Kitabı oku: «Robert Musil: Gesammelte Werke», sayfa 73
Das verbrecherische Liebespaar. Die Geschichte zweier unglücklicher Ehen
[Prager Presse, 20.3.1923, Abendausgabe S. 2]
In Berlin ist in diesen Tagen ein Gerichtsverfahren zu Ende geführt worden, das mit Recht die Teilnahme vieler Menschen gefesselt hat und Konflikte zeigte, von denen zu wünschen wäre, daß sich ihnen die Teilnahme der Menschen schon zuwendete, bevor sie im Gerichtssaal enden. Eine Frau Elli K. wurde wegen Totschlags an ihrem Gatten zu vier Jahren Gefängnis verurteilt, ihre Freundin, Frau N., die von dem Versuch des gleichen Delikts an ihrem eigenen Mann freigesprochen wurde, wegen Beihilfe zu eineinhalb Jahren Zuchthaus. Schon die Strafbemessung ist merkwürdig; die Beihilfe wird von einer geringeren Strafdauer, aber von einer schwereren Strafart getroffen, man weiß nicht, welches seelische Gewicht stärker drückt, das der Dauer oder das der Art der Strafe, und in dieser Unsicherheit spiegelt sich tatsächlich der psychologische Charakter der Tat.
Elli K., die Tochter einfacher Leute, heiratete sehr jung einen Handwerksmeister und floh nach den ersten Wochen der Ehe ins Elternhaus, voll Entsetzen zurück, dessen Grund man nicht erfährt, weil Schamgefühl selbst in den kritischesten Situationen sie daran hinderte, ihn zu erzählen. Auf allgemeine Mutmaßungen angewiesen, kann man nur zwei Ursachen annehmen: entweder sexuelle Rohheit, wahrscheinlich mit Perversionen auf Seiten des Mannes, oder ungewöhnliche Empfindlichkeit, auf Grundlage inversen Fühlens bei der jungen Frau. Hier hätten in einer zivilisierten Gesellschaft und bei der Bedeutung, die in unserer Ordnung heute noch der Familie zukommt, die Eltern in der Lage sein müssen, mit Rat und Hilfe vernünftig einzugreifen. Statt dessen: Befehl des entrüsteten Vaters, sofort zum Gatten zurückzukehren, Wirkung der Familienautorität, wie so oft, in verkehrter Richtung!
Elli K. kehrt zurück und entflieht nach wenigen Monaten abermals, diesmal zu Freunden; die Scheidungsklage wird eingereicht, aber sie muß wieder zurückgezogen werden, weil die bedrängte Frau nicht mehr imstande ist, dem Anwalt die Schrecknisse anzuvertrauen, die ihr widerfahren sind oder die sie sich vielleicht nur einbildet, weil unter dem Druck der Einschüchterungen, die sie im Elternhaus erlitten hat, auch aus leichten Verletzungen längst ein schweres seelisches Trauma geworden sein kann. Die Ehe des Schreckens, Ekels und Zwanges geht also weiter.
Hier kommt die zweite Wendung, die wie die ganze Fortsetzung so typisch ist, als wäre sie aus einer wissenschaftlichen Abhandlung genommen. Elli K. lernt Frau N. kennen, die ebenfalls in unglücklicher Ehe lebt, mit einem brutalen Mann, den sie nach dem Kriege, wohl etwas unüberlegt, geheiratet hat. Zwischen den beiden Frauen entspinnt sich ein Liebesverhältnis; die Wahrscheinlichkeit, daß man in dem Eheabscheu Ellis eine starke lesbische Komponente anzunehmen hat, wird dadurch vergrößert, es muß aber nicht so sein, es kann ein schwacher homosexueller Einschlag, wie er fast stets vorhanden ist, auch erst durch die Freundin geweckt worden sein. Wie fast immer in solchen Fällen, begnügt sich das aufbrennende Gefühl nicht mit dem täglichen Beisammensein, und es entsteht daneben noch ein Austausch von leidenschaftlichen Briefen, von denen allein dem Gericht sechshundert vorlagen. Es wird beschlossen, sich von den Männern zu befreien und die Unholde zu töten. Als Mittel wird Gift gewählt, das in unmerklichen täglichen Dosen beigebracht werden soll. Jedenfalls ist in diesem verbrecherischen Verhältnis die Freundin die Führende; das geht schon daraus hervor, daß schließlich Elli K. die Tat vollbrachte, sie aber nicht!
