Kitabı oku: «Robert Musil: Gesammelte Werke», sayfa 71
Kriegswucher. Taschendiebe beim Weltbrand
[Heimat, 25.4.1918, S. 1]
Nichts verdient so den Haß des Volkes wie die, welche sich mästen, während andere hungern und bluten. Sie häufen Vermögen an und mancher zurückkehrende Soldat wird ihretwegen mitten im friedlichsten Hinterland sein Haus in Trümmern finden. Selbst mancher, der nichts verloren hat, wird erkennen müssen, daß sein kleiner Wohlstand entwertet ist durch die erdrückenden Reichtümer, die sie aufgehäuft haben. Rücksichtslos nützen sie die allgemeine Not aus. Taschendiebe sind sie beim Weltbrand! Sind das überhaupt noch Menschen? Gemach! Es waren menschliche Wesen wie du und ich und am Ende sind du und ich mehr schuld an ihrem Treiben als sie selbst?
Nur ein paar Prozent. So ein Zukunftskriegswucherer wurde durch die Verhältnisse in die Großstadt getrieben oder saß als kleiner Geschäftsmann am Platz, hätte es anfangs auch billig gegeben und seinen Teil der allgemeinen Last mitgetragen. Aber wie er damit anfing, sah er auf einmal: es geht auch anders. Irgendein Freund oder Vermittler zeigt ihm, wie man es macht. Ein paar Prozent Vermittlergebühr mußt du geben. Ein paar Prozent Aufschlag wegen der allgemeinen Geschäftserschwernis kannst du ruhig nehmen. Ein paar Prozent rechnest du wegen des Kriegsrisikos dazu; ein paar, weil die Rohstoffe teurer geworden sind; und ein paar Prozent, weil dich doch selbst das Leben mehr kostet. Das soll ein großes Verbrechen sein?! Das sind doch kleine Prozentchen! Im Gegenteil, du mußt nach oben abrunden, weil man nicht genau wissen kann. Niemand schlägt deshalb Lärm.
Mit den Preisen steigt die Achtung. Und auf die Versuchung folgt der Versuch. Es zeigt sich bald, daß gar nichts dabei ist. Ware verschwindet an Hintermänner, kehrt aus dem Dunkel um die Hälfte weniger und doppelt so teuer wieder; man weiß selbst nicht, daß es wieder dieselbe Ware ist. Der zaghafte Ausbeuter hat vielleicht gefürchtet, daß man mit Fingern auf ihn weisen könnte; niemand tut es, im Gegenteil; wer viel Ware hat, ist ein großer Herr, wer aber viel Ware verschwinden ließ, wird bald ein größerer Herr und unumschränkter Herrscher, als der Kaiser von Rußland war. Das Publikum kommt auf den Knien zu ihm. Ja selbst der Hintermann, der sich anfangs nur im Dunkel gezeigt hat, geht jetzt bei hellem Tag umher und fühlt sich wichtig. Er kann immer Ware verschaffen! Er hilft »durchhalten«.
Stehler und Hehler. Den ersten Schritt macht ein Schieber, den zweiten immer ein anständiger Mensch, indem er sich schieben läßt. Statt sich gegen den Preistreiber zu wehren, verkauft er ihm oder kauft von ihm. Zuerst, weil es bequemer ist; bald weil er sonst überhaupt kein Geshcäft mehr zu sehen bekommt. Das Unglück, das daraus entsteht, fühlt er zunächst auch nicht selbst, sondern wälzt die Teuerung auf die Schultern des Nächsten ab. Der macht es genaus so. Da hat die allgemeine Schuld eingesetzt. Von den Dieben kann man kaum verlangen, daß sie nicht stehlen; wohl aber von den anständigen Leuten, daß sie ihnen das Handwerk legen. Wer nicht wider sie ist, ist für sie! Darum ist das Publikum der schlimmste Hehler!
