Kitabı oku: «Robert Musil: Gesammelte Werke», sayfa 77
Die Durstigen
[Berliner Tageblatt, 14.8.1926, S. 2]
Er hieß Ali und hatte sich uns einige Zeit vor dem Mord freiwillig angeschlossen; wir wußten nicht, woher er gekommen war, und glaubten, daß er in irgendeinem der Bauernhöfe zuhause sei, die auf den verzweigten Gebirgshängen verstreut lagen. Darum war auch der Name Ali eine freie Schöpfung; man könnte sagen, eine Dichtung. Der Lehrer hatte ihn ganz plötzlich erfunden, als ihre Augen zum erstenmal ineinandertauchten. Und weil dieser Name ziemlich unpassend und unvernünftig war, aber so zwingend von innen sich gelten machte, hatten wir alle das Gefühl, daß dem Lehrer ein Gedicht eingefallen sei, und staunten. Wir bestanden nun insgesamt darauf, ihn Ali zu nennen, und er ließ es sich gefallen, als ob er immer so geheißen hätte, und wir kamen zu fünfen am Nachmittag aus dem Wirtshaus, den holprigen Steinweg zur Torrente hinunter oder wie man dieses wüste Dreieck nennt, das der Bergbach, sein eigenes wildes Tal verlassend, in das große, fruchtbare Haupttal geschüttet und gewühlt hat, ehe er dort von dem kleinen, schnellen, zivilisierten Fluß aufgenommen wird, der schon in seinen Anfängen einen europabekannten Namen führt.
»Ich kann diesen dreieckigen Urzustand nicht mehr ausstehen!« ereiferte ich mich. »Ueberall wo die Natur in einfachen geometrischen Formen auftritt, ist sie heimtückisch; kreisrunde Seen sind abgründig, Vulkane haben eine Kegelform …« – ich suchte weitere Beweise, aber mir fielen keine ein. – »Gallensteine sind Würfel mit abgeschliffenen Ecken« – setzte der Seidenspinner hinzu. – »Schneebretter sind Tafeln«, ergänzte der Eisenbahnassistent, der drei Semester Jus studiert und dabei Skilaufen erlernt hatte. – »Und ihr seid Quadrattrottel«, schloß der Lehrer das Gespräch ab, »ihr vergeßt, daß die ganze Erde rund ist!« Er war der Kraftmensch.
Wie immer es übrigens mit der Richtigkeit stehen mochte, jedesmal, wenn wir durch die Torrente streiften, war es ein wüster Eindruck, der sich unserm eignen Verhalten mitteilte. Wir vermieden den Weg, der schottrig, als ob auch er ein ausgetrockneter Bach wäre, das Dreieck durchquerte; übersprangen mit Gepolter die steinigen Furchen, in welche der Bach während der wasserarmen Zeit aufgelöst war; hielten uns an den Handgelenken, um bei einem umfassenden Angriff gegen ein Gebüsch nicht zurückgeschleudert zu werden, und purzelten alle hinein; brüllten, als ob in dieser zehn Minuten breiten Wüste meilenweit kein Mensch wäre, und scheuchten polternd die Schafe auf, welche die kleinen Grasinseln abweideten. Darin war besonders Ali gefährlich; er jauchzte vor Vergnügen, wir pfiffen und schrien »Ali!« und sprangen vor Angst, daß er wirklich eines der Schafe packen und zerreißen könnte, meterhoch, um ihn nicht aus den Augen zu verlieren, und jauchzten gleichfalls.
