Kitabı oku: «Robert Musil: Gesammelte Werke», sayfa 72
Johann Strauß als Riese
[Prager Presse, 6.7.1921, S. 6-7]
Heimatkunst: das ist das Vereinsbanner der Leute, die das Wimmerl im eignen Gesicht erhabener dünkt als der Monte Rosa auf Schweizer Gebiet. Es gibt sie bei allen Nationen; ich fühle nicht mit ihnen, was sie aber nicht gehindert hat, sich wie ein Ausschlag in sämtlichen Landesfarben zu verbreiten. Ich möchte deshalb auch nicht gerade Wien die Berechtigung bestreiten, das sich in diesen Tagen ein Johann Strauß Denkmal gesetzt hat, obgleich es, soviel ich weiß, noch kein Hebbel Denkmal besitzt. Jedoch waren die unfreiwilligen Enthüllungsfeiern, die sich dabei vollzogen haben, bemerkenswert. Wenn eine Zeitung schreibt: »Johann Strauß, das ist Wien im Fortschreiten, das ist das arbeitende und schaffende Wien, wo die Ringstraße entstand, wo die Universität zum Glanze stieg, wo das Parlament die Geister befreite und das Bürgertum in prächtigen Persönlichkeiten Triumphe feierte …« so kann ich noch beipflichten, denn ich bin nicht ganz frei von Bosheit, wenn ich mich auch nie aus eigenem zu sagen getraut hätte, daß Politik und Wissenschaft einen leichten Johann Strauß Einschlag haben. Wenn aber insgesamt dieser Familienfeier mehr Zeitungsraum geopfert wurde als allen großen Kunsterscheinungen gemeinsam, wenn Strauß zu den kostbarsten Besitztümern Wiens gezählt wurde, für den die höchste Ehrung Oesterreichs »gerade hoch genug« sei, und im Angesicht des Staatsoberhaupts konstatiert wurde, daß eine gerade (vermutlich aufsteigende) Linie von Mozart zu Strauß führe, mit Schubert und Beethoven als Nachbarn, so muß man schlicht und trocken die Proteststimme des andren Wiens zu Protokoll geben, das mit solchen Geschmacklosigkeiten nichts zu tun hat. Mehr wäre zuviel; oder man müßte eine Kulturgeschichte und vermutlich nicht nur Oesterreichs schreiben.
Die gekränkten Denkmalskomitatschis werden mich gewiß zu den hochmütigen Nörglern rechnen, wenn sie hören, daß ich zwischen Walzer und Niggertanz keinen so großen Unterschied bemerken kann. Auch nicht zwischen diesen beiden und Eis im Osten oder Kuglerbonbons. Ich würde allen ihren Erfindern Denkmäler setzen. Diese Kunstwerke für alle haben eine unglaublich große seelische Bedeutung, sie entriegeln die Seele, machen gedankenlos glücklich und sind heute vielleicht überhaupt die einzigen Sinnbilder der Universalität und menschlichen Gemeinschaft. Man könnte wunderbare Denkmäler für sie schaffen, voll schonungsvoller Ironie der Seele gegen die Eingeweide. Nur müßte man das bei den Enthüllungen dem andächtig aufnehmenden Volk sagen und man sollte es auch den Denkmälern anmerken. Sonst kommt es dahin, wohin es eben kommt, daß Anzengruber und Nestroy, die ich beide sehr schätze, für große Dichter gelten, was sie nicht im geringsten sind. Auch das von Hellmer für Johann Strauß geschaffene Denkmal prästiert Feuersbrunst statt Feuerwerk, besonders in den leidenschaftlich umrahmenden Figuren. Man nähert sich in argloser Jausenausflugsstimmung und glaubt sich plötzlich auf den Weg nach Emaus geraten.
Die Maus auf Fodara Vedla
[Prager Presse, 30.10.1921, S. 12]
Fodara vedla, ladinische Alpe, tausend Meter und mehr über bewohnter Gegend, und noch viel weiter abseits von ihr! Wer hat da eine Bank hingestellt?
Wer auf dieser Bank sitzt, sitzt fest. Der Mund geht nicht mehr auf. Das Atmen wird fremd; wird ein Vorgang der Natur; oh, wird nicht Atem der Natur, sondern – wenn man merkt, daß man atmet – etwas Angetanes wie eine Schwangerschaft.
