Kitabı oku: «Hans Fallada – Gesammelte Werke», sayfa 84
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»Na, schön«, sagt Herr Bär, »na, ganz schön.«
Er macht Stichproben in der ersten Zehntausender-Ablieferung, nimmt hier, dort einen Umschlag aus den Stößen und prüft ihn.
»Wenn Sie so dabeibleiben, werden wir keinen Streit kriegen.«
Kufalt verbeugt sich und erklärt: »Das wird noch viel besser. Wir müssen uns nur erst richtig einschreiben.«
»Na, schön, Herr Meierbeer«, sagt Herr Bär noch einmal und sieht Kufalt freundlich an. »Dann also guten Morgen.«
Aber Kufalt weicht nicht, und auch Monte sieht ihn vorwurfsvoll an. »Ein bisschen Geld, Herr Bär, nur ’ne Kleinigkeit.«
»Schön, schön«, sagt Herr Bär. »Sie wollen also wirklich täglich Ihr Geld haben? Meinethalben. Wie viel macht es doch?«
»Dreiundneunzig fünfzig«, sagt Kufalt.
»Gut. Hier haben Sie eine Anweisung auf die Kasse. Lassen Sie sich das Geld geben. Guten Morgen.«
»Schönen Dank. Und guten Morgen.«
Sie wandern gemeinsam vergnügt aus dem Haus, macht pro Neese beinah zwölf Mark, o Junge, Junge, für einen einzigen Tag Arbeit …
»Halt! Da guckt wer um die Anschlagsäule! Los, lauf doch los, Monte!«
Sie laufen, sie umrunden die Anschlagsäule von beiden Seiten: nichts!
»Wie man sich irren kann. Ich hätte geschworen, der Jablonski, weißt du, der so ein bisschen hinkt, aus der Presto, linste nach uns.«
»Hast geträumt.«
»Scheint so. Komisch, wenn man ein schlechtes Gewissen hat, sieht man immer was. Und ich brauch doch gar kein schlechtes Gewissen zu haben, nicht wahr?«
Latrinenparolen gibt’s nicht nur beim Militär und im Kittchen: Als die beiden zurückkamen, war die Schreibstube voll davon, dass die Firma Gnutzmann nicht zahlen könnte, nicht zahlen wollte, dass der Kufalt ohne Geld, mit einem faulen Wechsel, einem ungedeckten Scheck, mit Vertröstungen, nein, mit Arbeitsabbruch zurückkäme.
Darüber hatten sie sich gestritten, ereifert, einander miesgemacht, trotz des Protestes von zweien oder dreien war das Sprechverbot aufgehoben gewesen. Es war geraucht worden, Jänsch hatte sich drei Flaschen Bier geholt, Öser eine saure Gurke, es waren keine tausend Adressen in der Zeit von acht bis halb elf geschrieben worden …
Und nun kam Kufalt mit Kasse, bar Kasse, mit Marie.
Es war beinahe eine Enttäuschung.
»Na also – wer hat denn nun den Mist wieder aufgebracht?!«
»Du doch selbst, Mensch, gib hier bloß nicht ’ne Stange an, von wegen Himmelblau!«
»Du hast gesagt, wenn die Brüder nun nicht zahlen …?«
»Ich …«
»Stille«, sagt Maack. »Jetzt wird losgeschrieben. Wir haben zwei Stunden aufzuholen, sonst wird es wieder zehn. Jänsch, weg mit deinem Bier. Sprechverbot!«
»Wenn ich Bier trinke, spreche ich doch nicht«, knurrt Jänsch, fängt aber an zu tippen.
Sie fangen alle an, manche zögern noch, trödeln einen Augenblick, aber der Rhythmus der anderen, die ewige Routine, das können sie ja nun, tippen und dabei denken, tippen und dabei sich fortträumen in eine Wunschwelt …
Auch beim Falzen lässt sich’s träumen, beim Kuvertieren, selbst beim Abzählen der Adressen. Kufalt träumt sich weit fort:
Dass es nur heute Abend nicht so spät wird! Sie wartet auf ihn – wie hat sie gesagt? Lieber? Liebster? Vielleicht wird noch alles gut, vielleicht ist es das, was seinem Leben in all den Jahren gefehlt hat: etwas, auf das man sich ein bisschen freuen kann!
