Kitabı oku: «Robert Musil: Gesammelte Werke», sayfa 94

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Erinnerung an eine Mode

[Der Lose Vogel, 1.1912, S. 17-19]

Die grossen Gewitter, Krafttürmungen, Spannungsdurcheinandersprünge, Verzückungen, aber auch Verzackungen – heillos unentästelbare – der Seele ziehen unter dem Horizont der Wirklichkeit vorbei, die, dunkel und von der ungefügen Eigenlast entgeistet, ihr Licht von zweiter Hand, aus einer nockerlweich lieblichen Schar dahintriftender Wolken empfängt. Aus deren Sphäre stammend und in dieser Wirklichkeit begab sich: In Paris ein nachgebensbereites Lächeln, doch aber das Missverständnis, dass es sich wieder bloss um eine der gerade nur schillernden Kräuselungen handle, die alljährlich die Gefühlsoberfläche Europas verändern und – lächerlich oder nicht, kleidsam oder weniger kleidsam – stets nur ein leichtes, seelenfremdes Wellenspiel sind; ereignete sich in Wien natürlich die entschiedene Erklärung, dass der gute Geschmack der Wienerin sie vor solchen lächerlichen Verirrungen bewahren werde; und es geschah da und dort in Europa, dass eine Hosenträgerin gesteinigt wurde. In Berlin, Tauentzienstrasse, aber stauten sich die Leute vor einem Fenster, hinter dem ein lebendes Modell ausgestellt war. Nicht einmal ein Stein fiel, kein Rowdie oder Familienvater gröhlte; darf man von Berlin etwas für Europa hoffen? Durfte man von dieser Stadt, deren Aufgabe bisher war, jede Mode durch tapsige Bejahung unmöglich zu machen, durfte man hoffen, dass sie diesmal gelähmt und nicht entschlossen sein wird? Ideale sind Verwesungsprodukte; in ihrer irdischen Verkörperung durch das Viele, was hinzukommen musste, um sie zur Wirklichkeit zu verdichten, von allem andern Gemeinen nicht unterscheidbar, werden sie erst durch einen seelischen Zerfalls- und fast astral nebenherlaufenden Verwitterungsprozess Sehnsüchte. Die Rockhose aber war dort ein ethischer und – was darin eingeschlossen liegt – ein psychologischer Gegenstand.

Es war in Berlin und ist noch jedes Jahr dort, was man den Ball der Veränderten nennen könnte. Eine lächerliche Veranstaltung wie fast alle menschlichen Vergnügungen, die mehr als Zwischen- oder Obertöne sind, die irgendwobei unbeabsichtigt entstehen, – aber in einzelnen Winkeln von einem seltsam übernächtigen Glück bogenlichtbesonnt. Kein Mann zugelassen, Frauen auch in der Rolle der Tänzer und Souperherren; im Anzug, ob modern oder historisch, die verräterische Kehlung zwischen Hüften, Schenkeln und Bauch kindlich sorgfältig ausgestopft. Das Seelische war deformiert, fleckig, ungleichmässig erhitzt, unnatürlich, mit den Beinen in einer alkoholisierten, kellnerbedienten, tribadischen Wirklichkeit, dennoch gab es da und dort jenes Glück, wenn eine gähnte und sich vergass, wenn es eine kreisend zu schläfern begann, wenn eine dritte auffuhr und in Gesichter starrte. Das Bezeichenbarste daran ist die Rückwirkung der Tracht aufs Gesicht. Als Mann gedacht, gewinnen die unhübschen, gealterten, selbst die fetten Frauen sofort etwas Faszinierendes. Sie müssen auch dem Mann, wenn er sie einen Augenblick wie seinesgleichen angesehen hat und dann den Ausdruck, den er so zum ersten Male an ihnen wahrnimmt – seine von allem konventionellen Beiwerk befreite Vorstellung zurückbiegend – wieder mit der normalen geschlechtlichen Einstellung verbindet, ein ungeheures Feld neuer erotischer Nüancen eröffnen. Die Stärke der Wirkung hängt natürlich gerade mit dem heute sonst noch bestehenden Trachtunterschied zusammen, mit der Fremdheit dessen, Frauen wie Männer anzusehen. Später muss sich dies schwächen. Aber auch dann, wenn man die Frau bloss nicht anders ansieht – sondern ohne Gewohnheitsforderungen, rein formell – bleibt das ihr Vorteil. Denn am Mann gemessen, haben noch ramponierte Frauen verblüffende Schönheiten.

