Kitabı oku: «Robert Musil: Gesammelte Werke», sayfa 75
Der Gläubige
[Die Lebenden. Flugblätter, 6.4.1924, S. 2-3]
Schob rasch den Vorhang zur Seite: – die sanfte Nacht! Ein mildes Dunkel liegt im Fensterausschnitt des harten Zimmerdunkels wie ein Wasserspiegel im viereckigen Bassin. Ich sehe es wohl gar nicht, aber es ist wie im Sommer, wenn das Wasser so warm ist wie die Luft und die Hand aus dem Boot hängt. Es wird sechs Uhr morgens am ersten November.
Gott hat mich geweckt. Ich bin aus dem Schlaf geschossen. Ich hatte gar keinen andren Grund, aufzuwachen. Ich bin losgerissen worden wie ein Blatt aus einem Buch. Die Mondsichel liegt zart wie eine goldene Augenbraue auf dem blauen Blatt der Nacht.
Aber auf der Morgenseite am anderen Fenster wird es grünlich. Papageienfedrig. Schon laufen auch die faden rötlichen Streifen des Sonnenaufgangs herauf, aber noch ist alles grün, blau und ruhig. Ich springe zum ersten Fenster zurück: Liegt die Mondsichel noch da? Sie liegt da, als ob es tiefste Stunde des nächtlichen Geheimnisses wäre. So überzeugt von der Wirklichkeit ihrer Magie, als ob sie Theater spielte. (Nichts Komischeres gibt es, als wenn man aus vormittägigen Straßen in den Abersinn einer Theaterprobe tritt.) Links pulst schon die Straße, rechts probt die Mondsichel.
Ich entdecke seltsame Brüder, die Schornsteine. In Gruppen zu dritt, zu fünf, zu sieben oder allein stehn sie auf den Dächern; wie Bäume in der Ebene. Der Raum windet sich wie ein Fluß zwischen ihnen in die Tiefe. Ein Uhu schleift zwischen ihnen nachhause; wahrscheinlich war’s eine Krähe oder eine Taube. Die Häuser stehn kreuz und quer; seltsame Umrisse, abstürzende Wände; gar nicht nach Straßen geordnet. Die Stange am Dach mit den sechsunddreißig Porzellanköpfen und den zwölf Verspannungsdrähten steht vor dem Morgenhimmel als ein völlig unerklärliches, geheimnisvolles oberstes Gebilde. Ich bin jetzt ganz wach, aber wohin ich mich wende, gleitet der Blick um Fünfecke, Siebenecke und steile Prismen: Wer bin ich? Die Amphore am Dach mit eisengegossener Flamme, tagsüber eine lächerliche Ananas, verächtliches Geschöpf schlechten Geschmacks, stärkt in dieser Einsamkeit mein Herz wie eine frische Menschenspur.
Endlich kommen zwei Beine durch die Nacht. Der Schritt zweier Frauenbeine und das Ohr. Nicht schaun will ich. Mein Ohr steht auf der Straße wie ein Eingang. Niemals war ich mit einer Frau so vereint wie mit dieser unbekannten, deren Schritte immer tiefer in meinem Ohr verschwinden.
Dann zwei Frauen. Die eine filzig schleichend, die andre stapfend mit der Rücksichtslosigkeit des Alters. Schwarz. Seltsame Formen haben die Kleider alter Fraun. Sie streben zur Kirche. Längst ist die Seele in Betrieb genommen, und ich will nichts mehr mit ihr zu tun haben.
Hellhörigkeit
[Prager Tagblatt, 20.4.1924, Osterbeilage S. 5]
Ich habe mich vorzeitig zu Bett gelegt, ich fühle mich ein wenig erkältet, ja vielleicht habe ich Fieber. Ich sehe die Zimmerdecke oder vielleicht ist es der rötliche Vorhang über der Balkontür des Hotelzimmers; es ist schwer zu unterscheiden.
Als ich gerade damit fertig war, hast auch Du angefangen, Dich auszukleiden. Ich warte. Ich höre Dich nur.
