Kitabı oku: «Robert Musil: Gesammelte Werke», sayfa 89

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Fritze

Fritze ist ein Mittelding zwischen Individuum und Allgemeinheit. Er haranguirt uns zu sehr um die sympathische Gleichgültigkeit gegenüber den ungekannten Millionen zu genießen und ist uns zu wenig wert, als daß wir mit Respekt von ihm sprechen würden. Man kann nie mit Recht sagen: ein … Fritze, denn man meint auch dann den bestimmten, den Kolonialfritze oder den Zigarrenfritze an dessen Laden man täglich vorübergeht oder doch irgend einen, von dem man etwas gehört hat, das ihn aus den Vielen heraushebt ohne ihn zu den Wenigen zu rechnen, mit denen man sich gleich fühlt. Hierin ist auch der Durchschnittsberliner aristokratisch, antisozial od. wenn man will ur-sozial. So’n Fritze hat immer irgend etwas angestellt, einen Mord begangen, defraudiert, seine Frau versetzt oder ein Theaterstück geschrieben. Es ist nach beiden Richtungen ein Index für die Anschauung des Sprechenden, was ihm noch als Fritze gilt. Eine Tat, die ihm entsetzlich dünkt, verknüpft er nicht mehr mit diesem Wort, eine Tat, die er ernstlich schätzt, auch nicht. Ein Verbrecher ist für einen Pastor oder Justizrat kein Fritze mehr, vielleicht aber für ulkige Studenten oder junge Künstler. Ein Dramatiker ist für einen Gardeleutnant häufig ein Fritze, für andere Leute wieder ist er es nicht.

(Man fragt nicht: was ist er? und antwort: Möbelfritze; – sondern: kennen sie den und den? Wie heißt er? So und so. Ah, den Möbelfritzen, da in der Lützowstraße.)

Der Fritze ist ein Kapitel aus der Psychologie des Ruhms. Das Mittelding zwischen Anonymität und Anerkennung. Zweiter Rang. Hinterhausbewohner im Ruhm. Es ist vergnüglich dabei einmal überhaupt über die verschiedenen Arten von Ruhm nachzudenken. Bleiben wir dabei: es gibt hier ein Vorderhaus und ein Hinterhaus, den großen, offiziellen Ruhm, den erarbeiteten indem man auf Ruhm hinarbeitet und den zufälligen. Und dann gibt’s die Millionen Obdachloser. Im Vorderhaus gibt’s große Wohnungen und wenig Mieter, es ist dort langweilig. Das Hinterhaus ist lustig und bevölkert und die Kontrakte sind kurzfristig. Man kann sagen, vorn wohnt man in desto besseren Etagen je länger man tot ist; Goethe. Viele von denen, die vor dem Haus lungern, kommen nach ihrem Tod hinein und dann mit jedem Jahrzehnt vornehmer. Manche von denen, die bei Lebzeiten drin wohnen, werden nach ihrem Tod hinausgeworfen.

Der Tod spielt auch im Hinterhaus eine Rolle. Ich muß sagen, wenn ich ein ehrgeiziger Mensch wäre, würde ich mich auf nichts so sehr freuen als auf den Tag nach meinem Tode. Da kommt man in die Zeitung. Man erfährt plötzlich, daß man ein treuer, ehrlicher und geschätzter Mitarbeiter seines Chefs war und muß das glauben, denn auch die Kollegen versichern ihre Sympathie, was an diesem Tage sicher wahr ist. Oder man liest gedruckt bestätigt, daß man eine zärtliche Gattin hat. Man fährt im Wagen und es wird eine Rede auf einen gehalten. Wann passiert einem sonst soviel Angenehmes an einem Tag? Gehört man einer größeren Körperschaft an, gar noch einigen Vereinen, so kann man sicher sein, daß Hunderte von einem sprechen. Und das ist schon Ruhm. Irgend ein guter Lyriker, sagen wir beispielweise Rilke, hat keinen viel größeren Kreis und wie muß er sich dafür anstrengen; ich muß sagen, für meinen Teil ziehe ich den erwähnten Weg vor, er ist viel natürlicher. (Übrigens ernstlich gesprochen, bei wie viel jugendlichen Selbstmördern spielt die Vorstellung der Wirkung ihres Todes eine Rolle!) Doch verlassen wir dieses heikle Gebiet; es gibt im illegitimen Ruhm sonst viel heiterere Fälle.