Wäre das durchgedrungen, so hätte man die meiste Einbusse an den grossen, schwer und etwas träg gehirnt dahinwandelnden Frauen erlitten, den gütigen, deren Lager morgens gemuldet ist, – ich weiss nicht, wie das zu ersetzen gewesen wäre, vielleicht durch den Gewinn eines leichten opalisierenden Hauchs von Lächerlichkeit an ihnen, vielleicht dadurch, dass einige Männer dann in Röcken gegangen wären, mit grösserem Verständnis als Priester tun. Nicht mehr der unpersönliche Geschlechtsunterschied hätte sich in der Kleidung auszudrücken, sondern der das Geschlecht vertausendfachende Unterschied der Persönlichkeiten.

Penthesileade

[Der Lose Vogel, 1.1912, S. 23-26]

Unleugbar ist: der Schein, dass die Entwicklung einen andern Weg nimmt. Sie erlitt – fühlbar schon nach den ersten Schritten – die ausschliessliche Gravitation gröbster Bedürfnisse, wie Verlangen nach dem Recht auf geistige Berufsarbeit und politischen Drang. Diese Bedürfnisse sind selbstverständlich nur eingeredet, aber ihr Fehler ist, dass sie schlecht eingeredet sind. Es gibt keine zielbestimmten (oder wie ein Physiker sagen würde: gerichteten) Kräfte geistiger Natur; selbst das Genie ist mehr Motor als Steuer und was man als den Ruf der Seele fühlt, ist die Taubhörigkeit eines Ohrs, dem von einem hypothetischen Satz stets nur ein apodiktisches Wort aufgeht. In Wahrheit kann ja jedes innere Bedürfnis abgelenkt, erweitert, mit einem beliebigen Endglied verflochten werden; Erfüllung und Unterdrückung sind nur die unfruchtbaren beiden Grenzfälle davon. Der schrankenlosen Kombinatorik des Dichters ist es keine Schwierigkeit, aus einem Gottessucher gleichzeitig einen Lustmörder reden zu lassen, nicht bloss – wie man sich falsch beruhigt – indem er einen psychologischen Prozess darstellt, sondern indem er die Grenzen der Bedeutungen unentwirrbar miteinander verflicht. Alles Innerliche ist untereinander verbunden, ist sachverwandt – genug, man sieht, was auch die Frauenbewegung leisten könnte: Bedürfnisse hinwegführen, hinüberführen, noch nicht befahrene seelische Verzweigungen wie in Booten hinabtreiben.

In Schweden ist dieser Sache der Menschheit nun nach hartem Wahlkampf und durch den sechsunddreissigmal zwecklos gelungenen Versuch, Frauen in die völkischen Vertretungskörper zu entsenden, in einem Falle die Situation zu erzwingen geglückt, dass eine Frau als Erwählte einer Partei in eine städtische Vertretung gelangte, in der ihr Gatte die Interessen der entgegengesetzten Partei verficht. Es wäre, davor in die aufgereckte Sächsische-Schweiz-Erhabenheit des kategorischen Imperativs zu geraten, so naheliegend wie in die hirnentleerte Traurigkeit einer Possenstimmung; ferner liegend aber enthält der Fall – in einem jener seelisch reformierten Menschheitspaare von heute nur wie in einer plumpen, ersten Versuchsform angedeutet – schon solche Situationskeime, die ausserordentlich sind.

