Kitabı oku: «Robert Musil: Gesammelte Werke», sayfa 95
Politik in Österreich
[Der Lose Vogel, 12.1912, S. 198-202]
Man denkt bei diesem Begriff zu einseitig an die Schwierigkeit der Nationalitätenfrage. Denn die – obgleich eine Schwierigkeit – ist längst eine Bequemlichkeit geworden; über einen ernsten Anlass hinaus ein uneingestandenes Ausweichen und Verweilen. Wie bei hohlen Liebenden, die immer neue Trennungen und Widerstände überwinden, weil sie schon ahnen, wie wenig sie am ersten Tag der Hindernislosigkeit noch miteinander anzufangen wissen werden. Wie Leidenschaft überhaupt nur ein Vorwand ist, keine Gefühle zu haben. Wenn die grosse Abrechnung beendet sein wird, wird es ein Glück sein, dass die schlechten Manieren, die man inzwischen angenommen hat, auch aus nichtigen Anlässen noch den Verwahrlosungsschein des Idealismus zu schaffen wissen werden. Aber dahinter wird die Leere inneren Lebens schwanken, wie die Öde im Magen des Alkoholikers.
Es gibt wenig Länder, die so leidenschaftlich Politik treiben, und keines, wo Politik bei ähnlicher Leidenschaft so gleichgültig bleibt wie in diesem; Leidenschaft als Vorwand. Nach aussen ist alles so sehr parlamentarisch, dass mehr Leute totgeschossen werden als anderswo, und es stehen alle Räder alle Augenblicke wegen der nächstbesten Parteidrehung still; hohe Beamte, Generäle, Ratgeber der Krone dürfen beschimpft werden, man kann Vorgesetzten mit einer Drohung vor dem Parlament bange machen, verdient Geld mit Hilfe der Politik, ohrfeigt einander. Aber alles ist halb wie eine Konvention, ein Spiel nach Übereinkommen. Die Furcht, die man erregt, die Macht, die man ausübt, die Ehren, die man auf sich sammelt, bleiben – trotzdem sie in allen wirklichen und gemeinhin als wichtig geltenden Beziehungen völlig echt sind – in der Seele unwahr, spukhaft, geglaubt und respektiert, aber nicht gefühlt. Man nimmt sie soweit ernst, dass man ihretwillen verarmt, doch es scheint, dass man das ganze Leben bis zu solchem Grade nach etwas einrichtet, hier nicht das Letzte zu bedeuten. Es könnte ein grosser, wenn auch erst negativer Idealismus darin gesehen werden. Das Tun legt diese Österreicher nie ganz auf sein Niveau fest. Es ist nicht an ihre Religiosität zu glauben, nicht an ihre Untertanenkindlichkeit oder ihre Sorgen; sie warten dahinter; sie haben die passive Phantasie unausgefüllter Räume und gestatten eifersüchtig einem Menschen alles, nur nicht den seelisch so präjudizierenden Anspruch auf den Ernst seiner Arbeit. Wogegen der Deutsche im Verhältnis zu seinen Idealen jenen unerträglich lieben Frauen gleicht, die plitschtreu wie ein nasses Schwimmkleid an ihren Gatten kleben.
