Kitabı oku: «Hans Fallada – Gesammelte Werke», sayfa 83
5
Es ist ein strahlender Sommermorgen, gegen neun Uhr, als die ganze Schreibstube Cito-Presto auf das Gnutzmannsche Textilwarenhaus anmarschiert. Die Herren Fasse und Monte ziehen einen vom neuen Hauswirt entliehenen Handwagen, den Herr Öser nachschiebt.
Auf dem Bürgersteig, etwas vor dem Wagen, gehen die Herren Maack und Kufalt, auf gleicher Höhe mit dem Gefährt. Herr Jänsch, der Weisungen wegen Verhaltens im Straßenverkehr gibt, befindet sich kurz vor den Herren Sager und Deutschmann. So ziehen sie dahin, kaum ein Wort wird gesprochen, höchstens dass Jänsch einmal ruft: »Steck den rechten Arm aus, wenn du um die rechte Ecke willst, Mensch, Monte« – also, eine ruhige Sache ist es, aber der Bedeutung dieser Stunde sind sich alle bewusst.
»Knorke, was?« fragt Deutschmann.
Und Herr Sager, dieser listige, überhöfliche Fuchs, sagt uneingeschränkt begeistert über solchen Aufzug: »Oberpiepenknorke!«
Sie langen an vor dem Textilhaus, und kurz und knapp trifft Herr Schreibstubenvorsteher Maack seine Anordnungen:
»Fasse, Monte – jeder an eine Straßenecke. Kommt Jauch oder jemand von Presto in Sicht, so pfeift ihr wie verabredet und geht in Deckung!«
»Sager, du hältst dich im Hausflur –: Ertönt der Pfiff, so stürmst du die Treppe hinauf und warnst uns.«
»Jänsch, Deutschmann, Öser, mit uns zum Verladen der Umschläge und des Adressenmaterials …«
»Kufalt, du stellst mich Herrn Bär vor. Wir übergeben ihm gemeinsam die Bestätigung.«
»Da will ich dabeisein«, bittet Öser. »Nur zusehen, Maack!«
»In Ordnung«, sagt Maack. »Los!«
Das Fräulein in der Anmeldung weiß schon Bescheid. »Da stehen die Umschläge. Erst mal hunderttausend. Die Adressen sind auf den Kartothekkarten in diesen Kästen – aber dass Sie uns keine Unordnung machen!«
»I wo, Fräulein«, sagt Jänsch. »Wir sind sooo genau!«
»Passt auf beim Runtertragen«, sagt Maack.
»Kartothekadressen – schreibt sich prima«, sagt Deutschmann.
»Könnten wir wohl Herrn Bär sprechen, Fräulein?« bittet Kufalt.
»Einen Augenblick, will mal nachsehen.« Und sie verschwindet.
»Nehmt mich mit«, fleht Öser.
»Wenn’s geht«, sagt Maack.
»Herr Bär lässt bitten«, verkündet das rückkehrende Fräulein.
Kufalt voran, Maack hinterdrein, nach ihnen quetscht sich noch Öser durch.
»Ich wollte mir erlauben, Ihnen unseren Schreibstubenvorsteher Maack vorzustellen, Herr Bär. – Herr Maack, Herr Bär …« Hinten starkes Räuspern. »Ach ja, Herr Öser, einer unserer Mitarbeiter …«
»Darf ich Ihnen die Bestätigung des uns gütigst erteilten Auftrages überreichen?« fragt Maack und entnimmt einer Brieftasche einen blütenweißen Umschlag, den er Herrn Bär hinter seinem Schreibtisch überreicht.
Der nimmt ihn achtlos, hält ihn in der Hand und sagt dabei: »Ihre Schreibstube kennt aber kein Aas, Herr Meierbeer.«
»Wir sind ein ganz junges Unternehmen«, sagt Maack.
»In einem halben Jahr wird ganz Hamburg unsere Schreibstube kennen«, behauptet stolz Kufalt.
»So«, sagt Herr Bär trocken und entfaltet den Brief.
Öser sagt gar nichts, aber aus brennenden Augen, mit Augen, die ihm fast aus dem Kopf treten, mit Stielaugen also, beobachtet er Herrn Bär und das Briefblatt in seiner Hand.
