Kitabı oku: «Robert Musil: Gesammelte Werke», sayfa 65
II.
Ausgangssituation beschrieben. Als erster tritt Oberstabsarzt Dr. Salkind ein. Ziemlich groß und hager, leichte O-Beine, Stiefel mit mächtigen Anschnallsporen, martialischer dicker Schnurrbart. Äugt vorsichtig nach der Stimmung.
SALKIND:
Nur 3 Akte, Herr Oberstleutnant!
BECHER:
(schreibt weiter, anscheinend sehr vertieft.)
SALKIND:
Nur 3 Unterschriften?
BECHER:
(wie vorhin.)
SALKIND:
Ich bitte gehorsamst, ich kann auch später kommen (Becher macht ein Zeichen mit der Hand. Salkind wartet. Nach einer Weile:) Ich habe nicht stören gewollt; ich habe nachher bei der Gnädigen Frau Gemahlin Visite machen gewollt und dachte, vorher störe ich jetzt am wenigsten.
BECHER:
(wirft seufzend behaglich die Feder hin und wendet sich sitzend Salkind zu.)
SALKIND:
Es sind nur die 3 dringendsten Akte (tritt damit näher.)
BECHER:
Halt! Glaubst du, ich habe nur mehr Akten und Gefechtsrapporte in der Brust?! (er sieht ihn fest an:) Wie geht es meiner Frau?
SALKIND:
Wenig Grund zur Besorgnis.
BECHER:
Das kenn ich. Wenn ein halbes Bataillon an Typhus gestorben ist, sagst du, kein Grund zur Besorgnis. Ich will Klarheit.
SALKIND:
Die Gnädige muß sich sehr schonen.
BECHER:
Aber was fehlt ihr? (Salkind zögert.) Nur heraus damit, ich bin doch kein Kind!
SALKIND:
(schonend nachdrücklich:) Tuberkulose. (Die Lunge etwas angegriffen, doch nicht Tuberkulose? (Nickt) ..)
BECHER:
Tu …? Aber du irrst dich! Sie ist 26 Jahre alt und wiegt 90 Kilo.
SALKIND:
Das kommt vor. Das äußere Wohlaussehn täuscht den Laien. Ich hatte gleich meine Vermutung, als die Gnädige über Katarrh klagte.
BECHER:
Salkind, das kann ich nicht glauben, du mußt dich irren.
SALKIND:
Herr Oberstleutnant, ich wollte dich nicht beunruhigen und habe zur Sicherheit daher Röntgenaufnahmen machen lassen. Hier, (er zieht aus der Rapportmappe 4 Bilder) siehst du –
BECHER:
Ich sehe gar nichts.
SALKIND:
Hier.
BECHER:
Da, wo die Bilder verwischt sind?
SALKIND:
Ja, da. Das ist ein frischer Herd, und daneben sieht man noch alte.
BECHER:
Ich sehe nichts.
SALKIND:
Das ist es eben.
BECHER:
Aber das ist ja entsetzlich. Meine arme Peppina!
SALKIND:
Keine Sorge, Herr Oberstleutnant, habe ich gesagt.
BECHER:
Was zum Teufel keine Sorge, du hast leicht reden.
SALKIND:
Ein Sanitätsreferent hat schwer reden, Herr Oberstleutnant; ich habe nicht nur die Verantwortung für die Gnädige Frau, sondern auch für dich, Herr Oberstleutnant, daß du in deiner wichtigen Tätigkeit nicht unnütz beunruhigt wirst. Ich hätte dir nichts gesagt, wenn nicht alles schon so gut wie gut wäre.
BECHER:
Du – hättest nichts gesagt? Mir nichts gesagt?
SALKIND:
(markiert:) Nein.
BECHER:
Du imponierst mir. Ihr Ärzte disponiert beinahe besser als wir Generalstäbler.
SALKIND:
Ich hätte alles mit der Gnädigen besprochen, und du hättest gar nichts bemerkt.
BECHER:
(sieht ihn zärtlich an. Dann aber:) Aber es ist doch entsetzlich.