Unverständliches Auf- und Abgehn; in diesem Teil des Zimmers, in jenem. Du kommst, etwas auf Dein Bett zu legen; ich sehe nicht hin, aber was könnte es sein? Du öffnest inzwischen den Schrank, tust etwas hinein oder nimmst etwas heraus; ich höre ihn wieder schließen. Du legst harte, schwere Gegenstände auf den Tisch, andre auf die Marmorplatte der Kommode. Du bist unablässig in Bewegung. Dann erkenne ich die bekannten Geräusche des Oeffnens der Haare und des Bürstens. Dann Wasserschwälle in das Waschbecken. Vorher schon das Abstreifen von Kleidern; jetzt wieder; es ist mir unverständlich, wieviel Kleider Du ausziehst. Nun bist Du aus den Schuhen geschlüpft. Danach aber gehn Deine Strümpfe auf dem weichen Teppich ebenso unablässig hin und her wie vordem die Schuhe. Du schenkst Wasser in Gläser; drei-, viermal hintereinander, ich kann mir gar nicht zurechtlegen, wofür. Ich bin in meiner Vorstellung längst mit allem Vorstellbaren zu Ende, während Du offenbar in der Wirklichkeit immer noch etwas Neues zu tun findest. Ich höre Dich das Nachthemd anziehn. Aber damit ist noch lange nicht alles vorbei. Wieder gibt es hundert kleine Handlungen. Ich weiß, daß Du dich meinethalben beeilst; offenbar ist das alles also notwendig, gehört zu Deinem engsten Ich, und wie das stumme Gebaren der Tiere vom Morgen bis zum Abend ragst Du breit, mit unzähligen Griffen, von denen Du nichts weißt, in etwas hinein, wo Du nie einen Hauch von mir gehört hast.
Zufällig fühle ich es, weil ich Fieber habe und auf Dich warte.
Sarkophagdeckel
[Vossische Zeitung, 20.4.1924, S. 19]
Irgendwo hinten am Pincio ruhen zwei Sarkophagdeckel aus unedlem Stein zwischen die Büsche gelegt im Freien. Lang hingestreckt liegt tauf ihnen das Ehepaar, das sich einst zum letzten Andenken hat abbilden lassen. Man sieht viele solcher Sarkophagdeckel in Rom, aber in keinem Museum und in keiner Kirche machen sie solchen Eindruck wie hier unter den Bäumen, wo die Figuren wie auf einer Landpartie ruhen und eben aus einem kleinen Schlaf erwacht zu sein scheinen, der zweitausend Jahre gewährt hat.
Sie haben sich auf den Ellbogen gestützt und sehen einander an. Es fehlt nur der Korb mit Käse, Früchten und Wein zwischen ihnen.
Die Frau trägt eine Frisur mit kleinen Locken, – gleich wird sie sie ordnen, nach der letzten Mode vor dem Einschlafen. Und sie lächeln einander an, lang, sehr lang. Du siehst weg, noch immer, ohne Ende.
Dieser treue, brave, bürgerliche, verliebte Blick hat die Jahrhunderte überstanden, er ist im alten Rom ausgesandt worden und kreuzt heute dein Auge.
Wundre dich nicht darüber, daß er vor dir andauert, daß sie nicht wegsehen oder die Augen senken; sie werden nicht steinern dadurch, sondern menschlich.
Der Erwachte
[Berliner Tageblatt, 20.12.1924, Abendausgabe S. ?]
Rasch, listig schob ich den Vorhang zur Seite: – Die sanfte Nacht! Ein mildes Dunkel, liegt die Schlafende im Fensterausschnitt des harten Zimmerdunkels wie ein Wasserspiegel im viereckigen Bassin.
Ich sehe sie wohl gar nicht, aber es ist wie im Sommer, wenn das Wasser so warm ist wie die Luft, und die Hand aus dem Boot hängt, und du mündest aus der Schulter, durch den Arm, mit dem sanft gewundenen Fluß, bis in die runden Meere.