Gesslersche Bekleidungsstücke

Es ist anzunehmen, daß Oberlehrer angehalten werden, bei der Erklärung von Wilhelm Tell das Achtungverletztende deutlich zu machen, das durch das Unverständnis des Dichters verschleiert – in der Haltung dieses Volksmannes liegt. Man mag ihm zugutehalten, daß sein Benehmen sich gegen eine Fremdherrschaft richtete. Aber indem er gegen Sitte, Pflicht und Herkommen sein Haupt vor dem Hute geflissentlich zu entblößen verabsäumte, beging er eine bewußte Geringschätzung. (Vergleiche Graf Yorck zu Wartenburg: Schiller Tell-Kommentar)

Die deutsche Sozialdemokratie hat ihr Gesäß nicht von den Sitzen entblößt, als das Kaiserhoch auf der Präsidententribüne geflaggt wurde. Der Unterschied ist der, daß es sich nicht um die Ehrung eines Geßler, sondern um die einer in jeder Hinsicht (soweit das überhaupt möglich ist) legitimen Herrscherpersönlichkeit handelte. Die Ähnlichkeit der beiden Ereignisse beginnt damit, daß die Ehrung einer Persönlichkeit, die nicht einmal da ist, durch Erheben von den Sitzen, wie sie üblich ist, einen abnormal starken Ausdruck von Ergebenheit und Verehrung ausdrückt, der manchen Menschen bloß als Stärke der Gefühlsäußerung gegen den Geschmack geht. Man kann monarchisch gesinnt sein und braucht den Monarchen nicht zu grüßen mögen, wenn man ihm auf der Straße begegnet. So wenig man einen Dichter oder Philosophen persönlich grüßt, dessen Werken man an der eigenen Persönlichkeit zehnmal mehr verdanken kann und den man glühend liebt. Man sagt, die Ehrung gelte nicht der Person, sondern dem Prinzip: aber soll man in einem protestantischen Lande Prinzipien in dieser grob persönlichen Fetischweise ehren, die um nichts besser ist als die Vorstellung, die sich Reformierte von dem Heiligen Kult der Katholiken machen?

Die ganze Frage hat überhaupt innerste Ähnlichkeit mit der in katholischen Ländern gerichtsnotorischen, daß ein Mensch Mitbürger in ihren (religiösen) Gefühlen kränkt, indem er diese nicht agiert, wenn er sie nicht hat. Wenn selbst Unterlassung von Gefühlen auf eine Stufe zu stellen mit dem Ausdruck gegenläufiger Gefühle ist, so bliebe das immer Frage eines Gebiets, das von der Politik nicht betastet und unter Deutschen, die auf sich halten, unverletzlich sein müßte.

Systematisch sehen wir aber heute gerade dieses Gebiet zum Operationsfeld gewählt. – Turner, Festspielhalle, Hauptmann, Volksbühne, Wandervogel, Scouts-boy … Ringen um politische Geltung auf einem Gebiet, wo Politiker wie Minister viel zu plump sind. Unerträgliche Albernheiten usw. (Ungleichmäßige Verteilung der Ehrerbietung heute. Im allgemeinen gänzlicher Mangel. Vor dem Alter, dem Dichter usw. Dafür Anhäufung an einzelnen Stellen, zum Beispiel Monarch.)

Der Zug der Zeit (1918-1930)

Radikalismus

Nichts ist in Deutschland derzeit verhaßter als eine Art des Geistes, die beim Letzten anfängt. Man liebt, die Schätze des Geistes in Pfandbriefen und mündelsicheren Papieren anzulegen. Eine gesunde geistige Mittelstandspolitik. Zentrum und Christlichsoziale wären nicht so stark, wenn sie dieses Bedürfnis nicht befriedigten.

