Kitabı oku: «Robert Musil: Gesammelte Werke», sayfa 97

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Einstweilen treiben wir Politik, weil wir nichts wissen. Es zeigt sich deutlich, darin, wie wir es tun. Unsre Parteien existieren durch die Angst vor der Theorie. Gegen die Idee, fürchtet der Wähler, läßt sich stets eine andre Idee einwenden. Darum schützen sich die Parteien gegenseitig vor den paar alten Ideen, die sie ererbt haben. Sie leben nicht von dem, was sie versprechen, sondern davon, die Versprechen der andern zu vereiteln. Das ist ihre stillschweigende Interessengemeinschaft. Sie nennen diese gegenseitige Behinderung, die nur kleine praktische Ziele erreichen läßt, Realpolitik. Keine von ihnen weiß wirklich, wohin es führen würde, wenn man den Agrariern folgte, oder den Forderungen der Großindustriellen oder denen der Sozialdemokratie. Sie wollen gar keine Politik machen, sondern Stände vertreten und für bescheidene Wünsche das Ohr der Regierung haben. Ich hätte nichts dagegen, wenn sie darum die Politik andren überließen, so aber konservieren sie durch die Legierung mit wirtschaftlichen Tagesvorteilen auch noch entwertete Ideologien, wie die des Christentums, der Könige, des Liberalismus, der Sozialdemokratie. Und indem sie sie niemals ausführen, geben sie ihnen einen Schein von Bedeutung und Heiligtum, was neben allem andren auch noch eine Sünde wider den Geist ist.

Ich bin überzeugt, daß das wirtschaftliche Programm keiner einzigen von ihnen durchführbar ist und daß man auch gar nicht daran denken soll, eines zu verbessern. Sie werden weggeblasen, sobald der Wind sich erhebt, wie allerhand Mist, der sich auf stillem Boden angehäuft hat, sie werden falsch gestellte Fragen sein, auf die es kein Ja und Nein mehr geben soll, sobald eine Sehnsucht durch die Welt fährt. Ich habe keinen Beweis dafür, aber ich weiß, so wie ich warten viele.

Noch aber ist es still und wir sitzen wie in einem Glaskäfig und traun uns keinen Schlag zu tun, weil dabei gleich das Ganze zersplittern könnte. Wir sind mit unsren besten Dingen verfangen in Geldwirtschaft, mit der Kunst, den Erfindungen … ja wir lieben das Geld wie eine Art Gott, eine Art Zufall, eine unverantwortliche Instanz der Entscheidung. Trauen wir wirklich irgendeiner sozialen Organisation zu, die guten Künstler zu fördern und die schlechten zu unterdrücken? Den Wert von Erfindungen oder anderen Ideen zu erkennen, der sich erst nach Jahren manifestieren wird? Wir sind im Grunde durchdrungen davon, daß der Staat der entsetzlichste Tölpel ist. Auch das Geld verteilt sich nicht nach Gerechtigkeit, aber es verteilt sich doch wenigstens nach Glück und Zufall und es ist nicht die stabilierte Hoffnungslosigkeit, die der allmächtige Staat wäre.