Es wird sechs Uhr morgens am I. November.
Ich bin aus dem Schlaf geschossen wie ein abgeschnellter Pfeil. Gott hat mich geweckt. Ich hatte keinen anderen Grund aufzuwachen. Ich bin losgerissen worden wie ein Blatt aus einem Buch. Von einer Hand. Da bin ich auf den Erdboden geflattert, hieher, vors Fenster. Die Mondsichel liegt zart wie eine goldene Augenbraue auf dem blauen Blatt der Nacht.
Da bemerkte ich, daß es am anderen Fenster, auf der Morgenseite grünlich wird. Papageienfedrig. Schon laufen auch die faden rötlichen Streifen des Sonnenaufgangs herauf. Aber noch ist alles grün, blau und ruhig. Ich springe zum ersten Fenster zurück: Liegt die Mondsichel noch da? Sie liegt da, als ob es tiefste Stunde des nächtlichen Geheimnisses wäre. So überzeugt von der Wirklichkeit ihrer Magie, als ob sie Theater spielte. (Nichts Komischeres gibt es, als wenn man aus vormittägigen Straßen in den Abersinn einer Theaterprobe tritt.) Links pulst schon die Straße, rechts probt die Mondsichel.
Ich entdecke seltsame Brüder, die Schornsteine. In Gruppen zu dritt, zu fünf, zu sieben oder allein stehen sie auf den Dächern; wie Bäume in der Ebene. Der Raum windet sich wie ein Fluß zwischen ihnen in die Tiefe. Ein Uhu schleift zwischen ihnen nach Hause; aber wahrscheinlich war’s eine Krähe oder gar nur eine Taube. Die Häuser stehen kreuz und quer; seltsame Umrisse, abstürzende Wände; nicht mehr nach Straßen geordnet. Die Stange am Dach mit den sechsunddreißig Porzellanköpfen und den zwölf Verspannungsdrähten steht vor dem Morgenhimmel als ein völlig unerklärliches geheimnisvolles oberstes Gebilde. Ich bin jetzt ganz wach, aber wohin ich mich wende, gleitet der Blick um Fünfecke, Siebenecke und steile Prismen; Was bin ich? In welcher Welt lebe ich, o Gott? Der ich am gütigen Tag gleichgültig vertraute Dinge zu sehen meine? Die Amphore am Dach, tagsüber eine lächerliche Ananas, verächtliches Geschöpf schlechten Geschmacks, stärkt in dieser Einsamkeit mein Herz wie eine frische Menschenspur.
Endlich kommen zwei Beine durch die Nacht. Der Schritt zweier Frauenbeine und das Ohr; nicht schauen will ich; nur mein Ohr steht auf der Straße wie ein Eingang. Und niemals war ich mit einer Frau so vereint wie mit dieser unbekannten, als ihre Schritte immer tiefer in meinem Ohr verschwanden.
Dann zwei Frauen. Die eine filzig schleichend, die andere stapfend mit der Rücksichtslosigkeit des Alters. Schwarz. Seltsame Formen haben Kleider alter Frauen. Sie streben zur Kirche. Und nun weiß ich: Längst ist da und dort um diese Stunde die Seele schon in geordneten Betrieb genommen, die mich als Spuk genarrt hat. Frühstück, Briefträger, Morgenblatt! Ich will nichts mehr mit ihr zu tun haben!