Man unterschätzt das, wenn man nicht die Wissenschaft liebt. Wissenschaft ist: tun als ob man ewig an den Fundamenten baute. Glück des polierten Fug auf Fug Gefüges … Verzicht auf die Maibäumchen am Dach, auf dem Dach, auf den Oberstock, auf Architektenträume … Nahezu schon die Gewißheit, daß man nur gut bauen muß, es wird immer etwas anderes daraus, daß man nicht vorhersehen kann … Nichts ist ihr so peinlich wie Haeckelsche Propaganda. Nichts bringt die Wissenschaft taktloser und verständnisloser in Verlegenheit als die Forderung letzter Ziele. Dennoch gilt auch in der Wissenschaft ganz selbstverständlich der größte Radikalismus als das Ideale – natürlich nur solange und soviel er im Bereich des Wahren bleibt – Weite des Wurfs, grundlegende Arbeit, Vorurteilslosigkeit der Fragestellung, – Kühnheit, Zähigkeit, Tapferkeit sind intellektuelle Tugenden, groß ist ein naiver Revolutionär wie Robert Mayer und der zeitweilig einsame Kampf eines Reaktionärs wie Ludwig Boltzmann – natürlich alles auf einem engen Feld, in einem durch die ganze Umgebung ein wenig solidem Tempo.

Geht man von der Wissenschaft zu dem Leben, an dem wir alle teilhaben – dem der …. – so tritt man aus dem Bereich der Wahrheit in den der unlösbaren Disjunktionen, des ungeheuren Einzelfalls. Dieser Unterschied ist erkenntnistheoretisch begründbar.

Statt aber die Orientierung nach Wahrheit (Gesetz) zu verlassen, was der Schlüssel zu aller Entwicklung sein wird, läßt man den Radikalismus los.

Schicksal

Wenn ich den kürzesten Weg suche, um dahin zu kommen, wo mich die verworrene geistige Landschaft rund um dieses Wort zu interessieren anfängt, so schlage ich ohne es zu wollen – jedesmal diesen Weg ein: Ich stelle fest, daß ich bis zu meinem 30. Jahr es immer lächerlich fand, wenn jemand dieses Wort in den Mund nahm; weil es offenbar so wenig dazu geeignet ist, (um) in den Mund genommen zu werden, dieses große Wort, und darin patzig zergeht. In der Tat, was heißt Schicksal? Ohne Zweifel bedeutet es in der Jugend soviel wie Zukunft; es ist für kräftige junge Menschen Wille, Plan, Traum, und nicht im geringsten geheimnisvoll. Überblickt man in späteren Jahren das Gewordene, so läßt sich allerdings eine sichtliche Planhaftigkeit, und Typik nicht leugnen; man kann sagen, Einförmigkeit, oder Gesetzmäßigkeit, wie eben alles, das man versteht oder das sich ordnet, einförmig wird.

Ich stelle mit 40 Jahren sehr erstaunt fest, daß ich eigentlich ein recht bewegtes Leben hinter mir habe. Ich kenne jemand, der … Er hatte bis dahin 8 oder 10 verschiedene Berufe ausgeübt. Den größten Krieg aller Zeiten miterlebt. Er war verwundet worden, operiert, an einer inneren Krankheit beinahe zugrundgegangen. Recht besehn, hatte er im Lauf dieser Zeit sein Verhalten einigemal von Leidenschaften beeinflußen lassen, die lange dauernde Folgen für ihn hatten. Er war auch unruhig gereist, kannte halb Europa und ein Achtel der übrigen Welt, und auch abgesehen von Reisen, war er nirgends länger als 1 bis 2 Jahre wohnen geblieben. Sein bewegtes Schicksal erschien diesem Mann gar nicht bewegt, sondern als eine ewige und gewissermaßen ruhende Wiederholung. – Alles, was ich erlebt habe, läßt sich als die Folge von ein paar Eigenschaften verstehn, die ich seit der Kindheit aufweise; eine gewisse liquide literarische Vielbegabtheit, Ungeduld, Heftigkeit und einiges andere. – Auch die Verwundung, auch die Krankheit, auch der Krieg? – Das sind Massen- oder zeitgenössische Typenschicksale. Würdest du denn – fragte er nun mich – es ein Schicksal nennen, daß ein Referendar im Lauf der Jahre Assessor, dann Regierungsrat und zum Schluß meinethalben Regierungspräsident wird? Oder daß das Leben einen Offizier zwischen den verschiedenen Garnisonen hin und herführt?? –

