Kitabı oku: «Robert Musil: Gesammelte Werke», sayfa 68
Ein Säulenheiliger
EIN SÄULENHEILIGER:
Früher haben sich in meiner Nähe Liebespaare getroffen. Vorbeieilende haben einen Schauer in der Brust gefühlt! Jetzt sind es nur noch die Hunde, die sich um die Säulen kümmern!
DIE JUNGE FRAU:
Hier, lieber Alter! (Wirft etwas in seine Reisschale.)
(Nach einem Monat:)
DIE JUNGE FRAU/DER JUNGE HERR:
Entschuldige, lieber Säulenheiliger! Wir haben so viel zu tun. Hier!
(Nach einem Monat:)
DIE JUNGE FRAU:
Entschuldige, lieber Säulenheiliger! Ich bin jetzt in Eile; übermorgen komme ich nochmals vorbei!
(Nach acht statt zwei Tagen:)
DIE JUNGE FRAU:
Hier, lieber Alter! Halte mich nicht für schlecht oder vergeßlich; ich weiß ja alles! Aber ich kann manchmal nicht anders!
DER SÄULENHEILIGE:
Gewiß, gewiß! Ich vermag ja auch nicht zu sagen, daß du eine Verpflichtung hättest!
(Nach sechs – statt einer – Wochen:)
DIE JUNGE FRAU:
Oh, ich weiß es sehr gut! Ich suche dich diesmal in wenigen Tagen wieder auf! Laß mich genau sein: längstens in drei Tagen! Tu mir nicht weh, und erwidere nichts!
(Diesmal ist viel Zeit vergangen:)
DER SÄULENHEILIGE:
Was soll ich ihr sagen? Die Tage sind schon wieder in die Wochen gekommen, und die Wochen werden noch eine Endlosigkeit gebären. Der junge Herr macht sich nichts wissen, und die junge Frau macht sich alles vergessen. Dabei muß mein irdisches Postament von Zeit zu Zeit neu gekalkt werden, und dergleichen mehr. (Überlegt.) Was soll ich tun? Religiosität in der Brust dieser Menschen wecken, die Zerstreuungen im Kopf haben und nichts erkennen als meine Höhe? Klappern und Schaumschlagen, oder das lächerliche Schauspiel eines steinernen Heiligen darbieten, der herabsteigt und einem nachläuft? (Ärgerlich:) Es ist wenig zartfühlend, mich vor eine solche Entscheidung zu stellen!
(Der Säulenheilige schreibt schließlich einen Brief. Es ist ein etwas beschämendes Schauspiel. Der Schöpfer im Himmel lacht über seine vorzügliche Welt.)
GOTT:
Schämst du dich nicht, alter Säulenheiliger!
DER SÄULENHEILIGE:
Doch, doch! Aber warum ernährst du deine Heiligen eigentlich nicht selbst?
(Gott zuckt die Achseln und lacht, und der Säulenheilige möchte über ihn lachen, wenn er sich nicht vor ihm fürchtete.)
[Handschriftlich: dieses Trauerspiel widmet mit herzlichem Gruß!]
Tempora Maier und ihre Zeitgenossen
Tempora Maier und ihre Zeitgenossen. Ein Zukunftsbild.
Personen
TEMPORA MAIER, Die Zeit. (Liebt Boxer – mit nicht ganz gutem Gewissen –, Ingenieure, tatkräftige Kaufleute, Clemenceaus und Rollands usw. Von Dichtern, mit Herablassung, die Edschmidts. – Liebt Gesundheit)
TREUHAND MAIER, Großhändler
FAUST MAGENSCHLAG, Weltmeister des Boxens
BRUNNENMAUL, Dichter (BLECHKLANG, eventuell zweiten Dichter)
DUMMERSTER
NACHBETER, Nationalräte
UNHOLD
DENK
…, Satyre
PASTOR OBSTIPATIUS SEIGERT
GLÄUBCHEN SEIGERT, seine Tochter
EUGENIE MAGENSCHLAG, Faust’s Großmutter
EGYDIUS GANTER, Universitätsprofessor der Feuilletonistik
Vorbemerkungen
(Eine Idee, die länger als fünf Minuten festgehalten wird, ist bereits eine Zwangsidee. Ausgenommen in der Wirtschaft.)
