Kitabı oku: «Robert Musil: Gesammelte Werke», sayfa 76
Zweiter Brief Susannens
[Roland, 5.2.1925 als ›Unsere Männer‹;
Text nach: Prager Presse, 8.2.1925, S. 4-5]
Meine Liebe! Ich finde, unsere Männer haben sich in heillose Ideen verrannt, und es hat mir in den letzten Jahren viel Vergnügen bereitet, zu fragen, wie sie sich die eigentlich denken. Sie sind völlig unfähig, ihr Leben mit diesen Ideen zu beherrschen und haben eine große Angst vor ihnen, welche sie Verehrung nennen. Eigentlich ist es so: Wenn ich meine Kammerzofe dabei erwische, daß sie sich von meinem Freund hat küssen lassen, ist mein Mann wütend und weiß nicht, ob er sofort die Zofe entlassen oder meinem Freund das Haus verbieten soll, wegen »Untergrabung der Autorität«, »taktloser Außerachtlassung der Herrschaft« und einem guten Dutzend anderer Gründe. Er bekommt einen angestrengten Kopf, wenn er sich ausdenkt, wieviel schuldige Rücksichten ein solches Benehmen verletzt hat; und wenn ich schließlich sage: »Weißt du, Manni, das Gescheiteste ist, wir tun, als ob wir von nichts wüßten«, fällt ihm ein Berg vom Herzen, aber er blickt mich zornig an und sagt: »Ihr Frauen kennt keine Verantwortung für das Allgemeine.«
Und er hat, soweit es mich angeht, recht damit. Ich habe einmal einen Freund besessen, welcher Physiker war, und lasse mir gerne von meinen Freunden erklären, was sie eigentlich treiben. Der sagte mir nun, daß jedes seiner, so sonderbar tätowierten Zeichen, die er Mathematik nennt, ihm eine allgemeine Formel ganz kurz aufschreiben hilft, aus der er wann immer und mühelos alle nur möglichen Einzelfälle ablesen kann, mit denen er einzeln nie zu Ende käme. Das lasse ich mir gefallen. Aber was sind allgemeine Sätze wert, die einen vor jedem besonderen Fall nur hindern? Und von dieser zweiten Art sind alle Sätze, aus denen Manni seine »Verantwortung für das Allgemeine« bezieht.
Meine Liebe, diese Frage ist für uns Frauen von großem Interesse. Manni sagt: »Du sollst nicht töten.« Aber ich habe ihn nur mit vieler Mühe von der Vorstellung abgebracht, daß ein Mann den »Räuber seiner Ehre« nicht töten dürfe, wenn er ihn in flagranti erwische. Ihn zu überzeugen, ist mir überhaupt nicht gelungen; glücklicherweise sind die »Edelverbrecher aus Leidenschaft und Ehre« im Jahrzehnt vor dem Krieg einfach aus der Mode gekommen, und das half mir. Dafür litt Manni dann im Krieg wieder fürchterlich an Philosophie. Wir hatten unlängst einen netten jungen Menschen zu Tisch, der nicht lang vorher in eine sogenannte Skandalaffäre verwickelt gewesen war, das heißt, er war mit einer etwas albernen Frau und ihrem Geld verreist, hatte das Geld mit Einwilligung der Frau »arbeiten«, die Frau aber dann ohne ihre Einwilligung »sitzen« lassen, für beides gab es also genügende Gründe, aber im Augenblick der Lösung war die Sache noch unaufgeklärt und geriet leider Gottes in die Zeitungen. »Eigentlich sollte man einem solchen Menschen nicht die Hand geben«, sagte deshalb Manni, nachdem dieser bei uns zu Mittag gegessen hatte. »Aber er hat dir doch nichts getan«, erwiderte ich. »Im Gegenteil, du hast mit ihm ein sehr vorteilhaftes Geschäft abgeschlossen.« »Ja«, sagte Manni, »er hat nicht mir geschadet; aber selbst wenn er meinem Feind geschadet hätte, dürfte ich eigentlich nicht darüber hinwegsehen, sofern ich die gleiche Handlung mir gegenüber verachten würde!«
