Kitabı oku: «Robert Musil: Gesammelte Werke», sayfa 69
IV. Akt
Allgemeines Heiraten, Satire darauf. Man pardoniert den Geist und krönt die beiden Dichter, welche den Schillerpreis teilen. Die Geistigen werden nicht kastriert, sondern man beschließt, für sie ein großes Steinhof zu baun, eine Art Reservation.
Faust fürchtet Kühe, aber nicht den Stier. Wissenschaftliches Boxen, Hauptsache bleibt aber doch Fähigkeit des Einsteckens. Heiratet Gläubchen.
Tempora heiratet einen Kaufmann, wie es sich für die Präsidententochter ziemt, nachdem sie noch einmal zwischen Faust und Ganter geschwankt hat. (Szene mit Vaterherzen.)
Ganter heiratet Eugenie, nachdem er wissenschaftlich feststellen ließ, daß ihre libido nicht libido, sondern Urkraft ist.
Zum Schluß läßt man auch die Idee der Reservation fallen, wenn sich die Geistigen verpflichten, keinerlei Ansprüche an die Gesellschaft zu stellen.
– Eventuell: II. irgend ein durch die übrigen Satyren angezettelter Krieg. Technisch. Aber man macht faszistisch-heroische Gebärden dazu.
Eventuell: II. und III. Akt, die eigentlich das Gleiche enthalten, in einen einzigen (III) zusammenziehen. II. Liebesszene der fünfzigjährigen Frau. –
Die Gefühlsmaschine: Die Dichter im Institut (Gefühlsabteilung) angestellt.
Liebesszene einer fünfzigjärigen Frau
Eine fünfzigjährige Frau vor einem Spiegel. Offener Frisiermantel, starker Busen, starke, gesunde, unschöne Beine. Sie frisiert, pudert, und betrachtet sich. Zofe.
GROSSMUTTER:
Ohne Zweifel ist Schönheit etwas außerordentlich Relatives. Die pflaumenglatte Haut einer Siebzehnjährigen ist schön. Nicht wahr? Deine pflaumenglatte Haut ist schön.
ZOFE:
Ich weiß es nicht.
GROSSMUTTER:
Du weißt es nicht einmal! So unsicher sind diese Begriffe. Auch die Spalten eines Gletschers findet man bewunderunswürdig; die Menschen geben sich nicht genügend Rechenschaft über das Schöne. (Sie betrachtet ihr Bein.) Hat dieses Bein nicht noch den Ausdruck der Leidenschaft?
ZOFE:
Es ist ein Bein so schön wie jedes andere.
GROSSMUTTER:
Ich soll in den letzten zwanzig Jahren, in den letzten zehn, in den letzten fünf Jahren eine andere geworden sein? Ich möchte wissen! Ich habe jeden Morgen im Spiegel das gleiche Gesicht gesehn wie am Abend zuvor. Ich will gar nicht leugnen, daß ich vor zwanzig Jahren etwas anders ausgesehen haben möge; aber wie soll ich es Dir sagen: die Änderung vollzog sich durchaus nicht unter Antipathie! Die Änderung vollzog sich sozusagen im Einvernehmen mit mir selbst! Mit meiner Zustimmung! Wie ich Dir schon gesagt habe, jeden Morgen und Abend.
ZOFE: (schüchtern)
Aber es ist nicht möglich, ich meine bloß so, wenn ich da einen Schritt tue, so stehe ich noch bei Ihnen; und wenn ich noch einen Schritt tue, so stehe ich noch bei Ihnen; aber jetzt stehe ich weit weg von Ihnen.
GROSSMUTTER:
Aber ich stehe noch genau so nah bei mir wie vor 25 Jahren. Und du wirst, wenn Du nicht zuviel Kinder bekommst, und Dein Mann rechtzeitig stirbt, solange Du noch nicht Deine Seele lebend aufgegeben hast, auch noch genau dort stehn, wo Du heute stehst, von Dir aus gesehen.
ZOFE:
Die Haare fangen wieder, ein Fingerbreit, an, bei den Wurzeln weiß zu werden: soll ich nicht nächster Tage die Färberin bestellen?