SALKIND:
Wenn sich die Gnädige schont, hat es gar nichts zu sagen. Das kommt oft vor; eine alte Disposition. Mit Ruhe und Diät ist es in ein paar Wochen vorbei.
BECHER:
Ruhe und Diät?
SALKIND:
Eine Art Liegekur. Nicht rauchen. Viel essen. Nahrhafte Sachen: 2 Liter Milch, Butter, Eier, sehr viel Eier.
BECHER:
Woher sollen wir das denn jetzt nehmen bei der Knappheit? Schaller jammert täglich, die Oberquartiermeister-Abteilung schiebt mir das Allernötigste zu; alles wird gespart für die Zeit vor der Offensive.
SALKIND:
Aber dieses Allernötigste geht doch in die Tausende, da kommt es auf die paar Eier usw. nicht an.
BECHER:
Da hast du recht. (Nimmt zerstreut den ersten Akt.) Das ist der, den ich schon gesehn hab?
SALKIND:
Jawohl … Das laß nur mich sorgen, Herr Oberstleutnant, ich werde mit dem Platzkommando reden.
BECHER:
Aber bitte kein Panama, keine Protektion; du weißt, daß ich das nicht vertrag.
SALKIND:
Nun, gewiß nicht, Herr Oberstleutnant, da kannst du dich ja auf mich verlassen.
BECHER:
Und du schwörst: kein Grund zur Sorge?
SALKIND:
(neckisch:) Ich schwöre. Übrigens, um nichts zu versäumen, fahre ich jetzt zur 4. Armee hinüber, der Regimentsarzt Dr. X. beim Kommando ist in Zivil berühmter Spezialist, dem will ich die Photographien zeigen.
BECHER:
Ich dachte, ich kann sie behalten.
SALKIND:
Nein, Herr Oberstleutnant – oder später; erst darf nichts verabsäumt werden; ich habe das Auto schon bestellt.
BECHER:
(neckend:) So? Sind denn Privatfahrten nicht vom Armeeoberkommando verboten? (Gummiknappheit.)
SALKIND:
(ebenso:) Ich fahre dienstlich, ich konferiere auch mit dem Sanitäts-Chef.
BECHER:
Ich danke dir, lieber Salkind, du bist ein umsichtiger .. Arzt; ich werde es dir nie vergessen. Laß uns nun schnell arbeiten.
SALKIND:
Aber – aber – Pflicht …
BECHER:
(über dem nächsten Akt:) Den hast du umgearbeitet?
SALKIND:
Ja, wie du gesagt hast.
BECHER:
(jovial, paraphiert, nimmt den nächsten und liest ihn durch.)
Eben hab ich dich zwar belobt, aber nun muß ich dich wieder beschimpfen. Vor dem Krieg, da war ich ein kleiner Hauptmann und hab mir immer gedacht: weiß der Himmel, die Ärzte, 5 Jahre Studium, dann noch klinischer Zögling, es gibt kein Geheimnis für sie im Menschen: was für höhere Wesen müssen das sein. Nun: als praktischer Arzt bist du ja ausgezeichnet, aber einen Akt kannst du noch immer nicht schreiben. Erstens heißt es nicht „auf etwas vergessen“, sondern „an etwas vergessen“, (korrigiert es) bitte nur keine Austriazismen in Angelegenheiten der Front. Und zweitens weißt du, scheint es, noch immer nicht, daß man dem Armeeoberkommando niemals widersprechen darf. Das handelt sich doch um den Befehl, nach dem Lungenkranke, ganz schwere Fälle ausgenommen, nicht aus den Marsch-Bataillonen auszuscheiden sind. Nicht wahr? Und wir nahmen dagegen Stellung?
SALKIND:
Ja, vom medizinischen Standpunkt – –
BECHER:
Was heißt vom „medizinischen“ Standpunkt?! Das Armeeoberkommando ist ja kein Patient.