Liebesgeschichten in zweite Linie. In erste Satyre auf Zustände, die kommen werden.
Nicht das Eugenetische ist das Ziel der Satire, sondern das, was sich mit Hilfe der Eugenetik verewigen möchte.
Die journalistische Dichtung: Perutz, Höllriegl usw. haben heute schon eine trockene, exakte Erzählungsart geschaffen, welche den Familienblattroman in der Zeitung verdrängt und dadurch großes Verdienst hat, dessen sie sich mit Recht rühmen dürfen. Sie werden aber auch sagen: Wir wirken durch die Zeitung aufs Volk, was ihr Etho-Ästheten nicht tut. Wir haben den Romantyp dieser Zeit geschaffen, welcher eben der Zeitungstyp ist: intelligent, neugierig, kleingehackt usw.
Man vergleicht sie mit Dostojewskij usw.
I. Akt
Naturpark in der Nähe einer Zukunftsgroßstadt. Blick in eine weite, von Bäumen eingerahmte, herrliche Wiese. Links und rechts der Bühne zieht sich das Gehölz nahe heran. Rechts vorne steht ein einzelner alter Baum; darunter eine Bank.
Tempora Maier und Faust Magenschlag treten auf. Sommerliche Kleidung, Hitze, Landpartie.
TEMPORA MAIER:
Also hier könnte es schon sein. Ich muß Ihnen gestehn, daß mir ein wenig unheimlich zumute ist. Man erzählt so unglaubliche Geschichten von diesen Satyrn.
FAUST:
Sie hätten sich keinen besseren Begleiter wählen können, Tempora. Meine rechte Hand streckt einen zweijährigen Stier mit einem Schlag zu Boden. Mit fünf Hieben gegen den Schädel erledige ich auch einen Stier von drei Jahren. (Sie machen es sich bequem.) Ich habe zu meinem Kampf um die Weltmeisterschaft 23 Minuten gebraucht und kann mir ausrechnen (werbend:) daß meine Hand 25 000 Mark in der Minute wert ist.
TEMPORA MAIER: (ablenkend)
Es regt mich unbeschreiblich auf zu wissen, wer morgen den Schillerpreis für das beste Feuilleton der letzten zwei Jahre erhalten wird.
FAUST:
Pah! Zweitausend Mark!
TEMPORA MAIER:
Das ist nur sinnbildlich zu nehmen. Sie müssen wissen, daß Geist nicht mit Geld aufzuwiegen ist. Die Entscheidung liegt zwischen Brunnenmaul und Blechklang.
FAUST:
Blechklang hat bei meinem Kampf um die Weltmeisterschaft von mir geschrieben, daß meine Stöße eine reichere Intuition verraten als die Gedichte Goethes. – Übrigens wer war Goethe? – Ich halte ihn für den besseren. Er hat modernen Geist. Im übrigen sind das alles nur reproduktive Menschen, die bloß Worte über die Taten anderer machen.
TEMPORA MAIER:
Ich muß Ihnen wiederholen, daß Sie das rechte Verständnis für das Geistige vermissen lassen. Ich vermochte Ingenien wie Brunnenmaul und Blechklang nie zu entbehren. Bedenken Sie nur, was es uns allen bedeutet hat, als Brunnenmaul in der Pfingstnummer der „Schnellwage“ nachwies, um wieviel wertvoller unsere, durch das Feuilleton erzogene scharfe Beweglichkeit des Geistes ist als die schwerfällige Breite früherer Zeiten.
