Kitabı oku: «Robert Musil: Gesammelte Werke», sayfa 63
Anna: Weil alles, was geschieht, nichts ist als toter Lärm, aber die Welt zittert,wenn etwas in dir die Augen aufschlägt. (Sie hat das viel fester gesagt, als sie sonst spricht. Schildkröte hat aufgeblickt).
Wolfgang: (sinkt ihr verwirrt an den Hals). Nichts als toter Lärm, Schwester!
Ich war gestern nacht bei den Arbeitern (Anna erschrickt). Sie halten mich für einen der Ihren. Sie haben verlangt, daß ich sie herführe. Wir haben einen Forstbeamten erschlagen. Wir haben geplündert. Angezündet.
Und heute nacht gehe ich zu den Weißen, den Studenten. Auch sie halten mich für einen der Ihren –
Anna: Wolfgang! Immer mußt Du Böses tun.
Wolfgang: Ich bin auch einer der Ihren. Es ist ja auch ganz das Gleiche. Ob Du einen von links oder von rechts totschlägst. Ich sage Dir, es macht so wenig Unterschied. Die Ausdrücke und Gedanken hat man bald weg. Und es ist doch wundervoll: alles das tun. Aber ich sage Dir: blinder Lärm, blinder Lärm. Schwester! Schwester!
Anna: Ich bin doch Deine Tante und nicht Deine Schwester!
(Er küßt sie verzweifelt. Anna wehrt sich sanft schwesterlich).
Wolfgang: Laß mich. Es ist doch ganz gleich. Du bist seine Braut, Du bist meine Schwester. Die Erde gehört auch niemandem.
Anna: (ihn schwach liebkosend). Wolfgang, Wolfgang! Du bist besser als Du glaubst. (Sie muß sich gegen seinen Ansturm wehren.) Genug …! Wolfgang …! Schämst Du Dich nicht vor der Schildkröte?
Wolfgang: Die hört und sieht doch nichts! (Wolfgang bleibt mit dem Kopf in ihrem Schoß ruhig liegen. Sie schließt unwillkürlich die Augen.
(Nach einer Weile erwacht Wolfgang aus der Extase, blickt um sich, faßt sie oberhalb des Knie- und Elbogengelenks und drückt fest zu).
Anna: Au!
Wolfgang: Au? Wo die Seele? (drückt fester).
Anna: (sucht dem schmerzhaften Griff vergeblich zu entgehn, wird zornig, reißt sich los und schlägt Wolfgang)
Wolfgang: Wo die Liebe?! (Er springt zurück und prallt gegen Bunzel, der abreisebereit aus dem Haus gekommen ist).
8.
Bunzel: (verweisend) Zum Teufel, Wolfgang, wann wirst Du Dich endlich wie ein Erwachsener benehmen!
Wolfgang: Meine Teure, die Liebe hat Dich nicht einen Schritt bewegt, aber der Haß hat Dich springen machen! Aller Fortschritt kommt in die Welt nur durch das Böse!
Bunzel: Möchtest Du nicht endlich vernünftig reden und Dich dafür entschuldigen, daß Du mir auf den Fuß getreten bist! Du mußt mit mir in die Stadt reiten.
Wolfgang: Mein Vater, ich kann nicht.
Bunzel: Du mußt, sage ich, mach Dich fertig.
Wolfgang: Ich kann nicht reiten; ich habe mir den Fuß verletzt.
Bunzel: Du Undank! Willst deinen Vater allein in die Gefahr lassen! Du gehst sofort –
Anna: (vermittelnd) Laß ihn doch uns zum Schutz.
Bunzel: Das hat man von allen Opfern.
9.
(Schwertner kommt. Pathologisch. Tückisch. Witternd.)
Schwertner: Ignatz hier? Georgine?
Anna: Kommen Sie, hier sind sie nicht.
Bunzel: Hier sind sie nicht. Ich suche selbst Ignatz.
Wolfgang: Sie sind fortgegangen. Da vorbei.
Schwertner: (zu Anna) Auch sie belügen mich?
Bunzel: Kommen Sie, ich suche mit Ihnen. Sind Sie übrigens fähig, ein vernünftiges Wort zu hören? Ich reite jetzt fort. Ich übergebe Ihnen und Ignatz das Haus. Ich bringe Hilfe.
