Kitabı oku: «Robert Musil: Gesammelte Werke», sayfa 88

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Ideale

Man geht als Knabe in den ersten Universitätsjahren: ein Weidenschlankes, Frühlingsmageres und Frühlingsnacktes des Geistes, wie es nie wiederkehrt, Frauen wissen es erotisch zu schätzen, wo die Welt wie eine geistige Palästra um die dünne Seele liegt, die noch ganz Zahn und Hunger und herb freches Hilfsverlangen ist, gewiß auch etwas Unfertiges, aber Männer verstehen zu ihrem Schaden dieses Intermundium ihres Geistes voll einmaliger Reize nicht und wer den Haß messen will, der das Reich der Ideale, von dem ich sprechen werde, vom deutschen Reich trennt oder von irgend solch einer menschlichen Bildung, denke bei dem Wort Knabe an seine Kommilitonen und Universitätslehrer …. man geht als Knabe irgendwann einmal hinter einer Frau durch eine Bildergalerie. Man sieht die Bilder, vor denen sie stehen blieb. Und fühlt plötzlich: Du bist es. Du! Die Frau geht weg. Man sieht einem Wagen nach. Die Bilder haben kein Genie mehr. Man kannte die Frau nicht. Es war etwas, wofür die Worte fehlen, nur Ähnlichkeiten aus Körpergefühlen, aus Träumen, vom Wind, vom Wasser, von Wogen über Felder unter der überall niedergesunkenen Weite des Abends.

Budapest

Um acht Uhr morgens vor den Fenstern, wenn man die dicken Holzläden zurückschlägt – früher weiß ich es nicht – eine Luft, die weiß wie Kalk leuchtet. Ein Sommertag in Budapest. Auf hartem Pflaster hastig holpernde Wagen, dazwischen leichtes Getrappel und Gummiräder, dazwischen ratternde Motocycles der Briefträger, die die Postkasten ausheben, Schreie, Rufe – ein scharfes, heftiges, geschäftsgehetztes Leben, Herr Salomon Wirz und Herr Roszenthal haben keine Zeit, aber Herr Istvan Tunichtgut und Herr Jószef Habnichts haben die Zeit und liegen in einem Torweg auf den schattenwarmen Steinen und der Dienstmann schläft auf der Bordschwelle und die Weiber stehen und lachen und alles mustert jeden Vorübergehenden. Ein Dollarleben, und dabei doch die Zeit, Luft, Licht, Weib, Mann, ein gutes Pferdegeschirr und alles Auffallende zu genießen. Männer sitzen mit Fächern in den Kaffeehäusern. Frauen gehen im Schlafrock über die Gasse. Tücher von einer Stärke der Farbe, wie sie nicht einmal Pariser Maler ersinnen. Ausgezeichnetes Schuhwerk, bei den Elegants vielleicht etwas weniger schön, vielleicht ebensoschön wie in London oder Wien, bei den unteren Schichten verblüffend, etwa an Italien gemahnend. Viel bloße Füße. Mit oder ohne Pantoffel. Bäuerinnen sitzen mit weit auseinanderhängenden Beinen und bieten Früchte feil. Jeder Mann sieht jede Frau an, jede Frau jeden Mann. Tausend Möglichkeiten. Nie eine Frechheit. Die Arbeiter – im Gegensatz zu Österreich – so wenig devot wie in Berlin, aber chevaleresk, man wird nicht angepöbelt. Der bekannte Nationalstolz, viele Denkmäler uns gleichgültiger Menschen. Besser als die Berliner, aber immer noch schlecht. Man speist in billigen Gasthäusern gut. Ein wundervoller Park auf der Margaretheninsel. Irgend etwas in der Luft, in den Inponderabilien, wie da ein Baum hingesetzt ist, dort ein Strauch steht, was ihn weit über den Tiergarten, „an dem bloß nichts auszusetzen ist“, hebt. Liest man die Geschäftsschilder: Weisz, Rosenbaum Perles, Frankfurter – fast jedes zweites deutsch – jeder bessere Mensch spricht deutsch – unverfälschte Wiener Fiaker und Kellner – deutsches Blut, in irgendwelcher Vermischung, das ist das Verblüffende, Belehrende. Ich kann es nicht in Prozenten ausdrücken, wieviel magyarischer Adel und Bauerntum, wieviel wienerisch gefärbter österreichischer Export hier zusammenwirkt, jedenfalls fühlt man das Deutsch-Österreichische deutlich durch und steht erstaunt vor einer Verschärfung, Stärkerspannung des Deutschtums – vor Möglichkeiten! Reist nach Budapest und werdet wieder Berliner, aber Berliner, die in Budapest waren.