Denn Ali war im Unterschied von uns andern ein Hund, eine venetianische Bracke, wie uns der Lehrer versicherte, dem wir in naturkundlichen Fragen keinen Widerspruch entgegensetzen konnten, und außerdem war Ali ihm zugelaufen und nicht uns. Er war nicht sehr hoch, aber breit und kräftig gebaut, mit großen, gutmütigen Jagdhundohren, krummen starken Beinen und einem kurzen Fell, das in großen Flecken braun und weiß gescheckt gewesen wäre wie eine Kastanie, wären die weißen Teile nicht noch schwarz gesprenkelt gewesen, wie an einem Fliegenschimmel. Und wenn Ali eines der Schafe getötet hätte, so wären wir in große Unannehmlichkeiten geraten, weil wenige hundert Schritte hinter der Torrente schon die kleine Stadt anfing, die nicht größer als ein Marktflecken war, aber so wohlgeordnet und von so wohlhabenden Bürgern bewohnt, daß sie eben den Rang einer Stadt hatte. Wir schüttelten jedesmal hinter den letzten Büschen unsere Hosen an den Beinen zurecht, klopften ein wenig den Staub von den Schuhen, ließen die Wildheit aus unsren Gesichtern schleunigst verschwinden und riefen Ali hinter unsere Füße, für die Länge der achtbar zwischen Geschäften führenden Straße, ehe wir auf der andren Seite die Landstraße gewannen, die zum See und neuen Genüssen führte.
Nähme man eine Karte Europas und bezeichnete darin den Ort, wo diese Stadt liegt, mit der feinsten Nadelspitze, so würde selbst dieser Stich weit über die Stadt und die gewichtigen Hügel hinausreichen, die für sie Sonnenauf– und –untergang bedeuteten. Es bestand wenig Aussicht, daß wir jemals bei jungem Leib von hier loskommen würden. Einmal in der Woche trafen die illustrierten Zeitungen ein, mit Bildern aus aller Welt. Wolkenkratzer und 2oo Kilometergeschwindigkeiten, nackte Tänzerinnen und die Wäsche der vornehmen Dame, große Betrüger und Jagdausflüge nach Afrika, Selbstmörderinnen im Koksrausch und Hochzeiten der höchsten Gesellschaft. Wir kannten alle technischen Ausdrücke des feinen Lebens, und unsere Augen sogen die Bilder in uns, als ob wir blanke Edelsteine geschluckt hätten, die dann im Leib nicht vor und nicht zurück können. Ich glaube, es hätte uns nichts davon zurückgehalten, eine Verbrecherbande zu bilden, um uns die Welt zu erobern; aber wir wußten nicht, wie man es macht. Die vom Ort fühlten ganz anders darin als wir; sie fuhren zuweilen in die nächst größere Stadt – von wo die Kaufleute in die nächst–nächst–größere reisen –, und der eine brachte blödlächelnd eine modische Krawatte heim, ein anderer ein viel schlimmeres Andenken, und ein dritter sogar ein kleines Automobil; so zog die schlaue, kleine Stadt allmählich die neue Zeit an sich, und am Ende lebte man sogar nicht ganz ohne kleine Abenteuer und heimliche Skandale in ihren Mauern. Aber wir verachteten das; wir erklärten, das Automobil sei eine verjährte, historische Type; wir wurden vom Zorn umhergetrieben.
Damals, an dem Tag, wo das kleine Unglück, der Mord geschah, kamen wir wieder aus der Torrente und gerade im Angesicht der ersten, von armen Leuten und Bahnarbeitern bewohnten, einzeln vorgeschobenen Häuser, während Ali uns voranlief und schon die Mauern und Türschwellen beroch; Ali, den die Abenteuerlust aus der Heimat vertrieben hatte, während wir ihm nur Geschrei und blinde Aufregung boten. Wir sahen und hörten nun ahnungslos, wie ihn bei seiner Tätigkeit ein kleines Hündchen anbellte, das aus dem Haus gestürzt war und den knurrigen Besitzer spielte, der sich groß macht und dem Fremdling durchaus keinen Platz anbietet, obgleich er sich hinter diesem üblichen Getu sichtlich als gern freundlich zu erkennen gab; ein völlig unadliges Köterchen, mit schmutzig weißblondem langem Haar, das vielleicht spielen wollte, wenn man es vorher nur seiner Pflicht als Mann und Hausvater genug tun ließ. Aber Ali verstand keinen Spaß mehr. Des Kleinen weißblonde Schweiffahne – behauptete später der Seidenspinner – hatte sich eben zur Seite bewegt, um zu wedeln, aber ehe sie noch die zweite Hälfte dieses ersten Taktschlags vollenden und damit das hundliche Lächeln über den ganzen Hinterteil ausbreiten konnte, während der Vorderteil noch knurrte, biß Ali, gegen alle Sitte, wutzitternd, den Kleinen ins Genick, schleuderte ihn zweimal im Maul hin und her und spie ihn dann auf die Erde. Ein jämmerliches, kurzes Klagegeschrei zerriß uns die Ohren, dem, ehe wir noch hinzueilen konnten, unheimliche Stille folgte, und da lag nun der kleine Hund vor dem Haus, mit dem steifen, etwas lächerlichen und etwas rührenden Ausdruck einer Leiche, während Ali sich aus unserem Kreis verzog.
