Kitabı oku: «Robert Musil: Gesammelte Werke», sayfa 70
Lachende Gedanken
[Mährisch-Schlesischer Correspondent, 31.12.1902, S. 1-2]
Sieh’ das Gute liegt so nah, dachte der Bankdirektor und – schweifte damit in die Ferne.
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Eine Beförderung hat noch nie jemand erlebt. Nämlich die ins Jenseits.
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Hohe Fürstlichkeiten und Hausfreunde reisen gerne inkognito.
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Die Ehe kam mir zu – unvermittelt, sagte der Heiratsvermittler.
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Dem Apotheker geht’s am besten, wenn recht viele Leute mit allen Salben geschmiert sind.
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Eine schöne Frau läßt sich oft schwerer fesseln als der raffinierteste Gauner.
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Wenn ich nur die Rechnung ohne den Wirten machen könnte, sagte der Zahlkellner, dem das Sümmchen nicht stimmen wollte.
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Kleider machen Leute. Manchmal besser, als Leute Kleider.
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Jeder Dieb, der sich in den Händen der Polizei befindet, sieht »ergriffen« aus.
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Auf Gänsefüßen stehen manchmal auch junge Mädchen.
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Die Botschaft hört’ ich wohl, allein mir fehlt – die Laube, sagte Leutnant Fritz, als seine Ida ihn endlich erhörte.
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Von allen Staaten bedarf vielleicht der Staat, den die Damen machen, des Finanzministers am nötigsten.
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So manches ehrgeizige Subjekt sehnt sich nach einem recht schönen Prädikat.
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Wen wollte es Wunder nehmen, daß Strohwitwer leicht Feuer fangen?
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Von allen Hauben sind wohl die, unter die man die Töchter bringen will, die teuersten.
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Der Strich, unter dem geschrieben wird, kann oft nicht genug tief sein.
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Es gibt Ehen, in denen der Mann höchstens ein Eheviertel genannt werden darf.
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Ich kann auf ein erfolgreiches Leben zurückblicken, rühmte sich der Wirkwarenfabrikant, als er sich zurückzog.
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Liebesbriefe sind meist Ver-Steckbriefe.
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Man braucht kein Drechsler zu sein, um einem dummen Mädchen den Kopf zu verdrehen.
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Zimmer Nr. drei – und – wanzig, sagte der Portier zum Schrecken des Gastes.
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Mancher Autor täte gut, sein Werk zu verlegen bevor er es verlegt.
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Es liegt schon in meinem Berufe, mich anschwärzen zu lassen, sagte der Rauchfangkehrer, als ihm seine Geliebte Untreue vorwarf.
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Der Zweck heiligt die Mittel. Nur bei der Ehe heiligen eher die Mittel den Zweck.
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Der Briefträger hat jedenfalls eine sehr austrägliche Beschäftigung.
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Wenn nur der Engel nebenan ohne Flügel wäre! jammerte der alte Hofrat, dessen schöne Nachbarin fort Klavier spielte.
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Viele junge Damen verstehen es vortrefflich, sich in das Privatleben – reicher Freunde zurückzuziehen.
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Das gemiedenste aller Haustiere ist der Hund, auf den man kommt.
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Eines ist sicher: Je länger eine Jungfer sitzen bleibt, desto gesetzter wird sie.
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Ich lasse mir keine grauen Haare wachsen, tröstete sich der Besitzer einer weithin leuchtenden Glatze.
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Auch der Streitsüchtigste möchte gerne an sich sich halten. Aber nur das Mädchen, das ihm gefällt.
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Es ist nicht der beste Landwirt, der Jahr für Jahr sein Geld anbaut.
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Ich wieder ›fiele für Einen‹, sagte ein ehrlich verliebtes Mädchen, als sie Veras ›Eine für viele‹ las.
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Ein Dieb, der’s versteht, wird nie ins Netz gehen. Weil er es vorher stiehlt.
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Refrains und zudringliche Freier kehren immer wieder.
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Ich bin jetzt sehr im Gange, brüstete sich der Dienstmann, der einige Kommissionen zu besorgen hatte.
