Kitabı oku: «Robert Musil: Gesammelte Werke», sayfa 78

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Unter Dichtern und Denkern

[Prager Presse, 13.11.1926, S. 3-4]

Ich erinnere mich, seit Jahren selten ein Buch zu Ende gelesen zu haben, außer es war ein wissenschaftliches oder einer jener ganz schlechten Romane, in denen die Augen stecken bleiben, als ob man einen großen Teller in Schnaps getränkter Makkaroni hinunterschlingen würde. Wenn ein Buch aber wirklich eine Dichtung ist, kommt man selten über die Hälfte; mit der Länge des Gelesenen wächst in steigenden Potenzen ein bis heute unaufgeklärter Widerstand. Es ist nicht anders, als ob die Pforte, durch die ein Buch eintreten soll, sich krampfhaft gereizt fühlte und eng verschließen würde. Man befindet sich, wenn man ein Buch liest, alsbald in keinem natürlichen Zustande mehr, sondern glaubt sich einer Operation unterworfen. Man fühlt, jetzt wird ein Nürnberger Trichter an den Kopf gesetzt, und ein fremdes Individuum versucht, seine Herzens- und Gedankenweisheit einem einzuflößen; eigentlich kein Wunder, daß man sich diesem Zustand entzieht, sobald man nur kann!

Man sagt, die Bücher seien schuld daran, und die deutschen Schriftsteller könnten nicht schreiben. Das ist eine liebenswürdige und einleuchtende Hypothese. Aber wie alle Hypothesen hüllt sie eine Tatsache in einen Ueberschuß ein, und wenn man sich nackt an die Wahrheit halten will, so vermag man nicht mehr festzustellen, als daß die deutschen Leser nicht mehr lesen können. Das ist das einzige, was feststeht und wovon man ausgehen kann. Alles andere ist äußerst unklar. Es ist auch unklar, wer und was die Schuld hat. Darum ist es päßlich, sich wohl oder übel vorerst umzusehen, wie eigentlich ein Mensch liest, der heute am Lesen von Büchern keine Freude empfindet und dennoch seine Zeit an Bücher abgibt? Wir wollen aber unter Mensch nicht die glückseligen Opfer der Literatur in Fortsetzungen verstehen, unter denen noch wirkliche Leseleidenschaft wütet, sondern nur solche Menschen, welche mit jenem Ernste lesen, mit dem man einen Parteivorstand wählt oder den Namen für den erstgeborenen Sohn.

Wenn zwei solche Verantwortliche sich irgendwo treffen und das Gespräch eine höhere Richtung nimmt, so vergehen nicht fünf Minuten, ohne daß sie sich im gemeinsamen Ausdruck einer Ueberzeugung finden, die sich ungefähr in die Worte fassen läßt: es gibt heute ja doch keine große Leistung und kein Genie! – Sie meinen damit durchaus nicht das Fach, das sie selbst vertreten, und es ist auch nicht eine besondere Form des bekannten Heimwehs nach der besseren alten Zeit, was sie bewegt. Denn es zeigt sich, daß die Chirurgen keineswegs die Zeit Billroths für chirurgisch größer als die ihre halten, daß die Pianisten durchaus überzeugt sind, das Klavierspiel habe seit Liszt Fortschritte gemacht, ja sogar, daß die Theologen die Meinung verbergen, es sei immerhin diese oder jene kirchliche Frage heute genauer bekannt als in Christi Tagen. Nur sobald die Theologen auf die Musik, die Dichtung oder die Naturwissenschaft, die Naturwissenschaftler auf die Musik, die Dichtung und die Religion, die Dichter auf die Naturwissenschaft usw. zu sprechen kommen, zeigt sich jeder überzeugt, daß die anderen nicht ganz das Richtige leisten und von dem Beitrag, den sie der Allgemeinheit schulden, bei allem Talent das Letzte, eben was das Genie wäre, schuldig bleiben.