Bitte, wozu soll man Reisefeuilletons schreiben? Objectivität? Chuzbe, wie man im Westen von Berlin sagt. Subjectivität! Ja, aber das moralische Moment? Irgendeine Lebensbereicherung. Erweiterung (Neben dem sozialpolitischen, Geld zu verdienen.) Ein Portier im Komitatshaus auf dem Raum zwischen Schlüsselbeinen und Hüften. 55 Knöpfe und 44 Litzen, dazu Schaftstiefel und Sporen. Lebensquerschnitte. Kuglerbonbons.

Budapest

Fischer, Adler, Weinmann, Deutsch, Eckbauer, Kransz – Friedmann Schmitt, Neumann, Politzer Neidenbach János\Jakob Miklos, Antal Jozsef

Verstimmungsbildchen

Warum soll ein Journalist korrekt sein? Ist das seine Funktion? Er soll denken. Dann wird er geachtet und gefürchtet sein. Ist aber Denken etwas Anständiges? Im intuitiven Teil sicher nicht. Der Journalist sei nicht der Ausgleichsfaktor, sondern der Produzent. Sonst kommen wir aus der unseligen Vertauschung der Rollen nicht heraus, wo ein Eucken der modernen Seele Gefühlsinhalte gibt und ein Kerr korrekt sein soll. Diese aber verwechseln …

Von denen, die keine Journalisten sind, rede ich nicht, sie wird man fesseln müssen und meinetwegen, wenn man an ihre Dummheit schon nicht heran kann, so bei der Moral. Aber passive Anständigkeit kann man den Wenigen gegenüber fordern.

Ich möchte von einem Journalisten neuen Typs sprechen, den ich nicht kenne.

Man findet eine Form nur, wenn man einen Inhalt hat. Welcher Unsinn vom Journalisten Form zu fordern, wenn man ihm den Inhalt nimmt. Die schäbige gedruckte Wiederholung der erlebten Ereignisse wie in deutsch-amerikanischen Zeitungen der bekannte solide Ehrgeiz der Form Amtsrichter.

Man hat bei Harden, der ergötzlich als Bändiger von leblosen Satzschlangen ist, eine ehrenwörtliche Untersuchung angestellt. Man hat bei dem vehement tragischen Fall Göben lebhaft darüber geplaudert, ob die deutsche Presse ihre Spalten solchem Schmutz verschließen solle oder nicht.

Ver-Stimmungsbildchen

Ruhe ist eingezogen. Gewinnend an dem deutschen Hang zu moralischer Korrektheit ist die Übersichtlichkeit. Wenn man auch zehn Jahre weit zurückliegt, bietet die deutsche öffentliche Meinung nach jedem Ärgernis von neuem das Bild der frischgewaschenen guten Stube. Der Fußboden ist gescheuert, die Fensterchen blinken und die eben noch zerschnitten gewesenen Tischdeckchen liegen geplättet und geweißt auf ihren Plätzen. Ein bescheidener Kunsttrieb hüpft befiedert in seinem kleinen Bauer vor den Fenstern und pfeift so schön. Gesunde, einfache, bekannte Gedanken lassen sich klar verwalten, – seelische Ereignisse vollziehen sich in solchen Räumen nicht. Das Gehaben von Verwaltersleuten, die manchmal bei ihrer feudalen Herrschaft speisen.

