Kitabı oku: «Robert Musil: Gesammelte Werke», sayfa 74
Die Sturmflut auf Sylt
[Der Tag, 20.9.1923, S. 3]
Am 30. August ist die bekannte Bäderinsel Sylt durch eine Sturmflut von solcher Macht überrascht worden, derengleichen man seit Jahrzehnten vergessen hatte und nicht mehr erwartete.
Ungewöhnliches Wetter war ihr vorangegangen. Diese Insel soll außer kurzen Böen wenig Gewitter kennen, weil sie sich aus irgendwelchen atmosphärischen Gründen sonst an ihrer Südspitze teilen und beiderseits des Eilands über Nordsee und Watt vorbeistreichen, wo sie sich entladen. Diesmal aber trieb dauernder Südwestwind nächtelang schwere Gewitter über die Insel; gleichmäßig verregnete Vormittage, aufklärende Nachmittage, unheimlich klare Abende und Morgen. Die Gäste waren aus den Badeorten in diesem Jahr bis auf wenige teils wegen solchen Wetters, teils wegen der Fahrpreiserhöhungen in Deutschland schon ungewöhnlich früh abgereist; die Insel schien seit den letzten Tagen sich und ihrer einsamen, phantastischen Eigenart zurückgegeben zu sein. In der Nacht, die der Sturmflut voranging, zündete der Blitz auf der Insel und verbrannte ein Bauernhaus, und losgelöst von dem Leben der Badezeit und der Erholungs- und Dollaraufgeregtheit der abgereisten Städter, gewann das unbedeutende Ereignis das ganze Gewicht, das es für einsam wohnende Leute hat, die sich erschreckt erzählen, ein solches Unglück hätte sich seit siebenundzwanzig Jahren nicht ereignet. Es traf ein kleines, zum Sommersitz umgebautes Friesenhaus aus dem 18. Jahrhundert, wie sie hier zu Land ziegelrot mit weißen Fensterrahmen auf grünem Rasen stehen, hinter Erd- und Steinwällen geduckt, mit alten Kacheln und Möbeln, das hohe Schilfdach tief in die Stirn gezogen. Ich begriff, warum die Leute in diesen Gewitternächten sich nicht zu Bett legen, und Lichter hinter den Fenstern aller Häuser gegeistert hatten, welche – die im Süden gelegenen Ortschaften ausgenommen – nirgends Blitzschutz tragen: wir standen herum, die Hände in den Taschen, und sahen in den Brand, den auch der heftige Regen nicht löschte, wir wenigen Sommergäste aus den Nachbarhäusern und die Feuerwehr, die hie und da ein bißchen mit den Hacken in den glühenden Sparren stierte oder ein wenig Wasser aus der Spritze rieselte wie aus einem Gartenschlauch. Unter dem ungeheuren Wolkenhimmel sah alles fast niedlich und zierlich aus; bloß wie das Feuer unter dem Druck des Windes aus dem Haustor wie aus einer Schmiedeesse fauchte, machte einen unheimlichen Eindruck.
In der weiteren Nacht schwoll der Wind an und am nächsten Morgen strich er dick über die Insel. Stürme im Hochgebirge stürzen und schäumen, dieser war wie ein ungeheurer, fast ruhiger, nur von inneren Stößen zitternder Strom. Oben auf den Dünen konnte man kaum die Augen offen halten, und in der Heide hinter den Dünen taumelten die Menschen in ihren bunten Wolljacken hin und her wie eine geschüttelte Blumenwiese. Um drei Uhr war Flut, wir kämpften uns an den Strand durch und sahen zu, wie das Wasser von ein Uhr an immer höher stieg. Erst fraß es die Sandburgen und den breiten Badestrand, dann holte es sich die Strandkörbe, die man auf halber Höhe der hinter dem Strand senkrecht aufsteigenden Inselwand in Sicherheit gebracht zu haben glaubte; einer nach dem anderen plumpsten sie, von den Wellen geholt, wie ungeheure Seehunde ins Wasser. Dies alles war Spiel, wenn es gleich schon die elementare Kraft ahnen ließ und beträchtlichen Schaden stiftete. Aber um drei Uhr, als die Flut beginnen sollte wieder zu fallen, tat sie es nicht, sondern stieg, von dem ungeheuren Winddruck erregt, immer weiter an. Das auf weite Strecke sich längs des Ufers hinziehende »Kliff«, eine zehn bis dreißig Meter hohe, aus Sand, Erde und Ton aufgeschichtete Wand von homerischer Silhouette, in der die Insel aus dem Strand aufsteigt, wurde bis zur halben Höhe von den Wassermassen bespült, und ungeheure Erdmassen, vom Regen erweicht, von den Wellen wie mit Rammböcken belagert, sind auf mehrere Kilometer Länge von Sylt abgebrochen worden.