GROSSMUTTER:
Bestell sie, meine Liebe. Aber meine Verdauung ist besser als die meiner Enkelin. Ein Teller Langusten mit einem Glas …wein freut mich manchmal noch so, daß ich es Dir gar nicht sagen kann. Alles freut mich. Und das, siehst Du, mit den Brüsten: es gibt Völkerschaften, welche ganz gewiß eine gewichtig abwärts geschwungene Frauenbrust vor diesen lächerlichen Spitzmützen bevorzugen.
Liebesszene mit Sympathie für Potiphar:
(Sie sympathisiert mit den Revolutionären wie alle erotischen Menschen; zum Schluß erlaubt man ihr aber nur, noch einmal zu heiraten; bloß in dieser Form ist Greisenlibido toleriert. Diesen Standpunkt setzt mit aller Strenge Ganter auseinander, der nicht bereit wäre, sie zu heiraten.)
(Satyr I wird gefesselt hereingeführt. Großmutter mustert ihn mit Sympathie. Satyr I versteht und ist erschrocken. Anblick der Zofe gibt ihm etwas Vertrauen.)
ZOFE:
Ja, also das ist einer der Satyrn.
GROSSMUTTER:
Es ist nicht so schlimm. Man erzählt auch mehr, als wahrscheinlich daran ist. Ich werde gleich sehn, ob er ein gebildeter Mann ist: Sie sind gefangen und gehn einem schrecklichen Lose entgegen.
SATYR I:
Es scheint so.
GROSSMUTTER:
Eine reine Frauenseele kann sie retten. – Nun muß es ihm wie im Märchen vorkommen.
SATYR I:
Und was kann mir Schlimmeres widerfahren?
GROSSMUTTER:
Ich weiß nicht, woher mir auf einmal diese Gedanken kommen, aber es handelt sich um meinen Glauben an Gott. Als kleines Mädchen hat man mich gelehrt, ihm meine Seele zu empfehlen und er hat eigentlich nichts dafür getan, daß sie selbständiger geworden wäre. Sie ist immer noch so zärtlich wie ein kleines Mädchen, dem man versprochen hat, daß statt der Stiefmutter die gute Mutter wiederkommen werde; sie ist nie gekommen. Ich bin außen herum Großmutter geworden, aber innen höchstens 25 Jahre und war noch nie verheiratet. Das klingt vor den Menschen so lächerlich, daß man es von einem gewissen Alter an verschweigen muß, aber ich erwarte von Ihnen als Mann von Geist, daß Sie es verstehen werden. Sie werden fühlen, daß hier eine Kreatur zu Gott schreit und das menschliche Leben nicht zu verstehn ist, wenn Sie meine Liebe nicht erwidern.
SATYR I:
Potiphar ist noch nicht erlöst worden. Sie geistert durch den Spott der Jahrhunderte. Aber ich bin kein Joseph; Sie müssen entschuldigen, daß mir die Naivität fehlt. Ich bin ein Mann an der Grenze des Abschieds. Ich erliege den banalen Reizen eines jungen Busens. Ich liebe die Torheit. Aber mein Freund Satyr II, der sehr jung ist, wird sie mit der nötigen Leidenschaft lieben. Sie müssen uns helfen, diese Gesellschaft zu besiegen.
Sie greift nach ihm. Er klammert sich an der Jungen fest.
Satyr
… Eine soziale Gemeinschaft, die reich ist an nachahmungswürdigen Vorbildern und erfüllt von ihrer Würdigung, die durchdrungen ist vom Geiste der Harmonie und der seelischen Anteilnahme, die belebt ist von geistigen Interessen und beherrscht wird vom Geiste der Gerechtigkeit und von der Liebe zur Schönheit gibt jeder normalen Persönlichkeit von vornherein eine psychophysische Einstellung, die usw.
