Kitabı oku: «Hans Fallada – Gesammelte Werke», sayfa 85

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Es gibt Glückstage, und es gibt Unglückstage in jedem Leben – jeder weiß es. Auch Kufalt wusste es. Er hatte das Gefühl, dass dieser sechzehnte August ein schlimmer, ein düsterer Tag für ihn war – was alles barg er in seinem Schoß …?

Zuerst einmal hatte er sofort der Liese gesagt, dass er ausziehen würde, spätestens zum Ersten –: Er konnte nicht ihr Gesicht vergessen, dieses holde Gesicht mit dem atmend geöffneten Mund, dem zurückgelehnten Kopf – und so gierig!

»So«, hatte Liese gesagt. Und noch einmal: »So.« Und dann nach einer Pause: »Von mir aus …!«

Sie war aus seinem Zimmer gegangen, die Tür war zugefallen: Schluss, Ende, nichts mehr von solcher Liebe! Sicher hatte sie mit ihm schlafen wollen, unter dem Ehrenprotektorat von Herrn Lustmörder Beerboom – danke schön.

Vorbei … vorbei …

Und dann hatte Kufalt sich eine Zeitung gekauft, auf dem Wege zur Schreibstube, ein Morgenblatt, und da hatte er allerdings den Fall des Mannes Beerboom in aller Ausführlichkeit gefunden. Dazu mancherlei Anlass zum Lächeln, zum Beispiel den, dass Beerboom nun wirklich in Friedrichsberg untergebracht war (»vorläufig, da er auf raschestem Wege der empörten Bevölkerung, die ihn lynchen wollte, entzogen werden musste«), in jenem Friedrichsberg also, in das ihn aufzunehmen Kufalt so vergeblich gefleht hatte …

»Und da wird er ja nun wohl auch bleiben – für sein Leben«, stellte Kufalt fest.

Weiter aber fand Kufalt die Notiz, dass das Opfer (»in der Nacht noch gestorben«) des Beerboom eine siebenunddreißigjährige Näherin sei, ein altes Mädchen also, das vielleicht nur darum nächtlich in die Anlagen am Friedrichsberg gegangen war, um im Anblick der küssenden Paare jenen Anteil Liebe abzubekommen, um den auch Beerboom sich so bemüht hatte …

Ach, der große, böse, wilde Lustmörder Beerboom!

Nein, dieser Unglückselige, zu ewigem Scheitern verdammte Beerboom, dieser aberwitzige Tölpel, der von der Morgenzeitung zu einem bestialisch-dämonischen Mörder aufgeblasen wurde – dieser ewige Misswuchs auf der Schattenseite des Lebens …!

Da hatten sie nun diesen Pubertätsnarren von seinem Schwesterchen getrennt, da hatten sie ihn durch elf Jahre zu einem Mönch wider Willen gemacht, in dem sich alle Triebe verkehrt hatten und in dem nur das Fleisch brannte, da war er nun herausgekommen, unfähig, bei einer Frau zu schlafen und sich zu befreien, den Schädel voll von wilden Fantasien, da hatte er sich eingesponnen in ein irres Verlangen nach Mädchen, Kindern, in Träume von nackten Kinderleibern … da war er willens gewesen, zu verzichten, wieder unterzukriechen mit seinen nie erfüllten Fantasien in einer Klapsmühle, in einer Zelle, ohne Erfüllung, ohne jede Aussicht auf Erfüllung in seinem ganzen Leben …

Und da war er zurückgewiesen worden und, gegen seinen Willen beinahe, in die Aussichtslosigkeit eines Lebens, das kein Nachtquartier, keine Arbeit, kein Essen, keinerlei Glücksmöglichkeiten, kein gutes Wort und keinen guten Freund und überhaupt keinen Platz für ihn hatte …

War er da losgerannt, mit dem Messer in der Hand, sich die eine, eine übriggebliebene Erfüllung seines Lebens zu holen …

Und er war an sein Gegenstück geraten, an kein Mädelkind, sondern an eine halbvertrocknete alte Jungfer, seinen Abklatsch ins Weibliche …

Und Kufalt hatte sich vorgestellt, wie dieser Narr Beerboom, dieser Flachkopf, den Rest seines langen oder kurzen Lebens in einer Zelle mit Gittern und Steinwänden verbringen und immer wieder um diesen einen Punkt kreisen würde: Hätte ich doch damals wenigstens etwas Junges … wäre in jener Nacht nur ein Kind … hätte ich doch einmal in meinem Leben Glück gehabt! Glück – und Kufalt hatte in der hellen Augustsonne, auf seinem Wege in die Schreibstube Cito-Presto, geschaudert … Glück, was so die Menschen ihr Glück nennen, was wirklich so der Menschen Glück ist …

Glück: statt siebenunddreißig Jahre elf oder neun, ein kleines Mädchen mit Wadenstrümpfen …

Wahrhaftig: Glück!