In der Tat verlangt man vom Schicksal, daß es ungewöhnlich erscheine. Manchmal ertrinken alle Passagiere und einer wird gerettet. Manchmal erreicht man nicht mehr einen Zug, der auf der Fahrt entgleist. Manchmal setzen Menschen aber auch die erstaunlichsten Zufälle in Bewegung und überwinden die größten Unwahrscheinlichkeiten, bloß um ihren Untergang oder ihr Unglück zu erreichen. In solchen Fällen fühlt man das Schicksal, aber es läßt sich nicht leugnen, daß es dann etwas von Anekdote, Schauergeschichte, minderer Literatur an sich hat.

Der einfachste Fall von Schicksal ist allerdings dieser: Man geht links und am Weg, rechts ereignet sich ein Unglück. Wäre ich rechts gegangen …! – sagt der Mensch dann, und weil er wirklich ebensogut hätte rechts gehn können und nur durch Zufall links ging, erscheint ihm das Walten einer Vorsehung. Hier berührt er das Reich der günstigen und ungünstigen Zufälle, und es gibt wirklich Menschenleben, deren Verlauf durch eine Häufung der einen oder der andern bestimmt zu sein scheint. Es gibt Pechvögel und Glückspilze, und diese Namen klingen schon stark nach Märchenton. Die Analytiker haben ja versucht, gerade solche Ketten von Erlebnissen auf gewisse innere Dauereinstellungen zurückzuführen (sei zaghaft und alles mißlingt dir), aber ich muß gestehn, daß mir trotzdem als die wissenschaftlichste Erklärung die (alte) Behauptung erscheint, daß es gute und böse Feen oder Dämonen und Lichtgötter oder, wie immer es sei, gute und böse Wesen gebe, die sich um uns streiten.

Dantefeier

Mit dem Kommentar in der Hand lieben? Vielleicht sind Psychologen solche Ausbünde der Liebesleidenschaft, ich traute mich’s nie. Natürlich könnte man sich die Voraussetzungen erarbeiten und dann auf höherer Stufe zweiter Naivität um Dante werben: aber Pergament alter Dichtungen hat bei zu wissenschaftlicher Verarbeitung eine merkwürdige Neigung, sich in Eselshaut rückzuverwandeln. Man kann die Gleichnisse erschließen, die Intentionen historisch entwickeln, die Architektur in ihrer Kathedralik bloßlegen: aber wem gleichen die Gleichnisse, wohin deuten die Intentionen …?

Reduktionspunkt: wir.

Überdies: Mittelalter nicht zu verstehen. In Summa: die Annahme, daß kein Mensch Dante versteht, hat viel Wahrscheinlichkeit für sich.

Dadurch wird die Dantefeier merkwürdig. Bekannte Erscheinung: Große Dichter als Symbole, als Idee (in Italien Beziehung durch Unterricht. Aber auch hier haben die Futuristen recht). Man findet also ein Symbol. Merkwürdig ferners, welche Intelligenz zum Symbol entschwundener Dichter verwendet wird und wie wenig auf lebende Dichtung.

