Kitabı oku: «Robert Musil: Gesammelte Werke», sayfa 96
Moralische Fruchtbarkeit
[Der Lose Vogel, 5.1913, S. 283-285]
Der Egoismus ist eine Fiktion der Moraltheoretiker; nur sein eigenes Wohl zu wollen, ist für das Gefühl durchaus keine bloss persönliche Angelegenheit. Rein egoistisch wäre nur die völlige Gefühlstaubheit, ein Automatismus ohne begleitendes Bewusstsein, der Kurzschluss zwischen sensoriellem Reiz und Willen ohne Zwischenschaltung eines Weltgefühls. Der Wüstling, der bedeutende Verbrecher, der Eisige sind durchaus auch Spielarten des Altruismus, wie man etwa den Don Juanismus als eine Form der Liebe schon erkannt hat.
Man hat nachgewiesen, dass sich jede altruistische Regung auf Akte der Selbstsucht zurückführen lässt; man hätte ebenso gut nachweisen können, dass in jeder egoistischen Handlung altruistische Antriebe versteckt sind, ohne die sie nicht denkbar wäre. Beide Ableitungen sind, so extrem unternommen, gleichermassen drollig; Begriffswürde im Wackeltopf, ein unfreiwilliges Gedankenspiel, weil der Gefühlsboden darunter schwankt.
Was als Tatsache auftaucht, wenn man Beispiele des Egoismus untersucht, ist stets ein gefühlhaftes Verhältnis zur Mitwelt, eine Beziehung zwischen Ich und Du, die an beiden Enden schwer ist. Ebensowenig hat es aber je einen reinen Altruismus gegeben. Es hat nur Menschen gegeben, die den andern nützen mussten, weil sie sie liebten, und solche, die sie schädigen mussten, weil sie sie liebten und das nicht anders ausdrücken konnten. Oder beides taten, weil sie hassten. Aber auch Hass und Liebe sind nur täuschende Erscheinungsweisen, zufällige Vorzeichen der einen, in manchen Menschen drängenden Kraft, die man bloss als moralische Agressivität bezeichnen kann, als den geradezu phantastischen Zwang, in irgendeiner vehementen Weise auf die Mitmenschen zu reagieren, sich in sie zu verströmen, oder sie zu vernichten, oder irgendwelche an inneren Erfindungen reiche Konstellationen zu ihnen zu schaffen. Der Altruismus wie der Egoismus sind Ausdrucksmöglichkeiten dieser moralischen Phantastik, aber sie sind zusammen nicht mehr als zwei von deren nie gezählten Formen.
Auch das Böse ist nicht der Gegensatz des Guten oder seine Abwesenheit, sondern sie sind parallele Erscheinungen. Sie sind keine grundlegenden oder gar letzten moralischen Gegensätze, wie man immer voraussetzte, wahrscheinlich überhaupt keine für die Moraltheorie besonders bedeutsamen Begriffe, sondern praktische und unreine Zusammenfassungen. Die diametrale Gegeneinandersetzung entspricht einem früheren Denkzustand, der von der Dichotomie alles erhoffte, und ist wenig wissenschaftlich. Was allen diesen moralischen Zweiteilungen den Schein von Wichtigkeit verleiht, ist die Verwechslung mit: bekämpfenswert und unterstützenswert. Tatsächlich enthält dieser echte Gegensatz, der in alle Probleme mit eingeht, eine wichtige Komponente der Moral und jede Theorie wäre schlecht, die an ihm irgend etwas abschleifen und vermitteln wollte. Dass alles verstehen alles verzeihen heisse, ist aber keine grössere Verwechslung, wie dass die Entscheidung über Verzeihbarkeit oder Unverzeihbarkeit eines moralischen Phänomens seine Bedeutung erschöpfe. Es kreuzt sich hier zweierlei, das durchaus auseinandergehalten werden muss. Was man bekämpfen oder unterstützen soll, ist durch praktische Überlegungen und faktische Verhältnisse bestimmt und, wenn man historischen Zufälligkeiten den nötigen Spielraum lässt, vollkommen zu erklären. Dass ich einen Dieb strafe, bedarf keiner letzten, sondern nur gegenwärtiger Gründe, um es zu rechtfertigen. Aber es enthält nicht die Spur von moralischer Kontemplation und Phantasie. Wenn dagegen jemand im Augenblick, wo er strafen will, sich gelähmt fühlt, sein Recht, irgendeinen anderen Menschen anzurühren, plötzlich zerfallen sieht, Busse zu tun beginnt oder sich in Kneipen totschlemmt, so hat, was ihn anrührt, nichts mehr mit gut oder böse zu tun und er befindet sich doch in einem Zustand vehementester moralischer Reaktion.