Schwertner: Bringen Sie, wenn Sie können.
(Alle ab. Nur Schildkröte bleibt unbemerkt zurück.)
10.
(Ignatz öffnet vorsichtig ein Tor. Hinter ihm Georgine, etwas verstört.)
Ignatz: Gott sei Dank, sie sind endlich fort. (Er zündet sich eine Zigarette an.)
Georgine: Schwertner wird Dich angreifen, sobald er Dich findet.
Ignatz: Schön. Ich habe ohnedies ein Bedürfnis, jene Auseinandersetzung nachzuholen, der ich damals ausgewichen bin. So ist man. Pfui Teufel.
Georgine: (steckt ihr Haar fest. Traurig enttäuscht.) Auch Ignatz – – Ignatz!
Ignatz: Das hätten wir auch vorher wissen können.
Georgine: Ich war wie toll, ich habe Monde vor den Augen gehabt.
Ignatz: Das habe ich sehr genau bemerkt.
Es gibt Menschen, welche von einer Art Aasgeruch des Lebens angezogen werden. Ihr Schicksal ist, daß sie sich nach einiger Zeit wieder in Menschen verlieben, mit denen sie schon einmal fertig waren. – Und schließlich, was bedeutet es überhaupt andres, daß die Dinge in der Erinnerung schön erscheinen?!
Georgine: Ich habe nicht gewußt, mit wem ich den tiefsten Sturm meines Lebens erlebte. Den lautlosen Sturm, der den Meeresgrund emporhebt.
Ignatz: Man glaubt, die Dinge sind etwas andres als wir. Aber damals war jedes Ding unser eigener Zustand; was nicht so war, verlosch. Die Vehemenz der Welt verlosch, das Mondlicht von innen strahlte.
Georgine: Was fand ich an Dir Besondres? Ich hätte die Frage niemals verstanden.
Ignatz: Diesmal paßte ich auf. Du hast mir Avancen gemacht – meinethalben, ohne es zu wissen – wie das Mädchen, das weint, weil es vergewaltigt wird, aber sich öffnet. Ich konnte mir ausrechnen, wann Du reif bist, ich konnte Dich lenken –
Georgine: Das habe ich sehr genau bemerkt. Ich hätte die Stunde berechnen können, wo Du glauben wirst, ich sei schwach genug. Ich lenkte Dich.
Ignatz: Kokain macht den Mann impotent und die Frau libidinös.
Georgine: Anna ist der Weg neben dem Liebesabgrund. Dein Spiel mit einem Geheimnis, das Du jetzt endgültig zerstört hast. Ach es ist ja so traurig.
Ignatz: Ja, traurig ist es.
Georgine: Du bist ja gar nicht mutig. Du setzt Dein Leben aufs Spiel, Du begehst, was Dir einfällt: weil Du nicht das Vertrauen hast, in Gott oder … nenn es, worin Du willst, zu leben.
Ignatz: Und Du lebst im Rausch wie ein Trunkenbold.
Georgine: Würdest Du Dich traun, das andre durchzusetzen? Einmal? Durch und durch?
Ignatz: zuckt die Achseln.
Georgine: Wozu sich dann noch weiterschleppen, töten wir uns.
11.
(Schwertner stürzt auf die Szene, eine Pistole auf Ignatz anschlagend, man hört von ihm nichts als ein unartikuliertes Stöhnen. Ignatz schlägt ihm die Pistole so plötzlich aus der Hand, daß Schwertner verdutzt einhält und mit dem ganzen Körper zu schwanken anfängt.)
Schwertner: Verdammte Lügnerin.
(Georgine bückt sich rasch nach der Pistole und schlägt auf Schwertner ein.)
Ignatz: Halt!
Georgine: (legt Distanz zwischen sich und die Männer) Es ist genug.
Ignatz: Fort mit der Pistole! Wir setzen es durch! (Er tritt schützend vor Schwertner.) Wir wollen dort anfangen, wo andre aufhören!!
