Kitabı oku: «Robert Musil: Gesammelte Werke», sayfa 92

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Kleine Literaturgeschichte

Ich habe einen Menschen gekannt, der ein Dichter war: man merkte es ihm nicht an, denn er sah weder wie ein solider Kaufmann, noch wie der Meister eines nicht näher zu bestimmenden Sports aus. Aber er hatte weder für das zielbewußte Verfassen der zehnten bis hundertsten Auflage eines Buchs Begabung, noch für den Tonfilm, noch für Theaterstücke, deren Kassenerfolg die erforderliche Shakespearsche Größe gehabt hätte, ja er war nicht einmal zu untergeordneten Zeitungsdiensten zu verwenden, und wenn man all das zusammentut, was er nicht konnte, so bleibt nur übrig, daß er eine ungewöhnliche Begabung war.

Was ist ein Dichter, mein Herr? (Der Dichter als Preisrätsel. Können Sie mir sagen, was ein Dichter ist?)

Sicher wissen Sie, was Kaffee Hag, Rolls Royce, Segelflugzeug, Berliner Zeitung, Ober … ist.

Aber ich bin überzeugt, daß Sie nicht wissen, was …

Sie werden in Verlegenheit geraten, wenn Ihr Knabe/Ihr Mädchen (meine Ururenkelin) sie danach frägt. Ich bin der Meinung, daß Sie sich das nicht gefallen lassen sollten.

Man hat Ihnen in den letzten zehn Jahren so viele Rätsel zum Raten gegeben, Sie sind so scharfsinnig geworden, ich schlage Ihnen vor, verlangen Sie von Ihrer Zeitung, daß sie ein Turnier ausschreibe. Nicht, als ob es vielleicht wichtig wäre, was ein Dichter ist, aber man muß es doch wissen. Nach allen andern Worten aus sechs Buchstaben ist schon gefragt worden.

Gestatten Sie mir, Sie ein wenig darauf vorzubereiten, indem ich Ihnen sage, daß ich es auch nicht weiß. Ich glaube auch kaum, daß Ihre Zeitung ohne weiteres darauf einginge. Sie wird vielmehr die Frage so formen: Welches ist gegenwärtig der größte deutsche Dichter? Das wird eine Rundfrage sein, es werden jenachdem einige hundert oder tausend Antworten einlaufen und aus diesen wird vielleicht ein halbes Dutzend Namen hervorgehn, die 40, 30, 20, 6, 4 Prozent aller abgegebenen Stimmen auf sich vereinen. Die Frage kann auch lauten: Welches ist Ihr Lieblingsdichter? Welchen Dichter halten Ihre Bekannten für den interessantesten? Welches Buch hat Ihnen in diesem Jahr den stärksten Eindruck gemacht? Welchen unserer Dichter wünschen Sie sich persönlich kennen zu lernen? Haben Sie Ihren Hund Bob nach einer Dichterfigur getauft und wenn, nach welcher?

Man kann aus solchen Rundfragen, die zum Teil schon da waren, zum Teil erst kommen werden, lernen, daß es den größten Dichter, den bedeutendsten, den großen, den Lieblingsdichter, den wahren und wirklichen Dichter, den echten deutschen, den revolutionären (den erfolgreichen) den gelesensten oder gespieltesten, den abgründigen usw. usw. (denn so etwas weiß man) also sozusagen den Dichter mit Beiwagen gibt, aber was er ohne diesen ist (der noch nicht entdeckte der dereinstige), die Frage ist seit Menschengedenken nicht gestellt worden.

Sie alle können Geld erhalten. Dem Dichter schlechtweg gibt aber niemand auch nur 500 Mark.