Wie sehr Moral im Grunde als etwas Abenteuerliches und Erlebnishaftes empfunden wird, beweist, dass selbst ihre Theoretiker das sichere Festland des Utilitarismus verlassen und oft versucht haben, das »Du sollst!« zu einem eigenartigen Erlebnis hinaufzusteigern, um das Gefühl – als Pflicht gross wie ein Fremder vermummt – von aussen anpochen zu lassen. Der kategorische Imperativ und was seit ihm als spezifisch moralisches Erlebnis gilt, ist im Grunde nichts als eine bärbeissig würdige Intrige, wieder zu Gefühl zu kommen. Aber was dabei in den Vordergrund gerückt wird, ist etwas völlig Sekundäres und Unselbständiges, das moralische Gesetze voraussetzt, statt sie zu schaffen; ein Hilfserlebnis und bei weitem nicht das zentrale Erlebnis der Moral.
Von allen moralischen Sätzen, die je ausgesprochen wurden, hat die stärkste altruistische Atmosphäre nicht das Liebe deinen Nächsten wie dich selbst oder das Tue Gutes, sondern der Satz, dass Tugend lehrbar sei. Denn tatsächlich braucht jede rationale Betätigung den anderen Menschen und wächst nur durch den Austausch gemeinsamer Erfahrungen. Die Moral beginnt aber eigentlich erst in der Einsamkeit, die jeden von jedem trennt. Das Nichtmitteilbare, die Eingeschlossenheit in sich ist das, weswegen die Menschen gut und böse brauchen. Gut und Böse, Pflicht oder Pflichtverletzung sind Formen, in denen das Individuum ein Gefühlsgleichgewicht zwischen sich und der Welt herstellt. Das Wichtige ist aber, nicht nur die Typik dieser Formen festzustellen, sondern vielmehr den Druck, der sie schafft, oder die Bedrücktheit, auf der sie ruhen, zu erfassen, die unendlich verschieden sind. Die Tat ist eine Stammelsprache dafür, ob es sich um einen Helden, einen Heiligen oder einen Verbrecher handelt. Noch der Lustmörder ist in irgendeinem Winkel voll innerer Verletztheiten und heimlicher Werbungen, irgendwo tut ihm die Welt unrecht wie einem Kind und er hat nicht die Fähigkeit, es anders auszudrücken als so, wie es ihm nun schon einmal gelingt. Es gibt im Verbrecher eine Widerstandslosigkeit und einen Widerstand gegen die Welt und es gibt diese beiden in jedem Menschen, der ein starkes moralisches Schicksal hat. Bevor man einen solchen – und sei er der Schändlichste – vernichtet, sollte man, was Widerstand in ihm war und durch das andere erniedrigt wurde, aufnehmen und bewahren. Und niemand schadet der Moral mehr als jene Gut- und böse-Wichte, die in flauem Entsetzen über die Form einer Erscheinung ihre Berührung ablehnen.
Der mathematische Mensch
[Der Lose Vogel, 5.1913, S. 310-314]
Eine der vielen Unsinnigkeiten, die aus Unkenntnis ihres Wesens über die Mathematik umlaufen, ist, dass man bedeutende Feldherrn Mathematiker des Schlachtfelds nennt. In Wahrheit darf deren logisches Kalkül nicht über die sichere Einfachheit der vier Spezies hinausreichen, wenn es nicht eine Katastrophe verschulden soll. Die plötzliche Notwendigkeit eines Schlussprozesses, der auch nur so mässig umständlich und uneinsichtig wäre wie das Auflösen einer einfachen Differentialgleichung, würde inzwischen Tausende hilf los ihrem Tod überlassen.
Das spricht nicht gegen das Feldherrningenium, wohl aber für die eigentümliche Natur der Mathematik. Man sagt, sie sei eine äusserste Ökonomie des Denkens, und das ist auch richtig. Aber das Denken selbst ist eine weitläufige und unsichere Sache. Es ist – mag es auch als einfache biologische Sparsamkeit begonnen haben – längst eine komplizierte Leidenschaft des Sparens geworden, der es auf Verschleppungen des Nutzens so wenig ankommt wie dem Geizhals auf seine bis zum Widerspruch wollüstig hingezögerte Armut.