Die Katastrophe ereignete sich aber nicht hier an der dem Flutdruck offen ausgesetzten Küste, sondern überraschender Weise am Watt. Sylt bildet gegen Süden hinter Westerland eine große offene Zange, zwischen deren Armen ein flaches, von der Hochsee fast abgesperrtes Wattenmeer liegt, das bei Ebbe weit von den Ufern zurücktritt und einem großen Sumpf ähnelt. Es scheint, daß diese verhältnismäßig kleine Wassermasse, welche die ungeheure Energie der Nordseestöße empfing, dadurch in besonders vehemente Schwingung geriet, anderseits fällt hier die Insel aus wenigen Metern Höhe ganz flach ab und endigt in den sogenannten Marschen, als Weideland dienenden Boden, der fast im Meeresspiegel liegt; in dieses Land, anscheinend den Niederungen einiger Bäche folgend, ist die Flut mit ungeheurer Gewalt eingebrochen und bedeckte es auf mehrere Kilometer einwärts mit der Brandung der See. Dieser Einbruch dauerte mehrere Stunden, die Gehöfte leisteten ihm Widerstand und schließlich hielt ihn ein Straßendamm auf, aber er war so unerwartet gekommen, daß ihm außer großen Teilen der Ernte auch viel Vieh zum Opfer fiel und einige Menschen ertranken.
Am nächsten Tag, das Unwetter flaute nach diesem Exzeß ab, sah alles bloß ein wenig verregnet aus; Teiche waren zurückgeblieben, die Reste der Ernte klebten am Boden, Bauern scharrten ihr Korn und Heu zusammen, die Anlagen von Westerland waren wenig beschädigt, andernorts lagen Erdschollen am Strand, einige Enthusiasten gruben schon neue Sandburgen. Im Süden fand ich zwei Kilometer vom Ufer auf einem mannshohen Damm eine kleine ertrunkene Feldmaus mit wasserverklebten Haaren, welche die Wellen da hinaufgeworfen hatten: das war alles, was die Flut am Ort der Katastrophe der Neugierde des Beobachters zurückgelassen hatte; ihre wertvolleren Opfer hatte die anschwingende See im Rückschwung hinausgerissen.
Hasenkatastrophe
[Prager Tagblatt, 24.10.1923, S. 4]
Die Dame war gewiß erst am gestrigen Tag aus der Glasscheibe eines großen Geschäfts herausgetreten, niedlich war ihr Puppengesichtchen; ich meine zuweilen, man müßte erst tüchtig mit dem Stiefelabsatz in solch einem Gesicht herumrühren dürfen, bevor ein wenig Originalität hineinkäme. Aber man trägt Schuhe mit seifenglatten Büffelledersohlen und Beinkleider, die wie mit dem Lineal und weißer Kreide entworfen sind. Man entzückte sich am Wind. Er preßte das Kleid an die Dame und machte ein jämmerliches kleines Gerippe aus ihr, ein dummes Gesicht mit einem ganz kleinen Mund. Dem Zuschauer machte er natürlich ein kühnes Gesicht.