Die Anregung und die Anspornung, die Anerkennung und die Sympathie, die Suggestion und die Darbietung von Gelegenheiten, müssen andauernd begleitet sein von planvoller Unterdrückung irreführender Lockungen, von gewissenhafter Warnung, von lebhaftem Widerwillen gegen das Unrecht, gegen das Unsittliche und gegen das Hässliche …
FEUILLETON
Eine spiritistische Séance
[Brünner Sonntags-Zeitung, 20.2.1898, S. 5]
»Und Sie glauben wirklich an Geister?«
»Ja und nein, Fräulein; einerseits finde ich es mit meinen Anschauungen unvereinbar, zu glauben, dass wirklich die sogenannten Seelen längst Verstorbener nichts schlaueres anzufangen wissen sollten, als in einen alten Tisch zu fahren und damit hin- und herzuwackeln; andererseits weiß ich mir aber wieder diese geheimnisvolle, systematische Bewegung des Tisches nicht recht zu erklären. Man spricht da von unwillkürlichen Muskelzuckungen, Reflexbewegung und – – –«
»Herr Robert, wissen Sie, ich möchte wirklich gern einmal an einer Séance theilnehmen. Ich denke mir das so romantisch –«
»Ja, ja!«
»Tischrücken!«
»Eine spiritistische Séance!«
»Bitte, Herr Robert!«
»Gnädige Frau, ich bitte um Entschuldigung – Sie sehen, man macht mich mit Gewalt zum Maitre de plaisir – – befindet sich vielleicht im Besitz der Familie ein leichter Tisch mit drei Beinen?«
»Muss er denn partout drei Beine haben?«
»Natürlich, á la Dreifuß der Pythia; deshalb sind ja auch die Antworten so orakelig!«
»So, Herr Robert, passt Ihnen der Tisch?«
»Wie gegossen, gnädige Frau! Meinen besten Dank! Also ich bitte die Herrschaften, die mithalten wollen, sich mal um den Tisch herumzusetzen und beide Hände daraufzulegen. Fräulein Mela, die Kette muss geschlossen sein! So – – Herr Grün, drehen Sie, bitte, die Lampe ein bischen herunter! – Nur ganz leicht halten! Und jetzt eine Weile Ruhe, wenn ich bitten darf!« – – –
»Mit der Intelligenz scheints weit her zu sein! Sie lässt lange auf sich warten!«
»Bitte, keine schlechten Witze, sonst läuft die Intelligenz wieder davon!« – – –
»Oha, der Tisch wackelt schon!«
»Ist eine Intelligenz hier vorhanden und geneigt, unsere Fragen zu beantworten? Ein Klopflaut bedeutet ›ja‹, zwei Laute ›vielleicht‹, drei ›nein‹!«
(Der Tisch hebt sich und klopft 1mal.)
»Es ist also eine Intelligenz vorhanden! Wir bitten die Intelligenz, uns ihren verehrten Namen anzuklopfen und zwar zunächst den ersten Buchstaben. 1 Klopflaut bedeutet a, 2 b, 3 c und so weiter.«
(Der Tisch klopft 24mal.)
»Schad’, dass er nicht noch einmal geklopft hat!«
»Bitte keine Witze! Der erste Buchstabe lautet also Z. Bitte um die weiteren!«
(Der Tisch klopft der Reihe nach aus: o, t, u, z:)
»Heißt die Intelligenz Zotuz?«
(Der Tisch klopft: ja. Allgemeines Gekicher.)
»Wir bitten die Intelligenz uns ausklopfen zu wollen, was sie zu Lebzeiten war!«
(Der Tisch klopft: W, u, r, s, t.)
»Wurst! Meint die Intelligenz damit, dass uns das Wurst sein kann?«
(Der Tisch klopft: nein.)
»Was meint die Intelligenz denn?«
(Der Tisch klopft: S, e, l, c, h, e, r.)
»So! Jetzt sind wir vollkommen informiert. Will die Intelligenz des seligen Herrn Selchers Zotuz uns weitere Fragen wahrheitsgemäß beantworten?«
(Der Tisch klopft: ja.)
»Wir bitten die Intelligenz, uns – das Datum der Geburt des berühmten Chemikers Liebig auszuklopfen!«
(Der Tisch klopft: 27. Dezember 1795.)
»Bitte, Herr Grün, schlagen Sie sofort im Lexikon nach! – Nein?«
»12. Mai 1803!«
»Man muss sagen, die Intelligenz weiß das!«
»Bitte die Intelligenz nicht zu beleidigen! Chemie ist eben nicht ihr Fach! – Wir bitten die Intelligenz, uns den Kalendernamen für den 4. April auszuklopfen.«
(Der Tisch klopft: M, a, r, i, e.)
