Kitabı oku: «Robert Musil: Gesammelte Werke», sayfa 90

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Der Praterpreis

Wenn der Titel einmal groß gedruckt da steht, kann man ja zugeben, daß er falsch ist; der wahre müßte heißen: X. Internationales Lawn-Tennis-Turnier veranstaltet vom Wiener Athletiksport-Club, Herren-Einzelspiel um die Meisterschaft von Österreich usw. Aber die Plätze dieses Clubs liegen unter schönen alten Bäumen im Prater, eines der den Hauptkampf umrahmenden Wettspiele hieß der Parkpreis, und so kam es eben.

Ich lese seit Jahren alle Sportberichte, deren ich habhaft werden kann. Man lernt sehr viel dabei. Vor allem verschiedene Sprachen. Das Landen eines Kinnhackens, das Eintreten eines Balls, das Bedecken einer Strecke in so und soviel Sekunden sind im Vergleich zu anderen gutartige Neubildungen. Ich liebe diese Ausdrücke und sammle sie gelegentlich. Die einwandfreie Leiche eines gesunden Toten ist ein schönes Beispiel aus der Ärztesprache, das bei Knochentransplantationen seine Rolle spielt. Es ist bekannt, daß das Wälsch der Landstreicher, der Jäger, der Seeleute von sprachbelebendem Einfluß war; unsere Sportsprachen haben auch noch Schöpfungskraft, aber ihr Unglück ist, daß die Dichter nicht Sport treiben und die Zeitungsberichterstatter über ihn schreiben. Dadurch geht das immer aus der Physiognomie eines Sports und im Kreis von wenigen hundert Menschen geborene Wort, die ihn aktiv ausüben, nicht den Weg durch einen Menschen, der es mit allen Sinnen aufnimmt, sondern unmittelbar durch das Gedächtnis hinaus zu Millionen Zeitungslesern, die seit einigen Jahren in allen Zungen des babylonischen Sporttums reden lernen. Ich will den Sportberichterstattern nicht nahetreten, aber ich glaube nicht, daß viele unter ihnen wirklich Sportleute sind. In der Mehrheit dürften viele von diesen Journalisten noch die heute glücklicherweise abnehmende Überzeugung haben, daß ein guter Journalist über alles schreiben können muß, so wie man in der alten österreichischen Armee dem k.u.k. Leutnant einprägte, daß er, so er den Befehl dazu bekomme, die Peterskirche zu bauen, imstande sein müsse, sich zu orientieren und dann mit seinem Zug den Auftrag auszuführen. Das ist ein schöner esprit du corps, aber er führt nicht zu sachlichen Leistungen. Er führt nur dazu, daß sich der Berichter mit raschem Eifer die verschiedenen Stalljargons aneignet und sich dann bestrebt, in dieser Ausdrucksweise Weltgeschichte zu schreiben. In Deutschland ist man darin noch nicht so weit wie in Österreich, wo die Zeitungen glauben, durch tägliche seitenlange Fußballberichte Lesermassen zu gewinnen. Es ist ihm nicht zu verdenken, daß der Berichterstatter, auf diesem Gebiet übrigens oft wirklich zu Hause und kritischer Würdigung fähig, hier in den Fehler verfällt, da ihm mehr Raum zur Verfügung steht, als allen Künsten und Wissenschaften zusammen, vom genialen Ferdl Swatosch zu schreiben oder die Heroen des Radrennens aufzuzählen. Irgendwo hat er natürlich heute noch das Gefühl, daß das nicht ganz wörtlich zu nehmen sei, aber wenn es so weitergeht, wird er ein Bahnbrecher neuen Geistes gewesen sein. Immerhin ist das kein Ernst. Und wenn ich meine Eindrücke zusammenfasse, der ich fast jeden Sport ausgeübt habe und heute alle Sportberichte lese, deren ich habhaft werden kann, so muß ich sagen: Wenn ich die Sache nicht aus eigener Erfahrung kennen würde, würde ich sie nach den Berichten verstehen; so aber nicht. So kann man über Theater schreiben, aber bei einer so ernsten und reellen Sache, wie es der Sport ist, ist es schade.