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Das Wort Garde anerkennt das moderne Mädchen nur in der Verbindung: Gardeleutnant.
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Heute geht alles in die Brüche, sagte der Steinbruchbesitzer zu seinen Leuten.
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Den Champagner, den schöne Büffetdamen verschenken, müssen wir oft teuer bezahlen.
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Dem Internierten wäre es sehr angenehm, wenn er sich die Freiheit nehmen könnte, sich die Freiheit zu nehmen.
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Zärtliche Gattinnen brechen oft mit den Hausfreunden. Aber nur die Ehe.
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Oft sagt einer: der Verstand ist mir stehen geblieben, und – er renommiert nur.
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Wenn meine Frau mir etwas vorwirft, wirft sie mir auch gleich etwas nach, jammerte der geplagte Ehemann.
Römischer Sommer (Aus einem Tagebuch)
[Die Argonauten, 1.1914, S. 41-43]
Das Fliegenpapier Tangle-foot ist nahezu sechsunddreißig Zentimeter lang und einundzwanzig Zentimeter breit; es ist mit einem gelben vergifteten Leim bestrichen und kommt aus Kanada. Wenn sich eine Fliege darauf niederläßt – nicht besonders gierig, mehr aus Konvention, weil schon so viele andere da sind – klebt sie zuerst nur mit den äußersten, umgebogenen Gliedern aller ihrer Beinchen fest. Eine ganz leise, befremdliche Empfindung, wie wenn wir im Dunkel gingen und mit nackten Sohlen auf etwas träten, das noch nichts ist als ein weicher, warmer, unübersichtlicher Widerstand und schon etwas, in das allmählich das grauenhaft Menschliche hineinflutet, das Erkanntwerden als eine Hand, die da irgendwie liegt und uns mit fünf immer deutlicher werdenden Fingern festhält.
Dann stehen sie alle forciert aufrecht, wie Tabiker, die es sich nicht merken lassen wollen, oder wie klapprige alte Militärs (und ein wenig o-beinig, wie wenn man auf einem scharfen Grat steht). Sie geben sich Haltung und sammeln Kraft und Überlegung. Nach wenigen Sekunden sind sie entschlossen und beginnen, was sie vermögen, zu schwirren um sich abzuheben. Sie führen diese wütende Handlung so lange durch, bis die Erschöpfung sie zum Einhalten zwingt. Es folgt eine Atempause und ein neuer Versuch. Aber die Intervalle werden immer länger. Sie stehn da und ich fühle, wie ratlos sie sind. Von unten steigen verwirrende Dünste auf. Wie ein kleiner Hammer tastet ihre Zunge heraus. Ihr Kopf ist braun und haarig, wie aus einer Kokosnuß gemacht; wie menschenähnliche Negeridole. Sie biegen sich vor und zurück auf ihren festgeschlungenen Beinchen, beugen sich in den Knien und [Die Bühne; Neue Zürcher Zeitung]
Knieen und [Das Tage-Buch]Knien ein und stemmen sich empor, wie Menschen es machen, die auf alle Weise versuchen, eine zu schwere Last zu bewegen; tragischer als Arbeiter, wahrer im sportlichen Ausdruck der äußersten Anstrengung als Laokoon. Und dann kommt der immer gleich seltsame Augenblick, wo das Bedürfnis einer gegenwärtigen Sekunde über alle mächtigen Dauergefühle des Daseins siegt. Es ist der Augenblick, wo ein Kletterer wegen des Schmerzes in den Fingern freiwillig den Griff der Hand öffnet, wo ein Verirrter im Schnee sich hinlegt wie ein Kind, wo ein Verfolgter mit brennenden Flanken stehn bleibt. Sie halten sich nicht mehr mit aller Kraft ab von unten, sie sinken ein wenig ein und sind in diesem Augenblick ganz menschlich. Sie werden sofort an einer neuen Stelle gefaßt, höher oben am Bein oder hinten am Leib oder am Ende eines Flügels.
