämen. Denn die Gelsen würden einen an diesen schönen Sommertagen respektlos stechen und man würde sowohl vom Schauer der Unendlichkeit ergriffen sein als sich kratzen.
Regine (lächelnd)
Thomas, Thomas, du bist ein fühlloser Verstandesmensch.
Thomas
Nein nein, Regine, wenn irgendwer, so bin gerade ich ein Träumer. Und du ein Träumer. Das sind scheinbar die gefühllosen Menschen. Sie wandern, sehn zu, was die Leute machen, die sich in der Welt zu Hause fühlen. Und tragen etwas in sich, das die nicht spüren. Ein Sinken in jedem Augenblick durch alles hindurch ins Bodenlose. Ohne unterzugehn. Den Schöpfungszustand.
(Regine küßt ihn rasch und eilt hinaus, bevor er nach ihr greifen kann)
Thomas
Aber Regine! … Nein, nein, sie wird doch keinen Unsinn tun. (Steht aber doch auf und geht ihr nach)
(Vorhang).