Man muss etwa nur annehmen, dass das Ereignis in einem Orte geschah, wo die Partei des Mannes sich in erdrückter Minderheit befindet. Dann bemerkt man sofort das Urgermanische, ja überhaupt Indogermanische und Urtümliche, das in diesem Verhältnis zum ersten Male wieder in Erscheinung tritt: man denke an die Wotanstöchter oder über das Germanische hinaus an Hera und Athene, wenn sie im Schlachtzorn einen Helden streiften, ward er bleich und zitternd. Es waren Frauen einer herrischen, stärkeren Gattung, dennoch Frauen. Heute muss dies dem Gefühl eines Mannes nur auf Umwegen, schattenhaft, in zoologischen Gärten erreichbar sein oder wenn er vor einer Doggenhündin erschrickt, und nicht vergisst, dass es ein Weibchen ist. Es sind hier ganze Länder der Seele verloren gegangen, europäisches Urgut, und Möglichkeiten sind wiederzufinden. Die letzten Geschlechtsuntersuchungen der Himmlischen wurden im Mittelalter angestellt.

Es handelt sich darum, diese Chancen wieder auszunützen, ihre Bedeutung liegt nicht auf dem Gebiete der Emanzipation der Frau, sondern auf dem der des Mannes von den herkömmlichen Seelenarten der Erotik; und der ideologisch vorzuzeichnende Weg läuft: vom passiven Wahlrecht der Frau zur Sinnlichkeit und von dort zu verfeinerten Menschlichkeiten.

Noch eine andere Möglichkeit liegt im Fernbereich der Erotik. Politische Führer oder Generale sind, selbst am Durchschnitt der geistigen Vorhut gemessen, schmal. Ihre Bedeutung liegt nicht im Geistigen und die Tat ist stupid, weil sie sonst keinen Boden fände, weil der Anteil des Zufalls von ihr nicht subtrahiert werden kann und weil der in ihr realisierbare geistige Gehalt so charakterlos ist wie der einer mathematischen Gleichung. Aber diese Menschen haben die Gabe der Faszination; nur sie. Was man Frauen ähnliches gewöhnlich zuschreibt, ruht auf einem Mangel an Differentialdiagnose; man verwechselt den Geschlechtsrausch mit dem geschlechtslosen Persönlichkeitsrausch (der nebstbei gar keine »Persönlichkeit« voraussetzt, sondern der durch die Situation bedingt sein kann und besseres Wissen nicht auslöscht oder ausschaltet), mit dem Unterlegenheitsrausch. Nur Männer empfinden ihn heute rein – nehmen wir zum Beispiel, wenn sie die Hand eines Bauern fühlen, die sie im Gebirge aus Gefahr holt – bei Frauen ist er beinahe immer untrennbar mit Sexualitäten vermengt, wenngleich sie ihn häufiger empfinden. Männer Frauen gegenüber empfinden ihn fast nie. Ein weiblicher Führer für Männer muss heute – wo kein mythischer Sendungsglaube die seelische Struktur der Beziehung verdeckt, wie einst bei der kleinen Jeanne – distinkt empfunden unmöglich sein oder – weil es seelisch nichts Unmögliches gibt – eine sehr komplizierte erotische Episode.