Wenn sie die seelische Erschöpfung überwunden haben und nach einer kleinen Weile den Kampf um ihr Leben wieder aufnehmen, sind sie bereits in einer ungünstigen Lage fixiert und ihre Bewegungen werden unnatürlich. Dann liegen sie mit gestreckten Hinterbeinen auf den Ellbogen gestemmt und suchen sich zu heben. Oder sie sitzen auf der Erde, aufgebäumt, mit ausgestreckten Armen, wie Frauen, die vergeblich ihre Hände aus den Fäusten eines Mannes winden wollen. Oder sie liegen auf dem Bauch, mit Kopf und Armen voraus, wie im Lauf gefallen und halten nur das Gesicht hoch. Immer aber ist der Feind bloß passiv und gewinnt bloß von ihren verzweifelten, verwirrten Augenblicken. Ein Nichts, ein Es zieht sie hinein. So langsam, daß man dem kaum zu folgen vermag, und meist mit einer jähen Beschleunigung am Ende, wenn der letzte innere Zusammenbruch über sie kommt. Sie lassen sich dann plötzlich fallen, nach vorne aufs Gesicht, über die Beine weg; oder seitlich, alle Beine von sich gestreckt; oft auch auf die Seite, mit den Beinen rückwärts rudernd. So liegen sie da. Wie gestürzte Aeroplane, die mit einem Flügel senkrecht in die Luft ragen. Oder wie krepierte Pferde. Oder mit unendlichen Gebärden der Verzweiflung. Oder wie Schläfer.
Noch am nächsten Tag wacht manchmal eine auf, tastet eine Weile mit einem Bein oder schwirrt mit dem Flügel. Manchmal geht solch eine Bewegung über das ganze Feld, dann sinken sie alle noch ein wenig tiefer in ihren Tod. Und nur an der Seite des Leibs, in der Gegend des Beinansatzes haben sie irgendein ganz kleines, flimmerndes Organ, das lebt noch lange. Es geht auf und zu, man kann es ohne Vergrößerungsglas nicht bezeichnen, es sieht wie ein winziges Menschenauge aus, das sich unaufhörlich öffnet und schließt.
Aus der Geschichte eines Regiments
[Soldaten-Zeitung, 26.7.1916, Literarische Beilage, S. 2–3]
Nach Besitznahme des V.-Passes und der T.-Spitzen trat eine kurze Kampfpause ein, die dazu benützt wurde, starke Detachements dem weichenden Gegner nachzusenden und die Verdingung mit ihm wieder aufzunehmen. Patrouillen stießen bald auf Posten des Feindes, die sich zahlreich auf Kuppen und in kleinen Waldflecken eingenistet hatten, und vertrieben sie nach kurzem Kampfe. Am Abend stand ein vorgeschobenes Bataillon des Regiments schon in und bei T.
Diese Nacht war zum Schneiden dunkel; wer zwischen den Häusern hintastete, stieß mit den Augen an Finsternis wie Holz. Draußen, wo der Grund sich hob, standen kleine dunkelgelbe Sterne, die kein Licht spendeten, aber es war etwas besser; eine matte ungewisse Erhellung floß aus der Weite des Raumes und verdünnte die Nacht. Dort wanderten manchmal langsam schwarze Busche in Mulden und Furchen oder standen unförmig still; Patrouillen. Kleine Zettel krochen zurück oder liefen im Dorf ein, vom Tuten des Feldtelephons gemeldet, das so melancholisch ist, wie der Pfiff nächtlich einfahrender Dampfer. Dort setzte sich das Mosaik kleiner, oft widerspruchsvoller Meldungen zusammen und aus der Nacht wuchs bei Kerzenschein der Gegner, wie er längs der großen Straße nördlich des Berges stand, mit den Flügeln sich an stark befestigte Höhen lehnte und mit fieberhafter Eile an der Ausgestaltung seiner Stellungen arbeitete.
Für den nächsten Tag wurde der Angriff festgesetzt. In dieser Nacht aber meldeten die Patrouillen, daß Nebel eingefallen sei. Dann Regen. Wie mit nassen Fetzen wischte der Wind durch die Gräben und Mulden; dann zogen die Schwaden zwischen den Häusern durch, dann der Regen; dann blieb er zwischen den Häusern stehen.