Es gibt nun natürlich andere Worte von dieser Art auch, zum Beispiel Teufel: Was Pfui Teufel, ein armer Teufel, ein Zankteufel usw. ist, weiß man und das gibt es, aber ob es den Teufel gibt, darüber ist man im Unklaren, von du lieber Gott, ach Gott, du mein Gott usw. zu schweigen. So etwas gehört zum Leben der Sprache, und da kann man nun freilich sagen: Wenn man wüßte, was man redet, so brächte man nie seine Meinung heraus. Es gibt Menschen die davon leben daß es Fische gibt, aber die Fische leben nicht davon, sondern sterben daran, daß man – ißt. Selbst wenn Sie ein Käsebrot verlangen, geht der Weg Ihrer Sprache über Leichen: in diesem Fall sprechen Ihre Ahnen aus Ihnen so zu dem Kellner (Ober der Wilhelminischen Ära) als ob sie erzählen würden, was eine Mehrheit von Kellnern getan hat. Aber das Wort Dichter gehört nicht bloß zum Leben der Sprache, sondern zu dem der Wirtschaft!

Eine Überlegung, wie viele Leute von dem Wort Dichter leben, findet kaum ein Ende, auch wenn man an der wunderlichen Lüge vorbeisieht, daß der ganze Staat behauptet, für nichts da zu sein, als die Künste und Wissenschaften zu göttlicher Blüte zu bringen. (Daß diese tausende Menschen teils gut, bald gut, bald schlecht, bald ganz, bald teilweise davon leben, daß es Dichter gibt und daß nur diese Dichter nicht leben.) Da sind etwa die literarischen Professuren und Seminare wirklich da, mitsamt dem Anteil an Quästoren, Pedellen, Rechnungsprüfern usw. der vom gesamten Universitätsbetrieb auf sie entfällt; von den Verlegern kommt man auf die Verlage mit ihren Beamten und Angestellten (wobei der Dichter selbst nur eine Störung ist); von den Verlagen auf die Druckereien, Papierfabriken, Maschinenfabriken, Sortimenter, Kommissionäre; von da auf die Zeitungen; von den Zeitungen auf die Anzeigen …: je nach Geduld kann jedermann, der sich diese Zusammenhänge, die von Goethe bis zur Garderobefrau reichen, ausmalen will, einen Tag lang damit beschäftigen. Das wirklich Merkwürdige daran ist, daß dieser in guten Zeiten ungeheure Betrieb, der selbst heutigentags noch vielen Leuten eine angenehme Armut ermöglicht, in jedem seiner Tausende Maschen immer wieder von der Vorstellung beherrscht wird, daß er nicht nur um seiner selbst und des Geschäftes willen da ist, sondern einer Sache dient, die ohne Bedeutung und Dasein des Dichters keine Bedeutung hat. (Eventuell: Ein genauer Forscher aus späteren Jahrhunderten …) Es ist wie die riesige Theologie eines frommen und ernährten Priesterstaats um einen Gott, den es nicht gibt. Denn jetzt erst hat es seine ganze Bedeutung, daß niemand weiß, was ein Dichter ist, niemand mit Bestimmtheit einen Dichter gesehen hat … als wäre dieser ein unsichtbares Gas, das nur in chemischer Verbindung mit andren Bestandteilen vorkommt (also sozusagen verunreinigt).

Man kann, was ein Dichter ist, am ehesten negativ umgrenzen. Er sieht weder … mutatis mutandis … so bleibt aber gar nichts anderes übrig, als daß … ungewöhnliche Begabung … sein muß, um überhaupt etwas zu sein. Aber man muß zugeben, daß eine solche Erklärung angesichts der Wichtigkeit dieses Nichts wenig befriedigt. Hört man – wie immer mit Vorteil, wenn man etwas nicht versteht – auf die Stimme des Herzens, so antwortet wenigstens die meine mit den Worten: Die Philosophie der Maikäfer. So hieß für uns als Jungen alles was nicht Schabernack, Vergnügen, Zwang und Unanständigkeit war, und ich fürchte, es hat viel Ähnlichkeit mit dem, was man heute unter Erwachsenen die höheren oder geistigen Bedürfnisse nennt. Mit rechtem Instinkt: was für einen angehenden Mann überflüssig ist … Wie bin ich, ehrlich gesprochen, dann trotzdem dazugekommen? Einfach so: es ist mir nichts anderes übrig geblieben. (Vielleicht ist jeder Mensch ein Dichter: es würde zu der Kritik passen, die er an den andern übt.)