Es ist schon ein Genuss, nicht der ausschliessliche Gedanke einer Frau zu sein, sondern ein Mittelglied in ihren Interessen; dann sind die Spannungsrichtungen, die durch einen gehen, vielfältiger. Es könnte eine Zeit kommen, wo man nur die in der Mehrzahl möglichen erotischen Relationen gelten lässt und die bipolare Erotik als eine Sünde oder Schwächlichkeit ansieht, beinahe ebenso geistlos wie das Vergessen der Geliebten in der Untreue. Denkbar in Annäherung etwa ähnlich den Beziehungen einer Gemeinde zu ihrem Liebesdichter. Auch heute liegt er mit in allen Betten, schwer zu sagen wie, sehr unpersönlich, halb Gott, halb geschlechtslose Docke. Denkbar ferner durch die Vorstellung eines Patriarchen und Seelenführers, dem von jeder Regung innere Erstlingsopfer gebracht werden. Durch die eines Freundes, der ohne je begehrt zu werden als Regulator der Sinnlichkeit zweier Liebenden wirkt. Denkbar als Dreieck, in dem keine Sinnlichkeit gegeben wird, die dem jeweils Dritten etwas nimmt, keine, die den andern nicht leise noch bei der Hand hielte und eine verarmende Welle seines Pulses mit hereinzöge, wechselseitig, um die Seele weit und frei zu halten, wie Feld und Wald. Denkbar aber auch in ganz multipolaren Relationen, wo die Beziehung zu einem Menschen als Funktion der Beziehung zu so und so vielen andern Menschen wächst und fällt, angedeutet in der vom Christentum geforderten Balance zwischen Gatten- und Nächstenliebe …

Und so, wenn einmal die Erotik – die heute geradezu die Opposition gegen die Allgemeinheit ist und unter dem Schutz eines feigen Schamgefühls, degeneriert, – alle Schranken fallen lässt, jedes erreichte Schamgefühl verwirft, um immer wieder ein innerlicheres, persönlicheres zu suchen, wenn die Erobererzuversicht des Ichs keine versperrten und geschützten Rückzugsorte braucht, wird die Einbeziehung sämtlicher menschlichen Relationen in die geschlechtliche möglich sein. Dann aber wird die Politik … doch sie wird nicht, und diese braven unverständlichen skandinavischen Märtyrer leben einsam und vorbildlich, ohne das Spektrum der Möglichkeiten zu ahnen, das die Analyse ihres Lebenslichtes ins Leere wirft.

Das Geistliche, der Modernismus und die Metaphysik

[Der Lose Vogel, 2.1912, S. 72-77]

Der Modernismus ist – darin und nicht nur in der Weise des persönlichen Auftretens ein Protestantismus – der Versuch, die Religion mit der bürgerlichen Vernunft zur durchdringen, er ist wider die Vernunft gleichwie gegen das Religiöse gerichtet und an den Leiden wie Entzückungen seiner Märtyrer haftet etwas von jenem geistigen Geruch, der aus dem hingerissenen Theaterspiel des bürgerlichen Amateurs aufsteigt, ein Gemisch des Atems der Leidenschaft mit dem schwächlicher Zähne.

Aber er ist historisch ungeheuer bezeichnend als das letzte Ergebnis jenes verhängnisvollen Kampfes des Katholizismus gegen den Staat, der damit begann, dass die Kirche sich verleiten liess, den Staat in seiner Weise beherrschen zu wollen, und damit endete, dass sie von ihm in ihrer Weise, der der unsichtbaren geistigen Penetranz, beherrscht wird; aus dem Kirchenstaat wurde die Staatskirche und der Modernismus ist nicht ein Unglücksfall der Kirche, sondern eine organische Krankheit. In der Tat ist es nicht aufzuzählen, wie sehr der Katholizismus heute von der bürgerlichen Vernünftigkeit durchsetzt ist; es braucht nur daran erinnert zu werden, wie selbst die Taufe – einst der stärkste Ausdruck des Gegensatzes der Kirche gegen den Staat, ein Symbol des Eintritts in eine oppositionelle geistige Gemeinde, eine mystische Adoption, weniger eine Namensführung als das Geführtwerden durch einen Namen bei den ersten Schritten des inneren Weges – heute mit dem bürgerlichen Kataster verbunden ist, mit dem Ausweispapier, dem Bedürfnis eines auf feste Unterscheidungen dringenden Verstandes nach bleibender Bezeichnung und so der Unmöglichmachung des Menschen gegen das Individuum durch das Individuum, jenem unabsehbaren geistigen Verhängnis, welches die Schutzdecke der Anonymität von der Seele wegreisst und sie dadurch zu immer gleichen, bloss defensiven Energieausgaben zwingt, die ihr alles unerreichbar machen, was sie vielleicht tun könnte, wenn sie dabei nicht immer vorerst für eine Person zu sorgen hätte, auf die alle Dinge wie mit den Fingern weisen und die wie eine ungedeckte Rückzugslinie alle Kühnheit der geistigen Bewegung lähmt. Es ist darum nicht weniger kennzeichnend, dass die Vernunft, auf die sich der Modernismus für alle seine Forderungen berufen darf, die gleiche ist, durch die der heutige Staat gross wurde, als es bei dieser Lage natürlich ist, dass die Kirche, obwohl sie solcher Vernunft entgegen doch entschieden an einer Geistigkeit festhält, dies in seniler Weise tun muss, mit einem blossen Buchstabieren der Dogmen und längst ohne Verständnis für den ungeheuren noch unausgelebten Wert ihrer Unvernunft.