»Also Marie! Herr Grün, sehen Sie im Kalender nach! Was ist am 4. April?« – – –
»Isidor!«
»Beinah’ hat er’s ja errathen!«
»Mir scheint, der Kalender ist auch nicht sein Fach!«
»Ich bitte um Ruhe! Wir bitten die Intelligenz, uns auszuklopfen, was der Herr Egon Fried in dem Augenblicke macht!«
(Der Tisch klopft: C, l, a, v, i, e, r.)
»Er spielt also Clavier! Herr Grün, laufen Sie mal hinunter und suchen Sie per Telephon zu erfragen, was der Herr Fried macht.« – – –
»Er sitzt bei ›London‹ und spielt Tarok!«
»Na also, halb und halb hat der Geist ja recht! Der Fried spielt!«
»Er hat sich halt nur verklopft, Clavier statt Tarok!«
»Ruhe! Wir bitten die Intelligenz uns auszuklopfen, ob Morgen Eis sein wird!«
(Der Tisch klopft: nein.)
»Hurrah! Hoch der Spiritismus! Jetzt wissen wir wenigstens; dass morgen Eis sein wird!«
»Wir danken der Intelligenz und heben die Sitzung auf! Herr Grün, bitte, schrauben Sie die Lampe wieder in die Höhe!«
In der Dämmerung
[Brünner Sonntags-Zeitung, 5.11.1899, S. 4]
So hats den Tag denn endlich todt geregnet.
Im Zimmer wird es grau und still.
Wie Staubluft legt sichs schwer auf alle Dinge.
Der Bruder starrt in den Regen. Er weiß, dass es Regentage gibt und Sonnentage, er weiß, dass an den Regentagen aus den gehobenen Röcken der Frauen etwas sonderbar Lascives aufsteigt und dass an den Sonnentagen die Leute den Frühling in ihre Gesichter setzen.
Er weiß, dass beides Lüge ist.
Er ist daher vom Leben schon etwas enttäuscht und sucht im Unscheinbaren seine Sensationen.
Jetzt belauscht er den Regen.
Es liegt in einem taglangen Regen eine suggestive Kraft, man wird traurig und zufrieden mit einem Mal und begreift, dass es schön sein kann unter Thränen zu lächeln. Beim Fenster sitzt seine Schwester.
Sie hat einen Roman gelesen und dann von Gott weiß was geträumt. Von ihrem Clavierlehrer – oder von einem Lieutenant beim letzten Pferderennen – oder von dem Glück, die Mutter herziger Bébés zu sein.
Nun ist sie traurig und zufrieden mit einem Mal.
Aber sie weiß nicht warum.
Ihr Bruder weiß es.
In ihren grauen großen Augen liest er eine tiefe, tiefe Angst vor solchen Regentagen.
Sie ahnt von dieser Angst nichts; sie ist ein heiteres Kind. Die Tanzstunde freut sie und die Literaturgeschichte und das Neugeborene ihrer Freundin.
Er aber fühlt, dass man solchen Frauen die Regentage weglügen muss; denn etwas in ihnen zittert und kann zerbrechen vor diesen Tagen Grau in Grau – diesen todtgeregneten Tagen.
Darum erzählt er ihr etwas, das sie gerne hört. Vom Leben. Aber er stilisiert. Er spricht von Frauen mit Sphinxaugen und Männern voll Güte und Festigkeit. Mit leiser tiefer Stimme spricht er, absichtlich gewählt und wohlklingend. Seine Worte sind so abgetönt und melodiös und passen zu den Wassertropfen, die an die Scheiben springen. Für ihn liegt darin eine schwermüthige Ironie.
Zum Schluss nimmt er ihren feinen, gestreckten Arm und gibt ihr einen Kuss auf die Fingerwurzeln.
Dabei lächelt er über sich selbst und ist doch traurig.
Schwesterlein fein – Schwesterlein fein. –
Im Zimmer ist es grau – und grau – und still.