Dieser Kulturpessimismus auf Kosten der anderen ist heute eine weitverbreitete Erscheinung. Er steht in sonderbarem Widerspruch zu der Kraft und Geschicklichkeit, die allenthalben im einzelnen entwickelt werden. Man hat geradezu von unserer Zeit den Eindruck, daß ein Riese, der ungeheuer viel ißt, trinkt und leistet, davon nichts wissen will und sich lustlos schwach erklärt wie ein junges Mädchen, das die eigene Blutarmut ermüdet. Es gibt auch zur Erklärung dieser Erscheinung sehr viele Hypothesen, davon angefangen, daß man sie als die letzte Stufe einer seelenlos werdenden Menschheit ansieht, bis dorthin, wo man in ihr die erste Stufe von irgendetwas Neuem erblickt. Es wird gut sein, diese Hypothesen nicht ohne Not um eine neue zu vermehren.

Denn man hat schon einmal eine sehr üble Erfahrung gemacht: das war die Geschichte mit dem Kircherschen Huhn. Wenn man dieses Huhn mit beiden Händen eine Weile niederdrückte – doch davon später! Man kann nämlich ebensogut sagen: es gibt nur noch Genies. Man muß sich bloß die Mühe nehmen und durch längere Weile unsere Buchbesprechungen und Aufsätze sammeln, mit der Absicht und nach den Methoden, um aus ihnen ein Bild der geistigen Bewegung in der Zeit zu gewinnen. Man wird nach einigen Jahren mächtig darüber staunen, wieviele erschütternde Seelenverkünder, Meister der Darstellung, größte, beste, tiefste Dichter, ganz große Dichter, und endlich einmal wieder ein großer Dichter im Laufe solcher Zeit, der Nation geschenkt werden, wie oft die beste Tiergeschichte, der beste Roman der letzten zehn Jahre und das schönste Buch geschrieben wird. Wenn man oft Gelegenheit hat, solche Sammlungen zu durchblättern, staunt man jedesmal von neuem über die Heftigkeit augenblicklicher Wirkungen, von denen in den meisten Fällen wenige Jahre später nichts mehr zu sehen ist.

Man kann dabei eine zweite Beobachtung machen. Noch mehr als einzelne Urteile, sind ganze Kreise hermetisch gegeneinander abgedichtet. Sie werden gebildet von bestimmten Typen von Verlägen, zu denen bestimmte Typen von Autoren, Kritikern, Lesern, Genies, Urteilen und Erfolgen gehören. Denn das Bezeichnende ist, daß man in jeder dieser Gruppen ein Genie werden kann, wenn man eine bestimmte Höhe der Auflage und damit des Verlegerinteresses erreicht, ohne daß die anderen Gruppen davon etwas merken. Es mag sein, daß in ganz großen Fällen ein Teil des Publikums von der einen Fahne zur anderen desertiert und daß sich um die meistgelesenen Schriftsteller ein eigenes Publikum aus allen Lagern bildet; stellt man aber eine Rangliste der Erfolgreichen nach den Auflagenzahlen zusammen, so merkt man sogleich aus ihrer Zusammensetzung, wie wenig die paar Lichtgestalten, die sich darin befinden, imstande sind, bildend auf den Geschmack der Allgemeinheit zu wirken und ihn davon abzuhalten, daß er sich, mit der gleichen Begeisterung wie ihnen, auch einer obskuren Mittelmäßigkeit zuwende; diese Einzelnen treten wohl über die Ufer, welche vorgezeichnet sind, aber wenn ihre Wirkung abfließt, fängt jede Rinne des vorhandenen Kanälesystems das ihre davon auf. Man kann auch sagen, sie machen den Geschmack soweit gesund, daß er sich seinen Krankheiten weiter hingeben kann.

