Kitabı oku: «Hans Fallada – Gesammelte Werke», sayfa 33
50. Das Gespräch mit Otto Quangel
Es war dem Kommissar Escherich nicht ganz leicht geworden, Herrn Obergruppenführer Prall zu bestimmen, dass er ihn bei dem ersten Verhör mit Otto Quangel allein ließ. Aber schließlich war es ihm doch gelungen.
Als er mit dem Werkmeister die Treppen zur Wohnung hinaufstieg, war es schon dunkel geworden. Licht brannte auf den Treppen, Licht schaltete Quangel ein, als sie in die Stube getreten waren. Er wandte sich zum Schlafzimmer.
»Meine Frau ist krank«, murmelte er.
»Ihre Frau ist nicht mehr hier«, sagte der Kommissar. »Sie ist fortgebracht. Setzen Sie sich hierher zu mir …«
»Meine Frau hat viel Fieber – Grippe …«, murmelte Quangel.
Es war ihm anzusehen, dass die Nachricht von der Abwesenheit seiner Frau ihn stark erschüttert hatte. Die starre Gleichgültigkeit, die er bisher zur Schau getragen hatte, war gewichen.
»Ein Arzt sorgt für Ihre Frau«, sagte der Kommissar beruhigend. »Ich denke, in zwei, drei Tagen werden wir das Fieber fort haben. Ich habe für den Abtransport einen Krankenwagen beordert.«
Zum ersten Mal sah Quangel den Mann da vor sich genauer an. Lange ruhte sein starres Vogelauge auf dem Kommissar. Dann nickte Quangel. »Krankenwagen«, sagte er. »Doktor – das ist gut. Ich danke Ihnen. Das ist richtig. Sie sind kein schlechter Mann.«
Der Kommissar nützte seine Gelegenheit. »Wir sind nicht so schlimm, Herr Quangel«, sagte er, »wie wir oft gemacht werden. Wir tun alles, um den Verhafteten die Lage zu erleichtern. Wir wollen ja nur feststellen, ob eine Schuld vorliegt. Das ist unser Geschäft, wie es Ihr Geschäft ist, Särge zu tischlern …«
»Ja«, sagte Quangel mit harter Stimme. »Ja, Sargtischler und Sarglieferant, so ist das!«
»Sie meinen«, antwortete Escherich leicht spöttisch, »ich liefere den Inhalt der Särge? Sehen Sie Ihren Fall denn so schwarz an?«
»Ich habe keinen Fall!«
»Oh, doch schon, ein bisschen. Sehen Sie zum Beispiel einmal diese Feder an, Quangel. Ja, es ist Ihre Feder. Die Tinte daran ist noch ganz frisch. Was haben Sie heute oder gestern mit dieser Feder geschrieben?«
»Ich musste was unterschreiben.«
»Und was mussten Sie denn unterschreiben, Herr Quangel?«
»Ich habe einen Krankenschein ausgeschrieben, für meine Frau. Meine Frau ist nämlich krank, Grippe …«
»Und Ihre Frau hat mir gesagt, Sie schreiben nie. Alles, was bei Ihnen geschrieben wird, schreibt sie, hat sie gesagt.«
»Das ist auch ganz richtig, was meine Frau gesagt hat. Die schreibt alles. Aber gestern musste ich, weil sie Fieber hatte. Sie weiß davon nichts.«
»Und sehen Sie einmal, Herr Quangel«, fuhr der Kommissar fort, »wie die Feder spießt! Es ist eine ganz neue Feder, aber schon spießt sie. Das macht, weil Sie solch schwere Hand haben, Herr Quangel.« Er legte die beiden in der Werkstatt gefundenen Karten auf den Tisch. »Sehen Sie, die erste Karte ist noch ganz glatt geschrieben. Aber bei der zweiten, sehen Sie – hier – und hier – und da das B auch –, da hat die Feder gespießt. Nun, Herr Quangel?«
»Das sind die Karten«, sagte Quangel gleichgültig, »die haben in der Werkstatt auf dem Boden gelegen. Ich habe dem mit der blauen Jacke gesagt, er soll sie aufheben. Da hat er’s getan. Ich habe einen Blick auf die Karten geworfen, dann habe ich sie gleich dem Vertrauensmann von der Arbeitsfront gegeben. Der ist mit den Karten weggegangen. Und weiter weiß ich von den Dingern nichts.«
Das alles hatte Quangel eintönig und langsam gesagt, mit einer schwerfälligen Zunge, wie ein alter, etwas beschränkter Mann.