Er freut sich auf den Abend, sie war so anders heute früh, ganz sanft. Sicher sitzt sie und wartet schon in seinem Zimmer auf ihn …
Wer aber auf ihn gewartet hat, wer sich im fast dunklen Zimmer in die Sofaecke gesetzt hat, wer nicht einmal aufsteht, sondern ihn nur ansieht, abends kurz vor zehn, das ist nicht Liese – Beerboom ist es!
Kufalt knipst das Licht an, er ist so wütend, dass er den Mann kaum ansieht im Sofa, er sagt nur: »Was wollen Sie hier? Ich will Sie hier nicht mehr haben!«
Denn Beerboom ist der böse Geist, er war der schwarze, schlimme Stern, der über der ersten Liebesnacht stand, kommt er nun auch – Geheimnis! – zu der zweiten? Denn schon öffnet sich die Tür.
Liese tritt ein. Sie trägt ein weißes Kleid, über das kleine, bunte Blümchen gestreut sind, sie sieht so fröhlich aus, sie bietet ihm frank und frei die Hand, sie sagt: »Guten Abend.«
»Guten Abend, Liese.«
Er denkt nur daran, dass der andere gehen soll, wäre er nicht hier, könnte er sie schon in seine Arme ziehen.
»Herr Beerboom hat gebeten, dass er hier warten darf. Es ist sehr wichtig, hat er gesagt.« Sie macht eine kleine Pause und setzt vorsichtig hinzu: »Ich hab ihn hier allein sitzen lassen. Sogar Licht zu machen habe ich vergessen.«
»Also, was ist denn, Beerboom?« fragt Kufalt.
»Ach nichts«, sagt Beerboom. »Ich gehe schon.«
Aber er bleibt sitzen.
Der Klang von Beerbooms Stimme ist so verändert, dass Kufalt sich seinen Klagebruder von dunnemals aufmerksam beschaut.
Beerboom hat immer eine fahle, lederartige Haut gehabt, aber heute scheint es, als brenne eine Glut hinter dieser Haut. Die Haare sind verklebt wie von Schweiß, die Augen flackern und glänzen …
Er kann die Hände nicht ruhig halten, sie fliegen immerzu hin und her, bald auf den Tisch, bald suchen sie in den Taschen herum, bald befingert er sein Gesicht, sucht etwas, was er nicht findet …
»Also, was ist?« fragt Kufalt. Und mit einem Blick auf die Uhr: »Du wirst zu spät ins Heim kommen, es ist gleich zehn.«
»Komme nicht zu spät ins Heim.«
»Wieso? Hast du etwa Schluss gemacht, da?«
»Schluss gemacht da? Rausgeschmissen bin ich!«
»Ach so«, sagt Kufalt gedehnt und fragt dann: »Deine Sachen?«
»Sind noch da. Ich erzähl dir doch, sie haben mich rausgeschmissen, zehn, zwölf Mann über mich her und rausgeschmissen.«
»Aber warum denn?« fragt Kufalt. »Wieso denn das? So sind die doch auch wieder nicht.«
»Hab die Schreibmaschine zerschlagen«, sagt Beerboom. »Konnte es nicht mehr sehen, das Dings, das mich anbleckt: Hundert Adressen, fünfhundert Adressen, tausend Adressen.« Er steht auf, sieht sich einen Augenblick um, setzt sich wieder hin, sagt: »Is ja alles egal. Was kommt, kommt.«
»Du, hör mal«, sagt Kufalt entschieden, »das stimmt nicht, was du erzählst. Das stimmt todsicher nicht, dass die anderen dich deswegen rausgeschmissen haben, weil du ’ne Schreibmaschine zerkloppt hast. Seidenzopf schon, aber die anderen nicht. – Womit hast du sie denn zerkloppt?«
»Mit ’nem Hammer.«
»Wo hast du denn den Hammer her?«
»Hab ich mir geklaut. Nee, hab ich mir gekauft.«
»Stimmt nicht«, sagt Kufalt. »Stimmt alles nicht. Die anderen freuen sich doch, wenn du den Speckjägern ’ne Schreibmaschine zerhaust. Dass Wolle-Teddy dich darum rausschmeißt, verstehe ich schon, aber die anderen dich darum verkeilen – ausgeschlossen!«
»Ich hab doch auch denen ihre Arbeit demoliert. Mit ’nem Minimax. Hab alles vollgespritzt. Da haben sie mich rausgeschmissen. Verdroschen und rausgeschmissen.«
»Und Vater Seidenzopf?«
»Den hab ich in die Fresse geschlagen.«
»Der lässt dich doch nicht so einfach gehen, nach so was. Der ruft doch die Polente.«
»Ruf man, da war ich schon weg.«
»Ach, du bist also nicht rausgeschmissen, du bist getürmt?«
»Is ja alles egal«, sagt Beerboom brummig, steht auf und geht ans offene Fenster. Plötzlich fragt er sehr lebhaft: »Ob man wohl tot ist, wenn man da runterhopst auf die Gleise?«
Und er setzt einen Fuß aufs Fensterbrett.