Das Gras ist noch vom Jahr vorher, so blutleer, als ob man eben einen Stein davon weggewälzt hätte. Rings sind Buckel und Mulden ohne Sinn und Zahl; Knieholz und Alpe. Aus ihrer brandenden Ruhe wird der Blick immer wieder an das runde gelbe Felsenriff hochgeworfen und rinnt in hundert Blicke zersplittert ab. Es ist nicht übermäßig hoch, aber darüber ist noch das blaue Nichts. So wüst und unmenschlich ist die Welt noch immer wie in den Schöpfungszeitaltern.
Die kleine Maus hat sich darin ein System von Laufgräben angelegt. Maustief, mit Löchern zum Verschwinden und anderswo wieder aufzutauchen. Sie huscht im Kreis, steht, huscht im Kreis weiter. Die Menschenhand sinkt von der Lehne der Bank: ein Auge, so groß und schwarz wie ein Spennadelkopf richtet sich hin. Ist es dieses sich drehende kleine lebendige Auge oder die Unbeweglichkeit der Berge?
Gottes Wille geschieht? Oder der Wille einer kleinen Feldmaus, vor dem du zitternd unvorbereitet stehst?
Man weist den Gedanken an Gott als unzuständig ab. Fragt sich exakt: Wirkte es die Beweglichkeit des Auges oder die Unbeweglichkeit der ungeheuren Berge? – Und hilflos merkt man: das ist ganz das gleiche.
Begräbnis in A.
[Prager Presse, 25.12.1921, S. 18]
Auch mein Zimmer war sonderbar. Pompejanisch Rot mit türkischen Vorhängen; die Möbel hatten Risse und Fugen, in denen sich der Staub wie feinste Geröllrinnen und -bänder hinzog; dadurch war es stellenweise voll jener übermächtigen Tatsächlichkeit der Hochgebirgshalden, die so ungeheuer da sind, und in gar kein Geschehen mehr verflochten sind, und nur vom Steigen und Sinken der Flut des Lichts und der Dunkelheit bespült werden.
Als ich das Haus zum erstenmal betrat, war es ganz vom Gestank verwester Mäuse erfüllt. In das Vorzimmer, das meines von dem der Lehrerinnen trennte, warfen diese alles, was sie nicht mehr liebten oder des Aufhebens nicht mehr für wert hielten; künstliche Blumen, Speisereste, Fruchtschalen, zerrissene schmutzige Wäsche, die das Reinigen nicht lohnte. Selbst mein Diener beklagte sich, als ich ihn Ordnung schaffen hieß, und doch war die eine schöner als ein Engel, und ihre ältere Schwester war zärtlicher als eine Mutter und malte ihr die Wangen täglich mit naiven Rosenfarben, damit ihr Antlitz außerdem auch noch so schön sei wie das der Bauernmuttergottes. Von den kleinen Schulmädchen, die oft kamen, wurden beide geliebt, und auch gegen mich, den Fremden, waren beide so gütig wie warme Kräuterkissen, als ich später erkrankte. Als ich aber einmal ihr Zimmer untertags betrat, um etwas zu verlangen, und beide im Bett lagen, und ich mich natürlich zurückziehn wollte, sprangen sie hilfsbereit unter den Decken hervor und waren völlig bekleidet; sogar die schmutzigen Straßenschuhe hatten sie im Bett an den Füßen behalten.
Das war die Wohnung, in der ich stand, als ich dem Begräbnis zusah; eine dicke Frau war gestorben, die schräg meinen Fenstern gegenüber auf der andren Seite der breiten, hier etwas ausgebuchteten Reichsstraße wohnte. Zuerst brachten die Schreinerjungen den Sarg; es war Winter und sie brachten ihn auf einem kleinen Handschlitten, und weil es ein schöner Vormittag war, schlitterten sie mit ihren Nagelschuhen auf der Straße daher, und die große schwarze Schachtel hinter ihnen sprang von einer Seite zur andren. Jeder, der es sah, hatte das Gefühl, was für hübsche Jungen das sind, und blieb neugierig, ob der Schlitten umwerfen würde oder nicht.