Als der Morgen kam, war er wie dünnes, nasses Leinen ausgespannt; vor dem vierzigfachen Scherenfernrohr der Artillerie, durch das der Blick zum Gegner hinausfuhr, stand anstelle der Welt blind und höhnend eine große, runde, angelaufene Scheibe. Jeder Schuß wäre Verschwendung; wie ihres Auges beraubte Riesen stehen die schweren Geschütze plump im Regen; der Angriff ist abgesagt.
Tagsüber und in der folgenden Nacht hielt der Regen an und wurde stärker. Kälte fiel ein. Die Kleider waren durchweicht und die Leute froren. Bis in die Knochen. Aber unverdrossen und voll Zuversicht wartete alles auf die Erneuerung des Angriffsbefehles. Neuer Tag brach an und der Himmel heiterte sich auf. Zurückkehrende Patrouillen brachten die Nachricht, daß der Gegner noch immer an seinen Stellungen arbeite.
Artillerie begann langfingrig hinzutasten; um 10 Uhr vormittags fällt ihr Chor ein und das Wirkungsschießen beginnt; die ersten Infanterielinien lösen sich aus Busch und Stein, verschwinden, das Gelände beginnt von ihnen zu flimmern, füllt sich mit etwas unruhig Unwahrnehmbarem.
Da legt auch der Gegner los. Schwere Artillerie aus der Flanke; hastig ausbrechendes Feuer bis dahin zurückgehaltener Batterien von überallher. Deckung ist ausgeschlossen, man wüßte nicht, gegen welche Richtung; wird auch bald so ermüdend und nach einer Weile gleichgiltig. Die allen bekannte bösartige Sinnlosigkeit des von Ferne Beschossenwerdens senkt sich auf die Herzen. Aus den warmgewordenen Kleidern dampft die Nässe der Regennacht. Die Verluste sind nicht groß; viel größer scheinen die bleiernen Füße zu sein, auf denen jeder vorwärts schleift; nichts vermag den ruhigen Fluß ihres Vorwärtsstrebens auch nur für einen Augenblick zu hemmen.
Dann wird der Anstieg schwerer; mit Steinblöcken und Geröll durchsetztes Gelände beginnt; in fast ungangbarem Jungwald arbeitet sich die Mannschaft empor. Da – die vor der Gefechtsfront befindlichen Patrouillen sind 20 bis 30 Schritte, die erste Linie kaum 300 Schritte von der gut versteckten, hinter Drahtgewirr lauernden feindlichen Stellung entfernt – setzt mörderisches Infanteriefeuer ein. Es wirkt wie Erlösung, wie ein Bad, das man nach staubiger Wanderung erblickt. Die Leute sind nicht mehr zu halten; so wie einer sich auskleidet, fliegen die Rucksäcke zu Boden und ein ungestümes Vorarbeiten beginnt. Von Baum zu Baum, Deckung zu Deckung; Offiziere voran.
In einem Nu liegen sie vor den starken Drahthindernissen und drängen sich freiwillig zum aufopferungsvollsten Heldendienste: im feindlichen Nahfeuer den Weg durch die Hindernisse mit Drahtscheren freizulegen.
Die erste Reihe wird vom Hieb der Maschinengewehre niedergemäht, neue stürzen hervor. Einer sinkt von einem Brustschuß getroffen in die Knie und arbeitet weiter, bis er den tödlichen Kopfschuß erhält; ein dritter mit dem Spaten. Die übrigen tun, was sie nur können, den Gegner niederzuhalten. Auch die eigenen Maschinengewehre sind inzwischen nachgekommen und beginnen zu spielen. Das Gefecht stockt auf Minuten. Wahnsinniges Feuer des Gegners reißt Löcher mit blutenden Rändern in die Masse. Die Reserve der ersten Linie wird eingesetzt. Ein unwiderstehlicher Antrieb schleudert die erste Menschenwoge in die Stellung.