Der Kommissar fragte: »Aber das sehen Sie doch, Herr Quangel, dass diese zweite Karte zum Schluss mit einer gespaltenen Feder geschrieben ist?«
»Davon verstehe ich nichts. Ich bin gewissermaßen kein Schriftgelehrter, wie es in der Bibel heißt.«
Eine Weile war es ganz still in dem Zimmer. Quangel sah vor sich hin auf den Tisch, mit einem fast ausdruckslosen Gesicht.
Der Kommissar sah den Mann an. Er war fest davon überzeugt, dass dieser Mann nicht so langsam und schwerfällig war, wie er jetzt tat, sondern so scharf wie sein Gesicht und so rasch wie sein Auge. Der Kommissar sah es als seine erste Aufgabe an, diese Schärfe aus dem Mann hervorzulocken. Er wollte mit dem schlauen Kartenschreiber reden, nicht mit diesem alten, von Arbeit töricht gewordenen Werkmeister.
Nach einer Weile fragte Escherich: »Was sind denn das da für Bücher auf dem Regal?«
Langsam hob Quangel den Blick, sah einen Augenblick den anderen an und drehte dann den Kopf ruckweise, bis das Bücherregal ihm in Sicht kam.
»Was das für Bücher sind? Da steht das Gesangbuch von meiner Frau und ihre Bibel. Und das andere sind wohl alles Bücher von meinem Sohn, der gefallen ist. Ich lese keine Bücher, ich besitze keine. Ich habe nie gut lesen können …«
»Geben Sie mir doch mal das vierte Buch von links, Herr Quangel, das mit dem roten Einband.«
Langsam und vorsichtig nahm Quangel das Buch aus der Reihe, trug es behutsam, als sei es ein rohes Ei, an den Tisch und legte es vor den Kommissar.
»Otto Runges Radiobastelbuch«, las der Kommissar laut vom Deckel vor. »Na, Quangel, fällt Ihnen nichts ein, wenn Sie dies Buch sehen?«
»Ein Buch von meinem Sohn Otto, der gefallen ist«, antwortete Quangel langsam. »Der hatte es mit den Radios. Der war bekannt, um den haben sich die Werkstätten gerissen, der kannte jede Schaltung …«
»Und sonst fällt Ihnen nichts ein, Herr Quangel, wenn Sie dies Buch sehen?«
»Nee!« Quangel schüttelte den Kopf. »Ich weiß von nichts. Ich les nicht in so Büchern.«
»Aber vielleicht legen Sie was rein? Schlagen Sie das Buch mal auf, Herr Quangel!«
Das Buch öffnete sich genau an der Stelle, wo die Karte lag.
Quangel starrte auf die Worte: »Führer befiehl, wir folgen …«
Wann hatte er das geschrieben? Lange, lange musste es her sein. Ganz im Anfang. Aber warum hatte er es nicht zu Ende geschrieben? Wieso lag die Karte hier im Buch von Ottochen?
Und langsam dämmerte ihm eine Erinnerung an den ersten Besuch seines Schwagers Ulrich Heffke. Damals war die Karte rasch fortgesteckt worden, und er hatte an Ottochens Kopf weitergeschnitzt. Weggesteckt und vergessen, von ihm wie von Anna!
Das war die Gefahr, die er immer gefühlt hatte! Das war der Feind im Dunkeln, den er nicht hatte sehen können, den er aber immer geahnt hatte. Das war der Fehler, den er gemacht hatte, der nicht zu berechnen gewesen war …
Sie haben dich!, sprach es in ihm. Jetzt hast du dich um deinen Kopf gespielt – durch deine eigene Schuld. Jetzt bist du geliefert.