Kleine Hasen leben ahnungslos zwischen den weißen Bügelfalten und den teetassendünnen Röcken. Schwarzgrün wie Lorbeer dehnt sich sonst der Heroismus der Insel um sie. Möwenscharen hocken in den Mulden der Heide, wie Beete voll weißer Schneeblüten, die der Wind bewegt. Der kleine, weiße, langhaarige Terrier der kleinen, mit einem Pelzkragen geschmückten weißen Dame stöbert durch das Kraut, die Nase fingerbreit über der Erde; weit und breit ist auf dieser Insel kein anderer Hund zu wittern, nichts ist da als die ungeheure Romantik vieler, kleiner, unbekannter, die Insel durchkreuzender Fährten. Riesengroß wird der Hund in dieser Einsamkeit, ein Held. Aufgeregt, messerscharf gibt er Laut, die Zähne blecken wie die eines Seeungeheuers. Vergebens spitzt die Dame das Mündchen, um zu pfeifen, der Wind reißt ihr das kleine Schällchen, das sie hervorbringen möchte, von den Lippen.
Mit solch einem stichligen Fox habe ich schon Gletscherwege gemacht; wir glatt auf den Skiern, er blutend, bis zum Bauch einbrechend, vom Eis zerschnitten und dennoch voll wilder, nie ermüdender Seligkeit. Jetzt hat er etwas aufgespürt, die Beine galoppieren wie Hölzchen, der Laut wird ein Schluchzen. Merkwürdig ist an diesem Augenblick, wie sehr solche, flach auf dem Meer schwebende Insel an die großen Kare und Tafeln im Hochgebirge erinnert. Die schädelgelben, vom Wind geglätteten Dünen sind wie Felskränze aufgesetzt. Zwischen ihnen und dem Himmel ist die Leere der unvollendeten Schöpfung. Licht leuchtet nicht auf dies und das, sondern schwemmt wie aus einem versehentlich umgestoßenen Eimer über alles. Man ist jedesmal erstaunt, wenn man entdeckt, daß Tiere diese Einsamkeit bewohnen. Sie gewinnen etwas Geheimnisvolles; ihre kleinen weichwolligen und -fedrigen Brüste bergen den Funken des Lebens. Es ist ein kleiner Hase, den der Fox vor sich hertreibt. Ich denke: eine kleine, wetterharte Bergart, nie wird er ihn erreichen. Eine Erinnerung aus der Geographieschule wird lebendig: Insel – eigentlich stehn wir ja auf der Kuppe eines hohen Meerbergs? Wir, zehn bis fünfzehn stehengebliebene Badegäste in farbigen Tollhausjacken, wie sie die Mode vorschreibt. Man verwirft begreiflicherweise diesen Gedanken wieder und sagt sich, das Gemeinsame ist nur die unmenschliche Verlassenheit; verstört wie ein Pferd, das den Reiter abgeworfen hat, ist die Erde überall dort, wo der Mensch nicht hinreicht; ja, gar nicht gesund, sondern geradezu geisteskrank erweist sich die Natur im Hochgebirge und auf kleinen Inseln. Aber zu unsrem Erstaunen hat sich die Entfernung zwischen dem Hund und dem Hasen verringert; der Fox holt auf, man hat so etwas noch nie gesehn, ein Hund, der den Hasen einholt! Das wird der große erste Triumph der Hundewelt! Begeisterung beflügelt den Verfolger, sein Atem jauchzt in Stößen, es ist keine Frage mehr, daß er binnen wenigen Sekunden seine Beute eingeholt haben wird. Da schlägt der Hase den Haken. Und da erkenne ich, an etwas Weichem, weil der harte Riß diesem Haken fehlt, es ist kein Hase, es ist nur ein Häschen, ein Hasenkind. Ich fühle mein Herz; der Hund hat beigedreht; er hat nicht mehr als fünfzehn Schritte verloren; in wenigen Augenblicken ist die Hasenkatastrophe da. Das Kind hört den Verfolger hinter dem Schweifchen, es ist müde. Ich will dazwischenspringen, aber es dauert so lange, bis der Wille durch die linearen Hosen in die glatten Sohlen fährt, oder vielleicht war der Widerstand schon im Kopf. Zwanzig Schritte von mir – ich müßte phantasiert haben, wenn das Häschen nicht verzagt stehen blieb und seinen Nacken dem Verfolger hinhielt. Der schlug seine Zähne hinein, schleuderte es ein paarmal hin und her, dann warf er es auf die Seite und grub sein Maul zwei-, dreimal in Brust und Bauch.