Mit hocherhobenem Kolben springt Oberleutnant D…… zu den halbdurchschnittenen Drähten, zwei wuchtige Schläge, das Gewehr springt in Splitter, um ihn blitzen Handgranaten und Minen auf, aber schon ist die Bresche frei und neben dem aus drei Wunden blutend zusammengesunkenen Oberleutnant drängt seine Kompanie mit wildem Kampfgeschrei vorbei.
Inzwischen hat auch am linken Flügel die … Kompanie die Hindernisse niedergelegt und ist in die feindlichen Gräben eingedrungen. Auch dort kommen Maschinengewehre heran und erweitern durch flankierendes Feuer die Einbruchsstelle.
Nur in der Mitte will es nicht vorwärts. Maschinengewehrfeuer des Gegners hält den Angriff nieder; wer sich erhebt, kann des Todes sicher sein.
Da nimmt Feldwebel K…. einen Spaten, nichts sonst, kriecht trotz der hageldicht einschlagenden Geschosse unter dem Drahthindernis durch, stürzt sich allein auf die Bedienung des Maschinengewehrs und macht den Italiener mit einem einzigen Schlag der kleinen Schaufel nieder. Durch diese Kühnheit verblüfft, setzt das feindliche Feuer auf Sekunden aus; diese Zeit genügt; durch das Beispiel des tollkühnen Feldwebels begeistert, stürzt sich ein Schwarm mit Scheren, Kolben und Spaten auf die Hindernisse, andere kriechen unter den Drähten durch und springen in die feindlichen Gräben. Kurzes erbittertes Handgemenge. Einzelnen stockt das Herz; dann beginnen Bächlein Fliehender nach hinten zu rinnen; endlich ergießt sich mit einemmal wilder Schwall der Flucht. Nachrennen, Halten; Feuer setzt wieder ein. … Dann setzt das Feuer aus. Irgend etwas verraucht. Augen, die lange nur einen Flug von Undeutlichem gesehen haben, kehren zurück zu festen Dingen; Gesichtern, Toten, der Sonne, die hoch und rund am Himmel steht, dem liegen gelassenen Rucksack.
Vermächtnis
[Soldaten-Zeitung, 15.4.1917, S. 3-4]
Die »Soldaten-Zeitung« stellt mit diesem Heft ihr Erscheinen ein.
Da sie in der humorvollen Lage ist, sich selbst die Grabrede zu halten, und sie nach der Forderung, daß man (de mortuis nil nisi bene) von Toten nur Gutes sprechen dürfe, sich einerseits loben, – nach der Weisheit, daß Eigenlob aber übel rieche, sich andrerseits bescheiden tadeln müßte, ergreift sie vor der zum letzten Mal versammelten Gemeinde den Ausweg, überhaupt nicht von dem zu sprechen, was sie getan hat, sondern von dem, was sie nicht getan hat. Das ist das, was sie hätte tun sollen, wenn sie anfangs schon so klug gewesen wäre, wie an ihrem Ende; ist das, was sie hatte tun wollen, wenn es ihr nur immer auch gelungen wäre; das sie jene Wahrheiten, deren sie, – die verbleichende »Soldaten-Zeitung«, – nur ein schwacher, sündiger, ungenügender, von allerhand Schwierigkeiten und Unzulänglichkeiten behinderter Ausdruck war.
Sie – die Selbige, wenn schon noch nicht die Selige – hat viele Freunde und Feinde gehabt und sie gibt den Feinden gut und gerne zu, daß alles, was sie an ihr getadelt haben mochten, berechtigt war, soweit es ihr – der Unseligen, wenn auch nicht unselbigen – Tun oder Können betraf, daß aber die folgenden Traktamente davon auszunehmen seien, welche sich auf die Grundsätze beziehen, nach denen eine wahrhaft österreichische Zeitung zu führen sei.