Aber Herr Bär sieht es noch nicht an. Er sagt lächelnd: »Euch Jungens kenne ich doch.«
Den dreien bleibt das Herz stehen. Schließlich rafft sich Kufalt auf, er räuspert sich und sagt mit merkwürdig rauer Stimme: »Wieso – Herr Bär?«
Herr Bär sagt gemütlich: »Na verzeihen Sie bloß. Sie sind ja ganz entgeistert. Aber dass Sie Arbeitslose sind, die irgendwie Wind von unserem Auftrag bekommen haben, und dass ich Sie für acht Mark auch gekriegt hätte, das habe ich nun mittlerweile kapiert.«
Drei Herzen schlagen wieder schneller.
»Na«, sagt Herr Bär abschließend, »mir kann’s jetzt egal sein. Die Hauptsache, der Auftrag wird tadellos erledigt. Und das wird er doch?«
»Jawohl, Herr Bär«, sagen drei glückliche Stimmen.
»Und dass ich keine Scherereien mit dem Arbeitsamt kriege, von wegen Schwarzarbeit und widerrechtlich Stempeln«, sagt Herr Bär und wendet sich dem Briefe zu.
»Ausgeschlossen«, sagt Maack. »Wir beziehen alle nichts.«
»Aber wirklich hübsch!« sagt Herr Bär und betrachtet den Briefbogen. »Aber wirklich wunderhübsch.«
Öser läuft vor Glück dunkelrot an.
Nein, er hat nichts gemacht von Blitz und so ’nem Quatsch (»als wenn wir ’ne Blitzableiterfirma wären!«): Oben steht hübsch in Druckschrift »Schreibstube Cito-Presto« – darunter kleiner: »Erledigung aller Büroarbeiten« – darunter wieder größer: »Unerreicht billig – unerreicht schnell – unerreicht exakt – unerreicht diskret« – Ort und Datum, alles wie sonst, alles wie üblich. Aber den ganzen linken Rand runter sind Zeichnungen: Oben sitzt ein Mädchen an der Schreibmaschine, sie hat getippt und reicht ihren Brief einem jungen Mann, der etwas tiefer steht. Und der reicht mit der anderen Hand ein ganzes Paket Briefe einem großen, breiten, bärtigen Mann, der – wieder tiefer – hinter einer Art Packtisch steht.
»Hübsch«, sagt Herr Bär noch mal. »Den Briefbogen heb ich mir auf, wenn er mal erledigt ist.« Er kann sich noch nicht trennen. Er grübelt. »Aber die Dame muss ich kennen, das Mädchen da an der Maschine. – Und den jungen Mann auch! – Und den Kerl mit dem Bart ja auch! Sagen Sie mal, wo haben Sie die her?«
»Ich weiß wirklich nicht«, sagt Maack. »Das hat ein Herr für uns gezeichnet.«
»Komisch«, sagt Herr Bär, legt den Brief hin und drückt auf eine Klingel. »Ich komm noch dahinter. Gesehen habe ich die bestimmt schon.«
Und als das Fräulein eintritt: »Schreiben Sie eine Bestätigung an die Schreibstube Cito-Presto, hier ist der Vorgang dazu. – Vorsicht damit! Nicht knittern, keine Flecke … ›Mit Ihrem Schreiben vom 15. 1. M. gehen wir konform und so weiter. Hochachtungsvoll.‹ So, und nun danke ich Ihnen, hoffentlich klappt alles.«
Die Fuhre zieht zurück zur Schreibstube Cito-Presto: hunderttausend Umschläge und Drucksachen, Kartothekkarten für dreihunderttausend Adressen, acht Glückliche.
»Du, Öser, komm doch mal«, ruft Kufalt plötzlich.