Denn in den Beziehungen solcher Paare ist es erfahrungsgemäß immer der Stärkere, der die Tat nicht tut, während er sie dem Schwächeren, der sich anfangs oft weigert, einredet; nicht kalten Blutes, etwa mit der Absicht, es ihn allein tun zu lassen, sondern weil die gemeinsame Suggestion auf den psychisch Empfänglicheren eben stärker wirkt. Auf diese Weise ist Elli K. das Opfer ihrer Freundin N., aber sie begeht das schwerere Verbrechen. Die Strafbemessung bietet in solchen Fällen immer Schwierigkeiten und die Untersuchungen der juristischen Theoretiker, die sich bemühen, die Unverbrüchlichkeit des Rechts mit der Brüchigkeit seelischer Unterscheidungen in Einklang zu setzen, sind nicht immer ohne Drolligkeit. Wahrscheinlich war hier bei beiden Freundinnen überdies eine gewisse psychopathische Minderwertigkeit anzunehmen, die nicht gleichbedeutend mit einer sozialen zu sein braucht!
Es gibt ein Buch des italienischen Soziologen Scipio Sighele, das in der 1910 erschienenen französischen Uebersetzung »Le crime à deux« heißt und hunderte solcher Fälle enthält, die alle fast in der gleichen Weise verlaufen sind. Ich gebe daraus zwei Stellen aus Briefen zum Beispiel, die eine Frau an einen jüngeren Mann geschrieben hat, den sie zum Mord an ihrem Gatten verleitete: »Dienstag ist der Jahrestag des ersten Monats unserer Liebe; ich schicke Dir eine Blume zum Gedenken; ich werde alles, was von mir abhängt, tun, um Dir allein anzugehören (sie mischte dem Gatten Gift in die Speisen!). Oh! wie würde ich wünschen, frei zu sein! Es ist wohl sehr schwer, die Sache (Dynamit, das er dem Gatten ins Jagdgewehr tun sollte!) zu erhalten?« Eine andere Stelle: »Er war gestern krank: ich denke, daß Gott sein Werk beginnt.« Man kann es dem Gefühlsausdruck dieser Stellen entnehmen, wie sich nicht nur das edle Gefühl der Liebe in ein Verbrechen verwandelt, sondern auch wie sich der außen verbrecherische Gedanke innerlich ununterscheidbar als ein edles Gefühl der Liebe anfühlt; man sollte sich bei Verbrechen solcher Art mehr denn je fragen, welchen Teil der Schuld die Gesellschaft an ihnen trägt, indem sie es so weit kommen läßt. Ein energischer Verbrecher enthält zwar mehr Schlechtes als ein schwacher Guter, aber auch mehr Keime des Guten, sagt J. St. Mill.
Schafe auf einer Insel
[Prager Tagblatt, 23.3.1923, S. 3]
Sie haben die langen Gesichter und zierlichen Schädel von Märtyrern. Irgendwie schwarze Kapuzen und Socken der Fanatiker oder Todesbrüder.