Kriegsdämmerung
[Roland, 1. o. 15.1.1925, S. 25-26 u. 28]
Ungarn hat sechzig Generäle pensioniert, aber es kommt von dem gebliebenen Rest immer noch ein General auf je fünfhundert Mann. In Österreich gab’s Manöver in diesem Sommer. Wer von den vorhandenen 16 000 Söldnern – mehr haben sich nicht zu dem Beruf gemeldet – mitmachen wollte, mußte seine Reisekosten selber bezahlen. Doch gab es ermäßigte Fahrkarten dazu ins Salzkammergut, wo die Manöver stattfanden. Man las, daß der soldatische Geist der Truppen nichts zu wünschen übrig ließ und die Offiziere die Reize der Ischler Esplanade erhöhten. Staatswesen wie Österreich und Ungarn, deren Budget nur das dauernde Defizit kennt, vergeuden mit ihren Armeen eine Menge Geld, das sie gar nicht haben. Daß diese Armeen nicht zum Angriff auf die Nachbarn gehalten werden, das braucht man weder in Wien noch in Pest mit dem großen Ehrenwort zu versichern. Aber auch zu irgend einer Verteidigung des Landes gegen einen feindlichen Einfall sind diese Armeen zu schwach. Ihr Dasein würde nur jeden Einfall militärisch immer rechtfertigen. Schaffte Österreich seine Armee ab, wäre es vor dem Einfall eines Einfalls feindlicher Truppen sicherer als wenn es dagegen eine Wehr parat hält. Denn dadurch wird es ein »militärischer Gegner«. Mit guten Gründen, und nur solche gibt es, könnte es seine militärische und kriegerische Kompetenz durch die Auflösung seiner Armee ablehnen und damit ein vortreffliches Beispiel der Abrüstung geben, von der man immer nur redet. Das Beispiel könnte ansteckend wirken. Vielleicht auch auf Deutschland. Will man den Frieden, so muß man etwas tun, nicht nur darüber konferenzieren. Es gibt kein radikales Mittel gegen den Krieg. Weil es kein radikales Mittel gegen die Dummheit, Phantasie und Bestialität des Menschen gibt. Aber es gibt einige Dutzend kleine Mittel, deren keines unversucht bleiben soll. Je schwächer ein Mensch ist, um so stärker wird er seine geistigen Kräfte ausbilden und auf sie bedacht sein, um in schwierigen Situationen zurechtzukommen. Je stärker er ist, je schwerer seine Faust, um so rascher wird er auf seinen Verstand verzichten, um mit der Faust eine schwierige Sache zu erledigen. Das aber ist nicht Tapferkeit. Sondern der Stumpfsinn der Brutalität. Tapfer war der kleine David, nicht der starke Goliath. Der war nichts als stark, und erledigte damit gar nichts als sich selber.
Kein Staatswesen hat von seiner Armee je behauptet, daß sie zum Angriff gehalten würde. Jedes hat versichert, sie sei nur zur Verteidigung da. Vier Jahre lang haben einige Dutzend Armeen irgendwas gegen irgendwas verteidigt. Nur die eine Tatsache blieb unverteidigt, daß es mit Armeen nichts zu verteidigen gibt, das einen solchen Aufwand von Menschenleben rechtfertigen könnte. Es ist ein Aberglaube, die Abrüstung müßte international beschlossen werden. Die das behaupten, wollen eben bestenfalls von der Abrüstung nur reden. Es kommt aber nur darauf an, daß ein Staat von sich aus erklärt, er verzichte darauf, eine Armee zu halten wegen der völligen Aussichtslosigkeit, sich gegen alle Armeen der übrigen Welt zu verteidigen, wenn es dieser übrigen Welt einfallen sollte, ihn zu überfallen oder gar deshalb zu überfallen, weil dieser Staat eben keine Armee besitze, also gewissermaßen nicht satisfaktionsfähig sei. Und solches als einigermaßen vernünftiges Staatswesen auch gegenüber jedem Staatsrowdytum so wenig zu sein prestiere, wie im privaten Leben ein vernünftiger Mann gegenüber einem Korpsstudenten, der eine »Mensur« haben will. Warum soll ein Staat nicht sagen: ich schlage mich nicht auf Giftgase, denn ich bin nicht sicher, ob ich dabei mit dem Leben davonkomme und habe deshalb auf diesen Modus, Händel auszutragen, verzichtet? Dem deutschen Mannesmut, der rechts in die Kanne, links mit dem Rapier steigt, sei gesagt, daß es Mut, wirklichen Mut zu zeigen, unendlich viele Gelegenheiten gibt. Ohne daß man sich dazu zu stimulieren braucht mit Hohenfriedberger, Fahnenschwenken, Trommelwirbel, Schnaps, Zeitungsartikeln, Reden, gefälschten Nachrichten. Man braucht sich den Mut zum Mut nicht erst im Blut des Feindes anzutrinken. Nur die Lieder behaupten, das Soldatenleben sei ein schönes Leben, wenn es auch für eine Weile lustiger sein kann als das Leben eines Bergarbeiters, der der Lockung und Behauptung des Liedes erliegend seine Haue hinschmeißt und: aufs Pferd, Kameraden, aufs Pferd steigen will. Gar bald sieht er sich in einem andern Loch mit einer Gasmaske vor dem Gesicht und pfeift aus einem andern Loch.