Öser kommt. »Nu?«
»Sag mal, Öser, wir, der Maack und ich, grübeln und grübeln, wir kennen die Leute auf dem Briefbogen auch, und wir kommen und kommen nicht darauf. Wer ist das Mädchen bloß?«
Öser erglänzt wieder vor Stolz, sagt aber nur kurz: »Elisabeth Holbein, geborene Schmidt, aus Basel.«
»Wie …?« fragen die beiden langgezogen und verstehen vorerst gar nichts. »War das ’ne Schönheitskönigin?«
»Ich sage es doch«, erklärt Öser unschuldig. »Und der junge Mann ist Dietrich Born, Kaufmann, und der mit dem Bart ist Hermann Hillebrandt Wedigh aus Köln!«
»Nie gehört. Wieso kennen wir die?«
»O ihr Ochsen«, bricht Öser plötzlich triumphierend aus. »Ihr Rindviecher! Das Mädchen, das ist das Mädchen aus dem Zwanzigmarkschein. Und der Jüngling ist aus dem Zehnmarkschein. Und der mit dem Bart ist aus dem Tausendmarkschein, und ich hab ihnen nur die Mützen und Hauben abgenommen, und alle sind nach Gemälden von Holbein – und keiner sieht’s! Und keiner sieht’s!!«
Er knufft die beiden Verblüfften in die Seite. »O Kinder, Kinder, bin ich glücklich … so was machen, und alle damit durch den Kakao ziehen …«
»Du bist ein schönes Schwein«, sagt Maack streng. »Du hast überhaupt nicht durch den Kakao zu ziehen. Adressen hast du zu schreiben!«
»Aber die muss ich doch kennen, das Mädchen an der Maschine!« ahmt Öser in den höchsten Tönen Herrn Bär nach.
Und alle drei brechen in ein tolles Gelächter aus.
6
Es ist gegen zehn Uhr vormittags.
In der Schreibstube Cito-Presto stehen die sechs Schreibmaschinen schreibbereit. Neben jeder sind aufgehäuft Stöße von blauen Umschlägen; Kästen mit blauen, grünen, roten, gelben Kartothekkarten sind geöffnet, aus jedem ist eine Anzahl Blätter herausgenommen und liegt da, sich in Adressen zu verwandeln. Vor den Maschinen sitzen sechs Mann, die Hände ruhen noch tatenlos auf dem Tisch oder im Schoß.
An einem Ecktisch sitzen Kufalt und Monte, die Drucksachen sind aufgestapelt, die Karten sind noch säuberlich gebündelt, die Falzmesser liegen bereit.
Erwartungsvolle Stille herrscht.
Nun steht Maack auf, er schiebt die Brille zurecht, er setzt an: »Meine Herren …«
Schon hält er inne, er wird ein wenig rot, als er sich verbessert: »Kameraden!«
Er sieht sie alle der Reihe nach an, und der Reihe nach erwidern sie seinen Blick.
»Kameraden«, sagt Maack, und seine Stimme wird frischer, »gleich werden wir anfangen zu schreiben, was wir seit Jahr und Tag geschrieben haben: Adressen. Und doch gehen wir heute an eine neue hoffnungsvolle Arbeit: Wir arbeiten allein für uns selbst!«
Er macht eine Pause.
Er sagt: »Wenn wir erfüllen wollen, was wir übernommen haben, muss jeder von uns bei der Stange bleiben. Jeder von uns kann in diesem Monat viel Geld verdienen. Kameraden, spart es euch auf. Keine Mädchen, kein Kino, keine Trinkerei, diesen einen Monat lang. Vielleicht gelingt es uns dann.«
Wieder eine Pause …
Maack hält inne, lächelt, er sagt: »Wir haben gewissermaßen einen Monat Bewährungsfrist, es wird mit uns noch einmal versucht, wir versuchen es mit uns noch einmal …«
Er steht da und lächelt noch immer. Dann vergeht das Lächeln langsam, er sieht sich um, er sagt: »Ich denke, wir können mit Arbeiten anfangen.«
»Einen Augenblick, bitte«, ruft Jänsch. »Ich will einen Antrag stellen.«
»Ja?«
»Ich beantrage, dass wir für die eigentliche Arbeitszeit ein Sprechverbot einführen. Jede Übertretung wird mit einem Groschen Strafe zugunsten einer Gemeinschaftskasse belegt.«
Maack sieht sich fragend um. »Ich denke, das ist ein vernünftiger Vorschlag. Ist jemand dagegen?«
»Aber …«, sagt Monte.
»Du hältst den Mund, Monte, du hast hier gar nichts mitzureden«, sagt Jänsch.
»Wenn ich hier mitarbeiten soll, will ich auch mitreden«, sagt Monte trotzig.
»Klappe! sage ich dir«, sagt Jänsch drohend. »Oder …« Er hebt seine Hände.
»Ich stelle fest, dass der Antrag angenommen ist«, sagt Maack. »Noch etwas?«
»Ja«, sagt Deutschmann, »ich beantrage, dass unter denselben Bedingungen ein Rauchverbot erlassen wird.«
Betretenes Schweigen, denn fast alle sind leidenschaftliche Raucher.
