Kitabı oku: «Robert Musil: Gesammelte Werke», sayfa 86
Der bedrohte Ödipus
[Der Querschnitt, 10.1931, S. 685-686]
Hatte der antike Mensch seine Skylla und seine Charybdis, so hat der moderne Mensch den Wassermann und den Ödipus; denn wenn es ihm gelungen ist, ersteren zu vermeiden und mit Kraft einen Nachkommen auf die Beine zu stellen, kann er desto sicherer darauf rechnen, daß diesen der zweite holt. Man darf wohl sagen, daß ohne Ödipus heute so gut wie nichts möglich ist, nicht das Familienleben und nicht die Baukunst.
Da ich selbst noch ohne Ödipus aufgewachsen bin, kann ich mich natürlich nur mit großer Vorsicht über diese Fragen äußern, aber ich bewundere die Methoden der Psychoanalyse. Ich erinnere mich aus meiner Jugendzeit an das Folgende: Wenn einer von uns Knaben von einem anderen mit Beschimpfungen so überhäuft wurde, daß ihm bei besten Willen nichts einfiel, den Angriff mit gleicher Kraft zu erwidern, so gebrauchte er einfach das Wörtchen »selbst!«, das, in die Atempausen des anderen eingeschaltet, auf kurzem Wege alle Beleidigungen umkehrte und zurückschickte. Und ich habe mich sehr gefreut, als ich beim Studium der psychoanalytischen Literatur wahrnehmen konnte, daß man allen Personen, die vorgeben, daß sie nicht an die Unfehlbarkeit der Psychoanalyse glauben, nachweist, daß sie ihre Ursachen dazu hätten, die natürlich wieder nur psychoanalytischer Natur seien. Es ist das ein schöner Beweis dafür, daß auch die wissenschaftlichen Methoden schon vor der Pubertät erworben werden.
Erinnert die Heilkunde aber durch diesen Gebrauch der »Retourkutsche« an die herrliche alte Zeit der Postreisen, so tut sie das zwar unbewußt, doch beileibe nicht ohne tiefenpsychologischen Zusammenhang. Denn es ist eine ihrer größten Leistungen, daß sie inmitten des Zeitmangels der Gegenwart zu einer gemächlichen Verwendung der Zeit erzieht, ja geradezu einer sanften Verschwendung dieses flüchtigen Naturprodukts. Man weiß, sobald man sich in die Hände des Seelenverbesserers begeben hat, bloß, daß die Behandlung sicher einmal ein Ende haben wird, begnügt sich aber ganz und gar mit den Fortschritten. Ungeduldige Patienten lassen sich zwar schnell von ihrer Neurose befrein und beginnen dann sofort mit einer neuen, doch wer auf den rechten Genuß der Psychoanalyse gekommen ist, der hat es nicht so eilig. Aus der Hast des Tages tritt er in das Zimmer seines Freundes, und möge außen die Welt an ihren mechanischen Energien zerplatzen, hier gibt es noch gute alte Zeit. Teilnahmsvoll wird man gefragt, wie man geschlafen und was man geträumt habe. Dem Familiensinn, den das heutige Leben sonst schon arg vernachlässigt, wird seine natürliche Bedeutung wieder zurückgegeben, und man erfährt, daß es gar nicht lächerlich erscheint, was Tante Guste gesagt hat, als das Dienstmädchen den Teller zerbrach, sondern, richtig betrachtet, aufschlußreicher ist als ein Ausspruch von Goethe. Und wir können ganz davon absehn, daß es auch nicht unangenehm sein soll, von dem Vogel zu sprechen, den man im Kopf hat, namentlich wenn dieser Vogel ein Storch ist. Denn wichtiger als alles einzelne und schlechthin das Wichtigste ist es, daß sich der Mensch, sanft magnetisch gestreichelt, bei solcher Behandlung wieder als das Maß aller Dinge fühlen lernt. Man hat ihm durch Jahrhunderte erzählt, daß er sein Verhalten einer Kultur schuldig sei, die viel mehr bedeute als er selbst, und als wir die Kultur im letzten Menschenalter zum größten Teil doch endlich losgeworden sind, war es wieder das Überhandnehmen der Entdeckungen und Erfindungen, neben denen sich der Einzelne als ein Nichts vorkam: Nun aber faßt die Psychoanalyse diesen verkümmerten Einzelnen bei der Hand und beweist ihm, daß er nur Mut haben müsse und Keimdrüsen. Möge sie nie ein Ende finden! Das ist mein Wunsch als Laie, aber ich glaube, er deckt sich mit dem der Sachverständigen.