So kommen diese Tage der Depression. Ich war vor einer Stunde zu Besuch im römischen Irrenhaus und dann in der Kirche. Damit es nicht wie eine Pointe erscheint, sage ich es gleich jetzt: so erschien mir alles, wie unsre Situation. Sieben Mann, der Arzt, ich und fünf große Wärter traten wir in jedes Zimmer der Unruhigenabteilung. In einer Einzelzelle tobte ein nackter Mann; wir hörten schon von weitem ihn schreien. Blond war er und muskulös und sein Bart stak voll dicken Speichels. Immer die eine Bewegung machte er, ein Herumwerfen des Oberkörpers mit einem Ruck aller Muskeln und dazu immer den gleichen Griff mit der einen Hand, als wollte er jemandem etwas erklären. Und schrie etwas, das keiner verstand, immer das gleiche. Für ihn war [es] wohl jenes Bedeutungsvolle, das er deutlich zu machen, der Welt ins Ohr zu hämmern hatte, für uns war es ein zerstoßener unförmiger Schrei. Und danach saß ich beim Gesang der französischen Nonnen. Ein Stimmchen ging zagend dahin, man wußte nicht, war es ein altes oder junges Stimmchen und die Stimmen der Schwestern holten es ein und wärmten es in der kalten Ungewißheit des Weltraums. Und drei Schritte vor mir sang einer selig mit und zerstörte alles. Es war einer von jenen Alten, die den Betstuhldrang dreimal täglich nicht zurückhalten können und die der Gott der Katholiken angeblich so lieben soll. Das bäurisch Altjungfernhafte, schlecht Gelüftete des Katholizismus senkte sich muffig auf mich. Sind so böse Umwege nötig, um zu diesem Augenblick des Gesangs zu kommen? Sind Umwege nötig? Rucke, Zuckungen, Planloses, Andersgeplantes? Ist es ein Unsinn, ein Teil zu nehmen und einen Weg zu brechen? Wird alles von selbst, irgendwann, nebenbei? Und nie durch Erkenntnis und geradlinigen Willen? Mir fiel der Giardino zoologico ein, nicht weit von der Kirche; so erschien mir alles. Ein Tier geht dort auf und ab, auf und ab. Ohne Gitter eingeschlossen. Ich habe es gestern gesehn. Ist es nicht wirklich so, der Mensch –: ein Tier, aus dem Weltraum hier verfangen? Eingeschlossen ohne Gitter. Auf und ab. Auf und ab. Versteht nicht, warum es nicht hinaus kann? Ohne Sentimentalität und in voller Kühle: er ist es. – Ich bin trotzdem verstimmt über diesen literarischen Einfall. Es drückt die alte Lust auf mir, alles vergeblich zu finden. Ich bin zurückgeschlagen. Aber ich habe den Willen!

Anmerkung zu einer Metapsychik1

[Die Neue Rundschau, 4.1914, S. 556-560]

Die Vorstellung, daß die guten irdischen Werke irgendwie unsre Jenseitsexistenz bilden – diese Lieblingsidee der heutigen spiritualistischen Philosophie, welche sich persönliche Unsterblichkeit nicht mehr zu garantieren getraut – hat etwas von dem Bedürfnis des Kinds, das sein Spielzeug ins Bett und in das schwarze Loch des Schlafs abends mitnehmen will. Es hat, wenn es sich mit zweckwidriger Lehrhaftigkeit verbindet, etwas zerstörend Komisches wie bei Eucken und manchmal selbst bei Bergson. Hat bei Novalis – der nie vergißt, daß die Gedanken, die in ihm sind, einst, als deren Gehirn sie nachstammelnd bildete, im Leibe seiner kleinen Geliebten waren, – Über-Sinnlichkeit, berührte Gesteigertheit, blühsamenhaftes Streichen durch die Gedankenwelt wie durch eine Wolke dunkelrosigen Laichs. Oder es hat – diese Vorstellung von der Ewigkeit eines den persönlichen umfassenden Gesamtgeistes – ein Ethos fürs Diesseits in sich, ein Lied in der Marschkolonne mit verschlungenen Armen, ein Brudermenschglück, Marseillaise eines angsterheitert aus dem Dunkel ins Dunkel ziehenden Schwarms. Wie ein wenig bei Emerson. Ich führe das an, um etwas von der Gefühlsmannigfaltigkeit zu zeigen, die in diesen Fragen wohnt, und ein wenig an die Verantwortung zu erinnern, die das Jenseits dem Diesseits gegenüber hat. In Rathenaus Buch spüre ich von solchen Möglichkeiten die des sich zu den andern Bekennens. Errate, daß manche Vorstellungen, von denen es beherrscht wird, in Stunden vor der begrifflichen Niederschrift von daher geströmt, daß sie dahergeströmt kamen; finde aber andre Menschenmöglichkeiten nicht genug gesehn.