»Aber die gleiche Handlung dir gegenüber ist ja in diesem Falle von vornherein ausgeschlossen!«
»Handle stets so«, sagte Manni, »daß dein persönliches Handeln allgemeines Gesetz sein könnte ..«
»Aber es kann gar nicht Gesetz sein« – ich – »denn dazu gehört ein zufälliges Zusammentreffen dieses Geldes, dieser Umstände, dieser Frau und dieses Mannes, und zumindest der letzte ist ein netter, eigenartiger Junge und läuft nicht in der zu einem Gesetz nötigen Vielzahl von Exemplaren umher!« Da bekam Manni seinen »allgemeinen Kopf« und legte den Fall in lauter allgemeine und unbestreitbare Gesetze auseinander, eins immer größer als das andre; aber zusammensetzen aus ihnen konnte er ihn nicht. Es ist bei den Männern immer so. Sie können wundervoll beweisen, daß etwas Eigentum oder daß es Diebstahl ist, daß einer ein Spion oder daß er ein Held, daß ein andrer ein Kraftmensch oder daß er ein Rohling ist: wenn es sich aber um das entweder entweder oder oder handelt, dann schwindeln sie wie die Frauen. Sie setzen die Welt aus lauter allgemeinen Regeln zusammen und müssen nachträglich lauter Ausnahmen zulassen, damit die Sache stimmt Manni fordert, daß der Staat mehr für die christliche Gesinnung tue, aber er selbst geht nie in eine Kirche und hat lauter jüdische Geschäftsfreunde; er findet es schön, daß wir in einer modernen und demokratischen Zeit leben, aber er möchte es um keinen Preis missen, daß es darin Hoheiten, Fürsten, Grafen, Eminenzen und dergleichen gibt; er verehrt das Große im Leben, aber er weiß, daß der Lebensquell im dunkelsten Winkel kocht, wo mit knüppeldickem Egoismus geheizt wird; er sagt, daß nur noch die Generale an die Möglichkeit eines Kriegs glauben, während er nicht an die Generale glaube, aber für alle Fälle läßt er die Generale gewähren: meine Liebe, es ist eine schwierige Welt, die der Männer, in der jede Behauptung mehrfach durchstrichen, aber keine ausgelöscht ist. Ich bin überzeugt, ohne die Ausnahmen wäre diese Welt überhaupt längst stecken geblieben, und wäre ohne sie nicht einen Tag lebensfähig; sie regt sich recht eigentlich vom Bösen und benützt die Tugenden bloß als Hemmung, ohne sich das einzugestehn. Ich bin auch, unter uns gesagt, überzeugt, daß der große Männerkrieg bloß deshalb ausbrach, weil sie sich in ihrem Frieden nicht mehr auskannten; sie haben sich direkt aus diesem Frieden in jenen Krieg geflüchtet. Und wenn ich bedenke, was nachher in der ganzen Welt geschah, – wie man zum Beispiel die längste Zeit die Drückeberger und Schieber verachtete, um schließlich in ihnen kluge und erfolgreiche Männer zu sehn, – will es mir scheinen, daß wir weniger durch unsre Unmoral zu schanden geworden sind als durch unsre Moral welche zwischen Himmel und Hölle, niemals auf der Erde sitzt.