(Georgine schießt auf beide – wirft die Pistole weit fort – und bricht in Schluchzen aus. Ignatz ist an der Hand gestreift, erschrickt einen Augenblick und verbindet sich dann kaltblütig mit dem Taschentuch. Schwertner hilft ihm ungeschickt, aber mit einer Erschütterung, die ihn gewonnen hat. Anna ist aus dem Haus gestürzt.)
12.
Ignatz: Ich werde Dir sagen, was war. Georgine und ich waren da (er weist auf den Schuppen.) Du verstehst.
Schwertner: Ich weiß, ich weiß.
Ignatz: Aber wir fangen dort an, wo andere aufhören. Wir, verstehst Du? Wenn Dir Deine Laster noch einen Funken der Seele gelassen haben, die Du einst hattest, so verstehst Du, was ich Dir und Anna sagen werde, sobald ich meine Hand gewaschen habe.
Georgine: – Anna? (hat Schildkröte entdeckt.) Die hat alles gehört, hat alles gesehn. Wir sind ja mit Schanden bedeckt, die wir nie mehr von uns entfernen werden.
Ignatz: Schildkröte dient seit achtzehn Jahren in diesem Haus. Sie hätt ganz andre Dinge hören und sehn können, wenn sie nicht mit achtzehn Jahren Sprache und Gehör und Gesicht fast verloren hätte. Mit neunzehn Jahren hatte sie einen Anfall von religiösem Wahnsinn, mit achtzehn hat sie ihre Seele flüstern hören und seither muß man mit ihr schreien, wenn sie verstehn soll und sie antwortet kein Wort. (Schreit) Schildkröte, wir fangen dort an, wo andere aufhören.
Schildkröte: (richtet sich auf) Ein Glück ist erreicht, nun soll es dauern; aber Dauer und Glück schließen sich aus. Du – sollst glauben Ignatz, so kommen die Berge zu Dir.
Tableau
Vorhang
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II.
Großer Wohnraum. Niedrige Decke. Die Herumsitzenden trennender großer ovaler Tisch. Weiße Vorhänge mit goldenen Larnissen. Unbehaglichkeit eines Landhauses.
Die Fensterläden geschlossen, außerdem innen mit Kotzen verhängt, damit kein Lichtschein verräterisch hinausdringt.
1.
Schildkröte ordnend, zuziehend. Löscht das Licht ab, späht bei den Läden hinaus, macht wieder hell. Monolog. Rhytmisierter Singsang eigener Erfindung:
Schießen – schießen
Morden – morden
Brennen – brennen (Sie bleibt hängen.)
Brennen?
Brennen macht alles gut.
Alles Böse in Menschen sind verkohlte gute Menschen.
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Gott hat in immer neuen Ansätzen die Welt geschaffen. Man kann glauben, daß die jetzige endlich vollkommen ist oder daß sie bald auf den Müll kommt:
Sie schießen einander, sie küssen einander
Würde es etwas ändern, wenn man wüßte?
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(Sie probiert vor dem Spiegel ein weißes Kopftuch und sieht um Jahrzehnte verjüngt aus in dieser engen Umrahmung.)
All das muß irgend einen Sinn und Zusammenhang haben!
Wolfgang: (aus einer dunklen Ecke vortretend) Es hat keinen, Schildkröte! Du liegst schief, Schildkröte! Wie steht der Dollar?
Schildkröte: Der himmlische Bräutigam hat mich verlassen.
Wolfgang: Dafür bekommst Du junge Aktien. Man kann sich großartig mit Dir unterhalten, Schildkröte. Wie ist das eigentlich gekommen, daß Du auf einmal sprichst?
Schildkröte: Deine Mutter ist schlecht, Wolfgang. Deine Mutter ist schlecht.
Wolfgang: Sag Schildkröte, ist es wahr, daß Du nicht immer Dienstbote warst?
Schildkröte: Wahr ist es.
Wolfgang: Und wie lange bist Du bei uns?
Schildkröte: – – Jahre.
Wolfgang: Und was warst Du zuvor?
(Schildkröte schweigt.)
Was kannst Du gewesen sein? Ich will es wissen.
Schildkröte: In einem Lehrerinnenseminar war ich.
Wolfgang: Als was? Als Beschließerin?
Schildkröte: Nein, als Schülerin.