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Auf Cito-Presto jedenfalls wusste noch keiner was von der Geschichte. Sich Zeitungen zu halten gehörte nicht zu den Lebensbedürfnissen Entlassener, und selbst bei den verlockendsten Schlagzeilen zehn Pfennig für ein Morgenblatt auszugeben, zehn Pfennig, für die man schon drei Zigaretten bekam – also das kam gar nicht in Frage!

»Packt das Fertige zusammen und liefert ab«, sagte Maack zu Kufalt und Monte.

»Und bringt nicht wieder Zwanzigmarkscheine mit – wie soll man denn das Geld teilen?!« verlangte Jänsch.

»Nee, wir bringen es in Tausendmarkscheinen«, sagte Monte, und dann zogen die beiden los, jeder kräftig schleppend an fünftausend Adressen.

»Also, Fräulein«, sagt Kufalt, »hier sind wieder die nächsten Zehntausend. Herrn Bär brauchen wir wohl gar nicht zu stören, ist alles tadellos in Ordnung. Nur ’ne kleine Anweisung, wenn wir bitten dürften, für die Kasse.«

»Nein, Herr Bär möchte Sie sprechen, Herr Meierbeer«, sagt das Fräulein. »Die Adressen können Sie hierlassen, und der andere Herr kann auch hierbleiben. Sie möchte Herr Bär sprechen. Sie wissen ja den Weg.«

Ja, Kufalt weiß ihn, und er geht ihn etwas schweren Herzens.

Jablonski gestern – vielleicht war es also wirklich Jablonski gewesen, und das Geschwätz von Beerboom über das, was er erlauscht hatte – vielleicht hätte man ihm doch die zwanzig Mark geben sollen? Oh, oh, oh – soll man denn nie zur Ruhe kommen?!

Herr Bär sitzt an seinem Tisch, raucht eine Zigarre und blättert in Briefen, er sieht nicht auf, als Kufalt eintritt und höflich guten Morgen sagt.

Ja, er beantwortet diesen Gruß nicht einmal.

Doch, schließlich beantwortet er ihn. »Guten Morgen, Herr Meierbeer. Sie heißen doch Meierbeer?« fragt er.

Kufalt steht stumm. (Also doch, also doch!)

Bär sieht einmal flüchtig seinen Besucher an. »Sie heißen doch Meierbeer, nicht wahr?« sagt er, und er sagt es beinahe drohend.

»Ja«, antwortet Kufalt gehorsam.

»Und mit Vornamen?«

»Willi.«

»Also, Willi Meierbeer, nicht Giacomo. Also – schön.«

Herr Bär betrachtet gedankenvoll seine Zigarre, streicht etwas Asche ab, fragt: »Und wenn ich Sie recht verstanden habe, sind Sie erwerbslos.« Er verbessert sich: »Waren Sie erwerbslos, ehe Sie hier die Arbeit bei uns bekamen?«

»Jawohl.«

Diesmal eine ganz lange, gedankenvolle Pause.

»Und sonst nichts? – Weiter nichts wie erwerbslos?« fragt Herr Bär plötzlich.

»Weiter nichts«, antwortet Kufalt gehorsam.

Es ist eine treffliche Einrichtung, dass Menschen hinter Schreibtischen sitzen und fragen dürfen, Menschen vor Schreibtischen zu stehen und zu antworten haben. Der Gedanke ist vollständig sinnlos, dass Kufalt nun etwa mit Fragen anfinge, wieso der Herr Bär dazu käme und warum und weshalb – sinnlos!

Er hat zu stehen und zu warten, bis Herr Bär sich den Kufalt von oben bis unten angesehen hat und weiterfragt: »Es stimmt doch auch alles, was Sie mir erzählt haben, Herr Meierbeer?«

Kufalt steht einen Augenblick stumm. Er überlegt – aber was hätten Geständnisse für einen Sinn? Geständnisse haben nie einen Sinn, das weiß ein alter Ganove von jeder Vernehmung vor den Krimschen ganz gut.