Es war merkwürdig, wie dieses kleine Erlebnis, das einen gutmütigen und zufriedenen Menschen kaum ein Achselzucken des Bedauerns gekostet hätte, uns so unvorbereitet ergriff, als hätte ein Blitz eingeschlagen. Wir waren verwandelt. »Du mußt ihn schlagen!« rief ich in unbegreiflicher Erregung dem Lehrer zu; auch alle andern schrien wie aus einem Munde: »Du mußt ihn schlagen!« Der Lehrer schien von der gleichen Ueberzeugung überwältigt zu sein; wie in schwerem Traum nahm er eine vom Zaun hängende Rebenschleife an sich und rief Ali heran. Diesem entfuhr während der Züchtigung kaum ein Laut des Schmerzes; er hatte sich zu ihrer Entgegennahme auf die Erde gelegt und duldete wie ein Krieger aus edlem Stamme. Als sich aber unter unseren Zurufen die zugefügten Schmerzen zu lange ausdehnten und offenbar seiner Ansicht nach die Grenzen einer gerechten Buße überschritten, begann er erst zu knurren und dann die Zähne zu fletschen. »Du mußt ihn noch schlagen!« riefen wir, und der Lehrer, welcher schon aufhören zu wollen schien, fuhr wirklich fort. Aber je bedrohlicher Ali aussah, desto langsamer kamen nun die Schläge. Sie taten so pädagogisch, als wollten sie besonders gut zielen, aber in Wahrheit zögerten sie. Er war ein kräftiger junger Mann, der Lehrer, mit einem dickbehaarten Kopf; ich hatte ihn immer für einen verwegenen Burschen gehalten, aber nun bemerkte ich von hinten, ohne ihm ins Gesicht zu sehen, daß er sich fürchtete und aus weichem Fleisch war.
Damit schloß eigentlich das unerwartete kleine Erlebnis ab; denn nun kam um eine Hausecke eine hagere, zänkisch aussehende Frau, mit einer irdenen Schüssel im Arm, wir befürchteten, daß sie die Besitzerin des schmutzigen kleinen Hundes sei und ein großes Geschrei erheben werde, das zu unberechenbaren Folgen führen konnte, denn wir waren nicht eben beliebt in dem Städtchen; und plötzlich gaben wir Fersengeld. Erst würdevoll langsam; aber kaum waren wir von einem Haus gedeckt, so setzten wir uns in Trab; und als wir weiter weg wieder in Sicht kamen, fielen wir in Galopp, recht übermütig jetzt, mit Quersprüngen, die wie Unschuld aussehen sollten, aber doch sehr danach angelegt waren, möglichst rasch Raum zwischen uns und die Untat zu legen. Aber es wurde kein Laut dahinten hörbar; und als Ali, der vorerst mißmutig hinter uns getrottet war, uns derart laufen und springen sah, schüttelte auch er seine Verstimmung ab, sprang an uns vorbei, jeden einzelnen mit der Schnauze berührend, und staubte jauchzend als unser Führer der Stadt zu.