Randglossen zu Tennisplätzen

1.

Wie lange mag es her sein, daß dieser Sport sich einzubürgern begann? Vielleicht 25 Jahre. Damals galt es für etwas sehr Gewagtes, daß die jungen Mädchen stundenlang allein mit den jungen Männern spielten. Die jungen Männer waren in Hemdsärmeln, manche trugen sogar keine Krawatte und erlaubten sich den obersten Hemdknopf zu öffnen, so daß man nicht sicher war, auf den Anblick von Brusthaaren zu stoßen. Die jungen Mädchen behaupteten, daß man im Mieder schlecht spiele, weigerten sich, mehr als einen Unterrock zu tragen und behaupteten in ihrem Eifer, daß ihre Gegner auf den Ball achten würden, aber nicht auf ihre beim Lauf schwankenden Brüste.

Ich bin dieser Tage nach langer – freilich nicht so langer Zeit zum erstenmal wieder auf einen Tennisplatz gegangen. Irgendetwas beunruhigte mich; ich kam gar nicht gleich darauf; endlich begriff ich, daß ich lange keine so angezogenen Damen gesehen hatte. Als ob ich in die Zeitmaschine geraten und um Jahre zurückgedreht worden wäre. Das waren solide Leinen oder Flanellröcke, die weit unter die Knie, bis unter die Hälfte der Wade reichten und durch viele Plisseefalten noch undurchsichtiger wurden, als es schon ihrem soliden Stoff entsprach, und die Ärmel waren zwar an den Schultern weggeschnitten, aber so dezent, daß man selbst beim Service nicht die Haare unter den Achseln sah. Eine bekannte deutsche Spielerin hatte herrlich gebräunte Arme und Beine von der gleichen Farbe, die in kurzen Söckchen stacken; es war am ersten Tag des Turniers die große Sensation, nach der einer der Zuschauer den andern fragte, ob diese Beine nackt seien, aber gegen Abend war es entschieden, daß diese hübsche Dame raffinierte Strümpfe trug. Sie trug auch große Ohrringe, die bei jeder heftigen Bewegung neben ihrem Gesicht baumelten. Nicht groß und etwas breit gebaut, erinnerte sie in der diskretesten Weise an ein schönes Südseemädchen, hüpfte kannibalisch auf beiden Beinen von einer Seite zur andern und hob das Knie gegen die Nase bei jedem starken Schlag, den sie führen mußte. Überhaupt kommt der unsportliche Beobachter beim Spiel der Damen zu lohnenden Eindrücken. Diese heftigen Bewegungen, welche ein scharfer Schlag, gespannte Aufmerksamkeit und rascher Start der Beine hervorrufen, entkleiden den Körper sozusagen durch Betonung seiner Kinetik und Vorführung seiner anatomischen Funktion. Das ist so stark, daß es selbst durch Automobilpelze dringen würde. Dennoch ist die Dezenz der Kleidung fast ebenso stark, und das Kompromiß, welches entsteht, ist voll spannender Andeutung und das Herz quälender Verschleierung. Zu einer Zeit, wo jede bessere Berliner Familie einen nackten Gauguin oder Pechstein im Speisezimmer hängen hat, wo die jungen Mädchen in Hosen reiten, bergsteigen, radfahren oder gar in ärmel- und hosenlosen Badetrikots auf dem Pferderücken sitzen, berührt das wie ein Hauch entschwundener Entzückungen, fast wie ein Menuett auf einer alten kleinen Spieldose, und ist zumindest so, wie wenn alte Herren sich an die vielen Gasflammen erinnern, welche im Zirkus brannten, und an die dicken, aprikosenroten Trikots, welche erst über den Knien von den schwankenden Gazeröckchen verdeckt wurden.

2.