Ihre Lippen, wenn sie über dem kurzen, spärlichen Gras suchen, zittern nervös und stäuben den Ton einer erregten Metallsaite in die Erde. Schließen sich ihre Stimmen zum Chor, so klingt es wie das klagende Gebet der Prälaten im Dom von St. Peter. Singen aber ihrer viele, so bilden sie einen Männer-, Frauen- und Kinderchor. In sanften Rundungen heben und senken sie die Stimmen; wie ein Wanderzug im Dunkel, den in jeder zweiten Sekunde das Licht trifft, und es stehn dann die Stimmen der Kinder auf einem immer wiederkehrenden Hügel, während die Männer das Tal durchschreiten. Tausendmal schneller rollen Tag und Nacht durch ihren Gesang und treiben die Erde dem Ende entgegen. Manchmal wirft sich eine einzelne Stimme empor oder stürzt hinab in die Angst der Verdammnis. In den weißen Ringeln ihrer Haare wiederholen sich die Wolken des Himmels. Es sind alte katholische Tiere, uralte metaphysische Begleiter des Menschen. Er ist zwischen ihnen doppelt so groß als sonst und ragt wie der spitze Turm einer Kirche gegen Himmel. Unter seinen Füßen ist die Erde braun, und das schüttere Gras ist wie eingekratzte graugrüne Striche. Die Sonne glänzt schwer am Meer wie in einem Spiegel von Blei. Boote sind beim Fischfang wie zu St. Petris Zeiten. Das Kap schwingt den Blick wie ein Laufbrett zum Himmel und bricht lohgelb und weiß, wie zur Zeit des verirrten Odysseus ins Meer.
Die Schafe sind ängstlich und blöd, wenn der Mensch kommt; sie haben Steinwürfe und Schläge des Uebermuts kennen gelernt. Aber wenn er ruhig stehen bleibt und in die Weite starrt, vergessen sie ihn. Sie stecken die Köpfe zusammen und bilden, zehn oder fünfzehn, einen Strahlenkreis, mit dem großen schwarzen Mittelpunkt der Köpfe und den Strahlen der Rücken. Die Schädeldecken pressen sie fest gegeneinander. So stehn stundenlang sie und der Mensch in der hohen Kapsel von Himmel und Meer, und das Blut pocht gegen die kleine Knochenkapsel ihrer Schädel. Immer lächerlicher, trauriger und unerträglicher wird der Sekundenschlag der Unendlichkeit.
Wie spritzt das Blut, wenn der Mensch, um sich von solcher Gesellschaft zu befreien, nach einem Tier greift und es schlachtet! Sein Herz wird wieder groß und hart. Aber die übrigen Herzen setzen den Wanderzug fort, Hügel auf und ab im Dunkel, uralte Begleiter des Menschen; sie haben die weißen Felle übergeworfen, und aus den schwarzen Hauben des Todes spähn ihre unergründlichen Augen nach Futter.
Schwarze Magie
[Prager Tagblatt, 13.5.1923, S. 3-4]
I.
Da sie auch das russische Gastspieltheaterchen »Kleinkunst« uns vorgeführt hat, scheint es diese Schwarzen Husaren, diese Totenkopfhusaren, diese Arditi und Kopaljäger in allen Armeen der Erde zugeben. Sie haben einen Schwur getan, zu siegen oder zu sterben, und lassen sich eine schwarze Uniform machen, mit weißen Verschnürungen darauf, die wie die Rippen des Todes aussehen, in welcher Verkleidung sie zur Freude aller Frauen bis an ihr friedliches Ende spazieren gehen, falls kein Krieg kommt. Sie leben von gewissen Liedern mit düsterer Begleitung, die ihnen einen dunklen Glanz leihen, der sich vorzüglich zur Schlafzimmerbeleuchtung eignet.
Als der Vorhang aufging, saßen sieben solcher Husaren auf der kleinen Bühne; es war ziemlich dunkel, und bei den Fenstern schien der helle Schnee herein. Sie waren mit ihren schwärzlichen Uniformen und schmerzlich aufgestützten Köpfen hypnotisch in dem ungewissen Licht verteilt und begleiteten in einem kohlschwarzen, leuchtenden, Pianissimo einen laut singenden Kameraden. »Hört die Pferde, unsere Erde, stampfen mit den Hufen,« sangen sie bis zum unvermeidlichen »Kehrt dein Glück, nicht zurück, wenn die Schwalben wandern –«.
II.