Ich werde darum von einer Vermutung beunruhigt, die ja möglicherweise nur meiner Laienhaftigkeit entspringt, vielleicht aber doch richtig ist. Denn soviel ich weiß, steht heute der vorhin erwähnte Ödipus-Komplex mehr denn je im Mittelpunkt der Theorie, fast alle Erscheinungen werden auf ihn zurückgeführt, und ich befürchte, daß es nach ein bis zwei Menschenfolgen keinen Ödipus mehr geben wird. Man mache sich klar, daß er der Natur des kleinen Menschen entspringt, der im Schoß der Mutter sein Vergnügen findet und auf den Vater, der ihn von dort verdrängt, eifersüchtig ist. Was nun, wenn die Mutter keinen Schoß mehr hat?! Schon versteht man, wohin das zielt: Schoß ist ja nicht nur jene Körpergegend, für die das Wort im engsten Sinne geschaffen ist, sondern es bedeutet psychologisch das ganze brütend Mütterliche der Frau, den Busen, das wärmende Fett, die beruhigende und hegende Weichheit, ja es bedeutet nicht mit Unrecht sogar auch den Rock, dessen breite Falten ein geheimnisvolles Nest sind. In diesem Sinn stammen die grundlegenden Erlebnisse der Psychoanalyse entschieden von der Kleidung der siebziger und achtziger Jahre ab. Und nun gar bei Betrachtung im Badetrikot: wo ist heute der Schoß? Wenn ich mir die psychoanalytische Sehnsucht, embryonal dahin zurückzufinden, an den laufenden und crawlenden Mädchen- und Frauenkörpern vorzustellen versuche, die heute an der Herrschaft sind, so sehe ich, bei aller Anerkennung ihrer eigenartigen Schönheit, nicht ein, warum die nächste Generation nicht ebensogern in den Schoß des Vaters wird zurückwollen.
Was aber dann?!
Werden wir statt des Ödipus einen Orestes bekommen? Oder wird die Psychoanalyse ihre segensreiche Wirkung aufgeben müssen?
Blech reden
[Prager Presse, 11.10.1931, S. 1-2]
»Blech reden« ist ein mit Genie erfundenes Wort. Es enthält: das Glänzende, das nicht Gold ist; den durchdringend unangenehmen Klang; das Lebhafte; das Auswalzbare. Würde man »Blech schreiben« sagen, wie viele wichtige zeitgenössische Erscheinungen ließen sich damit erklären! Aber der Gebrauch dieses Wortes ist in Abnahme begriffen. Irgendwann wird es wie »Aar« und »hehr« sein. Spätere Schriftstellergenerationen werden dann in Festreden sagen: »Die Väter haben Blech geschrieben«, und ein ungläubiger Schauer der Ehrfurcht wird die Zuhörer ergreifen.
Warum kann die Sprache solche vollendeten Bildungen nicht festhalten? Wie man für alles Häßliche ein schmeichelhaftes Wort hat, nennt man dieses Sterben das Leben der Sprache. Also warum lebt die Sprache? Sie ist dabei doppelt so umständlich und lang geworden, als sie es vor einigen Jahrhunderten war, ohne dementsprechend an Ausdrucksfähigkeit zu gewinnen. Wir lassen die Artikel weg, wir lassen Zeitworte weg, wir lassen die Bedeutung weg; wir treten ihr vorne auf den Kopf und hinten auf den Schwanz, aber es nutzt nichts mehr, sie wird immer länger. Wir fühlen deutlich, daß sie immer häßlicher wird, ohne es ändern zu können. Es gibt da etwas, das wir beklagen, aber offenbar trotzdem unausgesetzt tun. Wenn irgendetwas ein Hundeleben heißen darf, so ist es das der Sprache!