Ich habe Froitzheim im Jahr 1914 spielen gesehn. Ohne Absicht; ich kam zu einem kleinen Turnier, und da spielte gerade ein junger Mann, der mir im ersten Augenblick durch nichts Besonderes auffiel. Nachdem ich eine Weile zugesehn hatte, kam mir, ich möchte sagen: eine ungeheure Langweile dieses Spiels zu Bewußtsein, ohne daß ich mich selbst langweilte. Es fiel mir geradezu dadurch auf, daß es mich, den Zuschauer, lähmte ohne mich fortgehn zu machen, und nach abermals einer Weile hatte ich begriffen, daß dieser Spieler vor mir ein Genie der Langweile war. Das war Froitzheim. Ich kenne nur ein einziges mit diesem Eindruck verwandtes Beispiel, einen seinerzeit sehr berühmten deutschen Roman. Der Ball Froitzheims ging mit der Regelmäßigkeit eines Pendels in einem so hohen Bogen über das Netz, wie man ihn an guten Spielern nicht gewohnt war, was dem Spiel etwas scheinbar Weiches und Unbedeutendes gab, aber er traf mit der gleichen Regelmäßigkeit immer die Grundlinie, keine Handbreit davor noch dahinter, traf sie gewöhnlich an einer Stelle, zu welcher der Gegner erst hinlaufen mußte, kehrte nach den gefährlichsten Schlägen des Angreifers immer wieder zurück, und wenn man genauer zusah, bemerkte man, daß der scheinbar in gemächlichem Bogen fliegende Ball einen enormen Druck hinter sich hatte und eine lebendige Kraft in sich barg, die ihn unaufhaltsamer vom Boden auf- und davonschnellen machte als die eindrucksvollsten Bälle anderer. Damals war Froitzheim, wenn ich nicht irre, einer der Anwärter auf die Weltmeisterschaft.

Als ich ihn jetzt wieder sah, war er vielleicht nicht in Form, aber er glich nur dem Schatten seiner selbst. Sein Spiel war abwechslungsreicher geworden, aber es hatte die Unbestechlichkeit und geheime Härte verloren. Viele Bälle gingen daneben, und viele an ihm vorbei. Er gewann mühsam den ersten Satz gegen das junge tschechische Phänomen Közeluh, verlor glatt den zweiten, knickte ein und gab auf. Ich hatte nicht den Eindruck, daß sein Gegner besser spielte als der Froitzheim von 1914, noch daß Froitzheim, wie die ihm freundlichen Berichterstatter schreiben, gegen die Jugend des Zwanzigjährigen unterlag, denn er hat sich einen prächtigen Körper bewahrt, und hier beginnen die Fragen.

3.

Wodurch verliert man ein Spiel? Die Antwort lautet: durch die eigenen Bälle, die man „aus“ oder ins Netz schlägt und nicht durch die Schärfe des Gegners. Ich kann das nur gefühlmäßig behaupten, aber ich glaube, eine Statistik würde es bestätigen, daß selten ein Ball so scharf oder die Taktik des Gegners so überraschend ist, daß man nicht darauf erwidern kann, und daß in den meisten Fällen der Zuschauer an einer undefinirbaren Eigenheit der Bewegung voraus weiß, daß der Ball fehlgehen wird. Es stimmt damit überein, daß fast alle Spieler im „Einzel“ unter ihrem Können auf sicher spielen und den Gegner (aber auch das Publikum) zu Tod langweilen.

Es stimmt ferner damit überein, daß sie im Doppelspiel weit amüsanter sind, weil sie die geteilte Verantwortung beruhigt und sie gewißermaßen von einer perpetuellen Ausrede auf ihren Mitspieler zehren. Diese Frage scheint also eine psychologische zu sein.