Eine rätselvolle Seele fragte sich: Wenn das ein gemaltes Bild wäre, so hätte man ein Schulbeispiel von Kitsch vor sich. Wenn das ein »lebendes Bild« wäre, so würde man die versunkene Sentimentalität eines einst geliebten Gesellschaftsspiels vor sich haben, also etwas das zur Hälfte Kitsch, zur andren Hälfte aber traurig wie ein eben verklungenes Glockenspiel ist. Doch da es nun ein singendes, lebendes Bild ist, was ist es da? Es liegt wohl über diesen Spielereien der trefflichen russischen Emigranten ein leichter Glanz, wie von Zuckerfluß, aber man lächelt bloß nachsichtig, während man vor einem Oelbild solcher Art rasen würde: Sollte es möglich sein, daß der Kitsch, wenn ihm eine und dann zwei Dimensionen des Kitsches zuwachsen, erträglicher und immer weniger kitschig wird?
Es ist nicht anzunehmen und nicht zu leugnen.
Wie aber ist es dann, wenn dem Kitschigen noch eine Dimension mehr zuwächst, und es volle Wirklichkeit wird? Sind wir nicht in Unterständen gesessen, für morgen lag etwas in der Luft, und ein Kamerad begann zu singen? Ach, es war schwermütig. Und es war Kitsch. Aber es war ein Kitsch, der kaum noch aufspürbar ist, der nur als eine Traurigkeit mehr mit in der Traurigkeit lag, als eine uneingestandene Unlust an dieser aufgezwungenen Kameraderie. Im Grunde hätte man manches fühlen können in dieser jahrelangen, letzten Stunde, und der Druck der Todesvorstellung mußte nicht gerade ein Oeldruck sein.
Ist also die Kunst nicht ein Mittel, um den Kitsch vom Leben abzublättern? Schichtenweise legt sie ihn bloß. Je abstrakter sie wird, desto durchsichtiger wird die Luft. Je weiter sie sich vom Leben entfernt, desto klarer wird sie? Welche Verkehrtheit ist es, zu behaupten, das Leben sei wichtiger, als die Kunst! Das Leben ist gut, soweit es der Kunst standhält; was nicht kunstfähig am Leben ist, ist Kitsch!
Aber was ist Kitsch?
III.
Der Dichter X. wäre in einer noch etwas schlechteren Zeit ein beliebter Familienblatterzähler geworden. Er hätte dann vorausgesetzt, daß das Herz auf bestimmte Situationen immer mit den gleichen bestimmten Gefühlen antwortet. Der Edelmut wäre in der bekannten Weise edel, das verlassene Kind beweinenswert, und die Sommerlandschaft herzstärkend gewesen. Es ist zu bemerken, daß sich damit zwischen den Gefühlen und den Worten eine feste, eindeutige, gleichbleibende Beziehung eingestellt hätte, wie sie das Wesen des Begriffs ausmacht. Der Kitsch, welcher sich so viel auf das Gefühl zugute tut, macht also aus Gefühlen Begriffe.
Nun ist aber X. infolge der Zeitumstände statt ein guter Familienblatterzähler ein schlechter Expressionist geworden. Als solcher stellt er geistige Kurzschlüsse her. Er ruft Mensch, Gott, Geist, Güte, Chaos und spritzt aus solchen Vokabeln gebildete Sätze aus. Wenn er die volle Vorstellung oder wenigstens die volle Unvorstellbarkeit mit ihnen verbände, so könnte er das gar nicht tun. Aber die Worte sind lang vor ihm in Büchern und Zeitungen schon sinnvolle und sinnlose Verbindungen eingegangen, er hat sie oft beisammen gesehen, und schon bei kleinster Ladung mit Bedeutung zuckt zwischen ihnen der Funke. Das ist aber nur die Folge davon, daß er nicht an erlebten Vorstellungen denken gelernt hat, sondern schon an den von ihnen abgezogenen Begriffen.
Der Kitsch erweist sich in diesen beiden Fällen also als etwas, was das Leben von den Begriffen abblättert. Schichtenweise legt er sie bloß. Je abstrakter er wird, desto kitschiger wird er. Der Geist ist gut, soweit er noch dem Leben standhält.