Und: Ob Anna irgendetwas gestanden hat? Sicher haben sie ihr die Karte gezeigt. Aber Anna hat trotzdem geleugnet, ich kenne sie doch schon, und so werde ich es auch machen. Freilich, Anna hat Fieber gehabt …
Der Kommissar fragte: »Nun, Quangel, Sie sagen ja gar nichts? Wann haben Sie denn die Karte geschrieben?«
»Ich weiß von der Karte nichts«, antwortete er. »Ich kann so was gar nicht schreiben, dafür bin ich zu dumm!«
»Aber wieso kommt die Karte jetzt in das Buch Ihres Jungen? Wer hat sie denn da reingelegt?«
»Wie soll ich denn das wissen?«, antwortete Quangel fast grob. »Vielleicht haben Sie die Karte selber reingelegt oder einer von Ihren Leuten! Das hat man schon öfter gehört, dass Beweise gemacht werden, wo keine da sind!«
»Die Karte ist in Gegenwart von mehreren einwandfreien Zeugen in diesem Buch gefunden. Auch Ihre Frau war dabei.«
»Na, und was hat meine Frau gesagt?«
»Als die Karte gefunden wurde, hat sie sofort eingestanden, dass Sie der Schreiber sind, und sie hat diktiert. Sehen Sie, Quangel, seien Sie jetzt nicht bockbeinig. Gestehen Sie einfach. Wenn Sie jetzt gestehen, sagen Sie mir nichts, was ich nicht schon weiß. Sie erleichtern aber Ihre Lage und die Lage Ihrer Frau. Wenn Sie nicht gestehen, muss ich Sie zu uns auf die Gestapo nehmen, und in unserm Keller ist es nicht sehr hübsch …«
In der Erinnerung, was er selbst in diesem Keller erlebt hatte, zitterte die Stimme des Kommissars etwas.
Er fasste sich aber und fuhr fort: »Wenn Sie aber gestehen, so kann ich Sie gleich dem Untersuchungsrichter übergeben. Dann kommen Sie nach Moabit, da werden Sie gut gehalten, genau wie alle anderen Gefangenen.«
Aber der Kommissar konnte sagen, was er wollte, Quangel blieb bei seinen Lügen. Escherich hatte eben doch einen Fehler begangen, den der scharfsinnige Quangel sofort bemerkt hatte. So weit war Escherich eben doch durch das schwerfällige Wesen Quangels und durch die Mitteilungen seiner Vorgesetzten über ihn beeindruckt, dass er Quangel nicht für den Verfasser der Karten hielt. Er war nur der Schreiber, die Frau hatte sie diktiert …
Dass er das aber wiederholte, bewies Quangel, dass Anna nichts gestanden hatte. Das hatte dieser Bruder sich nur ausgedacht.
Er leugnete immer weiter.
Schließlich brach Kommissar Escherich das erfolglose Verhör in der Wohnung ab und fuhr mit Quangel in die Prinz-Albrecht-Straße. Er hoffte jetzt, dass die andere Umgebung, der Aufmarsch der SS-Männer, dieser ganze drohende Apparat den einfachen Mann einschüchtern, ihn seiner Überredung zugänglicher machen würde.
Sie waren im Zimmer des Kommissars, und Escherich führte Quangel vor den Stadtplan von Berlin mit seinen roten Fähnchen.
»Sehen Sie das mal an, Herr Quangel«, sagte er. »Jedes Fähnchen bedeutet eine aufgefundene Karte. Es steckt genau an der Stelle, wo sie gefunden wurde. Und wenn Sie sich nun einmal diese Stellen ansehen«, er tippte mit dem Finger, »da sehen Sie ringsherum Fähnchen über Fähnchen, aber hier gar keine. Das ist nämlich die Jablonskistraße, in der Sie wohnen. Da haben Sie natürlich keine Karten abgelegt, da sind Sie zu bekannt …«
Aber Escherich sah, dass Quangel gar nicht hinhörte. Eine seltsame, unverständliche Erregung war über den Mann gekommen beim Anblick des Stadtplanes. Sein Blick flackerte, seine Hände zitterten. Fast schüchtern fragte er: »Das sind aber ’ne Menge Fähnchen, wie viele mögen das wohl sein?«
»Das kann ich Ihnen genau sagen«, antwortete der Kommissar, der jetzt begriffen hatte, was den Mann so erschütterte. »Es sind 267 Fähnchen, 259 Karten und 8 Briefe. Und wie viel haben Sie geschrieben, Quangel?«
Der Mann schwieg, aber es war jetzt kein Schweigen des Trotzes mehr, sondern der Erschütterung.
»Und bedenken Sie noch eines, Herr Quangel«, fuhr der Kommissar, seinen Vorteil wahrnehmend, fort, »alle diese Briefe und Karten sind freiwillig bei uns abgeliefert. Wir haben keine von uns aus gefunden. Die Leute sind damit förmlich gelaufen gekommen, als brennte es. Sie konnten sie nicht schnell genug loswerden, die meisten haben die Karten nicht einmal gelesen …«
Noch immer schwieg Quangel, aber in seinem Gesicht zuckte es. Es arbeitete gewaltig in ihm; der Blick des starren, scharfen Auges, jetzt flackerte er, irrte ab, senkte sich zur Erde und hob sich wieder wie gebannt zu den Fähnchen.