Philosophie einer Schuhfabrik

Ich verdanke die Anregungen, die ich hier weitergebe, der Propagandabeilage einer Tageszeitung; sie war so dick und groß wie ein guter Folioband und beschäftigte sich mit nichts als der Entstehung, der Technik, der Organisation, den Wohlfahrtseinrichtungen, den volkswirtschaftlichen, politischen und moralischen Grundsätzen einer Schuhfabrik. Es ist die größte Schuhfabrik der Welt. Sie erzeugt … Sie deckt … des Weltbedarfs. Sie beschäftigt … Angestellte. Sie ernährt … Menschen. Sie ist keine Kleinigkeit. Manche Leute würden sagen, solch eine Lektüre ist mehr wert als ein Roman. Ich kann ihnen gar nicht unrecht geben. Aber da ich die Romane liebe, möchte ich doch von diesem Standpunkt aus zuerst die Schuhfabrik betrachten.

Wir normen

Für ältere Leser, welche noch ungenormt aufgewachsen sind, sei eine Erklärung vorausgeschickt: Normung heißt in der Industrie, daß man alles, was sich ebensogut so wie anders machen läßt, in einer zwischen allen Fabriken vereinbarten und gleichen Weise macht. Das hat große Vorteile, räumt eine völlig zwecklose Unordnung weg, verbilligt und macht das Leben zur Lust. Wenn man das Farbband seiner Schreibmaschine auswechseln will, wird man nicht mehr nach einem Geschäft suchen müssen, welches gerade dieses Schreibmaschinensystem führt, denn alle Schreibmaschinen werden Bänder von gleicher Breite und Länge haben, und wenn man an einem Pedal eines Fahrrads den Gummi verliert, wird man nicht mehr beim Fahrradhändler 400 verschiedene Ausführungen von Pedalgummis angezeigt finden, unter denen gerade die eine fehlt, von der man ein vereinsamtes Exemplar am zweiten Pedale besitzt. Eine große Menge Dinge wird heute schon in Norm begriffen, Gewinde, Passungen, Durchmesser, Armaturen, Konstruktionsteile von Rohrleitungen, Krankenhausbedarf und Laboratoriumsgerät, Werkzeuge, Koffer und eine noch größere Menge wird genormt werden, es gibt Ausschüsse mit herrlichen Namen wie Fanok und Dechema, und wir stehen an den Anfängen einer großen geistigen Bewegung, welche der Renaissance nichts nachgeben wird.

Es sei darum erlaubt, einige vorschnelle Ausblicke auf die Zeit zu tun, wo die Normungsbewegung nicht nur das Produkt, sondern auch den Menschen ergriffen haben wird. Es kann ja gar kein Zweifel darüber bestehn, daß der genormte Mensch große Vorteile gegenüber dem ungenormten bieten wird, aber obgleich starke dahinzielende Bestrebungen im Gange sind, setzen sich ihnen noch unnötige Widerstände entgegen. Fragen wir uns deshalb zuerst, wie wird der genormte Mensch aussehen? Er wird auswechselbar sein. Da heute alle schönen Menschen bei uns dünn sind, im Orient aber dick, kann die Unterwerfung der Natur in der Durchmesserfrage für gesichert gelten. Das gleiche gilt von der Normung auf bestimmte Größenstufen, welche die Konfektionsindustrie von den Eltern verlangen wird; die Japaner erzeugen heute schon durch bestimmte Fütterung große fette Ringkämpfertypen neben dem trocken-breit-kleinen Dschiudschitsutypus. In seiner Kleidung wird der Mensch alle Vierteljahre anders, aber immer gleich ausschauen; auch das ist heute schon angenähert erreicht; das Luxusbedürfnis läßt sich ohne Schwierigkeiten durch bestimmte Stufen der Ausführung typisieren, ähnlich den Steuerstufen, und in einer sehr verfeinerten Gesellschaft wird sich der Rang durch einen Preiszettel symbolisieren (befriedigen) lassen, der angibt, daß man drei Mal soviel für seinen Anzug gezahlt hat, wenn es selbst der gleiche Anzug sein sollte.

