Kitabı oku: «Robert Musil: Gesammelte Werke», sayfa 91

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Bettauer

Wir betrauern in dem Dahingeschiedenen einen Mann von vorzüglichen Gaben des Herzens. Durch eine nicht immer leichte Lebensschule gegangen, vergass er später, als er in unvergleichlich kurzer Zeit eine ungewöhnliche Popularität erlangte, nichts von dem, was ihn Armut, Sorge und Bedrückung gelehrt hatten.

Eine Zeit, welche nicht auf das Wort des Schriftstellers hört, sondern auf das Schlagwort, hob ihn in den Mittelpunkt eines Streites, dem er zum Opfer fiel. (Eine Zeit, in welcher der geistige Gewinn nach der Größe des Umsatzes beurteilt wird, den ein Schriftsteller erreicht, gab Hugo Bettauer das Recht, sich für berufen zu halten, dass er ihr als Führer voranleuchte.) Impulsiv, empfänglich, hatte er die Gabe, das auszusprechen, was Tausende fühlten. Er sprach es genau in der Weise und mit den Mitteln aus, welche man heute anwenden muss, um zu wirken. Persönlich leitete ihn dabei niemals das Verlangen nach persönlichen Vorteilen, denn dieses hätte der beliebte Schriftsteller viel bequemer befriedigen können, sondern es leitete ihn die ehrliche Überzeugung zu bessern. Und er fiel für die vornehmste Aufgabe seines Berufs: das auszusprechen, was man für richtig hält!

Das Zeitalter der Dichter

(Das Goldene Zeitalter) Es gibt die Sage, daß es das Zeitalter der Künste einmal gegeben hat. Oder ist das nur ein Bild aus der Mackartzeit? Vielleicht erinnern sich andere besser daran: ich sehe bloß jemand Nackten auf Muscheln blasen; zwischen zwei Ochsenhörner eine Saite gespannt, das ist die Leier, Löwen und Panther gehen über den Rasen und geben acht, daß sie ja nicht eine der eigroßen Blumen knicken, die dort ihre Augen zu den Menschen aufschlagen; als Gesamteindruck hat man etwas entschieden Vortextiles.

Wunderbare Ironie, die für die Sehnsucht nach einem goldlosen Zeitalter den Namen das Goldene Zeitalter in Gebrauch gesetzt hat. Wahrscheinlich schenkte schon in vorgeschichtlichen Zeiten der König, wenn es hoch herging, dem Sänger, der genau so wie unsere Dichter heute auf Vortragsreisen ging, einen goldenen Becher oder eine Spange von seinem Gewand, und der Sänger bedankte sich, indem er ein vor-vorgeschichtliches Zeitalter erfand, worin alle Könige und Götter selbst Sänger waren. Denn wenn man sich das Goldene Zeitalter der Künste genau vorstellt, kommt man zu dem Schluß, daß alle Menschen und Tiere damals Geld gehabt haben müssen. Sie tragen etwas ausgesprochen Unbesorgtes um Nahrung und Erwerb zur Schau; sie besitzen zweifellos alles, was sie wünschen, und haben keine andere Aufgabe mehr als ihre schöne Saturiertheit in künstlichen Gebilden auszuströmen. Das goldene Zeitalter war ein Zeitalter des Amateurismus ohne Professionals; wenn der Dichter gefordert hätte, daß er der Herr der Welt sei – und sollte dies auch nur eine sagenhafte, vergangene sein – so hätte man ihm Gift zu trinken gegeben, er konnte sich nur so helfen, um seinen Wunschtraum auszusprechen. Und wenn heute, einige tausend Jahre später, einige Dichter unseres bürgerlichen Zeitalters Bilanz machen wollten, so würde sich erweisen, daß sie noch immer an ein mögliches Goldenes Zeitalter glauben und genau in der gleichen Weise, daß die Besitzenden Dichter werden, niemals aber die Dichter Besitzende; sie nennen es, indem sie die Forderung aus dem Sagenhaften zum Möglichen mildern, Kultur oder Nation oder Humanität, der Textilindustrielle soll ihrer Ansicht nach nicht nur Kammgarne machen, sondern auch ein Liebhaber, Förderer und Schüler der Künste sein.

