Kitabı oku: «Hans Fallada – Gesammelte Werke», sayfa 86
13
Als Kufalt erwacht, glaubt er zuerst noch zu träumen. Es war ein widriger, böser Traum, der ihn heimgesucht hatte. Diese Nacht: Immerzu war er verfolgt und floh und versteckte sich sinnlos, wo ihn alle sahen. Oder er wurde angeklagt und musste sich rechtfertigen, und während er immer beschwörender sprach, kniffen sie die Augen ein und feixten einander an und hörten nicht zu …
Kufalt hatte das Gefühl, als hätte er geweint, als sei sein Kopfkeil nass noch von Tränen, und … und hatte er nicht geschrien: »Lasst mich gehen, lasst mich gehen allein!« –? Ja. Ja. Ja und ja. Aber nun ist er erwacht, ein fahles, graues Licht liegt in der engen Zelle, und direkt vor ihm, fast über seinem Gesicht, sieht er zwei Ungeheuer, Urwelttiere, bewehrt, wie bereit zum Angriff auf ihn. Braunrot mit flachem, gepanzertem Körper, die Fühler gegen ihn gerichtet, den gierigen Schnabel auf ihn zu, hocken sie über ihm wie Gespenster, wie drohende Dämonen – und sein Geist, der aus den düsteren Schluchten des Traumes kommt, müht sich zu verstehen: wieso …?
Und dann spürt er das brennende Jucken an Armen und Beinen, er bewegt ein wenig den Kopf, die Bettdecke verrutscht, und die Tiere auf ihr verschwinden eilig …
Wanzen, denkt er. Natürlich wieder mal Wanzen, die haben noch gefehlt. Alles kommt wieder zusammen – wo gibt es ein Polizeigefängnis ohne Wanzen?
Er springt auf und wäscht sich. Er betrachtet seinen Körper, der nun schon wieder gezeichnet ist wie vor …? Er fängt an zu rechnen: Wie lange ist er draußen gewesen? Einhundertundzwei Tage! Einhundertzwei Tage, und nun wieder drin! Recht so. Wozu hat er sich abgestrampelt …?
Er läuft auf und ab in der schmierigen Polizeigefangenenzelle, mit den braunen Flecken an den Wänden von zerdrückten Wanzen. Er könnte ja jetzt auf die Wanzenjagd gehen, damit wenigstens die nächste Nacht etwas ruhiger wird – aber was hat Wanzenjagd für einen Zweck? Was hat eine ruhige Nacht für einen Zweck?
Gar keinen, Dussel!
Der Herr Specht, der Herr Kriminalsekretär Specht hat gestern Abend nur so ein kleines Protoköllchen aufgenommen und dabei gegrinst. »Na, natürlich, alter Junge, betrügerische Absicht haben Sie nicht gehabt – nee, nee, wie denn? Wieso denn? Sechs Schreibmaschinen – hundertachtzig Emm haben Sie von Ihrem Arbeitsverdienst abzahlen wollen, jeden Monat … Glaub ich Ihnen, glaub ich Ihnen alles! – ’ne Zigarette möchten Sie? Aber doch nicht, wenn Sie mir solchen Stuss erzählen, da muss man schon ein bisschen auspacken, alter Junge, wenn man ’ne Zigarette geschenkt haben will! Das wissen Sie doch von früher, wo Sie fünf Jahre Knast geschoben haben. Zigarette? Von nichts kommt nichts.«
Ja so, ja so, der alte Ton, die alte Melodei – es fängt alles wieder von vorne an, und vielleicht sitzt Beerboom im selben Haus, zehn Zellen weiter, und wird auch vorgeführt und auch von Wanzen geplagt und Rübe ab oder Zet lebenslänglich – und freut sich, der Affe …
Und Liese. Da haben sie sicher längst Haussuchung gemacht und seine schönen Sachen durcheinandergeworfen, und sie hat womöglich gedacht, sie kommen deswegen. Und sie hat alles verquatscht, und sie kommen gar nicht deswegen, sondern seinetwegen, und sie erzählt den ganzen Kohl wegen Beerboom. Und dann geht noch das Trara los, und die halten ihn ewig in Untersuchung …
Und, o Gott, mein himmlischer Vater, an den Wänden möchte man hochgehen, am Bettbein möchte man sich aufhängen, und so viel Sorgen gibt’s gar nicht, wie ich in den letzten vier Monaten gehabt habe, und wenn einer einen Löffelstiel verschluckt, damit er ins Krankenhaus kommt und ’ne nette Operation hat, die aasig weh tut – ich verstehe das, ich versteh alles! Wenn der Bauch so weh tut, dass man immerzu brüllt, kann man keine Sorgen im Kopf haben …
O Augen, die trocken brennen.
