Kitabı oku: «Robert Musil: Gesammelte Werke», sayfa 79
Der Riese Agoag
[Vossische Zeitung, 17.3.1927, S. ?]
Wenn der Held dieser Erzählung das Hemd aufstreifte, kamen zwei Arme zum Vorschein, die so dünn waren wie die Schatten unter den Augen einer Jungfrau; wenn er einer Frau Eindruck machen wollte, konnte es geschehen, daß ihr etwas erstaunter Blick auf seinem Scheitel ruhte; und als ihm einmal eine stattliche Schöne überraschend ihre Gunst schenkte, kam sie auf den Einfall, ihn »mein Eichhörnchen« zu nennen. Darum las er in den Zeitungen nur den Sportteil, im Sportteil am eifrigsten die Boxnachrichten und von den Boxnachrichten am liebsten die über Schwergewichte. Sein Leben war dementsprechend unglücklich.
Aber er ließ nicht ab, den Aufstieg zur Kraft zu suchen. Weil er nicht genug Geld hatte, um in einen Verein einzutreten, und weil Sport ohnedies nach neuer Auffassung nicht mehr das verächtliche Talent eines Leibes, sondern ein Triumph der Moral und des Geistes ist, suchte er diesen Aufstieg allein. Es gab keinen freien Nachmittag, den er nicht dazu benutzte, um auf den Zehenspitzen spazierenzugehen. Wenn er sich unbeobachtet wußte, griff er mit der rechten Hand hinter den Schultern vorbei nach den Dingen, die links von ihm lagen, oder umgekehrt. Das An- und Auskleiden beschäftigte seinen Geist als die Aufgabe, es auf die entschieden anstrengendste Weise zu tun. Und weil der menschliche Körper zu jedem Muskel einen Gegenmuskel hat, so daß der eine sich streckt, wenn der andere sich beugt, oder sich beugt, wenn jener sich streckt, gelang es ihm, sich bei jeder Bewegung die unsagbarsten Schwierigkeiten zu schaffen. Man kann behaupten, daß er an guten Tagen aus zwei völlig fremden Menschen bestand, die einander unaufhörlich bekämpften. Wenn er aber nach solchem ausgenutzten Tag ans Einschlafen ging, so spreizte er alle Muskeln, deren er überhaupt habhaft werden konnte, noch einmal gleichzeitig auseinander, und dann lag er in seinen eigenen Muskeln wie ein Stückchen fremdes Fleisch in den Fängen eines Raubvogels, bis ihn Müdigkeit überkam, der Griff sich löste und ihn senkrecht in den Schlaf fallen ließ. Es konnte nicht ausbleiben, daß er bei dieser Lebensweise unüberwindlich stark wurde. Aber gerade, als er, ehe dies geschah, einmal vierzehn Tage lang seine Übungen ausgesetzt hatte, bekam er Streit auf der Straße und wurde von einem dicken Schwamm von Menschen verprügelt.
Bei diesem schimpflichen Kampf nahm seine Seele Schaden, er wurde niemals wieder ganz wie früher, und es erschien lange fraglich, ob er ein Leben ohne alle Hoffnung werde ertragen können. Da rettete ihn ein großer Omnibus. Er wurde zufällig Zeuge, wie ein riesiger Omnibus einen athletisch gebauten jungen Mann überfuhr, und dieser tragische Unfall wurde für ihn zum Ausgangspunkt eines neuen Lebens. Der Athlet wurde sozusagen vom Dasein abgeschält wie ein Span oder eine Apfelschale, wogegen der Omnibus bloß peinlich berührt zur Seite wich, stehenblieb und aus vielen Augen zurückglotzte. Es war ein trauriger Anblick, aber unser Mann nahm rasch seine Chance wahr und kletterte in den Sieger hinein.