Ich sah auf. Lachende, erhitzte Gesichter standen umher. Es war plötzlich wie vier Uhr morgens geworden nach durchtanzter Nacht. Der erste von uns, der aus dem Blutrausch erwachte, war der kleine Fox. Er ließ ab, schielte mißtrauisch zur Seite, zog sich zurück; nach wenigen Schritten fiel er in kurzen, eingezogenen Galopp, als erwartete er, daß ihm ein Stein nachflöge. Wir andern aber waren bewegungslos und verlegen. Eine schale Atmosphäre unausgesprochener Worte umgab uns wie »Kampf ums Dasein« oder »Grausamkeit der Natur«. Solche Gedanken sind wie die Untiefen eines Meeresbodens, aus ungeheurer Tiefe emporgestiegen und seicht. Am liebsten wäre ich zurückgegangen und hätte die sinnlose kleine Dame geschlagen. Dies war noch eine aufrichtige Empfindung, aber dann kam schon ein Gedanke, schon etwas Ferneres, nämlich wie viel besser erzogen ein Neger ist, der Menschen frißt, aber es nur wegen des großen Geheimnisses tut. Endlich nahm ein hochgewachsener behaglicher Herr den Hasen in beide Hände, zeigte seine Wunden den Hinzugetretenen und trug die dem Hund abgejagte Leiche wie einen kleinen Sarg in die Küche des nahen Hotels. Dieser Mann stieg als erster aus dem Unergründlichen und hatte den festen Boden Europas unter den Füßen.
Das Märchen vom Schneider
[Der Tag, 21.11.1923, S. 4]
I.
Ich glaube nicht, daß es ein Schneider war.
Der stand vor dem Richter und sprach:
»Ich will im Gefängnis sitzen; im Gefängnis fühle ich mich noch am wohlsten.
Meine Mutter ist gestorben, mit meinen Freunden bin ich zerfallen; ach ja, und ich war gegen meine Mutter überhaupt nicht so, wie ich hätte sein sollen.
Welchen Wert hat das Leben?! Aber es können nicht alle Selbstmord begehn. Haben Sie Mitleid mit mir!
Haben Sie Mitleid mit mir, Herr Richter, und sperren Sie mich für immer ein! Ich wäre glücklich darüber! Im Gefängnis könnte ich als Schneider arbeiten und brauchte nicht mehr hinaus in die Welt.«
Aber der Richter hatte kein Einsehen und begnügte sich mit einer Woche Arrest.
Dagegen legte der Verurteilte Berufung wegen zu geringer Strafe ein.
Wegen zu geringer Strafe darf nur der Staatsanwalt berufen, belehrte ihn der Richter.
Aber der Staatsanwalt hatte keine Lust dazu.
II.
Ich glaube, bald danach rollte ich über den Ring des 12. November eine große Bombe, sie war größer als ich. Ich hatte an ihr mein Leben lang gearbeitet. Ich wollte mit ihr meine Zeit in die Luft sprengen. Ein Schutzmann hielt mich an und besah sich die Bombe. Ich sagte: Ich muß damit meine Zeit in die Luft sprengen, weil sie mir nicht folgt, Herr Schutzmann, das sind meine Werke. Die Bombe kam mir selbst in diesem Augenblick so groß vor, wie die riesigen Rollen Papiers, die vor den Zeitungsdruckereien abgeladen werden. »Ach, Sie sind von der Zeitung ..« sagte der Schutzmann zärtlich, »Sie brauchen keinen Erlaubnisschein.«
III.
Meine Bombe rollte mit einer wunderbaren Wendung in das Tor unter der Parlamentsrampe, in die große Halle, wo immer die vielen Schutzleute sitzen, wenn eine Revolution angesagt ist. Ich durfte sie auch anzünden, aber sie löschte aus, weil oben geredet wurde. Als ich ausrief: »Das wird zwanzig Jahre nach meinem Tod eine Bombe sein!« stürzten sich alle Schutzleute auf mich. Ich hatte ein Instrument bei mir, das, glaube ich, Brustleier heißt; es ist ein Bohrer, den man gegen die Brust stemmt und mit einer Handkurbel antreibt, man bohrt mit ihm Löcher in Eisen; damit verteidigte ich mich. Ich setzte es einem Schutzmann zwischen dem zweiten und dritten Knopf an und drehte. Er wurde auch immer blasser. Aber die andern griffen nach meinen Armen, und wenn es ihnen auch nicht gelang, sie gleich festzuhalten, so entstand doch um meine Arme ein immer ärgeres Gewirr, unter dem sie schließlich nicht mehr vorwärtskamen.