Das tut jeder. Der Staat läßt Verordnungen regnen. Aber weil einer vom andern glaubt, daß der sie umgeht, umgeht sie jeder, statt sie zu überwachen. Was früher Schleichweg war, wird so fast zum anerkannten Handel und zu einem geordneten Beruf, der sich mit Ehren blicken lassen kann. Der Schleichhändler und sein Kapitalist sind Diebe am Volksvermögen und an der Volksgesundheit, aber alle – Herr und Bauer – sind wir ihre Hehler geworden. Das tut jeder, denkt jeder. Und später schimpft er auf die Vorschriften und denkt, jeder muß sie umgehen, weil sie nichts wert sind. Du bist nichts wert, mein Lieber, und – seien wir aufrichtig – auch ich! Denn wir alle sind schuld.
Die Abtragung der Schuld. Dem Herrgott ist ein bekehrter Sünder lieber als ein Hochmütiger, der nie gestrauchelt ist. Wir müssen unseren Anteil an der Schuld erkennen, weil sie ohne uns nie so groß hätte werden können und – weil sie ohne uns nie wieder klein wird. Glaubst du, daß die Verteuerer nach dem Krieg freiwillig ablassen werden? Glaubst du, daß die Verordnungen dann wirksamer sein werden? Ich nicht. Ich glaube an alle Mittel nur dann, wenn sie auch gebraucht werden. Jetzt im Krieg ist schwer umkehren. Aber auch nachher wird es nur gehen, wenn die Ehrlichen wieder ehrlich werden. Vorschrift und Gebot streng ergehen lassen und streng halten. Sich nicht durch den vermeintlich eigenen Vorteil überreden lassen, das Gewissen schlafen zu schicken. Die Ausbreitung des Kriegswuchers ist eine moralische Krankheit und es steht bei uns, ob wir uns kurieren werden, oder unter dieser Seuche stöhnen, solange wir leben.
Der Staat
[Heimat, 16.5.1918, S. 2]
Oft und oft kann man Kameraden vom Staat reden hören, als ob sie nicht dazu gehörten, was natürlich ein Unsinn ist. Denn so wie die Armee aus allen Soldaten vom letzten Trainsoldaten bis hinaus zum obersten Kriegsherrn besteht, so besteht auch der Staat aus allen, die innerhalb seiner geographischen Grenzen wohnen, vom Häusler in einem Gebirgsdorf bis zum Minister und zum Kaiser. Wir alle miteinander bilden den Staat. Wir alle miteinander legen uns bestimmte Pflichten und Gesetze auf, die unser Dasein als Einzelnes und als Volk gewähren und schützen. Und die darauf achten, daß diese Gesetze auch eingehalten werden, bilden das, was man die Regierung nennt, – ein Wort aus einer älteren Zeit, das vielleicht heute nimmer ganz paßt, wo mehr verwaltet als regiert wird und werden muß.
Die Regierung ist der verwaltende und achtgebende Ausschuß des Staatsganzen gewissermaßen, ohne dem man nicht auskommt. Nicht einmal ein Tarockverein kommt ohne Ausschuß aus, viel weniger eine Volksgemeinschaft, die sich zu einem Staatswesen zusammengetan hat: A, freilich wäre es ohne Staat schöner! Aber dazu müßten wir Menschen halt auch schöner werden als wir sind. Und nicht nur schöner, sondern auch besser, viel besser! Der Staat ist eben ein notwendiges Uebel dort, wo viele Menschen mit vielerlei Verschiedenheiten nebeneinander leben.
Die wilden Feuerländer brauchen ihn allerdings nicht und die Eskimos werden sich auch billiger behelfen. Aber niemand von uns wird diese Herrschaften um ihr armseliges Leben beneiden, wenn das überhaupt ein Leben zu nennen ist. Wir Europäer würden es jedenfalls ein Sauleben nennen, wenn wir dazu verurteilt wären. Ueberall dort, wo die Menschen sich über das bloße Vegetieren erhoben haben, da haben sie sich auch die Ordnung gegeben, die man eben den Staat nennt, ob jetzt die Form des Staates monarchisch ist oder republikanisch, ohne oder mit Parlament. Es können die Angehörigen eines republikanischen Staates schauderhaft leben und ganz ausgezeichnet die Staatsbürger in einem autokratisch reigerten Staat. Auf die äußere Form kommt es gar nicht an, sondern nur auf den Inhalt! Und den bilden alle Staatsangehörigen. Wenn sie sich nicht um ihr Staatswesen kümmern, so wirds ein schlechtes werden, so gut auch die Verfassung sein mag. Denn die bleibt dann auf dem Papier.