Die Vernunft der verstaatlichten bürgerlichen Gesellschaft – und leider nur zu sehr schon die der Kirche – ist nach ihrem Grundzuge eine einfache, nüchterne, wie sie es selbst ausgedrückt hat: ökonomische Vernunft, welche sich vom Boden der gesicherten Erfahrung nur ungern und selbst in ihren für das Gewagteste geltenden Hypothesen nur soweit abhebt, als unbedingt nötig ist, um einen zusammenfassenden Überblick zu gewinnen. Es ist eine vorsichtige – und könnte man ihr nicht einwerfen: feige? – Vernunft, der die eigene Sicherheit am höchsten gilt; sie fragt nur, ob das, was sie behauptet, wahr ist, nie – ob diese Wahrheit auch förderlich sei, ja man kann sagen, dass der Begriff des Wertes einer Wahrheit unter der Herrschaft ihres uniformen Schätzens degeneriert und fast unverständlich geworden sei. Der Typus einer Vernunft, welche darauf verzichten würde, ganz verifizierte Erkenntnisse zu zeitigen – und das heisst solche, durch die man Eisen walzen, in der Luft fliegen und Nahrung gewinnen kann, – die aber solche zu finden und zu systematisieren strebte, welche dem Gefühl neue und kühne Richtungen gäben, auch wenn sie selbst vielleicht nur blosse Plausibilitäten blieben, eine Vernunft also, für die das Denken nur dazu da wäre, um irgendwelchen noch ungewissen Weisen Mensch zu sein ein intellektuelles Stützgerüst zu geben, ist heute schon als Bedürfnis unverständlich.

Und die Folge davon ist, (nicht weniger als jenes vielbeklagte Gefühlsunvermögen unserer Zeit, das aus Europa in seinen arbeitsfreien Stunden einen Rummelplatz macht), ein gestaltloser Gefühlsüberschuss, aus dessen Gallerte neben allen anderen Formen des Gesundbetens, -tanzens und der korsettlosen Menschenwürde auch der Modernismus seine Nahrung zieht. Darum ist nichts verderblicher, als schlechtweg von unserer vernünftigen Zeit mehr Gefühl zu fordern, denn das heisst mehr eines längst entwicklungslosen, unartikulierten Gefühls, und es gibt nichts kläglicheres als jene Art Skeptiker und Reformatoren, liberaler Priester und geisteswissenschaftlich orientierter Gelehrter, die über die »Seelenlosigkeit«, den »öden Materialismus«, das »Unbefriedigende der blossen Wissenschaft«, das »kalte Spiel der Atome« stöhnen, auf die Exaktheit des Denkens verzichten, die für sie nur eine geringe Versuchung bedeutet, und dann mit Hilfe einer angeblichen »Gefühlserkenntnis« für die Befriedigung des Gemüts, die »notwendige« Harmonie und Rundung des Weltbilds doch nur einen Allgeist, eine Weltseele oder einen Gott erfinden, der nicht mehr ist als die akademische Kleinbürgerlichkeit, aus der er stammt, im besten Fall eine Überseele, die die Zeitung liest und ein gewisses Verständnis für soziale Fragen bekundet.