Wolfgang: Potztausend! Na, und dann hast Du wohl irgendetwas erlebt und bist verrückt geworden?
Schildkröte: Der himmlische Bräutigam ist zu mir gekommen. Und hat mir gesagt, daß ich dienen soll.
Wolfgang: Sie erzählen aber, daß Du irgend ein Liebeserlebnis gehabt hast und danach sollst Du die Sprache verloren haben und fast ganz das Gesicht und Gehör. Damals bist Du zu uns gekommen. Und schöne Dinge mußt Du gesehn und gehört haben, in all der Zeit, wo Du Dich verstellt hast. Du kannst froh sein, daß du nicht gesehn und gehört hast, wie wir leben.
Schildkröte: Alles hab ich gesehn und gehört. Alle haben getan, als ob ich nicht da wäre, wenn ich dabei war.
Wolfgang: (interessiert) Das ist eigentlich prachtvoll; Du bist wie der liebe Gott. Man hat sich nicht vor Dir geniert. Oder wie ein ganz raffiniertes Luder.
Schildkröte: Wolfgang, Du bist nicht so schlecht, wie Du sprichst. Deine Mutter ist schlecht, weil sie tot ist.
Wolfgang: Tot? Ja, so; abgestorben, meinst Du. Eine gute alte Haut, aber nichts dahinter. Und mein Vater ist kein Gauner?
Schildkröte: Dein Vater hat viele Menschen betrogen, er ist reich geworden; aber bevor er reich geworden ist, haben viele Menschen ihn betrogen. Er hat Sorgen gehabt. Er hat Deine Mutter geschlagen, weil er keinen Ausweg wußte. Und er glaubt nur an das Böse. Der Teufel hat ihn hinaufgetragen und hat ihm die Menschen untertan gemacht. Aber im Herzen kränkt es ihn, daß Ihr ihn nicht liebt. Du bist ihm in vielem ähnlich, Wolfgang.
Wolfgang: Er ist ein unsympathischer Mensch, ich bin ihm gar nicht ähnlich.
Schildkröte: Ignatz ist ein sympathischer Mensch; Ignatz ist ein Auserwählter. Ich höre seinen Schritt.
(Anna tritt ein.)
2.
– Nein, es ist Anna.
Wolfgang: Hast Du gehört, Anna: Ignatz ist ein auserwählter Mensch. Und ihr habt weder den Mut zu heiraten, noch durchzugehn, noch euch zu trennen.
Schildkröte: Anna ist ein toter Mensch.
Anna: Du verstehst Ignatz nicht.
Schildkröte: Anna hat geschrien und geweint, wie Ignatz Georgine umarmte und der andere sie.
Wolfgang: Nette Geschichten? Was habt Ihr getrieben? All-Liebe? Quadratliebe? Oder in der Diagonale? Was gab’s? (Er ist aufgesprungen und hat Anna an den Handgelenken gefaßt.)
Anna: Laß mich los!
Wolfgang: (läßt sie los, betrachtet sie von oben bis unten) Schweinerei …
Anna: Das wirst Du nie verstehn, Du roher Bursch!
Wolfgang: Wie sie dasteht, wie sie sich schämt! (Anna dreht sich zur Wand.) Also was hat es gegeben?
Schildkröte: Georgine hat zu lachen begonnen. Sie war die erste, welche lachte. Aber nur ein ernster Mensch kann Böses tun, Wolfgang (sie weist auf Anna); nur ein trauriger Mensch kann schlecht sein; einem, der lacht, verzeiht Gott wie die Menschen.
Wolfgang: Aber schweig mit Deinem Salbader! Ich will wissen, was die hinter meinem Rüken getan haben!
3.
(Ignatz tritt ein; er hat einen Militär-Karabiner in der Hand.)
Ignatz: Das habe ich gefunden. Einen Karabiner. Den muß jemand hier auf der Hirschjagd vergessen haben. Auch zwei Magazine.
(Er stützt den Karabiner auf den Tisch und beschäftigt sich im Folgenden damit, den Verschluß in Ordnung zu bringen, den Lauf auf Rost zu prüfen, Patronen in ein Magazin zu füllen und dergleichen.)