Wie soll man sich um sein Staatswesen kümmern? Damit, daß man ganz seinen Posten, auf dem man steht, ausfüllt und seine Pflicht tut. Wer nur an sich denkt und sagt, die andern können mich gern haben, der tut seine Pflicht nicht. Wenn viele so denken, nur an sich und nicht auch an alle anderen, dann geht bald alles drunter und drüber. Und recht bald wird dann der Egoist merken, daß er auch für sich nicht mehr ordentlich zurecht kommt. Wir Menschen müssen uns einander in die Hand arbeiten, im Feld beim Ackern und Ernten, wie in der Werkstatt. So auch in der Gemeinschaft Staat. Rennt einer mit dem weißglühenden Eisen zum Amboß und der Schmied ist nicht da, mit dem Hammer draufzuschlagen, so hat der erste das Eisen ganz umsonst heiß gemacht und wird es schimpfend hinschmeißen. Wir leben miteinander, wenn auch nicht wie die Lamperln und recht oft gegeneinander. Aber wir leben nicht wie ein Einsiedler, der leben kann wie er will, bis er halt verhungert, wenn er aus der Mode kommt.
Und weil wir miteinander leben uund damit wir nicht gar zu scharf gegeneinander leben, darum haben wir uns das notwendige Opfer einer staatlichen Ordnung auferlegt, an der wir immer herumbasteln, damit sie besser wird, die wir aber nur abschaffen, wenn wir Narren geworden wären und die Eskimos um ihren staatlosen Lebentran beneiden.
Die Affeninsel
[Der Neue Tag, 23.3.1919, S. 3]
In der Villa Borghese in Rom steht ein sehr hoher Baum ohne Zweige und Rinde. Er ist so kahl wie ein Schädel, den Sonne und Wasser blank geschält haben, und gelb wie ein Skelett. Er steht ohne Wurzeln aufrecht und ist tot und wie ein Mast in den Zement einer ovalen Insel gepflanzt, die so groß ist wie ein kleiner Flußdampfer und durch einen glatt betonierten Graben vom Königreich Italien getrennt wird. Dieser Graben ist gerade so breit und an seiner Außenseite so tief, daß ein Affe ihn weder durchklettern noch überspringen kann. Von außen herein ginge es wohl, aber zurück geht es nicht.
Der Stamm in der Mitte bietet ausgezeichnete Griffe und läßt sich, wie die Touristen das ausdrücken, flott und genußfroh durchklettern. Oben aber laufen wagrechte, lange, starke Aeste von ihm aus, und wenn man Schuhe und Strümpfe auszöge und mit einwärts gestellter Ferse die Sohlen fest an die Rundung des Astes schmiegte und mit den voreinander greifenden Händen nur recht fest zugriffe, müßte man ganz gut an das Ende eines dieser von der Sonne gewärmten langen Aeste gelangen können, die sich über den grünen Straußfedern der Pinienwipfel hinstrecken.