Im gegenwärtigen Zustand freilich überwiegt jedenfalls der Mangel an Sinn und sie vertreiben sich die Wartezeit mit Lärmen. Ihre Kraftgebärden sind noch ein Zeichen der Schwäche, während andernorts der Schein von Kraftlosigkeit schon auf einer Stauung von Kraftmassen beruht. So ist der deutsche Parlamentarismus wie ein ackerfroher Gaul, der gegen einen Peitschenschlag protestiert, indem er ernst und sachlich mit dem Schweif über die Stelle hinwischt, und hier gibt es Leidenschaften im öffentlichen Leben, hinter denen man mit nüchternen Eingeweiden gähnt. Man weiss nicht, wovon man sich eigentlich beherrschen lässt; zeitweilig erhebt sich ein Orkan und alle Minister fallen sofort wie geübte Turner, – aber der Orkan ist beruhigt und ihre Nachfolger stehen in genau der gleichen Stellung da. Es sind kleine Änderungen gemacht worden, die einen professional befriedigen mögen, den Aussenstehenden aber unverständlich bleiben müssen; dennoch erklären auch sie sich augenblicklich für besänftigt. Es liegt etwas Unheimliches in diesem hartnäckigen Rhythmus ohne Melodie, ohne Worte, ohne Gefühl. Es muss irgendwo in diesem Staat ein Geheimnis stecken, eine Idee. Aber sie ist nicht festzustellen. Es ist nicht die Idee des Staates, nicht die dynastische Idee, nicht die einer kulturellen Symbiose verschiedener Völker (Österreich könnte ein Weltexperiment sein), – wahrscheinlich ist das Ganze wirklich nur Bewegung zufolge Mangels einer treibenden Idee, wie das Torkeln eines Radfahrers, der nicht vorwärtstritt.
Politische Missstände solcher Art haben stets ihre Gründe in kulturellen. Politik in Österreich hat noch keinen menschlichen Zweck, sondern nur österreichische. Man wird kein Ich durch sie, obwohl man alles andere mit ihrer Hilfe werden kann, und kein Ich vermag sich in ihr zu manifestieren. Das Werkzeug Sozialdemokratie ist hier noch nicht hart genug und starke andere Gegensätze wie zwischen dem geistigen Drang einiger beunruhigender Menschen, die als herrliches Ungeziefer auf den Abfällen des deutschen Händlerstaats leben, und der mit zwei Beinen in der Bibel, mit zwei Beinen in der Scholle wurzelnden Rechtmässigkeit der Grundherren sind nicht vorhanden. Die gesellschaftliche Struktur ist bis hoch hinauf ein einheitliches Gemenge von Bürger- und Kavaliersart.
Man ist in natürlichem Zustand fein und herzgesund. Ein Friseurgehilfe, der Damen des Hochadels beim Ondulieren seine Ideale einbekannte, hätte vor nicht langem hier beinahe eine Laufbahn als deutscher Dichter gemacht, wenn er nicht bei einem rout aus Versehen einen Pelz angezogen hätte, der noch nicht ihm gehörte. Er verkehrte zu jener Zeit bereits in den adeligsten Häusern, las bei Tees seine Dichtungen vor und gewiss hätte die bürgerliche Presse dem beschwingten Haarkalligraphen nicht lange widerstanden. Denn das Feine ist auch ihre Schwäche.
Es gibt nicht den grossen ideellen Gegensatz zwischen Bürgertum und Aristokratie. Er hat sich auch anderswo nur erstfach und sehr entstellt ausgedrückt – im Gedankenkreis des Liberalismus – und wird augenblicklich durch den wirtschaftlichen Gegensatz: Proletariat – Besitz verdeckt, obgleich der nur eine Wegschleife auf dem Marsch zu ihm hin ist. Aber inzwischen hat sich in grossen Staaten mit Welthandels- und Weltbeziehungshintergrund etwas Neues entwickelt, ein Paradoxon: ein ungeistiger aber rissiger Boden nämlich, in dessen Spalten trotz seiner dürren Ungunst die Kultur nun besser siedelt als je auf leidlich für sie passender Oberfläche. Sie realisiert ihre Zwecke heute nicht mehr durch den Staat wie einstens in Athen oder Rom, sondern bedient sich statt der Vollkommenheit des Ganzen, die doch nicht viele Steigerungen zuliesse, seiner Unvollkommenheiten, Lücken und der Kraftlosigkeit jeden einzelnen zu umspannen. Es ist die Auflösung durch die unübersehbare Zahl, was den kulturellen Grundunterschied gegen jede andere Zeit bildet, das Alleinsein und Anonymwerden des einzelnen in einer immer wachsenden Menge, welches eine neue geistige Verfassung mit sich bringt, deren Konsequenzen noch unberechenbar bleiben. Man kann als deutlichstes Beispiel heute schon unser bisschen ernster Kunst betrachten, deren Unfähigkeit, zugleich gut und vielen gefällig zu sein, tatsächlich eine Erstmaligkeit bedeutet und, weit über die Art des ästhetischen Streits hinaus, wahrscheinlich den Beginn einer neuen Funktion.