»Rauchen kostet nur Geld«, sagt Deutschmann überredend, »hält in der Arbeit auf, und so groß ist der Raum auch nicht, dass acht Mann ununterbrochen qualmen können.«
»Das wird ja hier das reine Kittchen«, sagt Öser unzufrieden.
»Wenn ich nicht qualmen darf, macht mir der ganze Krempel keinen Spaß«, erklärt Fasse.
»Aber vernünftig ist es«, sagt Deutschmann.
»Finde ich auch«, sagt Maack. »Schließlich kann jeder, der will, eine auf dem Lokus stoßen.«
»Dann geht’s von der Arbeitszeit ab«, widerspricht Sager. »So kann man während der Arbeit rauchen.«
Verdrossenes Schweigen.
»Soll ich abstimmen lassen?« fragt Maack zögernd.
»Ich hab einen anderen Vorschlag«, sagt Kufalt eifrig, »alle zwei Stunden oder meinethalben alle anderthalb Stunden darf jeder eine Zigarette rauchen. Maack gibt das Signal. Dann freut man sich immer drauf und arbeitet umso schneller.«
»Gut, der Mann! Sehr gut!« lobt einer.
»Das ist vernünftig.«
»Besser noch alle Stunde!«
»Alle halbe Stunde!«
»Warum nicht alle zehn Minuten, du Dussel?«
»Ich denke also: alle anderthalb Stunden«, sagt Maack. »Wer dagegen ist, hebe die Hand. – Keiner. Der Vorschlag Deutschmann-Kufalt ist angenommen. Noch ein Vorschlag?«
Einen Augenblick Stille, dann sagt Jänsch: »Ich schlage vor, dass wir endlich mit der Arbeit anfangen. Es ist schon zehn Uhr zwanzig.«
»Los!« sagt Maack scharf. »An die Arbeit, Kameraden, an unsere Arbeit.«
Und im gleichen Augenblick ist der Raum erfüllt von dem scharfen, schmetternden Klappern der Maschinen, die Glöckchen klingeln, die Wagen rasseln, Umschlag um Umschlag, das fliegt!
Kufalt falzt und falzt. »Beste deutsche Qualitätsware aus der Firma Emil Gnutzmann – Stielings Nachfolger, Textil-Versand«, liest er auf dem Prospekt.
Ob ich je dazu kommen werde, den Inhalt zu lesen? – Der Monte falzt nicht schlecht, er macht es mindestens ebenso schnell wie ich – man muss eben erst warm werden und den Dreh heraushaben. – Fein habe ich das hingekriegt, eigentlich ist alles mein Werk, der Auftrag und die Maschinen. – Na, im schlimmsten Falle gebe ich die in einem Monat zurück …
Monte neigt sich zu ihm und flüstert: »Der hat aber angegeben, der Maack, für so ’ne Mistarbeit so ’ne Rede!«
»Maack«, sagt Kufalt laut, »der Monte will dir einen Groschen geben, wegen Flüstern …«
Monte will protestieren, aber Jänsch sagt: »Schnauze, du Aas!«
Worauf Maack sagt: »Jänsch, bitte auch einen Groschen.«
Gelächter. Weiter. Weiter. Die ersten Hunderte sind fertig. Kufalt holt sie, notiert sie für jeden (sie arbeiten jeder für sich im Akkord), das Einstecken der gefalzten Drucksachen fängt an. Erst liegt nur ein kleiner Haufen in der Zimmerecke, dann wächst er, wächst, breitet sich aus, türmt sich höher …
»Elf Uhr fünfzig«, sagt Maack. »Eine Zigarette.«
Und dann wieder Schmettern, Falzen, Schmettern, Einstecken. Draußen ist der Himmel blau. Und so viel Sonne … Sie sitzen in einer großen Dachkammer, es wird heiß und heißer. Wortlos macht Maack das Fenster auf, später öffnet Deutschmann die Tür. Jänsch zieht zuerst die Jacke aus, dann folgen ihm die anderen. Jänsch zieht zuerst Kragen und Schlips ab, dann folgen ihm die anderen. Jänsch zieht zuerst das Hemd aus und schreibt mit bloßem Oberkörper –: brüllendes Gelächter. Dann folgen ihm die anderen.