Ich weiß nicht viel davon, aber man hat sich mit dieser Frage ernst und wissenschaftlich beschäftigt, und das, was dabei herauskommt, dürfte Entwicklungsgesetze heißen. Wo immer man sonst Gesetze nicht einhält, wird man eingesperrt; wenn man ein bestehendes Gesetz der Sprache verletzt, scheint einem dagegen die Ehre zu widerfahren, daß man ein Entwicklungsgesetz begründet: das ist der Unterschied, und er ist nicht unerheblich. Ich habe unlängst eine Hundeausstellung besucht, und dabei sind mir einige ihrer Teilnehmer aufgefallen, die verblüffend genau der Vorstellung entsprachen, die ich mir zeitlebens von dem Begriff »Köter« gemacht habe. In Oesterreich nennt man so etwas, das vorn wie ein Windhund aussieht und hinten wie ein Dackel, rechts wie ein Bulldogg und links wie ein Terrier, eine »Promenadenmischung«. Ich habe mich erkundigt; es war wirklich eine Promenadenmischung; aber mit Stolz erzählte man mir, daß man sie vor einigen Hundegenerationen fixiert habe, und seither heißt sie, wenn ich nicht ihre, Oesterreichischer Blendling, hat viele Preise bekommen und sieht aus wie ein umsichtig genormtes Chaos. Von solcher Rasse ist entwicklungsgesetzlich auch die menschliche, und namentlich die deutsche Sprache. Die Sprache der Kanzleien, der Zeitungen, der Studenten, der Gauner, der benachbarten Völker, der katholischen Kirche und des Römischen Imperiums haben im Guten wie im Schlechten ihre Spuren darin hinterlassen, und wenn man schon gegen das Gute nichts einwenden darf, warum tut man es dann nicht wenigstens gegen das Böse? Die berühmten Entwicklungsgesetze sagen uns leider, daß man es gegen das Böse am wenigsten tut. Aber auch die Sprachgewohnheiten sind Gewohnheiten; und warum nimmt man also mit besonderer Vorliebe schlechte Gewohnheiten an? Da mündet die Sprache, die dem Menschen aus dem Mund kommt, wieder in ihn und fährt von ihrer Ausgangsstellung einwärts bis an Herz und Nieren.
Denn die Vorliebe für schlechte Gewohnheiten ist ein bestimmter Grad des Vertrauens in die Aufgaben der Menschheit. Man nimmt sie an, weil der, der sie hat, das große Wort führt. Weil er imponiert. Weil sie Mode sind. Weil man sie täglich sieht und hört. Weil sie bequem sind, und man selbst nicht gern nachdenkt. Aber in erster Linie nimmt man sie wohl doch nur deshalb an, weil sie eben keine guten sind. Wir haben ein sehr bescheidenes Mißtrauen gegen das Gute: wir haben uns die Vorstellung geschaffen, daß der Himmel fleischlos, alkoholfrei, für Nichtraucher und unendlich weit von uns entfernt sei. Wir fühlen uns erst, wenn wir uns recht schlecht aufführen, einigermaßen sicher, daß wir uns nicht geziert betragen. Wir leiden unter der Unbegreiflichkeit, daß wir irgendwann das, was wir nicht tun mögen, das Gute genannt haben, und halten uns nicht für berufen, es weiter darin zu bringen, als seither unbedingt nötig ist. Woher es kommt, daß wir uns sicherer fühlen, wenn wir uns nicht zu hoch erheben, ist gewiß sehr schwer zu erklären; sagen wir doch sogar, daß die Lügen kurze Beine haben, um zu rechtfertigen, daß wir sie lieben!
Jedenfalls ist es beim Sprechen und Schreiben so, daß wir eine starke Abneigung gegen seine Tugendlehre, die Grammatik, fühlen. Dabei ist aber noch besonders zu erwähnen, daß wir gar nicht wissen, wie wir den rechten Widerstand gegen diesen Fehler l isten könnten, noch, warum wir ihn leisten sollen. Wir gebrauchen unsere Sprache so wie der Tausendfuß seine Füße, über die er nicht einen Augenblick nachdenken darf, wenn ihn nicht auf der Stelle der Schlag rühren soll. Der Sinn der Worte bleibt uns glücklicherweise verschlossen. Wir sprechen alle so wie der Versammlungsredner, der sagt: »Aber wenn wir diese Basis betrachten«, oder: »Wir lassen uns den Horizont, auf dem wir stehen, nicht zerreißen!« Man versteht ihn recht gut, auch wenn er nicht weiß, was er redet. Wie er das macht, das ist seine Sache, und davon haben wahrscheinlich wieder die Grammatiker keine Ahnung. Offenbar besteht das Grundphänomen der Sprache darin, daß einer eilig auf etwas aufmerksam machen will, das er weiß oder fühlt, wofür ihm nun das komplizierteste System von Tasten und Hebeln zur Verfügung steht, das je einen Menschen unsicher gemacht hat; es ist ähnlich rätselhaft wie ein Klavier, aber wenn einer mit der Faust in ein Klavier haut, so wissen wir sofort ungefähr, was er meint, auch ohne nachsehen zu müssen, wohin er gezielt hat.