Keines der Mittel soll unversucht bleiben, das Eintreten der Unvernunft wie es das Abstellen einer Entscheidung auf das falsche Gottesgericht eines Krieges ist, so weit hinaus als irgend möglich zu schieben. Abrüstung ist ein Mittel. Ein anderes wäre, die Kriegswaffen an der allgemeinen technischen Entwicklung nicht teilhaben zu lassen. Geschieht dies nicht, so ist der künftige Krieg ein solcher einiger hundert mit Giftbomben versehener Luftfahrzeuge gegen die gesamte zivile Bevölkerung eines Landes. Es erübrigt sich also, eine Armee von Infanteristen exerzieren zu lassen. Ein weiteres Mittel ist, den Krieg geschäftlich uninteressant zu machen, wofür man schon aus dem letzten Kriege die Lehre gewinnen kann, daß eigentlich niemand am Krieg profitiert. Im Kriegsfalle wären alle Besitzer von Fabriken, Geschäften und alle Landwirte als bloße Angestellte in ihren Betrieben und Tätigkeiten zu erklären, mit einem Einkommen, das ihrem Friedenseinkommen entspricht und sich um keinerlei Kriegsgewinne vermehrt. Unmittelbar, wenn auch nicht im weitern Ablauf, ist der Krieg mit seinen großen Staatsaufträgen ein Geschäft für alle private Wirtschaft. Die Aussicht auf ein noch größeres Geschäft durch den »Sieg« steigert die Anstrengungen der Geschäftemacher. Daß auch ein »Sieg« nichts einbringt, sondern Verlust bedeutet, ist eine aus dem letzten Krieg gewonnene Erfahrung, die aber für die nächste Generation nicht unbedingt eine zu sein braucht. Denn keine Geschichte beweist irgend etwas für das Künftige. Man wird immer wieder glauben, man würde dem Besiegten diesmal schon das Fell über die Ohren ziehen. Es gibt noch eine Reihe solcher grober, in die Materie greifender Mittel, von denen man sich, wie die Dinge liegen, mehr erwarten kann als von den moralischen Mitteln, wie sie die Pazifisten empfehlen, die an eine radikale Abschaffung der Kriege glauben, was ihrem guten Herzen alle Ehre macht, aber weniger ihrem guten Verstande. Die Kirche und ihre moralische Macht? In der Encyclica Vehementer nos vom II. Februar 1906 heißt es: »Es ist eine durchaus falsche und höchst verderbliche Ansicht, die Angelegenheiten des Staates seien von denen der Kirche zu trennen« – sehr gut, sehr wahr. Aber es möge die Kirche als eine solche Angelegenheit nicht immer nur die konfessionelle Schule betrachten oder die Besetzung von philosophischen Lehrstühlen, was beides einer heiligen Kirche recht nebensächliche Dinge sind. Sie möge, ihrer großen Päpste sich erinnernd, welche Kaiser im Schnee warten ließen, weil sie Unrecht taten, nicht im kleinen billige Macht und leichterworbenes Prestige suchen, sondern in einem Tun, des Höchsten ihrer göttlichen Lehre würdig.