FAUST:
Dafür haben wir ja auch eine Professur der Feuilletonistik an der Universität; mehr als genug.
TEMPORA MAIER:
Sie sind ein Verächter des Geistigen, Faust Magenschlag!
FAUST:
Tempora, wenn ich sage: Universitätsprofessur, so meine ich es ernst. Dort gehören diese Dinge hin, dort werden sie in Ordnung gebracht. Es beruhigt, sie dort zu wissen. Aber sie gehen mich so wenig an wie eine Leiche in der Anatomie; angenommen selbst, ich hätte sie persönlich erschlagen. Lebendig ist nur die Tat; ohne Gedanken!
Übrigens interessieren Sie sich mehr als mir gefällt für diesen Professor Egydius Ganter; ich versichere Ihnen, wenn ich den Brustkorb dieses Mannes betrachte, muß ich mir die Nase zuhalten. (Sie schweigen beide erzürnt.)
TEMPORA MAIER: (nach einer kleinen Weile kleinlaut)
Ich fürchte mich, Faust Magenschlag; man erzählt, daß diese Satyren Jungfrauen schänden.
FAUST:
Wahrhaftig, Sie beleidigen mich schon wieder! Ich habe Ihnen versprochen, daß ich Ihnen einen lebendig fangen werde! Sie können ihn dann schänden oder mit ihm machen, was Sie wollen!
TEMPORA MAIER:
Sie sind unzart, Faust!
FAUST:
Verzeihen Sie mir. Ich hatte nicht Obacht und es war mir etwas in den Mund gekommen, was ich in der Morgenzeitung gelesen hatte.
TEMPORA MAIER:
Ist es denn wahr, daß man diese Leute, falls es sie wirklich gibt, von den Eugenischen Medizinalgerichtshof stellen wird?
FAUST:
Selbstverständlich ist das wahr. Es soll sogar dieser Tage schon eine Expedition ausgehn. Und ich finde, daß sie ganz gewiß vor das Eugenische Medico-Tribunal gehören.
TEMPORA MAIER:
Sie sind Sachverständiger am Obersten Gesundheitsgericht?
FAUST:
Das will ich meinen. Es wird nicht viele Leute bei uns geben, die in der Frage einer gesunden Nachkommenschaft kompetenter sind.
TEMPORA MAIER:
Und was weiß man eigentlich von diesen Satyrn?
FAUST:
Ich muß Ihnen gestehn, daß ich mich nie allzusehr dafür interessiert habe. Man sagt, daß sie früher einmal für Dichter gegolten haben; ich meine Leute, die diesen glichen. Sie sind unsittlich.
TEMPORA MAIER:
Oh, entsetzlich: unsittlich!
– FAUST:
Ich muß gestehn, daß ich mich nicht allzusehr dafür interessiert habe. Relikt früherer Geistigkeit.
(Manche Dichter schon auf neuer Seite. Sie gehen in den Wald suchen. Blei und … stürzen vom Ast. Das Mädchen hat ihm gefallen. Sehnsucht. Die Partie kommt. Geht.
Faust und Tempora kehren zurück. Eheantrag. In Wut fängt er einen vom Baum.) –
FAUST:
Sie sind ungesund.
TEMPORA MAIER:
Oh, pfui: ungesund?
FAUST:
Ja. Abscheuliche Überbleibsel sind das einer unzivilisierten Vergangenheit. (Er zieht eine Spring-Schnur aus der Tasche und beginnt wie ein spielendes Kind darüber zu hüpfen, indem er sie von rückwärts über den Kopf und dann unter den Füßen durch schwingt.)
TEMPORA MAIER:
Was tun Sie, Faust?
FAUST:
Ich trainiere die Strecker und Beuger der Beine.
TEMPORA MAIER:
Ich meine, warum tun Sie es so wild, ohne Kultur? (Faust hält fragend ein.)