Vorher aber gibt das Erlebnis der Journalistik bei solchen Gelegenheiten immer ein Bild der betonten bürgerlichen Ehrenhaftigkeit fahrender Leute. Das Gehaben von Mimen an kleinen Stadttheatern, wo sie allmählig zu Bürgerehren kommen. Wenn dann die Gattin Wotans in schwarzem Seidenkleid durch den Wagnervereinsabend schreitet oder Kollegen Johannes Vockeraths einen Ehrenhandel ordnen, den er nachts in der Weinstube mit einem Offizier akquiriert hat. Man könnte glauben, daß das lang Geduckte, Mißachtete, schlecht Gebildete, innerlich Unsichere eines Standes mit einemmal in einer Beflissenheit wieder durchbreche. Die geheimen Sympathien der Schreibenden wenden sich immer dem im Handel stehenden öffentlichen Funktionär zu, sobald er menschlich, nicht nur sachlich angegriffen ist; auch wo es nicht zu trennen wäre. Noch in liberalen Blättern ist diese Sympathie, die eigentlich eine Servilität ist. Es solle korrekt verfahren werden. Ohne weiteres aber akzeptiert man dafür den Kodex aus den Kreisen des Funktionärs; ist solche Gepflogenheit nicht Unterordnung? Und es muß unvergessen bleiben, daß ein großer Teil der Presse bei dem vehement tragischen Fall Göben (in dem mehr als ein persönlicher Fall war) darüber plauderte, ob sie ihre Spalten solchen Schutz verschließen solle oder nicht. Man fürchtet sofort, daß dem ganzen Stand die Duldung, der er sich erfreut, verloren gehen könnte. Und das Wort passive Resistenz taucht auf.

Was ist passive Resistenz? Eine Sache, die ein paarmal aktuell war. Man erinnert sich. Der Streik von Staatsbeamten durch genaue Befolgung der Vorschriften. In andern Ländern hat man ihn erfunden; törichten Staaten fern von Preußen. Vielleicht – fragt man sich in seinen sauberen vier Wänden – ist es eine ungewöhnliche Korruption, vielleicht ungewöhnliches Elend. Was geht es uns an? Über der deutschen Moral hängt das Bildnis Kants verzweifelt wie Öldrucke der Herrscher beziehungslos an den kahlen Wänden von Kasernenstuben und das Europäische daran ist die Unmoral, die sowohl in der genauen Befolgung wie in der individuellen Auflehnung dagegen liegt.

Die Moral – verallgemeinert – ist ein ungeheures Schlinggewirr. Es könnte sein, daß man nicht nur das Recht der Übernormalen vertreten müsse, sondern schlechtweg das der moralischen Ordnungsstörung. Aus religiöser Verehrung der Inkonsequenz. Ein äußerster Respekt vor dem letzten individuellen Phänomen der seelischen Keuschheit. Es sind das keine Normen, sondern Richtlinien.

Was bei Geschichten wie der Kerrs in einer Hinsicht korrekt ist, ist es in andrer nicht.

Verstimmungsbildchen

Ruhe: Gewinnend an dem deutschen Hang zu moralischer Korrektheit ist die Übersichtlichkeit. Wenn man auch zehn Jahre weit zurückdenkt, bietet die deutsche öffentliche Meinung nach jedem Ärgernis von neuem das Bild der frischgewaschenen guten Stube. Der Fußboden ist gescheuert, die Fensterchen blinken und die eben noch zerschnitten gewesenen Tischdeckchen liegen geplättet und geweißt auf ihren Plätzen. Ein bescheidener Kunsttrieb hüpft befiedert in seinem kleinen Bauer vor den Fenstern und pfeift so schön. Kleine Theologen blühen. Gesunde, einfache, bekannte Gedanken lassen sich klar verwalten, seelische Ereignisse vollziehen sich in solchen Räumen nicht.