Aber was ist Leben?
IV.
Leben ist leben: wer es nicht kennt, dem ist es nicht zu beschreiben. Es ist Freundschaft und Feindschaft, Begeisterung und Ernüchterung, Peristaltik und Ideologie. Das Denken hat neben anderen Zwecken den, geistige Ordnungen darin zu schaffen. Auch zu zerstören. Aus vielen Erscheinungen des Lebens macht der Begriff und eben so oft macht eine Erscheinung des Lebens aus einem Begriff viele neue. Bekanntlich wollen unsre Dichter nicht mehr denken, seit sie von der Bergson’schen Philosophie gehört zu haben glauben, daß man Gedanken nicht denken darf, sondern sie leben muß.
Das Leben ist an allem schuld.
Aber um Gottes willen: was ist leben?
V.
Es ergeben sich zwei Syllogismen:
Die Kunst blättert den Kitsch vom Leben.
Der Kitsch blättert das Leben von den Begriffen.
Und: Je abstrakter die Kunst wird, desto mehr wird sie Kunst.
Je abstrakter der Kitsch wird, desto mehr wird er Kitsch.
Das sind zwei herrliche Syllogismen. Wer sie auflösen könnte!
Nach dem zweiten scheint es, daß Kitsch = Kunst ist. Nach dem ersten aber ist Kitsch = Begriff – Leben. Kunst = Leben – Kitsch = Leben – Begriff + Leben = zwei Leben – Begriff. Nun ist aber nach II. Leben = 3 X Kitsch und daher Kunst = 6 X Kitsch – Begriff.
Also was ist Kunst?
VI.
Wie gut hat es ein schwarzer Husar. Die schwarzen Husaren haben geschworen, zu siegen oder zu sterben, und gehen in dieser Uniform einstweilen zur Freude aller Frauen spazieren. Das ist keine Kunst. Das ist das Leben!
Warum behauptet man aber dann, es sei nur ein lebendes Bild?
Der Malsteller
[Prager Tagblatt, 1.7.1923, S. 5]
Wenn man durch mehrere Jahre gezwungen ist, Gemäldeausstellungen zu besuchen, so muß man eines Tages den Begriff Malsteller erfinden. Er verhält sich zum Maler wie der Schriftsteller zum Dichter. Das Wort bringt Ordnung in verwirrte Erscheinungen. Es leben die Schriftsteller seit Beginn unserer Zeitrechnung von der Umstellung der zehn Gebote Gottes und einigen Fabeln, welche ihnen die Antike überliefert hat; die Hypothese ist daher schon an sich nicht unwahrscheinlich, daß auch die Malerei nur von zehn malerischen Grundeinfällen lebt, und das ist gar nicht wenig. Denn wenn man diese zehn Einfälle richtig variiert, das heißt, in wechselnder Reihenfolge anwendet, so gibt das 3,628.800 verschiedene Kombinationen. Man kann also viele Kilometer Bilderwände zurücklegen und zählen: 1, 2, 3, 4, 5 …; 2, 1, 3, 4, 5 ..; 3, 2, 1, 4, 5 … usw.: es ist jedesmal etwas anderes und doch immer das Gleiche.
Bestätigt wird das durch den Eindruck, den die Bilderausstellungen machen. Es scheint nämlich, daß es ungefähr nach der ersten Million den Malstellern selbst zu dumm wird, und sie wechseln dann die Richtung. Was eine »Richtung« ist, sieht man auf den ersten Blick, wenn man in einen Ausstellungssaal eintritt. Man würde es viel schwerer erkennen, wenn man vor ein einzelnes Bild träte; aber von der Tür aus erkennt man mühelos, daß die ganze Wand eine einheitliche Tapete ist. Die Richtungen unterscheiden sich dann nur durch das Tapetenmuster. Ich will den Malstellern damit nicht nahetreten, sie geben rechtschaffene Arbeit, können viel und sind durchaus Individualitäten. Aber die Statistik ebnet das ein.