»Alles stimmt, Herr Bär«, sagt also Kufalt.

»Schön, schön«, antwortet Herr Bär und nimmt die Beschäftigung mit seinen Briefen wieder auf. »Es stimmt also alles. Es ist alles, wie Sie mir gesagt haben. Und sonst ist nichts, weiß ich von nichts.«

»Nein«, sagt Kufalt. »Sonst ist gar nichts.«

»Also gut. Ich danke Ihnen schön. Das Geld kriegen Sie an der Kasse, Fräulein Becker hat die Anweisung. Guten Morgen, Herr Kufalt.«

Erst als die Tür längst zu, Kufalt zehn Schritte weiter ist, merkt er, dass Herr Bär zu Herrn Meierbeer Herr Kufalt gesagt hat. Aber – was soll man dabei machen? Vielleicht hat es sogar Herr Bär sehr nett gemeint, eine Warnung gewissermaßen. Jetzt heißt es die Ohren steifhalten, die Bombe ist am Platzen, aber wollen, wollen können die uns gar nichts!

Das Schlimmste ist nur, dass man mit Monte kein Wort über diese Dinge sprechen kann. Da zottelt er nebenher, eigentlich ein hübscher Mensch mit seinem gewellten, blonden Haar, aber nichts im Schädel als seine Schweinereien. Er nimmt an nichts Anteil, er hasst regelmäßige Arbeit, er sucht immer nach irgendeinem Grunde, abzuhauen … Kufalt schlottert neben ihm her: Unglückstag, finsterer Tag – was bringst du noch?

Und er ist doch verblüfft, als er die Tür zur Schreibstube öffnet – und wer steht da, in der Mitte des Raums, umtost von schmetternden Maschinen?

Wer anders als Herr Hausvater Seidenzopf, unser lieber Wolle-Teddy …?!!

Der fährt herum, als die beiden hereinkommen. »Ah, sieh da, mein lieber Kufalt, Sie hatte ich doch längst vermisst.«

Er stürzt auf Kufalt zu, die Hand herzlich ausgestreckt.

Aber: »Gib dem Mann keine Hand, Willi!« ruft Jänsch.

»Sprechverbot«, mahnt Maack.

Kufalt kann gerade noch seine Hand, die fast schon die Fingerspitzen Seidenzopfs streifte, zurückziehen. Er geht mit Monte an seinen Platz, er setzt sich, ohne hochzusehen, und fängt an zu packen.

Los – los – los – weiter …

»Meine lieben jungen Freunde«, fängt Wolle-Teddy an und steht gar nicht entmutigt in der Mitte des Raumes …

Und die Schreibmaschinen klappern und klingeln, und Jänsch hat mal wieder weder Rock noch Weste, noch Hemd an …

»Meine lieben jungen Freunde, ich finde es ja aller Ehre wert, dass Sie sich mit solchem Eifer achtbarer Arbeit widmen – es war da ein böser Verdacht ausgesprochen, gerade gegen Sie, mein lieber Kufalt … Aber damit ist es ja nun nichts, Gott sei gelobt, dieser Verdacht ist nicht eingetroffen, damit ist nun nichts …«

Vater Seidenzopf steht in der Mitte des Raumes und reibt sich langsam und genießerisch die Hände. Er schaut dabei um sich, ob ihn vielleicht einer ansieht, aber das tut keiner. Sie tippen und packen.

Der Herr vom Haus Friedensheim macht ein paar Schritte und kommt hinter einen der Schreiber zu stehen. Er sieht über dessen Schulter auf die Maschine, die Typenhebel machen »Klapp-Klapp-Klapp«, Seidenzopf sagt gedankenvoll: »Alles neue Maschinen. Schöne neue Maschinen … Mercedes … Adler … Underwood … AEG … Remington … Smith Premier … Damit lässt es sich schon schreiben. – Ein Wunder, ein Wunder …«

Die Blicke von Kufalt und Maack begegnen sich einen Augenblick. Schon spricht Seidenzopf weiter: »Dreihunderttausend Adressen – ein schöner Posten Arbeit – lange Arbeit, anderthalb Monate schätze ich – und was dann?«

Keiner antwortet.