Das war nun so: Für fünfzehn Pfennige durfte er, wann immer er wollte, in den Leib eines Riesen kriechen, vor dem alle Sportsleute zur Seite sprangen. Der Riese hieß Agoag. Das bedeutet wohl Allgemein geschätzte Omnibus-Athleten-Gesellschaft denn wenn man Märchen erleben will, muß man heute sehr klug sein. Unser Held saß nun auf dem Verdeck und war so groß, daß er alles Gefühl für die Zwerge verlor, die auf der Straße wimmelten. Unvorstellbar, was sie miteinander zu sprechen hatten. Er freute sich, wenn sie erschrocken hopsten. Er schoß, wenn sie die Fahrbahn überquerten, auf sie los wie ein großer Köter auf Spatzen. Er sah auf die Dächer der eleganten Privatautos, die ihm sonst geradezu einschüchternd vornehm erschienen waren, – nun, er sah im Bewußtsein der eigenen Zerstörungskraft etwa auf sie wie ein Mensch, mit einem Messer in der Hand, auf die lieben Hühner in einem Geflügelhof. Man braucht durchaus nicht viel Phantasie dazu, bloß logisches Denken, um ihm zu folgen. Denn wenn es richtig ist, was man sagt, daß Kleider Leute machen, weshalb sollte das nicht auch ein Omnibus können? Man hat seine riesige Kraft an oder um, und wenn man sich einen ritterlichen Helden mit einem Panzer denken kann, weshalb nicht auch mit einem Omnibus? Und die großen Kraftnaturen der Weltgeschichte? War ihr verwöhnter Leib das furchtbar Große an ihnen oder war es der Machtapparat, mit dem sie ihn zu umgeben wußten? Und was ist es, dachte unser Mann in seinem engeren Gedankenkreis, mit allen den Edelleuten des Sports, welche die Könige des Boxens, Laufens und Schwimmens als Höflinge umgeben, vom Manager und Trainer bis zu dem Mann, der die blutigen Eimer wegträgt oder den Bademantel um die Schultern legt: verdanken diese zeitgenössischen Nachfolger der alten Truchsessen und Mundschenken ihre persönliche Würde ihrer eigenen oder den Strahlen einer fremden Kraft?
Man sieht, der Held dieser Geschichte hatte sich vergeistigt. Er benutzte nun jede freie Stunde zum Omnibusfahren. Und wenn er nicht gestorben, erdrückt, überfahren worden, abgestürzt oder in einem Irrenhaus ist, fährt er damit noch heute. Allerdings, einmal ging er sogar so weit, eine Freundin auf den Omnibus mitzunehmen, um sie auf die Probe zu stellen, ob sie geistige Männerschönheit zu würdigen wisse. Und da war in dem Riesenleib ein winziger Parasit mit dicken Schnurrbartspitzen, der lächelte die Freundin frech an, und sie lächelte zehn Minuten lang zurück; ja, er flüsterte ihr im Vorbeistreifen sogar etwas zu. Unser Held kochte vor Wut; er hätte sich gerne auf den Nebenbuhler gestürzt, aber so klein dieser neben dem Riesen Agoag aussehen mußte, in dessen Leib war er gut doppelt so breit als unser Held. Da stieg dieser aus und überhäufte seine Freundin mit Vorwürfen. Aber, siehe, sie antwortete: Ich mache mir gar nichts aus starken Männern, ich liebe nur Omnibusse! – Damals ahnte dem Entdecker des Omnibus, daß irgend etwas an seiner Entdeckung nicht stimme; aber wie das schon so ist, solche Ahnungen gehen vorüber.
Eine Geschichte aus drei Jahrhunderten
[Berliner Tageblatt, 27.3.1927, S. ?]
1729.
