Kitabı oku: «Robert Musil: Gesammelte Werke», sayfa 87
Kunst und Moral des Crawlens
[Der Querschnitt, 6.1932, S. 413-416]
Lieber Ferdi, Sie scheinen ja trotz Ihrer neunzehn Jahre noch ein Anfänger zu sein, weil Sie mich fragen, ob Crawlen eine Kunst oder eine Wissenschaft sei. Ich habe schon von vierzehnjährigen Knaben die entschiedene Erklärung empfangen, daß es eine Wissenschaft ist, und Siebzehnjährige zeigten sich fest überzeugt, eine Kunst auszuüben. Zweifeln ist nicht zeitgemäß. Aber ich will Ihre Frage, so gut ich es vermag, beantworten und so gescheit, daß Sie es mit den berühmtesten Hydrocephalen sollen aufnehmen können:
Das Paradoxon des Crawlens heißt: a < c und b < d, und trotzdem a + b > c + d. (Falls Sie sich gegen das Erlernen der Mathematik ablehnend verhalten haben sollten: < bedeutet kleiner als, > größer als). In Worten: Du schwimmst mit den Beinen allein oder mit den Armen allein in der Art der Crawlbewegung schlechter als in der gewöhnlichen, trotzdem mit Armen und Beinen zusammen viel schneller.
Woher kommt das? Welche physikalischen oder physiologischen Vorgänge erzeugen diesen Bewegungswiderspruch? Ich gestehe Ihnen meine ursprüngliche Hoffnung, in der Beantwortung dieser Zwischenfrage die Grundlage für unser Streben nach der Entscheidung Kunst oder Wissenschaft zu finden. Man kann ja in der »Geschichte« des Schwimmens auf den ersten Blick eine steigende Stufenleiter der Schwierigkeit wahrnehmen, und zwar so, daß in den aufeinander folgenden Schwimmarten nicht etwa das Erlernen, wohl aber merkwürdigerweise das Begreifen des Erlernten schwerer wird. Das gewöhnliche Brustschwimmen ist in seinem Grundtypus ein ganz verständiges Sich-einen-Weg-durchs-Wasser-Bahnen, nicht viel anders, als man es durch jede andre Menge täte. Das Spanische Schwimmen, das darauf folgte, war ihm in der Beinarbeit ähnlich, und auch der raumgreifende, schnellere, trotzdem die Atmung schonendere, Durchzug der Arme kam dem Verständnis entgegen. (Sie wissen? Diese Armbewegung war der des Crawlens ähnlich, nur griff sie weiter vor, kam flacher ans Wasser und wurde nicht nur gegen den Körper, sondern auch noch an ihm vorbei durchgezogen.) Aber schon der gerissene Beinschluß bei beiden Arten, gar die Schere, die man manchmal sah (Beinschluß mit leichter Kreuzung), das Walzen vieler guter »Spanier«, das Strecken oder weiche Durchhängen des Körpers waren in ihrer Wirkung hydrodynamische Geheimnisse. Vollends nun beim Crawlen kommt man mit der einfachen Mechanik der schiefen Ebene nicht mehr aus. Da müßte man wohl Stromlinien, Wirbel, Druckgefälle, Gleitwiderstände und andere Plagen der Theorie der Bewegung eines festen Körpers in Flüssigkeiten aus dem Schiffs-, Turbinen- und Flugzeugbau heranziehn, um erst am Ende auf den naheliegenden Gedanken zu kommen, daß der Körper, mit dem man es zu tun habe, gar kein fester, sondern ein elastischer und in sich veränderlich bewegter sei. Immerhin sollte es auf diese Weise möglich sein, wenigstens im Rohen ein Bild der physikalischen Verhältnisse zu gewinnen, die den Auf- und Vortrieb bei den verschiedenen Techniken des Schwimmens zustandebringen, und schon das würde genügen, um der Ausbildung dieses Sports gewisse Richtungen zu weisen, abgesehen davon, daß eine solche Untersuchung an sich nicht ganz ohne Reiz wäre.