Einen Prozess, mit dem man überhaupt nie fertig werden könnte, wie das Zusammenzählen einer unendlichen Reihe, ermöglicht die Mathematik unter günstigen Umständen in wenigen Augenblicken zu vollziehen. Bis zu komplizierten Logarithmenrechnungen, ja selbst Integrationen macht sie es überhaupt schon mit der Maschine; die Arbeit des Heutigen beschränkt sich auf das Einstellen der Ziffern seiner Frage und auf das Drehen an einer Kurbel oder ähnliches. Der Amtsdiener einer Lehrkanzel kann damit Probleme aus der Welt schaffen, zu deren Auflösung sein Professor noch vor zweihundert Jahren zu den Herren Newton in London oder Leibniz in Hannover hätte reisen müssen. Und auch in der natürlich tausendmal grösseren Zahl der nicht schon maschinell lösbaren Aufgaben kann man die Mathematik eine geistige Idealapparatur nennen, mit dem Zweck und Erfolg, alle überhaupt möglichen Fälle prinzipiell vorzudenken.
Das ist Triumph der geistigen Organisation. Das ist die alte geistige Landstrasse mit Wettergefahr und Räuberunsicherheit ersetzt durch Schlafwagenlinien. Das ist erkenntnis-theoretisch betrachtet Ökonomie.
Man hat sich gefragt, wie viele von diesen möglichen Fällen auch wirklich benutzt werden. Man hat bedacht, wie viele Menschenleben, Geld, Schöpfungsstunden, Ehrgeize in der Geschichte dieses ungeheuren Sparsystems verbraucht sind, heute noch investiert werden, allein schon nötig sind, damit man das bisher Erworbene nicht wieder vergisst: und hat versucht das an dem Nutzbrauch zu messen, der davon gemacht wird. Aber auch da erweist sich dieser schwere und gewiss umständliche Apparat noch als ökonomisch, ja streng genommen als vergleichslos. Denn unsere ganze Zivilisation ist durch seine Hilfe entstanden, wir kennen kein anderes Mittel; die Bedürfnisse, denen es dient, werden dadurch völlig befriedigt und seine leerlaufende Abundanz ist von der unkritisierbaren Art einmaliger Tatsachen.
Nur wenn man nicht auf den Nutzen nach aussen sieht, sondern in der Mathematik selbst auf das Verhältnis der unbenutzten Teile, bemerkt man das andere und eigentliche Gesicht dieser Wissenschaft. Es ist nicht zweckbedacht, sondern unökonomisch und leidenschaftlich. – Der gewöhnliche Mensch braucht von ihr nicht viel mehr als er in der Elementarschule lernt; der Ingenieur nur so viel, (lass er sich in den Formelsammlungen eines technischen Taschenbuches zurechtfindet, was nicht viel ist; selbst der Physiker arbeitet gewöhnlich mit wenig differenzierten mathematischen Mitteln. Brauchen sie es einmal anders, so sind sie zumeist auf sich selbst angewiesen, weil den Mathematiker solche Adaptierungsarbeiten wenig interessieren. So kommt es, dass Spezialisten für manche praktisch wichtigen Teile der Mathematik Nichtmathematiker sind.
Daneben aber liegen unermessliche Gebiete, die nur für den Mathematiker da sind: ein ungeheures Nervengeflecht hat sich um die Ausgangspunkte einiger weniger Muskeln angesammelt. Irgendwo innen arbeitet der einzelne Mathematiker und seine Fenster gehen nicht nach aussen, sondern auf die Nachbarräume. Er ist Spezialist, denn kein Genie ist mehr imstande, das Ganze zu beherrschen. Er glaubt, dass das, was er treibt, irgendwann wohl auch einen praktisch liquidierbaren Nutzen abwerfen wird, aber nicht der spornt ihn; er dient der Wahrheit, das heisst seinem Schicksal und nicht dessen Zweck. Mag der Effekt tausendmal Ökonomie sein, immanent ist das ein Allesdahingeben und Passion.