Skandal. Es ist so lähmend, man weiß, diese Leute, die wundervoll exakte Maschinen bauen, mit der Felddienstordnung schlafen, Weltgeschäfte organisieren, man weiß, diese Leute werden bei der nächsten seelischen Gelegenheit wieder …

Sturm: Zu solchen Zeiten aber ergibt sich, sofern man Zeitungen liest (oder Gesprächen geistiger Führer lauscht), das Erlebnis der betonten bürgerlichen Ehrenhaftigkeit fahrender Leute, etwas wie: Das Gehaben von Mimen an kleinen Stadttheatern, wo sie allmählig „unser …“ werden (Reputation erwerben); wenn dann die Gattin Wotans in schwarzem Seidenkleid zum Wagnervereinsabend schreitet oder zwei Kollegen Johannes Vockeraths einen Ehrenhandel ordnen, den er nachts in der Weinstube mit einem Offizier akquiriert hat. Die Unerbittlichkeit der äußeren Konsequenz des Zeremoniells von Leuten, die kein eigenes Wesen haben. Komisch ist die Sehnsucht bürgerlicher Menschen nach Romantik, sehr komisch aber die Sehnsucht eigentlich romantischer Menschen nach bürgerlicher Korrektheit. Das höchste Gut der Deutschen ist die weiße Weste. Nicht als ob sich so unter der Hand nie ereignete …

Es gibt zwei Arten von Ideal. Solche, die man – aufrichtig – nie klar sieht, wie ein Weg auf einen Berg, wenn er anfängt, individuell zu sein, man hat nur die nächsten Griffe und den Trieb nach aufwärts, – und solche, die eigentlich Verwesungsprodukte, Verwitterungsprodukte sind. Sie sind keine Ziele, sondern Derivate, wie Straßen eine bestimmte Flora nach sich ziehen, wie Dunst über Wasser. Von dieser Art sind viele öffentlichen Ideale. (Als nüchterne relativ zu bewertende Vorrichtungen wären sie trotzdem gut.) Sofern sie angebetet werden, sind sie Aas. Ihre Verletzung obliegt den Künstlern. Ihre Verteidigung der öffentlichen Meinung. Nur die zweiten werden ‚verfochten‘. Es ist ein trauriger Gedanke, an den Journalisten zu denken, wie er sein könnte. Es sind Leute, die mit der Moral, die sie äußern, nichts zu tun haben. Die Moral mit der sie zu tun haben, ist eine Berufsmoral. Der Beruf wäre denken, lebhafter, empfinden, beweglicher fühlen. Schnelle Schwimmer im Strom der Ereignisse. Erfinder neuer Bewegungen, geistiger Geschicklichkeiten, Nachahmer, Ergreifer, Erprober – es muß nicht immer alles etwas wert sein – oder doch wenigstens vernünftige Leute, die sich von andern etwas sagen lassen und fühlen und schweigen, wo sie etwas nicht verstehen (bereit den Ereignissen die neuere Erweiterung der Moral abzulauschen, die in jedem liegt.) So aber sind sie lieber Verwalter von Gesetzen (im Detailverschleiß). Landpfaffen. Unfähig mit einem Anarchisten lächelnd, selbst von ihm lernend, zu verkehren. Unfähig selbst der seelischen Konzilianz eines Professors, der darin eine zu verstehende, zu erklärende Sache sieht, mag er sie auch nicht billigen. Wenn sie auch gewiß nicht alle Produzenten sein können, sie sind jedoch auch schlechte Zuschauer. Zuschauer mit einer Perversion. Sie verwechseln … im Werte das Organ des … Lebens, das der Geist ist, mit dem Ihren, der Seßhaftigkeit. Es kommt davon. Über den Deutschen … Handle so, daß … dieser undifferenzierte Satz – nicht ohne Größe – liegt wie ein fressendes Gewächs …