Ratsch, bumm und der Riegel. Knack, knack, knack und das Schloss.
Habachtstellung unter dem Fenster.
Eine graue Wachtmeistervisage.
»Sie heißen?«
»Willi Kufalt!«
»Wilhelm Kufalt!«
»Nee, Willi Kufalt.«
»Mitkommen!«
Die Gänge und die Eisentreppen und die Eisentüren mit ihren ewig knackenden Schlössern und die Wachtmeister, die laufen (»der Wachtmeister ist ein Renntier!«), und die Kalfaktoren, die scheuern und wienern –: alles wie einst!
Ein großes düsteres Zimmer mit blinden Fenstern, mit hässlichen gelben Aktenregalen. Und an einem Schreibtisch sitzt ein großer starker Mann mit frischen Farben, ein paar Durchzieher in der Backe, eine blonde, steile Haarbürste über dem Schädel, und raucht eine ungeheure schwarze Zigarre.
Gott sei Dank, kein Specht, keine Kriminalerfresse, denkt Kufalt. Gott sei Dank, schon der Richter.
»Polizeigefangener Wilhelm Kufalt«, meldet der Wachtmeister.
»Gut«, sagt der große Mann. »Ich klingele dann, Wachtmeister. Setzen Sie sich, Kufalt.«
Kufalt tut es.
Der Mann blättert. »Was Ihnen vorgeworfen wird, Herr Kufalt, das wissen Sie ja. Nun erzählen Sie mir mal, wie Sie, der Sie fast mittellos sind, dazu gekommen sind, in sechs Geschäften auf Ihren Meldeschein sechs Schreibmaschinen zu kaufen. Wozu brauchen Sie sechs Schreibmaschinen?«
Und Kufalt fängt an zu erzählen. Er erzählt erst schwer und stockend, er muss immer wieder zurück, er sieht, er muss ganz am Anfang anfangen, eigentlich bei der Entlassung, eigentlich noch vor der Entlassung, damit man alles versteht.
Aber diesem Mann da kann man schon erzählen. Zum ersten macht er keine Notizen, sondern hört zu. Und zum zweiten kann er richtig zuhören, Kufalt merkt, er hat noch keine feste Meinung von der Sache. Der Specht war gleich überzeugt, Kufalt sei ein Betrüger, dieser noch nicht.
Er erzählt und wird immer wärmer, siehe da, es ist ganz gut sogar, hier einmal zu sitzen und einem Menschen alles erzählen zu können. Aber dann ist er fertig, plötzlich ist er fertig, wie leergelaufen, und etwas hilflos und etwas abwartend sieht er den Richter an.
»Na ja«, sagt der und betrachtet nachdenklich den Aschenkegel seiner Zigarre. »Na ja, so rum kann man es auch erzählen. Herr Pastor Marcetus und seine Herren erzählen es ein bisschen andersherum.«
»Ach die!« sagt Kufalt verächtlich und fühlt sich plötzlich sehr überlegen. »Die haben ja nur eine Wut im Bauch, weil ich ihnen die Arbeit weggeschnappt habe!«
»Das wollen wir nun doch lieber nicht behaupten«, sagt der Richter streng, »dass diese Herren aus Konkurrenzgründen wissentlich falsch über Sie aussagen. Nein, so etwas wollen wir lieber nicht sagen.«
Und der Richter sieht Kufalt tadelnd an.
Kufalt ist plötzlich wieder ganz klein. Natürlich hat er eine Dummheit gemacht, der Richter und der Pastor, das sind beides Studierte. Und Studierte glauben zuerst einmal nur das Beste voneinander. Namentlich, wenn da so ein kleiner Vorbestrafter sitzt.
»Hören Sie einmal zu, Herr Kufalt«, sagt der große Mann. »Sie wissen doch Bescheid. Sie sind doch lange genug in Strafhaft gewesen, um zu wissen, wie leicht ein Mensch in was reingerät.«
»Ja!« sagt Kufalt mit Überzeugung.