Nachmittags stand die Trauergesellschaft vor dem Haus, Zylinder und Pelzmützen, modische Hüte und winterliche Kopftücher; dunkel gegen das lichte Schneegrau des Himmels. Und die Geistlichkeit kam, schwarz und rot, und gezackte weiße Hemdchen darüber, quer über den Schnee. Und ein zottiger brauner, großer junger Hund sprang ihr entgegen und bellte sie an wie einen Wagen. Und wenn man es sagen darf, hatte er damit keine falsche Beobachtung ausgedrückt, denn tatsächlich war in diesem Augenblick weder Heiliges, noch selbst Menschliches in den Nahenden, sondern nur die schwierige Bewegung der mechanischen Seite ihrer Existenz auf dem glatten Straßenbelag.
Dann aber wurde es überirdisch. Ein ruhiger Baß stimmte ein wunderholdes trauriges Lied an, in dem ich nur die fremden Worte für süße Marie verstand, ein hellbraun wie Kastanien schimmernder Barriton fiel ein; und noch eine Stimme, und ein Tenor schwang sich über alle hinweg, während gleichzeitig aus dem Haus ohne Ende Frauen mit schwarzen Tüchern quollen, die Kerzen vor dem Winterhimmel blaßgolden brannten, und die Geräte blitzten. Da mußte man weinen; aus keinem andren Grund, als weil man bereits ein Mensch über dreißig war.
Vielleicht auch ein wenig, weil sich hinter der Trauergesellschaft die Buben pufften, oder weil der aufrechte junge Herr, dem der Hund gehörte, über alle Köpfe hinweg so regungslos nach den heiligen Hantierungen sah, ohne daß man wußte, warum. Denn so ängstlich voll mit Tatsachen, die nicht recht fest standen, war alles wie ein Porzellanschrank. Und während ich kaum mehr die Tränen zurückhalten konnte, bemerkte ich, daß der junge Herr eine Hand am Rücken hielt, und der große junge Hund mit ihr zu spielen begonnen hatte. Scherzend biß er an ihr herum und suchte sie mit seiner warmen Zunge aufzutaun. Mit qualvoller und atemloser Spannung wartete ich nun vorsichtig ab, was geschehen würde. Und endlich, nach einer langen Weile, während das Gesicht zu meiner Befriedigung nach wie vor gerichtet und weit weg blieb, begann sich die Hand hinter dem Rücken als selbständig zu erklären und fing mit dem Maul des Hundes zu spielen an, ohne daß es ihr Herr wußte.
Das rückte mir die Seele wieder ins Lot, die damals, in jener ungewohnten Umgebung, auch ohne zureichende Gründe in Unordnung oder Ordnung geriet; und warm durchströmte mich die Vorstellung des Händedrucks, den mir nach dem Begräbnis meine Lehrerinnen sicher anbieten würden, zusammen mit einem Gläschen von ihrem Schnaps, denn das Unglück rückt die Menschen aneinander, wie sie dabei zu sagen pflegten.
Stilgeneration und Generationsstil
[Berliner Börsen-Courier, 4.6.1922;
Text nach: Der Tag, 16.2.1924, S. 4]
Wenn ein junger Mensch zum erstenmal in berühmte Städte kommt und Gotik sieht und Barock und was dergleichen es gibt, das zu bewundern man anscheinend ins Leben gesetzt worden ist, so hat er das sehr deutliche Gefühl, daß ihn das alles im Grunde nichts angeht. Beileibe nicht, daß es nicht schön wäre; aber Schönheit ist offenbar etwas sehr Umständliches und mit sehr viel Überflüssigem, Zufälligem, ja Groteskem verbunden. Er mißtraut den Entzückungen der Erwachsenen daran nicht minder, als ob man ihm einreden wollte, Mumienschnitzel seien die ideale und gehaltvollste Kost; er wittert irgend eine Verlogenheit, Verlegenheit und Rederei. In der Tat ist es durchaus nicht die ursprüngliche Reaktion, eine alte Schönheit schön zu finden, sondern das eingeborene und natürliche Verhalten ist, sie alt zu finden. Ich halte es durchaus nicht für paradox, die Liebe zum Vergleich heranzuziehen: ein gerader junger Mensch wird von einer schönen fünfzigjährigen Frau niemals sagen, die breiten, ruhigen Formen und das Filigran des Faltenwerks dieser ehrwürdigen Kathedrale seien schön, sondern er wird flüchtig feststellen, sie sei alt, und wahrscheinlich wird er überhaupt nichts sagen, denn was nicht zu ihnen gehört, kommt für unverdorbene Menschen nicht in Betracht. Wenn man sich mit einem talentierten jungen Römer über Städte unterhält, so kann man sicher sein, daß er für Amerika oder Berlin schwärmen wird, während ihm das antike und barocke Rom als eine Unaufgeräumtheit erscheint, eine skandalöse Rückständigkeit der Straßenreinigung, welche palastgroße Trümmer zurückgelassen hat. Um zur Kunst zu finden, ich möchte fast sagen, um zu ihr einzulenken, muß man sich erst mehrfach die Seele gebrochen haben. Die Städte, die sich die Jugend bauen möchte, solange sie ganz auf sich vertraut, müßten ganz anders sein als alle Städte, die es gibt, um dem Weltgefühl zu entsprechen, das sie als Urwiderstand in sich empfindet.