»Mach bloß keinen Quatsch«, sagt Kufalt. »Ich will keine Scherereien haben deinetwegen.«
Er hält Beerboom fest. Aber wenn der ernstlich wollte, nützte Festhalten gar nichts. Liese ist es, die ihn zurückhält. Mit ihrer leichten Hand.
»Warum haben Sie denn das alles auf der Schreibstube gemacht, Herr Beerboom?« fragt sie.
»Hat den wilden Mann markiert, kenn ich aus dem Kittchen«, erklärt Kufalt.
»Hat mich alles angekotzt«, sagt Beerboom, sieht das junge Mädchen an und tritt wieder so weit zurück in diese Welt, dass er das Bein vom Fensterbrett nimmt. »Immer schreiben, schreiben, schreiben, und da drinnen verdreht es sich immer mehr.«
»Aber«, sagt Liese, »das hat Sie doch schon lange angekotzt? Warum jetzt plötzlich?«
»Weil es soweit ist, Fräulein«, erklärt Beerboom. »Einmal hat man den Mumm, dann ist es soweit.«
»Was ist soweit?«
»Ach«, sagt Beerboom böse, »Sie wollen ja doch nicht davon hören, Fräulein. Sie schreien ja doch bloß wieder: Mörder.«
Ziemlich lange Stille.
Dann sagt er: »Ich hab gedacht, die bringen mich in ’ne Klapsmühle, aber die haben bloß das Überfallkommando angerufen. Da hab ich gedacht: geh stiften.« Er lacht plötzlich schallend. »Der Minna an der Tür hab ich eine auf die Nase gesetzt, das Nasenbein ist bestimmt hin.«
Liese ist etwas von ihm weggegangen, sie steht unter der Tür, wie fertig zur Flucht, aber sie nimmt keinen Blick von ihm.
Kufalt steht ziemlich nahe bei ihm, der noch immer am Fensterkreuz lehnt.
»Und was machen wir nun mit dir?«
»Ach …«, sagt Beerboom gedehnt, »vielleicht da runter?«
Er beugt sich sehr weit hinaus.
»Halt!« ruft Kufalt.
Aber er braucht sich wirklich keine Sorgen zu machen. Beerboom kommt mit dem Kopf zurück ins Zimmer. Er grinst. »Das könnte denen so passen, allen denen, die mich fertiggemacht haben; meinen Eltern und den Richtern und den Staatsanwälten und den Pfaffen und den Bullen im Kittchen, dass ich so bequem für die abhaue! Das glaub ich! Das möchten die. Nee …« Und er ereifert sich. »Einen Riesenstunk will ich erst mal machen, ich will denen schon was weisen. Fertigmachen, schön – aber dann will ich wenigstens ’ne große Gerichtsverhandlung haben, mit zwei Spalten jeden Tag in jeder Zeitung, und es denen zeigen … Fliegen sollen sie alle, die Speckjäger! Und der Wolle-Teddy zuerst!« Er fängt plötzlich wieder an zu lachen, es schüttelt ihn dabei wie ein Krampf. »Dem hab ich den halben Bart ausgerissen, hat der geschrien, wie ’ne Katze …!«
Die beiden sehen den dritten ernst an, missbilligend. Aber dem ist aller Ernst und alle Missbilligung jetzt gänzlich schnuppe. »Hast ’ne Zigarette für mich, Willi?« fragt er. »Ich hab nichts mehr. Keinen Pfennig. Gar nichts.«
Kufalt gibt ihm eine Zigarette. »Und was denkst du, was nun wird?« fragt er.