Man darf also nicht glauben, daß etwas richtig gesagt werden müsse, damit es richtig verstanden werden könne; und darauf beruht das Geheimnis der lebendigen Sprache. Fürchterlich ist es, wenn man zum Gegenteil gezwungen wird, und nur schlechte Schriftsteller nötigen den Leser, auf jedes ihrer Worte acht zu haben. Er bemerkt dann sofort, daß er in achtzig von hundert Fällen nicht die geringste Ahnung hat, warum gerade diese Worte dastehen, und findet eine solche Ausdrucksweise mit Recht unklar. Besonders lästig sind dabei die kleinen Worte und die Wahl ihres Platzes. Ein guter Schriftsteller aber wird es immer verstehn, so zu schreiben, daß man alle seine Worte verstellen könnte, und auch durch ähnliche ersetzen, ohne daß sich der Sinn ändert: das erleichtert die Aufmerksamkeit und entspricht dem modernen Prinzip, Ersatzteile herzustellen, die überall erhältlich sein müssen.
Kann ein Pferd lachen?
[Prager Presse, 22.11.1931, S. 2]
Ein angesehener Psychologe hat den Satz niedergeschrieben: »… denn das Tier kennt kein Lächeln und Lachen.«
Das ermutigt mich, zu erzählen, daß ich einmal ein Pferd lachen gesehen habe. Ich dachte bisher, das könnte man alle Tage behaupten, und traute mich nicht, Aufhebens davon zu machen; aber wenn es etwas so Kostbares ist, will ich gern ausführlich sein.
Also es war vor dem Kriege; es könnte ja sein, daß seither die Pferde nicht mehr lachen.
Das Pferd war an einen Schilfzaun angebunden, der einen kleinen Hof umgrenzte. Die Sonne schien. Der Himmel war dunkelblau. Die Luft äußerst milde, obwohl man Februar schrieb. Und im Gegensatz zu diesem göttlichen Komfort fehlte aller menschliche: Mit einem Wort, ich befand mich bei Rom, auf einem Landweg vor den Toren, an der Grenze zwischen den bescheidenen Ausläufern der Stadt und der beginnenden bäuerlichen Campagna.
Auch das Pferd war ein Campagnapferd: jung und zierlich, von dem wohlgeformten kleinen Schlag, der nichts Ponyartiges hat, auf dem ein großer Reiter aber aussieht wie ein Erwachsener auf einem Puppenstühlchen. Es wurde von einem lustigen Burschen gestriegelt, die Sonne schien ihm aufs Fell, und in den Achseln war es kitzlig. Nun hat das Pferd sozusagen vier Achseln und ist darum vielleicht doppelt so kitzlig als der Mensch. Außerdem hatte dieses Pferd aber noch je eine besonders empfindliche Stelle an der Innenseite der Schenkel, und jedesmal wenn es dort berührt wurde, konnte es sich vor Lachen nicht halten.
Schon wenn sich der Striegel von weitem näherte, legte es die Ohren zurück, wurde unruhig, wollte mit dem Maul hinfahren und entblößte, wenn das nicht ging, die Zähne. Der Striegel aber marschierte lustig weiter, Strich vor Strich, und die Lippen gaben nun immer mehr das Gebiß frei, indes sich die Ohren immer weiter zurücklegten und das Pferdchen von einem Bein auf das andere trat.
Und plötzlich begann es zu lachen. Es fletschte die Zähne. Es suchte mit der Schnauze den Burschen, der es kitzelte, so heftig es konnte, wegzustoßen, ohne daß es nach ihm gebissen hätte. Es trachtete sich zu drehen und ihn mit dem ganzen Körper wegzudrängen. Aber der Knecht war im Vorteil. Und wenn er mit dem Striegel anlangte, hielt es das Pferd in keiner Weise mehr aus; es wand sich auf den Beinen, schauderte am ganzen Leib und zog das Fleisch von den Zähnen zurück, so weit es nur konnte. Es benahm sich dann sekundenlang genau so wie ein Mensch, den man so kitzelt, daß er nicht mehr lachen kann.