Nicht weniger wäre auch von einer biomechanischen, auf die Möglichkeiten des Körperbaus gegründeten, Betrachtungsweise zu erwarten, die das Schwimmen des Menschen mit dem der Tiere vergleicht. Wir sind im Wasser Vierfüßler. Die natürlichen Versuche eines »Nichtschwimmers«, sich über Wasser zu halten, haben bekanntlich große Ähnlichkeit mit dem Schwimmen des Hundes, noch größere mit dem des Affen, soweit ich mich nach ein paar Beobachtungen an dieses erinnern kann. Geht man davon aus, so erscheint das Crawlen als eine Rückkehr zur Natur ein abgefeimtes Nichtschwimmen, das allerdings auch mit allerhand Bewegungselementen versetzt ist, die dem Körper von Robben, Seehunden und südlicheren Meisterschwimmern abgeguckt sind; und dazwischen, aber abseits von dieser geraden Entwicklungslinie, wäre dann wohl erst das Brustschwimmen einzuordnen, als der ursprüngliche Versuch, besser zu schwimmen, als es einem von Natur gegeben ist, der sich scheinbar nach irgendwelchen rudernden Wassertieren, Käfern, Kröten oder ähnlichen, gerichtet hat.
Ich glaube, daß solche Untersuchungen recht fesselnd sein könnten, und auch in dem Wunsch, Ihnen ein Gefallen zu erweisen, da Sie doch nun einmal Ihren Sport »ernst« nehmen wollen, habe ich mich bemüht, physikalische und biologische Literatur darüber aufzutreiben. Ich will nicht behaupten, daß es keine solche gibt, da ich nicht genug Zeit hatte, alle Möglichkeiten zu erschöpfen, aber das eine kann ich Ihnen melden, daß in der größten technischen Bibliothek Deutschlands bei Benutzung der Kataloge und aller üblichen bibliographischen Hilfsmittel keine einzige solche Behandlung unseres Gegenstands nachzuweisen war.
Demnach scheint Crawlen also doch noch keine Wissenschaft zu sein.
Das ist sehr bitter, denn dadurch rückt es in den Bereich der Kunst und der Persönlichkeit. Wahrhaftig haben Sie mich ja auch gleich gefragt, was es bedeute, daß das Crawlen nach einem Stil geübt werde, genau so wie die Kunst, und worauf ein solches Phänomen wie Stil überhaupt hinauskomme. Sie werden natürlich selbst beobachtet haben, daß alle Arten des Crawlens, wie es nicht anders sein kann, gewisse Eigentümlichkeiten gemeinsam haben, so die im allgemeinen flache Lage des Körpers, die weiche Streckung des Beins, die gestielt-blattartige und fliegenklappenähnliche Mitbewegung des Fußes; auseinander gehen dagegen die Meinungen zum Beispiel über die Zahl und Skandierung der Fußschläge im Verhältnis zum Armtempo, über den Weg des Arms, über den Grad der Körperstreckung und vor allem über das Zusammenwirken dieser Einzelheiten. Muß man durch irgendwelche Umstände mehrmals den Lehrer wechseln, so gerät man unweigerlich in die Gefahr des Ertrinkens. So zeigt sich der Stil. Ungefähr ebenso klar wird er sich Ihnen zeigen, wenn Sie Gelegenheit haben, ihn an berühmten Schwimmern zu beobachten: Jeder macht jedes in seiner Weise. Betrachten Sie die Figuren, so finden Sie alle Arten von ihnen auch innerhalb der gleichen »Strecke«, obwohl sich doch Körperbau und Leistung gegenseitig beeinflussen. Mann und Frau, ohne Zweifel ungleiche Verhältnisse dem Wasser darbietend, schwimmen trotzdem in keinem auffällig verschiedenen Stil. Ja sogar der Anteil der Beinarbeit, der am geheimnisvollsten aussieht, versetzt uns nach langer Enträtselung erneut in Bestürzung, da es sich herausgestellt hat, daß auch ein Mann, dem ein Fuß fehlt, einer der besten Schwimmer werden kann.