Schließlich hat sie den Satz: »Du sollst nicht töten«, ja nicht nur aus dem mosaischen Gesetz übernommen, weil er zufällig da stand und man die zehn Gebote hübsch beieinander lassen wollte. Aber es ist die Zahl der Gläubigen, welche die Kirche konstituieren, zu gering, als daß sie ihre moralische Macht gegen den Krieg effektiv äußern könnte. Die Zahl der Gläubigen an den zugehaltenen Geldbeutel ist um vieles größer als die Zahl jener, die in den hingehaltenen Klingelbeutel ihren Pfennig werfen.
Brief Susannens
[Roland, 15.1.1925, S. 33-36]
Meine Liebe – ich kann jungen Männern von entsprechendem Aussehen nur raten, sich ein Auge verbinden zu lassen; auch in der Liebe ist weniger mehr. Auf unserer letzten Reise saß mir ein Mann gegenüber, der nur ein Auge hatte, das andere lag unter einer schwarzen Binde; ich versichere Dir, es ist melancholisch, dieses schwarze, verdeckte, von der Welt zurückgezogene, abenteuerliche Auge; Du kannst Dir zehnmal klar machen, daß dieser Mann sich wahrscheinlich bloß mit unsauberen Fingern ins Auge gegriffen haben wird, die Phantasie glaubt nicht an einen Katarrh. Du magst Dir auch klar machen, so viel Du willst, daß (wenn diese Einäugigkeit wirklich eine poetische Ursache hätte) diese Poesie der Einäugigkeit von Wotan bis Wagner im Grunde doch nichts ist als der Mensurkitsch unsrer Brüder, oder die Ausrede unsrer Gatten, welche, sobald sie in die majestätischen Jahre kommen und bequem zu werden beginnen, bekanntlich gern auf das Beispiel Odins hinweisen, der seine Weisheit mit einem Verlust an Sinnlichkeit bezahlte. Es hilft Dir nichts, das schwarze Auge spielt auf Dir Chopin.
Du hast mehr gelernt als ich: ich glaube, irgend so etwas nennt man eine Minusvariante. Für die Vernunft ist’s ein Defekt, aber er regt auf. So war’s bei mir. Sicher ist die Erfindung des Monokels auch von der Einäugigkeit hergekommen. Ich sehe daran, von welcher Art die Genüsse unserer Zeit sind: während das schwarzverbundene Auge das freie unterstützt und bildhaft geheimnisvoll macht – man sucht geradezu das andere Auge –, schlägt das »bewaffnete« Auge seinen Zwilling aus dem Feld; ich erinnere mich in der Tat bei keinem einzigen unserer monokeltragenden Bekannten an die Farbe seiner Augen, und so soll es wahrscheinlich auch ihrer Meinung nach sein: blendend, blitzend, spießend, aber nicht gespießt werden dürfend, sie haben aus einem geistigen Reiz eine lächerliche Einschüchterungstechnik gemacht. Die Augenfarbe meines Unbekannten hatte ich dagegen bald festgestellt. Wenn es wahr ist, daß auf einen groben Klotz ein grober Keil gehört, so muß, nach der »Schneidigkeit« des Keils zu urteilen, unsere Frauenphantasie heute wirklich prima deutsche Eiche sein.