Wenn man sie nicht bloß auf die schöne Literatur beschränkt, so wird diese Betrachtung überwältigend. Es ist gar nicht zu sagen, wieviele Rom es gibt, in deren jedem ein Papst sitzt. Nichts bedeutet der Kreis um George, der Ring um Blüher, die Schule um Klages gegen die Unzahl der Sekten, welche die Befreiung des Geistes durch den Einfluß des Kirschenessens, vom Theater der Gartensiedlung, von der rhythmischen Gymnastik, von der Wohnungseinrichtung, von der Eubiotik, vom Lesen der Bergpredigt oder einer von tausend anderen Einzelheiten erwarten. Und in der Mitte jeder dieser Sekten sitzt der große Soundso, ein Mann, dessen Namen Uneingeweihte noch nie gehört haben, der aber in seinem Kreise die Verehrung eines Welterlösers genießt. Ganz Deutschland ist voll von solchen geistigen Landsmannschaften; aus dem großen Deutschland, wo von zehn bedeutenden Schriftstellern neun sich nur durch den Hausierhandel mit Feuilletons ernähren können, strömen ungezählten Halbnarren Mittel zur Entfaltung ihrer Propaganda, zum Druck von Büchern und zur Gründung von Zeitschriften zu. Es sind vor dem Kriege in Deutschland (damals wußte man wenigstens noch bei allem, was man tat, daß es für die Statistik geschah) jährlich über tausend neue Zeitschriften und weit über dreißigtausend neue Bücher erschienen, und wir haben uns natürlich eingebildet, daß es ein weithin leuchtendes Zeichen unseres geistigen Hochstandes sei. Man kann leider mit nicht geringerer Sicherheit vermuten, daß dieses Uebermaß ein unbeachtetes Zeichen eines sich ausbreitenden Beziehungswahnes ist, dessen Grüppchen das ganze Leben an einer fixen Idee befestigen möchten, so daß es heute bei uns ein echter Paranoiker wirklich schwer hat, sich des Wettbewerbs der Amateure zu erwehren.

Es ist nicht unmöglich, daß diese drei Tatsachen: es gibt keine Genies, es gibt nur noch Genies und der Mensch mag nicht lesen – in einer tiefen Weise zusammenhängen; jetzt müßte eigentlich nur noch gesagt werden, warum und wie. Aber da ist eben diese Geschichte mit dem Kircherschen Huhn. Wenn man dieses Huhn mit beiden Händen eine Weile niederdrückte und mit Kreide vorher einen Kreis darum gezogen hatte, so zeigte sich, daß das Huhn nicht aufstehen und den Kreis überschreiten konnte. Man hat sehr viele Hypothesen zur Erklärung dieser äußerst merkwürdigen Erscheinung aufgestellt. Aber irgendwann kam man darauf, daß das Huhn zuweilen auch aufsteht und weggeht. Ich möchte also lieber nichts Abschließendes sagen.

Kunst und Leben

[Berliner Tageblatt, 5.12.1926, S. 2-3]

Hier ist es schön.

Es gibt viele Menschen, welche sich von ihren Vergnügungsreisen an berühmte Orte führen lassen. Sie trinken in ihrem Hotelgarten Bier, und wenn sie dazu angenehme Bekanntschaften machen, freuen sie sich schon auf die Erinnerung. Am letzten Tag gehen sie bis zum nächsten Papierladen; dort kaufen sie Ansichtskarten und dann kaufen sie auch noch beim Kellner Ansichtskarten. Die Ansichtspostkarten, welche diese Menschen kaufen, sehen in der ganzen Welt einander ähnlich. Sie sind koloriert; die Bäume und Wiesen giftgrün, der Himmel pfaublau, die Felsen sind grau und rot, die Häuser haben ein geradezu schmerzendes Relief, als könnten sie jeden Augenblick aus der Fassade fahren, und so eifrig ist die Farbe, daß sie gewöhnlich noch auf der anderen Seite ihrer Kontur als schmaler Streif mitläuft. Wenn die Welt so aussähe, könnte man wirklich nichts Besseres tun, als ihr eine Marke aufzukleben und sie in einen Kasten zu werfen. Auf diese Ansichtskarten schreiben diese Menschen: »Hier ist es unbeschreiblich schön!« oder »Hier ist es herrlich!« oder »Schade, daß du diese Pracht nicht mit mir sehen kannst!« Manchmal schreiben sie auch: »Du kannst dir keine Vorstellung machen, wie schön es hier ist!« oder »Wie wir hier schwelgen!«