Für Franz Blei. Frauenlob

Don Juan und Quichote, Blaubart, Simson, der Misogyn … unter diesen immer wiederkehrenden Mannesgestalten, welche in Haupt- oder Nebenamt Ausdruck des Verhältnisses der Geschlechter zu einander sind, fehlt seit etlichen Menschenaltern eine: der Frauenlob. Der letzte war Stendhal; nicht weil er über die Physiologie der Liebe schrieb, sondern weil in seiner Poesie die Frau durch unendliche Hindernisse vom Mann getrennt wird, und, durch das Feuer eines ewigen Hungers gesehen, den bezaubernden Glanz der Vision gewinnt. Sicher sind wir zwar von Liebesliteratur überschwemmt worden, aber je breiter, desto seichter, und man gewann unabweislich den Eindruck als wenn ein leergelaufenes großes Behältnis auf den Kopf gestellt und ganz ausgegossen wird. Wahrhaftig hatte auch inzwischen die menschliche Natur das pompöse Illusionsexperiment, durch das sie seit Jahrtausenden die Liebes- und Schaulustigen anlockte, eingestellt und arbeitet als Desillusionskünstler, der, in Frack, ohne Hokuspokus vorerst den ganzen Schwindel erklärt und sich danach doch unterfängt, ihn zustande zu bringen.

Ob das nun bloß eine Ruhepause ist, welche der Illusionsmüdigkeit gegönnt wird, oder bleiben wird, weiß natürlich kein Mensch; jedenfalls bedeutet aber, was sich vorerst im raschen Absterben der künstlerischen Reaktion andeutete und in den letzten Jahren breit in Erscheinung trat, einen der originellsten Abschnitte in den Beziehungen zwischen Frau und Mann. Sein wichtigstes äußeres Zeichen ist nicht die Annäherung der weiblichen Tracht an den Mann, sondern die Entkleidung der Frau durch den Sport. In ihr drückt sich eine Bewegung aus, welche die ganze weiße Menschheit umfaßt, und das erotische Element verschwindet neben der Vielfalt dauerhafterer und würdevollerer Motive, die von Gleichberechtigung bis zu Volksgesundheit und gesunder Unbefangenheit gegenüber der Natur reichen.

Man kann sich den reizvollsten sittengeschichtlichen Anschauungsunterricht sogleich bereiten, wenn man neben eine heute gedruckte illustrierte Zeitung einen Jahrgang jener alten Familienblätter legt, die sich auf den Dachböden aller Haushalte finden, deren Bestand in die 1870iger u 1880iger Jahre zurückreicht.

Eventuell. Mode. Umgekehrt anpacken. Von der Mode ausgehn und dann sagen: die Menschen sind nett, wenn ihnen das Leben unmittelbar auf den Schultern sitzt, ohne Ideologie oder mit einer unaufhörlich wechselnden Mode.

Es gibt sicher eine Philosophie der Mode. Ob es eine zeitgemäße, soziale gibt, weiß ich nicht. – – –

Über Fürsten- und Straßennamen

Gewiß ist es manchem schon aufgefallen, daß die Fürsten, indem sich die Weltgeschichte an die Gegenwart annäherte, nur noch Nummern bekommen haben. Der Erste, der Zweite waren sie bei ihren Lebzeiten, und nach ihrem Tode blieben sie es auch oder erhielten ohne Abwechslung das Beiwort der Große, das ja ebenfalls metrisch ist. Allerdings hatten sie römische Zahlzeichen, die immer etwas geheimnisvoll aussehen. Trotzdem würde sich das heute nicht einmal ein junger Mann gefallen lassen, und sein Mißtrauen würde sofort erwachen, wenn ihm sein Mädchen, sei es in römischen, sei es in arabischen Ziffern, zuflüsterte: „Du bist der vierte Erich!“ In der Liebe des Volks zu seinen Fürsten ging das aber bis gegen den Vierzigsten.