»Findet sich alles«, sagt Beerboom und raucht mit Begeisterung.
»Hören Sie einmal zu, Herr Beerboom«, sagt nach einer Weile Liese.
»Ja?« sagt Beerboom, sieht sie an und grinst böse. »Sie sind auch nur ein Fetzen Fleisch, wenn Sie sich schon jeden Tag waschen, Fräulein. Sie stinken auch.«
Liese will nichts gehört haben. »Sie haben doch vorhin was gesagt, Sie hätten gedacht, die würden Sie in ’ne Irrenanstalt bringen? – Gehen Sie doch freiwillig dahin!«
»Das ist nicht schlecht, Beerboom«, lobt Kufalt.
Beerboom denkt nach, ziemlich lange. »Wenn mich die nun nicht nehmen, wenn die mich einfach der Polizei übergeben?« Und hartnäckig: »Wenn ich doch auf die Polizei soll, dann mache ich vorher eine ganz große Sache. Drei Monate wegen Sachbeschädigung und Körperverletzung ist nichts.«
»Wir könnten’s gut hindeichseln«, sagt der plänereiche Kufalt. »Wir sagen, du wohnst bei uns, du hast ’nen Tobsuchtsanfall gehabt, bist auf uns losgegangen. Jetzt bist du ruhig, aber du hast Angst, es kann wieder losgehen. Sie sollen dich nur ein, zwei Tage behalten.«
»Und dann?«
»Bis dahin hast du mit dem Obermuckermuck von den Ärzten gesprochen, und das sieht ja wohl jeder Dümmste ein, dass du völlig meschugge bist, wenn du ihm alles genau erzählst. Du musst namentlich das mit deiner Schwester erzählen.«
Blick nach Liese.
Auch ein Blick Beerbooms zu Liese.
Sie steht da, hell, blond, so ein zartes, weiß und rosiges Gesicht, ein Kind …
»Das soll ich auch erzählen?« fragt Beerboom.
»Das gerade. Besonders das.«
»Findest du denn das so meschugge?«
»Also gehen wir schon«, drängt Kufalt. »Hier kannst du die Nacht nicht bleiben. Ich will auch keine Unannehmlichkeiten mit der Polizei haben. – Welche ist die nächste, Liese?«
»Friedrichsberg«, sagt sie halb flüsternd, »ihr habt gar nicht weit zu gehen.«
»Hören Sie, Fräulein«, sagt Beerboom, »ich geh nur in die Klapsmühle, wenn Sie mich hinbringen.« Er schreit plötzlich: »So wahr mir Gott helfe, ich bleibe hier sitzen, wenn Sie mich nicht hinbringen.«
Kufalt und Liese Behn sehen sich an.
»Also schön«, sagt Liese. »Ich geh mit. Aber Sie versprechen mir, dass Sie auch bestimmt in die Anstalt gehen?«
»Hör mal, Kufalt«, sagt Beerboom, »pump mir zwanzig Mark, und ich hau so ab. Haste keine Scherereien, kannst mit deiner gleich in die Betten gehen.«
»Erstens habe ich keine zwanzig Mark«, sagt Kufalt böse, »und zweitens würde ich sie dir nie pumpen. Nachher besäufst du dich und frisst was aus im Suff, und ich sitze drin, weil ich dir das Geld gegeben habe.«
»Also schön«, sagt Beerboom, »gehen wir. Wohin, weiß ich noch nicht. Vielleicht sogar wirklich in die Klapsmühle.«
9
»Hör mal, alter Junge …«, fängt Beerboom in einem ganz anderen Ton auf der Straße an.
Also es ist wirklich gut, dass man nun mit ihm auf der Straße ist. Hier weht ein Wind, Leute gehen, die Lampen brennen, es ist alles plötzlich wirklicher geworden, normales, richtiges Leben, und unwirklich ist geworden, was da oben geschah und besprochen wurde, in jenem halbdunklen Zimmer, das nun immer weiter zurückbleibt.