Das sind einfache Probleme. Aber sind der gute Mensch, der moralische, der normale, der verwendbare Mensch, sind der ideale Patriot, der disziplinierte ideale Parteigänger, der vollkommene Staatsbürger nicht schon genormte Menschen? Hier öffnen sich Zukunftsblicke für alle normativen Institutionen. Was sie immer getan haben, werden sie nun mit den Hilfsmitteln und der unbestrittenen Autorität der Wissenschaft und Technik tun. Der Strom der Zeit hat eine ihnen günstige Richtung, die individuellen Reste, die er mit sich führt, schleifen sich ab. Die Liebe, dieses Urwaldgebiet der Eigenbrötelei, wird zur reinen Verlegenheit. Wer kann heute noch mit gutem Gewissen „Du Einzige“ sagen? Jederman weiß, daß es richtig „Du Typische“ heißen muß.

Zur Geburt einer Maus

1. Vom echten Dichter (die Umwelt).

Kunst ist weder Wissen noch jenes individuelle Geschnatter, das Menschen mit stark entwickeltem Haarboden (starke Individualität, Intuition. Unmittelbarer Weg zum Herzen, mit anderen Worten: Männer mit einem femininen Geist), warmen fetten Hüften veranstalten. Aus den jederzeit dicht durch die Luft fliegenden Ideeneiern schlagen sie ein Omelette nach dem andern. Dieser feminine (Wahrheit – Güte – Ewige Idee) Typus des Schriftstellers ist heute durch einen infantilen verdrängt worden. (Ich verdanke die Waffe dieser Entdeckung meinem ausgezeichneten Kunst- und Kritikgenossen Otto Ernst Hesse. (Als dritter Typus der formale, priesterliche, Hofmannsthal, George, Borchardt.) Gemeinsame Formel für beide: Der Dichter ist eine Ausfallserscheinung.

Mein instinktiver Standpunkt: ich will ein Dichter sein, der kein Dichter ist. (Diesen Schreck bin ich bis heute nicht losgeworden.)

2.

Eine besondere Behandlung verdient die Frage der „Wahrheit“. Kurz nachdem ich die Augen zur Literatur aufgeschlagen hatte, begegnete mir der eine der beiden Sätze, welche zu Polen meines Kompasses geworden sind: Beau par la vérité! Es ist eine Formel des großen alten Kritikers Boileau, die ich zitiert las. Ich hätte nichts dringenderes tun sollen als …, aber ich habe es bis heute nicht getan. Ich weiß nicht, was Boileau gemeint hat. Es gibt in der Kunst keine Wahrheit. (Ihr künstlerischer Gegensatz ist – pfui Teufel! – Individualität.) Aber es gibt etwas der Wahrheit sehr Verwandtes. Beau par la vérité.

Jene ältere Generation setzte die Wahrheit in der Natur. Die jüngere in der Idee. Nun hat die Idee aber gar keine Wahrheit, keine Stabilität (später darüber mehr sagen). Und die Natur hat zwar Wahrheit. Aber wenn Wahrheit (Schönfärben, Entschönfärben – Realismus ist ein Korrektiv, eine Reaktion) in der Kunst, Realismus, mehr heißen soll als Rücksichtslosigkeit und Antiidealismus, Antiromantik, so ist es ein Schwindel. Wir beherrschen durch die Idee die Natur – Gras über den Schienen wachsen lassen.

3.

Ich frage, wie kann ein Mensch Schriftsteller werden? Normale Antwort: Wenn er nicht anders kann! Antwort: Wenn er anders kann, und dann nicht anders kann! Gewiß erfüllt Kunst verschiedene Funktionen, ich will sie nicht definieren; aber eine der hauptsächlichsten ist: Gestaltung der Seele. Seele ist aber nicht das, was da ist, und einen Gegenstand der Psychologie bildet (eine Zeitlang bin ich für einen Psychologen gehalten worden), sondern Seele sind die die Seele gestaltenden Kräfte. Nichts Okkultes; der Nebel um den Kern, die noch suspendierten Teilchen, aus denen sich unter verschiedenen Einflüssen die Seele der nächsten Generation bildet. Kunst ist daher auch gleich Zukunft. Nicht was ist, sondern was sein kann; nicht was sein soll, sondern was vorgestellt werden soll. Mathematisch gesprochen: Partiallösungen der Zukunftsaufgabe. Nicht Soziologie, sondern Sozio-prä-logie.