Einen Nachteil haben die Malsteller überhaupt: daß sie offen an der Wand hängen; Bücher haben den Vorteil, daß sie eingebunden und unaufgeschnitten sind, dadurch bleiben sie länger berühmt. Dafür haben aber die Malsteller den Vorteil, daß sie »gefragt werden« und »notieren«. Wenn es den Kunsthandel nicht gäbe, wie schwer wäre es zu unterscheiden, ob einem 1, 2, 3 oder 2, 1, 3 besser gefällt! Christus hat seinerzeit die Händler aus dem Tempel getrieben; ich bin aber überzeugt: wenn man den rechten Glauben besitzen könnte, dann könnte man ihn auch verkaufen, dann könnte man sich auch mit ihm schmücken, und dann gäbe es sehr viel mehr Glauben in der Welt als jetzt. Ein anderer Vorzug der Malerei ist ihre Technik. Schreiben kann jedermann. Malen kann zwar auch jedermann, aber man weiß es nicht so. Man erfindet Techniken, um es zu verheimlichen. Denn so malen wie ein anderer: das kann nicht jedermann; das muß man studiert haben. Die mit Recht jetzt beliebten Zeichnungen der Volksschulkinder würden in der Akademie durchfallen, wogegen der umlernende Akademiker viel Mühe darauf verwenden muß, um sich an Stelle seiner Konvention das kindliche Zeichnen anzueignen. Es ist ein historischer Irrtum zu glauben, daß die Meister Schule machen, die Schüler machen sie.
Genauer betrachtet, ist es aber gar nicht wahr, daß jedermann schreiben kann; im Gegenteil, niemand kann es, jeder schreibt bloß ab und mit. Es ist unmöglich, daß ein Gedicht von Goethe heute auf die Welt käme, und wenn es durch ein Wunder dennoch geschähe, so wäre das herrliche alte ein anachronistisches, unbegreifliches, ja schlechtes neues Gedicht, und zwar offenbar aus keinem anderen Grund, als weil es von keinem zeitgenössischen Gedicht abgeschrieben ist. Gleichzeitigkeit ist immer Abschreiben. Unsere Ahnen schrieben Prosa in langen, schön wie Locken gedrehten Sätzen, wir – obgleich auch wir es noch in der Schule so gelernt haben – tun es in kurzen, die Sache rasch zu Boden setzenden, und niemand in aller Welt kann seine Gedanken von den Punkten, Strichpunkten und Beistrichen samt allen ihren Konsequenzen befreien, von den Worten und der Art, wie seine Zeit das Sprachkleid trägt. Kein Mensch weiß deshalb genau wie viel von dem er meint, was er schreibt, und beim Sprechen verdrehn die Menschen lang nicht so die Worte, wie die Worte den Menschen.
Vielleicht also kann doch auch nicht jedermann malen? Sehr richtig, und ich glaube: der Maler kann es nicht. Er verhält sich zum Malsteller wie der Dichter zum Schriftsteller, und auch der Dichter ist der, welchem das Schreiben schwer fällt, weil er irgendwie bloß mit dem Abschreiben nicht auskommt, so lange bis das Allerweltskleid an ihm eine andere Fasson hat und wie neu aussieht. Er ist nach Ansicht seiner Zeitgenossen immer bloß der, welcher das nicht kann, was der Schriftsteller kann. Weshalb sich so viele Schriftsteller für Dichter halten und Malsteller für Maler. Der Unterschied stellt sich gewöhnlich erst heraus, bis es zu spät ist. Denn dann ist bereits eine neue Generation von -Stellern da, welche das schon kann, was der Maler und der Dichter eben erst gelernt haben.
Man kann daher auch sagen, der Maler und der Dichter gehören der Zukunft an oder der Vergangenheit, sie werden immer erwartet oder als ausgestorben beklagt. Wenn aber einer einmal leibhaftig dafür gilt – ist es gewöhnlich nicht der Richtige.