»In Hamburg gibt es solch einen Posten Arbeit zweimal, dreimal im Jahre – und die andere Zeit? Oh, meine jungen Freunde …« Seine Stimme schwillt an, läutet wie eine Glocke, sein schwarzer Bart ist in lauter Löckchen gesträubt … »Oh, meine jungen Freunde, wir von Friedensheim, wir von Presto haben Sie aufgenommen, als Sie aus den Strafanstalten kamen, als Sie ratlos und verzweifelt und fast ohne Geld waren. Wir haben Ihnen zu essen gegeben, eine gute reichliche Hausmannskost, ein Dach über den Kopf, ein geregeltes Leben.«

Gesteigert: »Wir von Friedensheim haben Sie erst arbeiten gelehrt, wir haben Ihnen mit unermüdlicher Geduld wieder regelmäßige Arbeit beigebracht – und nun danken Sie es uns so?«

Er ist sehr kummervoll, aufgeregt und kummervoll, weiß Gott, vielleicht glaubt dieses pharisäische Schwein in dieser Minute wirklich an das, was er sagt.

Seidenzopf macht eine Pause. Und als er neu zu sprechen beginnt, erfüllt tiefe, ehrliche Empörung sein Herz. »Und zu welchem Preis werden Sie diese Arbeit übernommen haben, ich frage Sie, zu welchem Preis?! Sie werden ganze zehn Mark bekommen haben, vielleicht nur neun fünfzig, vielleicht nur …«

Er beobachtet die Gesichter: »… vielleicht nur neun Mark – und wir hätten zwei Mark mehr erzielt. Sechshundert Mark mehr Arbeitsverdienst: weggeworfen, von unkundigen Menschen abgeschlossen. Ich werfe es Ihnen nicht vor, aber welch ein Jammer, die Preise werden auf Jahre hinaus gedrückt sein!«

Die Schreibstube ist unruhig, aber Seidenzopf fährt unbeirrbar fort: »Und was wird aus Ihnen selbst nach diesen anderthalb Monaten? Keine Arbeit – und die Fürsorge-Verbände, nun, die Wohlfahrtsämter und Heime, das sind wir ja, mit den Herren arbeiten wir ja, mit denen sprechen wir ja zuerst. Auskünfte, Recherchen, Nachfragen …«

Er schüttelt den Kopf, plötzlich brüllt er los wie ein wütender Löwe: »Angewinselt werden Sie zu uns kommen, auf den Knien werden Sie gerutscht kommen zu uns: Geben Sie uns doch ein Dach, Vater Seidenzopf, geben Sie uns ein warmes Essen! Um Gottes willen, helfen Sie uns, Vater Seidenzopf, wir können doch nicht verrecken! – Aber dann werden wir …«

Was wir tun werden, geht in einem allgemeinen Tumult unter. Fast alle sind aufgesprungen von ihrer Arbeit, sie schreien mit zuckenden Lippen, sie werfen ihm ihre Beschuldigungen ins Gesicht.

»Speckjäger, dich mästen an uns!«

»Vier Mark fünfzig zahlst du uns fürs Tausend!«

»Wenn es euch nicht passt, schmeiß ich euch raus, es gibt ja so viele Arbeitslose!«

»Schlagt dem Schleicher doch in die Fresse!« (Jänsch.)

»Hängt ihn an den Beinen zum Dachfenster hinaus!« (Öser.)

»Richtig, da wird er schon winseln!« (Kufalt.)

»Ruhe!« schreit Maack. Und dann noch ein paarmal: »Ruhe!«

Er durchdringt die Gruppe, die wild gestikulierend sich um den bleichen, aber nicht sehr verängstigten Seidenzopf geballt hat, und sagt: »Herr Seidenzopf, jetzt gehen Sie!«

»Aber gar nicht gehe ich!« brüllt Wolle-Teddy. »Euch muss man ins Gewissen reden! Ihr müsst es einsehen: Kehrt zurück zu uns, und alles ist vergeben …«

»Los!« sagt Maack zu Jänsch.

Und sie fassen Vater Seidenzopf jeder an einem Arm und führen ihn gegen die Tür. Seidenzopf aber schreit weiter: »Wer innerhalb drei Stunden zu uns zurückkehrt, wird ohne Weiteres wieder aufgenommen. Wer als Erster kommt, wird Schreibstubenhilfsvorsteher bei Herrn Jauch!«

Die Tür fällt zu, man hört nur noch Geschrei auf der Treppe. Dann kommen Maack und Jänsch wieder zurück.