Man muß Körpergeist üben: Sie müssen zwischen je zwei Sprüngen die Augen empor heben und etwas Tiefes über die hellenische Kultur denken. Das ist die griechische Wanderung. Seele und Körperkraft wachsen in gleichem Maße.
FAUST:
Das langweilt mich. (Wiegt die Schnur in der Hand, bevor er sie einsteckt.) Mit dieser Leine werde ich Ihnen den Satyr fesseln.
TEMPORA MAIER:
Wissen Sie, ich liebe leidenschaftlich Sittlichkeit und Gesundheit. Aber sagen Sie mir: was ist eigentlich: unsittlich und ungesund?
FAUST: (nach einigem Nachdenken über diese neue Frage)
Ich möchte behaupten: das was weder sittlich noch gesund ist.
TEMPORA MAIER:
Das ist eine Zirkeldefinition, Faust; eine solche gestattet uns unsre strenge logische Erziehung nicht.
FAUST:
Vielleicht haben Sie recht: Aber was als gesund zu gelten hat, wird ja doch alljährlich von unserem Parlament festgesetzt. Und sittlich ist doch gerade das, worüber man als gesunder Mensch nie nachzudenken braucht.
TEMPORA MAIER:
Ja, aber was tun dann diese Satyrn?
– Es kommt die ganze Gesellschaft. Egydius Ganter kommt hinzu usw. Treuhand Maier – stößt sich an den Muskeln Fausts: Sie sind so entzückend gesund, ganz usw. – Milrath von „Weltabend“. Sozialistisch abwartende Kampfweise. Kapitalismus wird immer stärker. Aber Sozialismus ist eine Einrichtung in der kapitalistischen Welt geworden. Der Arme lebt schlecht und teuer – der Reiche gut und billig. Der Arme gibt Proben größten Muts, aber er hat nicht die Zivilcourage zum Umsturz. Daraus folgert der Reiche, daß die Ordnung gut ist, weil sie den Armen zum Mann macht. –
FAUST:
Tempora, ich muß Ihnen gestehn, daß ich eigentlich keine Ahnung davon habe. Ich weiß es einfach nicht. Es hat noch nie einer meinen Weg gekreuzt und hat mich beleidigt, so daß ich aufmerksam auf ihn wurde. Aber wir wollen in den Wald gehn und ich werde Ihnen einen fangen. Den können Sie dann um alles befragen, was Sie wissen wollen. Ich stehe Ihnen gut dafür, daß der Bursche seine letzte Wahrheit hergibt. Darf ich um Ihren Arm bitten?
TEMPORA MAIER:
Es ist noch zu früh; es ist ungehörig davonzugehn, ehe die Eltern nachgekommen sind.
FAUST:
Wir wollen nur ein wenig vorerst hineinsehn; in einer Viertelstunde sind wir wieder zurück. (Tempora legt ihren Arm in seinen.)
FAUST: (verliebt)
Wenn ein Mann mit einem Schmiedehammer auf meinen Arm schlägt, so springt ihm der Stiel aus der Hand; aber wenn sich ihr Arm wie eine Flaumfeder auf ihn legt, so zittert er: ich bin weder Politiker noch ein Gelehrter, aber ich möchte wetten, daß sittlich und gesund nichts anderes bedeutet. (Beide in der Richtung gegen den Wald ab.)
– ? Männer und Frauen. Harlekins und Colombinen Nachkommen? Kommen aus dem Wald; nicht von Bäumen. Libertinage ist auch fad ohne Gegenhalt an einer Gesellschaft. –
(Von dem alten Baum steigen Denk und Unhold herab. Dunkle, gewählte, etwas mitgenommene Kleidung. Unhold, der ältere, ähnelt einem durchgeistigten Lebemann, Denk lyrisch, geistig leidenschaftlich, jung. Sie setzen sich körperlich und geistig ermüdet auf die Bank.)