Liese hat sich bei Kufalt eingehängt. Sie gehen wie ein richtiges Liebespaar, die Hände mit den Fingern ineinander verschränkt.
Beerboom zottelt nebenher. Da oben war Beerboom schlimm – was ist hier unten Beerboom? Man kann ein Auto rufen und ihn stehenlassen, man kann an einen Schupo herangehen, und er türmt – Beerboom muss nicht sein, Beerboom ist ein Zufall, ein hässlicher, verdrehter Mensch, dem die Haft nicht gut bekommen ist … man wird ihn schon loswerden. Und dann sind sie beide allein. Und Liebe und Arbeit, und Arbeit und Liebe …
Auch Beerboom bekommt die Straße ganz gut. In einem ganz anderen Ton hat er angefangen: »Hör mal, alter Junge, mit dir ist aber auch was nicht in Ordnung. Dich haben sie auch auf dem Kieker. Heute früh waren der Marcetus und der Jauch im Friedensheim und haben eine große Beratung mit Wolle-Teddy gehabt, und von dir war hauptsächlich die Rede …«
»Woher weißt du denn das?« fragt Kufalt.
»Weil ich gelauscht habe«, sagt Beerboom stolz. »Bin aufs Klo gegangen und hab dann an der Tür von Seidenzopfens Zimmer gelauscht. Aber die haben ja so ’nen Argwohn, keine drei Minuten, und sie haben mir die Tür an den Kopf geschlagen.«
»Na, und dann …?«
»Dann sind sie alle über mich hergefallen und haben mich niedergebrüllt, einer nach dem anderen – darum habe ich ja heute Nachmittag auch solchen Rochus gehabt!«
»Und was haben sie gesagt von mir?«
Beerboom denkt nach. Dann ganz rasch: »Gibst du mir zwanzig Mark, wenn ich dir das erzähle?«
»Keine fünfzig Pfennig«, lacht Kufalt. »Geh du man lieber nach Friedrichsberg, statt dich zu besaufen.«
»Aber du gehst bestimmt hoch, wenn ich dir nicht erzähle, was sie vorhaben. Sie haben auch von Polente gesprochen.«
»Weiß ich alles«, lacht Kufalt. »Kann ich mir alles denken. Ich habe nämlich auf Presto Schluss gemacht.«
»Na, und …?«
»Du weißt doch alles, denke ich. Gar nichts können mir die Brüder wollen, nicht einen Dreck.«
»Na, denn nicht!« sagt Beerboom patzig und verfällt wieder in sein altes, böses Schweigen.
»Was machst du denn nun, wenn es auf der Schreibstube alle ist?« fragt Liese.
»Ich hab schon wieder neue Arbeit, viel bessere Arbeit«, flüstert Kufalt.
»Bei Kutzmann oder so«, sagt Beerboom.
»Wie?!« fragt Kufalt und ist hellwach, »was weißt du denn von Gnutzmann?«
»Zwanzig Eier«, sagt Beerboom.
»Ich tue es nicht, und ich tue es nicht«, sagt Kufalt. »Nicht nur, weil zwanzig eine Masse Geld sind, sondern gerade weil du dann Dummheiten machst, und ich hänge drin.«
»Ich mache vielleicht auch so Dummheiten«, sagt Beerboom.
»Aber dann können sie mich nicht kappen. – Bitte, Beerboom, tu mir den Gefallen, erzähl, was die geredet haben!«
»Sie brauchten doch unter Kollegen nicht so zu sein«, sagt auch Liese. »Willi hilft Ihnen doch auch.«
Willi, denkt Kufalt frohlockend.
»Schöne Hilfe, wenn mich einer in die Klapsmühle bringt. Schöner Kollege so was. Nee, ich sage nichts.«
»Dann lässt du es eben!« sagt Kufalt wütend.
Und überlegt halblaut: »Und wenn sie’s auch wissen, sie können uns gar nichts wollen! Konkurrenz, da gibt es kein Gesetz dagegen, und auch der Herr Bär ist nicht so. Wenn wir ihn sehr bitten, lässt er uns die Arbeit, auch wenn wir vorbestraft sind.«
»Da ist schon Friedrichsberg«, sagt Liese.
Sie sind das längste Stück durch Anlagen gegangen, Gebüsch, schöne Rasenflächen, Rosenbeete. Ein Wässerchen.