Passive Resistenz

Das Lokale daran ist, daß Staatsbeamte streiken. Man hört von solchen Ereignissen außer bei uns nur von Frankreich. Vielleicht ist es eine ungewöhnliche Corruption, vielleicht ein ungewöhnliches Elend, vielleicht eine beweglichere, zukünftigere Auffassung des Verhältnisses von Individuum und Staat. Als isolierte Erscheinung gar nicht zu beurteilen, es hängt von den seelischen Kräften eines Volkes ab, was sie daraus machen. Aber das Europäische daran ist relativ so viel weiter wie das Preußische weiter war als das lustige Stückchen von Köpenick. Das Europäische daran ist aber nicht der Streik, sondern seine Art, der Streik durch genaue Befolgung der Vorschriften. Das Europäische ist die Unmoral, die in der genauen, bedingungslosen Befolgung der Moral liegt. – Das Fieber, das Knaben vor den ersten Beichten befällt, das was Laien in ihren Prozessen nie begreifen läßt, daß irgendwo eine oberstgerichtliche Entscheidung schon wie ein Riegel vorgeschoben ist, während es doch noch so viele logische Möglichkeiten gibt, die Tatsache der Scholastik, in der Liebe die Eifersucht, die erst recht übrig bleibt, wenn alle Indizien auf Treue stimmen, weil darin die subtilste Untreue versteckt sein kann. Die Tatsache der Technik und das immer übrigbleibende des Individuums.

Das Europäische ist – das Unzureichende intellektueller Fassungen. Das Wichtige an diesem Streik ist, daß die Dienstvorschriften ihn gestatten, wie jede Moral jede Unmoral, jedes Recht jedes Unrecht zu motivieren gestattet. Zum letztenmal in wunderbarer Fülle in Erscheinung getreten in der Scholastik und dem damit zusammenhängenden Kirchenrecht. – Unser ganzes modernes Leben ist eine ungeheure Brutalität, ein ungeheuer brutaler, rüpelhafter Sprung da heraus, ein lebenserhaltender Sprung. Zum Beispiel fordert das moderne Civilrecht, wenn jemand Honorar für gegebenen Unterricht einklagt, daß ihm sein Zeit-Vermögensverlust vergütet wird. Die Größe des Erfolgs kann nicht eingeführt werden. Ein Vertrag, wo auf der einen Seite Geld, auf der andern die Leistung stünde, einen Menschen in eine bestimmte seelische Verfassung zu bringen, wäre ungültig, – die Verfassung muß durch Taten und dergleichen dokumentiert sein. Das Kirchenrecht kannte das noch. Oder die alte Spekulation fragte: warum fallen die Körper? Die moderne Physik weiß es bis heute nicht, aber sie fragt auch nur: wie fallen sie? Oder die Physik kommt etwa für hydrodynamische Vorgänge über gewisse komplexe Gleichungen nicht heraus, mit denen praktisch sich nichts anfangen läßt, die Technik verzichtet auf diese theoretisch richtigen Gleichungen und stellt sich solche auf, von denen sie weiß, daß sie theoretisch nicht richtig sind, aber mit denen sich arbeiten läßt.

Überall ist alles ungefähr und auf den prakt. Zweck orientiert. Die meisten Beispiele bietet unsere Moral. Trotzdem Kategorischer Imperativ. Du sollst nicht töten – Gericht, Krieg, Duell.

Notiz

Die Duncan mit ihren Theologenbeinen. Wildenbruch: Er füllt alte Harnische mit tönenden Reden. Volkskunst: Ich werde doch nicht, wenn ich mich über Klimt orientieren will, Herrn Umlicke aus der Kleinen Hamburgerstraße fragen, noch weniger freilich Herrn Oberlehrer Bahn – Groß Lichterfelde oder Friedenau.