SALKIND:
Die Fälle entarten im Schützengraben, und selbst mittelschwere werden dort unheilbar und führen zum Tode.
BECHER:
Sterben. Das ist der Krieg, lieber Salkind, wir alle sind dem ausgesetzt.
SALKIND:
Aber diese Transporte verseuchen uns, die Gesunden.
BECHER:
Eben! (Gott sei Dank!) Also, wir finden diesen Befehl einen Unsinn. Das hat sich ein Referent beim Armeeoberkommando ausgedacht, und der will hohe Marsch-Bataillon-Stände. Und wir haben dann die hohen Krankenstände und wollen es darum nicht. Das ist es. Denn dann heißt es, daß wir den sanitären Verhältnissen nicht die genügende Aufmerksamkeit zuwenden. Und wenn dann noch eine Interpellation im Abgeordnetenhaus kommt, so wachst du als Divisionschefarzt auf. Im Medizinischen sind wir also ganz einig. Bleibt nur, daß du ein fürchterlicher Dilettant im Geschäftstechnischen und Menschlichen bist (streicht und verbessert.) Wir sagen: nicht nein, sondern ja. Leute kommen zunächst ohnedies in die Armeeausbildungsgruppen, und du sprichst mit den Chefärzten, daß die sie (60%) schon bei der Ausbildung ausreihen, die Hälfte davon verwenden wir zu Hilfsdiensten und schreiben sie allmählig ab, 30% erkranken in der Armeeausbildungsgruppe, 10 in der Front. So sieht das Armeeoberkommando allmählig den Unsinn ein, und niemand kann verantwortlich gemacht werden. Einverstanden?
SALKIND:
Brillant.
BECHER:
Also. Servus, lieber Salkind, nochmals Dank, und laß dich wieder ansehn, wenn du zurückkommst.
(Oder: erst Akt, Fahrt, Gummiknappheit, persönlicher Fall.)
III.
Kaverne. Abschnittsreserve. Trommelfeuer. In einem Raum Mannschaft und Offiziere. Alles duckt sich und schweigt. Der Kompanie-Kommandant, ein Hauptmann mit angegrautem Haar und heiterem Gesicht: „Rufen Sie noch einmal an!“ Der Telefonist: „Das Bataillon meldet sich nicht.“ Hauptmann: „Und vorne?“ Telefonist: „Die Verbindung ist unterbrochen, man hört es.“ Hauptmann: „Wieder abgeschossen. Schweine! Telefonpatrouille!“ (Einige Mann in der Nähe richten sich auf.) „Nein! Man kann keinen Hund hinausjagen.“ (ein Einschlag in der Nähe, der Hauptmann und die meisten zucken zusammen.) Nach zwei Schritten sind sie zerfetzt. „Es ist gut, nichts, wir müssen warten.“ (Die Männer hocken wieder hin.) (Pause.) (Einer läßt einen fahren. Gekicher in einer Ecke.) Hauptmann: „Ich werde dich hinausschmeißen. Oder ich laß dir eine Gasmaske anbinden.“ (gehorsames Gelächter.) Ein Soldat: „Außi muaß, wos kan Zins zahlt!“ (neues Gelächter, heitere Unruhe, die allmählich immer leiser wird und wieder in das tötliche Schweigen übergeht.) Hauptmann: (sieht nach der Uhr) „Das kann eine Viertelstunde auch noch dauern.“ Leutnant: „Von wo sie nur überall herschießen mögen.“ Hauptmann: „Oh du mein! Interessiert’s dich?“ Leutnant: „Wenn wenigstens unsre Artillerie sie niederhalten würde.“ Hauptmann: „Oh du mein. Dann wär’s ein Vergnügen. Wenn’s nicht einer gegen zehn wäre. Hat die Sanitätspatrouille alles in Ordnung?