Ihre Frage, was Stil sei und bedeute, möchte ich also doch lieber nicht auf einem Gebiet beantworten, das so anstrengende Ansprüche an den Geist stellt wie der Sport, ja ich möchte sie überhaupt nicht beantworten. Nur soviel davon: Von Stil spricht man immer dort, wo eine Leistung nicht eindeutig abgefordert ist, wo ein gewisses arbiträres Verhältnis zwischen Aufgabe und Lösung herrscht. Er ist ein Ersatz der Normierung, aber keineswegs ein willkürlicher. Denn dem Stil liegt immer eine mit oder ohne Bedacht ausgefeilte Methode zugrunde, die sich in ihrer Art vervollkommnen läßt, bis ein Punkt erreicht wird, wo es so nicht weitergeht. In diesem Sinn hat die Schönheit Stile, und nahe verwandt damit sind die Moden, aber das Wesentliche daran ist nicht etwa, daß der Geschmack ein anderer wird, sondern daß er der gleiche bleibt, nämlich ein Etwas, dem es im Grunde nie klar ist, was es will. Wir scheinen die merkwürdige Eigenschaft zu haben, daß wir, wenn wir einmal etwas wollen, es so lange weiter wollen können, bis nichts mehr zu wünschen übrig bleibt, daß wir aber im Ganzen nicht wissen, was wir wollen sollen. So verhält es sich ja meistenteils auch in der Kunst, wo die Stile aufblühn, in sich dicht werden und vermorschen wie die Bäume. Und so kann man sogar von Stilen der Moral reden, was verrät, daß diese nicht so sicher ist, wie sie selbstsicher tut.
Wenn Sie das nun auf das Crawlen anwenden wollen, so werden Sie erkennen, daß wirklich auch da der Stil die Kunst ist, eine Unwissenheit auszugleichen, in diesem Fall die um die rationellen Bedingungen des Schwimmens, die herauszubekommen bei einer verhältnismäßig so einfachen Zweckhandlung mit der Zeit sicher gelingen wird. Dann wird es nur noch soweit Stil geben, als die verschiedenen Arten der körperlichen Anlage verschiedene Ausnutzung verlangen, und etwa noch soviel wie bei einem Rennboot, das doch immer eine Individualität ist, wenn es auch nach noch so genauen Formeln gebaut wird. Höhere geistige Vorgänge, wie etwa bei den eigentlichen Kampfsporten oder beim Reiten, wo das Verhalten zu einem zweiten Wesen mit ins Spiel kommt, werden vom Schwimmen wenig in Anspruch genommen. Aber indem ich das Wort höhere geistige Vorgänge niederschreibe, brennt mir auch schon die Warnung auf der Zunge, die ich bisher zurückgedrängt habe: Suchen Sie auf keinen Fall im Sport das Hohe, sondern nimmer nur das Niedere! Das wird heute im Wert verwechselt und auf eine Weise, die so eigentümlich ist, daß ein paar Worte darüber schon wirklich lohnen.