»So«, sagt Maack, und sein weißes Gesicht zuckt. »So.« Er sieht sich um, er sagt: »An die Arbeit. Wir müssen unsere Zehntausend schaffen. Jetzt gerade! Sprechverbot.«

Er sieht alle noch einmal an. Er sieht Jänsch an und nickt ihm zu. Er sagt leise, aber drohend: »Oder will jemand das Angebot von Herrn Seidenzopf annehmen? Bitte schön! Dann aber gleich.«

Alle gehen an ihre Arbeit.

12

Natürlich, aber es ist unvermeidlich, dass in der Mittagspause alle von diesem großen Ereignis reden. Sie sind sehr stolz darauf, dass sie den hohen Herrn Seidenzopf, noch vor Kurzem Gebieter über Gedeih und Verderb, so haben abfahren lassen …

»Das hätte ihm so gepasst, wenn wir uns in ’ne Streiterei eingelassen hätten!«

»Wenn der sich einbildet, er kann uns alles sagen …!«

»Der kann warten, bis wir kommen.«

»Angewinselt – wer wohl zuerst winselt!«

»Fein, wie ihr ihn rausgebracht habt, richtiger Polizeigriff. Wolle-Teddy – ab dafür!«

»Der kommt nicht wieder!«

»Das mach dir bloß ab! Natürlich kommt der wieder. Dreihunderttausend – dafür läuft der sich die Absätze schief.«

»Vielleicht kommt als nächster Jauch.«

»Au schnafte, wenn der losbullert, lach ich mir ’nen Ast.«

»Den Jauch wird der Marcetus schon nicht schicken, der weiß doch auch, dass der bloß ein Bulle ist!«

»Wenn nun Marcetus selber kommt …?«

Lange betretene Pause.

Eine etwas unsichere Stimme: »Ausgeschlossen, viel zu fein dafür.«

»Möglich ist es doch!«

»Möglich ist alles, aber ich glaub’s nicht.«

»Halten wir eben auch den Rand, der wird schon gehen, wenn ihm keiner antwortet.«

Aber doch sind die Gesichter etwas bedenklich. »Marcetus – nee, hoffentlich nicht, der ist ein schlaues Aas.«

»An die Arbeit, die Herren«, sagt Maack. »Höchste Zeit, wir müssen reinhauen wie die Wilden.«

Das Geschmetter der Maschinen will einsetzen, hebt an, stolpert und – Stille!

Alle sehen auf einen Platz, auf einen Platz an einer Schreibmaschine, und der Platz ist leer!

Alle sehen sich um im Zimmer, aber im Zimmer blieb keiner übrig für diesen leeren Platz.

Einer pfeift lang, gedehnt.

»Ahoi! Ahoi! Mann über Bord!«

»Wo ist Sager?«

»Wollte Bier holen!«

»Hilfsstubenvorsteherschreiber!«

»Stubenvorsteherhilfsschreiber!«

»So ein Schwein, na warte!«

»Ahoi! Ahoi! Mann über Bord! Ahoi! Ahoi!«

»Kameraden …«, fängt Maack an und schluckt mühsam.

»Ach scheiß, Kameraden!« schreit das wilde Tier Jänsch wütend. »Ich scheiß auf die Kameradschaft. Lumpen!« schreit er. »Ganoven! Da ist die Tür! Kufalt, mach die Tür auf, lass sie offen, breit offen: So, stellt euch alle mit dem Rücken zur Tür an die Wand! Schön weit auseinander, dass ihr euch nicht berührt! Arm gewinkelt vor die Augen! Wer guckt, kriegt von mir eine geschallert. – Nun …!« Er brüllt. »Raus mit euch Ganoven, mit euch Lumpenmännerchen, mit euch Feiglingen – haut ab, keiner sieht euch in eure Verräterfresse, gut könnt ihr jetzt abhauen, keiner sieht hin, geht auf Zehenspitzen! Ab!«

Pause, lange Pause, sie stehen blind und dunkel an der Wand. Knackt eine Diele? Ging einer? Schlich einer? Oh, verlorene Kindheit, verlorener Glaube an den Mitmenschen! Jänsch schnauft, er ruft: »Bist du schon weg, Monte? Du kriegst auch einen fetten Druckposten bei denen!«

»Stubben, dämlicher!« piepst Monte.

Der ist also jedenfalls noch da.

Und Jänsch, in seinem tiefsten Bass, doch schon erlöster: »Mich möchste woll, Pupenjunge?!«

Schallendes Gelächter – und die Augen sehen wieder, sehen neu ins Sonnenlicht, erkennen einander: Nein, es ist keiner mehr fortgeschlichen, sie bleiben beieinander.