Die reale Voraussetzung dieser Kultur bildet aber das Bürgertum. Denn seine Eigenschaft ist es, keine Familien zu erzeugen, die nicht rasch wieder zerfallen, keine Tradition, erblichen Ideale und feste Sittlichkeit, solche Dinge, die als Gehschule nützlich sind, aber Laufende hindern. Es hat die Mission, wegen seiner Geschäfte sich nicht selbst um die Kultur zu kümmern, sondern Pauschalsummen dafür auszuwerfen. Es erzeugt keine faszinierenden Menschen, Prototypen, und also auch nicht die immer von ihnen ausgegangene Versuchung, dass ein Idealtyp aus dem engeren und stets gestrigen Bereich des menschlich Wirklichen, statt – mit schrankenloser Phantasie – aus dem der menschlichen Möglichkeiten gebildet werde. Es lässt den Schöpfer ausserhalb seiner Leistung einen Unbekannten, der – mehr Gedanke und Gefühl als Mensch – in einem Ideenlaboratorium Seelenformen schafft, ohne wie ein offizieller Fabrikant für deren allgemeine Gebrauchsfähigkeit im gleichen Augenblick schon garantieren zu müssen. Und selbst das Unverständnis, mit dem es seinen Gebildeten begegnet, gerät ihnen zum Vorteil, denn die Urteilslosigkeit von heute ist die Vorurteilslosigkeit von morgen.
Dieses Bürgertum gibt es in Österreich nicht; man wird noch immer vom Schicksal nur auf eine persönliche Empfehlung hin zum Österreicher geschaffen und es bleibt schwer, dem Unehre zu machen. Darum schätzt man die Katastrophen, weil sie die Verantwortung auf sich selbst nehmen, und braucht das Unglück, weil es heftige Gestikulationen erzeugt, hinter denen jeder Mensch erlischt und konventionell wird. Man lebt sein politisches Leben wie ein serbisches Heldenepos, weil das Heldentum die unpersönlichste Form des Handelns ist. Die kleine Jeanne aus Domremy war eine Kuhmagd in Männerhosen, der Büsser hat infolge der Askese Ungeziefer, der Held ist in der Aktion, im Erlebnis seiner Heldenhaftigkeit, eingeengt wie ein Tier; seine Kleider kleben von Blut, Schweiss, Staub wie Bretter, er kann nicht baden, sie scheuern ihn wund, sie hängen steif um ihn, der wie ein wahnsinniger Kern in seiner Hülse klappert; sein Gesichtsfeld ist eingeengt bis auf die fovea centralis, seine Blicke stechen sich an den Gegenständen fest. Not und Held gehören zusammen wie Krankheit und Fieber. Jede Gewaltleistung hat darum etwas Pathologisches an sich, ein eingeschränktes Bewusstsein, einen letzten, progressiven, wirbelhaften Anstieg. Der politische Held in Österreich aber ist die ausgebildete Technik der Bewusstseinseinschränkung auch ohne Anstieg. Eine üble, in häufiger Krankheit erworbene Unart, die man mit Recht nicht ganz ernst nimmt, aber so lange nicht ablegen wird, als den ganzen Bewusstseinsumfang beanspruchende Inhalte fehlen.