Diese wundervolle Insel wird von drei Familien verschiedener Mitgliederzahl bewohnt. Den Baum bevölkern, etwa fünfzehn sehnige, bewegliche Burschen und Mädchen, die ungefähr die Größe eines vierjährigen Kindes haben; am Fuße des Baumes aber lebt in dem einzigen Gebäude der Insel, einem Palast von Form und Größe einer Hundehütte, ein Ehepaar weit mächtigerer Affen mit einem ganz kleinen Sohne. Das ist das Königspaar der Insel und der Kronprinz. Nie kommt es vor, daß sich die Alten in der Ebene weit von ihm entfernen, wächterhaft regungslos sitzen sie rechts und links von ihm und blicken gradeaus an ihren Schnauzen vorbei ins Weite. Nur einmal in jeder Stunde erhebt sich der König und besteigt den Baum zu einem inspizierenden Rundgang. Langsam schreitet er dann die Aeste entlang, und es scheint nicht, daß er bemerken will, wie ehrfürchtig und mißtrauisch alles zurückweicht und sich – um Hast und Aufsehen zu vermeiden – seitlings vor ihm herschiebt, bis das Ende des Astes kein Entkommen mehr zuläßt und nur ein lebensgefährlicher Sprung auf den harten Zement hinunter übrig bleibt. So schreitet der König einen nach dem anderen der Aeste entlang und die gespannteste Aufmerksamkeit kann nicht unterscheiden, ob sein Gesicht dabei die Erfüllung einer Herrscherpflicht oder einer Terrainkur ausdrückt, bis alle Aeste entleert sind und er wieder zurückkehrt. Auf dem Dache des Hauses sitzt inzwischen der Kronprinz allein, denn auch die Mutter entfernt sich merkwürdigerweise jedesmal zur gleichen Zeit, und durch seine dünnen, weit abstehenden Ohren scheint korallenrot die Sonne, so daß sie geheimnisvoll leuchten. Selten kann man etwas so Dummes und Klägliches dennoch von einer unsichtbaren Würde umwallt sehen, wie diesen jungen Affen. Einer nach dem anderen kommen die verjagten Baumaffen vorbei und könnten ihm den dünnen Hals mit einem Griff abdrehen, aber sie machen einen Bogen um ihn und erweisen ihm alle Ehrerbietung und Scheu, die seiner Familie zukommt.
Es braucht längere Zeit, bis man bemerkt, daß außer diesen ein geordnetes Leben führenden Wesen noch andere von der Insel beherbergt werden. Verdrängt von der Oberfläche und der Luft, lebt in dem Graben ein zahlreiches Volk kleiner Affen. Wenn sich einer von ihnen oben auf der Insel nur zeigt, wird er von den Baumaffen unter schmerzlichen Züchtigungen gleich wieder in den Graben gescheucht. Wenn das Mahl angerichtet wird, müssen sie scheu beiseite sitzen und erst wenn alle satt sind und die meisten schon auf den Aesten ruhen, ist es ihnen erlaubt, sich zu den Küchenabfällen zu stehlen. Selbst das, was ihnen zugeworfen wird, dürfen sie nicht berühren. Denn es kommt oft vor, daß ein böser Bursche oder ein scherzhaftes Mädchen, trotzdem sie blinzelnd Verdauungsbeschwerden heucheln, nur darauf warten und vorsichtig von ihrem Ast heruntergleiten, sobald sie merken, daß die Kleinen es sich ungebührlich wohl gehen lassen. Schon huschen die wenigen, die sich auf die Blattform der Insel gewagt haben, schreiend in den Graben zurück und mengen sich zwischen die anderen und das Klagen hebt an und jetzt drängt sich alles zusammen, so daß eine Fläche von Haar und Fleisch und irren, dunklen Augen sich an der abseitigen Wand emporhebt wie Wasser in einem geneigten Bottich. Der Verfolger geht aber nur den Rand entlang und schiebt die Woge von Entsetzen vor sich her. Da erheben sie die kleinen schwarzen Gesichter und werfen die Arme in die Höhe und strecken die Handflächen abwehrend vor den bösen fremden Blick, der vom Rande herabsieht. Und allmählich heftet er sich an einem fest; der rückt vor und zurück und fünf andere mit ihm, die noch nicht unterscheiden können, welcher das Ziel dieses langen Blickes ist, aber die weiche, vom Schreck gelähmte Menge läßt sie nicht vom Platze. Dann nagelt der lange, gleichgiltige Blick den zufälligen einen an und nun ist es ganz unmöglich, sich so zu beherrschen, daß man weder zuviel noch zuwenig Angst zeigt; und von Augenblick zu Augenblick wächst die Verfehlung an, während sich ruhig eine Seele in eine andere bohrt, bis der Haß da ist und der Sprung losschnellen kann und ein Geschöpf ohne Halt und Scham unter Peinigungen wimmert. Mit befreitem Geschrei rasen da die anderen auseinander, den Graben entlang; sie flackern lichtlos durcheinander wie die besessenen Seelen im Fegefeuer und sammeln sich freudig schnatternd an der entferntesten Stelle.