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Es lebt in den meisten Oesterreichern, mehr oder minder gefühlhaft, die Idee, daß der große Krieg eine Wende werden müsse und ein Ende gewisser Zustände, deren unwürdige Kleinlichkeit zuletzt wohl jeder bitter empfunden hat; selbst jene, welche sich, – so lange diese Zustände bestehen, – niemals werden enthalten können, sie immer mehr zu verschlimmern. Ohne daher den Wert der moralischen Einkehr und der guten Vorsätze verkleinern zu wollen, die während des Kriegs in allen Tonarten gepriesen wurden, als wären sie schon die Wiedergeburt selbst, muß man ihnen gegenüber als Patriot daran denken, daß mit guten Vorsätzen auch der Weg zur Hölle gepflastert ist, der Weg zum Himmel dagegen gute Werke verlangt. Kann jemand, – wenn er sich die Frage erst richtig gestellt hat, – glauben, daß ein Zustand, der schon dreißig, vierzig, sechzig Jahre, ja noch länger gedauert hat, der in einem Kampf ungefähr gleichstarker nationaler Parteien bestand, dessen Ergebnis war, daß sie sich gegenseitig zur Ohnmacht verurteilten, einer Ohnmacht, die aber ungeheure Anstrengungen, Opfer, Begeisterung auf jeder Seite verlangte: kann man wirklich glauben, daß ein solcher Zustand einfach dadurch beendet werde, daß die Gegner zur Einsicht von dem Wert der Eintracht kommen? Während alle Ursachen des Kampfes weiter bestehn, ja nicht einmal berührt werden? Das hieße, die allzu einfache Moral einer Kinderfabel auf das wilde Spiel der innerpolitischen Kräfte übertragen und müßte sich in einer schweren Enttäuschung rächen. Was aber hat man, seit Krieg ist, anderes in der vielsprachigen öffentlichen Meinung gehört, als entweder noch immer das alte Ich will und Mir beliebt oder die naive Versicherung, daß nach dem Krieg trotzdem alles wie von selbst zu einem guten Ende kommen müsse?
Wenn eine Frage trotz aller Bemühungen nicht zu lösen ist, dann gelingt die Vermutung, daß etwas schon in der Fragestellung fehlt, große Wahrscheinlichkeit. Wir in Oesterreich hatten es bisher dem freien Kräftespiel der widereinanderstreitenden Parteien überlassen, schließlich von selbst zu einem alle Bedürfnisse leidlich abwägenden Gleichgewichtszustand zu gelangen; aber je weniger sich dieser einfindet, desto mehr gewinnt die Anschauung Berechtigung, daß die ganze Rechnung anders gemacht werden müsse. Sie ging nie auf, weil ein Hauptbestandteil nie richtig eingesetzt wurde: der Staat. Man hat addiert und subtrahiert, der Partei etwas gegeben und jener genommen und dann wieder zurückgenommen und anders verteilt, und hat geglaubt, wenn diese Rechnung erst einmal in Ordnung sei, dann werde das Ergebnis ganz von selbst der Staat, nämlich der geordnete Staat Oesterreich sein. Das war der grundlegende Irrtum; die Rechnung hat niemals eine Lösung, wenn der Gedanke an den Staat nicht schon ihre Anlage bestimmt und sie in allen Gliedern durchdringt, wenn sie nicht von Anfang an staatlich gedacht ist.
Was das heißt, haben wir uns mit schwachen Kräften bemüht, verständlich zu machen. So wie man von irgendeiner Genossenschaft, sei es eine kaufmännische oder eine religiöse, sagen kann, unter welchen Umständen sie gedeiht, und unter welchen nicht, hat man auch über das Wachsen und Verfallen der Staaten hinreichend Erfahrung. Die Geschichtsforschung ist an der Untersuchung dieser Frage nicht vorbeigegangen, Staatsmänner und Politiker aller Grade haben ihre Gedanken darüber dargelegt und schließlich hat ja auch die Geschichte der Neuzeit mit dem Hochkommen Englands, Preußen-Deutschlands, Italiens und Ungarns, nicht an Anschauungsunterricht gespart. Was alle Erfahrungen dabei lehren, ist Planmäßigkeit. Sorgfältige, rechnerisch klare Erwägung des Ziels, der Mittel und der Zwischenziele, zähes, immer erneutes Anstreben, dauernde Sicherung des einmal Erreichten. Das gilt nicht nur für die äußere Politik, wo es am sinnfälligsten ist, sondern ebensosehr auch für die innere. Die innere Gestalt, die ein Staat sich gibt, bestimmt auch seine Kraft nach außen. Gestalt, das sind aber nicht schon Stimmungen, Versicherungen, Verhandlungen, gute Vorsätze und dergleichen, sondern erst Werke, Anpassung der inneren Ordnung an weitgefaßte Zwecke.