Jenseits lagen die übermannshohen Kukuruzfelder. Wenn man hindurchstreift und etwas am Gewissen hat, wispern sie ganz erstaunlich. Und dann kam der See; der Weg, die Bergflanke hinauf. Durch den Wald von Edelkastanien. Und Ahorn. Der See sinkt immer tiefer. Aber keiner von uns war je über das Wirtshaus am Weg hinausgekommen, wo es Brotwecken gab und Wein. Die Hitze des Tags verglühte auf unsern Gesichtern, und die Hitze des Weins ging langsam in ihnen auf wie der Mond in Wolken. Unter den Bäumen dunkelte es; ein Windlicht wurde auf den Steintisch gestellt. Man sagte, der Weg führe später in wilde Steinhänge, dann über das Gebirge in das große Tal hinüber. Agnese sagte es, die Wirtstochter, deren Geliebten wir nicht kannten, aber als einen stattlichen Mann ahnten, der für uns nichts übrig ließ. Und mit Mond und Wein und der zerschmelzenden Spannung des Tages kam blank das Gedenken an Alis Mord heraus, das wir bis dahin voreinander versteckt hatten.
»Es war nicht ›fair‹ von ihm, bei solchem Unterschied der Größe!« – versuchte der Eisenbahnassistent, der auf Sport hielt, unseren Schreck zu beschönigen. »Ein ungleicher Kampf stößt ab!« – Aber er fand mit seiner Erklärung keinen Beifall. Ein anderer sagte: »Wenn es wenigstens eine Katze gewesen wäre!« und keiner vermochte das unvergeßlich Abstoßende dieses Vorfalls aus uns herauszubringen. Ein Schweigen trat ein. Endlich sprach einer langsam: »Aber, es hat uns ja gar nicht abgestoßen. Wir sind hereingefallen.« Das war es. Wir waren auf unser Herz getreten und ausgerutscht, als der Schrei des Unsagbaren in der Luft klang, und jetzt wollten wir es mit einem Fußtritt wegschleudern, als wären wir versehentlich auf einer Orangenschale ausgerutscht.
»Wenn er ein Mensch wäre, würde es sich doch nur um einen Totschlag im Affekt handeln!« – lenkte der Seidenspinner ab. »Drei Jahre Kerker; weiter nichts!« Der Lehrer nahm die Ablenkung auf. »Man kann ein Tier nicht wie einen Menschen beurteilen.« – Er hatte plötzlich Bedenken, daß wir in dieser Stimmung etwas gegen Ali beschließen könnten.
Pause, und dann fragte mit einemmal einer grob: »Weißt du das so genau?!« – Da waren wir nun wieder dort, wo wir sein sollten.
»Nichts weiß er!« schrie der Seidenspinner, der den Lehrer plötzlich im Stich ließ. »Man könnte selbst einen anderen ins Genick beißen und ihn zwischen den Zähnen totschütteln!« – Er gab weiter keine Aufklärung, sondern schwieg. Alle sahen ihn erstaunt an. Der reiche Seidenspinner entstammte als einziger von uns einer Familie dieser Kleinstadt und sah aus, als ob er einem Huhn den Hals durchbeißen könnte. Wir vermochten ihm leider nicht zu widersprechen, aber der Unterschied zwischen unserer Zustimmung und deutlichem Ekel war sehr gering.
»Warum habt ihr dann bloß alle von mir verlangt, daß ich ihn schlage?!« fragte jetzt kläglich der Lehrer.
Ja, warum? Einer schob seinen Stuhl zurück und sagte aufstehend: »Wie lange werden wir noch in diesem verdammten Winkel von Stadt aushalten müssen!?«
Ich nahm das Windlicht und leuchtete unter den Tisch, wo Ali schlief. Wir sahen ihn an. Er erwachte und streckte seine gutmütigen Pfoten, treuherzig hingen die großen Hautlappen des Mauls über seine Zähne. »Ali!« lockten wir. Agnese stand, die Arme gekreuzt, auf der Hausschwelle und sah uns zu. So stand sie immer und sah uns zu, wenn die Worte bald stockten, bald zu den Sternen emporstiegen wie Schaum über einem Wasserfall. Wir wußten nicht einmal, ob sie unsere Sprache verstand, sie nahm nie teil, sie sah uns zu, wie man Tieren oder einer stummen Bewegung zusieht, sie schien uns zu verachten. Ich stellte das Licht wieder zurück und warf Geld auf den Tisch – das brachte Leben in sie. Ali hatte sich zu Ende gestreckt und trabte vor uns den Weg in die Stadt zurück. Er schien mit seinem Tag zufrieden zu sein, und ich glaube, wir andern beneideten ihn heimlich.