»Und noch eines, Quangel: Haben Sie je einmal darüber nachgedacht, wie viel Angst und Not Sie mit diesen Karten über die Menschen gebracht haben? Die Leute sind ja vor Angst vergangen, manche sind verhaftet worden, und von einem weiß ich bestimmt, dass er wegen dieser Karten Selbstmord verübt hat …«
»Nein! Nein!«, schrie Quangel. »Das habe ich nie gewollt! Das habe ich nie geahnt! Ich hab’s gewollt, dass es besser wird, dass die Leute die Wahrheit kennenlernen, dass der Krieg schneller zu Ende geht, dass dies Morden endlich aufhört – das habe ich gewollt! Aber ich habe doch nicht Angst und Schrecken säen wollen, ich hab’s doch nicht noch schlimmer machen wollen! Die armen Menschen – und ich habe sie noch ärmer gemacht! Wer war’s denn, der Selbstmord verübt hat?«
»Ach, so ein kleiner Nichtstuer, ein Rennwetter, der ist nicht wichtig, um den machen Sie sich das Herz nicht schwer!«
»Jeder ist wichtig. Sein Blut wird von mir gefordert werden.«
»Sehen Sie, Herr Quangel«, sagte der Kommissar zu dem düster neben ihm stehenden Manne. »Nun haben Sie es doch gestanden, Ihr Verbrechen, und haben es nicht einmal gemerkt!«
»Mein Verbrechen? Ich habe kein Verbrechen begangen, wenigstens nicht das, was Sie meinen. Mein Verbrechen ist es, dass ich mich für zu schlau hielt, dass ich es allein machen wollte, und ich weiß doch, einer ist nichts. Nein, ich habe nichts getan, weswegen ich mich schämen muss, aber wie ich es getan habe, das war falsch. Dafür verdiene ich die Strafe, und darum sterbe ich gerne …«
»Nun, so schlimm wird’s ja nicht gleich werden«, bemerkte der Kommissar tröstlich.
Quangel hörte nicht auf ihn. Vor sich hin sagte er: »Ich hab nie richtig was von den Menschen gehalten, sonst hätte ich es wissen müssen.«
Escherich fragte: »Wissen Sie denn, Quangel, wie viel Briefe und Karten Sie eigentlich geschrieben haben?«
»276 Karten, 9 Briefe.«
»… sodass ganze 18 Stück nicht abgeliefert worden sind.«
»18 Stück, das ist meine Arbeit von über zwei Jahren, das ist all meine Hoffnung. 18 Stück mit dem Leben bezahlt, aber immer doch 18 Stück!«
»Glauben Sie nur nicht, Quangel«, sagte der Kommissar, »dass diese 18 Stück immer weitergegeben sind. Nein, die sind von Leuten gefunden, die selbst so viel Dreck am Stecken hatten, dass sie die Karten nicht abzugeben wagten. Auch diese 18 sind ohne jede Wirkung geblieben, wir haben nie etwas aus dem Publikum von ihrer Wirkung gehört …«
»Sodass ich nichts erreicht habe?«
»Sodass Sie nichts erreicht haben, wenigstens nichts von dem, was Sie wollten! Seien Sie doch froh darüber, Quangel, das wird Ihnen bestimmt als strafmildernd angerechnet werden! Vielleicht kommen Sie mit fünfzehn oder zwanzig Jahren Zuchthaus weg!«
Quangel schauderte. »Nein«, sagte er. »Nein!«
»Was haben Sie sich denn eigentlich auch gedacht, Quangel? Sie, ein einfacher Arbeiter, haben gegen den Führer kämpfen wollen, hinter dem die Partei, die Wehrmacht, die SS, die SA stehen? Gegen den Führer, der schon die halbe Welt besiegt hat und in ein, zwei Jahren unsern letzten Feind besiegt haben wird? Das ist doch lächerlich! Das mussten Sie sich doch von vornherein sagen, dass das schief gehen musste! Das ist, wie wenn eine Mücke gegen einen Elefanten kämpfen will. Das verstehe ich nicht, Sie, ein vernünftiger Mann!«