»Und Sie wissen ebenso gut, dass ein Mensch wie Sie doppelt vorsichtig sein muss. Doppelt …? Hundertfach!«
»Ja, das weiß ich.«
»Wenn ich nun selbst voraussetze, dass alles, was Sie mir erzählen, wahr ist – sind Sie dann nicht unendlich leichtsinnig gewesen? Sie hafteten doch für das Geld, Sie allein laut Ihrer Unterschrift für alle sechs Maschinen – und Sie hatten doch nicht annähernd so viel Mittel und auch nicht so viel Einnahmen zu erwarten, um für solch eine Summe gradezustehen.«
»Aber wir hatten doch ausgemacht, dass es allen anderen auch gleichmäßig vom Verdienst abgezogen werden sollte!«
»So! Und heute, wo Ihre Schreibstube aufgeflogen ist und kein Verdienst mehr kommt, von dem man abziehen könnte, wie bezahlen Sie da nun?«
Kufalt windet sich. »Wenn Herr Pastor so gemein ist und macht uns die Arbeit unmöglich …«
»Seien Sie kein Narr«, sagt der Richter streng. »Gebrauchen Sie Ihren Verstand. Was geht das die Verkäufer an? Sie haben zwölf Monate lang hundertachtzig Mark im Monat zu zahlen, wie wollen Sie das jetzt machen?«
Kufalt hat eine Erleuchtung: »Dann gebe ich die Maschinen einfach zurück. Es steht drin im Kaufvertrag, dass die Maschinen zurückgegeben werden müssen, wenn ich nicht pünktlich zahle.«
Der Richter lehnt sich vor. »Und wenn die Maschinen nun weg sind? Verstehen Sie, wenn die geklaut sind?«
Kufalt sagt ungläubig: »Unsere Maschinen werden doch nicht geklaut!«
»Heute Nacht«, sagt der Richter mit Bedeutung, »heute Nacht ist in Ihre Bodenstube eingebrochen worden. Die Diebe haben sich vier Maschinen eingepackt …«
Kufalt hockt da, er denkt angestrengt nach. Die Lumpen, es kann nur einer von uns gewesen sein – wer kann es bloß gewesen sein? Fasse? Öser? Monte? O Gott, oder etwa der Schreibstubenhilfsvorsteher Sager?! Und die hier denken womöglich, ich steck mit ihnen unter einer Decke. Verloren … verloren …!
Er sieht den Richter verwirrt an.
»Und was machen Sie nun, Herr Kufalt?«
»Ich …«, sagt Kufalt und reckt sich, »ich geh wieder ins Gefängnis. Es hat alles keinen Zweck, ich seh es schon ein, ich geh wieder rein … Meinethalben … mir macht es nichts, mir kommt es nicht mehr darauf an …«
Der Richter beobachtet ihn scharf. »Und warum haben Sie sich bei der Firma Gnutzmann ›Meierbeer‹ genannt, Herr Kufalt? Ist eine Sache sauber, legt man sich doch keinen falschen Namen bei.«
»Damit die auf der Schreibstube nicht merkten, ich hatte den Auftrag gekriegt«, sagt Kufalt und steht auf. »Aber es hat keinen Zweck, Herr Richter. Lassen Sie mich wieder in die Zelle. Ich hab eben immer Pech.«
»Pech haben Sie?!« fragt der Richtig bissig. »Unverdientes Glück haben Sie. Wenn man in so ’ner Lage ist wie Sie, dann macht man nicht solche Geschichten. Dumm sind Sie, leichtsinnig sind Sie, unüberlegt sind Sie. Damit kommt man nicht weiter. Immer unzufrieden, immer meckern, immer was anderes. Sie saßen da ganz gut und sicher auf Ihrer Schreibstube, das ist nun doch wohl wahrhaftig nicht so schlimm, wenn man mal angeschnauzt wird … Aber natürlich: Abenteuer, einen Haufen Geld verdienen …« Er ist sehr ungnädig. »Ausbimsen und Abenteuer, solch ein grüner Bengel …!«
Kufalt steht da, ein unruhiges Gefühl ist in ihm – er wird ausgeschimpft, schön, aber er spürt, hinter diesem Schelten steht etwas anderes, etwas Gutes …
»Den Herrn Sekretär Specht haben Sie wohl nicht verknusen können?« fragt der Richter. »Er hat mir erzählt, Sie haben sich bei der Vernehmung ganz wie ein großschnäuziger alter Ganove benommen.«
»Der Herr Specht hat aber auch wie ein richtiger Kriminaler zu einem richtigen Ganoven mit mir gesprochen. Nicht so wie Sie, Herr Richter«, sagt Kufalt listig.