So wurde ich verhaftet.
IV.
»Herr Richter –!« sagte ich.
»Herr Richter, ich habe vieles studiert und ausgeübt, weil ich ein Dichter werden und meine Zeit kennen lernen –, nicht nur – –«: ich verteidigte mich schamlos, aber der Richter kannte das schon, lächelte und fragte:
»Haben Sie Geld gemacht?«
»Nie!« rief ich froh aus, »das ist doch verboten!«
Da blickte der Vorsitzende dem Nebensitzenden ins Gesicht, der Rechtsanwalt dem Linksanwalt, der Staatsanwalt den Berichterstattern, und alle lächelten. »Ich begehre Sachverständigengutachten!« rief der Verteidiger triumphierend.
»Sie sind angeklagt, weil Sie kein Geld machen«, sagte der Richter.
V.
Seither sitze ich im Gefängnis.
Es fehlt ihm die Gelddrüse, haben die Sachverständigen erklärt, er entbehrt deshalb die moralischen Regulative und wird sofort reizbar, wenn man ihn unverschämt behandelt: außerdem leidet er an Gedankenflucht, er kann sich nicht merken, was andre schon hundertmal gesagt haben, sondern sucht immer neue Ideen. Und so weiter. Noch schlimmer waren die Gutachten der literarischen Sachverständigen. Im ganzen bin ich ein Minderwertiger, dem bloß die Strafbarkeit nicht abgesprochen wurde.
Aber seit ich so weit bin, lebe ich in einem Märchen der Ordnung. Niemand tadelt mein unziemendes Betragen, im Gegenteil, ich falle unter den Zuchthäuslern wie eine holde Erscheinung auf. Meine Intelligenz ist überragend. Als Schriftsteller bin ich eine Autorität und darf sogar für die Aufseher Briefe schreiben. Alles lobt mich. Der ich in der Welt der Lebensgerechten ein Minderwertiger war, bin ich in der Welt der Ungerechten ein vom Consensus omnium getragenes moralisches und intellektuelles Genie. Und ich tue nichts für Geld, sondern alles für Lob und Selbstlob. Ich arbeite wieder als Schneider. Zauberhaftes Wesen der Arbeit, meine Seele ist eine Nadel; sie fliegt stundenlang aus und ein, tagelang, sie summt wie eine Biene, und in meinem Kopf ist so wenig darin, wie wenn man im Gras liegt, und die Bienen summen.
VI.
Sollte mir aber jemand beweisen, daß dies alles nicht wahr ist und ich kein minderwertig gewesener Schneider bin und nicht in einem Gefängnis lebe: dann würde ich den Präsidenten der Republik um einen Ehrenplatz in einem Irrenhaus bitten.
Auch dort ist es schön. Ich ware den Ansprüchen wohl gewachsen, und niemand würde sich darüber wundern, daß ich meine Dinge um ihrer selbst willen treibe. Ja, im Gegenteil, man würde mir auch da alle Hindernisse aus dem Weg räumen.
Der Vorstadtgasthof
[Vers und Prosa, 15.3.1924, S. 89-93]
Um zwölf Uhr, ohne Unterschied der Nacht, wurde das schwere Holztor der Einfahrt geschlossen, und zwei armbreite Eisenstangen wurden dahintergelegt; bis dahin erwartete eine verschlafene, bäurisch aussehende Magd verspätete Gäste. Nach einer Viertelstunde führte sein langsamer, weiter Rundgang einen Schutzmann vorbei, der die Sperrstunde der Wirtschaften überwachte. Um ein Uhr tauchte aus dem Nebel der anschwellende Dreischritt einer Patrouille auf, die von der nahegelegenen Troßkaserne kam, hallte vorbei und wurde wieder kleiner. Dann war lange Zeit nichts als das kalte, feuchte Schweigen dieser Novembernächte. Erst um drei Uhr kamen die ersten Wagen vom Land herein. Mit schwerem Lärm brachen sie über das Pflaster; in ihre Tücher gewickelt, taub von Geprassel und Morgenkälte, schwankten die Leichname der Kutscher hinter den Pferden.