Die Mathematik ist Tapferkeitsluxus der reinen Ratio, einer der wenigen, die es heute gibt. Auch manche Philologen treiben Dinge, deren Nutzen sie wohl selbst nicht einsehen, und die Briefmarkenoder Krawattensammler noch mehr. Aber das sind harmlose Launen, die sich fern von den ernsten Angelegenheiten unseres Lebens abspielen, während die Mathematik gerade dort einige der amüsantesten und schärfsten Abenteuer der menschlichen Existenz umschliesst. Ein kleines Beispiel hierfür sei angefügt: Man kann sagen, dass wir praktisch völlig von den – ihr selbst gleichgültiger gewordenen – Ergebnissen dieser Wissenschaft leben. Wir backen unser Brot, bauen unsre Häuser und treiben unsre Fuhrwerke durch sie. Mit Ausnahme der paar von Hand gefertigten Möbel, Kleider, Schuhe und der Kinder erhalten wir alles unter Einschaltung mathematischer Berechnungen. Dieses ganze Dasein, das um uns läuft, rennt, steht, ist nicht nur für seine Einsehbarkeit von der Mathematik abhängig, sondern ist effektiv durch sie entstanden, ruht in seiner so und so bestimmten Existenz auf ihr. Denn die Pioniere der Mathematik hatten sich von gewissen Grundlagen brauchbare Vorstellungen gemacht, aus denen sich Schlüsse, Rechnungsarten, Resultate ergaben, deren bemächtigten sich die Physiker, um neue Ergebnisse zu erhalten, und endlich kamen die Techniker, nahmen oft bloss die Resultate, setzten neue Rechnungen darauf und es entstanden die Maschinen. Und plötzlich, nachdem alles in schönste Existenz gebracht war, kamen die Mathematiker – jene, die ganz innen herumgrübeln, – darauf, dass etwas in den Grundlagen der ganzen Sache absolut nicht in Ordnung zu bringen sei; tatsächlich, sie sahen zuunterst nach und fanden, dass das ganze Gebäude in der Luft stehe. Aber die Maschinen liefen! Man muss daraufhin annehmen, dass unser Dasein bleicher Spuk ist; wir leben es, aber eigentlich nur auf Grund eines Irrtums, ohne den es nicht entstanden wäre. Es gibt heute keine zweite Möglichkeit so phantastischen Gefühls wie die des Mathematikers.
Diesen intellektuellen Skandal trägt der Mathematiker in vorbildlicher Weise, das heisst mit Zuversicht und Stolz auf die verteufelte Gefährlichkeit seines Verstandes. Ich könnte noch andere Beispiele anreihen, wo etwa die mathematischen Physiker mit einemmal wild darauf aus waren, das Vorhandensein des Raums oder der Zeit zu leugnen. Aber nicht so träumelig von weitem, wie das die Philosophen zuweilen auch tun – was jedermann dann sofort mit ihrem Beruf entschuldigt – sondern mit Gründen, die ganz plötzlich mit der Präsenz eines Automobils vor einem auftauchten und schrecklich glaubwürdig waren. Aber es ist genug, um zu sehen, was für Burschen das sind.
Wir andern haben nach der Aufklärungszeit den Mut sinken lassen. Ein kleines Misslingen genügte, uns vom Verstand abzubringen, und wir gestatten jedem öden Schwärmer, das Wollen eines d’Alembert oder Diderot eitlen Rationalismus zu schelten. Wir plärren für das Gefühl gegen den Intellekt und vergessen, dass Gefühl ohne diesen – abgesehen von Ausnahmefällen – eine Sache so dick wie ein Mops ist. Wir haben damit unsre Dichtkunst schon so weit ruiniert, dass man nach je zwei hintereinander gelesenen deutschen Romanen ein Integral auflösen muss, um abzumagern.
Man wende nicht ein, dass Mathematiker ausserhalb ihres Fachs banale oder blöde Köpfe sind, ja dass sie selbst ihre Logik im Stich lässt. Dort ist es nicht ihre Sache und sie tun auf ihrem Gebiet das, was wir auf unsrem tun sollten. Darin besteht die beträchtliche Lehre und Vorbildlichkeit ihrer Existenz; eine Analogie sind sie für den geistigen Menschen, der kommen wird.