»Ach was! Der Specht hat Sie gerettet, nur der Specht. Der hat gestern Abend noch die Kaufverträge gesucht, und weil er sie in Ihrer Wohnung nicht fand, ist er noch nachts in Ihre Bodenkammer gelaufen, und da hat er wohl die Kaufverträge gefunden, aber erst später. Vorher hat er noch was anderes gefunden – was wohl?«
»Die Einbrecher …«
»Und wer sind wohl die Einbrecher gewesen?«
»Ich weih doch nicht …«, stammelt Kufalt.
»Sie wissen schon. Na, zeigen Sie mal, ob Sie wenigstens eine Ahnung haben, wer Ihre Freunde und wer Ihre Feinde sind …«
»Ich …«, fängt Kufalt an und schweigt wieder.
»Na bitte«, sagt der Richter.
»Fasse«, sagt Kufalt.
»Öser«, sagt Kufalt.
»Monte«, sagt Kufalt.
»Sager«, sagt Kufalt gesteigert.
»Maack«, sagt der Richter.
»Jänsch«, sagt der Richter.
»So, und nun wissen Sie Bescheid. Ihr Glück war es, dass der Specht darüber zukam. Und Ihr Glück war es, dass die Kaufverträge da bei Ihnen aufbewahrt waren auf dem Büro und dass der saubere Herr Maack so eine Art Tilgungsplan dazu geschrieben hatte, was jeder von Ihnen abzubezahlen hatte … Dass er sich’s nachher anders überlegt hat – ein Lump, Ihr Freund, Kufalt, ein erbärmlicher Lump.«
»Sein Mädchen erwartet ein Kind«, sagt Kufalt.
»Ich will Ihnen etwas sagen«, antwortet der Richter und ist nun wirklich wütend. »Das ist Duselei von Ihnen, das ist Schwäche, das ist blanke Dummheit von Ihnen. Entweder wollen Sie raus aus dem Dreck oder nicht. Ja?«
»Ja«, sagt Kufalt.
»Also!« sagt der Richter. »Die Schreibmaschinen werden heute durch die Polizei den Verkäufern zurückgegeben, und dann werden ja auch die Strafanträge zurückgezogen werden. So lange müssen Sie noch warten. Aber ich denke, heute Abend oder morgen früh können wir Sie entlassen.«
SECHSTES KAPITEL – Selbst ist der Mann
1
Ein junger Mann geht die Mönckebergstraße entlang. Unter jedem Arm einen großen Karton, drängt er sich eilig durch die Leute, die hier an diesem schönen Herbstmorgen bummeln, stehenbleiben, Schaufenster ansehen, in Läden eintreten und weitergehen – drängt er sich eilig, mit gesenktem Kopf.
Am Warenhaus Karstadt erfasst sein Blick von der Seite den Schimmer eines großen Schaufensters voll strahlender Toiletten, seidiger Glanz von Frauen, sanfte Helle.
Der junge Mann geht hastiger, er sieht nicht noch einmal zur Seite, steuert vorbei an dieser Klippe. Drei Häuser weiter steht das große Bürohaus, das sein Ziel ist. Zum Portier murmelt er: »China-Export«, verschmäht Aufzug und Paternoster und klimmt eilig die Treppe hinauf.
Im Ausstellungssaal, voll von Kristall, Stoffen, Buddhas, Porzellan, ist es um diese Morgenstunde noch still. Ein einziger Lehrling, ein kleiner untersetzter Bengel mit abstehenden Ohren, so glührot, als habe ihn eben erst sein Chef daran gerissen, wedelt dort mit einem Flederwisch herum.
»Bitte?« fragt der Lehrling.