Der gelehrte Zweifler wird einwenden, daß es dann eben doch nicht hat lachen können. Darauf ist ihm zu antworten, daß dies insofern richtig sei, als der von beiden, der jedesmal vor Lachen wieherte, der Stallbursche war. Das scheint in der Tat nur ein menschliches Vermögen zu sein, vor Lachen wiehern zu können. Aber trotzdem spielten die beiden sichtlich in Uebereinstimmung, und wenn sie von vorn begannen, konnte gar kein Zweifel darüber bestehen, daß auch das Pferd lachen wollte und schon auf das wartete, was kommen werde.
So schränkt sich der gelehrte Zweifel an der Fähigkeit des Tieres zu lachen darauf ein, daß es nicht über Witze zu lachen vermag.
Das aber ist dem Pferd nicht immer zu verübeln.
Quer durch Charlottenburg
[Berliner Tageblatt, 27.3.1932, S. 27]
Höfe am Kurfürstendamm.
Noch ist in den Strassen das einzige in Baumhöhe schwebende Grün das der Verkehrsampeln, und das hat etwas Vorjähriges, beinahe Geisterhaftes, wenn es lebhaft vor drei wartenden Wagen flattert, als stürmten noch ihrer hundert dahin. Sehr herbstlich sind auch die roten Blätter, auf denen geschrieben steht, dass Haus an Haus Wohnungen zu vermieten sind. Aber in den Höfen der zackigen Wohnburgen merkt man den Frühling an der Mauerkrätze. In grossen Stücken ist der Bewurf von den Hauswänden abgeblättert, es hat ausgesehen wie ein fressender Ausschlag, und nun scheint die Sonne in die Wunden. Bloss die Kamine, die brüderlich am Dach stehen, haben noch ihre Farbe aus guten Zeiten, und an diesem weisslichen Ziegelrot merkt man, wenn die Sonne darauf scheint, wie fest das Blau des Himmels in den letzten Wochen geworden ist. Sinkt dann der Blick aus diesem Spiel der Weiten die Wände hinab, so sind sogar die abgeblätterten Flecke an den Mauern imstande, ein blühendes Leben vorzutäuschen, das sich entfaltet.
Tiergartenrand.
Die Farbe des frühen Frühlings ist braun, in unzähligen Abstufungen von der farbblinden Fahlheit des Grases bis zum strahlenden Braun des Wassers. Nur die nackten Aeste der Trauerweiden setzen scharfe, peitschendünne grüne Striche in die Natur. Ein roter Fleck, er ist nichts als der rot gestrichene Kopf eines Holzpfostens, wirkt zwischen schütterem Gebüsch wie ein blühender Strauch, ein aufgebrochenes Blumenbeet: das Herz erschrickt vor ihm, und verrät, dass es voll einer Bereitschaft ist, die der des Schiffchens ähnelt, das »unter Dampf« vor der Schleuse liegt: die gemütliche kleine Kaffeemaschine hat ihren alten Rumpf und den Schornstein mit frischen roten und weissen Streifen bemalt, denn mit jedem beginnenden Frühling macht sie sich auf eine grosse, fast ein Jahr dauernde Reise, obwohl diese ein Jahr wie das andere bloss zwischen Charlottenburg und Stralau hin und her führt.
Charlottenburger Schloss.
Als der junge Schaffner an der Frage, wo wir aussteigen sollen, Fremde in uns zu erkennen glaubt, gibt er uns den freundlichen Rat: »Versäumen Sie nicht, das Mausoleum zu besichtigen: der Reflex dort ist wundervoll, das ist der schönste Reflex von Berlin!« Ich glaube, dass in dieser Auskunft das Wesen aller Berühmtheit und Sehenswürdigkeit in engster Verdichtung beschlossen liegt.