“ Leutnant: „Ja.“ Hauptmann: „Schreib dir auf: 10 Garnituren Wäsche anfordern. Das Brot für die Verwundeten, die wir kriegen werden, fassen wir heute noch, dann haben wir ein bißl Zubuße. Schreib dir auf: melden, wieviel Mann über 36 Jahre noch nicht auf Urlaub waren. Hast?“ Leutnant: „Jawohl!“ Hauptmann: „Dann .. Aber das ist ja blöd, weiß keiner, ob er bis dahin noch lebt.“ (sieht nach der Uhr.) Leutnant: „Was, Herr Hauptmann, wenn plötzlich die Artillerie aufhört und das Gewehrfeuer vom Infanterieangriff zu pladern anfangt: wie Sonnenschein!?“ Hauptmann: „Mannschaft: Wir werden es ihnen ordentli besorgen. – I nimm da des Hackerl mit, i brauch ka Gwehr. – Und i erschlag sie mit meiner Menageschaln, is eh leer wegn der Bande.“ – Und der Zimmerer … (Die Unpersönlichkeit des Mordens treibt zu Witzen) Hauptmann: „Hast wieder Angst, Zimmerer?“ (Scherze mit dem feigen Zimmerer.) Der Oberleutnant: „Komisch, komisch. In jeder Sekunde kann es uns erwischen. Komisch, was wir reden.“ Kommandant: „Wenn ein Volltreffer kommt“ – Leutnant: „Sin ma hin.“ Kommandant: „Die Kaverne hält einen Volltreffer nicht aus? Von einem …-Zentimeter nicht mehr, da sind wir eingequetscht wie in einer Mausefalle.“ Oberleutnant: „Jede Sekunde der Tod. Anfangs war das so schön, usw.“ Hauptmann: „Ein Gutes hat das Trommeln: die Telefonverbindungen sind unterbrochen. Die Generalstäbler, usw. Hab ich dir eigentlich die Photographie von meinem Maderl gezeigt?“ … Dann Angriff. Gefangene, Verwundete werden gebracht. Neue Feuerwelle. Volltreffer. „Jesus Mara, zum Teufel, verfluchter Dreck. Leb ich eigentlich? Du! Tot?“ „Was? Dort? Wer ist dort? Kadett?“ „Bagage, stöhnt nicht so!“ Kommandant: „Ah, jetzt krieg ich sicher wenigstens die bronzene ..“ Telefonkorporal und noch ein tötlich Verwundeter beginnen, sich zu beschimpfen, defaitistisch und militaristisch, sterben darüber. Ein Verwundeter (Leutnant) phantasiert nur vom Bier. Das ganze inhaltlose Leben. Der verwundete Oberleutnant kann nicht hinaus, muß das Ende abwarten. Hilft. „Halt’s Maul! Lieg ganz ruhig, du hast ja einen Bauchschuß!“ Sie streiten trotzdem. Zuerst ein Feldkurat dabei.
III./Schluss
Die Bühne hat sich einen Augenblick lang (=unbestimmte Zeit) ganz verfinstert, als ob sich ein Felsstück gesenkt hätte. Dann war ein Loch aufgebrochen – Himmel, Landschaft, Arzt und Blessiertenträger kommen. Der Oberleutnant wacht auf: „Ich habe es nie verstanden. Das Leben ein Ameisenhaufen. Dieses Durcheinander – Hin und Her, Arbeit, Überfälle, Tod. Es muß geordnet sein wie unser Leben. Aber unsere Ordnung kam mir so sinnlos vor. Jetzt sehe ich es. Jetzt verstehe ich es.“ Der Arzt: „Vorsicht. Er phantasiert!“ Vorher: ein Stück Fels muß sich gesenkt haben. Der Oberleutnant brüllt auf. Dann hat er sich herausgezerrt und ist wieder ruhig. Nicht so nicht so … In II erzählt er Peppina von der Krankheit.
2. Fassung
Becher, Schager, Doktorovich
Schager tritt ein.