Es ist sicher, dass das Gefühl des heiligen Franziskus von dem irgend eines Schuhmachers, der sich aus religiöser Begeisterung entmannt und selbst ans Kreuz nagelt, nur durch die Intensität des hineinverflochtenen Verstandes unterschieden ist, aber es gibt keine Gefühls- und keine sonstige zweite Art Erkenntnis, die, gegen die wissenschaftliche gerichtet, bestehen könnte. Innerhalb eines bestimmten Rahmens schliesst diese alle anderen Möglichkeiten aus, nur der Rahmen selbst – die Wahl der Fragestellung, nach den Bedürfnissen eines rein rationalen und pragmatischen Intellekts eingeschränkt auf das als sicher und wirklich Erkennbare – kann über-, oder wenn man so lieber sagt, unterschritten werden. Es gibt nur eine Erkenntnis, aber in der Erkenntnis die einzige Verstandesleistung zu schätzen, ist bloss eine historische Gewohnheit. In der Tat waren die ersten jener Männer, welche die neue Richtung begründeten, Galilei, Coppernicus, Newton und ihre geistigen Artgenossen, noch durchaus kirchlich, ihre Methode sollte keine Abwendung einleiten, sondern einstens verstärkend in die Rechtgläubigkeit zurückfliessen; aber wie in einer Reihe gerichteter Soldaten irgendeiner die Schulter versagt und die Front erst unmerklich abbiegt, bis sie irgendwo plötzlich knickt, bildete auch das, was keiner von ihnen meinte, eine Kette und es entstand aus einem schrittweisen Auseinanderhervorrollen von Fragen allmählich jene Einengung der geistigen Bedürfnisse bis zur Manie eines Fortschritts, der sich selbst nicht mehr aufhalten kann, weil die Materie vor ihm nachgibt. Der eigentliche – nicht Wahrheits-, aber Wichtigkeitsbeweis für die Wissenschaft ist dabei nie erbracht worden, ausser er läge in diesem Fortschritt selbst und in seinen Folgen, der Beherrschung der Natur, der Technik, den Bequemlichkeiten, dieser ganzen erfinderischen Art mit den Vorbereitungen zum leben nie fertig zu werden, in deren Kraftgebärde am Grunde die Angst vor der Synthese steckt.

Man kann in den Riesenquadern dieses unwohnlichen Erkenntnisgebäudes da oder dort einen verlornen Winkel gewinnen und ohne Verblödung unwissenschaftlich sein. Bei den letzten und ersten Aporien: Den Enden der Kausalketten, den Giltigkeitsgrenzen der Gesetze, dem Einfluss praktischer Bedürfnisse noch auf die Gestalt der Theorie, den Schwierigkeiten, das System widerspruchslos zu schliessen, – oder bei den unscheinbaren Alltäglichkeiten, denn die Wissenschaft hat nur für das Wiederkehrende im Wechsel, nicht aber für das Einmalige, die vereinzelten Ereignisse Organ und Interesse, und schon dass ein Stein von einem bestimmten Dach fällt, bleibt für sie eine blosse Tatsache, ein Zufall, dessen Struktur sie nicht weiter untersuchen kann, das Gesetz – ihr Fallgesetz – spielt nur eine kleine Rolle darin und alles übrige ist: vielleicht dass Regen fiel, dass dann die Sonne schien, dass der Wind blies, … Tatsachen, Zufälle, oder wenn man auch die noch nach meteorologischen Gesetzen erklären möchte, würde man sie mittels dieser Gesetze doch nur wieder aus anderen Tatsachen herleiten, dass anderswo die Sonne schien oder der Regen fiel und dass der Luftdruck hier der und dort jener war, … die ungeheure, mitten in das Weltbild hineingeschobene, von einem erkenntnisfröhlichen Geschlecht bloss nicht beachtete Einsamkeit der blossen Tatsachen, der Zufälle, dessen, was nichts als Ereignis ist, tut sich schon nach wenigen Schritten vom Wege auf und der Erkenntnisheilige blickt in die unbegrenzt visionäre Wüste.