Wenn alles vorbei ist, steigt der Verfolger mit federnden Griffen den großen Baum hinan bis zum höchsten Ast, schreitet bis an sein äußerstes Ende hinaus, setzt sich zurecht und verharrt ernst, aufrecht und ewig lange, ohne sich zu regen. Der Strahl seines Blickes ruht auf den Wipfeln des Pincio und der Villa Borghese, quer darüber hin und wo er sie verläßt liegt unter ihm die große gelbe Stadt, über der er, noch in die grüne, schimmernde Wolke der Baumwipfel gehüllt, achtlos in der Luft schwebt.
Stilgeneration oder Generationsstil
[Prager Presse, 14.5.1921, S. 4]
Wenn man als junger Mensch zum erstenmal in berühmte Städte kommt und Gothik sieht und Barock und was immer es gibt, das zu bewundern man anscheinend ins Leben gesetzt worden ist, so hat man das sehr deutliche Gefühl, daß einen das alles im Grunde nichts angeht. Nicht, als ob das nicht schön wäre; aber Schönheit ist offenbar etwas sehr Umständliches, mit sehr viel Überflüssigem, Zufälligem, ja Groteskem verbunden. Man mißtraut den Entzückungen der Erwachsenen daran nicht minder, als ob sie einem einreden wollten, Mumienschnitzel seien eigentlich die kräftigste und gehaltvollste Kost; man wittert irgend eine Verlogenheit, Verlegenheit, Rederei. In der Tat ist es durchaus nicht die ursprüngliche Reaktion, eine alte Schönheit schön zu finden, sondern das eingeborene und natürliche Verhalten ist, sie alt zu finden. Ich halte es durchaus nicht für paradox, die Liebe zum Vergleich heranzuziehen: ein gerader junger Mensch wird von einer schönen fünfundfünfzigjährigen Frau niemals sagen, diese ehrwürdige Kathedrale sei etwa schön (breit und ruhig die großen Formen, gothisch filigran das kleine Faltenwerk im Gesicht), sondern er stellt flüchtig fest, sie ist alt, und wahrscheinlich wird er weiter überhaupt nichts sagen, denn was nicht zu ihnen gehört, kommt für junge Menschen nicht in Betracht. Wenn man mit einem talentierten jungen Römer spricht, so kann man sicher sein, daß er für Amerika oder Berlin schwärmen wird, und das antike wie barocke Rom erscheint ihm als eine Unaufgeräumtheit, eine skandalöse Rückständigkeit der Straßenreinigung, welche palastgroße Trümmer zurückgelassen hat. Um zur Kunst zu finden, ich möchte fast sagen um zu ihr einzulenken, muß man sich erst mehrfach die Seele gebrochen haben. Die Städte, die sich die Jugend bauen möchte, solange sie ganz auf sich vertraut, müßten ganz anders sein als alle Städte, die es gibt, um dem Weltgefühl zu entsprechen, das sie in ihrem Innern fühlt. Jugend beginnt mit einem Urwiderstand gegen jede Tradition.
Aber natürlich liegt es ihr schwer auf der Zunge und den Händen. Jeder Künstler weiß, wie selten es gelingt, einen Einfall wirklich so auszudrücken, wie man ihn meint, und wie viel schwerer ist es, die Grundgefühle des Ich aus ihrer Inwendigkeit zu befreien. Ist man auf der Höhe des Lebens nicht entfernter von ihnen als beim Beginn, darf man sich Glück wünschen. Und anständige Jugend ist hilflos; vor ihr liegt das ungeheure Gebiet der Gedanken, sie weiß nicht, von welcher Seite sie es betreten soll, um am raschesten tief hinein zu kommen; die Hilfen, welche ihr unsere Erziehung und Schule bieten, sind meist verkehrt oder ihren Bedürfnissen nicht angemessen. Es ist also sehr verständlich, daß der junge Mensch jedem nachläuft, der sich den Anschein gibt, ihm die Zunge lösen zu können, ihm zu seinem Ausdruck zu verhelfen. Das ergibt die Stile der Generationen, welche wie die Moden einander ablösen.