Wenn ich so etwas aber Manni sage, wird er böse wie ein Junge, dessen Schulregeln man widerspricht, und erklärt, daß man mit Mädchen überhaupt nicht spielen könne Um wieviel klüger sind amouröse Frauen als charaktervolle Männer! Jede letzte Tatsache ist nur die erste von einer neuen Reihe Jedes allgemeine Gesetz nur ein besonderer Teil eines noch allgemeineren Gesetzes, das bald zur Entfaltung kommen wird. Ein Mann beendet seine Geschichte – wie herrlich! wie abschließend! wie sie den Dingen ein neues Ansehen verleiht! Doch siehe! Da erhebt sich schon auf der anderen Seite ein anderer und zieht einen Kreis um den Kreis, den wir eben erst als die Grenze der Schöpfung gepriesen haben!« – Diese Bemerkung ist nicht von mir, aber sie enthält eine vollendete Rechtfertigung der sogenannten Untreue. Und wie genau wissen wir, daß es nicht das gleiche ist, wenn zwei das gleiche tun Ein Mann kann uns Böses tun und uns durch die Art, die er dabei hat, entzücken, und ein anderer kann uns nur Gutes tun, wird uns aber trotzdem mit Abscheu füllen Immer entscheidet das Ganze, die unaussprechliche Balance, niemals bauen wir unsere Rechtfertigung vor uns selbst aus Einheiten und verallgemeinerten Einzelheiten auf. Manchmal habe ich große Lust, Manni darüber einen Vortrag zu halten, aber ich spreche nicht gern mit ihm zu aufrichtig über Moral. Du mußt deshalb verzeihen, wenn ich diesen Brief an dich dazu mißbraucht habe.
Zivilisation
[Roland, 11.3.1925, S. 10]
Einem französischen Senator, welcher zu Poincarés Zeiten im Finanzausschuß der Pariser Kammer die Berichterstattung über die Rüstungsauslagen verwaltete, war nachgewiesen worden, daß er von Polen und Rumänen »Perzente« genommen hatte; von der schimmernden Wehr waren einige Schuppen in seine Taschen gefallen, während er Schulter an Schulter stand.
Ich finde das ein schönes Beispiel der europäischen Zivilisation. Ich freue mich, daß Poincaré damals nicht nur die von diesem Mann vorgeschlagenen Kredite durchsetzte, sondern eigens einen für Jugoslawien noch dazu. Denn das grenzt schon wieder an Geradheit und Offenheit. Jedes Kind weiß, daß Gott heute nicht mehr bei den stärksten Bataillonen ist, sondern bei den Großbanken; wenn die Bataillone aber nur ein Papier der Rüstungsindustrie sind, dann ist es gesund, von ihnen Perzente zu nehmen, und man sollte sie bald auch an der Börse handeln.
Was dem entgegensteht, ist nur ein Rest europäischer Romantik. Die großen Nationen treten lieber als Räuber auf, denn als Diebe; sie ballen die Faust, um die Diebsfinger zu verbergen, und schöne Reden müssen das begleiten. Man dankt deshalb sehr viel diesem Senator, der auf den Räuberpflanz in so vorbildlicher Weise verzichtete und als ehrlicher Dieb sich sozusagen enthüllen ließ wie ein Denkmal, ohne von seinem Platz zu weichen. Ein solches Beispiel muß sich durchsetzen. In Paris soll man z. B. heute schon bestimmte Theaterkritiker kaufen können, bei uns muß man noch mit ihnen befreundet sein, was oft viel unangenehmer ist. Daß Ärzte, Rechtsbeistände, Geistliche, Journalisten Hilfe nur dem gewähren, der sie bezahlt, gilt auch bei uns als selbstverständlich; wenn man aber einen Senator gewinnen wollte, so mußte man (bis vor kurzem; jetzt scheint sich ja endlich eine Änderung angebahnt zu haben) zwanzig Leuten Vorteile erweisen, damit man vom zwanzigsten dem für seine Person uneigennützigen Mann empfohlen wurde. Ich weiß nicht, ob ehrlich am längsten währt, aber es währt jedenfalls lang und ist eine umständliche Währung. Und während bei uns immerhin noch in den meisten Dingen ein rückständiger Tauschhandel herrscht, scheint sich anderswo schon der völlige moralische Geldverkehr durchzusetzen.
Man darf sich natürlich nicht täuschen und glauben, daß Krieg und Niedertracht aufhören können, solange er nicht völlig und rein im privaten wie im öffentlichen Leben durchgeführt ist. Die Hunde haben ihre ausgezeichneten Nasen, aber wir Menschen gehen aneinander vorbei und vermögen uns nicht zu erkennen. Wir haben noch eine ganz ungeregelte und wilde Preisbildung für das, was wir wollen, und sind von denen, die uns brauchen, so wenig zu finden wie Bücher ohne Katalog. Im reinen Geldzeitalter werden wir Ziffernsysteme und unendlich glücklich sein. Sich selbst bewegende Zahlen, so wie es Pythagoras und Platon geträumt haben.