Von drei Berufen nicht – vom Geld nichts – von den Erwerbsmöglichkeiten nichts.

Der die Dinge anders sieht. – Und dafür steht sozial die Form Dichter bereit.

Man kann auch so ausgehen: Jeder ist ein Dichter – ein Tagträumer, ein Spinner, Puppenspieler.

Dann kommt man zu den heutigen Theorien.

Auf die wird auch der Idealstaat kommen. Zunächst.

Einstweilen besingt man die Mähmaschine. – Ebensogut das Bonicat oder das Chinosol.

Der Mensch, der nicht von dieser Welt ist. Aber von dieser Erde. Der die Opposition der Menschen gegen ihre Welt entweder ausdrückt oder besänftigt. (Dazu gehört, daß die Menschen scheinbar zufrieden sind. Nicht die Opposition gegen die handgreiflich ungeordneten Dinge.)

Das stellt solche Ansprüche, daß Sie wohl nichts damit zu tun haben werden wollen.

Aber jetzt wissen Sie es wenigstens.

Bis zu einem gewissen Grad kann der Dichter auch nicht davon leben, daß man von ihm lebt. Natürlich gibt es Menschen, die … und die Fische sterben nicht nur daran, sondern leben auch eine Weile davon, aber es steht doch wenigstens fest, was … sind und sie stören nicht die Fischzucht, während der Dichter eine Störung der Dichtung ist.

Hat er Geld oder Glück, so mag das noch hingehn; sobald er sich aber vermißt, ohne das seine Stellung zu beanspruchen, so … wirkt er wie ein Gespenst.

Da ich nun darüber geschrieben habe, wird man vielleicht von mir erwarten, daß ich zum Schluß auch sage, was denn nun wirklich ein Dichter sei und solle, und ich glaube wohl, daß ich das zuwegebrächte, aber ich hüte mich davor, denn in dem Augenblick, wo ich das täte, würde man mir sagen, daß das niemand interessiere.

(Zum Glück gibt es nur sehr wenige Dichter.)

Gibt es diese Vorstellung noch, daß der Dichter in der Mansarde sitzt, friert und hungert? Ich glaube, es gibt gar keine Mansarden mehr, aber da Vorstellungen länger leben als Pyramiden, könnte auch diese wohl noch in Gebrauch sein. Es ist sicher eine lächerliche und sentimentale Einbildung, bestenfalls so grausam wie das Bedürfnis den Terriern Ohren und Schwanz abzuschneiden, aber es scheint, daß ich eigentlich etwas anderes sagen wollte, nämlich, daß es in Wahrheit doch gar keine Einbildung ist.

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Ich habe einen Mann gekannt, der ein Dichter war. Aber man merkte es ihm nicht an, denn er sah weder wie ein Großrentier (Fabrikant) noch wie ein Meister (Champion) eines nicht näher zu bestimmenden Sports … aus. Bloß er hatte weder zum Veröffentlichen von zehten bis hundertsten Auflagen noch zum Tonfilm, ja nicht einmal für Theaterstücke, deren Kassenerfolg früher Shakespeare’sche Größe hatte Begabung.

(Es kann also sein, daß er wirklich wie ein Dichter aussah, das vermag niemand zu sagen.)

Er war in keiner Zeitung zu verwenden und wenn man alles das zusammentut, was er nicht konnte, so bleibt nur übrig, daß er eine ungewöhnliche Begabung gewesen sein mußte. Und das war er nicht wirklich, denn auch das ist schon besetzt, und es ist leicht begreiflich, daß er von dem Zeitpunkt an, wo er in der Inflation sein ererbtes Privatvermögen verlor, allerhand Erlebnisse hatte. Vor allem aber war er der Schrecken aller Leute, die aus irgendeinem Grund, der nicht ganz durchsichtig ist, von dem Gerücht leben, daß es Dichter gebe. Eigentlich ist dieses Gerücht sehr merkwürdig. Es leben sehr viele solcher Leute, von den Verlegern bis zu den Setzerlehrlingen und Garderobenfrauen man kann sie gar nicht einzeln aufzählen und müßte in irgendeiner Statistik des Deutsch Reichs nachschlagen, was sie sind und wie viele sie sind; aber jedenfalls stellt es einen sehr ansehnlichen Teil der Volkswirtschaft dar, was in seinem Geschäft darauf ruht, daß Dichten kein Geschäft, sondern eben etwas ist, worüber man nichts Genaues weiß.