Aber wie immer man es anders anpackt, sowie man die Grenzen überschreitet, die die Wissenschaft sich selbst gezogen hat, wird man wenig Erkenntnis erzielen und alle Metaphysiken sind schlecht, weil sie ihren Verstand falsch verwenden. Sie setzen seinen Ehrgeiz an die ihm widernatürliche Aufgabe, das Jenseits als wirklich zu erweisen, statt es (für einen anspruchsvolleren Geschmack) überhaupt erst »möglich« zu machen. So bauen sie eine Brücke und das Land, wohin diese führen soll, ist unerfreulich. Kantisch: sie sind transzendental und das Transzendente bleibt reine Langeweile. Welche Metaphysik würde nicht – etwa vor die Aufgabe gestellt, die Härte, die Schwere, die räumliche Ausdehnung, zeitliche Persistenz, die elektrischen, optischen, magnetischen, thermischen Konstanten der Dinge als Eigenschaften einer Seele zu denken – allen Ehrgeiz in den Beweis setzen, dass man dieses könne, in diese wimmelnden Monismen, Spiritualismen, Idealismen usw., statt erst einmal auszuarbeiten, welche sonderbaren neuen Seelen das wären, mit ihrem stummen Tic, sich immer nur in der gleichen Geste zu äussern, mit ihrem bis zum Gesetz verdichteten Starrsinn, mit ihrem Pflegerinnengleichmut, der das Fallen der Gestirne so gut besorgt wie das Nasenbluten des Vagabunden, nicht zuletzt mit ihrem schlechten Geschmack, sich gerade vor dem Gelehrten zu entschleiern. Und umgekehrt: zu verfolgen, welches seelische Gebilde von Mensch es erfordern würde, der im Kreis dieser Wesen sich leben fühlt wie ein loser, etwas ungewisser Sonderling unter seltsamen Pedanten, auf die nichts so sehr verzichtend wie darauf, gleich ihnen etwas Festes, ein wie allemal Bleibendes, ein Individuum zu sein, lieber sie bei ihrer Schwäche überlistend wie ein kleines Männchen am Uterus eines Riesenweibchens und im Augenblick des Schicksals, wenn sie plötzlich mit ihren lächerlich maniakalischen Gebärden zusammenschiessen, sie mit der überlegenen Wehrlosigkeit des Gehirns geniessend.

Nur die Kirche hat schon, einmal, in der Scholastik, bewiesen, dass sie ein intellektuelles System dieser Art – der Art: Den Menschen zum Zweck der Metaphysik zu machen, im übrigen wie es auch sei – aufbauen könne. Dass dieses später zusammenbrach, war ganz natürlich und bloss durch ein leicht zu verbesserndes Versehen entstanden. Denn auch das Paradoxe braucht als Grundlage eine Wahrheit, über die es sich hinausstemmt, und bloss diese Wahrheit, damals das Lehrgebäude des Aristoteles, war nach zweitausendjährigem Dienste mürbe geworden. Sie hätte leicht durch die neue ersetzt werden können. Aber die Kirche fand dazu keine Nötigung. Sie schloss vor langem das Buch ihrer Lebensessays und steuert es seither in immer wiederholten anastigmatischen Neudrucken mit Glück nach dem Massenerfolg.

Türler ve etiketler

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18+
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10 haziran 2026
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5257 s. 13 illüstrasyon
ISBN:
9782377871742
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