Man muß diese Leute nur richtig verstehen: Sie freuen sich sehr, daß sie auf der Reise sind und so viele schöne Dinge sehen, die andere nicht sehen können, aber es bereitet ihnen Pein und Verlegenheit, diese Dinge anzuschauen. Wenn ein Turm höher ist als andere Türme, ein Abgrund tiefer als die gewöhnlichen Abgründe oder ein berühmtes Bild besonders groß oder klein ist, so geht es ja an, denn dieser Unterschied läßt sich feststellen und erzählen; sie versuchen deshalb auch, einen berühmten Palast immer besonders weitläufig zu finden oder besonders alt, und unter den Landschaften bevorzugen sie die wilden. Würde man sie bloß über Fahrpläne, Hotelpreise und Uniformen täuschen können (aber gerade das kann man nie!) und sie unversehens auf einen Felsen in der Sächsischen Schweiz setzen so vermöchte man ihnen einen echten Matterhorn-Schauer einzureden, denn schwindlig genug ist es auch in Sachsen. Wenn aber etwas nicht hoch, tief, groß, klein oder auffallend angestrichen, kurz, wenn etwas nicht etwas ist, sondern bloß schön, dann würgen sie wie an einem großen, glatten Bissen der nicht hinauf- und nicht hinabgeht, der zu nachgiebig ist, um an ihm zu ersticken, und zu unnachgiebig, als daß man ein Wort herausbringen könnte. So entstehen eben jene Och! und Ach!, welche peinliche Erstickungslaute sind. Man kann sich nicht gut mit den Fingern in den Hals greifen und eine bessere Art, die nötigen Worte aus dem Mund zu bringen, hat man nicht gelernt. Es ist unrecht, sich darüber lustig zu machen. Sie drücken eine sehr schmerzliche Beklemmung aus.

Geschulte Kunstbetrachter haben natürlich ganz besondere Handgriffe dafür, und über diese wäre nun freilich auch mancherlei zu sagen; aber das würde wohl zu weit führen. Trotz aller Beklemmung fühlen übrigens auch die unverdorbenen Menschen eine ehrliche Freude, wenn sie etwas anerkannt Schönes betrachten dürfen. Diese Freude hat merkwürdige Abstufungen. Sie enthält z. B. den gleichen Stolz, wie wenn man erzählen kann, man sei an einem Bankgebäude gerade zu der Stunde vorbeigekommen, wo der berühmte Defraudant X. daraus entflohen sein mußte; andere Leute beseligt es schon, die Stadt zu betreten, wo Goethe acht Tage geweilt hat, oder den angeheirateten Vetter der Miß Ederle zu kennen; ja, es gibt Menschen, welche es bereits als etwas Besonderes empfinden, überhaupt in einer so großen Zeit zu leben. Es scheint sich immer um irgendein Dabeigewesensein zu handeln; aber zu leicht darf es im allgemeinen nicht sein, es muß einen Hauch von persönlicher Erlesenheit haben. Denn so sehr die Menschen es leugnen und behaupten, ganz von ihren Tätigkeiten ausgefüllt zu sein, haben sie eine kindische Freude über persönliche Erlebnisse und jene undefinierbare Bedeutung, die man durch sie erhält. »Ihr persönliches Schicksal« berührt sie dann, was eine ganz sonderbare Sache ist. »Eben hatte er noch mit mir gesprochen, und dann glitt er aus und brach sich das Bein …!« Wenn sie so etwas sagen können, fühlen sie, daß hinter dem großen blauen Fenster mit den Wolkengardinen jemand lange gestanden und sie angeschaut hat.