Kommt dieser Apparat, dieses Stück Soziologie nun mit dem Geschöpf – das keine Geschäfte macht und nur dichtet in Berührung, so war es nicht viel anders, wie wenn sie am Kurfürstendamm den körperlich wohl präparierten Gespenstern Adams und Evas begegnet wären. Guten Tag, mein Nachkomme, gesagt haben würden, ich möchte Geld von dir.

(Ich werde diese Geschichten vielleicht ein andermal erzählen; sie drehten sich alle darum, daß der Dichter kein Geld hatte und die Leute unangenehm berührt waren.)

Ein junger, begabter Schriftsteller faßte das einmal in die Worte: Herrgott, wenn ich so viel Talent hätte wie dieser Esel, was würde ich damit anfangen!

Fragmente einer Prater-Elegie

Der Prater gehört zu den sieben Weltwundern, die ein im Ausland lebender Wiener aufzuzählen beginnt, wenn er Heimweh hat; sie heißen: Wiener Hochquellenwasser, Mehlspeisen, Backhendeln, die blaue Donau, der Heurige, die Wiener Musik und der Prater. Nun ist es freilich so, daß, wenn man Schönberg sagt, dieser Wiener die Assoziation Postamt W 30 oder Autobus 8 hat, dagegen bei Musik nur an Johann Strauß oder Leo Fall denkt; auch ist die Donau nicht blau, sondern lehmbraun, und das Wiener Trinkwasser überaus kalkhaltig, aber beim Prater waren ausnahmsweise Ideal und Wirklichkeit im Einklang. Denn das war, eng an, ja in die Großstadt geschlossen, ein stundenweiter Naturpark mit herrlichen alten Wiesen, Büschen und Bäumen, eine Landschaft, in der man sich als Mensch nur zu Gast fühlte, eine Überraschung, denn diese Natur war mancherorts gut um hundert Jahre älter, als es die Natur ist, in deren Gesicht wir sonst blicken, kurz es war eine jener Stellen, die man heute, überall, wo man sie noch besitzt, für unberührbar erklärt, aus irgendeinem Empfinden heraus, dass es doch noch etwas anderes als Kugelstoßen oder Autofahren bedeute, wenn sich der Mensch langsam, ja sogar oftmals stehenbleibend oder sich setzend, in einer Umgebung bewegt, die ihm Empfindungen eingibt, für die sich nicht leicht ein Ausdruck finden läßt. In der Zeit der Allongeperücken scheint man das gewußt zu haben, denn obwohl der Prater damals ein kaiserlicher Jagdpark war, worin man zur Hatz ritt, gibt es allerhand Zeugnisse dafür, dass dies nicht ganz ohne ein Empfinden für die Natur vor sich ging; in der langen Besitzerzeit Franz Josefs, wo sich unsere heutige Art zu leben und auszusehen, herausbildete, hatte man wenigstens Scheu vor Änderungen und gab nur die Ränder frei, selbst der aristokratische Jokeyklub und der Trabrennverein mußten sich damit begnügen; erst seit wir uns selbst übergeben sind, und das ist eben das besonders Rührende daran, ist der Prater fast restlos zugrunde gegangen, was natürlich nicht hindern wird, daß wir weiter von ihm reden und nicht bemerken werden, daß er nicht mehr da ist. An seine Stelle sind Sportplätze verschiedenster Art getreten, die von Zäunen und Eintrittsschranken umgeben sind, und es ist das gerade so, wie es sein mußte, denn man hätte dafür weit geeignetere Gegenden finden können, aber keine so vornehmen, keine solchen Siegesplätze über die Natur.