Wir hören es nie anders, als daß der Sport menschlich erziehe, worunter ungefähr verstanden wird, daß er seinen Jüngern allerhand hohe Tugenden, wie Freimut, Verträglichkeit, Redlichkeit, Geistesgegenwart, klares und schnelles Denken verleihe. Nun, Sie wissen es: der große Sportsmann ist nicht nur ein Genie, sondern – solange er keine Prozente nimmt – auch ein Heiliger. In Wahrheit würde aber, ebenso ernst genommen, auch jede andere Beschäftigung die gleichen Tugenden verleihn, und was der Sport moralisch noch anderes bewirkt, ist höchstens eine Verfassung gelassener Nettigkeit und Aufmerksamkeit auf sich und andere, wie man sie auch aus den erschlossenen ersten Tagen eines Sommeraufenthalts kennt, und jenes sichere Verhältnis zur Natur, das sich in dem Gefühl äußert, man könnte Bäume ausreißen. Im Sport die Ausbildung höherer moralischer und intellektueller Fähigkeiten zu suchen, kommt von jener veralteten Psychologie, die geglaubt hat, das Tier sei entweder eine Maschine, oder es müsse, wenn es eine Wurst sehe, einen Syllogismus von der Art baun: das ist eine Wurst, alle Würste sind wohlschmeckend, also werde ich jetzt diese Wurst essen. Nun ist das Tier aber weder eine Maschine, noch baut es Syllogismen, noch schließt und urteilt der Mensch in reizvollen Lagen so. Sondern was bei Tier und Mensch stattfindet, ist bei schnellen Handlungen ein geschichtetes Ineinandergreifen von artmäßig und persönlich festgelegten Verhaltensweisen, die beide fast mechanisch auf äußere Reize »ansprechen«, dazu eine vorausgestreckte Aufmerksamkeit, die auf ähnliche Weise das schon bereitstellt, was in der nächsten Phase in Anspruch genommen werden wird, und schließlich ein dauerndes, völlig unbewußtes Anpassen der vorgebildeten Reaktionsformen an das augenblicklich Erforderliche: auch ein Mensch vollführt die verwickeltsten Handlungen ohne Bewußtsein, ohne Geist, woraus man ja vielleicht auch schließen darf, daß die Rolle des Geistes nicht die ist, eine im Sport zu spielen.
Es ist kein unwitziger Widerspruch, daß es heute über solche Fragen sehr eingehende Untersuchungen von Philosophen und Biologen gibt, die den Begriff der menschlichen Genialität gerade dadurch neu aufbaun, daß sie ihn über einer tieferen Erforschung der tierischen Natur errichten, während unsere Sportschriftsteller noch immer dabei sind, den Besitz der sittlichen plus der theoretischen Vernunft für eine selbstverständliche Voraussetzung des Crawlens und des Sports zu halten.
Glossen aus dem Nachlass
Ideale (1905-1914)
Bemerkungen zur Renaissance
Mord
Wenn wir auf der Straße an einem Unglücksfall vorbeikommen, so glauben wir wohl für einen Augenblick die Nachbarschaft des Todes zu empfinden. Ein Bekannter, der uns fünf Schritte weiter anspricht, macht uns die Stimmung vergessen. Täglich lesen wir in den Zeitungen mit größtem Gleichmut von den Opfern der Industrie. Eine persönliche Stellungnahme zu Verbrechern haben wir vollends selten. Das Objektive der Justiz entspringt nicht nur der Gerechtigkeit, sondern unserem Bedürfnis, solche Tätigkeit zu entsubjektivieren. Die Kriege unserer Zeit sind unvergleichlich grauenhaft. Aber sie machen recht kaum einen Eindruck auf uns. Selbst die Verlustlisten aus Afrika lesen wir wie irgendeine Neuigkeit. Wir sollten uns also gar nicht wundern, wenn in einer Zeit voll der Gräuel seelischer Gleichmut gedieh. Die Großen schlachteten einander ab und lieferten in den meisten Fällen den Bürgern nicht mehr als Sensation. Die persönliche Integrität des Bürgers blieb in den meisten Fällen gewahrt.
Derbheit
Eine Frau, die Schlachten schlägt, kann auch eine Zote vertragen.
Eine andere Quelle ist folgende:
Humanismus
Der Humanismus der Renaissance hat etwas von der Art unserer Professoren an sich. Er ist theoretisch. Die Allegorie bei Festzügen und -spielen ist eine Spielerei mit Reminiszenzen. Die Sammelwut überträgt sich von Tieren und Kuriositäten auf Humaniora. Etwas Pedantisches, Gesolltes scheint dem Humanismus eigen. Er liebt die Prosa Ciceros und arbeitet mit massenhaften Zitaten. An und für sich scheint er etwas für staubige Köpfe zu sein und nur auf das italienische Naturell gepflanzt, doch fruchtbar zu werden. Wie aus zwei schlechten Dingen ein gutes entstehen kann.