Hier liegt die Verwandtschaft mit der Religion und die Feindschaft gegen sie.

Natürlich kann sie das nur am Gegebenen entwickeln.

Die Gleichstellung der Kunst mit den ideologischen Tätigkeiten Religion und Philosophie läßt natürlich das Unterscheidende außer acht.

Kant war sicher kein Dichter und Schopenhauer (Nietzsche) war wahrscheinlich ein umso viel schlechterer Philosoph als er ein besserer Schriftsteller ist.

Aber es ist heute gar nicht notwendig, Kunst dagegen abzugrenzen (sonst würde ich mich doch bedenken, von der warmen Brust der Zeit so abzurücken), sondern man muß sie nach unten, gegen ihre eigne Verkörperung abgrenzen.

Ideenkunst im Drama: bedeutende Menschen und ihre Konflikte als einfachstes Mittel. Schwerer Widerstände dagegen

4.

Weshalb Romane besser sind.

Romane sind bessere Kunstwerke, weil sie schlechtere Geschäfte sind. In der Tat besteht die Hauptschwierigkeit des Theaters darin, daß man an ihm reich werden oder wenigstens sein Auskommen finden kann.

Ich will gar nicht von den Theaterdirektoren reden, welche zum großen Teil Menageriebesitzer sind. Jede Menagerie muß Löwen, Bären und Affen haben. Ebenso haben diese Theaterdirektoren ihre Sorten Stücke; es ist ziemlich gleichgültig ob der Löwe besonders oder weniger schön ist. Auch „der neue Dichter“, „die Jugend“, der „dramatische Nachwuchs“ besteht nicht aus Individuen, sondern aus Angehörigen einer Gattung. Der Theaterdirektor ist ständig auf der Suche nach Neuem, das alt sein muß. Ich will aber von den Dramatikern reden, denn sie bedürfen einer Erklärung.

(Nur so ist überhaupt zu verstehn, daß unsre Dramatiker so schamlos dumm sind, daß wir uns vor spätern Jahrhundert schämen müssen. Noch nicht verstanden ist damit, weshalb sich die Leute solche Sachen ansehn. – Weil einem das endlich einmal alles zu dumm wird, habe ich ein Stück geschrieben, in 14 Tagen.)

Und überall, wo Geld verdient wird, sind schnelle, anpassungsfähige, freundliche Menschen mit leicht entzündbarer Einbildungskraft im Vorteil. Ein durchschnittlicher Journalist verdient das 3-8fache eines guten Schriftstellers. Unsre Dramatiker sind daher Journalisten des Theaters geworden. Sie wissen im voraus, was sie sagen werden. Sie müssen sich auch mit einer bestimmten Zeilenzahl einrichten können. Und was sie einen „Einfall“ nennen, ist eine gute Überschrift.

Man muß hier zwischen alter und neuer Schule trennen.

Die alte ist die einflußreichere und interessantere.

Die neue: Es gibt einen Vorrat moderner Vorstellungen und Probleme.

Man entdeckt: einen Typus, ein Problem zum Beispiel Molnár: im rohen Kerl steckt ein guter Kerl. Ein Satz! Aber es wird sein „dichterisches Stück“!

Theater am Niveau der Fliegenden Blätter.

Ich habe noch nie ein gutes Stück geschrieben, aber ich denke mir, daß es nicht so schwer sein kann; wenn man dumm genug ist, muß es ganz von selbst gehn. Mit Einschränkungen gilt das auch von literarischen Stücken.

Türler ve etiketler

Yaş sınırı:
18+
Litres'teki yayın tarihi:
10 haziran 2026
Hacim:
5257 s. 13 illüstrasyon
ISBN:
9782377871742
Telif hakkı:
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