Mode

Illustrierte Zeitungen haben seit einigen Jahren die hübsche Gewohnheit angenommen, Modebilder aus solchen vergangenen Zeiten zu reproduzieren, die ein großer Teil von uns noch mitgemacht hat, also etwa aus den Jahren 1914, 1900 bis 1890. Ihren Abschluß nach unten findet diese Reihe etwa in den 70er Jahren des vorigen Jahrhunderts. Man sieht Hüte, die wie Räder oder große Käseringe sind, gepuffte Ärmel, wunderliche Linien vom Magen bis zum Hals und Schöße voll Unnatur. Der erste Eindruck ist der eines komischen Ungeschicks, dem unsere Gegenwart viel mehr entronnen sei als aus ihm hervorgegangen, gemischt mit der Befriedigung, daß wir es in wenigen Jahrzehnten so weit gebracht haben.

Ganz so einfach ist das aber nicht.

Vor allem: warum schließt das mit 1870 ab? Ein Historiker der Form, der Entwicklungslinien sucht, wird die unserer Kleidung mühelos und natürlich über das Jahr 1870 hinaus und zurück verfolgen können, in die 30er Jahre hinein und von da, so wie eben eines aus dem andern folgt, bis zur Zeit Goethes, ja der Anfänge des Bürgertums zurück. Und doch befindet sich etwa bei 1870 für unser Gefühl ein Bruch, so daß uns alles, was älter ist, als historisches Kostüm erscheint, so als ob es aus irgendwelchen Gründen der Zeit damals entsprochen hätte, während ab 1870 ein Gefühl verlassener Torheit in uns erregt wird, geradeso als ob wir irgendwie dafür noch verantwortlich wären.

Damals waren unsere Eltern oder Großeltern in ihren besten Jahren, einige Jahrzehnte später waren wir es selbst; es scheint ein Zeichen für das zu sein, was wir noch nicht ganz als Vergangenheit und mehr oder minder als Gegenwart empfinden, daß wir uns dafür schämen. Denn wir schämen uns der Lächerlichkeit unserer abgelegten Kleider.

Warum legen wir sie dann aber an?

Häßlichkeit hindert eine Mode nicht am Entstehen; sie kann anfangs ganz deutlich als unangenehm empfunden werden, wird aber doch mitgemacht, und nach einer Weile ist sie unentbehrlich. So waren die umgeklappten Hosen, die man heute trägt, vor dem Krieg auf Regenwetter und Straße beschränkt und galten selbst da in Deutschland nicht für besonders anständig, heute betritt man unter Umständen einen Salon mit ihnen; und die kurzen Frauenröcke, die bis vor ebenso kurzem getragen wurden, bedeuteten, unvoreingenommen betrachtet, die unvorteilhafteste Gliederung der weiblichen Erscheinung, die sich nur ersinnen läßt, denn es entstand ein hochgestelltes Rechteck, das auf zwei kurzen Stelzchen ruhte. Daß diese kniefreien Röcke praktisch waren, hat nicht gehindert, daß sie sich seither wieder ins Unpraktische verlängerten, und alles was man von der Bewegungsfreiheit der neuen tätigen Frau schrieb und sprach, war nur Zeitgeklapper: in Wahrheit spielt das Praktische in der Mode eine ebenso untergeordnete Rolle wie das Schöne, und nichts steht dafür gut, daß wir nicht noch einmal Vatermörder und Schnürstiefel tragen werden.

Natürlich hat eine neue Mode immer etwas an sich, was reizvoll ist, aber das ist wahrscheinlich gerade das, was später nicht mehr verstanden wird; es ist das Genughaben am Vorangegangenen. Eine Einzelheit, die ein Ganzes nach sich zieht.: ein labiles, debiles Verhalten.

Man spricht von der Tyrannei der Mode und meint darunter, daß man nicht versteht, warum man sie wechselt.