Ein Beispiel
[Roland, 18.3.1925, S. 9-10]
Man erinnert sich der Wiener Affäre Hochenegg, welche daraus entstand, daß der bekannte Kliniker in einer Universitätsvorlesung der Ärzteschaft vorwarf, für Zuweisung von Patienten, welche einer Spezialbehandlung oder Operation bedürfen, Provisionen zu geben und zu nehmen. Derartiges soll auch anderswo als in Wien vorkommen und wird im nahenden reinen Geldzeitalter zu einer Tugend werden. Denn es ist nicht nur ungerecht, sondern auch gedankenlos, zu verlangen, daß einzelne Berufe dauernd von den Gebräuchen des Markts ausgeschlossen bleiben sollen, welche die andern schon ergriffen haben. Wir überlassen die höchsten geistigen Güter, wie z. B. die Kunst, bereits ganz dem kaufmännischen Getriebe und möchten bloß bei einigen lebenswichtigen Berufen noch Ausnahmen machen; was Kleinmut ist, denn solange man vom Arzt eine andere Ehre verlangt als die gewöhnliche Kaufmannsehre, beweist man wenig Vertrauen in die übrigen, längst vom Geld abhängig gewordenen Lebensbeziehungen. Hier ist eine Entscheidung zu treffen. Die Gesellschaft verlangt von ihren wichtigsten Dienern die wichtigste Dienertugend: Redlichkeit; das ist heute noch verständlich, wird aber bei der flüssigen Beweglichkeit der Geldmacht bald eine undurchführbare Sache sein.
Zweifellos ist es keine beruhigende Vorstellung, zu wissen, daß der Blinddarm oder die Rachenmandeln sozusagen einen Marktwert haben; im Gegensatz zu andern Effekten wird man dieses Besitzes dann nicht mehr recht froh, und es liegt nahe, im Hausarzt einen Konkurrenten zu sehen, der ihn streitig macht. Denn man darf natürlich nicht glauben, daß man der Stimme des Gewissens folgen und dennoch Provisionen nehmen könne. Ein Mensch, der Provisionen nimmt und dem sie in verschiedener Höhe angeboten werden, wird sich immer von ihnen beeinflussen lassen. Wohl aber darf man fragen, ob das unbedingt der Gesundheit des Patienten mehr schaden muß. Denn ein provisionsloser Arzt, der einen Spezialisten oder Operateur empfiehlt, wird auch heute schon der Stimme seines Gewissens nur dann folgen können, wenn er sich aus Literatur und Erfahrung wirklich ein Urteil über ihn zu bilden vermag, zweifellos also nur in einer sehr kleinen Zahl der an ihn herantretenden Fälle, und in allen anderen Fällen wird seine Entscheidung sehr vom Hörensagen und ähnlichen Imponderabilien, zu denen auch der Ruf der Autorität gehört, abhängen. In der Zukunft wird an Stelle dieser Imponderabilien das ponderable Geld treten, und man soll nicht übersehen, daß damit auch Vorteile verknüpft sind.
Betrachten wir, um das Standesethos nicht heftig zu verletzen, unsere Badeorte. Was der Arzt von ihnen lernt, ist ein sehr vages Wissen, das sich bei manchem Patienten bewährt und bei manchem nicht. Er kann unmöglich die Wirkung der Quellen und ihres Drum und Dran genau unterscheiden und wird in vielen Fällen die feinere Differentialdiagnose davon abhängen lassen, ob der Patient lieber nach Süden oder nach Norden reist, weil diesem Berufs- oder Vergnügungsgründe dazu raten. Und nun nehme man an, die Badeorte würden für jeden Gast dem zuweisenden Arzt eine Vergütung zahlen. Von diesem Zeitpunkt an würden sie in eine Linie treten mit großen Firmen, welche ihren Agenten Provision zahlen, und hat man schon je gehört, daß schlechte Automobile oder ungenießbarer Wein sich den Markt dauernd dadurch erobert hätten, daß ihre Agenten große Provisionen bekommen? Der beschämende Zustand der Ungewißheit wäre zu Ende, und es würden sich auf den Arzt und Patienten alle Segnungen einer gesunden Wirtschaft ergießen. Man könnte einen schlechten Badeort wohl einige Jahre lang empfehlen, aber nicht länger, weil er so rasch zugrunde ginge, wie ein langweiliges Theater trotz der besten Kritiken es tut. Wahrscheinlich würden bei diesem System anfangs mehr Menschen sterben als heute, aber weiterhin würden mehr gesund werden, denn der Arzt kann irren, die Verhältnisse von Preis, Wert, Angebot und Nachfrage regeln sich aber von selbst nach immanentem Gesetz.