Wenn durch den Spass, der hier aus ihrem Wesen angerichtet wurde, ein wenig dieser Ernst schaut, mögen die folgenden Schlusssätze nicht als unvermittelt empfunden werden: Man greint, dass unsrer Zeit die Kultur fehle. Das heisst vielerlei, aber im Grunde war Kultur immer eine Einheitlichkeit entweder durch Religion oder durch gesellschaftliche Form oder durch Kunst. Für gesellschaftliche Form sind wir zu viele. Für Religion sind wir auch zu viele, was hier nur ausgesprochen und nicht bewiesen werden soll. Und was die Kunst betrifft: wir sind die erste Zeit, die ihre Dichter nicht lieben kann. Trotzdem sind in dieser Zeit nicht nur geistige Energien aktuell, wie sie noch nie da waren, sondern auch eine Gleichgestimmtheit und Einheitlichkeit des Geistes wie noch nie. Es ist töricht, zu behaupten, dass das alles um ein blosses Wissen gehe, denn das Ziel ist längst schon das Denken. Mit seinen Ansprüchen auf Tiefe, Kühnheit und Neuheit beschränkt es sich vorläufig noch auf das ausschliesslich Rationale und Wissenschaftliche. Aber dieser Verstand frisst um sich und sobald er das Gefühl erfasst, wird er Geist. Diesen Schritt zu tun, ist Sache der Dichter. Sie haben für ihn nicht irgendeine Methode zu lernen – Psychologie, um Gotteswillen, oder so – sondern nur Ansprüche. Aber sie stehen ihrer Situation hilflos gegenüber und trösten sich mit Lästerungen. Und wenn die Zeitgenossen ihr Denkniveau auch nicht selbst aufs Menschliche übertragen können, fühlen sie doch, was dort unter ihrem Niveau ist.
Analyse und Synthese
[Revolution15.11.1913, S. 2-3]
Nachdenkende Menschen sind immer analytisch. Dichter sind analytisch. Denn jedes Gleichnis ist eine ungewollte Analyse. Und man versteht eine Erscheinung, indem man erkennt, wie sie entsteht oder wie sie zusammengesetzt ist, verwandt, verbindbar mit andren ist. Man kann natürlich ebensogut sagen, jedes Gleichnis ist eine Synthese, jedes Verstehen ist eine. Natürlich; es sind zwei Hälften der gleichen Handlung. Trotzdem gibt es heute viele Literaten, die auf die Analyse erbost sind und sich mit der Synthese schmeicheln. Ihr Scheinrecht ist dieses: Bei fortgesetzter Ausübung von Partialanalysen oder -synthesen (das ist bei fortgesetztem Denken) wird schließlich alles mit allem verwandt, aus allem ableitbar, das Geschehen zerfällt in Aehnlichkeiten und schrankenlose Kombinationsmöglichkeiten. Es entspricht das zwar durchaus der Wahrheit (und kommt von der historischen Zufälligkeit, der wir die Art unseres inneren Seins, dessen Gruppierungen durch Werte u.s.w. verdanken), aber wird öde, wenn es als Spiel, ohne starke Leidenschaft und ohne sehr viel Talent gehandhabt wird. Dann zetern die Andern über die »bloße« Analyse, die »bloße« Psychologie (obwohl es sich nirgends um Psychologie handelt, eher um ethische Experimente), die mangelnde Verankerung in Wertgefühlen, den unfruchtbaren Rationalismus (obzwar es sich um gar kein rationales, sondern um ein emotio-rationales und senti-mentales Denken handelt) und dergleichen. – Ihr Irrtum ist, daß sie die der ihren naturgemäß ebenbürtige Talentlosigkeit des Durchschnittsvertreters mit der Sache verwechseln. Sie wissen richtig, daß ein Vertrautsein mit inneren Möglichkeiten noch keine Wirklichkeit ergibt, aber ihr Entsetzen übersieht, daß es zu dieser eines Schrittes vorwärts und nicht rückwärts bedarf. Sie wissen, daß ein Mensch, um suggestives Vorbild zu sein oder ein Kunstwerk zu schaffen, noch andere Eigenschaften braucht als Denken und moralische Phantasie, aber sie vergessen, daß man ihm diese hinzuwünschen und nicht das Denken ihm ausreden muß. Die infinitesimale verstehende Auflockerung des Menschen ist gewiß nicht der Neue Mensch, aber sie ist trotzdem die einzige Situation für jeden, der die Gabe hat, neue Menschen zu erzeugen. Man sei gegen nichts so mißtrauisch wie gegen alle Wünsche nach Entkomplizierung der Literatur und des Lebens, nach homerischer oder nach religiöser Stimmung, nach Einheitlichkeit und Ganzheit.