Als der Marquis von Epatant den Raubtieren vorgeworfen wurde – eine Geschichte, die leider in keiner einzigen Chronik des achtzehnten Jahrhunderts erwähnt wird –, sah er sich plötzlich in eine so peinliche Lage versetzt, wie sie ihm noch nie widerlaufen war. Er hatte mit dem Leben abgeschlossen und ging lächelnd, mit einem Blick, der wie aus zwei geschliffenen Edelsteinen kam, aber nichts mehr sah, dem Nichts entgegen. Doch es löste ihn dieses Nichts nicht ins Ewige auf, zog sich vielmehr sehr gegenwärtig zusammen; mit einem Wort, nicht das Nichts, sondern nichts ereignete sich, und als er sich seiner Augen wieder zum Sehen zu bedienen begann, gewahrte er ein großes Raubtier, das ihn unschlüssig betrachtete. Dies wäre dem Marquis weiter nicht peinlich gewesen, – er hatte Angst, aber er wußte, wie man sie zu tragen habe, – wenn er nicht im selben Augenblick innegeworden wäre; daß es ein weibliches Raubtier war. Strindberg gab es damals noch nicht, man lebte und starb in den Anschauungen des achtzehnten Jahrhunderts, und Epatants natürliche Regung war es, den Hut zu lüften und eine galante Verbeugung zu machen. Dabei sah er aber, daß die Handgelenke der ihn betrachtenden Dame fast so breit waren wie sein Oberschenkel, und die Zähne, welche in dem lüstern und neugierig geöffneten Mund sichtbar geworden waren, gaben ihm ein Bild des Massakers, das ihm bevorstand. Diese Person vor ihm war schön, furchteinflößend stark und in Blick wie Gestalt durchaus weiblich. Das war zuviel für Epatant. Er fühlte sich durch die in allen Gliedern spielende Zärtlichkeit der Raubkatze unwillkürlich an die entzückende stumme Beredsamkeit der Liebe erinnert. Er mußte sich nicht nur fürchten, sondern zugleich auch den beschämenden Kampf dieser Furcht mit dem Bedürfnis des Mannes ertragen, einem weiblichen Wesen unter allen Umständen zu imponieren, die Frau in ihm einzuschüchtern und zu besiegen. Statt dessen ging es ihm umgekehrt. Die weibliche Bestie schüchterte ihn als Bestie ein, und das wundervoll Weibliche, das jede ihrer Bewegungen ausatmete, mengte in die Vergeblichkeit jedes Widerstandes die freudige Ohnmacht der Hingabe. Er, Marquis d’Epatant, war in den Zustand und die Rolle eines Weibchens gebracht worden, und dies in der letzten Minute seines Lebens! Er sah keine Möglichkeit, diesem boshaften ihm angetanen Schimpf zu entrinnen, fiel in Ohnmacht und wußte zu seinem Glück länger nicht mehr, was mit ihm geschah.
2197 vor unserer Zeitrechnung.
Ich weiß nicht, ob die Jahreszahl stimmt, aber wenn es den Staat der Amazonen wirklich gegeben hat, so müssen äußerst ernst zu nehmende Damen darin gewohnt haben. Denn hätten sie etwa nur einen etwas gewalttätigen Frauenrechtsverein dargestellt, so würden sie es in der Geschichte höchstens zur Reputation der Abderiten oder Sancho Pansas gebracht haben und wären bis zum heutigen Tag ein Beispiel unweiblicher Komik geblieben. Statt dessen leben sie in heldenhaftem Andenken, und man darf daraus schließen, daß sie ihrerzeit in einer überaus beachtenswerten Weise gebrannt, gemordet und geraubt haben müssen. Mehr als ein indogermanischer Mann muß vor ihnen Angst gehabt haben, ehe sie es zu ihrem Ruf brachten. Mehr als ein Held wird vor ihnen davongelaufen sein. Mit einem Wort, sie müssen dereinst dem prähistorischen Mannesstolz nicht wenig zugesetzt haben, bis er schließlich zur Entschuldigung von soviel Feigheit sagenhafte Geschöpfe aus ihnen machte, einem Gesetz folgend, wonach auch ein Sommerfrischler, der vor einer Kuh flüchtet, immer behaupten wird, daß es zumindest ein Ochse gewesen sei.