Unsinn? Oder vielleicht schon Utopie? Übrigens – da es so viele Fachärzte schon gibt –, weshalb sollte es dereinst nicht auch den Facharzt für provisionslose Vermittlung der Fachärzte geben, der eben für diese Tätigkeit bezahlt und für sie vorgebildet wird? Hoffen wir übrigens, daß all dieses kein Unsinn, sondern wirklich eine Utopie sei. Denn in der ganzen Länge der Geistesgeschichte ist noch nie eine Utopie so eingetroffen, wie sie ausgedacht worden ist. Wohl aber mancher Unsinn.
Kleine Lebensreise
[Vossische Zeitung, 27.6.1925, S. 11]
Das Leben ist voll Wunder.
Bloß sind sie bezahlt und gehören immer schon irgendwem.
Aber in Simmering, da hat ein Steirerwagerl auf der Straße gestanden, mit einem Pony davor, so ein kleines Wagerl mit einem noch kleineren Pferd. Wenn ich ein Pony seh, glaub ich selbst immer, es gehört mir: so bös freundlich schaun die Augen aus dem Zottelbehang; so klein ist das Ganze, daß man es unter die Hand nehmen kann; und der Schweif ist so prächtig. Weshalb hätten die Sultane sieben Roßschweife, wenn nicht etwas daran wäre?! Und dabei bin ich doch schon ein recht erwachsener Mann. Die Buben aber, die in Simmering plötzlich das Steirerwagerl mit dem kleinen Pferd gesehen haben, waren neun oder zehn Jahre alt und kamen noch dazu gerade aus der Schule. Da begann das Wunder; es war nämlich niemand bei dem Wagen, dem er gehören konnte.
Die Buben sind aufgestiegen, haben die Zügel gelupft, und richtig fing das Pony an zu gehn; auch zu laufen, wenn man schnalzte, und alles vollzog sich so prächtig wie im Märchen. Hunde mußten ausweichen, Fußgänger zur Seite springen, sogar der Schutzmann an der Straßenkreuzung mußte Zeichen geben wie einem richtigen Wagenbesitzer. Sie sind auf den Laaerberg gefahren, dann zur Ostbahn, über den Rennweg in die Nobelstadt hinein, und wie sie schließlich wieder zur Wiese hinter der Simmeringer Waggonfabrik gekommen sind, haben sie das Pferd ausgespannt, und es mußte grasen. Hugh! Wenn gar nichts andres geschehen wäre, als daß das Pferd grasen mußte, so wüßte man schon, daß diese kleinen Diebskerle Märchenbuben aus einem Indianerwigwam waren.
Ist es ihnen langweilig geworden? Sie sind weitergefahren, und in der – Brehmgasse heißt sie, gab’s den unvermeidlichen Streit. Der eine wollte links fahren, und der andere rechts. Danach wollte der eine das Pferd verkaufen, und der andere wollte es nach Hause nehmen. Damit war das Wunder aus. Natürlich kommt alles Übel in der Welt nur davon, daß es links und rechts gibt. Denn entweder wollen alle das gleiche, dann kann es nicht jeder haben, oder der eine will links und der andere rechts, dann ist nur einer der Stärkere. Und schon war auch ein Schutzmann da, der durchschaute, wie es seine Pflicht ist, alles, und heute gehört das Wunder mit dem Pony wieder dem, der es bezahlt hat, und die beiden Buben wurden ihren Eltern und dem Auge der Jugendfürsorge empfohlen.