Es spricht eben viel dafür, daß sich in einer solchen Aufzählung Dinge ausdrücken, die nicht sein sollen. Und als das Königtum noch eine lebendige, den Menschen am Herzen liegende Einrichtung war, wurden die Könige, wie man sich wohl aus der Schule noch dunkel erinnern wird, auch wirklich anders genannt; sie hießen damals der Kahle und der Lahme, der Kurze und der Dicke, und wenn sie einmal der Große hießen, so war das ebenso aufrichtig gemeint wie kurzhalsig oder rotharig: Das erinnerte im besten Sinn an die Bezeichnungen in Verbrecherkreisen, an den krummen Max und den schiefen Heinrich, oder an spannende Indianergeschichten, was ganz ohne Herabsetzung so zu verstehen ist, daß Männer, die das Gemüt ihrer Lebensgenossen wirklich beschäftigen, von diesen saftige Namen erhalten, denen man es anmerkt, daß sie nicht von Professoren erfunden sind.

Etwas Ähnliches hat sich bekanntlich auch mit den Namen der Gassen ereignet. Da hält man allerdings noch daran fest, sie entweder nach irgendeinem durchaus unvergeßlichen Stadtverordneten zu benennen oder nach all den Fürstlichkeiten, Heiligen, Gefechten und Philosophen, deren Nebeneinander in der Geschichte so gut zu einem Durcheinander paßt, wie es die Gassen bilden; aber doch sind die Schwierigkeiten für das Gedächtnis heute schon so groß geworden, daß man in vielen Städten dazu übergegangen ist, die Straßen eines Viertels schön nebeneinander mit Dichterfürsten zu belegen und die der benachbarten Viertel kompanieweise mit Musikgenies oder Pflanzennamen. Die Zoologie wird vorderhand merkwürdigerweise dabei vernachlässigt und bildet darum mit ihren innigen Beziehungen zum Menschenleben noch eine natürliche Reserve für die Zukunft, aber im ganzen ist es wohl doch so, dass die amerikanische Sitte, eine Straße um die andere einfach mit Nummern zu bezeichnen, nicht mehr lange auf sich warten lassen wird. Höchstens könnte man sich vor ihr für einige Zeit dadurch retten, daß man sich an die Chemie anlehnt, denn in dem Sprachsystem dieser verwickelten Wissenschaft schließt jeder Name gleich auch einen Hinweis auf die Gegend und Nachbarschaft ein, in der das von ihm bezeichnete Ding zu suchen ist. Ohne daß für die chemische Richtigkeit des Beispiels Bürgschaft geleistet werden soll, würde man dann also in der Ferrocyanürtheobrominesther-Gasse wohnen, und jeder Chauffeur wüßte sofort, wo man zu finden sei.

Ob es sich durchsetzen wird, ist freilich fraglich.

Nun aber kann man auch noch etwas anderes mit Vorteil fragen: denn warum haben alle Könige Franz und Ludwig, Friedrich, Wilhelm, Josef, Karl, Georg, Heinrich, Leopold und Humbert geheißen und warum nicht Emil, Anton, Hans, Paul, Bernhard, Eugen, Wolfgang, Adalbert und so weiter? Es hat da scheinbar eine willkürliche Zurücksetzung gewisser Namen stattgefunden, und viele von Emil bis Adalbert werden sich mit Vergnügen sagen, daß es den Fürsten recht geschehen sei, wenn sie dann mit ihren Namen kein Auslangen fanden und Ziffern dazusetzen mußten. Die Wahrheit ist aber die, daß die königliche Gepflogenheit, nur bestimmte Namen zu benutzen, durchaus nicht auf einer unbegreiflichen Abneigung gegen die übrigen beruhte, sondern auf der auch nicht ganz begreiflichen Überzeugung, daß ein Herrscher, dem man den Namen eines geschätzten Vorfahren gibt, zu dessen Reinkarnation werde, also daß zum Beispiel Otto IV. nicht etwa nur der vierte, sondern wirklich der zum viertenmal sich wiederholende erste Otto sein sollte. Es war das eine magische Sitte, verwandt mit der der Wappentiere und ähnlichem, etwas, das wir heute Aberglauben nennen würden, wenn die Vernunft nicht daran festhalten müßte, daß nur ein Aberglaube, der noch einen erkennbaren Zweck hat, Aberglaube zu nennen sei wie zum Beispiel das Zündholzausblasen in der dritten Hand oder das Auf-Holz-Klopfen. Und warum wir selbst unsere Söhne und Töchter mit Vorliebe nach nahen Verwandten benennen, das wissen wir nicht mehr, wenn wir auch dunkel glauben, daß es ihnen einen Vorteil bringen werde.