Wie aber, wenn es diesen Amazonenstaat niemals gegeben hat? Und das ist doch das Wahrscheinlichste, weil man sich ja kaum denken kann, daß es darin Divisions- und Regimentsstörche gab, welche den bewaffneten Jungfrauen die Rekruten brachten. Wovor haben sich dann die antiken Helden gefürchtet? War das Ganze nur ein wunderlich Gewalt antuender Traum? Es fällt einem dabei unwillkürlich ein, daß sie auch sonst Göttinnen verehrten, von denen sie im Rausch der Anbetung zerrissen wurden, und die Sphinx besuchten die kundigen Thebaner wie der Fliegerich die Spinne. Man muß sich schandenhalber wohl ein wenig darüber wundern, was für Träume diese Urväter unserer Gymnasialbildung kannten! Vorbildliche Sportsleute, die sich im allgemeinen nicht viel aus Frauen machten, träumten sie von Frauen, vor denen sie sich fürchten konnten. Sollte am Ende der Baron Sacher-Masoch eine so lange Ahnenreihe gehabt haben? Es ist nicht denkbar. Denn wir können uns wohl vorstellen, daß die Menschheit moralisch aus tiefen Abgründen kommt, weil sie bekanntlich mit jedem Tag höher steigt und dazu Platz braucht, aber daß an den Grundlagen des humanistischen Unterrichts etwas derart in Unordnung sein sollte, vermögen wir nicht zu glauben. Man hat nicht selten gefunden, daß etwas, das heute als Wahnsinn erscheint, ein Atavismus ist, ein Rückfall auf eine Vorstufe, die zu ihrer gesunden Zeit etwas ganz anderes bedeutete.
Dunkel sind die Anfänge der Zivilisation.
1927.
Was haben zwei Jahrhunderte des Humanismus aus dieser Geschichte gemacht?
Ein Mann besiegt in offener Feldschlacht das Amazonenheer, und die Amazone verliebt sich in ihren Bezwinger. So ist es in Ordnung! Die Widerspenstige wird gezähmt, sie wirft Schild und Speer weg, und die Männer kichern geschmeichelt in der Runde. Das ist von der alten Sage übrig geblieben. Das Zeitalter des gebildeten Bürgers bewahrte von der wilden, jungen Raubfrau, welche danach brennt, ihre Pfeilspitze hinter Mannesrippen zu landen, bloß das moralische Beispiel, wie sich unnatürliche Triebe wieder in natürliche verkehren, und außerdem höchstens kümmerliche Reste in den Theatern, Kinos und Erzählungen sechzehnjähriger Lebemänner, wo das dämonische Weib, die Salonschlange oder der sinnliche Vampir von fern an ihre männermordenden Vorgängerinnen erinnern.
Aber die Zeiten sind in ewigem Fluß. Es soll nicht von weiblichen Bureauvorstehern gesprochen werden, um die sich der männliche Untergebne rankt wie der bescheidene Efeu um die starke Eiche, denn es gibt Geschichten, die dem Mittelpunkt der männlichen Eitelkeit näher liegen. Da wohnte zum Beispiel der berühmte Chemiker Kratochwil vor einiger Zeit einer Versammlung bei, wo die Opposition unter weiblicher Führung stand. Es war nicht gerade eine politische Versammlung, aber immerhin eine von jenen, wo der neue geistige Weltzug seinen Zusammenstoß mit dem alten hat. Kratochwil, als verdienstreicher Mann, saß bequem in den Polstern des alten. Er war nicht im geringsten gelaunt, sich für Weltanschauungen zu ereifern, und begrüßte das Auftreten der Damen zunächst nur als eine Abwechslung. Während sie oben redeten, sah er unten ihre Füße in den Halbschuhen an. Aber dann fesselte ihn eine Einzelheit: er hörte sie sagen, die Herren von der Mehrheit seien Esel. Sie sagten es in einer reizenden Weise; nicht gerade mit diesem Wort, wohl aber ungefähr mit diesem Grad von Achtung. Wenn die eine sich niedersetzte, stand ausgeruht die andere auf und wiederholte es. Auf ihrer Stirn bildeten sich vor Aerger und Anstrengung kleine lotrechte Falten; ihre Handbewegungen waren pädagogisch, wie wenn man Kindern auseinandersetzen muß, wie denkfaul sie seien; und die Sätze wurden sorgfältig vom Mund gegliedert, wie von einem geschulten Koch, der Fasanen zerlegt.