– Eventuell: Einer der Satyre wird gefangen, der andre schleicht sich dann verkleidet ein und lernt so diese ganze Welt kennen. Phantastisch gewürfelte Kleidung. Enge Hosen, eine Art Wams. Unhold sehr lang und mager. Denk ein kindliches Gesicht mit einem spitzen Näschen.
… Haben Sie schon je so eine Schurkerei gehört? Man tötet den Geist!
UNHOLD: Man wird ihn nur an der Fortpflanzung hindern. Bedauernswerter … –
DENK:
Sie wollen eine Expedition gegen uns entsenden. Haben Sie es gehört?
UNHOLD:
Ja mein lieber Denk, man wird Ihnen etwas abzwicken. Bedauernswerter Jüngling, der Sie noch nicht genug Gelegenheit hatten davon Gebrauch zu machen.
DENK:
Erbärmlich, diese Gesundheitsschnökerei! Wie Raubmörder, Säufer oder unheilbar Kranke wollen sie die Dichter und Geistigen behandeln, von der Nachkommenschaft ausschließen!
UNHOLD:
Die Operation ist durchaus nicht brutal und schmerzlich.
– Die Operation ist nicht schmerzlich und geistig sehr befreiend. –
DENK:
Aber bedenken Sie: die Verunglimpfung!
UNHOLD:
Lieber junger Freund, ich vermag es nicht allzuarg zu finden. Bedenken Sie bloß, wie weit es auch ohnedies schon mit uns gekommen ist. Wir mußten uns in den Wald zurückziehn und geben dort die Zeitschriften Das Baumkloster und Der Wipfel heraus. Schön. Wir streiten uns in diesen zwei Zeitschriften heftig über den Sinn der Welt. Aber in der Welt außerhalb dieser zwei Zeitschriften und unsres Waldes dürfen wir uns nicht zeigen. Für den Geist sind die Universität und die Tageszeitungen da. Versemachen lernt man in der Schule. Die Moral steht fest und Zweifelsfälle werden vom Gesundheitsgerichtshof gerichtet. Wir haben keine soziale Funktion. Wir haben auch kein Einkommen. Und werden seit hundert Jahren in allen öffentlichen Angelegenheiten wie Vakuum behandelt. Um nicht zu verhungern, haben wir uns an dieses tierische Leben in den Bäumen gewöhnt. Aber ich gestehe Ihnen, über Literatur zu disputieren und von den Gaben zu leben, die uns verrückte Frauen bringen, die unsre Bücher lesen, weil sie den richtigen Mann nicht gefunden haben, habe ich satt. Habe ich völlig satt. Mir liegt gar nichts daran, wenn man mich entmannt. Im Gegenteil, das befreit mich von den Leserinnen und liegt in der Weltordnung. Haben Sie sich übrigens die schöne Person angesehn, die da gesessen ist?
DENK:
Ein Riesenkalb mit einem noch riesigeren Schlächter!
UNHOLD:
Ach, ich habe Sehnsucht nach der Welt. Mag sie sein, was sie will, sie ist feste, warme und bewegte Materie. Ich werde das Dichten aufgeben und der Manager dieses Boxers werden.
DENK:
Wir sind zu passiv. Wir sind die Ausnahme, der Einzelfall usw.
UNHOLD:
Wir haben es schon zu weit kommen lassen. Im Gesetz gibt es keine Ausnahme, sondern nur die Monstrosität.
DENK:
Wir werden die Leute endlich dazu bringen, in ihren Privatangelegenheiten zu denken usw. so wie ich es vergeblich versuche.
Er will, noch bevor die Expedition kommt, die Geistigen einigen und einen geistigen Überfall – Ausfall – auf die Stadt machen, durch die Straßen eilen wie Suffragettes (erste Christen) und dergleichen. Unhold bleibt skeptisch, sie wollen aber doch in den Wald gehn, da kommt die Partie und sie müssen auf den Baum retirieren.