Wenn wir nun, die allgemeinen Erfahrungen auf die österreichischen Verhältnisse anwendend, dazugekommen sind, bestimmte solcher Veränderungen der inneren Ordnung besonders zu behandeln – zum Beispiel alles, was eine zentralistisch gedachte Staatsgewalt gegenüber der föderalistischen Praxis stärken könnte, oder eine nüchtern rücksichtslose Behandlung der Irredentafragen, endlich eine Unterordnung der nationalen Probleme unter die des Staates – so wollten wir damit nie für bestimmte Lösungen als die einzig richtigen eintreten, sondern trachteten, vor allem erst dazu anzuregen, daß über diese Fragen so ernst nachgedacht werde, wie sie es verdienen. Die herrschende Gepflogenheit ist weit davon entfernt. Die öffentliche Meinung ist dermaßen befangen in Gedankenlosigkeit – sei es patriotische oder oppositionelle und kennt so wenig die wahren Verhältnisse, – daß sie die Sprache des unbefangenen Wahrheitswillens kaum mehr versteht und sich ihn unwillkürlich in ihrer Weise, das heißt wieder als eine Parteinahme, zurechtlegt.
Aus diesem Grunde waren wir auch verurteilt, vorwiegend zweifelnd und verneinend zu erscheinen, indem wir zuerst auf die Hindernisse hinweisen mußten, die sich im Charakter des Oesterreichers einer an das Wesen greifenden und energischen Behandlung aller dieser Probleme entgegenstellen. Lassen wir noch einmal die Figuren vorbeiziehn, die dabei trotz des Ernstes der Sache manchmal auch uns erheitert haben, so eröffnet den Zug in vornehmer Haltung der Mann der Opportunität. Er ist der Träger der alten österreichischen Kultur. Abgeneigt dem gemeinen Lärm der Straße, dem Ruß der Arbeit und der Derbheit, mit der neue Gedanken, die ihren Platz fordern, stets unter den alten anstoßen müssen, hat er nur einen Fehler, – daß er die Arbeit nicht meidet und berufeneren, zeitgemäßen Menschen überläßt. So wird sein Takt und Ausgleichsvermögen, so angenehm sie auch als gesellschaftliche Eigenschaften sind, zur Quelle des Kompromisses. Ihm weihen wir aufrichtig eine Abschiedszähre; Lebe hochwohl! – Weniger freundliche Gesinnung löst der lärmfrohe Zug der Berufspolitik aus, der hinter ihm dreinzieht. Herr Tüchtig und Herr Wichtig! Unklare Verhältnisse und Stillstand der Werktätigkeit haben aus einem Stand, welcher der Schoß der politischen Schöpfung sein sollte, ein Chaos gemacht. Auf Schlagworte haben sie Schlag-tot-Worte gesetzt und treiben einander in einem unseligen Kreis; kein frischer Windstoß bläst hindurch und fliegt wirklich einmal ein Gedanke über sich hinaus, so sagen sie, er geht nicht. – Und was folgt hinter ihnen erst alles an Ausgeburten des Papiermeers und des öffentlichen Lebens. Zion und Reak-Zion: es ist gehupft wie gesprungen und christlich gemault nicht besser wie gemauschelt. Prüft man, was unter dem Druck der schweren Kriegserlebnisse bei uns geschrieben wurde, so erschrickt man – weniges ausgenommen – vor seiner entsetzlichen Oberflächlichkeit. Sie haben sich die große Zeit nach der großen Zeitung gerichtet, mit Feuilleton, buntem Allerlei und Gesellschaftsnotiz, diese Großzeitgenossen und Helden der eisernen Feder. – Am Ende von allem aber schreitet der nichts als gemeine Staatsbürger. Er schämt sich, kein Amt bekleidet ihn, und er ist vollkommen davon überzeugt, daß nur Mensch zu sein, etwas sehr verdächtiges ist. Darum mißtraut er allen anderen, die kein Amt haben, aus dem tiefsten Inneren und sucht für seine Person aus einem einfachen Staatsbürger möglichst bald ein irgendwie k. k. priviligierter zu werden. Die Werke der Wohltätigkeit und des Vereinslebens schätzt er zu diesem Zweck sehr. Er ist, wie man sieht, kein Hanseate und kein freier Schweizer, sondern, mit Respekt gesagt, ein zu wenig ausgestorbener Nachkomme des alten Polizeistaats, womit zusammenhängt, daß er ein Virtuos des Räsonierens ist.