Triëdere!
[Berliner Tageblatt, 15.10.1926, S. ?]
Eines Nachmittags langweilte er sich sehr. Da erinnerte er sich, daß er noch aus der Kriegszeit ein Triëder besitze, fand es in einer tiefen Lade eines hohen Sekretärs und stellte es auf sein Auge ein. Er benützte dazu einen Anschlag, den er am Tor des gegenüberliegenden Hauses bemerkt hatte, und las zu seinem Staunen, daß ein staatliches Institut, welches in diesem Gebäude untergebracht war, von 9 bis 16 Uhr Amtsstunden habe. Denn es war 15 Uhr, und weit und breit kein Beamter mehr zu sehen; er erinnerte sich auch nicht, zu dieser Stunde jemals einen bemerkt zu haben. Endlich entdeckte er hinter einem entlegenen Fenster zwei dicht nebeneinander stehende Herren, welche mit den Fingern gegen die Scheiben trommelten und auf die Straße hinabsahen. Er erinnerte sich seiner eigenen unvergeßlichen Bureauzeiten. Das Triëdern ist Festangestellten, Beamten und ihresgleichen, Männern mit einer heiligen Anzahl von Bureaustunden, warm zu empfehlen.
Das Haus, in welchem das stadtbekannte Amt untergebracht war, an dem diese ersten Versuche angestellt wurden, ist ein altes Palais mit Fruchtgewinden am Kapitäl der Steinpfeiler, und schöner Gliederung in der Horizontalen wie Vertikalen. Während der Beobachter noch die Beamten suchte, war ihm schon aufgefallen, wie deutlich sich diese Architektur ins Fernglas hineinstellte, und als sein Auge nun einiges an Pfeilerwerk, Fenstern und Gesimsen in einem Blick erfaßte, erschrak er beinahe vor der steinernen, perspektivischen Korrektheit, mit der es sich ihm darstellte. Er wurde plötzlich gewahr, daß er bisher diese zu einem Punkt im Hintergrund zusammenlaufenden Wagerechten, diese, je weiter seitlich, desto trapezförmiger zusammengezogenen Fenster, ja, diesen ganzen Absturz vernünftiger Begrenzungslinien bekannter Gegenstände in einen irgendwo seitlich und hinten gelegenen Trichter der Verkürzung für einen Alb der Renaissance gehalten hatte, eigentlich für eine grauenvolle Malersage vom Verschwinden der Linien, die gerüchtweise übertrieben worden war, wenn auch etwas Richtiges daran sein mochte. Nun aber sah er sie lebensgroß und weit schlimmer, als alles Gerücht vor seinen eigenen Augen.
Wer es nicht glaubt, daß die Welt so aussieht, der triëdere die Straßenbahn. Vor dem Palais machte sie einen S-förmigen Doppelbogen. Ungezählte Male hatte unser Freund sie vom zweiten Stockwerk aus daherkommen, eben diesen S-förmigen Doppelbogen machen und wieder davonfahren gesehen, sie, die Straßenbahn, in jedem Augenblick dieser Entwicklung der gleiche längliche rote Wagen. Aber wenn du sie mit dem Triëder ansiehst, so bemerkst du: eine unerklärliche Gewalt drückt plötzlich diesen Kasten zusammen wie eine Pappschachtel, seine Wände stoßen immer schräger aneinander, gleich wird er platt sein, da läßt die Kraft nach, er fängt hinten an breit zu werden, durch alle seine Flächen läuft wieder eine Bewegung, und während du den angehaltenen Atem aus der Brust läßt, ist die alte vertraute rote Schachtel wieder in Ordnung. Das geschah nun, als er mit dem Glas zusah, so deutlich draußen an dem Ding und nicht in seinem Auge, daß er hätte darauf schwören können, es sei so wirklich, wie wenn man einen Fächer öffnet und schließt. Wer ihm das nicht glaubt, der kann es nachprüfen! Er braucht nur eine Wohnung dazu, auf die eine Straßenbahn in S-förmiger Schleife zukommt.