– Man erfährt eine Beschreibung dieser Zukunftswelt. Es gibt nur Freidenker und Kirchenanhänger; jede geistige Äußerung wird an einem von beiden gemessen. –
Sie wollen in den Wald gehn, um die Genossen zu alarmieren, da kommt die Partie; und sie müssen auf den Baum zurück.
Mittelpunkte Treuhand Maier und Gläubchen Seigert. Bei ersterem wird mehr oder weniger indirekt um die Hand seiner Tochter geworben. Von Politik, Geschäft, Dichtung, Wissenschaft. Bei letzterer findet sich einer ein, der mehr Wert auf „Tiefe“ legt.
Sie gehen auch gegen den Wald. Tempora und Faust kehren zurück, Faust macht seinen Heiratsantrag worin er beweist, daß der Boxer der Inbegriff der Zeittugenden ist.
Hinhaltend abgewiesen, zornig, entdeckt er ein Bein Denks und zieht ihn herunter; Unhold springt zeternd vom Baum und wird von der andren Hand gefangen. Faust fesselt beide und fordert Tempora auf, mit dem Ausfragen zu beginnen.
Da kommt aber von dem Geschrei beunruhigt die Partie zurück. Jede stellt eine charakteristische Frage, die Unhold und Denk aber nur mit dem Herausstrecken der Zunge beantworten. Man findet es desto richtiger, sie dem Psychotechnischen Institut zu übergeben und verläßt sie gefesselt.
II. Akt
Psychotechnisches Staatsinstitut.
Institut und Überfall. Denk und Unhold werden untersucht. Das Tagesprogramm wird vorbereitet. Eheschließungen, Stellenprüfungen, moralische Untersuchungen, Kastrationen usw.
Erstens. Institutsdiener schmiert das Tachistoskop. Spricht mit Assistent. Was haben wir heute für ein Programm?
Zweitens. Eine Kommission andren Staates ist zu Studienzwecken da.
Drittens. Gleichzeitig mehrere Untersuchungen: ein Politiker, ein Brautpaar, ein Entwurzelter.
Ich bin eine der wichtigsten Personen in der menschlichen Entwicklung –.
Neulich ist durch einen Fehler im Apparat einer kastriert worden und dann erwies sich, daß er eine Obertugend war oder dergleichen. Es sind Fälle vorgekommen, daß sich nicht die richtigen Leute geheiratet haben und dergleichen.
– Nur der müde, skeptische der beiden Satyren wird gefangen; der andre entkommt in den Wald, und nun, weiß man, wird es zur Revolution kommen.
Seine Frau bringt ihm Frühstück. Das heißt: Wir haben noch in der schlechten alten Zeit geheiratet. –
Während Denk und Unhold untersucht werden, Überfall des Geistes auf die Stadt. In Form Epidemieerregung. Sie halten die Leute an, werfen sich vor die Elektrische, sprechen in Konzerten usw. Da sie einzeln auftreten, sind sie nicht zu fassen. Sie predigen den Leuten: euer Leben ist kein Leben.
Das Psychotechnische Institut befindet sich selbstverständlich im Regierungsgebäude. Daher dort auch Hauptquartier der Polizeiabwehr. Man erfährt aus den einstürmenden Berichten in dramatischer Steigerung (eventuell Persiflage einer solchen. – Irgend etwas fehlt zu einer großen Staatsprüfung – Aufregung bis zum äußersten. Wird abgelöst durch den Revolutionskrach. Zum Beispiel der Bote muß hereinstürzen wie ein Marathonläufer. – Das ist längst geregelt – ausgewählte Gebärden haben ausgewählte Gefühle zu erzeugen) was sich draußen begiebt. Die Ordnung ist im Unterliegen. Abordnungen der politischen Parteien erscheinen unter der Devise: Was, das von uns gepredigte Leben soll kein Leben sein?!