»Na«, brummt Jänsch, »wir werden ja morgen früh sehen, wer sich die Sache noch mal beschlafen hat. Ich trau keinem mehr.«

»Trauen – hab ich nie getan.«

»Alle Menschen sind Schweine.«

»Hör zu«, sagt Maack zu Jänsch. »Es ist doch besser, du übernimmst von jetzt an das Schreibstubenkommando. Du machst das besser als ich, Jänsch.«

»Bist zu fein, Maack«, sagt Jänsch missbilligend. »Ich denk immer: Fein kommt von dünn. Alles Scheiße. Also nun los, Kufalt, du musst mit tippen, nimm dich ein bisschen zusammen, verstehste?!«

»Ja«, sagt Kufalt.

»Und ich?« jammert Monte. »Ich kann doch nicht zehntausend alleine packen?«

»Wärst du vorhin aus der Tür getrudelt«, sagt Jänsch. »Na, lass man, reg dich bloß nicht künstlich auf. Wir helfen dir alle heute Abend. Los!«

Und nun geht es wirklich los.

Kufalt, wieder einmal an der Maschine, an einer schönen neuen Maschine, ist glücklich. Glücklich und unruhig.

Glücklich, denn die Finger tanzen los, kaum hat das Auge die Adresse auf der Kartothekkarte erwischt, tanzen, fehlerlos, und weiter, weiter. Wo ist die letzte Nacht? Versunken, vergessen, er wird einfach umziehen, aus, Liese, aus! Das ist das Gute im Leben: Immer wieder kommt etwas anderes, man braucht sich nicht an das Vergangene zu hängen, vorbei, vorbei!

Wie die anderen hat er die Umschläge zu Hunderten gebündelt neben sich liegen. Er reißt eine Schlaufe durch, sein Nachbar, der Fasse, hat vor drei oder vier Umschlägen seine Schlaufe zerrissen – und als Kufalt mit seinen hundert durch ist, hat Fasse noch ein paar Umschläge nach. Ach, Kufalt ist hoch in Form, es sind seltsame Dinge, aber so ist es, man weiß nichts voraus, heute hätte es schlecht gehen müssen, und heute geht es gut. Er ist glücklich.

Aber unruhig. Und unruhig sind alle anderen auch. Soviel Geräusper, Stocken, nachdenkliches Pfeifen, Summen hat es noch nicht gegeben bei ihnen. Gut, Seidenzopf ist dagewesen, er hat gedonnert und gedonnert, aber darum ist das Gewitter noch nicht vorbei – der Blitz ist nicht niedergefahren. Sager war kein Blitz, Seidenzopf war kein Blitz … Immer noch steht das Gewitter am Himmel – wann kommt der Blitz?

Punkt fünf Uhr fünfunddreißig fuhr der Blitz aus dem Himmel. Punkt fünf Uhr fünfunddreißig klopfte es hart gegen die Tür.

Maack (natürlich Maack, als ob er noch Schreibstubenvorsteher wäre!) rief »Herein«, die Gesichter drehten sich zur Tür, eintrat Pastor Marcetus.

»Guten Abend«, sagte er und ging drei, vier Schritte bis in die Mitte des Raums.

»Guten Abend«, sagten ein paar, gehorsam, halblaut, und verschluckten sich dabei.

Vier (Maack, Kufalt, Jänsch, Deutschmann) wandten sich wieder an ihre Arbeit, die Maschinen fingen wieder an zu tippen und …

Und »Ruhe«, sagte Marcetus. »Ruhe!!!«

Drei (Maack, Kufalt, Jänsch) tippten doch weiter.

»Ruhe!« sagte der Pastor ein drittes Mal. »Sie werden doch so viel Anstand besitzen, Ruhe zu halten, wenn ich fünf Minuten zu Ihnen sprechen möchte. Ja?«

Einer (Einer! Nämlich Jänsch) tippt weiter, vertippt sich, tippt wieder los, es klingt so dünn, so verloren in dem großen Raum, der eben noch so laut war – Jänsch sagt wütend: »Ach scheiß!« Und auch seine Maschine verstummt.

»Richtig!« sagt der Pastor scharf zu Jänsch. »Außerordentlich richtig. Sie haben sich schön hineingeritten.«

Er schweigt wieder, Jänsch brummt böse, der Pastor sieht sich um und sagt sehr höflich: »Herr Monte, überlassen Sie mir bitte für fünf Minuten Ihren Stuhl – ich bin ein alter Mann.«

Monte springt gehorsam und ein bisschen rot auf, Jänsch brummt noch böser, aber er hindert Monte nicht, den Stuhl in die Mitte des Zimmers zu setzen.