Das gesunde Auge meines Unbekannten lag halb im Schatten seines herabhängenden Pelzes. Mit einer ganz kleinen Bewegung kam es hervor, wenn es mich betrachten wollte, was oft genug geschah, aber sobald ich aufsah, verschwand es geschickt, und das schwarze Oval des Verbandes fing den Blick wie ein Schild auf, während der entschlüpfte Gegner unsichtbar aus dem Dschungel des Pelzwerks zielte. Das ist auf nicht zu langen Eisenbahnfahrten ein ganz lustiges Spiel. Wir blieben beide, wie sich’s gehört, völlig ernst dabei. Ich weiß natürlich genau, wie ich aussehe. Nicht mehr ganz jung, wie Du zugeben wirst. Das Kinn war energisch und der Hals gerade, heute hängt ein leichter Vorhang von Fett über beiden wie ein weiches, angeschmiegtes Tuch. Manchmal im Spiegel hat das für mich den Reiz schwerer Winterkleider oder überhaupt langer und hochgeschlossener Kleider, unter denen der Körper nur noch in schwächster und wie alle Unbestimmtheit erregender Andeutung zu fühlen ist; ich liebe es dann auch, daß meine Hüften im Verhältnis zu meiner Größe schon die äußerste noch schöne Breite erreicht haben, daß die Spindelform der Schenkel so hochgewickelt ist, daß wir bald, aber jetzt gerade noch nicht ausgesponnen haben werden, und daß man nicht mehr wie einst, aufrecht stehend in den zarten Einschnitt zwischen Brust und Bauch einen Seidenfaden legen könnte, ohne daß er herunterfiele. Ich denke mir, so könnte einem Akrobaten auf dem Turmseil in der tiefsten, schwankendsten Mitte zumute sein; von hier ab geht dann jeder Schritt wieder ins Ruhigere und Befestigte. Aber ich vermag mir vorzustellen, daß ein zwanzig Jahre junger Mann vor mir schaudern könnte wie weiland Joseph, wenn ich mich vergessen würde, an ihm zu handeln wie Potiphar. Auch meine brünette Haut müßte dazu beitragen, die an der Stelle, wo der Hals der Brust aufsitzt, bräunlich zu werden beginnt und den blonden Puder nicht mehr trägt, den meine »aufgehellten« Haare verlangen. Aber die Augen liegen noch dunkel in ihren Räucherpfannen, und neben ihnen steht die blonde Nase mit allem Reiz der Umkehrung, die sich ihnen zuliebe adelig abwärts beugen müßte, aber statt dessen sich eins in die Luft schwuppt. Nicht deshalb, weil ich mir über die Freundschaft keine Illusionen mache, schildere ich Dir das so sachlich, sondern weil ich überzeugt bin, daß es nichts Böses gibt; man darf bloß zwei Fehler nicht begehen, weder es nicht bemerken, noch blind vor Abscheu werden, dann entsteht schon noch etwas Gutes daraus. Mein Mann muß längst jede Einzelheit meines Körpers gesehen haben und er liebt mich trotzdem, er liebt mich so, wie ich bin: das macht ihn mir zu Zeiten fast unerträglich, denn es nimmt mir alle Kraft, ich möchte sagen, alles Phantasieren aus dem Körper; ich bin dann wie ein ausgelesenes Buch, das man für sehr schön erklärt, denn daß ein Buch schön ist, ist auch kein Ersatz dafür, daß es ausgelesen ist.
Dabei fällt mir ein, daß ich Dir noch eine Frage beantworten muß: Es ist mir natürlich ganz gleichgültig, was ich lese. Die ersten fünfzig Seiten brauche ich vielleicht, um mich hineinzufinden, und da bin ich auch noch empfindlich gegen die größere oder geringere Geschicklichkeit des Autors, aber dann glühe ich bloß vor Begeisterung darüber, daß ich noch dreihundert unbekannte Seiten vor mir habe oder noch drei, denn das ist mir ganz egal, solange ich nur überhaupt noch eine Seite vor mir sehe. Das Buch braucht auch nicht spannend zu sein; Regentropfen, die aufs Fensterblech trommeln, sind weniger belehrend, aber viel suggestiver als Beethoven. Im übrigen will ich mich damit aber gar nicht als Vorbild aufspielen, und wenn ich auf der letzten Seite bin, halte ich jeden Schriftsteller für einen Betrüger. Auch am Mann ist das Wichtigste, daß er uns in erhöhtem Maß möglich sein läßt, solang’ er uns nicht satt hat. Denn ich bin überzeugt, obgleich Du mich nicht verraten darfst, denn ich kann es nicht beweisen, daß z. B. Napoleon in jüngeren Jahren sicher sehr enttäuscht gewesen wäre, wenn man ihm vorausgesagt hätte, daß er einmal Kaiser der Franzosen sein werde und nicht auch Kaiser der Welt, Papst, der erste Mensch, der fliegen kann usw., ja daß sein Niedergang mit der ersten Minute der Selbstzufriedenheit begann. Wie haben wir es in der Naturgeschichtsstunde gelernt? Die Natur verschwendet Millionen Keime, damit einer sein Ziel erreicht! Also ist die Monogamie eine geminderte Form der Unzucht wider die Natur.