Der berühmte Chemiker Kratochwil lächelte; er war kein Esel, er stand über der Situation, er durfte sich ihrem Reiz vorurteilslos hingeben; bei der Abstimmung würde sich ja schon zeigen, was er für richtig halte. Aber er warf zufällig einen Blick auf die anderen Herren von der Mehrheit. Sie saßen bocksteif wie die Weibchen, denen ein Mann den überwältigenden Zauber der Logik beibringen will, wogegen sie keine andere Waffe haben, als nach jedem neuen Schluß zu erwidern: Ich will aber nicht! Da fühlte Kratochwil, daß es ihm eigentlich gar nicht anders erging. Er betrachtete tändelnden Sinnes Beine und Fingerspitzen, Mundfalten oder Bewegung des Leibes, währenddessen er hören mußte, daß sein Wille eingeschlafen und seine Intelligenz die eines dicken Bürgers sei, der sich nicht gern bewege. Nun geschah das, was allerdings nicht immer geschieht, Kratochwil fühlte sich halb überzeugt. Wenn er an seinen chemischen Ruhm dachte, so kam er sich vor wie eine brave Hausfrau, die daheim mit Fläschchen und Töpfchen am Herd hantiert, während diese Damen auf schäumendem Roß durch die Welt sprengten. Mit einer käthchenhaften Begeisterung folgten seine Gedanken den wilden Taten ihres Geistes. Gewiß, er konnte eine Menge besonderer besserer Dinge herstellen, aber was nützte ihm das in solchen allgemeinen Fragen, deren Unsicherheit einen – beinahe hätte er gesagt, einen ganzen Mann brauchte?!
Schon fand er, daß strenge Einwände des Verstandes nur ängstlich seien.
Was ihn im Gleichgewicht hielt, war, daß auf der Gegenseite auch Männer aufstanden, die zusammenhangloses Zeug redeten. Dann richteten sich seine Stacheln wieder auf. Die Versammlung wurde stellenweise bewegt, und keiner ließ den anderen ausreden. In diesem wirren Männergeschrei schwiegen die Rednerinnen lächelnd, und es schien, daß sie ein Zeichen gaben. Dann erhob sich jedesmal ein fett-kräftiger junger Mann mit großem Gesicht und dichtem Haar und entfaltete ein wahres Phänomen von Stimme, deren Zwischenrufe wenig Vernunft hatten, aber mit einem Satz zwanzig feindliche Stimmen über den Haufen fegten, so daß man die Rednerinnen wieder hörte. – Ah, ein Mann! – dachte Kratochwil anfangs geschmeichelt. Aber wie er sich das in der Stimmung, in der er sich nun einmal befand, näher überlegte, fand er, daß eine starke Stimme doch auch nur etwas Sinnliches sei, wie in seiner Jugendzeit ein langer Zopf oder ein üppiger Busen. Kratochwil fühlte sich von diesen Gedanken, die auf einem ihm ganz ungewohnten Gebiet lagen, müde. Er hatte nicht übel Lust, seine Partei im Stich zu lassen und sich aus der Versammlung zu schleichen. Dunkle Gymnasialerinnerungen bewegten ihn: die Amazonen? – Verkehrte Welt! – dachte er. Aber dann dachte er auch: Ganz eigentümlich ist es, sich einmal eine verkehrte Welt vorzustellen. Es bereitet eine gewisse Abwechselung. Er richtete sich an diesen Gedanken auf; eine gewisse Kühnheit lag in ihnen, eine freimütige männliche Neugierde. – Wie dunkel ist die Zukunft der Zivilisation! – dachte er. – Ich bin ein Mann, aber das wird bald etwas sehr Weibliches bedeuten. Und als die Abstimmung kam, stimmte er trotzdem für die Reaktion.
Die Opposition unterlag; die Versammlung war zu Ende. Mit bewegtem Gewissen suchte Kratochwil den Blick seiner konsequenten Gegnerinnen. Aber diese legten eben frischen Puder auf und hatten ihre kleinen silbernen Spiegel hervorgezogen. Mit der gleichen Sachlichkeit, wie sie vorhin mörderische Worte gesprochen hatten, taten sie es. Bloß niedliche Männerköpfe machen sich unnütze Gedanken.