»Danke schön«, sagt Marcetus freundlich und setzt sich. Er setzt sich ruhig hin und sieht sich im Kreis um. Kufalt kommt es vor, als werde er besonders eindringlich und mit einem besonderen Stirnrunzeln angesehen.

»Nun …«, sagt der Pastor langgedehnt.

Aber nichts erfolgt.

Der Geistliche hat seinen schönen schwarzen steifen Haarhut in der einen Hand, ein gutes großes weißes Leinentuch in der anderen. Er fährt sich mit dem manchmal leicht über das Gesicht. Ein rosiges, volles Gesicht mit einem ausdrucksvollen Mund und einem starken Kinn. (Die um ihn sitzen, haben alle ein schwaches Kinn, bis auf Jänsch, der nun wieder eine andere Art starkes Kinn hat, mehr ein Boxerkinn.)

Und Jänsch ist es also auch, der da schließlich sagt, brummig und böse: »Bitte, Herr Pastor, wir müssen arbeiten, wir haben nicht so viel freie Zeit wie Sie.«

Der Pastor geht darauf nicht ein, er sagt vielmehr zu Jänsch: »Sie sind hier der Obmann, ja? Der Schreibstubenleiter? Oder ist es nicht vielmehr Herr Maack?«

»Sager hat Sie angelogen«, grinst Jänsch. »Ich bin hier der Vorsteher.«

»So«, sagt der Pastor und denkt nach. Noch einmal: »So.« Er überlegt gründlich. Dann fragt er: »Dann erledigen Sie hier also alles: Auszahlen, Verrechnen und so weiter?«

Auch Jänsch überlegt. Er sieht einmal rasch zu Maack hinüber, aber der Pastor folgt so aufmerksam diesem Blick, dass die beiden sich nicht verständigen können.

So sagt Jänsch mürrisch: »Ja, tu ich.«

Der Pastor sagt sanft: »Dann nehme ich an, dass dieser Gewerbebetrieb von Ihnen korrekt bei der Gewerbepolizei angemeldet worden ist.«

Stille.

»Und dass der Lohnabzug für Einkommensteuer von Ihnen richtig verrechnet worden ist, ja?«

Stille.

»Und dass die Anmeldungen zur Krankenkasse erstattet sind? Und die Marken geklebt?«

Ziemlich lange Stille.

Der Pastor sieht nicht mehr die Gesichter seiner Leute an, er schaut nachdenklich und gütig in den blauen Sommerhimmel, der ganz durchgoldet ist.

Dafür sehen sich die sieben untereinander an, sehr flüchtig nur, es liegt so was in der Luft …

»Wir danken Ihnen verbindlichst, Herr Pastor«, sagt Maack höflich, »das kann alles noch erledigt werden. Heute ist ja erst der dritte Tag.«

»So«, sagt der Pastor.

»Man hat nämlich drei Tage Frist«, sagt höflich Jänsch. »Und ohne Ihren Wink hätte ich es vielleicht vergessen.«

»So«, sagt der Pastor noch einmal. Und es ist ihm anzumerken, dass er nicht mehr ganz so zufrieden ist.

»Mein Geschäft«, fängt der Pastor neu an, »ist ein undankbares Geschäft. Jeder von Ihnen kommt sich ständig von mir übervorteilt vor. Sie sehen nur, wir nehmen elf ein und geben Ihnen bloß sechs …«

»Vier fünfzig«, sagt Jänsch.

»Vier fünfzig«, bestätigt auch der Pastor. »Sie denken nie daran, dass wir die Miete für die Büros bezahlen müssen und die Heizung und Licht und dass die Schreibmaschinen sich verbrauchen und dass wir Sie durch arbeitsarme Zeiten durchschleppen … Ihr Arbeitsverdienst, oh, mein guter Herr und Gott!« Er lacht bitter. »Sie denken immer, ich tu nichts, als Sie alle Wochen ein-, zweimal anbellen. Und dabei sitze ich den ganzen Tag und schreibe Bettelbriefe für Sie, ich sammle Gönner, Stifter und Mitglieder. Der gibt fünf Mark, der gibt zehn Mark, achthundert solche Beiträge, tausend solche Beiträge im Jahre – davon lebt das Werk …«

»Und sein Pastor«, ergänzt Jänsch.