Das Genie
Das Genie (schlechtes Wort) ist nichts Singuläres. Es ist im Gegensatz zu seinem Umgebungsdurchschnitt, von dessen (sozusagen absoluter) Höhe aber abhängig. Ganz klar bei wissenschaftlich bedeutenden Menschen. Nachweisbar in der Kunst. So sympathisch die Mode junger talentierter Leute auch ist, Dinge nicht sagen zu wollen, die ihren Kreisen geläufig sind, man muß es tun.
Die Bewegung der achtziger Jähre ist vorbei. Der Naturalismus ist tot, mit einigen ungeborenen Problemen in sich. Worum ging es? Durchdachte Kunst gegen gedankenlose! Starke Gefühle gegen epigonenhafte? Da kann man nicht anpacken, obwohl sicher dieser Unterschied besteht.
Die Signatur unserer Zeit ist ein Gewirr durcheinanderschreiender Stimmen. Zusammenschluß, Massenwirkung tut not.
Das „Wahre, Gute, Schöne“ geht wieder um. Zum Beispiel. Spiritualistische Philosophie sei besser als materialistische. Große Probleme tun dem Drama not.
Leute, die nicht ergriffen werden, klagen, daß unsere Kunst nichts Ergreifendes habe. Andererseits ist es rührend, wie selbst der größte Schmarrn seine Preiser findet.
Wenn es Sinn hat, zwischen Genie und Talent zu trennen, wird man es so versuchen: Zuerst zwischen talentiert und genial. Genial ist das Neue, das Unerwartete, ein Qualitätsunterschied, talentiert ist ein Intensitätsbegriff. Niemand wird Frenssen „Talent“ absprechen, aber auch Paul Stratz hat solches, Hermann Hesse verblüffend wenig und Homer ist ein Talent, kein Genie. Vom Attribut zur Substanz aufsteigend, wird hier das Genie eine gewisse Summe, eine Mächtigkeit von Genialitäten. Der sehr viel neu sieht, der Zusammenhängendes neu sieht, etwas, das einen ganzen, runden Menschen ausmacht, tragen kann. Einer, der überall staunt, wie die Leute so blind sein können, ist ein Genie. Wenn es Sinn hat, zwischen Genie und Talent zu trennen. Wenn man damit den „Talentierten“ nicht schon zuviel tut, indem man ihnen die höchsten Stellen einer – wenn auch subalternen – Karriere einräumt. Und ebensolchen Unfug tut man mit dem Genie, indem man darin etwas anderes sucht als das volle Talent. Etwas Übernatürliches, Erlöserisches. Wertvolle Ziele mit relativ vollendeten Mitteln – das ist alles. Bezüglich der Ziele wird man immer differieren, und in der Natur der Mittel liegt eine gewisse Zone unerkennbarer Abweichungen. Genie ist keine Turmspitze, es ist eine Walhalla. Das präge man sich ein.
Allensteiner Glossen
Erster Eindruck war bei einigen kühlen, ruhig urteilenden Menschen: Freude. Wenn ein Hund einen anderen tot beißt, wenn ein depravierter Kerl im blöden Stupor einen anderen tot schlägt, ist das nichts. Wenn ein Mensch, in dem die moralischen Energien unsres Niveaus liegen, sich in einer zersprengenden Tat entlädt, so ist das eine plötzliche Spannungszusammenballung in der indifferenten moralischen Atmosphäre. (So ist das außer dem, was es an sich ist, noch etwas, das eine Funktion hat.)
Es gibt eine Psychologie des Offiziers, die nicht Unähnlichkeit mit der der Frau hat. (Daher auch mir sozusagen das Mittel eines Fehlerintervalls ist). Offizier und Frau haben keine fachliche Bildung (was sie an Fach haben, ist nicht Bildung). Dennoch, gleichsam durch die Haut, nehmen sie die bewegenden Kräfte der Zeit auf. Und sie reagieren nicht reflektierend-intellektuell darauf, sondern handelnd, durch Taten, Leben … Man wird in Offizierkreisen viel freiere Urteile über Vaterland, Dynastie, Moral hören als etwa bei libertinistischen Zeitungsschreibern. Vielleicht sind Welt-Kaufleute ähnlich.