Und man wird es vielleicht nicht glauben, aber aus keinem anderen Grund geschieht es auch, daß man selbst in die Orte reist, von denen man Ansichtskarten kauft, was ja sonst ganz unverständig wäre, da es doch viel einfacher ist, sich die Karten kommen zu lassen. Und darum müssen diese Karten auch so unabweislich und überlebensschön sein; wenn sie einmal natürlich werden sollten, wird die Menschheit etwas verloren haben. »So sieht es offenbar hier aus«, sagt man und betrachtet sie mißtrauisch; dann schreibt man darunter: »Du machst dir keine Vorstellung …!« Es ist die gleiche Wendung, mit der ein Mann einem anderen anvertraut: »Du kannst dir keine Vorstellung machen, wie sie mich liebt …«

Intensismus

(Aus einem unveröffentlichten Kunsthandbuch für reichgewordene Leute.)

Verschwenden Sie nicht viel Zeit an die Kunst! Setzen Sie sich kurzerhand an die Spitze der Kenner! Ich gebe Ihnen dafür zwei Regeln.

Erklären Sie ein Bild, das Ihnen nicht gefällt oder das Sie nicht verstehen, unter allen Umständen für veraltet. Fügen Sie nichts hinzu, was darauf schließen läßt, ob Sie es für zweites oder zwanzigstes Jahrhundert, für ein Aquarell oder einen Holzschnitt gehalten haben. Denn darüber läßt sich streiten.

Zweitens, behaupten Sie, wenn man Sie nach den Gründen dieses Urteils fragt, die Malerei der Zukunft sei der Intensismus. Und wenn man sie fragt, was das sei, verweigern sie die Antwort und sagen, das verstände sich von selbst.

So macht man es nämlich immer. So hat es der Impressionismus gemacht und der Expressionismus. Ich sage Ihnen natürlich nicht, was diese beiden Worte bedeuten; das geht Sie glücklicherweise nichts mehr an. Und wenn ich Ihnen über den Intensismus etwas mehr andeute, so geschieht es nicht, um Ihnen eine Vorstellung von ihm zu geben – denn wenn die Anhänger einer Bewegung eine klare Vorstellung von ihr hätten, so würde das jeden Schwung lähmen –, sondern weil Sie das Gefühl empfangen sollen, daß diese kommende Kunst die Malerei Ihrer Nerven, Ihres Willens, Ihrer Vitalität sein wird; diesen Beschluß müssen Sie bewahren, alles übrige vergessen.

Man hat früher größere Bilder gemalt als heute. Das kam davon, daß damals die Wohnungen größer waren. Sie sehen, wie einfach die Kunstregeln sind.

Als man in Burgen wohnte, bedeckte man ganze Wände mit einem Bild. Später, als man ein Haus bewohnte, hatten die Bilder nur noch die Größe von höchstens 1,50 mal 2 Metern. Heute können selbst schwere Leute nur Wohnungen von ein paar Zimmern kaufen, die halb so hoch sind, als sie früher waren, und die Bilder haben demgemäß ein Format von bloß 1 : 0,8 Metern; und wenn, was vorauszusehen ist, die Bautätigkeit in Europa noch lange stockt, so werden die Bilder noch kleiner werden.

Sie sind aber im Verhältnis nicht billiger geworden. Daraus folgt, daß der Grund und Boden des Bildes teurer, die Bodenrente per Quadratzentimeter Bildleinwand größer geworden ist und die gleiche geistige Rentabilität eine intensivere Bewirtschaftung der Leinwand verlangt. Dies ist die eine Wurzel des Intensismus.