BECHER:
Nur her! Ich sage dir, du bist mein einziges Labsal, lieber Schager. Man sollte nicht glauben, wie schwerfällig alle sind, sobald es sich um etwas handelt, das nicht nur Kommiß ist. (Schager hat seine dicke Rapportmappe neben Becher hingelegt.) Du erschreckst mich nicht, mein Lieber, dir unterschreibe ich blind. Du mußt nur „Halt!“ schreien, sobald ein Akt kommt, den ich lesen muß (unterbricht sich.) Es ist ja merkwürdig, daß so wenig Menschen wirklich Referenten sind. Das liegt an der Schule. Wo käme ich hin, wenn ich alles lesen und durchdenken müßte. Du hast mich von Anfang an verstanden: der Referent muß sozusagen mit meinem Kopf denken. Aber da kommen manche .. (Artillerie-Major tritt ein und reicht Becher drei Depeschen.)
BECHER:
(liest sie.) Nun, und ..? Unsre Antwort?
ARTILLERIE-MAJOR:
Ich habe sie noch nicht aufgesetzt, weil es da sehr schwer ist, zu entscheiden. Ich glaube ..
BECHER:
Bitte! … Mein lieber X., ich will nicht wissen, was du glaubst, das mach mit dir selbst aus, sondern ich will hören, was ich zu glauben habe.
ARTILLERIE-MAJOR:
Aber ich bitte, Herr Oberstleutnant, das läßt sich hier eben schwer sagen.
BECHER:
Ich bin nicht dazu da, daß du bei mir denkst.
ARTILLERIE-MAJOR:
Es hat beides Vor- und Nachteile.
BECHER:
Danke. Das sehe ich auch.
ARTILLERIE-MAJOR:
Es hat sich letztes Mal der Korps-Kommandant persönlich bei Sr Exzellenz darüber aufgehalten –
BECHER:
Mit einem Wort, du hättest sagen können, das muß Se Exzellenz entscheiden (legt die Depeschen in seine Rapportmappe und wendet sich dem inzwischen eingetretenen 2ten Generalstabs-Hauptmann zu. Major ab.)
2. GENERALSTABS-HAUPTMANN:
(reicht Becher ein Telegramm.) Ich glaube, hier wird Exzellenz selbst entscheiden wollen.
BECHER:
Glaubst du? (unterschreibt.) Ich weiß nicht, warum du es glaubst (gibt ihm die Depeschen zurück.) Nach der Absendung zu mir, damit ich Exzellenz davon Mitteilung mache.
2. GENERALSTABS-HAUPTMANN:
(ab.)
SCHAGER:
(lächelt.)
BECHER:
Bitte! Also, ich sage dir, das liegt an der Schule. Die Menschen lernen nicht: Kopfpyramide!
SCHAGER:
Sehr gut.
BECHER:
Nicht wahr, einer auf den Schultern des andren? Ökonomie. Staffettenlauf. Aber dieser X. möchte womöglich, daß ich Arm in Arm mit ihm den ganzen Weg recht gemütlich noch einmal durchwandre. Also. (unterschreibt wieder.) Vielleicht liest du dir inzwischen da durch, was ich dem Bischof geschrieben hab (reicht seinen Akt.) Der Alte ist da sehr heikel, wenn es sich um den Bischof handelt.
SCHAGER:
(liest. Mit einem Auge bei seinen eigenen Akten, die Becher der Reihe nach unterschreibt. Nach einer Weile:) Einen Augenblick, Herr Oberstleutnant (blättert zwei Akten zurück, die Becher inzwischen schon unterschrieben hat.) Der Fall ist nicht ganz einfach. Das Divisionsgericht hat den Mann zum Tod verurteilt. Der Gerichtsherr hat es bestätigt. Ich stelle nun allerdings auch den Antrag auf Bestätigung, aber –
BECHER:
Komplikationen? Der Rapport ist heute ohnedies schon so dick, lassen wir den Akt auf morgen. – ?
SCHAGER:
Herr Oberstleutnant, vielleicht könnten wir dann auch gleichzeitig das Urteil Navratil erledigen, das ich dir vor ca. 3 Wochen vorgelegt habe.
BECHER:
Navratil?
SCHAGER:
Auch ein Todesurteil.