Sozialistische Kunstpolitik

Es gibt kein zweites Gebiet, auf dem der Sozialismus solche Schwierigkeiten vorfindet und solche Ungeschicklichkeiten begeht, wie das der Kunst. Viele Politiker möchten deshalb am liebsten von ihm überhaupt nichts hören und betrachten es mit einem ärgerlichen Lächeln. Ich muß deshalb wohl ein paar Worte über die Wichtigkeit der Kunst für die Politik vorausschicken. Ich glaube, man kommt leichter zu einer Einsicht, wenn man die Darlegung von der politischen Seite beginnt. Aber ich will nicht mit der Wichtigkeit der Kunst für den Menschen und also auch für die Politik beginnen; selbstverständlich bin ich von ihr überzeugt, aber alle anderen Menschen behaupten ja leider auch, von ihr überzeugt zu sein, und die Sache ist zu einer Phrase geworden.

Sie ist vor ungefähr 50 Jahren zu einer Phrase geworden, in der Ära von Besitz und Bildung. Ich muß aus bestimmten Gründen bei dem Verhältnis des Liberalismus zur Kunst einen Augenblick verweilen. Er hat die Kunst, als eins der großen Daseinsziele, immer im Munde geführt, im übrigen aber mit ihr folgendes getan: Er überließ sie dem Markt und hinderte noch dazu ihre Entwicklung durch die im allgemeinen dumm reaktionäre Kritik und den Feuilletonismus seiner Presse.

Organisation, Desorganisation und Dichtung. Der Zug der Zeit

Der Zug der Zeit: Wir werden zweifellos in der Weltgeschichte eine Rolle spielen. Flugmaschine, Schlachtenrekord, Röntgenstrahl, vierter Stand. Merkwürdiges Gefühl: der Mann, der nichts getan hat, als sich einen guten Platz besorgen zu lassen, nie etwas andres getan hat als das Nahe und Nächste, jetzt seinen Korb mit Schinken und eingemachten Früchten auszupacken, sich über einen Mitreisenden aufzuregen und dessen Legitimation zur Weiterfahrt vom Schaffner prüfen (beanstanden) zu lassen, dann einen Eisenbahnroman hervorzuziehn und zu lesen, merkwürdiges Gefühl, wie gesagt: Dieser in seinen Polstern sitzende Mann fährt im Zug der Zeit.

Es verkehrt nur ein Zug. Wer hat den Fahrplan bestimmt, die Stationen, das Ziel? Man weiß nur, daß es immer in der Richtung der Schienen weitergeht, und sie krümmen sich selten so rasch, daß die Reisenden es spüren. Es gibt rote, grüne, gelbe Wagen, sie sind so angestrichen wie in Andrees Weltatlas die Reiche; sie sind mit mehr oder weniger Komfort eingerichtet, neuerer oder älterer Konstruktion, aber alle von der gleichen Bauart und alle gekoppelt. Jeder Wagen führt alle Klassen; mit gewissen Einschränkungen darf man in die gleiche Klasse andrer Wagen hinüber. Das Zugspersonal und das auf den Stationen trägt Kappen in der Farbe der Wagen. Dieses Personal streitet beständig, und manchmal pflanzt sich der Streit auf alle Reisenden fort. Das Personal hat kein Betriebsreglement, aber ein großes Verantwortlichkeitsgefühl. Dieses arme Personal will den Zug lenken, aber es weiß nicht mehr als daß der Vater und der Großvater die Handgriffe so und so ausgeführt haben, wahrscheinlich kann man sie so oder so ausführen und sicher ist die Verschiedenheit nicht groß, trotzdem fallen die verschieden Bekappten voll Verantwortungsgefühl übereinander her. Siegt eine Partei, so wird den Reisenden andrer Farbe die Weiterfahrt für die nächste Strecke möglichst unangenehm gemacht. Doch genug von diesem Gleichnis.

Denn es stimmt nicht ganz. Denn der Zug fährt nicht auf Schienen, sondern ist in einem schwebenden Gleichgewicht. Neigen sich viele Reisende nach einer Seite, laufen sie während der Fahrt an bestimmten Stellen des Zugs zusammen, verschiebt sich das Gewicht in ihm, so ändert er wie ein Boot oder ein Fliegendes seine Richtung; das Personal kann zusehn.