Rettende Idee des Polizeipräsidenten, die Dichter gegen die Eindringlinge loszulassen. Diese Schwätzer verwirren die Zuhörer, der angreifende Geist ist auch nicht genügend organisiert und so bricht der Angriff zusammen, die Satyrn werden gefangen.
Während des Angriffs wirft sich der gefangene Unhold zum Sprecher der Angreifer auf. Man verhandelt mit ihm darüber, was mit dem Geist zu geschehen habe. (Nach Zusammenbruch bleibt ihm diese Rolle.) Der Direktor des Psychotechnischen Instituts wendet sich an ihn mit der Andeutung, daß die wissenschaftlichen Methoden auch dem neuen Geist dienen können, Wissenschaft ist indifferent gegen Wertung, der Begriff der Gesundheit muß von außen gegeben werden. Ebenso nähert sich der Professor der Feuilletonistik.
Auch ein Priester kommt, um die Religion zu retten; sie besteht in den Institutionen, die psychotechnisch virulent sind, und ist invariant gegen den eigentlichen religiösen Inhalt. (Existenz der Kirche ist eigentlich nur ein Knopf im Taschentuch der Menschheit um sie an das Übersinnliche zu erinnern.)
III. Akt
muß Satire auf die Gesellschaft sein, ohne die Dichter auf der Bühne. Die Leute aus dem vorigen Akt sind schwankend geworden. Aber die Ideale wieder stabilisiert.
Ein schmächtiger Major für den Krieg. Politiker für die Politik. Was gesund ist, wird vom Parlament festgesetzt. Lüge. Schnell einen Löffel Hormon. Großhändler Maier wird zum Präsidenten erwählt. Aufsässige Arme werden zur Vernunft gebracht.
Es wurde die Frage aufgeworfen, ob das Geld nicht für heilig zu erklären sei, um es tiefer im Volk zu verankern; Maier rät ab, so sei es besser, Gott bleibe Vereinspräsident und das Geld Generalsekretär.
Regierungsform: Von Gelehrten werden die Volksvertreter durch „Eignungsprüfung“ bestimmt und dann zur Wahl bestimmt nach verschiedenen Programmen, die sie in einer ausgestorbenen Sprache lernen.
(Die politische Prüfung.)
Größe der Mundhöhle. Elastizität der Stimmbänder. Überzeugungstreue. Gutes Gedächtnis, langsame Auffassung, unbewegliches Gefühlsleben, Ökonomischer Sinn, Partielle Farbenblindheit bis auf Hauptfarben. Starker Wille. Abstrakte Gefühle. Keine Vorreaktionen. Die Hauptsache ist Gemeinschaftssinn, mit den anderen stimmen.
Grundsätze werden wissenschaftlich vereinfacht und gestempelt. Alle Parteien haben die gleichen. Das altsprachliche Programm soll Sätze über Kultur enthalten.
Gelehrte prüfen auch sonst die Lebensgrundsätze. Parlamentsbeschlüsse gelten nur ein paar Jahre; bis definitive Prüfung. Macht des Parlaments ruht auf materiellen Vorteilen. Volk hat Sportsensationen und Neuigkeiten; die Technik der Neuigkeiten ist aufs höchste ausgebildet. Nach heftigen Kämpfen um die Abschaffung des Geldes ist es wieder eingeführt worden, aber die „Werte“ wurden geregelt. (Rede des Präsidenten.)
Man hatte sich in der Not an Paul Ernst gewandt und rückt nun wieder von ihm ab zugunsten der Zeitgemäßeren; Satyre auf den Idealisten.
– Tempora besucht Unhold. Eugenie besucht Unhold. –
Besser statt Akten Szenenfolgen.
Die Frage: Bestrafung oder Unschädlichmachung des Geistes wird erörtert. Eventuell das Urteil gebildet und gesprochen. Aber durch die Liebeserklärungen Temporas und Eugenies unterbrochen und umgestürzt. Damit endet der Akt.