Zum Teil weiß man, daß das von außen kommt. Längstens alle zwei, drei Jahre müssen die Schneider und Hütemacher aus Geschäftsgründen etwas Neues erfinden. Bald fällt ihnen mehr, bald weniger ein, bald etwas Nettes, bald nur etwas Albernes. Das weiß man und fühlt man und kann sich der Aufforderung, es zu tragen, doch nicht entziehn. Rührend deutlich war das ja bei der kurzen Frauenhaartracht, die so konsequenzenreich war wie keine Mode. An und für sich nur in einer beschränkten Zahl von Fällen unbedingt schön. Rührendes jahrelanges Zögern. Abwägen. Sondieren des Mannes und Parlamentieren. Aufmarsch von Grundsätzen. Und schließlich ein Zopf nach dem andern unter der Scheere, so daß es heute geradezu Ausdruck bestimmten Charakters, Grundsätze, Milieus ist, wenn noch …

Man sagt, daß man sich nicht dem Einfluß dessen, was alle tun, entziehn könne; man findet es anfangs abstrus und später selbstverständlich. Es liegt etwas ungeheuer Melancholisches, menschlich Rührendes in der Tatsache der Mode. Es ist mit anderen Dingen auch so, nur fällt es nicht so in die Augen: darin liegt die philosophische Bedeutung der Mode.

Es spielt mit, daß man die neue Mode anfangs unbefangen, rein optisch sieht und also als absurd erkennt, während man sie später sozial sieht, als Zeichen der Vornehmheit und Eleganz, je nach Reichtum und Geschmack ihrer Ausführung. Kleider waren ja immer ein Nach-außen-Kehren der sozialen Bedeutung. (Das in die Kleider legen, das die Kleider bergen.) Konsequent müßte man sich mit kostbaren holländischen Gulden oder mit schlichten Mark bekleiden. Ein Grund der Inkonsequenz der Mode ist ihre Indirektheit. Bekanntlich ist sie auch im Erotischen indirekt. Sie besteht aus Inkonsequenzen u Indirektheiten. Konsequent und direkt führt sie zum Reformsack.

Es scheint heute eine Vernunftlinie zur Nacktheit zu führen

Aber die eigentliche Wahrheit der Mode besteht in: Ich kann mich nicht mehr sehn.

Der Doppelmäzen

Es wird heute viel darüber gesprochen und geschrieben, ob es wohl noch Mäzene gebe, daß es sie noch gebe, wie nötig sie wären und was sie zu tun hätten; da mag es willkommen sein, wenn man, wie ich, erfährt, daß es sogar noch Doppelmäzene gibt. Um nicht den Anschein zu erwecken, daß diese Geschichte eine Pointe hat, nennen wir sie Emporius und Kömmling; ihre irdische Anschrift steht ernsten Interessenten gegen Schadensversicherung zur Verfügung.

Sie handelten mit allem, was es zwischen einem Seidenstrumpf und dem Sauerstoffmangel der Stratosphäre gibt, und niemand wußte, ob sie reich wären, aber sie besaßen alles, was äußerlich zum Reichtum gehört, Palais, Kraftwagen, Bilder, Frauen und Pferde, und daß man zum Reichtum auch innerlich etwas brauche, ist ja schließlich bloß eine Forderung, und daß Reichtum auch innerlich etwas sein müsse, kann sein, ist aber schließlich eine Drohung von Leuten, die nicht viel mehr besitzen als ihre Tugenden. So dachte wenigstens Kömmling, der es sich wohlergehen ließ und in seinen allerpersönlichsten Wohnräumen Bilder von Rennpferden, Jagdmeuten und Rebhühnern in Pfirsichen hängen hatte. Nicht so aber Emporius. Dieser stammte aus einer Gymnasiallehrerfamilie, die er nicht unterstützte, von der er aber etwas zurück behalten hatte; allerdings war das nur die Überzeugung, daß man vornehm sein müsse, aber es freute ihn doch.