In einer solchen Nacht war kurz vor der zwölften Stunde das Paar gekommen und hatte ein Zimmer verlangt. Die Magd schien den Herrn zu kennen, sie schloß vorerst ohne alle Eile das hohe Tor, legte die schweren Riegel vor und ging danach, ohne weiteres zu fragen, voraus. Es kam erst eine steinerne Treppe, dann ein langer, fensterloser Gang, kurz und unerwartet zwei Ecken, eine Treppe mit fünf, von vielen Füßen ausgemuldeten Steinstufen, und wieder ein Gang, dessen gelockerte Fliesen unter den Sohlen schwankten. An seinem Ende führte, ohne daß dies die Besucher befremdete, eine Steige von wenigen Sprossen zu einer kleinen Diele empor, in welche drei Türen mündeten; sie standen nieder und braun um das Loch im Boden.
»Sind diese hier besetzt?« fragte der Herr, auf die anderen Türen deutend. Die Alte schüttelte verneinend den Kopf, während sie, sich mit der Kerze leuchtend, eines der Zimmer aufschloß; dann stand sie mit hochgehobenem Licht und ließ die Gäste eintreten. Es war ihr noch nicht oft vorgekommen, daß sie hier seidene Unterröcke rauschen hörte und das Trippeln hoher Absätze, die erschreckt jedem Schatten auf den Fliesen auswichen. »Oh, wie schauerlich! Huh, wie romantisch!« hatte die Dame mehr als einmal ausgerufen, und die Alte, mißtrauisch gegen die Seidene, hatte das wohl als einen Tadel verstanden. Störrisch und stumpf sah sie der Dame, die jetzt an ihr vorbeitreten mußte, ins Gesicht. Die nickte ihr in der Verlegenheit herablassend zu und mochte wohl vierzig Jahre alt sein oder einiges darüber. »Jeder war einmal jung;« – dachte die Magd, – »oder mit dem eignen Mann in Gottes Namen noch, wenn’s nun einmal so ist; aber da geht so eine auf Abenteuer aus!« Dann nahm sie das Geld für das Zimmer, löschte im Hausflur das letzte Licht aus und legte sich in ihre Kammer.
Kurz danach war im ganzen Haus kein Laut. Das Licht der Kerze hatte noch nicht Zeit gefunden, in alle Winkel des elenden Zimmers zu kriechen. Der fremde Herr stand wie ein flacher Schatten am Fenster, und die Dame hatte sich, das Ungewisse erwartend, auf dem Bettrand niedergelassen. Sie mußte quälend lange warten; der Fremde rührte sich nicht auf seinem Platz. War es bis dahin schnell gegangen, wie ein Traum anhebt, so stak jetzt jede Bewegung in zähem Widerstand, der kein Glied losließ. Er fühlte, diese Frau erwartete etwas von ihm. Daß sie das durfte?! Sie erwartete, ihn »zu ihren Füßen« zu sehn. Er wußte, du sollst sie jetzt »mit Küssen bedecken«. Es wurde ihm übel. Ihr Kleid war hochgeschlossen, ihr Haar kunstvoll: Das öffnen, war, die unvorstellbare Höhle eines Lebensinneren, die Tür eines Gefängnisses aufschließen. In der Mitte stand ein Tisch; daran saßen die Dinge ihres Lebens; in Hausschuhen, mit Gesichtern. Er beobachtete es feindselig und ängstlich. Sie wollte ihn fangen; ihre Hand drückte die seine unaufhörlich gegen die Klinke. Zum Schluß würde nur übrigbleiben, wie eine Granate hineinzuspringen und die Tapeten in Fetzen von den Wänden zu reißen! Mit äußerster Anstrengung gelang es ihm endlich, diesen Widerständen wenigstens einen Satz abzuringen: »Hattest du mich denn gleich bemerkt, als ich dich ansah?«
Ach, es gelang.