Aber natürlich liegt es ihr schwer auf der Zunge und den Händen. Jeder Künstler weiß, wie selten es gelingt, einen Einfall wirklich so auszudrücken, wie man ihn meint, und wieviel schwerer ist es, die Grundgefühle des Ich aus ihrer Inwendigkeit zu befreien. Ist man auf der Höhe des Lebens nicht entfernter von ihnen als beim Beginn, darf man sich beglückwünschen. Und anständige Jugend ist hilflos; vor ihr liegt das ungeheure Gebiet der Gedanken, sie weiß nicht einmal, von welcher Seite sie es betreten soll, um am raschesten tief hinein zu kommen; die Hilfen, welche ihr Erziehung und Schule bieten, berühren kaum das Innere. Es ist also sehr verständlich, daß der junge Mensch jedem nachläuft, der den Anschein hat, ihm die Zunge lösen zu können, ihm zu seinem Ausdruck zu verhelfen. Das ergibt die Stile der Generationen, welche wie Moden einander ablösen.
Aber es ist richtiger, statt von Generationsstilen von Stilgenerationen zu sprechen. Wir haben die Sache ja mehrmals mitgemacht; jedesmal war eine neue Generation da, behauptete, eine neue Seele zu haben und erklärte, für diese neue Seele nun auch den gehörigen Stil zu finden. Sie hatte aber keine neue Seele, sondern nur so etwas wie ein ewiges Weichtier in sich, dem keine Schale ganz paßt: auch die zuletzt ausgebildete niemals. Das zeigt sich immer zehn Jahre später. Um 1900 glaubte man, daß Naturalismus, Impressionalismus, Dekadenz und heroischer Immoralismus verschiedene Seiten einer neuen Seele seien: um 1910 wußte man bereits (was nur einige Beteiligte, so Alfred Kerr, schon vorher gewußt hatten), daß diese Seele ein Loch war, von dem eben nichts als die Seiten wirklich sind: und heute sind von der ganzen Generationsseele nichts als ein paar Einzelseelen übrig geblieben, welche die alphabetische Ordnung im Kürschner und im Katalog der Glaspaläste ganz gut vertragen. Es gibt Gründe dafür, daß es mit dem Expressionismus nicht anders gehen wird.
Kant sagt vom Genie – worunter man damals noch den Künstler verstand –, daß es »exemplarische« Werke schaffe, die zur »Nachfolge«, nicht zur Nachahmung reizen. Die Stilgeneration ist immer eine solche seelische Nachfolge; allerdings nicht das plötzliche Dasein einer neuen Seele, wohl aber das Hinzufliegen und Von–allen–Dächern–stürzen der Tauben, wenn am leeren Platz einer steht und Futter streut. Irgendein Gestus, ein äußerer oder ein innerer, ist gefunden worden, irgendeine Technik, mit deren Hilfe man sich ein Scheinich einschiebt, das zwischen dem nebelhaften eigenen und den unbefriedigenden der früheren Generationen liegt. Man ist zum Beispiel dekadent, und alles geht von diesem Augenblick an herrlich und wird einem leicht; die größten Kraftmeier vermögen innerlich mehr zu stemmen, wenn sie es nun mit müdem Lächeln tun; umgekehrt ist heute, in einer lyrischen Oh–Ruck!–Periode, selbst der Schwächling nur seiner gummösen Seele froh, wenn sie im Jargon eines Weltenstemmklubs spricht. Warum das so ist, vermag man nicht zu sagen, es ist ein Geheimnis; die Menschen finden ihre persönliche Einzelseele nicht und adoptieren die nächste ihnen einigermaßen passende Gruppenseele, das wird wohl das Geheimnis sein. Natürlich kann man sagen, das ist eine Mode; aber es ist eine Mode aus innerster Menschennot. Es wird viel geschwindelt dabei, aber immerhin ist auch ein kleiner Abgrund in der Nähe.