Ein Mensch, der nur mit einem Auge schaut, hat einen langen Blick, er geht wie eine Fingerspitze über das Gesicht und den Körper hin. Ich fühlte geradezu die Neugierde – nicht mich berühren, das wäre eine Indiskretion gewesen, die sich der aufs beste erzogene Fremde nicht erlaubte, aber mich vorsichtig auskundschaften. Bald war er da, bald war er dort; manchmal war seine Diskretion auch unerhört indiskret; das Hübsche war, daß man die geistige Leistung dahinter fühlte. Ich öffnete oder schloß den Pelz und den seidenen Schal, zeigte Teile, stützte den Arm auf oder ließ ihn in den Schoß weisen; ich bilde mir ein, daß ich den Fremden sehr bemühte, der aus Umrissen und Einzelheiten ein Bild des Ganzen gewinnen wollte. Und ich kann nur sagen, er erfand mich dabei in der begabtesten Weise, während wir beide den endgültigen Sinn nicht voraus wußten. Erinnerst Du Dich, bei Nietzsche gelesen zu haben: ›Alles Gute macht mich fruchtbar, das ist die einzige Form der Dankbarkeit, die ich kenne‹? Das ist ein wunderbarer Satz für Frauen, die keine Kinder haben wollen.
Von Zeit zu Zeit fragte mich ›Manni‹, ob er mir ein anderes Buch reichen dürfe oder etwas Konfekt oder ein Fläschchen mit irgendwas: ein Abgrund lag zwischen uns, auf dessen anderer Seite ich mich mit dem Fremden befand. Aber siehe, wir näherten uns dem Ziel, und die Nervosität der Ankunft kam über meinen Gatten, der alle Köfferchen auf- und zuklappte, einlegte, herausnahm, umlegte usw., die Vororte flogen vorbei, und nun kommt das, weswegen ich Dir heute überhaupt schreibe. Ich dachte mir plötzlich, was wohl das Auge des Fremden zu all den Eröffnungen sagen werde, die ihm mein Gatte in der naivsten und taktlosesten Weise bereitete? Aber wie ich aufsah, erkannte ich, daß dieses Auge gar nicht mehr zu uns gerichtet war, sondern in der sorgenvollsten Weise zwischen den eigenen Gepäckstücken seines Herrn hin und her flog. Und da bemerkte ich erst, daß auch ich selbst schon längst mit nichts anderem beschäftigt war, als meinem kleinen goldenen Taschenspiegelchen, Puderquästchen und der ganzen übrigen Katzentoilette, die uns schon ganz unbewußt ist; ich hatte tatsächlich den Fremden völlig vergessen.
Und das ist nun eigentlich wirklich ein sonderbarer Schluß. Niemand erwartete mich, und ich putzte mich für niemand, während der Konkrete, der Wirkliche mir gegenüber, der die Hand schon an der Klinke gehabt hatte, mich dabei nur unbedeutend finden konnte. Oder ich habe die Pfanne mit der Taube auf dem Herd anbrennen lassen, weil Spatzen auf den Dächern sitzen, ja nicht einmal deshalb, sondern wegen eines allgemeinen Spatzen, der in seiner Allgemeinheit nur eine Fiktion ist. Ich habe wirklich darüber nachdenken müssen. Dabei fiel mir ein altes, aber sehr passendes Beispiel ein; es ist nämlich ganz ähnlich wie das Spiel mit der Rüstungsindustrie bei den Männern, die geschieht auch für keinen im Bestimmten geplanten Krieg, sondern nur so im allgemeinen; höchstens stößt ein Unglück gelegentlich hinzu. Es sind die Männer uns viel ähnlicher, als wir glauben.