Wolfgang: (zu Ignatz) Was habt Ihr angegeben?! Mich ausgeschlossen; Du mit den Frauen und dem dicken Schwein?
Ignatz: Es war der abgründigste Fehlschlag meines Lebens. Jetzt ist Ende.
Wolfgang: Willst Du Dich mit dem Gewehr erschießen?
Ignatz: Nein. Wir können noch in dieser Nacht ungebetenen Besuch bekommen: ich will einige niederschießen. Niederknallen! Niederspritzen! Ich will aus diesem Gewehr ein paar Schüsse – abreißen, ejakulieren (er macht am Lauf eine obszöne Bewegung). Annas Schreien hat mich gerettet. Viele sollen noch schrein.
Anna: Ich bin nicht verrückt. Das war hart am Wahnsinn. Du forderst diesen verkommenen Kokainisten auf, mich zu umarmen.
Ignatz: Er war kein Kokainist in jenem Augenblick, Anna …!
Durch all die Jahre habe ich dir gesagt: es gibt keinen anderen Zustand. Unter der Sonne hat jedes Ding seine Größe, Gewicht, Preis, seinen Zweck; scharfen Umriß, Besitzer. Und doch kann es auch anders sein.
Anna: (aggressiv.) Du hast Dich zeit deines Lebens weder entschließen können, gut zu handeln, noch bös, deshalb soll es noch einen andern Zustand geben: das ist das Ganze!
Ignatz: Weder gut noch bös. Weder dein noch mein. Weder mißtrauisch noch vertrauend. Ohne Maß und Zweck. Gebeugt über die gleiche Rose die noch keiner gesehn hat, deren Duft viele eingeatmet haben: es gibt ihn.
Schildkröte: In Gott gibt es ihn, Ignatz! Gott hat Dich berührt!
Anna: Die Berührung Gottes hat ihn aber gelähmt!
Ignatz: So ist es. Nur ist es nicht Gott. Seit es Menschen gibt, die neiden, töten, betrügen –
4.
(Schwertner und Georgine treten sehr vorsichtig und verschüchert ein.)
– eifersüchtig sind, jagen und mit Messer und Metermaß sich durch die Weltgeschichte emporgearbeitet haben, gibt es für sie die Gewißheit, daß sie anders leben sollten.
Anna: Gut! Nach Idealen! Der Löwe neben dem Lamm! Das war die Periode, wo Du Schullehrer warst und mit der Heirat darauf wartetest, daß Du Unterrichtsminister würdest!
Ignatz: Ich habe den Fehler begangen. Aber ich habe ihn verbessert, als ich einsah, daß der gute Mensch ein toter Mensch ist.
Schildkröte: Mutter ist tot! Sie ist gestorben, ehe sie zur Welt kam.
Ignatz: Ein Automat, in den man die Frage hineinwirft und die Antwort kommt fertig heraus.
Anna: Das war die Periode, wo Du mit meinem Schwager Geschäfte machtest. Wo Du ein Wucherer sein wolltest, ärger als jeder Abwürger! Und dann verlor er plötzlich den Mut. Konnte nicht weiter. Es war wieder ein Fehler. Wir sollten erst heiraten, wenn die Lösung gelang – Am Sankt Nimmerleinstag! Die Berührung Gottes hat ihn gelähmt. (Sie bricht in krampfhaftes Lachen aus.)
Schwertner: (vorsichtig, beglückt) Darf man lachen?
Ignatz: Lacht nur.
Schwertner: (bricht in ein tanzendes Lachen aus, der schwere Körper wirft die Knie hoch) Es war – zu lächerlich – – Es war – zu komisch – – Es war – – geradezu – – blamabel – Nun will ich ruhig sterben.
Ignatz: Ja, es wurde lächerlich.
Schwertner: (bleibt stehn) Und war doch –? War doch eine ernste Sache.
(Stellt sich schwankend vor Ignatz.)
Ignatz: Bitte lacht!
Es kommt nun ein Knall, ein Durcheinanderplatzen, Verbigerieren usw. in dem sie alle den anderen Zustand travestieren und zugleich im gemeinsten Kontrast schwelgen. Wolfgang hat sich gedrückt. Und kommt dann als Dieb heraus. Da werden alle ernst und machen ihm Vorwürfe. Wolfgang verteidigt sich heftig. Von außen bricht Gewalt herein. Damit schließt der II. Akt.