Über Robert Musil’s Bücher
[Der Lose Vogel, 5.1913, S. 221-227]
Gehirn dieses Dichters: Ich rutschte eilig die fünfte Windung in der Gegend des dritten Hügels hinunter. Die Zeit drängte. Die Grosshirnmassen wölbten sich grau und unergründlich wie fremde Gebirge am Abend. über die Gegend des verlängerten Marks kam schon Nacht herauf, Edelsteinfarben, Kolibrifarben, leuchtende Blumen, verstreute Wohlgerüche, Laute ohne Zusammenhang. Ich gestand mir, dass ich bald diesen Kopf verlassen müsse, wenn ich mich nicht einer Indiskretion schuldig machen wolle.
So liess ich mich nur noch einmal nieder, um meine Eindrücke zusammenzufassen. Rechts von mir lag die Stelle der Verwirrungen des Zöglings Törless, sie war schon eingesunken und mit grauer Rinde überwachsen; zu meiner andern Seite hatte ich die kleine, seltsam intarsierte Doppelpyramide der Vereinigungen. Eigensinnig kahl in der Linie, glich sie, von einer engen Bilderschrift bedeckt, dem Mal einer unbekannten Gottheit, in dem ein unverständliches Volk die Erinnerungszeichen an unverständliche Gefühle zusammengetragen und aufgeschichtet hat. Europäische Kunst ist das nicht, gab ich zu, aber was täte es. –
Ein verspäteter Literaturgeologe gesellte sich da zu mir; es war ein nicht unsympathischer junger Mann der neuen Schule, der – von der Ermüdung des enttäuschten Touristen befallen – das Gesicht mit dem Taschentuch kühlte und ein Gespräch begann. »Unerfreuliche Gegend«, meinte er; ich zögerte mit der Antwort. Aber er hatte kaum wieder zu sprechen begonnen, als wir durch einen Schriftstellerkollegen unseres Gastherrn unterbrochen wurden, der sich in Hemdärmeln krachend neben uns niederwarf. Ich sah nur noch ein glückliches Lächeln in einem faustgestützten Gesicht glänzen, während der Mensch, ein Anblick tintenfrischer Gesundheit und Kraft, unser Gespräch schon dort aufnahm, wo er es gestört hatte. Von Zeit zu Zeit spuckte er dabei vor sich in eine kleine, zarte Falte der Musilschen Hirnrinde und verrieb es mit dem Fusse.
»Enttäuscht?!« schrie er uns an und seine Worte sprangen den Hügel hinunter, »was hatten Sie sich eigentlich erwartet?! Mich konnte es nicht enttäuschen. An dieser Sache da«, – er wies mit dem Daumen nach den Verwirrungen – »ist ja manches talentvoll. Aber schon da stieg Musil schliesslich doch nur in die unmassgebliche Frage eines Sechzehnjährigen hinab und erwies einer Episode unverständlich viel Ehre, die mit Erwachsenen wenig zu tun hat. In den Vereinigungen aber ist die Freude am Verbohren ins Psychologische …«
Mir war, als müsse ich diesen Einwand schon kennen, vielleicht mochte ich ihn irgendwo gelesen haben; es drängte sich mir eine Antwort wie von früher her auf und ich unterbrach seine Rede. »Der Sechzehnjährige«, meinte ich, »ist eine List. Verhältnismässig einfaches und darum bildsames Material für die Gestaltung von seelischen Zusammenhängen, die im Erwachsenen durch zuviel andres kompliziert sind, was hier ausgeschaltet bleibt. Ein Zustand hemmungsschwacher Reagibilität. Aber die Darstellung eines Unfertigen, Versuchenden und Versuchten ist natürlich nicht selbst das Problem, sondern bloss Mittel, um das zu gestalten oder anzudeuten, was in diesem Unfertigen unfertig ist. Sie und alle Psychologie in der Kunst ist nur der Wagen, in dem man fährt; wenn Sie von den Absichten dieses Dichters nur die Psychologie sehen, haben Sie also die Landschaft im Wagen gesucht.«