Die hat es nicht leicht; was soll sie ihnen sagen? Diese beiden Buben sind von einem Ende des Lebens zum andern gefahren. Soll sie ihnen sagen: Der Starke greift zu? Dem Mutigen gehört die Welt? Der Mensch muß aus ganzer Seele handeln? Oder soll sie ihnen sagen: Wenn Ihr morgens ein Ding mit ganzer Seele nehmt, wißt Ihr mittags nicht mehr, was Ihr damit anfangen sollt; wenn Ihr aber das Ding morgens ohne Seele zu einem Geschäft braucht, wie der Mensch, dem Ihr es gestohlen habt, werdet Ihr es auch nachmittags dazu brauchen können? – Sie wird ihnen wahrscheinlich das Dümmste antworten, was man antworten kann, sie wird gütig lächeln und sagen: Ihr habt eine Dummheit gemacht.
Kehrseite einer Anekdote
[Der Tag, 9.4.1926, S. 5]
I.
Vor einiger Zeit ist in diesem Blatte eine Anekdote erschienen, die ungefähr den folgenden Sinn hatte:
Zu dem großen Schriftsteller und Mathematiker Leo Perutz ist einmal ein bekannter Schmock, namens Robert Musil gekommen und hat gebeten: »Schreiben Sie mir doch etwas über Mathematik für mein Blatt, Herr Perutz, oder so über Angrenzendes, sagen wir Ethik!« Worauf der Schriftsteller und Mathematiker Perutz, ohne seine Ruhe zu verlieren, erwiderte: »Wissen Sie was? Ich werde über die sittliche Basis des gleichschenkeligen Dreiecks schreiben!«
Dieses Gespräch ereignete sich nämlich gerade in der Zeit des größten Einsteinrummels.
II.
Ich will gerne den Glauben bestehen lassen, daß ich als Schriftsteller das Gegenteil des großen Leo Perutz bin.
Aber von Mathematik verstehe ich zufällig ein wenig; ich kann mich zwar nicht einer Perutzschen Ausgleichsformel rühmen, doch ist immerhin ein physikalischer Apparat von mir in wissenschaftlichem Gebrauch, der einiges technisches Rechnen erfordert hat. Auch gelte ich hauptsächlich deshalb für einen schlechteren Unterhaltungsschriftsteller als Herr Perutz, weil ich immer wieder an ethischen Fragen hängen bleibe, über die ich nicht so schnell hinwegkomme wie er. Ja, ich habe sogar einigemal über gewisse Zusammenhänge zwischen moralischem und mathematischem Denken geschrieben; zwar nicht in herkömmlicher Weise, aber es freut mich doch, darauf hinweisen zu können, daß es auch eine solche gibt und daß sie eine ganze Bibliothek philosophischer und pädagogischer Schriften umfaßt.
Würde man also den wahren Wortlaut wieder herstellen, so käme der in der Anekdote festgehaltene überlegene Witz des Herrn Perutz auf die Aeußerung eines etwas knabenhaften Geistes hinaus.
III.
Ich möchte deshalb loyalerweise feststellen, daß ich mich auch durchaus nicht erinnere, von ihm eine solche Antwort empfangen zu haben.
Dann bleibt es allerdings ein Rätsel, wer solche Anekdoten verbreitet, die dem Geist des Herrn Perutz auf Kosten anderer Schriftsteller ein schmeichelhaftes Zeugnis ausstellen, das gefälscht ist. Soviel ich weiß, ist mein Fall nicht der erste, und ich nehme an, daß ihm eine solche Art von Reklame peinlich sein muß. Ich hoffe aber auch, daß ich ihm auf die Spur des Mannes helfen kann, der ihn aus dem Hinterhalt mit Lob überschüttet:
Denn das Gespräch, aus dem es diesmal geschöpft wurde, hatte nur zwei Zeugen: Herrn Perutz und mich; und ich komme nach Lage der Dinge doch nicht gut für die Verbreitung in Betracht, denn wenn ich jemand loben will, tue ich es weniger diskret.