Der Jähnel-Motor
Der Jähnel-Motor. Bergson-Motor
Franz Jähnel, Ingenieur
seine Frau
deren Bruder (ich, Blei oder so)
Ludwig Lutz, Begründer und Leiter der Maschinenfabrik A.G.
vormals Ludwig Lutz & Co Jähnels Schwiegervater.
Blei, Scheffer, Oismüller, Pichler, ein Philologe; Freunde und Bekannte der Geschwister Lutz.
Ein Historiker der Technik.
Ein Fabrikszeichner, ehemaliger Schaffner, pathologisch usw. Fünf Semester Philosophie. Hat dann gestohlen und eine Geschichte mit jungem Mädchen gehabt. An ihm sieht Jähnel Fragen, für die seine Kultur nicht hinreicht. Der belehrt ihn sogar. Ein Schachmeister. Eigentlich das Gleiche wie ein Wissenschaftler. Sich selbst erscheint er allerdings intuitiv-künstlerisch.
Jähnel Motor
Letzter Akt: Nicht beliebiges Wirtshaus, sondern Kantine des Werks. Fünf Uhr morgens. Fahles Licht. Bespuckter, beschütteter, mit Zündhölzern, Zigarettenstummeln, Papier, hereingetragener Erde bedeckter Boden. Schanktisch. Eine Magd beginnt aufzuscheuern. Hinter halb offener Tür Lampenlicht. Dort sitzen noch die zwei. Kommen herein zur Magd. Sprechen jetzt. Jähnel haut die Magd auf den Hintern, läßt die Hand festhaltend ruhn. Erschrickt. Das Männliche, das er tat, geht in das ganz andre über, das er erlitten. Die Magd sagt ein anzügliches Wort. Das gibt ihm den Rest. Die Frau kommt sich waschen. Sie mag morgens nicht das Zimmer mit dem Mann teilen. Verwandte der Direktorsfamilie. Reginenschicksal; von Stufe zu Stufe. Der letzte Mann ein Säufer und Lump, hat sie so weit gebracht. Sie ist nicht mehr Dame, sondern Weib. Ganz akklimatisiert ihrem Zustand. Sagt, wenn es geht, ja scheißen. – Gespräch. Nach der Katastrophe ganz ungerührt. Wenn der meine nur auch schon so da läg oder so.
2. Akt: Jähnel trinkt manchmal. Zum Schwung, zur Erhebung. Es kommt manchmal über ihn, sich zu entrücken. Dann sitzt er und singt Burschenlieder. Er fühlt dabei, daß es nicht das Richtige ist, aber doch die einzige Annäherung, die er kennen gelernt hat. Dann ist er gegenüber seiner Frau energisch, die er sonst tun läßt, was sie will, spricht vom Wert des Ingnieurs gegenüber der Schöngeisterei und davon, daß er eine unsterbliche Seele hat, die, die eben nun ja, die sich eben in einer Maschine ausdrückt. Unvollkommen, aber doch genial. Und einmal, als sie ihn höhnt, schlägt er sie, oder wirft ihr etwas nach. Sie Sportgirl, Ski, Bobsleigh, Tennis. Kamerad, Handshak. Gleichgültig gegen Kunst und Erotik. Ihr größter Wunsch: Sie fährt nächstens nach Frankreich, um fliegen zu lernen. Ingenieur schien ihr noch die anständigste Geistigkeit; dann Enttäuschung. Ihr Bruder. Vier, fünf Freunde. Sportleute. Sie sprechen wieder davon, daß sie sich scheiden lassen will. Er weigert sich aber. Man sucht Gründe. Würde er es tun, wenn er sie bei einer Untreue ertappte? Ach, wissen Sie, da kann man ja gleich verheiratet bleiben. Das ist zu ekelhaft. Ihn ertappen? Er hat die Maschine, die Flasche und wozu hat er sie? Er beansprucht sie. Unerhört. Bei so einer Gelegenheit gab es ja sogar den großen Streit. Man weiß nichts; aber einer drückt das so aus, daß er sagt, man soll ihn durchprügeln. Ausgezeichnet, man sollte ihn durchprügeln. Das Projekt wird nun mit Eifer (aber