Einige Schwierigkeiten der schönen Künste
[Berliner Tageblatt, 1.5.1927, S. 3]
Da wäre von allen Schwierigkeiten doch gleich die zu nennen, daß auf eine Umdrehung des Lebens mindestens fünf Umdrehungen der Kunst kommen. Betrachtet man als nächstliegendes Beispiel die letzten hundert Jahre, so sieht man die gesamte Gegenwart in einer glatten, ununterbrochenen Bewegung aus der Vergangenheit heraussteigen, während zum Beispiel die Dichtung in der gleichen Zeit klassisch, romantisch, epigonisch, impressionistisch und expressionistisch war. (Kleinigkeiten wie Büchner, Grillparzer, Hebbel nicht zu rechnen.) Es ist leichter, vorauszusagen wie die Welt in hundert Jahren aussehen wird als wie sie in zwanzig Jahren schreiben wird. Nicht einmal hinterdrein kann man das prophezeien. Denn wenn man etwa, wie das ja zuweilen vorkommt, ein Theaterstück oder einen Roman wiedersieht, die vor zwanzig Jahren die Seelen mitgerissen haben, so erlebt man etwas, das eigentlich noch kein Mensch erklärt hat, weil es scheinbar jeder für natürlich hält: der Glanz ist weg, die Wichtigkeit ist weg, Staub und Motten fliegen bei der Berührung auf. Aber warum das so sein muß und was sich da eigentlich geändert hat, weiß niemand. Die Komik aller Kunstjubiläen besteht darin, daß die alten Bewunderer so feierlich beunruhigte Gesichter machen, als ob ihnen der Kragenknopf hinter die Hemdbrust gerutscht wäre.
Es ist nicht das gleiche, wie wenn man einer alten Jugendgeliebten begegnet, die mit den Jahren nicht schöner geworden ist. Denn dann begreift man zwar auch nicht mehr, was man einstens gestammelt hat, aber das hängt wenigstens mit der rührenden Vergänglichkeit alles Irdischen und dem bekannt unanständigen Charakter der Liebe zusammen. Aber eine Dichtung, die man wiedersieht, ist wie eine Jugendgeliebte, die zwanzig Jahre lang in Spiritus gelegen hat, so daß sich an ihr nicht ein Haar und nicht eine Schuppe der rosigen Epidermis geändert hat. Ein Schauer faßt dich an! Denn da sie sich in nichts geändert hat, erscheint dir alles, wie wenn du dich bloß zweimal rasch umgedreht hättest, ohne auch nur das Gespräch zu unterbrechen, und dennoch kannst du im selben Augenblick weder dich, noch sie wiedererkennen! Das ist doch wohl um einen Grad unheimlicher.
Es ist auch nicht so, wie man sonst den Gespenstern alter Erregungen und Begeisterungen begegnet; Feinden, Freunden, durchlärmten Nächten, überstandenen Leidenschaften. Dies alles ist samt seinen Bedingungen versunken, wenn es vorbei ist; es hat irgendeinen Zweck erfüllt und ist von der Erfüllung aufgesogen worden; es war eine Strecke des Lebens oder eine Stufe der Person. Aber die gewesene Kunst diente zu nichts, ihr Einst hat sich unmerklich verloren und verlaufen, sie ist niemandes Stufe. Denn fühlt man sich wirklich höher stehen, wenn man auf das einst Bewunderte herabblickt? Man steht nicht höher, sondern bloß anderswo. Ja, ehrlich gesagt, wenn man auch vor einem älteren Bild mit befriedigtem Gähnen feststellt, daß man nicht mehr begeistert zu sein braucht, so ist man noch lange nicht begeistert davon, daß man nun die neuen bewundern muß. Man fühlt sich bloß von einem neurotischen Zwang in den nächsten geraten, was keineswegs ausschließt, daß man sich höchst freiwillig und aktiv gebart; Freiwilligkeit und Unfreiwilligkeit sind ja nicht durchaus Gegensätze, man kann etwas halb unfreiwillig tun und dafür die freiwillige Hälfte sozusagen verdoppeln, so daß man schließlich das Freiwillige unfreiwillig übertreibt oder das Unfreiwillige freiwillig, was fast schon das gleiche ist.