Früher ist es auch bei der Benennung der Gassen anders gewesen als heute. Da war die Budapester Straße wirklich jene, die nach Budapest führte, und nicht bloß ein zu Ehren von Budapest benanntes Etwas, das man wie einen Strumpf bald da, bald dort hinlegen kann, in der Schmiedgasse saßen die Schmiede, an der Gerberlände die Gerber, wenn eine Gasse eng war, so hieß sie die Enge, und selbst die Häuser hatten ihre Namen. Das sieht heute wie eine hilflos verschwindende Romantik aus, die man gerührt in kleinen alten Städten besichtigt. Man bedenkt selten, daß diese vermeintliche Romantik sofort hellste Berliner Aktualität würde, wenn man etwa die Friedrichstraße Am Großen Bummel, die Tauentzienstraße den Jungfernsteig und den Kurfürstendamm auch nach einer seiner Funktionen benennen wollte. Warum tut man es nicht? Die Wahrheit ist, daß die Stadtverordneten fürchten müßten, nicht ernstgenommen zu werden, wenn sie sich einfallen ließen, bei einer Gassentaufe jenen urwüchsigen Sprachsinn zu zeigen, der eine Verschmelzung von Wirklichkeit und Phantasie ist. Denn der heutige Mensch hat geradezu eine geheimnisvolle Abneigung gegen den richtigen Gebrauch der Sprache, er hält ihn entweder für eine Schulmeisterei oder einen Witz. Er hat das Gefühl, sich persönlich bloßzustellen, wenn er anders als konventionell spricht. Er ist sprachscheu und sprachfeig.

Von Adam steht geschrieben: „Und Adam nannte mit Namen alles Vieh und alles Geflügel des Himmels und alle Tiere der Erde.“ Heute tut das nur noch ein Kind. Noch Lohengrin sang: „Nie sollst du mich befragen.“ Heute singt so bloß ein Heiratsschwindler oder auch der Held eines Detektivromans. Dafür kann jedoch heute jede Jungfrau einen Mohrenkopf oder Lucca-Augen verschlingen, ohne daß ihr ein übles Gedenken wird. Es scheint also, daß es voreilig war, den Unterschied des Menschen vom Tier in der Sprache zu sehn, denn der Fortschritt geht in anderer Richtung. Die Sache ist ja die, daß der Urmensch überzeugt war, daß einer, der den Namen weiß, auch Gewalt hat über Person oder Ding, die so heißen; man nahm ursprünglich die Sprache für bare Münze und ging vorsichtig mit ihr um. Heute glaubt kein Mensch mehr daran, daß ihm etwas geschehen könnte, wenn er mit der Sprache fahrlässig und gedankenlos verfährt. Aber es kränkt ihn, daß das Leben immer ziffernmäßiger wird. Und damit hat er unrecht.

Unzeitgemäßes (1929-1932)

Durch die Brille des Sports

Der Sport ist bei uns ungefähr zur gleichen Zeit Mode geworden wie die große Hornbrille. Ich will nichts gegen die Hornbrille sagen, sie ist kleidsam, hat dadurch Unzähligen den Mut zu ihrer Kurz- oder Weitsichtigkeit gegeben und verleiht ihren Trägern eine gewisse Liebe zur Intelligenz, was nach Platon der erste Schritt zu deren Erwerb ist. Ich will ja aber auch gar nichts gegen den Sport sagen; die folgenden Bemerkungen sollen im Gegenteil einem gewissen Zusammenhang zwischen Sport und Brille dienen und verstehen lassen, daß sich der Sport heute bei uns schon der Würde der Brille nähert. (Während er sich auf der anderen Seite fest im Ernst des Geschäfts verankert.)