Neue Bücher
[Brünner Sonntags-Zeitung, 19.3.1899–6.1.1900, ]
Bunte Blätter. Studien von Emil Soffé. Brünn, 1899. In gefälligem Umschlag liegen sie vor uns, diese bunten Blätter, die Professor Soffé zu einem Bande vereinigt und mit denen er seine zahlreichen Freunde angenehm überrascht hat. Die zehn Abhandlungen sind in Wahrheit eine bunte Gesellschaft. Literarische Studien aus verschiedenen Jahrhunderten Deutschlands, über englische und amerikanische Dichter oder Denker, kunstgeschichtliche Abhandlungen über »William Hogarth«, »Charles le Brun,« über den »Todtentanz« und die »Teufelsdarstellungen in der Kunst«, endlich ein Cultur- und Sittengemälde aus der Zeit Karl’s II. von England lösen einander ab. Dieser Mannigfaltigkeit im Großen entspricht eine wechselnde Fülle in den einzelnen Essays. Dieses reiche, stoffliche Material ist in bündiger, klarer Weise zum Vortrag gebracht, und der Leser ist erfreut über den Reichthum des Gebotenen und über die mühelose Art, mit welcher er, dank der trefflichen Darstellung, alles aufzunehmen vermag. Die Abhandlungen stammen aus verschiedenen Jahren; es liegt in ihnen eine ganze Entwicklungsgeschichte des Autors; was aber in allen gleich geblieben, das ist der unermüdliche Fleiß und eine Darstellung, der man die Lust und Freude des Schaffens anspürt. Belehrend und belebend wirkt das Buch, das sind zwei gute Eigenschaften, die jeder solchen Arbeit zur Zierde gereichen.
Die Gioconda, Tragödie von Gabriele d’Annunzio. Man könnte dieses Buch in einem gewissen Sinne typisch nennen, das heißt, wenn Gabriele d’Annunzio, welcher der subtilste und raffinierteste Aesthetiker der modernen Literatur ist und einer ihrer feinsten Seelenzergliederer, ein Werk schreiben will, das auf unseren Theatern gespielt werden soll, so muss es die Vorzüge und Fehler Giocondas tragen. Denn die schon erwähnte, so außerordentlich feine Art seiner Psychologie kann d’Annunzio in dem Apparat der »Handlungsaneinanderreihung« nicht genügend entfalten – und jeder grob tragische Conflikt, jedes seinem Helden Recht oder Unrecht geben, ist nicht d’Annunzios Art. So ist ihm das, was die Tragödie tragen könnte, nur Nebensache, und was ihm Hauptsache ist, kann er im Rahmen der Tragödie nur schwer entfalten. Dass das Buch trotzdem eine starke, einheitliche Wirkung erzielt, ist Sache einer eigenartigen Anmuth, die es besitzt, weil seine Personen bis zum Aeußersten stilisiert erscheinen; sie setzen Worte und Handlungen nach einem Rhythmus von beinahe klassischer Ruhe, und immer erscheinen sie uns entweder gütig oder schön.
Stimmungen. E. Pierson. Verlag 1899. Ein junger Brünner, Paul Stefan Grünfeld hat unter dem Titel »Stimmungen« einen Band Gedichte veröffentlicht, dessen Inhalt sich durch sein musikalisches Formgefühl, und durch Sicherheit im Herausarbeiten der Stimmung auszeichnet. Der Frost der ersten Enttäuschungen hat dieses Buch gereift und das unermüdete Auferstehen eines unbändigen Verlangens nach Schönheit, das dem Alltag nicht glauben will und das Leben in seinen Weihestunden sucht.
Iuhani Aho. »Ellis Jugend«. Roman, Berlin, Schuster und Löffler, 1899. Der treffliche Uebersetzer Ernst Brausewetter hat sich ein großes Verdienst erworben, indem er dieses Werk des ausgezeichneten finnischen Dichters unserem Sprachschatze einverleibte. Iuhani Aho ist kein Erzähler im landläufigen Sinn: er ist Zergliederer des inneren Erlebens, dessen geheimen Zusammenhang mit der wundersamen Natur des Nordens er findet, ohne zu suchen. So ergeben sich Seelenoffenbarungen von einer Kraft und Tiefe, die man außer in Ibsens »Frau vom Meer« nicht leicht antreffen wird. Das Buch schließt mit Ellis Verlobung; vom Leben gebrochen, von den Eltern in der üblichen Weise gedrängt, wird das seltsame, scheue Kind einem ungeliebten Durchschnittsmenschen die Hand reichen. Incipit tragoedia!