Politisches Bekenntnis eines jungen Mannes. Ein Fragment
[Die weißen Blätter, 11.1913, S. 237-244]
Ich erinnere ein Wort Goethes, das mich vor Jahren absonderlich ergriffen hat. Es sagt: man könne nur über solche Fragen schreiben, von denen man nicht zuviel wüßte. – Das tiefe Glück und Unglück dieses Geständnisses werden nicht viele Menschen verstehn. Es spricht eine schlichte seelische Tatsache aus: Daß die Phantasie nur in der Dämmerung arbeitet. Es gibt ein Denken, das Wahrheit schafft; klar wie eine Nähmaschine setzt es Stich neben Stich. Und es gibt ein Denken, das glücklich macht. Das ungeduldig in dich hineinfährt, so daß deine Beine zittern; das in Flug und Sturm Erkenntnisse vor die auftürmt, an die zu glauben dein Seelenleben in den nächsten Jahren ausfüllen wird, und: von denen du doch nie wissen wirst, ob sie richtig sind. Seien wir ehrlich: es reißt dich plötzlich einen Berg hinauf, von wo du deine innere Zukunft mit seliger Weite und Gewißheit siehst wie – seien wir ehrlich, wie ein zirkulär Irrer, ein Manisch-Depressiver im Vorstadium der Manie. Du schreist nicht und du machst keinen Unsinn, aßer du denkst locker und gigantisch wie mit Wolken, während das gesunde Denken Fug auf Fug wie in Ziegelsteinen denkt und wie äußerstes Bedürfnis hat, jeden einzelnen Griff immer wieder an den Tatsachen zu prüfen. Es verarmt dich, Einzelnen, indem es dich nicht über die Antworten auf ein paar Fragen hinausläßt, von denen deine Seele selbstverständlich nicht leben kann. Es macht dich unfruchtbar. Aber du mußt dein Denken von Zeit zu Zeit immer wieder auf dieses zurückschrauben, mußt es daran prüfen, mußt es ihm unterwerfen, darfst dich nie zuweit davon entfernen, wenn du nicht ins Maßlose und das ist zugleich ins Bedeutungslose geraten willst. Wer nicht mit einer heimlichen Scham und doch mit brennendem Entschluß die Wissenschaft meidet, versteht Goethes Geständnis nicht. Möge es entschuldigen, was ich in diesen Wochen niederzuschreiben versuchen werde.
Ich habe mich nie früher für Politik interessiert. Der politisierende Mensch, Abgeordneter oder Minister, erschien mir wie ein Dienstbote in meinem Haus, der für die gleichgültigen Dinge des Lebens zu sorgen hat; daß der Staub nicht zu hoch liegt und daß das Essen zur Zeit fertig sei. Er erfüllt seine Pflicht natürlich so schlecht wie alle Dienstboten, aber solange es angeht, mischt man sich nicht ein. Las ich zuweilen das Programm einer politischen Partei oder die Reden des Parlaments, so wurde ich in der Ansicht nur bestärkt, daß es sich hier um eine ganz untergeordnete menschliche Tätigkeit handle, der nicht im geringsten erlaubt werden dürfe uns innerlich zu bewegen. Ganz zugrunde lag allem dem aber ein altes Vorurteil, das ich hatte. Ich weiß nicht, wann ich es erwarb und welchen Namen ich ihm geben soll. Mir gefiel unsre Welt. Die Armen leiden; in tausend Schatten bilden sie eine Kette von mir abwärts zum Tier. Und eigentlich am Tier vorbei noch weiter abwärts, denn keine Tierart lebt unter so untierischen Bedingungen wie manche Menschen unmenschlich leben. Und die Reichen gefielen mir wegen ihrer Unfähigkeit ihren Reichtum seelisch bedeutsam auszunützen, wodurch sie so komisch sind wie jene Insekten, die in der Luft schillern und in der Nähe betrachtet, ein haariges, blödes Säckchen von Leib haben und ein dünnes, armes Stengelchen von Nerv darin. Und die Könige gefielen mir in ihrer Majestät wie gutmütige Menschen mit einer kleinen Absonderlichkeit, auf die alle Welt mit einem Augenzwinkern eingeht. Und die Religion gefiel mir, weil wir längst ungläubig sind und ganz ernsthaft weiter in christlichen Staaten leben. Und vieles in dieser Weise. Das war nicht nur Freude an der Vielheit der Erscheinung und nicht nur die nahebei philosophische Erschütterung über die außerordentlich zähe, zerdehnbare, unzerquetschbare Natur des Menschen, die diesem würdelosen Affen zur Herrschaft über die Erde verhalf, sondern es war vor allem die Wertschätzung der großen inneren Unordnung selbst, die darin liegt, daß wir den Nächsten mißbrauchen, aber bedauern, uns ihm unterordnen, aber das nicht ernst nehmen oder von einem Mord mit Scheu, von tausenden aber mit Ruhe sprechen. Denn, so schien mir, eine derart logiklose Unordnung des Lebens, eine solche Auflockerung ehemals bindender Kräfte und Ideale müßte ein guter Boden für einen großen Logiker der seelischen Werte sein. Da dieses Dasein in seiner Kupplung widersprechender Elemente außerordentlich kühn, wenn auch aus Inkonsequenz und Feigheit ist, bleibt nur der Schritt zu tun, noch kühner aus Bewußtheit zu werden. Und hier, wo jedes Gefühl nach zwei Richtungen äugt, alles treibt, nichts gehalten wird und seine Kombinationsfähigkeit verliert, müsste es gelingen alle inneren Möglichkeiten noch einmal zu prüfen, neu zu erfinden und die Vorzüge einer vorurteilslosen Laboratoriumstechnik endlich aus den Naturwissenschaften auch auf die Moral zu übertragen. Und daß wir damit aus der durch Rückschläge so langsamen Entwicklung vom Höhlenmenschen bis heute mit einem Sprung hinaus in eine neue Weltepoche kämen, glaube ich noch heute. Um einen Namen zu geben: ein konservativer Anarchist war ich.