Wenn Rathenau sagt, der richtige Mensch – er nennt ihn den seelenvollen – neigt zur Liebe, zur Entäußerung, zur Idee, zur Intuition, zur furchtlosen Wahrheit; sein Charakter sei Treue, Großmut, Unabhängigkeit; sein Benehmen Sicherheit, heitere Ruhe und Festigkeit; er sei eher stark als klug, selbstbewußt als erfahren; er habe heitere Freiheit des Lebens, Hang zu transzendenter Erhebung, intuitive Frömmigkeit –: so ist darin anzuerkennen das Programm eines Menschentypus, der – in einem Kunstwerk aufgestellt oder mit der gleichen, einer letzten, inneren Reserve in einem Essay beschrieben – wertvoll sein kann, je nachdem wie sich seine Eigenschaften durch Verknüpfung untereinander und mit andren näher bestimmen. Wird aber davon nicht ein Individuum gemalt, sondern schon für die bloße Palette, ausschließlich für dieses Sortiment moralischer Farben Herrschaft beansprucht, so liegt der Fall anders und es stürmt in die Erinnerung: daß Dostojewski ein Epileptiker war, daß Flaubert es war und daß in tiefen Momenten ihres Daseins ihr Benehmen nicht »Sicherheit und heitere Freiheit des Lebens« gewesen sein dürfte. Daß Horaz aus der Schlacht davonlief. Daß Schopenhauer eine Gallspritze war. Nietzsche, Hölderlin Narren. Wilde ein Zuchthäusler. Verlaine ein Trinker. Daß van Gogh sich eine Kugel in den Bauch schoß. Sind das Ausnahmen, so möchte man die Regel sehn, aber das frühe Griechentum, das Rathenau dafür anruft, hat neben dem Achilleus den Odysseus geliebt, Nietzsche lehrte von dem apollinischen den dionysischen Typus zu scheiden und selbst die Überlieferung von dem vermeintlich größten aller Apolliniker, Goethe, ist – wie Bahr in einer guten älteren Arbeit gezeigt hat – eine Legende. Die Ausnahmen scheinen also doch irgendwie in die Regel verflochten zu sein.

Und wird behauptet, Ägypten und Ostasien hätten nur seelenlose Kunst hervorgebracht, während man doch an die seltsamen Seelen denkt, die in Stichen und Steinen von dort zu uns kamen; heißt es von seelenhaften Völkern, ihr Geist schwebe über der Erscheinung und erhebe sich zur souveränen Anschauungsform des Humors, die »scheinbar sorglos und unbeteiligt und dennoch voll höchsten Verstehens sich der Geschöpfe annimmt«, während man sich doch erinnert, daß Dante, Goethe, Beethoven, Dostojewski wenig Humor besaßen, hingegen der liebenswürdige Thackeray viel von solchem; wird erwähnt, daß Frankreich kein einziges Gedicht hervorgebracht habe, daß große Kunst immer einfach sei und das Absolute spiegle, während man weiß, daß diese Kunstfragen nahe betrachtet doch – weniger einfach liegen; heißt es von seelenvollen Völkern, es herrschten bei ihnen Glaube, Treue, Krieg, positive Ideale und fern seien ihnen Materielles, Friede, Gelehrsamkeit, Analyse, während man mit vielen heute fühlt, daß es kriegerische Tugenden auch in der Gelehrsamkeit geben könne, weiß, daß Friede und Glaube meist eine Einheit bilden, dafür kämpft, daß Ideale nicht vor die Analyse gesetzt werden, sondern nach ihr erwachsen mögen – –: so erkennt man, daß hier trotz aller Modernität die Welt wieder einmal in Himmel und Hölle zerschnitten wird, während zwischen beiden, aus irgendeiner Mischung, gerade aus einer, freilich noch sehr zu untersuchenden Mischung von gut und böse, krank und gesund, egoistisch und hingebend … die Fragen der Erde blühn.

Rathenaus Buch hat dafür eine wertvolle Entschuldigung. Jene Gruppe menschlicher Zustände, die man mit einem in der Essayistik heimisch gewordenen Ausdruck das Erlebnis der Seele oder der Liebe nennt. Seine Beschreibung in diesem Buch ist schön, wenn sie stofflich auch kaum etwas Neues bieten kann. Es ist das Grunderlebnis der Mystik.