So klug oder doch so nachgiebig ist der Staat der Forschung gegenüber. Nicht gleich vernünftig, aber immerhin wundernswert duldsam gegenüber der bildenden Kunst; er gestattet die Abbildung der Nacktheit. Und verschärft dadurch, in Gott-grüß-die-Kunst-Stellung gegen den Vorwurf des Muckertums verwahrt, die Bedeutsamkeit seines übrigen Verhaltens.

Deutsche Staatsfunktionäre sind zwar tugendhaft, aber seit 1870 auch aus Blut und Eisen und auf die Forderung einer mindestens vierkindrigen Hurrahsinnlichkeit verpflichtet.

Der Kampf um die Sittlichkeit

Schicken wir, um die Ausdrucksweise festzulegen, die oft gemachte Unterscheidung zwischen Sittlichkeit und Sitten voraus. Wir können dann sagen: unsre Sitten sind christlich-kapitalistisch, unsre Sittlichkeit wird derzeit gesucht.

Eine Nebenbemerkung: Unterscheiden sich unsre Sitten so sehr von den chinesischen, die weder christlich noch im eigentlichen Sinn kapitalistisch sind? Handelt es sich nicht um eine Mischung, die überall in der gleichen Weise auftritt?: Zwischen einem Bestandteil, der eudämonisch (unter Einbeziehung des Altruismus) ist, Steigerung, das heißt Ich- und des Du-Ich Komplexes, und einer durch die Macht bedingten Lagerung der menschlichen Gemeinschaft, die bei uns durch das Kapital bewirkt wird, anderswo durch andre Besitztümer, bis zu dem der Körperkräfte hinunter?

Es gibt nun 3 Möglichkeiten: mit der bestehenden Sittlichkeit zufrieden sein. Das kann man von keinem guten Menschen verlangen. – Sie reformieren wollen und an die Erreichbarkeit eines reformierten Zustandes glauben. Dem widerspricht erstens, daß keiner mit einer früheren Episode höherer Sittlichkeit ernstlich tauschen möchte, nicht mit einem christlichen noch mit einem antiken Jahrhundert. Darin liegt, so naiv das Argument ist, doch unwiderlegbar eine Zustimmung zur eigenen Zeit, bzw. die Erkenntnis, daß das eigene bejahte Ich doch irgendwie nur in ihr möglich gedacht werden kann. Zweitens widerspricht dem, daß jeder Zustand, den wir uns ausdenken, zum Gesetz erhoben sofort etwas von der Langweile des katholischen Himmels hat. Der Vertreter der Nacktkultur ist im Grunde nicht lächerlicher als der Vertreter des strengen Altruismus (oder Katholizismus). – Drittens bleibt die Möglichkeit, das Reich der seelisch geistigen Bedürfnisse von dem der realen, politischen als prinzipiell getrennt zu betrachten. Man kann dieser Haltung den Vorwurf des Kompromisses machen, aber den kann man auch jeder Wahrheit machen. Diese Haltung verträgt sich mit großer – nur in den Zielen zurückhaltender – politischer Aktivität. Sie setzt einen unüberbrückbaren Gegensatz zwischen Individuum und Gemeinschaft voraus und der besteht tatsächlich schon der Anlage nach. Sie lehrt uns das Wirken der großen Persönlichkeiten verstehen, das immer antisozial ist, auch dort, wo es eine Sozietät fingiert und fordert, um sich mit ihr gegen die bestehende zu verbünden. Sie gibt eine ganz unterschiedene Auffassung der Kunst.

Ich will sie nicht als richtig, sondern nur zur Diskussion hinstellen, weil ihr Fehlen darin als einer Möglichkeit viele lückenhafte Schlußfolgerungen verschuldet.

Siehe: Lücken des Händlerstaats.

Wenn man eine Kommission der beseeltesten Ethiker eine Norm ausdenken läßt, so verpflichte ich mich binnen 24 Stunden den tragischen Fall dazu zu konstruieren.