Diese Bewegungen im Innern entstehn durch ein Buch, eine Erfindung, ein neues Laster, ein neues Vergnügen und gewöhnlich durch ein scheinbar zusammenhangsloses Vielerlei von solchen. Wir wissen, das ist nicht ohne Zusammenhang mit den Strecken, die der Zug durchläuft, und dem Treiben seiner Führer, aber es ist doch so unabhängig davon wie es etwa Einfälle von Vorsätzen sind. Daher kann ein Mann, der im Innern des Zugs von der Seele redet oder von der Physik, damit den Fahrplan nicht viel weniger oder ebensogut oder besser ändern als das Personal.

Monolog eines Geistesaristokraten

Es gibt kaum eine Behauptung, die verständiger klingt als die, daß die geistig Besten uns – die übrigen, das Volk – regieren sollten; das ist so einleuchtend, wie daß die dicksten Menschen die größten Portionen essen müssen. Der geistige Adel hat vor dem alten Adel überdies das voraus, daß man ihn sich selbst zusprechen kann. Es ist also nicht zu verwundern, daß so viele Menschen heute gegen die zersetzenden, gleichmachenden Wirkungen des Sozialismus sind und sich eine geistige Aristokratie an der Herrschaft wünschen, denn das ist das Wort, das man dafür in Redegebrauch genommen hat. Am besten spricht für die Sache, daß selbst dicke Bürger, welche immer die Erde für einen runden Stammtisch angesehn haben, sich heute durch die Verhältnisse dazu gezwungen fühlen.

Ich bin auch darunter.

Böse Gegner behaupten freilich, daß die wirklich großen Geister, wenn sie uns folgen und die Leitung des „Volks“ übernehmen müßten, so wenig wüßten, wie sie herrschen, als wie sie einen Besen oder einen Seilknoten machen sollten, weil sie ganz andere Interessen haben als politische.

Aber dem liegt ein großes Missverständnis zugrunde. Man muß sich die Sache nur einmal richtig vorstellen. Wie würden zum Beispiel die geistig Besten erkannt werden? Nun, man würde natürlich Prüfungen veranstalten. Matura, Doktorat, Lehramtsprüfung und dergleichen. Wer diese Prüfungen abgelegt hat, braucht nicht in die Fabrik zu gehn, sondern käme in eine entsprechende angenehme Stellung, von wo es dann mit den Jahren automatisch ein gutes Stück weiter geht. Ein Maturant bringt es bis zum Kanzleidirektor, ein Doktorand bis zum Ministerialrat, wenn nicht etwas dazwischen kommt. Und nun denke man nach: Würde sich da soviel ändern? Man müßte allerdings für die höchsten und leitenden Stellen oder für raschere Vorrückung besondere Vorkehrungen treffen. Aber auch das ist nicht schwer. Man muß sich nur fragen: wie wird man denn heute Universitätsprofessor? Man muß etwas können und geleistet haben, doch das ist lange nicht das Schwerste, denn für jeden freien Platz werden immer drei Gelehrte vorgeschlagen, woraus man sehen kann, dass die Eignung für die Professur dreimal so billig ist wie die Professur für die Eignung. Die entscheidende Eigenschaft ist daher erst, daß man die besseren Verbindungen hat. Dann wird man geistiger Hocharistokrat. Und auch in der Bürokratie kommt man vorwärts, indem es heißt, daß man ein gescheiter Mann sei, was sich an der bürokratischen Tätigkeit schwer kontrollieren lässt. Weshalb sollte man nicht auch in der Zukunftsgesellschaft diese Art Auslese beibehalten? Nicht anders steht es heute mit den grossen Geistern der Dichtung. Wer einen Kohl schreibt, den jeder schluckt, findet viele Leser, und wer viele Leser hat, ist ein großer Mann; denn wer viel verdient, bringt andre ins Verdienen, die ihn loben und achten. Wir haben also schon heute auf diesem Gebiet ein sozusagen allgemeines Wahlrecht der Autoritäten und eine nahezu ungarische Wahlkorruption.