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Ich will darum gleich strenge, erkenntnistheoretische Forderungen an den Anhänger des Sports stellen. Er denke daran, daß sich ein Geigenspieler mit einem Klavierspieler vergleichen läßt, denn es läßt sich sagen, wer von beiden der größere Musiker ist. Man kann sogar von einem Musiker und einem Maler sagen, wer von beiden der größere Künstler sei. Man kann einen Künstler etwa an einem Politiker messen und herausfinden, welcher der größere Reklamefachmann sei. Aber kann man einen Hoch- mit einem Weitspringer vergleichen? Das bereitet mir ernste Sorgen um die Zukunft und die seelische Vertiefung des Sports!

Auf allen anderen Gebieten gibt es nämlich schon von altersher ein dichtes Netz von Kreuz- und Querbeziehungen (weiß Gott, warum!), einen Hoch- mit einem Weitspringer kann man aber höchstens in ihrem „Stil“, gewöhnlich aber nur durch ihr Verhältnis zum Rekord ihrer Disziplin, also mit Hilfe der Zentimeter vergleichen, um die sie von der Zwei- und Achtmetergrenze abweichen. Man müßte der Idealfigur des Sportsmanns auf den Statuen, die ihr errichtet werden, also eigentlich ein Metermaß in die Hand geben, wie es die Schneider um den Hals tragen, und nicht nur das Lorbeerreiß. Denn die Wahrhaftigkeit ist doch eine der obersten Eigenschaften, zu denen uns der Sport erziehen soll? Und es bleibt auch nichts übrig als sich einzugestehn, daß die „Befreiung der Seele vom nüchternen Messen und Wägen des Alltags“, die uns einige mit Federn ausgestattete Begleitpersonen des Sports verkünden, ihre Schwierigkeiten in sich hat.

Ich möchte da zu Hilfe kommen, und weil ich selbst ein alter Sportsmann bin, einige Beobachtungen und Fragen mitteilen.

Warum bringt man den Sport nicht in Zusammenhang mit den mystischen Bedürfnissen des modernen Menschen, die andere sind als zur Zeit der Scholastik? Ich habe gelesen, daß das in Amerika schon mit Erfolg geschieht, und da der Mensch in seinen Zeitungen viel mehr vom Sport liest als von der Theologie, ist das sehr begreiflich. Wenn der Mensch am Steuer eines sehr schnell fahrenden Kraftwagens sitzt, wenn er scharfe Flugbälle plaziert oder ein Florett führt, hat er in einem kleinsten Zeitraum und mit einer Schnelligkeit, wie sie im bürgerlichen Leben sonst nirgends vorkommt, so viele genau auf einander abgestimmte Akte der Bewegung und Aufmerksamkeit auszuführen, daß es ganz unmöglich wird, sie mit dem Bewußtsein zu beaufsichtigen. (Das berühmte Unterbewußte benimmt sich gesund.) Im Gegenteil, man muß einige Tage vor dem Wettkampf sogar das Training einstellen, und das geschieht aus keinem anderen Grund, als um den Muskeln und Nerven die letzte Verabredung untereinander zu ermöglichen, ohne daß sie von Wille, Absicht und Bewußtsein dabei gestört werden. Das ist einer der größten Reize des Sports. Im Augenblick der Ausführung springen und fechten dann die Muskeln und Nerven mit dem Ich, nicht dieses mit ihnen, und sowie nur ein etwas größerer Lichtstrahl von Überlegung in dieses Dunkel gerät, fällt man schon aus dem Rennen. Das ist aber nichts anderes als ein Durchbruch durch die bewußte Person, eine Entrückung.

Noch erheben unsere Sportsleute nicht den Anspruch, heilig gesprochen zu werden. Wenn sie es aber einmal tun sollten, wären ihren Wortführen diese Beobachtungen sehr zu empfehlen.

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Das Wohlgefühl, für Genies zu gelten, haben sie beinahe schon hinter sich.

Es ist schon recht lange her, daß man zum ersten Mal in einer Zeitung das Wort „das geniale Rennpferd“ hat lesen können, und ich glaube, es ist auf Grund einer Verwahrung geschehen, die ein Rennverein bei dem Sportredakteur damit begründete, daß von manchen Fußballspielern oft gesagt werde, sie seien Genies des „Grünen Rasens“, was den Pferden etwas vorenthalte, das auch ihnen zukäme.