»Oh«, meinte der Literaturgeologe, während er mit seinem Hämmerchen ein Stück Gehirn ausbrach, es auf der Hand zermahlte, ernsthaft anblickte und dann wegblies, »dieser Dichter hat manchmal zu wenig Schilderungskraft.« »Nein«, lächelte ich erzürnt, »wenig Schilderungsabsicht!« »Aber, ich bitte Sie«, machte der Geologe, »ich kenne so viele Dichter.«
Ich wollte schweigen. Man kann feste Vorurteile, die die Zeit vom Dichten hat, nicht in einem Einzelfall korrigieren. Wenn Musil mit Strenge Bedürfnisse erfüllt, bevor sie noch erweckt sind, soll er selbst damit fertig werden. Aber da hatte ich ein seltsames Erlebnis. Dieses Gehirn, auf dem wir sassen, schien sich für unser Gespräch interessiert zu haben. Ich hörte es plötzlich leise und mit gezackt pulsierenden Vokalen, woran wohl die Leitung durch meine Wirbelsäule schuld tragen musste, mir etwas ins Kreuzbein flüstern. Es strebte mir im Rücken empor und ich musste es aussprechen. »Es ist«, wiederholte ich, solcherart geschoben, »die Realität, die man schildert, stets nur ein Vorwand. Irgendwann mag ja vielleicht das Erzählen einfach eines starken begriffsarmen Menschen reaktives Nocheinmalbetasten guter und schrecklicher Geister von Erlebnissen gewesen sein, unter deren Erinnerung sein Gedächtnis sich noch krümmte, Zauber des Aussprechens, Wiederholens, Besprechens und dadurch Entkräftens. Aber seit dem Beginn des Romans halten wir nun schon bei einem Begriff des Erzählens, der daher kommt. Und die Entwicklung will, dass die Schilderung der Realität endlich zum dienenden Mittel des begriffsstarken Menschen werde, mit dessen Hilfe er sich an Gefühlserkenntnisse und Denkerschütterungen heranschleicht, die allgemein und in Begriffen nicht, sondern nur im Flimmern des Einzelfalls – vielleicht: die nicht mit dem vollen rationalen und bürgerlich geschäftsfähigen Menschen, sondern mit weniger konsolidierten, aber darüber hinausragenden Teilen zu erfassen sind. Ich behaupte, dass Musil solche erfasst – und nicht bloss andeutet oder ahnt – aber man muss wissen, was einem Dichtung soll, bevor man sich darüber streitet, ob gut gedichtet werde.« »Gut«, flüsterte das Gehirn, »gut.«
Aber der Geologe hatte die Antwort bereit. »Nicht die Spekulation, sondern die Lebendigkeit ist die entscheidende Eigenschaft des Dichters. Denken Sie bloss an unsre wirklich grossen Erzähler. Sie schildern. Einzig eine kunstvolle Optik formt die Antwort; die Meinung, das Denken des Künstlers drängt sich nirgends zwischen das Geschehen selbst, liegt sozusagen nicht in der Bildebene, sondern wird bloss als deren perspektivischer Fluchtpunkt fühlbar.