Die erste Freude war nicht Amoral. Man hat den Fall Göben mit Nietzsche in Verbindung zu bringen gesucht. Nietzsche war natürlich nicht Amoralist. Er war bloß nicht verstockt, nicht in die Mittel verliebt. Die Freude über den Fall Göben ist sehr moralisch. Wie der Mord im Krieg entschuldigt ist, so ist er es in gewissen Konstellationen der Gesamtheit. Die Katharsis durch die Katastrophe, die reinigende Wirkung der Selbstbefleckung der Moral.
Dann der grandiose Tod. Dieses sich mit einem stumpfen Messer Absägen …
Andere Personen kommen nicht in Betracht. Von dem für einen Major sonderbaren Menschen Schönebeck weiß man wenig. Von der Frau nichts von den Werten ihrer Dekadenz. So konzentriert sich das Staunen auf die grobe Gerichtssaalpsychologie. Göben hat die Frau belastet. Zweifellos nicht der Anstiftung zum Mord, sondern zur Affekthandlung. Aber was ist Anstiftung? Ich hielte es für einen immensen Zufall, wenn zwei Menschen in dieser Situation und der eine ein Charakter wie Göben nicht Beseitigungspläne erwogen hätten. Wo ist aber die Grenze zur Tat? Wo hört das Reden, das Sich-Ausdenken, Klagen usw. auf und fängt der Entschluß an? Wo der feste Glaube an den gefaßten Entschluß? Ist nicht das letzte Stadium eine Progression? Ein Wirbel? Hat nicht jede Gewaltleistung etwas Pathologisches in sich? (Was nicht pro, sondern contra Pathographie zielt.) Nur mehr ein begleitendes Bewußtsein? Wenn Göben am Abend fortgegangen wäre, mit dem besprochenen Entschluß, die Tat zu tun, so wäre der Fall noch nicht gegeben. Nun kommt noch Beihilfe in Betracht. (Strumpf) Direkte Zeugen sind nicht vorhanden. Wie kann man einem klugen, gut verteidigten Menschen da sein Geheimnis entreißen wollen? Man wird mit einem Fragezeichen von allem Anfang an sich begnügen müssen. Und statt dessen gibt man das lächerliche psychologische Schauspiel der ernst gemeinten Frage: Konnte Göben lügen? Hat er je gelogen? Und wenn ihm niemand eine Lüge nachsagen könnte, was wäre weiter? Überhaupt ist Göben in seinem letzten Stadium eine moralische Enttäuschung und ein psychologischer Genuß. Diese Tatmenschen! Wenn sie ihm wirklich die Strümpfe gegeben hätte – was weiter? Wenn sie ihn wirklich hätte schwören lassen – was weiter? Was am meisten gegen sie spricht, ist ihr Sentiment.
Emotionillusionen
Man geht als Knabe, vielleicht in den ersten Studienjahren, hinter einer Frau durch eine Bildergalerie … Dieses weidenschlanke, frühlingsmagere und frühlingsnackte des Geistes, diese Knabengelüste, wo die Welt, die heute zugedeckt ist, eine geistige Palästra ist. Nichts Unfertiges, sondern ein Typ. Man liebt später als Mann, im zweiten Jahr, und denkt plötzlich: Wie war es doch damals, zuerst? Ja, wie war es … Es stand etwas offen. Was ist das?
Es ist ein Gefühlsphänomen, die einzige Seite des Idealen, von der es sich zu sprechen lohnt.|?
Es liegt etwas Unsagbares in der Voraussicht, die Dinge haben eine vierte Dimension … Es liegt etwas Mildes, wie ein Garten im Herbst, im Zurückblicken.
Und das perspektivische Gesetz macht sich fühlbar, daß sich Dinge der Nähe zu Klumpen zusammenballen und die Form den Duft hat.