Ein Redebrunnen sprang auf. »Deine Augen waren wie zwei schwarze Stechäpfel!« – oder hatte sie ›Sterne‹ gesagt? – »Dein wilder Mund –«
»Und du warst sofort von Leidenschaft erfaßt?«
»Aber Geliebter! Wäre ich sonst hier?! – Es klang Nachdruck auf ihrer Gegenfrage. Wie, wenn sie einem Unverschämten zum Opfer gefallen wäre? Sie kannte den Menschen nicht; Kleidung, Gang und Gesicht waren vornehm, und die Liebe ist eine Leidenschaft! Das war alles.
»Ich bin dir nachgegangen; durch Tage …!« sagte der Fremde leise.
Er fühlte in diesem Augenblick, daß es ganz unmöglich sei, einen Vogel in die Hand zu nehmen, und diese nackte Haut sollte sich an seine nackte und ungeschützte Haut pressen? Seine Brust sich aus ihrer mit Wärme füllen? Er suchte es mit Witzen zu verzögern. Sie waren gequält und ängstlich. Er sagte: »Nicht wahr, starke Frauen schnüren auch ihre Füße? Mit den Schuhen. Und oben am Bund quillt dann das Fleisch etwas über, und dort sitzt ein kleiner unnachahmlicher Geruch. Ein kleiner, wachsgelber Geruch, den es sonst nirgends in der Welt gibt? Kleider herunter!«
Die unglückliche Frau, die, von einem Wunder angewandelt, ihren Namen verschwiegen hatte, war empört. »Sie irren,« rief sie aus, »sagen Sie mir dann nicht du, lassen Sie mich gehn; ich bin eine anständige Frau, eine Dame!«
»Verzeih!« sagte der Fremde. Er sah wieder edel und leidend aus. So sah nur ein Mensch aus, der eines tiefen Gefühls fähig war. Den eine große sündhafte Leidenschaft quälte. Leopold kommt erst in zwei Tagen zurück, er kann mich auch nicht verstehn – fiel ihr ein – ich sollte trotzdem nach Hause telephonieren, daß ich die Nacht über wegbleibe. Das Blut, das sich ihr vor Unwillen in den Hals gehoben hatte, stürzte nun wieder kopfüber in die Hüften. Der Fremde hielt die Hand vor den Augen. Sie fühlte, daß sie ihm Unrecht getan hatte. Sie jubelte: Eifersucht? Süßer! Bitterer! Mußte es ihm nicht schwer fallen, ohne daß er sie kannte, sich zurechtzufinden! Sie wollte ihm sagen, daß Leopold zwar ein guter Mensch sei – –
Aber der Unverständliche antwortete: »Ich beneide dich um ihn.« Und dabei war zum erstenmal Bewegung in seinem Ausdruck. Seine Augen brannten wie zwei Fackeln, und ihr schien, daß er sie in seinen Worten löschen wollte, so sonderbar begann der Blick zu glimmen. Er fuhr fort: »Ich war nie eifersüchtig. Ich liebe Zimmer wie dieses. Solch einen elenden Stuhl. Dieses Bettzeug; vielleicht lag vor einer Stunde ein Kerl mit Blattern darinnen!«
Sie lächelte: »Du scherzt, Wilder! Sporengeber! Du willst mich bloß die Größe des Opfers fühlen lassen, das ich deiner Schönheit bringe.«
»Nein,« sagte der Mann, »wenn du diese zwei Wachsstumpen ansiehst, sind sie nicht wie zwei niedergebrannte Glieder? Sie haben hier auf dich gewartet. Vielleicht wartet im Bett Ungeziefer, wird sich in den weichen süßen Teig deiner Haut haken und teilhaben an dir, während du dich vergißt. Ich danke dir, daß du gekommen bist. Unter solchen abgeblätterten, zahnlosen, warzigen Dingen traue ich mich erst auszugehn. Sinnlos rollend – ich versichere dir, manchmal ganz sinnlos rollend. Und wenn du schnell machst, ist ein Knarren in mir, ja ein Knarren, ein fürchterlicher, ganz unmenschlicher Laut wie ein Wagenrad.«
»Es ist ein Dichter«, antwortete sie sich, »oder ein Philosoph, sie sind heute so; man muß es jetzt lassen, später werde ich die Wirkung der distinguierten Frau auf ihn ausüben.« Sie begann sich entschlossen auszukleiden; sie war es ihrer Ehre schuldig.