Dieses Erlebnis entsteht, Rathenaus Beschreibung ist an dieser Stelle meisterhaft, durch ein der Liebeskraft analoges Streben, eine namenlose Konzentrationskraft, ein inneres Sammeln, Vereinigen der intuitiven Kräfte. Weder eine Kraft, noch eine Trägheit, noch ein Schmerz muß überwunden werden, sondern Erstarrung. Diese Liebe versenkt sich in die Natur und verliert sich nicht; sie ruht gleichsam mit ausgebreiteten Schwingen über der Erscheinungswelt. Das Wollen löst sich, wir sind nicht wir selbst und doch zum erstenmal wir selbst. Die Seele, die in diesem Augenblick erwacht, will nichts und verspricht nichts und bleibt dennoch tätig. Sie bedarf nicht des Gesetzes, ihr ethisches Prinzip ist Erweckung und Aufstieg. Es gibt kein ethisches Handeln, sondern nur einen ethischen Zustand, innerhalb dessen ein unsittliches Tun und Sein nicht mehr möglich ist. Zwischen dem, was wir hoch, und dem, was wir tief bewerten, zwischen dem, was wir lieben und hassen, preisen und verachten, ist der Unterschied sehr gering und besagt nur eines: ob das Werden der Seele gehemmt oder gefördert wird. – In diesen Sätzen ist kein Winkel, der nicht erfüllt wäre von Erleben. Wer den Zustand nicht kennt, dem ist er nicht zu bezeichnen. Wer ihn kennt, weiß, daß Gefühlserkenntnisse, große innere Umlagerungen, Lebensentscheidungen oft in solchen Augenblicken wie aus dem Nichts aufgetaucht vor dem Erlebenden stehen. Man erkennt dann alles, was man vordem mit unberührtem Verstand gedacht hat, als völlig belanglos. Man ist im Zustand der Erweckung, den alle Mystiker als den Eintritt in eine neue Existenz gepriesen haben. An dem Sinnenbild der Welt, das wir empfangen, sind zentrale Faktoren ja stets beteiligt; in diesem veränderten Zustand liegt ein seltsamer Gefühlston über der Welt, sie erscheint selbst verändert. Und man fühlt, daß die wunderbare Bewegung schon zu erstarren beginnt, wie sie der Verstand in Worte fassen will.

Von daher, wenn man sich nachfühlend in den Bann solcher Stimmungen versetzt, kann man die Abneigung gegen Verstand und Analyse begreifen, die vermeinte Einfachheit, die Laienfrömmigkeit, die kinderäugigen Ideale, die Geringschätzung alles Häkichten; sie gehören nicht notwendig hinzu, aber verständlich und schon die Griechen nannten solchen Zustand mit einem Wort der Liebe die große Ein-Falt. Man erkennt den Umkreis dieser Behauptungen bis zu den vollkommenen Unhaltbarkeiten hinunter, wie er in den Augenblicken solcher Eingebung aufleuchtete, hier deutlich, dort verdämmernd, und flüchtig abgesteckt ward.

Die Aufgabe, die sich Rathenau setzte, war, aus diesem Zustand heraus eine Philosophie zu schreiben. Der Zustand ist menschlich wichtig.

Es gäbe drei Wege. Man kann das Erlebnis als ein seltenes und fragiles betrachten, was es auch ist, dessen Bedingungen man untersucht, dessen Gehalt man an andren Lebensgehalten erprobt, für das man nach dem gebührenden Platz in sich sucht. Wobei trotz aller zu beschleichenden Seelenwinkel die normalen Innenzonen Richtzentrum bleiben. Oder man versucht den Zustand des inneren Schauens zum Lebenszustand zu verlängern und gibt die Normalität für ihn preis. Die religiösen Mystiker hatten dafür die Konvention Gott. Sie sanken in Gott hinein und wurden aus ihm wieder hinausgeworfen, aber Gott blieb als ständige Möglichkeit, als manchmal erreichte Wirklichkeit und der Zustand erhielt durch die Anknüpfung an seine Existenz Breite und Stete. Das ist heute nicht möglich, aber es bleibt ein dritter Weg: weil man in Höhepunkten das Treiben des Verstands als wertlos erkennt, die Konsequenz zu ziehen und zu trachten, daß man aus dem einen Erlebnis heraus den Geist des dazugehörenden Menschen konstruiere und mit diesem Geist dann statt mit dem Verstande die Welt denke. Dies zu versuchen ist der Vorsatz des Buchs. Wahrscheinlich hoffnungslos, ist das Wagnis einer solchen Aufgabe doch von mehr als gewöhnlichem Verdienst.