»Und sein Pastor«, bestätigt Marcetus. »Sie, die Sie so sehr dafür sind, dass jede Arbeit nach ihrem Wert bezahlt wird, Sie werden doch nicht wollen, dass ich ohne Entgelt arbeite?«

»Hören Sie zu, Herr Pastor«, sagt Maack langsam. Er ist sehr weiß, seine Brille rutscht wieder einmal, er schiebt sie mit einem Ruck auf den Nasensattel zurück. »Das mag alles gut und schön sein, was Sie da erzählen, wir wollen uns nicht mit Ihnen streiten, aber …«, und Maack erhitzt sich, »… aber warum lassen Sie uns nicht allein unsern Weg gehen? Wir haben ’ne eigene Arbeit gekriegt, wir tragen doch das Risiko, wenn’s uns dreckig geht, zu Ihnen kommen wir sicher nicht wieder gelaufen – also lassen Sie uns. Jetzt macht es uns Freude, bei Ihnen hat es uns nie Freude gemacht. Kommen Sie doch nicht her mit Drohungen, Kippe oder Lampen kennen wir alle. Lassen Sie uns nur laufen, wir tun Ihnen ja auch nichts.«

»Richtig«, sagt Jänsch, und ein paar andere murmeln beifällig.

»Ich will nicht davon reden«, sagt der Pastor, »dass wir Sie erst zu flotten Maschineschreibern ausgebildet haben. Ich will nicht davon reden, wie unfair ich das finde, dass Sie unsere Kundenadressen ausspionieren. Ich will nicht davon reden, wie verwerflich das ist, dass Sie unsere tarifmäßigen Preise unterbieten. Ich will Ihnen nur sagen, dass keiner von Ihnen an das erhoffte Ziel kommen wird, dass für Sie alle dieser Akt der Undankbarkeit der Anfang zu Verderben und neuen Straftaten sein wird …«

»Als wie woher?« höhnt Jänsch ganz ungerührt.

»Weil Sie …« Aber der Pastor bricht ab und steht auf. »Da sind diese neuen Schreibmaschinen, sie glänzen, sie blitzen, sie sind hübsch sauber, sehr schön … Wie sind die gekauft, he, wie sind die gekauft?«

Einen Augenblick Stille.

Dann sagt Jänsch: »Auf Stottern, denk ich.«

Sie wollen losbrechen mit Lachen, da bricht der Pastor los mit Wut: »Auf Betrug sind die gekauft, auf gemeinen strafwürdigen Betrug!«

Kufalt steht da, ja, er wird angesehen, flammend, böse, angstvoll, verderbend wird er angesehen …

Und dann fährt der Pastor fort: »Als Herr Seidenzopf von Ihnen zurückkam und die Mär von den funkelnagelneuen Schreibmaschinen berichtete, haben wir natürlich die Sache sofort der Polizei übergeben. Die Erhebungen sind noch nicht abgeschlossen, aber es ist schon festgestellt worden, dass sämtliche Schreibmaschinen von dem gleichen mittellosen Burschen gekauft worden sind, und drei Geschädigte haben bereits Strafantrag gestellt …«

Lange, lange Stille.

Der Pastor sieht Kufalt flammend an. »Ja, da wird Ihnen angst, da möchten Sie weg, aber nun ist es zu spät. Ich habe Sie gewarnt, Kufalt, immer wieder habe ich Sie gewarnt.« Er ruft laut: »Herr Specht, bitte, Herr Specht!«

Und die Tür geht auf, und durch die Tür kommt ein Mann, ein breiter, untersetzter Mann, mit einem grauweißen Wachtmeisterschnurrbart, dicken, buschigen, weißen Brauen und einer Glatze über den ganzen Kopf.

»Das ist der Kufalt, Herr Kriminalsekretär Specht«, sagt Pastor Marcetus.

»Also kommen Sie mal mit, Herr Kufalt«, sagt der Sekretär gemütlich. »Kommen Sie ruhig und ohne Zicken mal mit.«

Er fasst Kufalt leicht am Oberarm, die Gesichter der anderen sehen sehr weiß auf ihn hin, dann sind sie weg, und die Tür kommt näher und näher (sagt denn kein einziger ein Wort zu mir?!) – und die Tür geht auf, und die Tür geht zu, und das Treppenhaus – und da tönt von innen eine starke, feste Stimme: »Und nun, meine jungen Freunde, können wir …«

Vorbei, verloren. – Verloren, vorbei.

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