Er bekam nun Angst. Ihn quälte die Vorstellung: Aufmachen! Wie ein Kinderspielzeug, bis an die Räder, die in die Räder aller anderen greifen.
Und die zweite Qual war: Sie verfolgt mich. Sie rollt so aus sich heraus. Immerzu knapp vor mir her. Was redet sie unaufhörlich?! Ich muß mich wie ein Hund auf den runden, rollenden Ball ihres Lebens stürzen.
Sie saß nun bloß in Schuhen und Strümpfen vor ihm. Sie hatte sich ganz ausgezogen, weil er von Ungeziefer gesprochen hatte. Das erschien ihr sicherer. Ihre Hüften rollten in quellenden Falten herab. Sie begann zu zittern.
Seine Augen zerrten wie Hunde an einer Kette hin und her.
»Ziehst du dich nicht aus?« fragte sie.
»Willst du nicht vorher tanzen?« fragte der Fremde.
Tränen des Zorns stiegen irgendwo auf. Die Dame bereute das Abenteuer und wäre weggerauscht, wenn sie gekonnt hätte. Aber was blieb ihr übrig, als ihn interessant und ungewöhnlich zu finden. Ach, die Liebe ist eben ein schaumbedeckt dahinsprengendes Pferd, auch wenn es zitternd stehenbleibt.
»Du mußt wunderbar tanzen«, sagte er wieder verzögernd. »Musik sitzt manchmal bloß an der Grenze des Daseins und bläst hinüber. Aber Bewegungen –!«
»Nein, ich tanze nicht«, antwortete sie. »Sei gut, hör auf, solchen Unsinn zu schwätzen. Ich liebe dich trotzdem, du Ungezogener. Weshalb küßt du mich nicht?!«
Ein Schweigen folgte. Dann fragte er vorsichtig: »Sind die Mädchen ausgegangen, die in deinem Leib wohnten?« Aber gleichzeitig hörte er sich den sinnlosen Satz sagen: ›jung ist, wer liebt‹, und im selben Augenblick hingen ihre Arme um seinen Hals. Seine Augen stürzten wie Fische im Dunkel hin und her.
»Laß deine Augen, Geliebter, Geliebter, du siehst so edel und elend aus!«
Da hob er mit der Kraft der Verzweiflung die Last hoch und küßte sie. »Was macht dein Kungfutse?« fragte er leise. Sie hielt das für einen Fachausdruck aus einer Herrengesellschaft; sie wollte sich keine Blöße geben; er heimelte sie an. Eine Mahnung sagte ihr auch, es wird besser werden, wenn wir erst weiter sind. Die Zungenspitze des Mannes berührte ihre Lippen. Dieses alte Menschenverständigungsmittel, welche Stirnen immer über solchen Lippen sitzen, war ihr bekannt. Sie machte langsam ihre Zunge breit und schob sie vor. Dann zog sie sie rasch zurück und lächelte schalkhaft. Ihr schalkhaftes Lächeln – das wußte sie – war schon berühmt, als sie noch ein Kind war. Und sagte aufs Geratewohl, vielleicht von einer unbewußten Klangverknüpfung bestimmt: Kungfutse freut sich – kein leiser Gedanke verriet ihr, daß sie dieses Wort je schon in einem andren Sinn gehört habe.
Da seufzte der Unbekannte. Die runde Kugel der Welt rollte auf ihn. »Noch einmal!« bat er mit wankenden Knien. Und dann dauerte es lange, bis seine Zähne ganz durch ihre Zunge kamen. Aber endlich fühlte er sie dick im Munde. Der Sturm einer großen Tat wirbelte ihn empor. In seinen Kreiseln riß er die weiße, blutende, in einer Zimmerecke um sich schlagende, um einen hohen, heiser kreischenden Ton, um den taumelnden Rumpf eines Lauts sich drehende Masse der unglücklichen Frau hinweg.