In einen Satz gebracht: man wird »stylish«, aber man gebiert nicht auf geheimnisvolle Weise einen neuen Stil; Stil wird immer von den Nachläufern gemacht; wenn sie ganz weit hinterdrein laufen, so daß sie die Spitze nicht mehr sehen, werden sie Vorläufer. Übrigens hat in dieser Frage gerade die Kunstgeschichte kein kleines Unheil angerichtet, indem sie die Hochstile viel mehr dem Bewußtsein präsentierte als die Übergänge und dadurch zu dem Glauben verführte, Stile seien Symbole von Kollektivseelen, die mit einemmal auf geheimnisvolle Weise da sind. Seither sucht jede Stilgeneration ihren Generationsstil. Eigentlich sucht sie sich selbst. Aber so wie ein Münchhausen, der sich am Zopf aus dem Wasser ziehen will und gleichzeitig am Ufer oben warten möchte, bis er zum Vorschein kommt.
Fischer auf Usedom
[Prager Presse, 24.8.1922, S. 3]
Am Strand wird mit den Händen eine kleine Kute ausgehoben, und dahinein werden aus einem Sack mit schwarzer Erde die dicken Regenwürmer geschüttet; die lockere schwarze Erde und das Gewürm geben eine mulmige, ungewisse anziehende Häßlichkeit im blanken Sande. Neben sie wird eine Holzlade gelegt; sie sieht aus wie eine ordentliche, lange, nicht sehr breite Tischlade oder ein Zahlbrett voll mit sauberem Garn, und eine leere Lade wird auf die andere Seite gelegt; die hundert Haken, welche am Garn sitzen, sind manierlich auf eine kleine eiserne Stange am Ende der Lade gereiht und werden einer nach dem anderen heruntergenommen und in die andere Lade gebettet, deren Ende mit reinem nassen Sande gefüllt ist. Zwischendurch sorgen vier lange, magerkräftige Hände so sorgfältig wie Kinderfrauen dafür, daß auf jede Angel ein Wurm kommt.
Zwei Männer hocken auf Knien und Fersen im Sande, mit mächtigen, knochigen Rücken, langen, gütigen Gesichtern, eine Pfeife im Mund, und unverständlichen Worten, die so sanft aus ihnen herauskommen, wie die Bewegungen ihrer Hände. Der eine nimmt einen fetten Regenwurm mit zwei Fingern, holt die gleichen zwei Finger der anderen Hand herzu und reißt ihn in drei Stücke, so sanft und präzise, wie ein Schuster das Papierband abknipst, nachdem er Maß genommen, während der andere diese sich bäumenden Stücke sanft und achtsam über die Angel stülpt. Ist das geschehen, so werden sie mit Wasser gelabt und in der Lade mit dem weichen Sand in kleine, nebeneinanderliegende, zierliche Gräber gebettet, damit sie sich frisch erhalten. Es ist ein stilles, feines Tun, wo die groben Finger leise wie auf den Zehen gehen. Man muß sehr auf die Sache achten. Der Himmel hat sich darüber blau emporgewölbt, und die Möven kreisen hoch über Land wie Schwalben.