Und Schmettern, Falzen, Schmettern, Einstecken.
»Ein Uhr zwanzig«, sagt Maack. »Eine halbe Stunde Mittagspause. Sprechpause.«
Sie sind sehr aufgeregt, sie rechnen, wie viel sie geschafft haben, wie lange sie werden arbeiten müssen, um heute zehntausend zu schaffen.
»Zwölf wird’s wohl werden«, sagt Maack sorgenvoll.
»I wo«, antwortet Jänsch. »Man muss nur erst richtig reinkommen. Nicht später als elf.«
»Feine Bude«, lacht Deutschmann. »Das sollte Jauch sehen, uns nackte Männer.«
»Bekommt aber der Arbeit gut.«
»Kicks, Pupenjunge«, schreit Fasse.
»Ich verbitte mir das«, kreischt Monte.
»An die Arbeit«, ruft Maack. »Sprechsperre.« –
Um neun Uhr zwanzig sagt Kufalt feierlich: »Zehntausend Stück, meine Herren, die ersten Zehntausend.«
»Hurra!«
»Heil!«
Und die kreischende Stimme Montes: »Kufalt zahlt einen Groschen.«
»Tu ich. Mach ich«, sagt Kufalt. Und die Finger reckend: »O Kinder, bin ich glücklich!«
»Morgen früh um acht!« ruft Maack.
»Alles all right«, schreit Sager.
»Guten Abend, die Herren.«
»… Oberpiepenknorke …«
7
»Sie werden wohl unsolide, Herr Kufalt?« fragt Liese.
Sie steht auf dem dunklen Vorplatz, es ist zehn Uhr nachts, er ahnt ihr Gesicht mehr, als dass er es sieht. Deutlich aber hört er den Spott in ihrer Stimme.
»Ja«, sagt er kurz und geht in sein Zimmer.
»Sie sind wohl noch böse mit mir?« lacht sie und folgt ihm.
Er tritt ein, knipst das Licht an, legt seine Mappe auf einen Stuhl und zieht das Jackett aus.
»Ich bin müde, Fräulein Behn«, sagt er. »Ich möchte gleich schlafen gehen.«
Er wagt nicht mehr als einen flüchtigen Blick auf sie, die unter der Tür steht. Sicher hat sie schon im Bett gelegen, sie hat einen Bademantel an, ein helles, fröhliches Ding aus Weiß und Gelb, ihre Beine sind bloß, ihre Füße sind in kleinen blauen Schuhchen.
»Männer …«, sagt sie, »sind komisch. Sie denken, wenn sie einmal mit einer Frau geschlafen haben, haben sie das Recht auf immer.«
Ihm wird heiß. Er spürt es schon wieder wie eine glühende Wolke von ihr zu ihm. Aber er will nicht – wie hat Maack gesagt? Und einen Monat keine Mädchen. Einen Monat Bewährungsfrist. Und natürlich: Heute kommt sie, am ersten Tag dieses neuen Monats – Quälerin, die!
»Ich denke gar nichts«, sagt er böse. »Ich bin müde, ich habe den ganzen Tag schwer gearbeitet, ich will schlafen gehen – allein.« Er besinnt sich, will einhalten, und dann kommt doch wieder die rote Welle über ihn, er sieht sie an. »Außerdem haben Sie nicht mit mir geschlafen, sondern mit Beerboom.«
»Ziehen Sie sich ruhig aus«, sagt sie. »Sie werden sich doch nicht vor mir genieren?!«
»Nein«, sagt er und setzt sich in einen Stuhl am Fenster, sodass er sie nicht sieht.
Ja, Stille. Ja, nichts.
Draußen die Gleise glänzen im Licht, die Laternen sind da, bald rot, bald grün, die große Scheibe eines Vorsignals fällt mit einem leichten Klappen um, ein eiliger Zug fährt schlank, in seinen Kuppelungen klappernd, mit erhellten Fenstern vorbei. Ja, es ist Nacht, es ist weiche Sommernacht, da sind die Bäume unten, sie bersten vor Wachsen, alles treibt, wird voller, strömt über, als gäbe es nie Kälte, Verwelken, Ende – gibt es nicht ein Lied: »Dies ist die Nacht der Liebe …«?