So beschäftigte sich sein Geist viel damit, wie man die Künste fördern könne, und er stritt oft mit seinem Kompagnon Kömmling darüber, der große Summen unwiederbringlich an niedere Begierden verlor, obwohl ihm Emporius bewies, daß man für das gleiche Geld seine Wohnung mit alten Bildern so bekleben kann, daß sie wie ein Briefmarkenalbum aussieht und sich auch durchaus zu Spekulationen ebensogut eignet wie ein solches. Durch diese Unterschiede ihrer geistigen Haltung waren die beiden Kompagnons meistens miteinander verfeindet, und Emporius beschloß, einmal Kömmling zu sagen, wie man es machen müsse, wenn man den Platz verdiene will, auf dem man verdient.

Er hörte, daß ein berühmter Lyriker in der Stadt anwesend sei. Er machte einen Besuch und lud zu sich. Dort setzte er ihn, nachdem sie wie Fürsten diniert hatten, bei Kerzenlicht unter eine Bilderhecke, zog für sich einen Stuhl aus dem 15. Jahrhundt heran und sprach: „Ich bin ein einfacher Kaufmann, aber ich weiß, was man der Kunst schuldet. Antike Bilder befriedigen mich nicht, ich will etwas tun, was noch nicht da war: ich stifte einen großen Preis für Lyrik.“

Der Lyriker öffnete die Augen.

„Ich gebe 3000 Mark jährlich dafür“ sagte Emporius. „Für drei Gedichte.“

Wie Lyriker nun einmal sind, fand der Eingeladene das zu wenig.

„30 000 Mark müßten es sein“ räumte Emporius ein. „Lassen Sie mich nachdenken, das repräsentiert ein Kapital von rund 400 000 Mark, ich werde 40 000 geben, also müssen wir noch 360 000 aufbringen: Hören Sie das geht!“ Sie nahmen den Kaffee im Privatkontor in einer durch und durch sachlichen Umgebung ein, der Lyriker kniff sich ins Bein und fand, daß alles stimme. „Wir werden Deutschland zum Land der Gedichte machen“ erklärte Emporius. „Wollen Sie mir an die Hand gehen? Aber Sie allein, Meister, sind bei aller Bewunderung, die ich persönlich für Sie habe, zu schwach, Sie müssen noch elf der bekanntesten Dichter dafür gewinnen, ein Kuratorium zu bilden. Wenn das geschehn ist, werde ich mich an unsere Staatsmänner und ähnliche hervorragende Persönlichkeiten wenden, damit sie auch ihre Namen an die Spitze stellen, und wenn wir soweit sind, kann ich mich verbürgen, daß wir auch das Geld aufbringen. Wieviel verdienen Sie übrigens monatlich an Ihren Gedichten, Meister?“

Der Meister berechnete schnell im Kopf, daß er während der dreißig Jahre seines lyrischen Schaffens 1053 Mark 27 Pfennige eingenommen habe. „Das ist kein Hindernis“ sagte Emporius. Aber der Meister teilte noch mit, daß er auch Zeitungsaufsätze schreibe und eine Stellung als Lektor bei einem Verlag einnehme, was ihm 500 Mark monatlich einbringe. Emporius berechnete gleichfalls schnell: „Sie werden natürlich fast Ihre ganze Zeit verlieren, und ich bin gern bereit, Ihnen die Hälfte Ihres Einkommens zu ersetzen“ erklärte Emporius energisch, „solange Sie gemeinsam mit mir arbeiten.“

So bekam der berühmte Lyriker 250 Mark monatlich aus dem Zigarrenbudget seines neuen Freundes, aber die Schecks waren auf ordentlichem Firmenpapier ausgestellt, denn die beiden hatten auf Wunsch des Dichters, der nicht weniger kaufmännisch sein wollte als sein Partner, lyrisch einen regelrechten Vertrag für vier Monate geschlossen.

Nach Ablauf dieser vier Monate waren die elf großen Dichter gewonnen, der bekannte Lyriker war auf den Gesellschaften, die Emporius gab, unzähligen Menschen vorgestellt worden, er hatte Besuche bei allen Führern der Politik und Finanz, des Zeitungswesens und der Gesellschaft (Vornehme Welt) gemacht und überall erzählt, wie Herr Emporius ein neues Zeitalter der Gedichte in Deutschland emporrufen wolle. Aber als es soweit war und nun Herr Emporius sein Werk mit den 360 000 Mark beginnen sollte, waren gerade zwischen Himmel und Seidenstrumpf allerhand wertvolle Handelsartikel ins Sinken geraten, und Emporius erklärte, daß er augenblicklich nicht einmal für seine Person 40 000 geben könnte, wogegen man einem berühmten Dichter doch viel mehr Entgegenkommen erweise, und dieser möge es also doch noch einmal selbst versuchen.