Als zweites verlangt ihn die psychische Energie. Betrachten Sie eine Landschaft, so finden Sie gewöhnlich ein Drittel, wenn nicht die Hälfte des Bildes von Luft oder Wasser bedeckt. Solche Bilder sind gewissermaßen Brachland. Ueberdies ist nicht zu bestreiten, daß schon ein Quadratzentimeter, blau bestrichen oder gar mit einer Anmerkung versehen, vollauf genügt, um uns wissen zu lassen, daß Himmel oder Wasser beabsichtigt sei; jeder Mensch weiß, wie sie aussehen, etwas Neues ist daran nicht zu zeigen, es handelt sich einfach um eine Verschwendung durch gewohnheitsmäßigen Schlendrian. Das gleiche finden Sie natürlich auch, wenn Sie ein Portrait betrachten. Der Maler füllt nicht das ganze Bild mit Ihnen aus, sondern erspart sich einen Hintergrund, der mindestens die Hälfte ausmacht.

Er könnte ja beispielsweise Sie zweimal malen oder Sie und dahinter Ihren Konkurrenten malen, wie Sie ihm den Fuß auf den Nacken setzen, den großen Tag, wo alle Effekten in die Höhe sprangen, oder den schwarzen Tag, wo alles schief lag. Scheuen Sie sich nicht vor solchen Forderungen; allen wahrhaft ursprünglichen Epochen der Kunst waren sie ganz natürlich. Denken Sie daran, daß man mehrere Bilder ineinander malen kann; aber ich will nicht vorgreifen, diese Kunst entwickelt sich bereits von selbst. Halten Sie also bloß still an dem Wunsch fest, daß sich die Malerei bald wieder Rennpferden, Jagdbildern, Automobilen, Flugzeugen und allem, was Sie wirklich schön finden, zuwenden möge, und verlangen Sie vorläufig, daß mit den unausgenützten Geistflächen Schluß gemacht werde.

Intensivstes Leben im kleinsten Bildteil, nervöse Fläche, Einleitung der siegreichen Energie des modernen Lebens in den Bildrahmen: das ist der Intensismus! Wenn Sie irgendetwas sehen, das schon dahin weist, dann sagen Sie nichts als: Aber das ist ja intens! Wenn Ihnen das schwer fällt, so nehmen Sie immer Ihre Frau Gemahlin mit, die wird es treffen.

Kindergeschichte

[Magdeburgische Zeitung, 22.12.1926, S. 9]

Herr Piff, Herr Paff und Herr Puff sind miteinander auf die Jagd gegangen. Und weil es Herbst war, wuchs nichts auf den Aeckern; außer Erde, die der Wind so aufgelockert hatte, daß die Stiefel hoch über die Schäfte davon braun wurden. Es war sehr viel Erde da, und so weit das Auge reichte, sah man stille braune Wellen; manchmal trug eine davon ein Steinkreuz auf ihrem Rücken oder einen Heiligen oder einen leeren Weg; es war sehr einsam.

Da gewahrten die Herren, als sie wieder in eine Mulde hinabstiegen, vor sich einen Hasen, und weil es das erste Tier war, das sie an diesem Tage antrafen, rissen alle drei ihre Schießrohre rasch an die Backe und drückten ab. Herr Piff zielte über seine rechte Stiefelspitze, Herr Puff über seine linke, und Herr Paff zwischen beiden Stiefeln geradeaus, denn der Hase saß ungefähr gleichweit von jedem und sah ihnen entgegen. Nun erhob sich ein fürchterlicher Donner von den drei Schüssen, die Schrotkörner prasselten in der Luft wie drei Hagelwolken gegeneinander, und der Boden staubte wild getroffen auf; aber als sich die Natur von diesem Schrecken erholt hatte, lag auch der Hase im Pfeffer und rührte sich nicht mehr. Bloß wußte jetzt keiner, wem er gehörte, weil alle drei geschossen hatten. Herr Piff hatte schon von weitem ausgerufen, wenn der Hase rechts getroffen sei, so gehöre er ihm, denn er habe von links geschossen; das Gleiche behauptete Herr Puff über die andere Hand; aber Herr Paff meinte, daß der Hase sich doch auch im letzten Augenblick umgedreht haben könne, was nur zu entscheiden wäre, wenn er den Schuß in der Brust oder im Rücken habe: dann aber und somit unter allen Umständen, gehöre er ihm! Als sie nun hinzukamen, zeigte sich jedoch, daß sie durchaus nicht herausfinden konnten, wo der Hase getroffen sei, und natürlich stritten sie jetzt erst recht um die Frage, wem er zukomme.