BECHER:
Das soll noch bei mir sein? (sucht am Schreibtisch nach.) Du irrst dich.
SCHAGER:
Bestimmt nicht, ich habe es mir als unerledigt notiert.
BECHER:
Oh, du böser Mensch; führst über mich Buch. (klingelt. Ordonnanz tritt ein.)
BECHER:
Major Doktorovich!
SCHAGER:
Dieser Fall hier ist nämlich juridisch nicht ganz einwandfrei. Das Divisionsgericht hat außer acht gelassen –
BECHER:
Halt! Ich weiß schon: jetzt kommen 10 Paragraphen, die versteh ich doch nicht. Kurz: das Divisionsgericht hat sich geirrt?
SCHAGER:
Ja. Aber wir haben den Feldgerichten erst vor 6 Wochen eine Vermahnung erteilt, weil sie die Fälle zu ängstlich juridisch behandeln und zu wenig nach dem Zweck der Gesetze blicken.
BECHER:
Ja natürlich, sie haben uns zu viel freigesprochen; ich versteh dich (reibt sich die Nase.) Also, was meinst du, sollen wir tun?
SCHAGER:
Ich meine, wir lassen ihn durchrutschen.
BECHER:
Und den Navratil?
SCHAGER:
Wir können nicht alle begnadigen. Sonst heben wir unsre eigenen Verordnungen auf, und es hat überhaupt keiner mehr Furcht vor dem Gesetz.
MAJOR VON DOKTOROVICH:
(verstört, eilig:) Ich bitte gehorsamst zu entschuldigen, Herr Oberstleutnant, daß ich nicht schneller kommen konnte, aber ich war gerade am Abtritt, und Herr Oberleutnant Z. hat natürlich, statt daß er mich holen läßt, der Ordonnanz gesagt, daß sie warten soll.
BECHER:
Mein lieber Doktorovich, es gibt einen Akt, der niemals verlegt werden darf und immer dringend zu behandeln ist, und das ist der Abortschlüssel; wir aber suchen einen andren. (zu Schager:) Weißt du zufällig die Nummer von dem Akt?
SCHAGER:
Nein. (zu Doktorovich:) Er betrifft Todesurteil über den Landsturmmann Navratil.
DOKTOROVICH:
Von welcher Armee?
SCHAGER:
Von der zweiten.
BECHER:
Ich muß ihn dir vor ca. 14 Tagen aus Versehen gegeben haben; er ist aber noch nicht erledigt.
DOKTOROVICH:
Daß mir das passiert sein sollte, Herr Oberstleutnant! Ich bitte vielmals um Entschuldigung. Das kommt nur davon, weil manchmal alles auf mich einstürmt und ich mich nicht auf alle meine Herrn gleichmäßig verlassen kann. Es darf kein Akt eingelegt werden, den ich nicht selbst – –
BECHER:
Schon gut, braver Doktorovich, aber es ist ja gar nicht sicher, daß sich der Akt bei dir befindet. Vielleicht ist er aus Versehen zu Sr Exzellenz gekommen oder steckt in irgend einem andren drin.
DOKTOROVICH:
Ich werde jedenfalls sofort alles selbst durchsehn. Wenn er je zu mir in die Kanzleidirektion gekommen ist, so stelle ich ihn fest. Es kann ja absolut nichts passieren, wenn alle meine Anordnungen nur auch befolgt würden. In einer halben Stunde bringe ich den Akt oder –
BECHER:
Laß dir nur Zeit, der Mann hat’s nicht eilig.
DOKTOROVICH:
Ich kann sagen, meine alten Herrn, die ich mir selbst erzogen hab, da kann so etwas nicht passieren. Freilich, mit den Spitals-Offizieren, die vor der Wieder-Einrückung in die Front nur ein Gastspiel von ein paar Wochen geben und meinen, weil sie verwundet sind, dürfen sie einen Akt von oben herab behandeln, ist oft sehr schwer arbeiten, Herr Oberstleutnant.