Sie ist still und sanft, die Nacht, auf allen Bänken sitzen die Pärchen. Und es ist ein Flüstern zwischen den Zweigen, ein Geräusch, ein Gesumm, mit klarglänzenden Tropfen von Fruchtbarkeit weht es durch die Luft …
Aber drüben liegt niedrig und dunkel das Portalgebäude der Irrenanstalt Friedrichsberg. Kein Licht.
»Die schlafen ja alle«, sagt Beerboom und bleibt stehen. »Also gib mir wenigstens fünf Mark.«
»In einer Irrenanstalt ist immer eine Nachtwache, genau wie im Kittchen. Komm schon«, sagt Kufalt.
»Und drin ist’s auch genau wie im Kittchen«, sagt Beerboom höhnisch. »Fräulein, schenken Sie mir drei Mark. Geben Sie mir zwei Mark, geben Sie mir wenigstens eine Mark.«
Aber Kufalt wird plötzlich wütend: »Dämlicher Hund, du, immer anderen Malesche machen! Mir den ganzen Abend verkorksen. Kommst du mit, oder kommst du nicht mit?!«
Er fasst ihn am Arm und zerrt ihn gegen das Portal.
»Doch nicht so!« warnt Liese erschrocken. »Doch nicht so!«
Aber Beerboom ist plötzlich ganz friedfertig, er lacht sogar. »Halt mich lieber nicht fest, Willi, wenn ich wirklich mal haue, dann liegst du da …« Er hat sich losgemacht, er steht mit dem Rücken zum Portal von Friedrichsberg, er sieht in die Anlagen mit den Bänken.
»Da sitzen sie«, sagt er, »die knutschen sich ab und werden satt, aber unsereiner …« Er macht eine Bewegung auf Kufalt zu. »Wird denn der satt, Fräulein? Er gibt immer so an, aber wird der denn satt?«
»Red keinen Unsinn«, sagt Kufalt. »Kommst du, oder kommst du nicht? Wir gehen sonst nach Haus.«
»Natürlich komm ich«, sagt Beerboom plötzlich weinerlich. »Was soll ich denn sonst machen? Wo ihr mir kein Geld gebt!«
Aber er steht wieder still. Nur, dass er diesmal nicht in den Park sieht, auch nicht in die Gesichter der beiden. Sondern er sucht. Seine Hände fahren an seinem Körper herum, sie fühlen vorsichtig, und sie bringen hervor – Liese schreit leise auf –, sie bringen hervor ein Messer, ein offenes Rasiermesser.
Beerboom hält es in der Hand, er hält es etwas hoch, es klappt nicht zusammen, er hat es wohl irgendwie umwickelt, und …
Und die beiden sehen ihn an, dieses alte, böse, trotzige Kindergesicht, das den Kuchen nicht bekommen soll, mit dem dunklen Haar, den buschigen Brauen …
»Weg damit«, sagt Beerboom plötzlich und wirft das Messer weit von sich in ein Gebüsch. Es blitzt auf, es ist wie ein silberner heller Streif durch die Nacht. Dann hört man es fallen.
»Schlapp«, sagt Beerboom aufatmend. »Hab gedacht, ich könnte es. Aber selbst dafür haben sie mich fertiggemacht. Also kommt.«
Sie gehen schweigend gegen das Gebäude hin, Liese dicht eingehängt bei Kufalt. Er spürt, wie schwer sie ist, wie sie innerlich bebt vor Angst und Hingabe.
Natürlich gibt es eine Nachtglocke. Sie klingeln. Es bleibt dunkel. Sie klingeln noch einmal, es bleibt dunkel …
Aber Beerboom sagt nicht noch einmal, dass sie gehen wollen, dass er Geld haben möchte, er wartet ganz geduldig.
Nach dem dritten Klingeln wird es hell, ein verschlafener Wärter schlurft heran und spricht durchs Türgitter: »Was ist denn?«
»Entschuldigen Sie bitte«, sagt Kufalt hastig. »Mein Schwager hier, der hat heute Abend einen Tobsuchtsanfall bekommen. Alles hat er zerschlagen, und uns wollte er auch totschlagen. Jetzt ist er ruhig, aber er hat so ein Gefühl, dass es wiederkommen kann – ob Sie ihn nicht auf eine Nacht behalten wollen? Bitte schön?«
Der Wärter hinter der Tür ist ein langer, schlenkriger, blasser Mann, mit einem Kopf fast ohne Fleisch, Haut und Knochen – eigentlich sieht er aus, als könnte er ganz gut ein Kranker der Anstalt sein.