»Nein, das werden Sie nie verstehen. Es ist egal, ob nur einer kämpft oder zehntausend; wenn der eine merkt, er muss kämpfen, so kämpft er, ob er Mitkämpfer hat oder nicht. Ich habe kämpfen müssen, und ich würde es immer wieder tun. Nur anders, ganz anders.«
Er wendete seinen wieder ruhigen Blick zum Kommissar: »Übrigens, meine Frau hat nichts mit diesen Dingen zu schaffen. Sie müssen sie wieder freilassen!«
»Jetzt lügen Sie, Quangel! Ihre Frau hat die Karten diktiert, sie hat es selbst gestanden.«
»Jetzt lügen Sie! Sehe ich aus wie ein Mann, der sich von seiner Frau diktieren lässt? Womöglich sagen Sie noch, sie hat sich die ganze Sache ausgedacht. Aber ich bin es gewesen, ich allein. Ich bin darauf gekommen, ich habe die Karten geschrieben, ich habe sie ausgetragen, ich will meine Strafe! Sie nicht! Meine Frau nicht!«
»Sie hat gestanden …«
»Sie hat nichts gestanden! Ich will solche Lügen nicht mehr hören! Sie sollen mir meine Frau nicht schlechtmachen!«
Einen Augenblick standen sich die beiden gegenüber, der Mann mit dem scharfen Vogelkopf und dem harten Blick und der farblose, graue Kommissar mit dem semmelblonden Bart und den hellen Augen.
Dann senkte Escherich den Blick und sagte: »Ich rufe jetzt jemand herein, wir werden ein kleines Protokoll aufnehmen. Ich hoffe, Sie bleiben bei Ihrer Aussage?«
»Ich bleibe dabei.«
»Und Sie sind sich klar darüber, was Sie erwartet? Hohe Zuchthausstrafe, vielleicht der Tod?«
»Jawohl, ich weiß, was ich getan habe. Und ich hoffe, auch Sie wissen, was Sie tun, Herr Kommissar?«
»Was tue ich denn?«
»Sie arbeiten für einen Mörder, und Sie liefern dem Mörder stets neue Beute. Sie tun’s für Geld, vielleicht glauben Sie nicht mal an den Mann. Nein, Sie glauben bestimmt nicht an ihn. Bloß für Geld …«
Wieder standen sie sich schweigend gegenüber, und wieder senkte der Kommissar nach einer Weile überwunden den Blick.
»Ich gehe dann«, sagte er fast verlegen, »und hole einen Schreiber.«
Er ging.
51. Kommissar Escherich
Um Mitternacht sitzt Kommissar Escherich noch oder vielmehr schon wieder in seinem Dienstzimmer. Er hockt da ganz in sich zusammengesunken, aber so viel Alkohol er auch getrunken hat, die schreckliche Szene, die er hat mitmachen müssen, hat er nicht vergessen.
Diesmal hat sein hoher Vorgesetzter, der schwarze Scheißbock Prall, kein Kriegsverdienstkreuz für seinen so erfolgreichen, so tüchtigen, so lieben Kommissar gehabt, aber eine Einladung zu einer kleinen Siegesfeier hatte er doch. Da hatten sie zusammengesessen, sie hatten vielen scharfen Armagnac aus gar nicht kleinen Gläsern getrunken, sie hatten über den erwischten Klabautermann geprahlt, und unter allgemeinem Beifall hatte Kommissar Escherich das Protokoll mit dem Geständnis Quangels vorlesen müssen …
Mühsame, sorgfältige kriminalistische Arbeit vor die Schweine geworfen!
Aber dann, als sie alle so richtig fett angesoffen waren, hatten sie sich einen Extraspaß gemacht. Mit Flaschen und Gläsern ausgerüstet, waren sie in Quangels Zelle hinabgestiegen, auch der Kommissar hatte mitkommen müssen. Sie wollten sich diesen seltsamen Vogel doch einmal ansehen, diesen Hirnverbrannten, der die Frechheit gehabt hatte, gegen den geliebten Führer zu kämpfen!