Ein Frühlingsopfer von E. Keyserling. Verlag S. Fischer, Berlin. Das Stück hat vor nicht langer Zeit in Berlin seine Erstaufführung erlebt und wurde ausführlich in der Presse besprochen. Ein Mensch der immer neben dem Tisch stand, während die andern aßen, – nebenbei ein Weib in der gefährlich sehnsüchtigen Zeit zwischen 16 und 20 – sein Liebestraum und dessen Enttäuschung bilden den Kern des Stückes. Eingekleidet ist dieser in eine glücklich erfundene Handlung, welche stellenweise mit Hilfe einer gewissen Derbheit der schiebenden Motive eine kräftige dramatische Wirkung aufweist.
Entwurf eines Wahlgesetzes
[Brünner Sonntags-Zeitung, 29.10.1899, S. 5]
nach dem Grundsatze der Proportionalwahl. München J. Schweizer Verlag. 50 Pfg. Dieses von einem anonymen »Socialmonarchisten« geschriebene Heftchen verdankt der starken Strömung zugunsten verhältnismäßiger Vertretung seine Entstehung. Ueber die Zuträglichkeit derselben gehen die Meinungen bekanntlich auseinander. Vollkommen einwandfrei wird sie nur der finden, der in den Vertretungskörpern das getreue Abbild der Wählerschaften sehen will. Auch der Autor scheint dieser Auffassung zu sein, wenn er in der Vorrede sagt: »verkehrte politische Richtungen sind weniger gefährlich, wenn sie auf gesetzlichem Wege zur freien Meinungsäußerung in der Volksvertretung zugelassen werden.« Das System, das der Vorschlag adoptiert, hat ein einfaches Schema: Einzelwahl aus einer Parteiliste unter Anwendung einer Wahleinheitszahl, ohne die subtilen Bedenken vieler orthodoxer Proporzer, wie die geringfügigen Stimmengruppen, die sich als Bruchtheile bei der Division durch die Einheitszahl ergeben, noch zu verwerten seien.
Variété
[Neue Brünner Zeitung, 19.4.1900, S. ?]
»Es ist zu drollig, wenn einem alles unter den Händen zum Schema wird, zur abgezirkelten Silhouette oder zur Erinnerung, so dass man immer glaubt sagen zu müssen: Es war einmal. Zum Beispiel. Es war einmal ein großes ernstes Haus in einer breiten stillen Gasse. In diesem Hause ein Saal mit gelbgrünen charakterlosen Tapeten. In diesem Saale eine kleine Variétébühne. Auf dieser Bühne eine kleine Sängerin, in dieser Sängerin ein ganz – ganz kleines verwickeltes Gemütsleben, in diesem Gemütsleben ein Punkt, der den Namen führt: wenn mir einer doch heute das Abendessen zahlen würde – und das alles empfindet man in blassen, verschwimmenden Farben, gewissermaßen als: es war einmal.«
… So sagte der Mann mit den komischen Augen zu der kleinen neunzehnjährigen Chansonette an seinem Tische, die auf dem Programm Rosa hieß. Diese sah darauf hin etwas verständnislos von der Speisekarte auf, in der sie gerade studierte, denn sie wusste nicht recht, ob sie das als eine Beleidigung nehmen solle oder als eine feine Schmeichelei. Sie half sich jedoch über den Zweifel hinweg, indem sie fragte: »Ist es Ihnen Recht, wenn wir uns Rehbraten geben lassen?«
»Bitte lassen Sie sich geben, was Sie wollen, ich für meine Person habe bereits vorhin gegessen.« Dann kniff der Mann am Tische wieder seine seltsamen Augen zusammen, wie wenn er in der Gemäldegallerie vor einem Bilde stünde und sprach behaglich weiter.