Manchmal aber hat man das konsternierende Erlebnis, das hinter der Geliebten, die man besitzt, eine zweite Geliebte auftaucht, die man nie gesprochen hat. Es ist die Frau mit den roten Haaren, usw.
Vielleicht ist so Gott. Ich habe ihn nie erlebt. Aber vielleicht hat ihn die kleine Jeanne Arc aus Domremy so gesehen. Vielleicht der Herr Pastor Schleiermacher in seltenen Augenblicken, die ihn schreiben ließen … Vielleicht sollte man Ideal nur das nennen, was man so erlebt. visio beata. απλωσισ
Nun sagen die Mediziner: Hysterie, Illusionen udgl. Der Zusammenhang soll nicht bestritten werden. Aber wo ist nicht Zusammenhang zwischen Pathologischem und Psychologischem. Der Traum, die Kinderlüge, der erotische Biß, die Müdigkeit, – andererseits die sogenannten Perversitäten als Normales im Tierreich. Wahrscheinlich sind es nicht Unterschiede in der Materie, sondern in der Ponderation. Jedenfalls haben wir keinen Grund, das Phänomen als solches als pathologisch anzusprechen. Es kommt auf seine Stellung im Individuum und im Leben des Individuums an. (Wie klar man heute über diese Dinge denkt.)
Und hier haben wir die Frage, wie man sich zu seinen Idealen stellen soll.
Die Heilige war eine Kuhmagd in Männerhosen, der Büßer hat infolge der Askese Ungeziefer, der Held ist in der Aktion, im Erlebnis seiner Heldenhaftigkeit eingeengt wie ein Tier. Seine Kleider kleben von Blut, Schweiß, Staub wie Bretter, er kann nicht baden, sie scheuern ihn wund, sie hängen steif um ihn, der wie ein wahnsinniger Kern in seiner Hülse klappert. Sein Gesichtsfeld ist eingeengt bis auf die forca centralis, seine Blicke stechen sich an den Gegenständen fest. Jede Gewaltleistung hat etwas Pathologisches an sich, ein eingeschränktes Bewußtsein, einen letzten, progressiven, wirbelhaften Anstieg. Der unglückliche Göben. Das Ideale ist bei Lebzeiten immer etwas Zweifelhaftes. Erst nachträglich, durch Umformungen … usw.
Das Ideal des Ideals ist ein pathologischer Zustand. Der eine Ton. Es ist etwas, das dem Typus Mensch, den Bedingungen in primären Eigenschaften der Bewußtheit widerspricht. Es ist bei uns nicht anzutreffen, das Ideal ist selbst ein Ideal (höchstens ein Tiroler Bauer, ein amerikanischer Kuhhirt, und dergleichen). Die mit der Vernunft gesetzten Ideale sind Surrogate, sie sind Narkotika. Man täusche sich nicht der Held, der Heilige, der Verstandesmensch, sie brauchen einen Klebstoff um ihr Leben zusammenzuhalten. In Wirklichkeit sind die Ideale Limite, Grenzwerte, ein Kurvenbündel im Imaginären, das unser reales Leben umhüllt.
Was real werden will, muß mittleres Maß haben. Das Leben folgt immer einer mittleren Linie. Aber was bei dieser Anpassung zurückbleibt, von vornher etwas nicht ins reale Leben Passendes, bildet dann – vielleicht unterstützt durch gewisse Unzufriedenheiten und Seitenschwingungen des realen Lebens – ähnlich der Bildung hysterisch-traumatischer Vorstellungen – die Welt der Ideale. Das Leben strebt ihr nicht zu, sondern zieht sie nach sich, wie eine Straße bestimmte Pflanzen.
1. Beschreibung des Phänomens. 2. Der davon abweichende normale Sprachgebrauch. Platon, das Verstandesideal, zum Beispiel mathemathischer Beweis für Beweis. Ideal der Logiker, usw. Und: Ideal = Ziel. Hier aber gerade: nicht Ziel. Seis drum, es soll das Wort nicht geraubt, nur geliehen werden. 3. Das Ideal als Gefühlszustand, die Mediziner, usw.