« Das Gehirn unter mir brummte, dass die Lebendigkeit, in Ehren, schliesslich doch nur ein Mittel und nicht der Zweck der Kunst sei. »Man kann«, entäusserte ich das weiter, »einmal das Bedürfnis haben, mehr und Genaueres zu sagen, als mit solchen Mitteln möglich ist. Dann formt man ein neues. Kunst ist ein Mittleres zwischen Begrifflichkeit und Konkretheit. Gewöhnlich erzählt man in Handlungen und die Bedeutungen liegen neblig am Horizont. Oder sie liegen klar, dann waren sie schon mehr als halb bekannt. Kann man da nicht versuchen, ungeduldig einmal mehr den sachlichen Zusammenhang der Gefühle und Gedanken, um die es sich handelt, auszubreiten und nur das, was sich nicht mehr mit Worten allein sagen lässt, durch jenen vibrierenden Dunst fremder Leiber anzudeuten, der über einer Handlung lagert? Ich meine, man hat damit bloss das Verhältnis einer technischen Mischung verkehrt und man müsste das ansehen wie ein Ingenieur. Sie aber, der Sie das Spekulation nennen, überschätzen die Schwierigkeit des Menschenschilderns, – ein paar Fleckchen genügen, je bekanntere, desto besser. Jene Dichter, die auf die komplette Lebendigkeit ihrer Gestalten so grossen Wert legen, gleichen jenem etwas umständlichen lieben Gott der Theologen, der den Menschen einen freien Willen verleiht, damit sie ihm den seinen tun. Denn die Personen im Buche werden ja doch nur geschaffen, um Gefühle, Gedanken und andere menschliche Werte in sie hineinzulegen, die man mit der Handlung wieder aus ihnen herauszieht.«
Hier aber entglitt mir das Wort und ging an den gesunden Schriftstellerkollegen über. »Mag dem sein, wie es will«, entschied er, »es ist Theorie, und eine solche, theoretisch ausgeklügelte Technik mag zu dem Wesen dieses Schriftstellers passen. Praktisch bestehen bleibt, was ich schon vorhin sagte, dass diese Bücher mit den wahrhaften Kräften unserer Zeit einfach nicht das geringste zu tun haben. Sie wenden sich an einen kleinen Kreis von Hypersensiblen, die keine Realitätsgefühle mehr – nicht einmal perverse – haben, sondern nur literarische Vorstellungen davon. Es handelt sich um eine künstlich ernährte Kunst, die aus Schwäche dürr und dunkel wird und das als Prätention ausspielt. Jawohl«, brüllte er plötzlich, als müsse er einem Gedanken besonderen Respekt erweisen, obwohl wir beide warteten, bis er fertig sei, »das zwanzigste Jahrhundert donnert geradezu von Geschehen und dieser Mensch weiss nichts Entscheidendes über die Erscheinungen des Lebens noch über das Leben der Erscheinungen zu berichten! Blosse Mutmasslichkeit ist die Seele seiner Poesie.« Und er spannte den Biceps.
Den Augenblick dieser Nebenbeschäftigung benutzte der Geologe, um mit Erfolg nach dem Wort zu haschen. »Was ist denn der Inhalt seiner letzten Erzählungen?« fragte er überzeugend. »Keiner«, antwortete gestillt glücklich der Literat. »Was ereignet sich?« »Nichts!« lächelte der Schriftsteller, mit dem Ausdruck des Wozu-viele-Worte-Machens. »Diese eine Frau wird ihrem Mann untreu, aus irgendeinem konstruierten Einfall heraus, dass dies die Vollendung ihrer Liebe bedeuten müsse, und jene andre schwankt neuropathisch zwischen einem Mann, einem Priester und der Erinnerung an einen Hund, der ihr bald wie der eine, bald wie der andre erscheint. Was geschieht, ist darin schon von Anfang an beschlossen und ist widerwärtig und unbedeutend, ein intellektuelles und Gefühlsgestrüpp, in dem selbst die Personen der Handlung nicht vorwärtskommen.« »Er hat eben über das Leben selbst keine Einfälle mehr«, schloss bis zum Wohlwollen beruhigt der Kollege.