Vielleicht wird man in der Zukunft in Sachen des gesellschaftlich bestätigten geistigen Adels, so wie es mit dem kaiserlichen war, etwas mehr mit Geld richten können, aber im allgemeinen ist dieses Zukunftsbild gar nichts anderes als der Zustand, in den man den Geist heute schon versetzt hat. Der Vorwurf der Utopie ist, wie ich gezeigt habe, also völlig unberechtigt. Das einzige, was ich daran augenblicklich selbst nicht verstehe, ist bloß, was mir dann eigentlich an dem jetzigen Zustand nicht recht ist. Vielleicht habe ich mich da zu einer Ungerechtigkeit hinreissen lasse, die einem geistigen Aristokraten nicht wohl ansteht.

Dritter Brief Susannens

Dort, wo Du nicht bist. Motto: – „Mit Geihsterhauch töhhhnt es zurühhck: Dohrt, wo Du nichhcht bist, üst dos Glühck“ – –

Meine Liebe! – Man kann mit dem gewesenen österreichischen Bundeskanzler und gebliebenen Professor der Moraltheologie Seipel, so gern er davon anfängt, nicht über Fragen der Unsittlichkeit diskutieren, weil es doch schliesslich auch darin auf Erfahrung ankommt, aber man muss es ihm lassen, dass er unter den Staatsmännern, welche die Welt unsicher machen, geistig beiweitem das Vertrauenswürdigste ist. Unlängst wurde unter seiner Patronanz ein wissenschaftlicher Ausschuss gegründet, der die unseligen Jahrhundertmoden des Nationalismus und des Staats in allen Gründen und Erscheinungsformen durchforschen soll, und der Professor Seipel hielt eine Rede darüber, in der er das als Vorarbeit und den Staat von heute unumwunden als „abbaureif“ bezeichnete, was dem Staatsmann Seipel ein glänzendes Zeugnis ausstellt, denn kein europäischer Staatsmann hat noch den Mut gehabt, diesen seit dem Krieg reifen Gedanken öffentlich auszusprechen. Wohl deshalb, wenn Du mir eine kleine Frivolität gestattest, weil nach Abzug des Staats vom Staatsmann nur der Mann übrig bleibt, und das ist bei meist älteren Herrn etwas wenig, zumal sie an den Staatsakt gewöhnt sind, der vor dem Akt mit einer gewöhnlichen Frau alle Stimulantien einer Riesendame voraus hat.

Unser Freund Horthy zum Beispiel, den Du ja auch kennst, der ungarische Reichsverweser, war ehedem, bevor er verweste, sondern als einfacher Vorkriegs-Marineoffizier bei uns verkehrte, ein sehr netter Kerl; ein bißchen beschränkt, wirst Du sagen, aber das wirkte doch äußerst natürlich: nun sieh Dir an, wie dieser Mann spricht, seit er eine historische Figur geworden ist! Ich habe mir eigens eine Proklamation aufgehoben, die er erließ, als er an der Spitze der königstreuen Reaktion die ungarischen Bolschewiken geschlagen hatte und Ende 1919 in Budapest einzog: „Wir haben Budapest zärtlich geliebt. Hier am Ufer der Donau rufe ich die ungarische Hauptstadt vor den Richterstuhl. Diese Stadt hat ihre Vergangenheit verleugnet, ihre Krone und die nationalen Farben in den Staub getreten und sich in rote Fetzen gekleidet … Aber je näher wir kamen, umso mehr schmolz das Eis von unseren Herzen, und wir sind bereit zu verzeihen. Wir verzeihen, wenn diese irregeleitete Stadt … wieder von ganzem Herzen und von ganzer Seele die Scholle liebt, wieder liebt die Krone und das Doppelkreuz, wieder liebt die drei Hügel und die vier Flüsse, mit einem Wort, das ungarische Vaterland und die ungarische Rasse.“ Nachdem er so gesprochen hatte, ließ er zu, daß tausende Menschen aufgehängt, totgeprügelt und vernichtet wurden. Wenn Dir als Berlinerin diese Poesie etwas südöstlich vorkommt, so vergiß nicht die Germanenpoesie und den Grossen Fritz, die „befreiten Nationen“ oder die Reden des Herrn Poincaré. Aus allen diesen Poesien sind Ströme von Blut und Aberwitz geflossen, und wenn die Menschen wüßten, wie gefährlich ihnen die schlechte Poesie ist, würden sie sich mehr um eine gute bemühen. Denn sie können nicht für das, was sie tun, sobald sie etwas tun, das ihnen ungewöhnlich ist, sie verfallen da ganz den poetischen Vorstellungen, mit denen man sie erfüllt hat. Das ist durchaus und völlig eine Perversion. Indem sie reden, wird wirklich aus einem Professor ein Timur. Schon aus dem netten tapfern Horthy ein breiter Landjunker des 16. Jahrhunderts, der sich die großen Worte vom Bart wischt. Wie eine Herde Lämmer, wenigen nach, von einer Seite der Hürde zur anderen jagt.