Nein, nein, nein, nein, sie ist die Böse. Sie ist die Quälerin. Heute so und morgen anders. Und alle Zeit nicht zu halten … Ja, sie hat leise geraschelt, ein- oder zweimal, sicher ist sie weiter ins Zimmer gegangen – hat das sachte zugezogene Türschloss nicht geknackt? Vielleicht steht sie schon hinter ihm, vielleicht streckt sie schon ihre Hand nach seinem Haar aus, seinen Kopf zurückzubiegen zum Kuss, vielleicht kommt sie schon zu ihm – wo bleibt sie?
Diese Nacht, durch die immerzu Züge fahren, ist so still! Es ist, als hielte alles den Atem an, in einer großen Erwartung. Armes, irrendes, schwaches Herz – ein neues Leben? Warum auch war sie in jener Nacht in den Hammer Park gegangen, hatte auf derselben Bank mit ihm gesessen, bei einem anderen Mann?
Aber er war nicht zu ihr gegangen! Bei ganz jemand anders hatte er gemietet. Und dann wieder, in überstürzter Hast, bei ganz jemand anders. Und dort war sie gewesen – Zufall? Und entging man diesem Zufall, der so gut Fallen stellte, nie? War alles Wehren umsonst?
Stille, ruhige Zelle. Pensum stricken, Zusatznahrung, ein Topf mit Schmalz, ausgebraten von den Schneidern, zwei Bücher die Woche. Man könnte hinausgehen aus dem Zimmer, auf die Mönckebergstraße zum Beispiel, da ist immer Schupo, man könnte einen Schaukasten einschlagen, irgendetwas herausnehmen, eine Handtasche, einen Fotoapparat, man wurde gekitscht, und die gute große Ruhe kam, keine Probleme, keine Sorgen, kein Kampf mehr.
Rief sie nicht eben: Komm?
Nein, er kam nicht. Noch nicht, vielleicht nie.
Das hatten die anderen Menschen nicht, davon wussten sie nicht, dass es solch einen Ausweg gab. Sie machten den Gashahn auf, hängten sich in eine Seilschlinge, schluckten Gift und verreckten mit aufgetriebenen Bäuchen, verdrehten Augen, im eigenen Dreck – er ging einfach hin und klaute was, und schon war er in der Ruhe, in der ewigen Geduld, in der Windstille, auf der anderen Wetterseite des Lebens.
Maack wusste auch darum, Monte wusste darum, Jänsch, Öser, Deutschmann, Fasse – jeder von ihnen! Die anderen verstanden es nie. Die begriffen nicht, warum Bestrafte so waren, dass die Gefängnisluft sie verändert hatte, etwas war zersetzt in ihrem Blut, das Gehirn verändert. All das Leben hier draußen war eine Sache auf Widerruf – jede Sekunde konnte man widerrufen.
Man konnte die Liese totschlagen, oder auch ihre Mutter, für die anderen war so etwas unausdenkbar – aber wieso denn?! Aber warum denn?! –: Für ihn war es ganz in Ordnung. Er hatte fünf Jahre mit solchen gelebt, mit Zuhältern, Mördern, Dieben – er wusste, sehr gut war so etwas zu machen, es war nicht schwieriger als tausend andere Dinge im Leben, sicher war es leichter als Aufhängen.
Sie waren so komisch, diese Menschen draußen, irgendwie kapierten sie etwas nicht, von dem jeder Bestrafte wusste. Lebensuntüchtig, verkorkst, ein Schädling, Feind der Gesellschaft – nun ja. Nun ja. Hier saß er, Willi Kufalt, um die Dreißig, aber entschlossen wie ein Vierzehnjähriger in der Pubertät, vor jedem Problem Reißaus zu nehmen. War er so gewesen? Nein, so war er geworden, so war er gemacht worden! So hatten sie ihn fertiggemacht! Du spinnst ja, die kommt aus dem Kittchen, die Redensart, im Kittchen hatten sie wohl früher gesponnen. Sie hatten weiter nichts gemacht als Spinnen, eine Arbeit, eine ganz normale Handarbeit, wenn man sie nicht in der Kittchenluft macht, aber dort eben wurde daraus: Du spinnst ja. Bei ihm, bei Kufalt musste es heißen: Du strickst ja. Er hatte fünf Jahre gestrickt. Nun strickte er. Sein Leben lang. Sein – Leben – lang.