Ich glaubte jetzt schweigen zu müssen. Auch Robert Mayers Abhandlung über die Energie war den Fachgenossen ausgeklügelt und inhaltslos erschienen. Da erneute sich mir aber verstärkt das frühere Erlebnis. Einzelne Worte und kurze Sätze kamen ziemlich heftig zu mir herauf, längere Einflüsterungen bloss waren wie von einer sanften, zähen Masse bedeckt, manchmal unterbrochen und kamen erst an einer spätern Stelle unvermittelt wieder durch. »Lassen Sie ihnen keine Ruhe«, bat es zackig, »es handelt sich nicht um meine Bücher, die vorläufig sein mögen, sondern darum, einer grösseren Ungenügsamkeit in menschlichen Angelegenheiten den Weg zu bahnen und das Erzählen vom Kinderfrauenberuf zu emanzipieren!« Ich folgte. Ich hatte ein Gefühl, als sei mein Gehirn verdoppelt und während sein eines Exemplar langsam hinter dem musc. longissimus dorsi auf und abschwebe, schwimme das andere geschwächt und schattenhaft wie der Mond in meinem Schädel. Bisweilen näherten sie sich einander und schienen zu verfliessen. Dann verlor ich meinen Körper in einem seltsamen Mittelgefühl von Ich und Fremdheit. Ich sprach und die Worte kamen pelzig wie ungereifte Früchte aus mir heraus und schienen erst, wie ihr letzter Buchstabe mich passiert hatte, in der fremden Atmosphäre zu dem zu werden, was sie sagten.
»Die Frage«, begann ich langsam, »ob ein Kunstwerk aus Schwäche seines Urhebers dunkel ist oder aus Schwäche des Lesers diesem dunkel erscheint, liesse sich erproben. Man müsste die geistigen Elemente, aus denen es sich aufbaut, einzeln herauslösen. Die entscheidenden dieser Elemente sind – trotz eines bequemen Vorurteils der Dichter – Gedanken.« Der Kollege fuhr auf. »Gewiss, sie sind niemals rein als solche darzustellen«, gelang mir noch zuvorzukommen, »ich rede keinem Rationalismus das Wort und weiss, dass Kunstwerke nie restlos in angebbare Bedeutungen aufzulösen sind, sondern, wenn man ihren Inhalt beschreibt, geschieht dies wieder nur durch neue Verbindungen des Rationalen mit Arten des Sagens, mit Vorstellungen der Situation und anderen irrationalen Momenten. Aber schliesslich heisst Dichten doch erst, über das Leben nachdenken, und dann, es darstellen. Und den menschlichen Inhalt eines Kunstwerks verstehn, heisst, nicht nur dem eklatanten Ideengehalt, sondern auch den absoluten und undefinierbar runden Einfällen der Diktion, dem Schimmer der Gestalten, dem Schweigen und allen Unwiedergeblichkeiten das unendlich gebrochene Vieleck einer Gefühls- und Gedankenkette einzeichnen. Dieser asymptotische Abbau, durch den allein wir die seelischen Kraftstoffe dauernd unserm Geist assimilieren, ist der menschliche Zweck des Kunstwerks, seine Möglichkeit dessen Kriterium. Gelingt dies hier, käme man zu einem Ergebnis, das Sie aber schon vorweggenommen haben, nämlich, dass es nicht Kraftlosigkeit der Synthese ist, was Sie angreifen, sondern dass Sie schon vor deren Beurteilung die einzelnen Gefühle und Gedanken nicht verstehen können, für deren Zusammenfliessen zu Schicksalen hier Aufwand getrieben wird.«
Der Schriftsteller schwieg höhnisch und ich fuhr fort: »Starke blosse Gefühlserlebnisse sind fast so unpersönlich wie Empfindungen; das Gefühl an und für sich ist an Qualitäten arm und erst der es erlebt, bringt die Eigenheiten hinein. Die paar Unterschiede, die es in der Art und im Ablauf der Gefühle gibt, sind unbedeutend; was der Dichter an grossen Gefühlen schafft, ist ein Ineinandergreifen von Gefühl und Verstand. Es ist das ursprüngliche Erlebnis, innerlich zum Mittel zwischen mehreren andern gemacht; ist das Gefühl, seine intellektuell-emotionale Nachbarschaft und die Verbindungswege. Durch kein anderes Mittel ist das Gefühl des Franz von Assisi – das polypenartige, verzackte, mit tausend Saugnäpfen gewaltig das Weltbild verdrehende, oh meine Brüder ihr Vögelein! – von dem eines verzückten kleinen Pfarrers zu unterscheiden und die letzte Wehmut, an und für sich betrachtet, um den Entschluss Heinrich v. Kleists herum ist keine andre als die eines anonymen Selbstmörders.