»Geben Sie ihm nichts mehr zu trinken«, sagt er nach kurzem Überlegen. »Lassen Sie ihn seinen Rausch ausschlafen.«
»Er hat nichts getrunken«, sagt Kufalt. »Er hat so getobt, ganz plötzlich.«
Beerboom steht immer schweigend dabei.
»Bei welchem Arzt war er denn in Behandlung?« fragt der Wärter argwöhnisch.
»Bei keinem noch«, erklärt Kufalt eifrig. »Ich erzähle Ihnen doch, es hat ganz plötzlich angefangen.«
»Das gibt es gar nicht«, sagt der Wärter. »Was ist denn der Herr?«
»Jetzt – arbeitslos«, sagt Kufalt.
»Guten Abend«, sagt Beerboom ganz ruhig und gelassen und beginnt zu gehen.
Der Wächter sieht ihm nach, gespannt, durch die Gittertür.
»Lieber Herr«, sagt er zu Kufalt, »ich glaub ja, Sie meinen’s gut mit dem Herrn, aber wenn Sie wüssten, wie viel Arbeitslose zu uns kommen und denken, sie kriegen Essen und ein gutes Bett, wenn sie den wilden Mann spielen … Was macht der denn da? Was sucht der denn da?«
»O Gott«, sagt Kufalt und fährt herum. »Wärter, kommen Sie schnell, helfen Sie, er sucht sein Messer, er hat’s vorhin weggeworfen …«
»Machen Sie doch schnell …«, schreit Liese.
Zögernd sagt der: »Ich darf doch nicht aus dem Tor, ich bin doch Nachtwache …«
Und schließt schon. Die beiden anderen laufen, Kufalt spricht, zu wem spricht er? –: »Er hat elf Jahre Zet gehabt oder wie viel, was weiß ich, er ist erst ein halbes Jahr raus … er ist wahnsinnig …«
Der dunkle Schatten vor ihnen läuft schon über einen Rasen, huscht um ein Gebüsch …
»Lauf doch schneller, Liese! Wo ist denn der Wärter? Der weiß doch mit Verrückten umzugehen …«
»Rennen Sie, Herr, sehen Sie, dass Sie einen Schupo erwischen. Ich darf doch nicht weg von der Pforte, die Pforte steht ja auf …«
Sie kommen auf einen Weg. Hier sitzt ein Paar …
»Ist hier einer langgelaufen?«
Die fahren auseinander … »Wie …? Was …?«
In diesem Augenblick hören sie den Schrei. Es ist ein wahnsinnig hoher, schriller Schrei, der plötzlich abbricht, und ein tiefes, wie ersticktes Gurgeln …
»Dorthin! Dorthin! Dorthin!«
Es ist ein Gebüsch – selbst in dieser Nacht, in dieser Sekunde duftet der Garten …
Sie biegen die Zweige auseinander …
Es ist etwas Weißes, was da liegt, ein weißes Kleiderbündel, so weiß, so weiß … Und es wird dunkel darüber, vom Kopf her, vom Hals her wird es dunkel, strömendes Dunkel, dickes klebriges Blut, großer Fleck, größerer Fleck, wird es dunkel, dunkel … Und es gurgelt so seltsam …
»Schupo! Hilfe! Polizei!« ruft grell eine Stimme.
Und Kufalt sieht das Gesicht von Liese Behn, von der Stenotypistin Liese Behn, den atmend geöffneten Mund, den zurückgelehnten Kopf …
Ein Grauen erfasst ihn, das Leben, o dieses Leben …
»Schnell weg«, flüstert er. »Schnell weg! Wir dürfen keine Zeugen werden in dieser Sache …«
»Lass mich sehen … lass mich doch sehen …«, flüstert sie atemlos.
Er reißt sie mit sich durch die Menschen, die überall heranlaufen.