BECHER:
Ich weiß, Doktorovich, auch du hast deine Sorgen. Beunruhige dich nicht weiter (Doktorovich Verbeugung, ab.)
(Becher und Schager lächeln. Dann wird Becher ernst.)
BECHER:
Aber weißt du, Schager, Exzellenz unterschreibt nicht gern Todesurteile, und noch höher oben sind sie auch nicht gern gesehn. Was hat der Navratil eigentlich gemacht?
SCHAGER:
Er hat vor einem Kaiserbild, das an der Wand der Kompaniekommandobaracke hing –
BECHER:
Na, schließlich ist es ja wirklich egal, was er gemacht hat, ich bin ja nicht ein Revisionsgerichtshof.
SCHAGER:
Die Insubordinationsfälle haben sich in der letzten Zeit sehr gemehrt. Schließlich muß man in einer entscheidenden Stelle eben den Mut haben.
BECHER:
Ganz richtig, man muß den Mut haben zu notwendigen Entscheidungen. Wie hast du das neulich genannt, du hast so ein hübsches Wort dafür erfunden?
SCHAGER:
Zivilcourage?
BECHER:
Ja ja. Zivilcourage muß man haben. Zivilcourage. Man muß auch Zivilcourage haben. (unterschreibt weiter.)
Becher, Schager, Generalstabs-Hauptmann
1. Generalstabs-Hauptmann ist eingetreten, reicht Becher einige Depeschen und behält andere und einen Akt in der Hand. Becher liest die Depeschen durch, korrigiert etwas kurz.
BECHER:
Lieber Schager, du mußt einige Minuten entschuldigen, das ist operativ, ich muß zu Exzellenz (zu H.:) Da müssen wir aber jetzt gleich auch die Eingabe ans Armeeoberkommando machen. (klingelt. Ordonnanz.) Oberstleutnant K.! (Ordonnanz ab.)
SCHAGER:
Herr Oberstleutnant, wenn du gestattest, komme ich später wieder. Den Akt nehm ich heraus für morgen, das andre ist glatt zu unterschreiben. Ich lese mir inzwischen in Ruhe das (Bischofsakt) durch.
BECHER:
Gut gut, mein vortrefflicher Schager. Wenn ich nur sagen könnte, ich lese mir etwas in Ruhe durch. (Schager ab.)
BECHER:
(unterschreibt.) (Ein Generalstabs-Major kommt herein und sucht etwas.)
GENERALSTABS-MAJOR:
Ich such nur etwas.
BECHER:
Bitte. (Generalstabs-Major ab.)
GENERALSTABS-HAUPTMANN:
Ausdrücklich hat sich das 12. Korps-Kommando gegen eine Verkürzung der Front verwahrt! Der Akt ist da.
BECHER:
Ja ja. Natürlich ist er da.
GENERALSTABS-HAUPTMANN:
Hauptmann … von der 15. ID hat mich angerufen. Sie berufen sich wegen des Cauriol auf einen Befehl des Korps.
BECHER:
Wie kann er dich anrufen? Über Korps und Armee?
GENERALSTABS-HAUPTMANN:
Nein, er muß etwas außerhalb des Armeebereichs mit Auto zu tun gehabt haben, er hat aus der Etappe angerufen.
BECHER:
Hm. Kenne ich. Was hast du ihm gesagt?
GENERALSTABS-HAUPTMANN:
Ich habe ihm gesagt, daß ich nichts wisse, weil Exzellenz selbst sich den Einlauf hat geben lassen.
BECHER:
Sehr richtig. (Oberstleutnant zugeteilt dem Generalstab K. ist eingetreten.)
OBERSTLEUTNANT K.:
Gehorsamsten Respekt, Herr Oberstleutnant!
BECHER:
Servus, lieber K.! Wir haben da eine wichtige und dringende Angelegenheit. Du wirst vielleicht gehört haben, daß beim 12. Korps eine bedauerliche Nachlässigkeit passiert ist. Das Nähere wird dir H. erklären. Seinen Bericht an das Armeeoberkommando kannst du lesen, wenn