Sie hatten Quangel gefunden unter seiner Decke auf der Pritsche, fest schlafend. Ein seltsames Gesicht, hatte Escherich gedacht, dem auch der Schlaf keine Entspannung schenkte, das immer gleich verschlossen und sorgenvoll aussah im Wachen und im Schlaf. Aber immerhin hatte der Mann fest geschlafen …
Natürlich hatten die ihn nicht schlafen lassen. Sie hatten ihn mit Püffen geweckt, sie hatten ihn von seiner Pritsche hochgejagt. Er hatte da vor diesen Leuten in ihren Uniformen in Schwarz und Silber in einem viel zu kurzen Hemd gestanden, einem Hemd, das nicht einmal ganz seine Blöße bedeckte, eine lächerliche Figur – wenn man den Kopf nicht ansah!
Und dann waren sie auf den Gedanken gekommen, den alten Klabautermann zu taufen, sie hatten ihm eine Flasche Schnaps über den Kopf gegossen. Der Obergruppenführer Prall hatte eine kleine, niedlich besoffene Rede über diesen Klabautermann gehalten, über dies Schwein, das bald gemetzelt würde, und am Schluss dieser Rede hatte er sein Schnapsglas auf Quangels Kopf zerschlagen.
Das war ein Signal für die anderen gewesen, alle hatten sie ihre Schnapsgläser auf dem Kopf des alten Mannes zerschlagen. Armagnac und Blut waren über sein Gesicht gelaufen. Aber während alles dies geschah, war es Escherich gewesen, als sähe zwischen den Bächen aus Blut und Schnaps Quangel ihn unverwandt an, und er meinte gradezu, ihn sprechen zu hören: Das ist also die gerechte Sache, für die du mordest! Das sind deine Henkersgesellen! So seid ihr. Du weißt sehr wohl, was du tust. Ich aber werde für die Verbrechen, die ich nicht begangen habe, sterben, und du wirst leben – so gerecht ist deine Sache!
Dann hatten sie entdeckt, dass Escherichs Glas noch heil war. Sie hatten es ihm befohlen, es auch auf dem Kopf Quangels zu zerschlagen. Ja, Prall hatte es ihm zwei Mal sehr scharf befehlen müssen – »Du weißt doch, Escherich, wie ich mit dir Schlitten fahre, wenn du nicht parierst?« –, und dann hatte also Escherich sein Glas auf Quangels Kopf zerschlagen. Viermal hatte er mit seiner zitternden Hand zuschlagen müssen, ehe das Glas zerbrach, und die ganze Zeit über hatte er den scharfen, höhnischen Blick Quangels auf sich gefühlt, der schweigend seine Entwürdigung miterlebte. Diese lächerliche Figur in zu kurzem Hemd, sie war stärker, würdevoller gewesen als all seine Quäler. Und bei jedem Schlag, den Kommissar Escherich verzweifelt und verängstigt geführt hatte, war es ihm gewesen, als schlage er gegen den Bestand seines eigenen Ichs, als rühre ihm eine Axt an die Wurzeln des Lebensbaums.
Dann war Otto Quangel plötzlich zusammengebrochen, und so hatten sie ihn da auf dem nackten Zellenboden liegengelassen, bewusstlos und blutend. Sie hatten auch der Wache verboten, sich um das Schwein zu kümmern, und waren wieder hinaufgegangen zum Weitersaufen, zum Weiterfeiern, als hätten sie wer weiß was für einen heldischen Sieg errungen.
Und nun sitzt Kommissar Escherich wieder in seinem Dienstzimmer am Schreibtisch. Ihm gegenüber an der Wand hängt noch immer die Karte mit den roten Fähnchen. Sein Körper ist völlig in sich zusammengesunken, aber er denkt noch klar.