Was tut ein berühmter Lyriker in solchem Fall? Das ist wohl verschieden; es gibt auch Lyriker, die sich bei Geschäftsgründungen sehr gut bewähren, aber dieser verzichtete und schrieb sein erstes Gedicht seit langer Zeit. Und damit wäre diese Geschichte zu Ende gewesen, wenn nicht die Gerechtigkeit des Schicksals den leichtsinnigen Mann ein Jahr später aufs Krankenlager geworfen hätte, sodaß sie ihn in schwere Not brachte. Freunde sammelten für ihn, der nun wieder sein Durchschnittseinkommen von 2, 92 Mark monatlich hatte, sofern er sich zu der Stimmung aufraffte, Gedichte zu machen, und diese Freunde wandten sich auch an Emporius, der inzwischen eine allgemein anerkannte Stellung als Förderer der Künste eingenommen hatte. Emporius empfing sie mäzenatisch, setzte sie unter eine Bilderhecke usw. und erläuterte ihnen, daß er sich nicht verpflichtet fühle, für den Dichter etwas zu geben, da er ihn bereits ganz allein durch vier Monate unterhalten habe.

Aber die Freunde gingen, da der Vorrat an Menschen, die Geld für etwas übrig haben könnten, daß sie nicht unmittelbar angeht, nicht groß ist, auch zu Kömmling. Kömmling empfing sie in seinem Herrenzimmer vor einer Wanddekoration mit Reitpeitschen und Hufeisen und erläuterte ihnen ebenfalls, daß er nicht verpflichtet werden könne, für den Dichter etwas zu tun, da er sich nichts aus Gedichten mache und trotzdem schon durch vier Monate für die Existenz dieses Lyrikers aufgekommen sei. Als dieser das hörte, wurde er vor Zorn gesund – was beweist, daß man über die Handlungsweise anderer Menschen nicht vorschnell aburteilen soll – und begab sich zu Emporius, um ihn zur Rede zu stellen. „Was wollen Sie von mir?“ fragte ihn dieser. „Daß Sie solche Behauptungen unterlassen!“ rief der Dichter unvorsichtig. „Wenn es sonst nichts ist, gern; Sie sind ein empfindlicher Mensch!“ sagte Emporius mißbilligend. Der Dichter begab sich zu Kömmling. „Sagen Sie mir um Gottes willen, wie kommen Sie dazu, eine solche Lüge zu behaupten?!“ fragte er den, den er kaum kannte, denn die beiden Sozii verkehrten außergeschäftlich schon lange nicht mehr miteinander. Kömmling berief sich höflich darauf, daß durch irgendeine Form der inneren Verbuchung die Schecks die gemeinsame Firmenbezeichnung trugen. „Aber was geht das mich an?!“ fragte der Dichter. „Nein, das geht Sie eigentlich nichts an“ räumte Kömmling ein, „aber es ist doch so.“ „Ich verlange von Ihnen, daß Sie solche unwahre Behauptungen unterlassen!“ sagte der Lyriker. „Sonst verlangen Sie nichts? Sie sind ein komischer Mensch“ gab ihm Kömmling erleichtert zurück.

Damit wäre nun eigentlich diese Geschichte zu Ende, wie einer, der keinen Mäzen hatte, gleich zwei fand. Emporius und Kömmling blieben weiter miteinander böse, und wenn seither einer vom andern etwas Übles sagen wollte, so erzählte er: „Dieser Verschwender wollte einmal ein Vermögen für die Förderung von Gedichten ausgeben!“

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10 haziran 2026
Hacim:
5257 s. 13 illüstrasyon
ISBN:
9782377871742
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