»Ja, schauen Sie, es ist doch wirklich drollig. das dachte ich mir noch früher so, wie ich es Ihnen erzählt habe – und dann kamen sie zu vieren auf die Bühne und sangen – was sangen Sie doch nur? – ach ja: hab’ ich nur Deine Liebe, die Treue brauch ich nicht – mit den gelungenen Variationen am Schluss – und dann das andere – na, mir fällt es jetzt nicht ein – thut auch nichts zur Sache. Aber ich habe mir dabei gedacht: Es war in einem großen ernsten Haus in einer stillen breiten Gasse, so um das Ende des 19. Hahrhunderts. Schicksale, Personen, Stimmungen, alles mögliche hat das Leben in einen kleinen gelben Saal hineingespült – und dann traten vier Frauen in den Saal, die singen konnten und mit ihren Röckchen flattern. Und alle Leute erhitzten sich an aufregenden Getränken, an dem Rhythmus der tanzenden Beine und dem Durcheinander der Stimmen. – Das war so gegen das Ende des 19. Jahrhunderts. – Klingt das nicht wie ein Märchen?« – »Aber –,« sagte die Kleine. Darin lag jedoch ein ganzer Satz, der beiläufig geheißen hätte: Sie Tschapperl, sind Sie verrückt, oder stellen Sie sich nur so. – Als der Maun mit den komischen Augen noch auf eine Antwort zu warten schien, musste sie jedoch fortsetzen. »Ja aber – nein – nein, Sie sind wirklich zu komisch.« Rosa musste lachen. »Was Sie nicht da alles herausfinden, das ist doch ein Variété, wenn Sie es näher kennen würden, möchten Sie nicht so reden.« – »Sie finden also nicht, dass das Ganze wie ein Märchen aus dem 19. Jahrhundert klingt, so mit dem gewissen Zauber des Entfernten drüber, den alle Märchen haben? Vier Frauen auf einer Bühne, die mit den Röcken flattern und mit den Stimmen aufregen –?« – »Aber so reden’s doch nicht so. Das war einfach die Gisa, die Mizzi, die Karolin und ich. Soll ich die Anderen vielleicht herholen?« Sie glaubte ihn endlich verstanden zu haben, sah sich jedoch enttäuscht, denn ihr Tischnachbar sagte ohne eine Spur von Erfreutheit: »Ja wenn es Ihnen Vergnügen macht, dann bitte ich darum, mir erweisen Sie jedoch keinen Grfallen damit, ich bleibe lieber allein mit Ihnen.«
Er schien im Gegentheil eher etwas verstimmt über das Mißverständnis. Ziemlich schweigend aßen sie Giardinetto und rauchten die feinen türkischen Cigaretten, die der Unbekannte aus einer flachen Schachtel anbot. Dann aber löste der Wein die leichte gegenseitige Spannung in eine wohlige Schlaffheit. »Kennen Sie diese Cigaretten?« – »Nein, ich habe solche komische flache Dinger noch nie gesehen.« – »Sie stammen aus Algier und sind hier nicht erhältlich; ich habe sie von einem Freunde als Geschenk erhalten. Man darf sie hier nicht verkaufen, denn sie enthalten eine kleine Menge eines sehr feinen Giftes beigemengt, das die algerischen Zigeunerinnen bereiten. Wer drei Cigaretten hintereinander raucht, verfällt in eine Art dionysischen Taumels, die Dinge um ihn her verändern sich, es kommt ihm vor, als hätte er sie alle schon einmal irgendwo so gesehen – aber er weiß nicht wo und wie es war; zum Schluss verfällt er in eine Art starren, schweißtreibenden Schlafes, von dem aber noch keiner verrathen hat, was er mit sich brachte und endlich …«
Der Fremde schwieg, und seine Augen glänzten seltsam, als er sah, dass Rosa heftig ihre Cigarette in dem Aschenbecher zerdrückte. »Wie – Sie rauchen nicht mehr weiter? Sie haben ja noch gar nicht – oder doch? Das war wirklich schon Ihre dritte Zigarette?« Aber Rosa wollte aufstehen und nach Hause gehen. »Sie machen so dumme Witze.« Sie hätte beinahe vor Aerger geweint, als sie an seinem spöttischen Lächeln merkte, dass sie ihm aufgesessen war. Aber nun wurde er plötzlich ernst. Er bat sie beinahe flehentlich zu bleiben, er habe es ja nicht so schlimm gemeint, und die Cigaretten seien wirklich von einer hier seltenen Sorte, jedoch könne sie davon rauchen so viel sie wolle, er allein habe heute mindestens schon sechs Stück geraucht – und was das vom Gift anlange, so wollte er sich vorhin nicht über sie lustig machen, sondern es habe ihn einfach so angesteckt, das und gerade das zu erzählen. Schließlich er sei heute einmal in solcher Laune und er habe einfach gedichtet, als Fortsetzung zu dem Märchen aus dem 19. Jahrhundert. Sie solle also um Gotteswillen wieder gut sein – dann versöhnte er sie durch ein Compliment über ihr herziges zorniges Gesichterl.