Sittenämter
[Prager Tagblatt, 7.7.1923;
Text nach: Der Tag, 10.10.1923, S. 2]
Der Staatsbürger hat von Geburt an Augen, Ohren, Mund und Nase; im Alter der Mündigkeit bekommt er jedoch noch ein Organ hinzu, einen Leumund. Dieser ist weder klein noch groß, weder schön noch häßlich, sondern polizeilich. Und während man mit dem gewöhnlichen Mund vieles machen kann, Angenehmes und Unangenehmes, kann man mit dem Leumund gar nichts machen, man hat keine Gewalt über ihn; das ist das Gefährliche. Die wenigsten Staatsbürger ahnen, daß ihr zurückgezogenes Privatleben viel gefährlicher ist als irgendein notorisches Verbrechen, wo man weiß, was man will, wie viel man dafür bekommt, und wie die Sache heißt.
Ein gar nicht seltener Fall ist bekanntlich der Ehebruch. Wer ihn noch nicht begangen hat, hat doch sicher schon von ihm gehört, denn alle Welt ist voll von Scherzen und Lustspielen über ihn, aber man kann sagen, Gott sei Dank, begehen die Menschen seltener einen Ehebruch als sie davon reden, da vier Menschen nur zwei Ehebrüche begehen können. Man bricht sie im stillen; aber zuweilen kommt es vor, daß ein Teil Lärm schlägt, und zwar ist es dann immer der Teil, der es eigentlich gar nicht wissen sollte, und der kann eine Anzeige machen, und nach den Gesetzen fast aller Kulturstaaten werden die Ehebrecher bestraft. Als die Staaten noch keine Kulturstaaten waren, zuweilen mit dem Tode; heute mit etwa vierzehn Tage Arrest. Es ist dies nicht viel, wenn man bedenkt, daß die vorsätzliche und erfolgreiche Anstrengung, eine Auslagenscheibe zu zertrümmern, ungefähr ebensoviel Strafe kostet und weniger Vergnügen macht. Wahrscheinlich würden die Gesetze auch heute noch gerne strenger sein, aber die Ehe ist ein sogenanntes heiliges Gut (wie zum Beispiel auch die Kunst), und da weiß der Staat nie genau, wieviel es wert ist.
Die eigentliche Strafverschärfung besteht daher in etwas ganz anderem, nämlich in eben jenem Leumund, der bei solchen Gelegenheiten eröffnet wird; solche Angelegenheiten sind es, wo er sich geradezu als eine Gewalt entpuppt, welche die Menschen radikal ändert. Ein solcher Fall beginnt gewöhnlich damit, daß eine um die Taille schon etwas willensstark gewordene Dame (mit empörter Zunge, flammendem Busen, gebrochenem Herzen und verletztem Schamgefühl, also körperlich zweifellos so schwer beschädigt, daß sie Anspruch auf öffentliche Unterstützung hat) das »dämonische Weib«, das ihr den Gatten geraubt hat, die »Verführerin« vor den Richter zerrt, wo sich die »Schlange« ahnungslos damit verantwortet, daß alles Vorgefallene ja nur platonisch gewesen sei; man darf sagen ahnungslos, denn die wenigsten Frauen studieren Platon, bevor sie zu einem Mann in Beziehungen treten, und verstehen daher unter platonisch bloß einen noch nicht eingetretenen Grad des Unplatonischen, das keines besonderen Studiums bedarf. In diesem Augenblick läßt aber der Richter den polizeilichen Leumund sich öffnen, den er vom Sittenamt über »die Persönlichkeit des Angeklagten« eingeholt hat, und das Ergebnis ist unter allen Umständen für diese Persönlichkeit vernichtend. Der geheimnisumwobene Dämon verwandelt sich in einen Staatsbürger mit Geburts- und Heimatsschein, und die eben noch Geliebte entschleiert sich als »gewesene Kabarettschauspielerin«; ja, ich lernte diesen Fall kennen, und er endete mit einer Verurteilung, obgleich nichts nachzuweisen war, also anscheinend bloß, weil die gewesene Kabarettschauspielerin danach »Besitzerin eines Kaffeehauses« geworden war, nach Verkauf des Kaffeehauses »keiner ordentlichen Beschäftigung mehr nachging«, es vielmehr »auf galante Abenteuer in Vergnügungslokalen« und besonders »auf gut situierte Herren abgesehen« hatte, die sie in ihrer Wohnung »auch zur Nachtzeit« empfangen haben soll. Sie wird keine schutzbedürftige Waise gewesen sein, aber hatte sie das fürchterliche Ende verdient, welches das Sittenamt seinem vernichtenden Bericht gab, indem es mit der ganzen Strenge einer irregeführten Behörde ihn damit schloß, daß es trotzdem derzeit keine Handhabe besitze, gegen Frau X. einzuschreiten?