Bei der Ausführung fehlte jedoch – das Erlebnis und an Stelle der Gefühlsmystik trat eine rationale. Diese Verschiebung ist absolut typisch für alle systematischen Versuche auf diesem Gebiet. Von der seelischen Berührung bleibt dann nur das anstrengende Festhalten einiger in intimsten Augenblicken gebildeter Begriffe, zwischen die alles übrige mit einem Geist interpoliert wird, der naturgemäß außer trance ist und sich von dem wissenschaftlichen Verstand eigentlich nur dadurch unterscheidet, daß er auf dessen Tugenden der Methodik und Genauigkeit verzichtet. Die Evidenz der Intuition entgleitet zur Unverbindlichkeit des Aperçus; was eben noch als Aphorismus, als esprithafter Einfall daherkam, gilt wenige Zeilen später als gefestetes Material für neuen Weiterbau und es entsteht eine außerordentlich merkwürdige Pseudosystematik, eine Art erbittertes Ordnungsspiel, bei dem es aus einer Anzahl bestimmter Steine vorausbestimmte Figuren zu formen gilt. Wird überdies ein schwieriger innerer Zustand mit Gewalt festgehalten, wie es hier zur Zentrierung der Einfälle immer wieder nötig ist, so entsteht hinter der Aufmerksamkeitsspannung ein gewisses Vakuum der Gefühle und der seelische Gehalt verläuft sich. Immer aber treten dann an die Stelle innerer Verluste äußere Gefühlshilfen; Metaphysik als Nobilitierung und heraldische Spekulation, die die entleibte Haut des Erlebnisses an die Sterne hängt. Auch Rathenaus Buch macht von diesem Schicksal keine Ausnahme; es läßt sich das nicht im einzelnen erweisen, denn es ist das Verhängnis des Ganzen. Das Unglück will, daß die Menschen, die heute für solche Fragen in Betracht kommen, wenig Verständnis für die Tugenden scharfen Denkens haben und kaum fühlen werden, daß hier alles wieder verlorengeht, während die andern, die dieses Verständnis besäßen, meist keine Ahnung haben, was hier ein Griff in der Tiefe erfaßte, dem es auf dem Weg zur Oberfläche wieder entrann. – Wir Deutschen haben – außer dem einen großen Versuch Nietzsches – keine Bücher über den Menschen; keine Systematiker und Organisatoren des Lebens. Künstlerisches und wissenschaftliches Denken berühren sich bei uns noch nicht. Die Fragen einer Mittelzone zwischen beiden bleiben ungelöst.

Beiträge in S. Fischers Mitteilungen

[S. Fischers Mitteilungen über neuere Literatur, Frühjahr 1914, S. 3-5., S. 42-43]

Zur Einführung

Man hört nicht selten von Leuten, deren Bildung über jedem Zweifel ist, Aussprüche von vornehmer oder vornehmtuerische Abwehr gegen die zeitgenössische Literatur. Sie sagen dann, daß sie mit der Bibel und Shakespeare, mit Dante und Goethe für ihr Leben vollauf genug hätten, daß diese höchsten Erscheinungen weder an Kraft noch an unmittelbarem Nutzen für die menschliche Seele übertroffen werden könnten. Es mag das ganz wörtlich richtig und im einzelnen Fall des seinen eigenen Arbeiten hingegebenen Mannes nichts dawider zu sagen sein. Prinzipiell jedoch verfehlt eine solche Auffassung sich gegen das Lebensgesetz der Kunst. Wenn Lichtenberg es als eine Geckerei empfindet, daß Werther in »seinem« Homer lese, so steckt, bei sonstiger Rückständigkeit seines Urteils gegen das neue Himmelslicht, ein gesunder Kern in seinem Spott. Er war ja selbst sein Leben lang in der Schule der klassischen Literatur. Aber er war zugleich ein Mensch der Gegenwart, ein großer Verehrer und Versteher des Gegenwartelementes in der englischen Literatur, dem englischen Theater, der englischen Lebenshaltung, zudem als Mann der Wissenschaft von vornherein auf Gegenwart gestellt. Als solcher betrog er sich durch seine Liebhaberei über das Bedürfnis hinweg, seine Zeit in allen ihren Äußerungen kennen zu lernen, sich mit ihr herumzuschlagen und ihr damit soviel Dienst zu erweisen, wie er von ihr empfing. Schließlich kommt auch der erhabenste Mitlebende nicht ohne seine Zeit aus. Wer immer nur Beethoven hören will, hört gewiß einen falschen Beethoven; und wenn Bismarck, der in jungen Jahren, wie aus allen Bächen des Lebens, so auch aus dem der Literatur in tiefen Zügen trank und z.B. ein bewundernswerter, in manchem Sinne einziger, weil wahlverwandter Kenner Shakespeares war, später zuviel zu tun hatte, als daß ihm noch Zeit für die neuen Romane, Theaterstücke und Gedichte geblieben wäre, so blieb ihm doch noch Zeit, mit Stindes »Familie Buchholz« in allen ihren Deklinationen mitzuspazieren. Auf solche Leser wie Bismarck von vornherein verzichten zu müssen, beraubt eine Literatur eines Ansporns und einer nur mit großem Nachteil zu vermissenden Prüfung; und sie selbst leben in der oft verhängnisvollen Täuschung, daß ihnen die Gegenwart durch die Denkmäler der Vergangenheit gedeutet werde, indessen diese Vergangenheit viel häufiger durch die Gegenwart Farbe, Geschmack und Tendenz bekommt. Dem kann sich auch der Geistesmächtige nicht entziehen; jede Generation zum Beispiel sieht und versteht eine andere Antike.