Die Menschen sind so nett, wenn ihnen ihr Leben unmittelbar auf den Schultern sitzt. Und sind so unerträglich, sobald sie ein wenig wattiert sind. Woher kommt das? Ich will dir an einem Beispiel zeigen, was ich meine: Horthy. Max – Großes ABC. Wirklich, als ob sie mit großen Buchstaben schreiben wollten; so ungelenk. Schau dir einen Staatsvertrag an: welche Sprache, welches Kostüm von Sprache! Sie können große Dinge nicht natürlich tun. Ich bin sicher, daß die Phrasen von Versailles u San Germain Mitschuld an den Ungerechtigkeiten und Dummheiten dieser Verträge haben. So wie die Hetzerei der Zeitungen im Krieg von den Hörnern kam, in die sie bliesen. Denn: Indem sie reden – „sie reden sich hinein“ – verfallen sie völlig einer Perversion. Ich will dir lieber gleich das zugrundeliegende Geheimnis verraten: Der Mensch ist nicht fertig, er ist nicht fest. Erschrick, es ist Tatsache! Daß von oben bis unten ein Kanal durch uns gebohrt ist, längs dessen wir uns wie Industriestädte um einen Strom angesiedelt haben, oder wie Rieselfelder blühn, ist eine kleine Selbsterkenntnis gegenüber der, daß unsre Seele eine halbfeste blasige Wolke ist, die in keiner Form ihre Ruhe findet, und die Formen braucht, um irgendetwas darzustellen.

Denk zuerst an unsere Moden. Bald rutschen die Haare nach hinten, und der Busen wurde platt an die Brust gedrückt, bald steigt, bald sinkt das Ensemble, bald sind wir oben breit und unten schmal, bald unten breit und oben schmal usw. Wenn du dich nicht durch den Reichtum an Einzelnem blenden läßt, wirst du eine ganz kleine Anzahl geometrischer Möglichkeiten finden, zwischen denen wir auf das heftigste abwechseln, ohne den Gesamtkreis eigentlich je zu durchbrechen. Das gleiche ist mit den Farben der Fall.

Manni erlaubt sich darüber zu lachen, aber Manni ist ein Esel und hat keine Ahnung, wieviel Lust und Verzweiflung es mir bereitet, wenn ich ihm gefalle.