Die fliegenden Menschen
[Berliner Börsen-Courier, 24.12.1922, S. 11]
Es gab eine Zeit, wo man auf einem bolzsteifen Pferdchen pedantisch genau im Kreise ritt und mit einem stockgeraden Stäbchen nach kupfernen Ringen stieß, die ein Holzarm im Vorbeifahren hinhielt. Diese Zeit ist vorbei. Heute trinken die Fischerjungen Sekt mit Kognak. Und es hängen an dreißig mal vier eisernen Kettchen kleine Schaukelbrettchen im Kreis, ein Kreis innen und einer außen, so, daß man sich, wenn man nebeneinander fliegt, an Hand oder Bein oder den Schürzen fassen kann und dazu fürchterlich schreit. Dieses Ringelspiel steht auf dem kleinen Platz mit dem Ehrenstein für die gefallenen Krieger, neben der alten Linde, wo sonst die Gänse sind. Es hat einen Motor, der es zeitgemäß antreibt, und kalkweiße Scheinwerfer über vielen kleinen warmen Lichtern. Der Wind wirft, wenn man in der Dunkelheit nähertappt, Fetzen von Musik, Leuchten, Mädchenstimmen und Lachen einem entgegen. Das Orchestrion brüllt schluchzend. Die Eisenketten kreischen. Man fliegt im Kreis, aber außerdem, wenn man will, aufwärts oder hinab, auswärts und einwärts, einander in den Rücken oder zwischen die Beine. Die Burschen peitschen ihre Schaukeln an und kneifen die Mädel, an denen sie vorbeifliegen, ins Fleisch oder reißen die Aufschreienden mit sich; auch die Mädel haschen einander im Flug und dann schreien sie zu zweit erst recht so, als ob eine ein Mann wäre. So schwingen sie alle durch die Kegel der Helle ins Dunkle und werden plötzlich wieder in die Helligkeit gestürzt: anders gepaart, mit verkürzten Leibern und schwarzen Mündern, rasend bestrahlte Kleiderbündel, fliegen sie auf dem Rücken oder auf dem Bauch oder schräg gegen Himmel und Hölle. Nach einer ganz kleinen Weile diesen wildesten Galopps fällt das Orchestrion rasch in Trab, dann in Schritt zurück wie ein altes Manegepferd und steht schnell still. Der Mann mit dem Zinnteller geht im Kreis, aber man bleibt sitzen oder wechselt höchstens die Mädchen. Und es kommen nicht wie in der Stadt ein paar Tage lang zu dem Ringelspiel wechselnde Menschen, denn es fliegen hier immer die gleichen, vom Einbruch der Dunkelheit an, zwei bis drei Stunden, durch alle acht oder vierzehn Tage hindurch, solange, bis der Mann mit dem Zinnteller ein Nachlassen der Lust fühlt und eines Morgens weitergezogen ist.
Der letzte Ritter
[Prager Presse, 16.3.1923, Abendausgabe S. 2]
Daß weder Kaiser Maximilian, noch Don Quijote die letzten Ritter gewesen sind, welche der Verbürgerlichung unsrer menschlichen Gesellschaft standgehalten haben, zeigte ein Prozeß, der das Gericht der weiland kaiserlichen Stadt Wien in diesen Tagen beschäftigt hat.
Held des Prozesses, im wahren Sinn dieses Worts, den es also noch gibt, nicht nur Kläger war Adalbert Graf Sternberg. In Prag wohl nicht unbekannt, ist er in Wien erinnerlich als eine seltsame Erscheinung des einstigen Abgeordnetenhauses; er war eines der wenigen Mitglieder dieser Versammlung das nicht nur die anderen beleidigte, sondern sich auch von ihnen beleidigen ließ und dann Genugtuung mit der Waffe forderte; seine Duellaffären fielen ebenso auf wie seine Reden, die eine ursprüngliche Eigenart, der man die Begabung nicht absprechen konnte, mit vollkommener Unkenntnis der Zeitumstände verbanden. Man konnte sagen: er war seiner Zeit – zurück; er hantierte mit den sie bewegenden Gedanken und Fragen wie ein Kind, das seltsamen Gebrauch von den Geräten der Erwachsenen macht, aber es schien ein Knabe von überdurchschnittlicher Größe zu sein. Als nach dem Umsturz Not und andre Erscheinungen von gleichem Gewicht das öffentliche Bewußtsein füllten, schwand er aus dem Gedächtnis, um nun eine Wiederkunft zu feiern, welche die ganze Fülle der inzwischen verstrichenen, nach Jahren doch gar nicht so langen Zeit fühlen läßt.
Seine Gegner sind Herren des Jockeiklubs, den es also auch noch gibt, während man doch fürchten durfte, er habe sich längst in eine Aktiengesellschaft oder in eine Volksbildungseinrichtung umgewandelt. Es existiert aber, besitzt noch immer ein Komitee für Ehrenangelegenheiten (das sogar noch Komitee und nicht Ausschuß heißt, wie zur Zeit, als zu deutsch zu sprechen ein Zeichen unpatriotischer Gesinnung war), besitzt auch eine Ehrengerichtspraxis, die zur Zeit des Grafen Sternberg recht lebhaft gewesen zu sein schien, und man kann mit ihrer Hilfe aus dem Klub hinaus-»ballotiert« werden, wie es dem Kläger schließlich widerfuhr, der dagegen, da alle ritterlichen Mittel sich ihm versagten, den Schutz der Gerichte anruft. Ich glaube, es bedeutet nicht, in ein schwebendes Verfahren einzugreifen, wenn man sagt, daß ein gewaltsamer Ausschluß, außer in einer Gesellschaft von Asketen, immer etwas Beleidigendes an sich hat, ob er berechtigt ist oder nicht, und die Auflehnung dagegen verdient keinen Spott; der zweifellos komische Anachronismus, welcher dem Ehrenhandel trotzdem anhaftet, kann also offenbar nur an den Umständen liegen, unter denen er sich vollzieht.