Annahmecharackter) durchgesprochen und wird dabei immer wirklicher. Die Frau sagt: Aber nein, nein; im Grund ist er ja ein ganz guter Mensch, nur ekelhaft. Einer sagt: er wird sich schießen und einer von uns wird ihn schon niederknallen. Nun lacht die Frau, davor hat er Angst und es ist deshalb gegen seine Überzeugung. Ein anderer sagt, er wird klagen und wir bekommen Gefängnis. Nein, er kann nicht klagen, weil er sich viel zu sehr schämt. Auch hat er keine Zeugen. Also, sagt der Bruder, man kann heute 1914 mit einem Menschen ganz folgenlos das machen, es ist entzückend. – Jähnel kommt; sie verstecken sich in verschiedenen Ecken. Er ist gar nicht brutal, sondern aufgeräumt, mit sich zufrieden. Die Frau sucht ihn zu provozieren, ohne es zu wollen. Er will ihr Schmuck schenken und bringt einen Preiscourant, sie wirft ihn ihm vor die Füße. So behandelt man nicht einen Mann, sagt er, ich werde dir den Schmuck nicht schenken, ich werde dir nicht das Geld geben für Frankreich. Du hast getrunken sagt sie eventuell, und er: Das verstehst du nicht, Erhebungen des Mannes. – Die andern werden ungeduldig, greifen ein Stichwort heraus. Kommen aus den Ecken. Er: Was wollt ihr? Das geht euch nichts an! Mengt euch nicht ein! Die packen ihn. Fesseln ihm die Beine, die Hände vorn. Schleppen ihn aufs Bett hinter dem Paravent. Man sieht noch wie ihm einer die Hosen hinunterläßt. Schläge. Die Frau bleibt starr, hinausstarrend in der Mitte des Zimmers stehn. Der Bruder tritt zu ihr. Nachher sucht er Gleichgewicht, sucht es ins Scherzhafte zu ziehn. Aber, aber so ein Spaß, ein – etwas – roher Spaß, nein, ein so schlechter Witz. Es war gar kein Spaß, sagt einer (die Frau geht hinaus). Wenn du dich nicht änderst, wird es dir wieder passieren. Ein Spaß! drohbettelt Jähnel. Kein Spaß, mein Lieber. Und sie gehn hinaus. Er am Tisch: Ein Spaß – ein Spau-Spau-au-u-u-u – (Er heult). – Vorher suchte er nach einem Gegenstand zur Rache. Einer droht ihm und er duckt sich.
1. Akt. Fabrikshof. Winkel. Davor zieht der Verkehr, der nicht behindert werden darf. Die Maschine steht auf Böcken. Es ist niemand dabei. Die Frau und die Freunde kommen. – Diese Kaffeemaschine! So etwas bedient man sich ganz gern. Aber als Selbstzweck?! – Er kommt dann mit dem Freund und dem Werkmeister. 600 000 Mark auf den ersten Anhieb in Aussicht. Pump mir 500 Mark. Erstaunt: Nein, verdien sie dir. – Enttäuscht: Verdienen! Die Geschichte damals: Griff in die Burschenschaftskassa. Chassiert, aber weiteres nicht abgeschnitten. Ging dann von der Technik weg, verlor das Stipendium. Aber du hättest dir doch das Geld verdienen können?! An verdientem Geld haftet keine Phantasie. – Machte halbe Erfindungen, verkaufte sie, schwindelte damit. Jähnel hat sich den Entwurf zeigen lassen, für den der 500 Mark Unterstützung will. Es ist natürlich nichts, das ist gegen Jähnels Prinzipien. Auch gegen seine jetzt recht selbstbewußte Männlichkeit. Jähnel wäre ein ganz tapferer Unteroffizier d. R.
Der andere mag heute nicht in seinem Büro arbeiten. Bittet Jähnel, ihn zum Schein zu beschäftigen. Gott – ja – ich werde mit dem … Unannehmlichkeiten haben. Aber du bist doch der Schwiegersohn des Direktors. Das ändert gar nichts. Ja wozu … Ihr habt kein Talent.