Hier brechen die Grundlagen der persönlichen Moral unter uns ein. Denn das kann jedem passieren; keiner ist davor sicher, wandle er, wie er wolle, daß er dem Sittenamt keine Handhabe bietet, gegen ihn einzuschreiten. Wer hätte nicht einmal Schauspieler werden wollen?! Und wer würde sobald einer Beschäftigung nachgehen, wenn er so glücklich war, ein Kaffeehaus zu verkaufen? Wer hat es noch niemals auf gelante Abenteuer in Vergnügungslokalen abgesehen gehabt? Vielleicht sogar schon gutsituierte Damen bei Nacht empfangen? Und wenn er kein Lump ist, werden sogar gutsituierte Herren am hellen Tag bei ihm aus- und eingegangen sein, und also steht unweigerlich er oder das Sittenamt im Verdacht verkehrten Empfindens! Man glaubt natürlich, daß man selbst ein normaler und vielleicht sogar anständiger Mensch sei, aber darin besteht eben der Irrtum. Man hat dem Sittenamt bloß noch nicht »die Handhabe« geboten, sonst ist offenbar längst alles schon beisammen. Man ist nur ein Spieler, den das Schicksal gewinnen läßt, um ihm eines Tags alles abzunehmen. Denn ein Auge des Gesetzes sieht einem zu, man weiß nicht einmal, wo es sein Bureau hat, und dem macht man nichts vor. Eines Tags wird man verleumdet und erkennt sich selbst niemals mehr wieder.
Deshalb ist das Privatleben das Gefährlichste was es gibt. Es wäre grausam, wollte man ein Mittel gegen diese Gefahr nicht wenigstens andeuten. Es besteht darin, daß man rechtzeitig einen öffentlichen Charakter erwirbt, wenn es selbst ein ganz unbedeutender ist. Denn einen öffentlichen Charakter erkennt das Auge des Gesetzes, weil es selbst von öffentlichem Charakter ist, und nach einer alten Lehre das Auge das Licht nicht erkennen könnte, wenn es nicht selbst aus Stoff des Lichtes bestünde. Jeder Amtsdiener hat seinen Personalakt, und steht nichts Besonderes über seinen Charakter darin, so hat er eben seinen Amtscharakter; die günstigste aktenmäßig mögliche Aussage über einen privaten Charakter besteht aber darin, daß er nicht vorbestraft ist und auch sonst nichts Nachteiliges wider ihn angegeben werden kann, und da das natürlich ebensogut zu bedeuten vermag, daß er es bisher mit besonderer Tücke verstanden hat, sich den Nachstellungen der Behörden zu entziehen, wird jeder Privatmann selbst einsehen, daß eine staatliche Behörde im Privatmann so lange nichts andres sehen darf, als einen noch nicht erwischten Verbrecher, bis er erwischt ist. Eine Ausnahme davon macht höchstens stadtbekannter Reichtum oder eine persönliche Empfehlung.
Man hat viel über die Ursachen nachgedacht. Sie dürften eine Folge der Erbsünde sein, denn schließlich ist sie schuld, daß so viel Menschen ohne Amtscharakter geboren werden. Es wird besser werden, wenn die Völker Europas auf dem Wege zunehmender Bureaukratisierung weiter fortschreiten.