Ja, die Karte ist erledigt. Morgen kann sie abgenommen werden. Und übermorgen werde ich eine neue Karte aufhängen und nach einem neuen Klabautermann jagen. Und wieder eine. Und noch eine. Was hat das alles für einen Sinn? Bin ich dazu auf dieser Welt? Es muss ja wohl so sein, aber wenn es so ist, verstehe ich nichts von dieser Welt, dann liegt in nichts Verstand. Dann ist es wirklich ganz gleich, was ich tue …
Sein Blut wird von mir gefordert werden … Wie er das sagte! Und sein Blut von mir! Nein, auch Enno Kluges Blut habe ich auf mir, dieser erbärmliche Schwächling, den ich geopfert habe, um diesen Mann einer besoffenen Horde auszuliefern. Der wird nicht wimmern wie der kleine Kerl auf dem Bootssteg, der wird anständig sterben …
Und ich? Wie steht es mit mir? Ein neuer Fall, und der tüchtige Escherich hat nicht so viel Erfolg, wie der Herr Obergruppenführer Prall erwartet, und ich wandere noch einmal in den Keller. Schließlich kommt der Tag, an dem ich hinuntergeschickt werde, um nicht wieder heraufgeholt zu werden. Lebe ich dazu, um dies zu erwarten? Nein, der Quangel hat recht, wenn er den Hitler einen Mörder nennt und mich den Lieferanten eines Mörders. Es ist mir immer gleich gewesen, wer am Ruder saß, warum dieser Krieg geführt wurde, wenn ich nur meinem gewohnten Geschäft nachgehen konnte, dem Menschenfang. Dann, wenn ich sie erst hatte, war mir gleichgültig, was aus ihnen wurde …
Aber jetzt ist es mir nicht gleichgültig. Ich bin dessen so überdrüssig, es ekelt mich an, diesen Burschen neue Beute zu liefern; seit ich diesen Quangel fing, ekelt es mich an. Wie er dastand und mich ansah. Blut und Schnaps liefen über sein Gesicht, er aber sah mich an! Das hast du getan, sagte sein Blick, du hast mich verraten! Ach, wäre es noch möglich, ich würde zehn Enno Kluges opfern, diesen einen Quangel zu retten, ich würde dieses ganze Haus opfern, ihn frei zu machen! Wäre es noch möglich, ich würde fortgehen von hier, ich würde etwas beginnen wie Otto Quangel, etwas besser Ausgedachtes, aber ich möchte kämpfen.
Doch es ist unmöglich, sie lassen mich nicht, sie nennen so etwas Fahnenflucht. Sie würden mich holen und wieder in den Bunker werfen. Und mein Fleisch schreit, wenn es gequält wird, ja, ich bin feige. Ich bin feige wie Enno Kluge, ich bin nicht mutig wie Otto Quangel. Wenn mich der Obergruppenführer Prall anschreit, so zittere ich und tue zitternd, was er mir befiehlt. Ich zerschlage mein Schnapsglas auf dem Kopf des einzigen anständigen Mannes, aber jeder Schlag ist eine Handvoll Erde auf meinen Sarg.
Langsam stand Kommissar Escherich auf. Ein hilfloses Lächeln lag auf seinem Gesicht. Er ging zur Wand, er lauschte. Es war jetzt, in der Stunde nach Mitternacht, still in dem großen Hause an der Prinz-Albrecht-Straße. Nur der Schritt der Wache auf dem Korridor, auf und ab, auf und ab …
Auch du weißt nicht, warum du so auf und ab rennst, dachte Escherich. Eines Tages wirst du begreifen, dass du dein Leben vertan hast …
Er griff nach der Karte, er riss sie von der Wand. Viele Fähnchen fielen, mit ihren Stecknadeln klappernd, zu Boden. Escherich zerknüllte die Karte und warf sie dazu.
»Aus!«, sagte er. »Zu Ende! Zu Ende der Fall Klabautermann!«
Er ging langsam zurück zu seinem Schreibtisch, zog eine Lade auf und nickte.
»Hier stehe ich, wahrscheinlich der einzige Mann, den Otto Quangel durch seine Karten bekehrt hat. Aber ich bin dir nichts nutze, Otto Quangel, ich kann dein Werk nicht fortsetzen. Ich bin zu feige dazu. Dein einziger Anhänger, Otto Quangel!«
Er zog rasch die Pistole hervor und schoss.
Dieses Mal hatte er nicht gezittert.
Der herbeistürzende Posten fand nur einen fast kopflosen Leichnam hinter dem Schreibtisch. Die Wände waren mit Blut und Hirn bespritzt, an einer Lampe hing, zerfetzt und schmierig, der semmelblonde Schnurrbart des Kommissars Escherich.
Der Obergruppenführer Prall tobte. »Fahnenflucht! Alle Zivilisten sind Schweine! Alles, was nicht Uniform trägt, gehört in den Bunker, hinter Stacheldraht! Aber warte, den Nachfolger von diesem Schwein, dem Escherich, den zwiebele ich von Anfang an so, dass er keinen einzigen Gedanken im Kopfe hat, nur Angst! Ich bin immer zu gutmütig gewesen, das ist mein Hauptfehler! Holt dieses Schwein, den Quangel, rauf! Er soll sich die Sauerei hier ansehen, er kann sie wegmachen!«
So verschaffte der einzige von Otto Quangel Bekehrte dem alten Werkmeister noch ein paar schwere Nachtstunden.