Man versuche doch, sie vorurteilslos zu betrachten! »Eine hochgestellte Dame« heißt es in einer Satzschrift – und diese zwei Worte »hochgestellte Dame« blicken wie zwei Pyramiden in die Gegenwart, obgleich sie nicht seit viertausend, sondern erst seit vier Jahren der Vergangenheit angehören! – eine hochgestellte Dame also hatte den Kläger gebeten, ihr im Kampf um ihre Kinder als »Ritter« beizustehen, und eine solche Bitte zu verweigern, ist nach Ehrenkodex Ristow (Artikel 8) ein Grund der Waffenehre verlustig« zu werden. Ich glaube, das natürliche Empfinden, das ja unnatürlich und deshalb romantisch ist, wird dabei immer auf Seiten der Dame und der Verpflichtung ihres Ritters sein, wenn auch die Alltagspraxis gern einen Umweg macht, für den sie die ebenso natürliche Erklärung bereit hält, daß man sich in fremder Leute Angelegenheiten nicht mischen solle. In der Praxis geht das auch ganz gut, denn sie hat dafür die zweckmäßige Teilung, daß man den einen Grundsatz ausspricht und nach dem andren handelt, die ganze Schuld liegt also am Kodex Ristow (Artikel 8), welcher diese Weggabelung mit der Drohung versperrt, der Waffenehre verlustig zu werden. Dieser Kodex wird den Aegyptologen des 80. Jahrhunderts schweres Nachdenken bereiten, um ihn in Einklang mit ihren übrigen Vorstellungen vom 20. Jahrhundert zu bringen, und anscheinend war er es auch, welcher den Kläger Sternberg, die Beklagten des Jockeiklubs, deren Freunde im Wiener Klub, dessen Freunde in der Prager Adelsressource und das dessenderentete einstige Honvédoberkommando in einen einzigen Gordischen Knoten verwickelte, den mit dem Schwert zu lösen, eben jener Kodex Ristow gerade in diesem Fall verbietet, wenn man seine Bestimmungen mit jener Strenge auslegt, die in solchen Angelegenheiten unerläßlich ist und vom Grafen Sternberg gefordert wird.
Es wird also wohl ein bürgerlicher Richter die Arbeit leisten müssen, zu entscheiden, ob wirklich ein »Herr« sich nicht einer Generalversammlung unterwerfen dürfe, ob die Ehrenpraxis des Wiener Jockeiklubs korrekt sei oder nicht, ob eine »Forderung zum Zweck der Errichtung eines einseitigen Protokolls« und viele andre Einzelheiten Verletzungen des Ehren– und Duellkodex einschließen oder nicht. Es ist bloß zu hoffen, daß dieser Richter einstmals Farbenstudent gewesen ist, damit er das wünschenswerte Interesse für seinen Fall aufbringt und sich nicht fürchtet, als sei er in eine Gespensterversammlung geraten. Dieser Vorwurf trifft nicht den ritterlichen Grafen, der auf seinem Platz, auf den ihn Gott gestellt hat, nur tut, was Kohlhaas unter dem Beifall von Generationen auf dem seinen getan hat. Bloß wenn man bedenkt, welche Wichtigkeit und Bedeutung eine solche Angelegenheit noch vor fünf Jahren gehabt hätte, welchen Einfluß die an den Kodex Ristow und an hochgestellte Damen gebundene Welt damals noch über die nach dem bürgerlichen Gesetzbuch lebende gehabt hat, freut man sich über die kleine Drehung, welche die Erde seither davon weg gemacht hat, welche die sympathischen Bemühungen hochgestellter Ehrenmänner komisch wie Bewegungen erscheinen läßt, die Zuspätgekommene auf der Dampferbrücke machen, während das Schiff schon davonfährt.