Ich habe immer etwas Auflehnung gegen das Modische in mir gehabt. Es ist unendlich albern. Es ist auch unendlich widerwärtig, bei aller Variation sich alle andern Frauen so ähnlich wie möglich zu machen. (Du kannst beteuern so viel du willst, daß sich erst innerhalb des convenenden persönliche Kraft entfaltet – siehe Tradition in der bildenden und Baukunst, ich weiß, ich weiß – das Nachmachen ist daran doch viel stärker als das Vormachen und der Mensch, der dir das vormacht, erweist dir eine große Wohltat.) Dennoch: welches seltsame Glück, anders zu sein, als man gestern war, das dir aus dem Spiegel entgegengrinst. Bekanntlich machen wir ja auch aus der Nacktheit ein Kostüm für besondere Fälle, und eine Frau, die, wenn sie nackt ist, wirklich gar nichts an hat, mag so schön sein, wie sie will, sie macht einen Mann nicht warm.

Denn die Männer haben anstelle unseres ewigen Faschings die Welt- und Kunstgeschichte: sie tun so, als ob sie unsere Mode nur aus Gefälligkeit mitmachten, recht blasiert, ein ganz kleines Schrittchen her, ein ganz kleines Schrittchen hin, man kann ihr Modeprinzip als ein Maximum der Variation bei einem Minimum der Veränderung bezeichnen.

Ich werde dir gleich sagen, daß das mehr ist als ein billiger Vergleich, nämlich eine sehr teure Wahrheit: daß der Mann als Ursache von dem, was er ist oder tut, immer etwas setzt, was es nicht gibt. Ich werde es dir an seiner scheinbar realsten Erfindung zeigen, der Rasse. In andern Fällen wieder die Nation, der Staat und dergleichen einiges mehr. Es ist immer etwas, das es in der Wirklichkeit nicht gibt. Ich fürchte, es ist heute schon eine Banalität, wenn ich sage, daß die Solidarität der Fabrikanten und Arbeiter größer ist als die der Nation oder des Staats. Was nicht hindert, daß in bestimmten Augenblicken dieses Gespenst der Nation eine ungeheure Gewalt hat.

Das ist es eben: die Wirklichkeit macht erst Freude, wenn sie durch etwas ergänzt wird, was nicht Wirklichkeit ist.

Wirklich ganz amüsant ist es aber mit der Epoche oder dem Zeitgeist, den die Männer gewissen Abschnitten der Vergangenheit zuschreiben, um dann zu sagen, wir hätten keinen oder sie wüßten nicht, welchen wir haben. Sie sagen: der gotische Mensch, der antike Mensch, usw. Das heißt, sie setzen einen Menschen als Mittelpunkt, Ausstrahlungszentrum, oder umgekehrt als Produkt geheimnisvoller Veränderungen. Das ist so, wie wenn wir Frauen (das Beispiel ist etwas antiquiert) sagen wollten, der Ruf von Frau A. ist das genaue Abbild ihres Wesens oder das Produkt geheimnisvoller Zeitumstände. In Wirklichkeit ist er der Erfolg gewisser Dinge, die sie tut, ohne viel zu wissen, weshalb, und des Geschnatters, das wir darüber aufstellen. Genau so entsteht Geschichte – – von der Peripherie her, von den Zufällen, Mischungen usw. Das ist wichtig, weil es die Männer für eine ihrer wichtigsten Aufgaben ansehn, Geschichte zu machen, und sie regressiv machen. Immer hinter den Tatsachen drein. Die Tatsachen sind das, was fait accompli schafft, das Ganze über den Haufen wirft. Wäre ganz hübsch, wenn die Tatsachenmenschen nicht selbst Trottel wären wie Mussolini.

Aber all das hat keinen andern Zweck als das, was ist, ersetzen durch etwas, das nicht ist. Weil das Seiende ein Loch hat. Weiß Gott, woher die Männer dieses unlogische Bedürfnis haben; aber sie haben es, und schon jede Metapher zeigt es. Der Mensch ist eine plastische Masse. Und manchmal erstaunt darüber.

Mode. Herrenmode. Anstelle unsres ewigen Faschings ihr ganzes Leben.

Türler ve etiketler

Yaş sınırı:
18+
Litres'teki yayın tarihi:
10 haziran 2026
Hacim:
5257 s. 13 illüstrasyon
ISBN:
9782377871742
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