Dennoch steckt ein merkwürdiges Darüberhinaussein in diesem Anderswo. Es ist heimlich mit der Mode verwandt. Die Mode hat ja nicht nur die Eigenschaft, daß man sie lächerlich findet, sondern auch die andere, daß man sich schwer vorstellen kann, ein Mann, der nicht Zug um Zug ebenso lächerlich gekleidet sei wie man selbst, sei geistig ohne Vorbehalt ernst zu nehmen. Ich wüßte nicht, was bei unserer Bewunderung für die Antike einen angehenden Philosophen vor dem Selbstmord schützen könnte, wenn nicht der Umstand, daß Platon und Aristoteles keine Hosen trugen; die Hosen haben, mehr als man denkt, zum geistigen Aufbau Europas beigetragen, das ohne sie seinen klassisch-humanistischen Minderwertikeitskomplex gegenüber der Antike wahrscheinlich niemals losgeworden wäre. So ist es unser tiefstes Zeitgefühl, daß wir mit niemand tauschen möchten, der in unmodernen Kleidern lebt. Auch in der Kunst haben wir wohl deshalb mit jedem neuen Jahr das Gefühl des Fortschritts, wenn es vielleicht auch nur Zufall ist, daß die Bilderausstellungen zur gleichen Zeit kommen wie die neuen Moden, im Frühjahr und Herbst. Aber dieses Gefühl ist nicht angenehm. Es ist wie im Traum, wo man auf einem Pferd sitzt und nicht herunter kann, weil es keinen Augenblick still steht. Man würde sich gern über den Fortschritt freuen, wenn er bloß ein Ende hätte. Man würde gern einen Augenblick anhalten und vom hohen Roß zur Vergangenheit sprechen: Sieh, wo ich bin! Aber schon geht die unheimliche Entwicklung weiter, und wenn man das einigemal mitgemacht hat, so beginnt man sich jämmerlich zu fühlen, mit vier fremden Beinen unter dem Bauch, die unentwegt fortschreiten.
Und so sind zum Schluß doch die Mode und die Kunst, und die Liebe und die Begeisterung und die schönen Einfälle alle miteinander verwandt. Schrecklich, wenn man sich an alles erinnert, das man wichtig genommen hat! Die meisten Menschen, wenn man ihnen im vorgerückten Alter – phono- und kinematographisch festgehalten – noch einmal die heftigen Gebärden und großen Worte vorführen könnte, die sie gebraucht haben, würden sich wie irrsinnig vorkommen. Es liegt im Wesen des Irdischen eine Uebertreibung, ein Superplus und Ueberschwang. Selbst zu einer Ohrfeige braucht man mehr als man verantworten kann. Aber schließlich verbrennt der Enthusiasmus, und man hat etwas in der Hand; Kinder bleiben davon übrig, Lebensstellungen, Prozesse, getane Reisen, Erfolge, und vor allem entsteht der in seinem soundsovielten Jahr befriedigt auf sein Leben zurückblickende Mensch daraus, eine Person, um deretwillen wir alles in der Welt gerechtfertigt finden würden. Nur von der Kunst geht nichts aus, was ohne Enthusiasmus bestehen bleiben könnte. Sie ist sozusagen nur Enthusiasmus ohne Knochen und Asche, reiner Enthusiasmus, der zu nichts verbrennt. Sie ist nicht unsere Vergangenheit, sondern unser Vergangenes. Begreiflicherweise blicken wir es nicht wenig beklommen an, denn man bekommt es nicht oft zu sehen und hat keine Ahnung, aus wieviel Dampf man besteht.
Ich sage übrigens nicht, so muß es sein. Ich sage nur, so ist es meistens. Und selbst das wissen die meisten Menschen nicht.