Hält man sich hierin klar, so verfällt man nicht der Legende von den angeblich grossen Gefühlen im Leben, welchen Quell der Erzähler nur zu finden und seine Töpfchen darunter zu stellen hat. Die aber beherrscht unsere Kunst. Man kann sagen, dass dort, wo die Entscheidung zu suchen wäre, in unserer Dichtung immer nur eine Hypothese zu finden ist. Wo uns ein Mensch erschüttert und beeinflusst, geschieht es dadurch, dass sich uns die Gedankengruppen eröffnen, unter denen er seine Erlebnisse zusammenfasst, und die Gefühle, wie sie in dieser komplizierten wechselwirkenden Synthese eine überraschende Bedeutung gewinnen. Die gälte es darzustellen, wenn es heisst, einen Menschen, mag er gut oder verwerflich sein, zu einem Gewinn für uns zu gestalten. Aber statt ihrer findet man stets nur die naive Voraussetzung ihres Vorhandenseins und erst um diese Annahme herum, die wie ein Hohlgerüst in den Menschen steckenbleibt, wird die Durcharbeitung begonnen. Man schildert, wie man glaubt, dass sich jetzt solche Menschen innerlich und äusserlich im Ablauf der Handlung benehmen werden; wobei dieses psychologische Innerliche im Vergleich mit jener zentralen Persönlichkeitsarbeit, die erst hinter allen Oberflächen von Schmerz, Verworrenheit, Schwäche, Leidenschaft – oft später – beginnt, eigentlich nur ein zweiter Grad von aussen ist. Man gibt damit – und das gilt eben von der seelischen Schilderung so sehr wie von der der Handlungen – nur die Konsequenzen dessen, was an Menschen das Wesentliche ist, nicht aber dieses selbst; es bleibt unterdeterminiert wie alles, wo bloss aus Folgen auf Ursachen geschlossen werden muss. Diese Kunst kommt weder an den Kern der Persönlichkeit, noch an einen wohlgemessenen Eindruck von ihren Schicksalen heran. Sie, die so grossen Wert darauf legt, hat streng genommen keine Handlung, noch seelische Stringenz und steht, als Ganzes betrachtet, unerschöpflich in neuen Wendungen still.«
Ich wachte auf. Die Gefährten schliefen. Das Gehirn unter mir gähnte. »Nehmen Sie es mir nicht übel«, flüsterte es in der Tiefe, »aber ich kann die Augen nicht mehr offen halten.« Bei diesen Worten schrie ich, um die andern aufzurütteln: »In den Vereinigungen sind Schicksale vom Zentralen aus gestaltet. Dass aber zielbewusste Dichtung das Aktuelle nicht wählt, ist – müssen Sie einsehen – nicht eine Eigenheit der Kunst, sondern eine des Aktuellen, das ja nie aktuell geworden wäre, wenn es nicht schon mit vorkünstlerischen Mitteln ergriffen werden und ergreifen könnte. Das Mutmassliche ist das Mutmass –«. Aber ich sah die Gefährten nicht mehr und sprach unheimlich ins Leere. Der begonnene Satz glitt kalt und vor der Dunkelheit schaudernd in meine Kehle zurück. Ich traf hastig einige nötige Anstalten und sauste, von der Stille gehetzt, die nächste Spalte hinunter. An den Fasern des Optikus fing ich mich wieder, glitt an ihnen entlang, liess los, glitschte, wie gehofft, schlüpfernd unter der Sklera durch, bekam im gleichen Augenblick reichlich Luft und ging, hygroskopisch zu meiner vollen Menschlichkeit angeschwollen, befriedigt, wenn auch ein wenig benommen und nachdenklich nach Hause.