Indem wir diese unsre alten Freunde einem wohlgeneigtem Publiko in wiederholten Exemplaren vorgeführt haben, mußten wir uns allerdings jenen bequemen Patriotismus, der in jedem Land der Welt – wo er gerade zu hause ist – den Himmel blauer findet als in der Fremde, versagen, zugunsten eines kritischen Patriotismus, der sich weniger an das Gefühl als an Verstand und Willen wendet. Und diesem Patriotismus soll unser letztes Wort gelten. Der kritische Patriotismus soll gewiß nicht die gläubige Heimatsliebe verdrängen, welche einfach an die Heimat glaubt, weil sie sie liebt; sie bleibt eine der köstlichsten und stärksten Gesundquellen. Leider ist die Gefahr viel größer, daß gedankenlose Menschen im Namen dieser Heimatsliebe ihn totzuschlagen suchen. Das Vorurteil, welches beständig den Festredner für den Patrioten hält und keine andere Haltung denn seine als patriotisch erkennt, ist eine der größten Gefahren für den Patriotismus, nämlich die Gefahr innerer Verödung. »Was Du ererbt von Deinen Vätern hast, erwirb es, um es zu besitzen«; das gilt nicht zuletzt auch für die großen Grundgefühle des Menschendaseins. Sie müssen von jeder Generation neu erarbeitet werden und mit neuem Inhalt gefüllt, oder sie verlieren die Lebenskraft. Was man nun die »Regie« des Patriotismus nennen könnte, die Art, wie man in guter Absicht glaubt, ihn »heben« und »verbreiten« zu können, gehört gewöhnlich zu den hoffnungslosesten Mißverständnissen der menschlichen Natur. Es nimmt sich seltsam aus neben dem Erziehungswerk, das die schweren Erlebnisse dreier Jahre wortlos geleistet haben, verkennt sogar den Zustand geistiger Reife, in dem sich die Welt immerhin schon seit einigen Jahrhunderten befindet und ist in seiner angenommenen Naivität im besten Fall ganz wirkungslos. Wo sich aber noch die selbstzufriedenen Trompeterchen der Gloria des Vaterlandes hinzugesellen, die Superlativbauunternehmer, die Konjunkturlyriker, die schnellbereiten Vogelstrauß-Federn (eine Feder zu deren Handhabung der Kopf in die Erde gesteckt wird, in welcher Haltung naturgemäß ein andrer Körperteil erhöhte Bedeutung gewinnt) – all diese behende, gefällige Gedankenlosigkeit: dort wird auch der anfänglich beste Wille zum Schrecknis.
Allem zu trotz, glauben wir, Gott sei Dank, weder, daß der Oesterreicher so entsetzlich unschuldsweiß ist, wie sie ihn malen, noch allerdings auch ganz so ist, wie wir ihn angeschwärzt haben. Wir glauben, daß es ernste, tüchtige, selbständige Leute bei uns in Fülle gibt, aber infolge der ganzen Struktur des staatlichen und gesellschaftlichen Lebens haben sie zu selten den Weg ins öffentliche Wirken gefunden. Ihn freizulegen und freizuhalten, wird die Aufgabe jeder Zeitschrift sein, die, wie wir eingangs gesagt haben, eine wahrhaft österreichische sein will.