Der rote Hut

Ein roter Hut zwischen blauen und braunen Hüten, zwischen Zylindern und entblößten Köpfen und den blassen, schon etwas nachgedunkelten, etwas gelähmten und mühsamer sprechenden Veteranen der Lichtschlacht an den Wänden. Ein roter Hut, wie Wasser des Springbrunnens immer in die Höhe geworfen und doch immer zurückkommend. Im Kampf mit der kühlen, ungesättigten Skala Manets siegreich, wie ein roter Lampion endlich in einem ununterscheidlichen Grau schwebend. Von den Wänden schauen die Menschen Manets. Sie haben einen Zug von schmerzhaftem Sich-nicht-mehr-ganz-deutlich-machen-Können auf den Lippen, in den Gliedern. Und überhaupt – roter Hut, wehend wie ein Kirschbaum mit glänzenden Früchten – ist es nicht überhaupt seltsam, wenn Menschen, einer neben dem anderen von glatten Wänden schauen? Oder fühlst Du es nicht? Die Dreidimensionalität, deren Fiktion im Bild noch gewahrt ist, wird durch das Nebeneinanderhängen von Bildern fast auf zwei Dimensionen zusammengepreßt. So entstehen bald Menschen wie wir, bald seltsam in einer Fläche lebende Wesen. Wenn in einem Puppentheater einer plötzlich seinen Kopf abnimmt und unter dem Arm weiter trägt, so ist das nicht sonderlich seltsam, wenn er dabei aber Zug um Zug des Gesichts und in jeder Bewegung Deiner Cousine gleicht, oder Dir, wie wird Dir? Wenn etwas ganz Unsinniges, traumvoll Verwundenes und Geschlungenes ganz plötzlich dicht an dich herantritt und mit unschuldigem Lächeln gut bekannt tut, so daß Du die Abwehr nicht findest? Vielleicht wird ein anderer einmal das Malen malen. Die Ähnlichkeit der Menschen mit Bildern. Das phantastisch Leblose im Menschen.

Es empfinden wie etwas, das weh tut, an dem man sich rächte. Die Dreidimensionalität, deren Fiktion im Bild noch gewahrt ist, wird durch das Nebeneinanderhängen von Bildern zu zwei Dimensionen zusammengepreßt. Seltsam (wie wir) menschenfresserischer Kult. (In einer Fläche lebende Wesen.) Und als Produkt dieser wütend wahnsinnigen Tätigkeit mit der gequälten Falte zwischen den Brauen. Irgendetwas Konzentriertes, Gefälschtes, über den Menschen hinaus Gefälschtes. Frau des roten Hutes: Band im Haar, Glanz am Kleid usw., wie durch die Bäume Fallendes wird bald klingend, bald stumpf – dünn, aber riechend, duftend und vielfältig wie ein Beet, zersplittert aber aus tausend kriechend lebendigen Augenblicken, rieselnd wie warmer Sand. Armer, ungesättigter Manet. Ein roter Hut …

Der Bilderzerstörer

Der rote Hut

Ein roter Hut zwischen blauen und braunen Hüten zwischen Zylindern und entblößten Köpfen und zwischen den hellen … Bildern Manets. Ein roter Hut wie Wasser des Springbrunnens immer in die Höhe geworfen und doch immer zurückkommend. Im Kampf mit der blassen, ungesättigten Licht-Skala Manets – endlich wie ein roter Lampion siegreich in ununterscheidlichem Grau schwebend. Von den Wänden schauen die Menschen Manets. Seltsam, wenn Menschen, einer neben dem anderen, von den Wänden schauen. Roter Hut – wehend wie ein Kirschbaum mit glänzenden Früchten – findest du es nicht barbarisch? Sie haben einen Zug von schmerzhaftem Sich-nicht-mehr-deutlich-machen-Können auf den Lippen, in den Gliedern …

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10 haziran 2026
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5257 s. 13 illüstrasyon
ISBN:
9782377871742
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