Der Typus, der es mit Shakespeare und Stinde hält, ist überhaupt bei uns nicht selten; auch unter Universitätslehrern der Literatur ist er zu finden. Und es scheint fast in der Konsequenz davon, daß man in Berlin nahe daran ist – oder war –, der modernen Literatur die Ehre eines gleichwürdigen Universitätsfaches zu entziehen. Die moderne Literatur könnte das am Ende ohne Schaden ertragen, die Universität kaum. Man versteht eine Kunst nicht, wenn man sie nicht als eine Kraft versteht; kein Meisterwerk und kein Meister darf uns die Kunst selbst ersetzen oder verdecken. Als Kraft aber ist sie immer Gegenwart.

Und darum muß man mit Freude sehen, wenn in die Beruhigung eines literarischen Zustands immer wieder neue Unruhe tritt; es ist die alte Unruhe, ist das Leben. Sie dokumentiert sich zwar schon in jedem neuen Werk, stärker noch in jedem neuen Autor, am stärksten und heftigsten in der neuen Generation, der die Eroberungen der vorigen als Erbe zufallen. Seit der Bewegung der achtziger Jahre ist ein Menschenalter vergangen; noch blüht und fruchtet die Kraft von damals ungeschwächt; um so schwerer hat es die junge Generation. Aber sie ist da, und wenn sich zwar ihre verschiedenen, auch untereinander gegensätzigen Tendenzen nicht zu einem einheitlichen Willen zusammenfügen, so ist doch das Verlangen, Eigenes zu sagen, nicht zu tausend Variationen, talentvoll und gewohnheitmäßig, noch eine zu fügen, unverkennbar.

In Zeiten literarischer Unruhe war immer die Lyrik das empfindliche Instrument, Neuwetter anzusagen. Lyriker waren auch vor dreißig Jahren die ersten Sturmschwalben, die ersten Sieger und die ersten Besiegten. Und aus der Stimmung, die sie mitschufen, kamen das gültige neue Drama und der Roman. Eine solche Stimmung scheint sich vorzubereiten.

Der Poesie als einer steten Kraft, als einer steten Zeugung und Erneuerung zu dienen, ist die Aufgabe eines Verlages, der überhaupt seine Aufgabe zu erkennen vermag. Wieviel wir davon zu betreuen haben, bedarf keiner Erklärung; wir werden darüber von jetzt an in unseren »Mitteilungen«, wovon das vorliegende Heft das erste ist, Bericht und Rechenschaft geben. Die besondere Aufgabe indessen dieser »Mitteilungen« wird es sein, das Interesse literaturfreundlicher Kreise für solche Verfasser und Werke zu gewinnen, denen die üblichen Wege der Ankündigung wenig zu nützen vermögen.

1.Walther Rathenau, Zur Mechanik des Geistes (S. Fischer Verlag)

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Yaş sınırı:
18+
Litres'teki yayın tarihi:
10 haziran 2026
Hacim:
5257 s. 13 illüstrasyon
ISBN:
9782377871742
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