Da sie jedoch trotzdem nicht mehr bleiben wollte, schlug er vor, einen Spaziergang zu machen. Den schwarzen Kaffee tranken sie schnell während des Anziehens.
Draußen war eine warme weiche Nacht. Die stillen Straßen hatten etwas Beruhigendes an sich, so dass Rosa nach und nach ihr Misstrauen gegen ihren Begleiter wieder verlor. Dieser bat sie ihm etwas zu erzählen und sie plauderte kunterbunt darauf los, von ihrer Familie, in der sie immer ein Mund zu viel war. von ihrer Angst beim ersten Auftreten, von den Gageabzügen, die der Director machte, von einer lustigen Gesellschaft, mit der sie vorige Woche eine Nacht durchzecht hatte. Der Mann an ihrer Seite ermunterte sie jedesmal, wenn ein Pause eintrat, und es schien, dass er wunderbar den Ton traf, der ihr das Erzählen leicht machte. Was sie aber am meisten wunderte, war, dass er dabei so ruhig neben ihr hergieng; nicht einmal um die Erlaubnis sich einhängen zu dürfen, hatte er gebeten. »Warum hängen Sie sich nicht ein?« – »Nun, wenn es Ihnen Vergnügen macht, kann ich mich ja einhängen, ich finde offen gestanden nicht viel daran; ich habe nämlich so viel mehr von Ihnen, als wenn ich mir den Genuss des ›Arm in Arm‹ gestatten würde, den schließlich jeder theilen kann, der Ihnen nicht zuwider ist und der einen Arm hat.« – Pause. –
»Nun, erzählen Sie mir doch noch etwas von dem noblen, hübschen jungen Mann in jener lustigen Gesellschaft.« – »Nein, ich erzähle Ihnen nichts mehr. Sie sind wirklich der komischeste Mensch, der mir je vorgekommen ist – was interessiert Sie das?« – »Nun so – Sie wissen doch – ich interessiere mich für alles. Und dann, ich finde es nämlich wieder drollig, ich kann da nichts dafür. Früher wollten Sie mir nicht glauben, als ich das von dem großen ernsten Haus in der breiten stillen Gasse erzählte, und jetzt fällt mir gerade wieder so etwas ein. Sehen Sie dieses Haus Nr. 10? Und jenes, dort wo die Seitengasse abbiegt? Und jenes große mit den vielen Balkoneen? Da wohnen lauter Bekannte von mir. In dem da habe ich heute Besuch gemacht, und in jenem werde ich Morgen zu Mittag speisen – es sind dort zwei erwachsene Töchter und eine Mama – wir werden über Theater plaudern, vielleicht auch über Kunstgenuss und in jenem dritten Haus dort glaubt man gar, dass ich nicht übel zum Heiraten passen würde. Sehen Sie, die schlafen jetzt alle, und ich gehen mit einer kleinen Sängerin am Arm an ihren Fenstern vorüber und kein Mensch weiß etwas davon.« – »Aber vielleicht schlafen die auch nicht. Weiß man es denn?« – »Wollen Sie mir noch etwas erzählen. Sie können es ganz ruhig thun, wir sind ja so ganz allein: eine Welle Leben hat uns zusammengeführt und wird uns morgen schon vielleicht für immer trennen. Das liest sich wie eine Geschichte aus dem neunzehnten Jahrhundert, nicht?«
Sie waren allmählig in eine Vorstadt gelangt. Rosa gieng auf ein Haus zu und läutete. Als Sie ihm dankte sagte sie: »Aber ein närrischer Kerl sind sie doch, wie mir noch keiner vorgekommen ist, wer sind Sie eigentlich?« Der Mann mit den komischen Augen stand einen Moment still. Dann sagte er rasch: »Soll ich Ihnen sagen ein Narr? Ein Dichter? Nein, ich will bei der Wahrheit bleiben, aber Sie müssen mir auch glauben: Ich bin der Mädchenmörder, den man gestern gehängt hat.«
Im nächsten Augenblick war der Mann mit den komischen Augen um das Haus verschwunden, und Rosa, die bestürzt dastand, hörte nur mehr sein Lachen, dasselbe wie vorhin, als er die verrückte Geschichte mit den türkischen Cigaretten erzählt hatte.