Und dieser Reiterverein hatte recht. Vordem hatte man nur von genialen Entdeckern, Tenören oder Schriftstellern gesprochen; das war in der Zeit, wo man sich noch an einem vagen Idealismus beduselte, ehe man sachlich wurde. Es hat sich dann herausgestellt, daß man gar nicht wußte, ob diese Genies wirklich genial gewesen seien. Wie will man das auch zum Beispiel bei einem Schriftsteller entscheiden?! Alle Schriftsteller haben Rezensionen, worin es ihnen versichert wird. Manche haben mehr davon, aber das beweist, sagen ihre Gegner, geradezu schon ihre Trivialität. Will man also genau sein, so wird wohl nichts übrig bleiben als den Begriff des Genies psychotechnisch zu normen. Sein Hauptbestandteil ist das Unvergleichliche und dieses läßt sich natürlich auf Geschwindigkeiten, Muskeln, körperliche Treffsicherheit und dergleichen viel eindeutiger anwenden als auf geistige Leistungen. Andre Bestandteile, wie Kampfmut, Genauigkeit der Arbeit, Ehrgeiz, Konzentration, Wendigkeit, richtige Kombinationsgabe vor auftauchenden Hindernissen, das heißt Urteilsfähigkeit und Assoziationsgeschwindigkeit, finden sich in Brust und Gehirn eines genialen Rennpferdes genau so entwickelt wie in denen eines Dichters. Die eindringende Psychotechnik wird nur einen einzigen Unterschied bestehen lassen: den der Zusammenfassung dieser Fähigkeiten zu der Art der Leistung und der Person. Aber unter den Leistungen sind es heute schon die körperlichen, die fast allen Menschen Vergnügen machen, was man von den geistigen nicht sagen kann, und was die Personen angeht, so hat man sich eben von den menschlichen zu den pferdlichen gewandt, weil man über die ersteren nicht einig werden konnte. (Es ist das Wunderbare, daß man wie ein Pferd ist; aber man soll nicht glauben, dies sei der Übermensch.) Ich glaube, die Pferde werden es bald satt haben, Semiramis und Charlemagne zu heißen oder höchstens es beibehalten, um einen Pferdekalender zu stiften, nachdem man unsere Enkel benennen kann.

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Ich darf das Verlangen nach einer philosophischen Begründung der Jetztzeit, wenn es auch wahrscheinlich überall vorhanden ist, doch nicht zu sehr ermüden. Darum zum Schluß nur noch einige kurze Bemerkungen:

Es ist einseitig, wenn man immer nur schreibt, daß der Sport zu Kameraden mache, verbinde, einen edlen Wetteifer wecke; denn ebenso sicher kann man auch behaupten, daß er einem weit verbreitetem Bedürfnis, dem Nebenmenschen eine aufs Dach zu geben, oder ihn umzulegen, entgegenkommt, dem Ehrgeiz, der Überlegene zu sein. Überhaupt sollte man nicht zu sehr dem Sport das Feigen-Familienblatt vorhängen. Es ist eine schöne Sache, aber kein rauschendes Bächlein. Es mag schon so sein, daß zwei Boxer, die sich gegenseitig wund schlagen, dabei füreinander Kameradschaft empfinden, aber das sind zwei, und Zwanzigtausend schauen zu und empfinden ganz etwas anderes dabei. Wahrscheinlich ist aber gerade das Zuschauen von einem Sitzplatz aus, während andre sich plagen, die wichtigste Definition der heutigen Sportsliebe, und diese wird immer vernachlässigt. Das Gleiche ist im verkleinerten Maßstab auf den Sportplätzen der Fall.

Man nennt, die sich plagen, die Heroen. Und das hat man immer getan. So ist man vom Geist (der Moral) auf den Sport gekommen, und wenn er es nicht anders macht, werden die Sportleute bald wieder nur für Narren gelten wie die Dichter.

Türler ve etiketler

Yaş sınırı:
18+
Litres'teki yayın tarihi:
10 haziran 2026
Hacim:
5257 s. 13 illüstrasyon
ISBN:
9782377871742
Telif hakkı:
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