Aber es ist richtiger, statt von Generationsstilen von Stilgenerationen zu sprechen. Wir haben die Sache ja mehrmals mitgemacht. Jedesmal war eine neue Generation da, behauptete eine neue Seele zu haben und erklärte, für diese neue Seele nun auch den gehörigen Stil finden zu wollen. Sie hatte aber keine neue Seele, sondern nur so etwas wie ein ewiges Weichtier in sich, dem keine Schale paßt, auch die zuletzt ausgebildete nicht. Das zeigt sich immer zehn Jahre später. Um 1900 konnte man noch glauben, daß Naturalismus, Impressionalismus, Dekadence und heroischer Immoralismus alleines seien, verschiedene Auswirkungen einer neuen Generation; um 1910 wußt man bereits – was Alfred Kerr, soweit es den Naturalismus betrifft, viel früher gewußt und vorausgesagt hat – daß die ganze Gemeinsamkeit nur darin bestand, daß viele Leute um das gleiche – Loch, um das gleiche Nichts herumgestanden waren; und heute sind von der ganzen Generationsseele nichts als ein paar Einzelseelen übrig geblieben, welche die alphabetische Ordnung im Kürschner ganz gut vertragen oder mit Erfolg die Unterschiede zwischen Künstlerhaus und Sezession verwischen. Ich könnte Gründe dafür anführen, daß es mit dem Expressionismus kaum anders gehen wird.
Kant sagt vom Genie, worunter er den Künstler versteht (daß bei dieser Stelle nicht alljährlich einige Philosophieprofessoren vom Schlag gerührt werden, ist mir unverständlich!), daß es »exemplarische« Werke schaffe, die zur »Nachfolge«, nicht zur Nachahmung reizen. Die Stilgeneration ist immer eine solche Nachfolge, eine seelische Angelegenheit; allerdings nicht das plötzliche Dasein einer neuen Seele, wohl aber das Hinzufliegen und von allen Dächern Stürzen der Tauben, wenn am leeren Platz einer steht und Futter streut. Irgend ein Gestus, ein äußerer oder ein innerer, ist gefunden worden, irgend eine Technik, mit deren Hilfe man sich ein Scheinich einschiebt, daß zwischen dem nebelhaften eigenen und dem unbefriedigenden der früheren Generationen liegt. Man ist zum Beispiel dekadent und alles geht von diesem Augenblick an herrlich und wird einem leicht; die größten Kraftmeier vermögen innerlich mehr zu stemmen, wenn sie es nun mit müdem Lächeln tun; umgekehrt ist heute, in einer lyrischen Oh Ruck!–Periode selbst der Schwächling nur seiner gummösen Seele froh, wenn sie im Jargon eines Weltenstemmklubs spricht. Warum das so ist, weiß ich nicht, es ist ein Geheimnis; die Menschen finden ihre persönliche Einzelseele nicht und adoptieren die nächste ihnen einigermaßen passende Gruppenseele, das wird wohl das Geheimnis sein. Natürlich kann man sagen, das ist Mode; aber es ist eine Mode aus innerster Menschennot. Es wird viel geschwindelt, aber immerhin ist unter den Ursachen dieses Schwindels auch ein kleiner Abgrund.
In einen Satz gebracht: man wird stylisch, aber man gebiert nicht auf geheimnisvolle Weise einen Stil; Stil wird immer von den Nachläufern gemacht; wenn sie ganz weit hinterdrein laufen, so daß sie die Spitze nicht mehr sehen, werden sie Vorläufer. Übrigens hat in dieser Frage gerade die Kunstgeschichte ein kleines Unheil angerichtet, indem sie die Hochstile viel mehr dem Bewußtsein präsentierte als die Übergänge und dadurch zu dem Glauben verführte. Stile seien Symbole von Kollektivseelen, die mit einmal auf geheimnisvolle Weise da sind. Seither sucht jede Stilgeneration ihren Generationsstil. Eigentlich sucht sie sich selbst. Aber so wie ein Münchhausen, der sich am Zopf aus dem Wasser ziehen und gleichzeitig oben am Ufer warten möchte, bis er zum Vorschein kommt.