Sobald diese Entdeckung gemacht war, sah sich der Entdecker natürlich die Frauen an. Und da enthüllte sich ihm die ganze Unverwüstlichkeit des Kuppelbaus. Was rund ist an der Frau und heute so sorgfältig verheimlicht wird, daß es bloß als kleine rhythmische Unebenheit im knabenhaften Fluß der Bewegung erscheint, wölbt sich in der Einsamkeit des Binokels zum steinernen stillen Kreis voll hochgehobenen Schweigens. Unerwartet viel Falten öffneten und schlossen sich aufgeregt ringsum im Kleid; sie drückten das Lob des Schneiders aus, alle möglichen öffentlichen und verborgenen Arten der Bewegung, Unwillkürlichkeiten, lüsternes Gewisper, deuteten Geheimnisse an; jede Frau wurde eine psychologisch belauschte Susanna im Bade des Kleides. Aber das merkwürdigste daran war doch, wie boshaft sich in der Ruhe des Triëderblicks dieses kennerhafte verfeinerte Verhalten ausnahm; es glich nur einem Gefackel und Geflacker zwischen ewigen, gleichbleibenden Werten, die keine Psychologie brauchen.
Genug davon! Das beste Mittel gegen einen anzüglichen Mißbrauch dieses weltanschaulichen Werkzeugs ist es, an seine Theorie zu denken. Sie heißt Isolierung. Man sieht Dinge immer samt ihrer Umgebung an und hält sie gewohnheitsmäßig für das, was sie darin bedeuten. Heben sie sich aber einmal heraus, so sind sie schrecklich und unverständlich, wie es der erste Tag nach der Weltschöpfung gewesen sein muß, ehe sich die Erscheinungen aneinander und an uns gewöhnt hatten. Sie werden zwar auch deutlicher und größer unter dem Blick des Triëders, aber das ist nur eine Hilfe; vor allem werden sie ursprünglicher und bestialischer. Wie schön ist bekanntlich ein hoher Herrenhut, wenn er mit seinem geschweiften Glanz eine männliche Gestalt krönt, eins mit dem Ganzen des Mannes von Welt und Macht, durchaus ein nervöses Gebilde, vielleicht sogar Sitz des Willens, und zu welcher rohen Verkehrtheit entartet er auf dem Menschenleib, wenn vom Triëder dieser Zusammenhang durchschnitten wird, der nur aus Einbildung besteht. Wie sonderbar gestört wird das Gleichgewicht einer Frau, wenn man sie vom Rocksaum aufwärts als eine Einheit sieht und darunter zwei kurze, geknickt aus den Knien kommende Stelzchen. Wie beängstigend wird das Zähnefletschen der Liebenswürdigkeit und wie säuglingshaft komisch der Ausdruck des Zorns, wenn sie einsam und unschädlich hinter der Isolierschicht des Glases stecken. Zwischen unseren Kleidern und uns und zwischen unseren Manieren und uns besteht ein verwickeltes moralisches Kreditverhältnis, in welchem wir ihnen erst alles leihen, was sie bedeuten, und es uns dann mit Zinseszins von ihnen wieder ausborgen; darum sind wir immer abhängig von ihnen und in dem Augenblick wo wir ihnen den Kredit kündigen wollten, würden wir uns selbst bankerott fühlen.