Da erhob sich der Hase höflich und sagte: »Meine Herren, wenn sie sich nicht einigen können, will ich so frei sein und noch leben! Ich bin, wie ich sehe, bloß vor Schreck umgefallen.«

Da waren Herr Piff und Herr Puff, wie man zu sagen pflegt, einen Augenblick ganz paff, und bei Herrn Paff versteht sich das eigentlich immer von selbst. Aber der Hase fuhr unbeirrt fort. Er machte große hysterische Augen – wahrscheinlich doch, weil ihn der Tod gestreift hatte, – und begann, den Jägern ihre Zukunft vorauszusagen. »Ich kann Ihnen Ihr Ende prophezeien, meine Herren,« sagte er, »wenn Sie mich am Leben lassen! Sie, Herr Piff, werden schon in sieben Jahren und drei Monaten von der Sense des Todes in Gestalt der Hörner eines Stieres hingemäht werden; und der Herr Paff werden zwar sehr alt werden: aber ich sehe etwas äußerst Unangenehmes am Ende – etwas – ja, das läßt sich nicht so leicht sagen –«; er stockte und blickte Paff teilnahmsvoll an; dann brach er ab und sagte rasch: »Aber der Herr Paff wird an einem Pfirsichkern ersticken, das ist einfach.«

Da wurden die Jäger bleich, und der Wind pfiff durch die Einöde.

Aber indes die Röhrenstiefel an ihren Beinen noch im Winde klapperten, luden ihre Finger schon von neuem das Gewehr, und sie sprachen: »Wie kannst Du wissen, was noch nicht geschehen ist, Du Lügner!«

»Der Stier, der mich in sieben Jahren aufspießen soll,« sagte Herr Piff, »ist heute doch noch gar nicht geboren; wie kann er spießen, wenn er vielleicht überhaupt nicht geboren wird!?«

Und Herr Puff tröstete sich damit, daß er sagte: »Ich brauche bloß keine Pfirsiche mehr zu essen, so bist Du schon ein Betrüger!«

Herr Paff aber sagte nur: »Na, na!«

Der Hase erwiderte: »Das können die Herren halten wie sie wollen; es wird Ihnen nichts nützen.«

Da machten die Jäger Miene, den Hasen mit ihren Stiefelabsätzen tot zu treten, und schrien: »Du wirst uns nicht abergläubisch machen!!« – Aber in diesem Augenblick kam ein häßliches altes Weib vorbei, das einen Haufen Reisig am Rücken schleppte, und die Jäger mußten rasch dreimal ausspucken, damit ihnen der Anblick nicht schade.

Da wurde das Weib, welches das bemerkt hatte, böse und schrie zurück: »Bin a amol schön gewen!« Niemand hätte zu sagen vermocht, welche Mundart das war, es klang aber geradezu wie der Dialekt der Hölle.

Diesen Augenblick benutzte der Hase, um zu entwischen.

Die Jäger donnerten aus ihren Büchsen hinter ihm drein, aber der Hase war nicht mehr zu sehen, und auch das alte Weib war verschwunden; man glaubte nur während der drei Schüsse ein unbändiges Hohngelächter gehört zu haben.

Da wischte sich Herr Paff den Schweiß von der Stirn und ihn fror.

Herr Piff sagte: »Gehen wir nach Hause!«

Und Herr Puff kletterte schon den Abhang empor.

Als sie oben bei dem steinernen Kreuz angelangt waren, fühlten sie sich aber in seinem Schutze sicher und blieben wieder stehen.