Den Gedanken, durch den sich das änderte, wird man vielleicht lächerlich finden. Er ist kurz und einfach: Du selbst bist schon – sagte er mir – in dem, was du willst, ein Geschöpf der Demokratie und die Zukunft ist nur durch eine gesteigerte und reinere Demokratie erreichbar.
Ich hielt, das alle Menschen im Grunde gleich und Brüder seien, immer für eine sentimentale Übertreibung und tue es noch heute, denn mein Gefühl wurde von dem der anderen stets mehr abgestoßen als angezogen. Aber ich glaube mit Klarheit zu sehn, daß die Wissenschaft ein Ergebnis der Demokratie ist. Nicht nur daß hier der Große mit dem Geringen arbeitet und der Größte den Durchschnitt der nächsten Generation kaum überschreitet. Vielmehr ist das Entscheidende, daß durch die Demokratisierung der Gesellschaft, die in den letzten zweihundert Jahren stattgefunden hat, eine größere Zahl Menschen als je zur Mitarbeit gelangt ist und daß unter dieser größeren Zahl – entgegen dem aristokratischen Vorurteil – die Auslese an Begabung größer ausfiel. Ich verkenne nicht die Verflachung, die zuweilen bei zu großer Ameisenhaftigkeit des wissenschaftlichen Betriebs zur Gefahr wird, aber ich glaube, daß die Zahl der großen Leistungen im Verhältnis zu der der mittleren steht, denn das Genie macht nie etwas neu, sondern stets nur etwas anders und die durchschnittlichen Talente liefern ihm die Möglichkeit, in der es sich zu Leistungen verdichtet. Der vehemente Aufschwung, den die Kenntnis und Beherrschung der Natur seit dieser Zeit genommen haben, ist nur so zu erklären. – Es ist undankbar diesen Leistungen des Verstandes immer nur entgegenzuhalten, daß sie der Seele nichts genützt haben, ja daß seit ihrer Zeit das Seelische einen Prozeß der Verkümmerung erleidet. Sie haben alle, auch die im guten Sinn einfältigen Seligkeiten zerstört, gewiß, indem sie einen Boden für kompliziertere schufen; aber es ist nicht ihre Aufgabe gewesen, auch noch diese selbst zu schaffen. Sonderen unsere. Der naturwissenschaftliche Verstand mit seinem strengen Gewissen, seiner Vorurteilslosigkeit und Entschlossenheit, jedes Ergebnis von neuem in Frage zu stellen, sobald der geringste geistige Vorteil dadurch möglich ist, tut auf einem Interessengebiet zweiten Ranges das, was wir in den Fragen des Lebens tun sollten.