Jedoch wollen wir nicht das Mausoleum wiedersehen, sondern den Park, und vor dem hängt ein Zettel: »Wegen Unpassierbarkeit der Wege heute geschlossen.« Wochenlang hat es kein Unwetter gegeben, und augenblicklich fühlt man sich in das Jahrhundert einer achtsamen Obrigkeit zurückversetzt, die den Bürger vor Gefahren schützt, die verborgen irgendwo auf ihn lauern, da auch das Auge, so weit es reicht, die Wege bloss in schönster Ordnung sieht. In solchen Fällen macht der heutige Mensch einen Umgehungsversuch. Der führt zunächst am Kaiser Friedrich-Denkmal vorbei, wo auf den Steinbänken, einer neben dem anderen, Menschen mit vorgestreckten Beinen und dem Himmel dargebotenen Gesicht sitzen: das Ganze, als ob der Schwung einer Hand Blumen mit lang abgeschnittenen Stengeln über die Bänke gestreut hätte. Weiterhin lässt sich vom Tegeler Weg aus wahrnehmen, dass auch das Innere des Schlossparks so trocken wie eben ist, doch wird nun die Aufmerksamkeit bald nach der anderen Seite abgezogen, wo in eklektisch-romanischem, aber immerhin wuchtigem Baustil ein Landesgericht dräut, mit dem in Stein gemeisselten Spruch über dem Eingang: Suum cuique. Das heisst: Jedem das Seine, und ist ein guter, alter, preussischer, also auch ein sehr gerechter Spruch; löst aber in der Frühlingssonne das Bedenken aus, ob da nicht mancher das Seine, wenn es aus etlichen Gefängnisjahren besteht, gern für weniger hergäbe.
Siemensstadt.
Nachdem man den Unterschied von Gerechtigkeit und Selbstgerechtigkeit erwogen hat, befindet man sich auf einem Laubengelände, das, höflich ausgedrückt, nach Kreislauf der Natur riecht; es schimmert aber dafür in allen Farben, die zwischen Rosa und Dunkelblau liegen. Links fliesst nahe hinter gewöhnlichen Fabrikhöfen die Spree, rechts ruht der plötzlich breit gewordene Himmel auf den zauswipfligen Bäumen der Heide, gerade voran aber wächst etwas ins Uebermenschliche, oder wenigstens ins Uebereuropäische, höher als ein Haus, breiter als ein Turm, aufgerichtet über Schienensträngen und Röhrenleitungen: eins der Werkgebäude von Siemensstadt. Je näher man kommt, desto stärker wird der Eindruck; steht man endlich nahe davor, so findet sich an diesen rötlichen Flanken nichts als ihr zweckvoll aufsteigendes Leben: Trotzig, vielleicht sogar etwas protzig (in seiner gebietenden Aufgerecktheit; aber ohne ein wenig Protzerei ist Monumentalität wohl überhaupt nicht zu denken), zeigt das schöne Riesenkind der Technik und des Aktienkapitals seinen athletisch ebenmässigen Leib dem Himmel.
Hinter ihm versteckt: das eigentliche Siemensstädtchen: ein bescheidenes Wesen für sich, deutsche Kleinstadt anno 90, mit Lohengrinarchitektur und neueren Zusätzen.
Die kleine Kolonie.
Wo man auf den Anschluss warten muss, steht man noch unter der Erde; wenn dann die Bahn ans Licht tritt und nur die Wipfel freistehender Föhren sich in den Himmel teilen, hat man kein anderes Gefühl, als wenn in der Schweiz oder in Tirol nach einem Tunnel die Passhöhe kommt und die starke Luft durch das geöffnete Fenster schlägt. Es ist anzunehmen, dass wahre Kolonisten jeden Tag, wenn sie »aus der Stadt« zurückkehren, diesen Augenblick erleben. Der bedeckte Tag, die eisgraue Wolkendecke, der zugefrorene kleine See, die Gassen, die dafür schon feucht sind, der Blick auf die nachrückenden Fabrikschlote, der vom Bauen aufgewühlte Sand: nichts hindert daran, sich auch hier den Frühling vorzustellen. Die Fesseln der Stadt sind zerbrochen, der Mensch steht in etwas dünn Unendlichem. Man spürt es, wenn man auch »nur so« herausgekommen ist, und irgendetwas Besonderes muss ja auch wohl dieser wunderlichen Illusion zugrunde liegen, die die Stadt hinter dem Wald her treibt wie ein Kind hinter einem Vogel, den es berühren möchte und immer weiter verscheucht.