Hatte sie nicht eben geflüstert: Nun komm doch endlich …? Ja, schön, er würde kommen, oder er würde auch nicht kommen, aber natürlich würde er kommen. Er tat, was ihm begegnet, was man von ihm erwartete, er würde immer tun, was man von ihm verlangte. Das hatte man ihn gelehrt, das saß fest: »Geh durch die Tür … Schreib heute Brief …«
Schön, schön.
Aber jetzt saß er erst einmal hier, ganz behaglich untergebracht am Fenster. Mochte sie warten, auch er hatte warten müssen, erst fünf Jahre, dann dreieinehalbe und vier Wochen auf die junge Dame, die ihn in seinem Bett besuchte.
Rauch und Haar und Fleisch.
Gut. Rauch und Haar und Fleisch.
Es war Unsinn, das mit der eigenen Schreibstube, er hatte Maack herumgeredet, er konnte sich einen Schwung geben, dass er sechs Schreibmaschinenhändler nacheinander überredete, ihm je eine Schreibmaschine auf die einzige Sicherheit immer des gleichen polizeilichen Meldescheins auf Raten zu verkaufen – aber sich selbst konnte er nichts vormachen. Es saß in ihm. Man schrieb Doktor mit c, man müsste ein einfaches Mädchen haben, und man hängte sich an eine Liese …
»Du, Liese …«, sagt er.
Nichts.
Sicher war sie – wie damals – in sein Bett gekrochen, vielleicht schlief sie schon. Ach, der leichtgebogene Nacken, durch dessen Haut kaum merklich die Halswirbelknochen traten …
»Liese – liebste Liese …«
Er sieht sich um.
Natürlich, das Bett ist leer, das Zimmer ist leer, von außen wurde die Tür zugemacht.
Und er hat es gewusst, er hat es natürlich die ganze Zeit gewusst, er hat sich ein Theater vorgespielt. War es nicht beinahe sehr gut, dass sie gegangen war? Sehnsucht ist besser als Erfüllung – im Kittchen gelernt; ein Weib zu begehren ist besser, als es zu besitzen – im Kittchen gelernt; Erfüllung im Hirn ist besser als Erfüllung im Fleisch – dito Kittchen.
Einen Augenblick steht er entschlusslos in der Mitte des Zimmers, dann fängt er langsam an, sich auszuziehen. Er legt seine Wäsche säuberlich auf den Stuhl, hängt Jacke und Weste über den Bügel, macht die Hosen im Spanner fest. Er wäscht sich Gesicht und Hände, spült den Mund …
… Und er nimmt Decke und Kopfkissen aus dem Bett, mit nackten, leisen Füßen schleicht er auf den Vorplatz vor die Tür ihres Zimmers, dort legt er sein Bettzeug hin, geht noch einmal in sein Zimmer zurück, um das Licht zu löschen. Dann packt er sich hin vor ihre Türe, wickelt sich in seine Decke.
Es ist schon dunkel in ihrem Zimmer, kein Lichtschein dringt durch die Türritze, sie schläft wohl schon, kein Laut kommt aus dem Raum.
Da liegt er, er schläft nicht, durch sein Hirn und Herz geht es: Da liege ich, bitte, komm nicht, hebe mich nicht auf. Es ist so schön, vor dir zu liegen und verachtet zu sein …
Und schließlich schläft er dann wohl ein …
Er wacht auf von ihrem Blick. Sie kniet neben ihm, sie hat den Arm unter seinen Hals geschoben, den Kopf an ihre Brust gezogen.
»O mein Lieber«, flüstert sie. »Mein Lieber – ist es so schwer?«
»Süß ist es«, flüstert er, noch halb in Traum und Schlaf. »Sehr süß ist es.«
»Es ist schon so spät, Lieber«, flüstert sie. »Du musst gleich aufstehen. Und ich muss auch fort aufs Büro. – Aber heute Abend, nicht wahr, heute Abend …?!«
»Lass es so, Liese, lass es so, Quälerin.«
»Schön soll es sein«, flüstert sie wieder. »So schön will ich es für dich machen. Nicht wahr, du wirst früh hier sein. Ich warte auf dich.«
»Lass es so. Lass es so.«
»Wirst du früh kommen? Ganz früh?«
Oh, der gute Duft aus ihrer Brust!
»Ich will sehen … so früh es geht … so früh ich immer kann …«
»Oh, du mein Liebster!«