Da sind zum Beispiel die vielbelächelten Torheiten der Mode, die den Menschen ein Jahr lang verlängern und in einem anderen Jahr verkürzen, die ihn dick machen und dünn, die ihn bald oben breit und unten schmal, bald oben schmal und unten breit machen, die in einem Jahr alles an ihm empor und im nächsten alles an ihm bergab streichen, die seine Haare nach vorn und hinten, rechts und links kämmen. Sie stellen, ohne Mitfühlen betrachtet, eine überraschend geringe Zahl von geometrischen Möglichkeiten dar, zwischen denen auf das leidenschaftlichste abgewechselt wird, ohne diese Ueberlieferung durch etwas ganz Neues zu durchbrechen. Nimmt man die paar Moden der Haltung, des Gehens und Sprechens, des Handschlags und Lächelns hinzu, so erscheint das in seiner Gesamtheit dem vom Triëder geübten Auge nicht anders wie ein Pferch, zwischen dessen wenigen Wänden die Menschenherde besinnungslos hin und her stürzt. Und doch, wie willig folgen wir dabei den Führern, die eigentlich nur erschrocken voranfliehen, und welches Glück grinst uns aus dem Spiegel entgegen, wenn wir Anschluß haben, aussehen wie alle, und alle anders aussehen als gestern. Offenbar befürchten wir mit Grund, daß unsere Eigenschaften wie ein Pulver auseinanderfallen würden, wenn wir sie nicht in solche Tüten stecken könnten.
Im Triëder kann man sie zum Auseinanderfallen bringen, aber auch das Umgekehrte geschieht, daß unbeachtete Eigenschaften den Zusammenhang offenbaren, den sie mit dem Ganzen haben. Um von nichts Schwierigerem als von den Füßen zu reden, wie unheimlich sind sie an Mann und Frau! Man weiß ja einiges davon schon aus dem Kino, wo berühmte Helden und Heldinnen eilig aus dem Hintergrund hervorwatscheln wie Enten. Aber das Kino ist ja noch voll Illusion. Viel besser sieht man durchs Triëder, wie die Beine sich oben von den Hüften abstoßen und wie sie unten auf Absatz und Sohle landen; das schwankt nicht nur und kommt mit der Ferse voran an, sondern vollführt in neun von zehn Fällen dabei die aufschlußreichsten persönlichen Grimassen. Der Mann, welcher das Triëdern entdeckte, hatte kaum einen jungen Kavalier mit Sportkappe aufs Korn genommen, dessen Socken wie der Hals einer Ringeltaube gestreift waren, als er bemerkte, wie dieser sicher neben seinem Mädchen durchs Leben Schlendernde bei jedem seiner langsamen Schritte mit einem angestrengten winzigen Ruck das Bein aus dem Stand schleuderte; nicht das Mädchen, nicht er, kein Arzt, kein Mensch ahnte noch das Grauen, das ihm bevorstand; aber das Triëder, indem es die kleine Gebärde aus der Harmonie der Feschheit herauslöste, zeigte die Zukunft. An einem freundlichen, rundlichen Mann in den besten Jahren, der rasch daherkam, war mit freiem Auge nichts zu bemerken gewesen als eine wohlwollende, sanguinische Art des Gehens; nach einem Schnitt durch die Mitte, der die Beine herauspräparierte, kam hervor, daß der Fuß ganz scheußlich einwärts und gekantet aufgesetzt wurde; nun pendelten auch die Arme dünn aus den Schulterpfannen, die Schultern zogen am Hals, und statt eines Ganzen des Wohlwollens war mit einem Male ein eigensinniges menschliches System da, das nur mit Mühe darauf bedacht war, sich selbst zu behaupten, und gar nichts für andere übrighatte.
So ging es fort. Es zeigte sich, daß ein Fernglas ebenso gut zum Verständnis des einzelnen Menschen beiträgt wie zu einer tiefen, und wenn man so sagen darf, stuporösen Verständnislosigkeit für das Menschsein. Da sagte sich der Mann mit dem Glas: das Triëder, indem es alle gewohnten Zusammenhänge zerstört, ersetzt eigentlich das Genie oder ist wenigstens eine Vorübung dazu. Aber weil er ein bescheidener Mann war, legte er es in diesem Augenblick wieder in den Kasten zurück.
Indes, wenige Menschen sind heute so unsinnig bescheiden wie er. Und weil es als Folge davon ohnedies schon viele Reformpläne gibt, die den Menschen schöner, weiser, intuitiver, seelenvoller, schwingender, dynamischer, rapider und wesentlicher machen sollen, darf wohl auch dieser empfohlen werden.