Allein gewiß geht auch das, was wir durch ihn erlitten haben, auf seine demokratische Herkunft zurück. Es ist die Verarmung des inneren Ganzen zum Vorteil einzelner Teile. Die Existenz gewaltiger Spezialgehirne in Kinderseelen. Nicht nur ist es meistens betrüblich, Männer der Wissenschaft über andre als wissenschaftliche Fragen urteilen zu hören, sondern auch der Mathematiker versteht Kulturhistoriker nicht: und der Nationalökonom nicht das Leben des Botanikers. Diese Divergenz des Geschmacks ist nicht nur eine Folge der Unübersichtlichkeit und deshalb der Größe der Wissenschaft. Denn wären die Gelehrten Söhne und Glieder einer einheitlichen Gesellschaft, so wäre die Wissenschaft eine allseitige, ausgeglichene und durch den guten Geschmack beschränkte Ausbildung des Geistes geworden, eine gesellschaftliche Übung und verhielte sich zu der unsren wie das körperliche Können des Renaissancegentiluomo zu den Rekordleistungen des modernen Sports. So aber kommen sie als junge Leute aus den verschiedensten Gegenden der menschlichen Gesellschaft daher, ausgestattet mit den verschiedensten Lebensgewohnheiten, -ansprüchen und -hoffnungen, bohren sich mit den Kopf an der Stelle in die Wissenschaft ein, wo sie angelangt sind und leben frugal, voneinander verschieden und in Unkenntnis jeder anderen Kultur das Leben jenes seelischen Dorfs weiter, aus dem sie gerade stammen.
Und nicht nur in der Wissenschaft, auch in der Kunst finden wir den gleichen Gewinn und das gleiche Leid. Denn was haben wir, frage ich mich, in der Kunst heute Köstlicheres als jene Freizügigkeit des Gefühles, die wir einer Auflockerung der moralischen Satzungen und der Geschlossenheit des Geschmacks, im letzten Grunde also auch hier der zu großen Zahl der Menschen verdanken? Sie ermöglicht uns jene außerordentliche Beweglichkeit des Standpunkts, durch die wir das Gute im Bösen und das Häßliche im Schönen erkennen. Die starren Schätzungen (welche wir vorgefunden haben) auflösen und ihre Elemente zu neuen Gebilden unsrer moralischen und künstlerischen Phantasie zusammensetzen. Aber auch, daß wir mit diesen Leistungen nicht durchdringen, rührt daher; und darum der künstlerische Partikularismus, die ohnmächtige Vielheit kleiner Gemeinden, die Hemmungslosigkeit im Umsturz und Erfinden von Neuem, mit der sich die Künste maßlos steigern, weil sie kein Publikum beschwert. Das Mißtrauen, mit dem jedes Neue wie eine Narrheit empfunden wird, und nicht zuletzt, daß trotzdem dieser sinnlose, täuschende allgemeine Hunger nach einer künstlerischen Erlösung bleibt, nach einer homerischen Einfalt, in die wir verschiedenen alle einmal vereint zurücksinken könnten. – Trotzdem ist es für mich ohne Frage, daß wir die so errungenen Vorteile niemals wieder preisgeben werden und daß wir die Schädigungen überwinden können. Und daß wir gewinnen werden, wenn wir die Entwicklung, die bisher geführt hat, noch übertreiben.
So – angedeutet – der Gedanke. Und meine Überzeugung zwingt mich seither zu etwas, wovon mein Gefühl nichts wissen will. Ich mache die theoretischen Vorstudien, die mir ermöglichen sollen, meinen Willen einzusetzen. Ich suche ein wirtschaftliches Programm, das die Durchführung einer reinen, beschwingenden Demokratie gewährleisten soll, das noch größere Massen heraufzieht. Gewiß, ich werde bis dahin sozialdemokratisch oder liberal, jenachdem es die Umstände fordern, wählen, aber es ist klar, daß wir etwas brauchen, daß uns aus der Flachheit der heutigen Parteien hinausführt, und zu jeder solchen Idee gehört ein wirtschaftliches Programm als Durchführungsvorschrift. Und ich frage mich ganz naiv: wer wird meine Schuhe putzen, meine Exkremente fortkarren, nachts für mich in ein Bergwerk kriechen? Der Bruder Mensch? Wer wird jene Griffe tun, zu deren vollendeter Durchführung man ein ganzes Leben lang an der gleichen Maschine stehn und das Gleiche tun muß. Ich kann mir vieles denken, das heute gering geschätzt wird und doch einen Zauber hat, sobald man es freiwillig tut. Aber wer wird sich jenen vielen andren Arbeiten unterziehn, zu denen nur die Not zwingt? Und ich will bequemer reisen als heute und eine schnellere Post haben. Ich will bessere Richter, bessere Wohnungen haben. Ich will besser essen. Ich will mich nicht über den Polizeimann ärgern. Zum Teufel, ich, Mensch, bewohne die Erde und sollte es in diesem meinem Haus nicht zu einer besseren Bequemlichkeit bringen können als dieser erbärmlichen von heute?!