»Wir haben uns selbst zum Besten gehalten,« sagte Herr Puff, »es war ein ganz gewöhnlicher Hase.«

»Aber er hat gesprochen,« sagte Herr Paff.

»Das kann nur der Wind gewesen sein oder das Blut war uns in der Kälte zu Ohren gestiegen,« belehrten ihn Herr Piff und Herr Puff.

Da flüsterte der liebe Gott am Steinkreuz: »Du sollst nicht töten …!«

Die drei schraken von neuem ordentlich zusammen und gingen mindestens zwanzig Schritte dem steinernen Kreuz aus der Nähe; es ist aber auch zu arg, wenn man sich nicht einmal dort sicher fühlen kann! Und ehe sie noch etwas erwidern konnten, sahen sie sich mit eilenden Schritten nach Hause gehn.

Erst als der Rauch ihrer Dächer sich über den Büschen kräuselte, die Dorfhunde bellten und Kinderstimmen durch die Luft zu schießen begannen wie die Schwalben, hatten sie ihre Beine wieder eingeholt, blieben auf ihnen stehn, und es wurde ihnen wohl und warm. »An irgendetwas muß schließlich jeder sterben,« meinte Herr Paff gelassen, der es bis dahin nach der Prophezeiung des Hasen am weitesten hatte; er wußte noch verdammt gut, weshalb er das sagte, jedoch plagte ihn jetzt mit einem Male ein Zweifel, obwohl auch seine Gefährten davon wüßten, und er schämte sich, sie zu fragen.

Aber Herr Piff antwortete genau so: »Wenn ich nicht töten dürfte, dann dürfte ich doch auch nicht getötet werden? Ergo sage ich, da hat es einen grundsätzlichen Widerspruch!« Das mochte nun jeder beziehen, worauf er wollte; eine vernünftige Antwort war es nicht, und Herr Piff schmunzelte philosophisch, um zu verbergen, daß er brennend gern erfahren wollte, ob ihn die anderen trotzdem verstünden oder ob in seinem Kopf etwas nicht in Ordnung gewesen sei.

Herr Puff, der dritte, zertrat nachdenklich einen Wurm unter der Stiefelsohle und erwiderte: »Wir töten ja nicht nur die Tiere, sondern wir hegen sie auch und halten auf Ordnung im Feld.«

Da wußte jeder, daß auch die anderen wußten; und indes sich jeder heimlich noch daran erinnerte, begann das Erlebte schon zu zerrinnen wie ein Traum nach dem Erwachen, denn was drei gehört und gesehen haben, kann kein Geheimnis sein und also auch kein Wunder, sondern höchstens eine Täuschung. Und alle drei seufzten plötzlich: Gott sei Dank! Herr Piff seufzte es über seiner linken Stiefelspitze, Herr Puff über seiner rechten, denn beide schielten nach dem Gott im Feld zurück, dem sie dafür dankten, daß er ihnen nicht wirklich erschienen sei; Herr Paff aber, weil die beiden anderen wegsahen, konnte sich ganz zum Kreuz umdrehen, kniff sich in die Ohren, und sagte: »Wir haben heute auf nüchternen Magen Branntwein getrunken; das sollte ein Jäger nie tun!«

»So ist es!« sagten alle drei, sangen ein fröhliches Jägerlied, worinnen viel von Grün die Rede war, und warfen mit Steinen nach einer Katze, die verbotenerweise auf die Felder schlich, um Haseneier zu fangen, denn nun fürchteten sich die Jäger ja auch nicht mehr vor dem Hasen. Aber dieser letzte Teil der Geschichte ist nicht ganz so sicher wie das übrige, denn es gibt Leute, welche behaupten, daß die Hasen nur zu Ostern Eier legen.

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Yaş sınırı:
18+
Litres'teki yayın tarihi:
10 haziran 2026
Hacim:
5257 s. 13 illüstrasyon
ISBN:
9782377871742
Telif hakkı:
Bookwire
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