»Zu Herrn Brammer«, sagt Kufalt. Und: »Danke, ich weiß schon den Weg.«
Er geht durch zwei Büros, in denen Mädchen an ihren Schreibmaschinen sitzen, und kommt in ein drittes. Dort waltet Herr Brammer hinter einer langen, knatternden, klingelnden Buchungsmaschine, zwischen vielen bunten Karten und Avisen.
»Die letzten zweitausend, Herr Brammer«, sagt Kufalt.
Herr Brammer ist auch noch ein junger Mensch, mit einem frischen Gesicht, blonden Haaren und der zu kurz geratenen Oberlippe der Hamburger.
Herr Brammer drückt auf ein paar Tasten, der Wagen ruckt, knattert, klingelt, spuckt eine Karte aus. Herr Brammer liest sie stirnrunzelnd und sagt: »Legen Sie immer hin.«
Kufalt tut es.
»Die Zahl wird ja stimmen, was?«
»Die stimmt«, sagt Kufalt.
»Na schön«, sagt Herr Brammer, legt die Karte aus der Hand, fischt irgendwo aus dem Hintergrund ein Quittungsformular, schreibt es aus, gibt es Kufalt nebst einem Kopierstift, und schon hat Kufalt einen Zehnmarkschein in der Hand.
»Danke schön«, sagt Kufalt.
»Wir danken auch«, sagt Herr Brammer mit Nachdruck. Er sieht sich nach seiner Maschine um, dann Kufalt an und sagt höflich lächelnd: »Also guten Morgen, Herr Kufalt.«
»Guten Morgen, Herr Brammer«, sagt Kufalt auch höflich. Aber er geht noch nicht ganz, trotzdem dies sichtlich von ihm erwartet wird, er fragt zögernd: »Sonst wäre weiter nichts?«
»Nichts«, sagt Herr Brammer.
»Nein, nein«, sagt Kufalt hastig.
»Der Chef will vorläufig weiter keine Propaganda machen, Sie verstehen: bei diesen Zeiten!«
»Ich verstehe«, sagt Kufalt. Er hat im Hintergrund die Geldkassette entdeckt, es scheint eine ganze Menge Geld darin zu sein, unwahrscheinlich viel Geld, nicht zum direkten Ausgeben, einfach so für alle Fälle liegengelassen.
»Ja …«, sagt Herr Brammer und betrachtet Kufalt sehr aufmerksam.
Kufalt wird unter diesem Blick langsam rot. Er merkt, wie er immer röter wird, er sagt verlegen: »Und dass Sie mich vielleicht einmal einer anderen Firma empfehlen könnten?«
»Gerne, gerne«, sagt Herr Brammer. »Nur … Sie wissen ja …«
»Ja«, sagt Kufalt hastig. »Natürlich.«
Er versucht, von Brammers Blick los und wieder zur Kassette hinzukommen. Sie ist ein so lieblicher Anblick, aber nein, es lässt sich nicht machen, der Blick gibt ihn nicht frei.
Übrigens scheint sich Herr Brammer über irgendetwas geärgert zu haben. »Und dann, Herr Kufalt, Sie sind zu teuer. Fünf Mark fürs Tausend Adressen! Jeden zweiten Tag kommt hier einer, der es für vier oder drei machen will. Ich kann das vorm Chef gar nicht mehr verantworten.«
»Nein«, sagt Kufalt plötzlich – er hat die Geldkassette nicht wieder angesehen, und er weiß, er wird sie nie wieder sehen. »Nein«, sagt er, »billiger kann ich es nun nicht machen, Herr Brammer.«
»So«, sagt der. »Also guten Morgen.«
»Guten Morgen«, sagt auch Kufalt und geht.
2
Der direkte Weg von der Mönckebergstraße zu den Raboisen64 dauert kaum fünf Minuten. Aber Kufalt geht nicht den direkten Weg. Er hat zwei Tage, und die halben Nächte auch noch, getippt, ohne aufzusehen. Nun hat er alle Zeit, die Gott werden lässt, er ist mal wieder ohne Arbeit, er kann ruhig spazierengehen. Wenn er aber auch keine Arbeit hat, so hat er dafür Geld, zehn Mark frisch eingenommen, und eins zwanzig war noch Kassenbestand, elf zwanzig also. Ganz schönes Geld. Dicke Mauer zwischen ihm und dem Nichts, nicht wahr? Übrigens müsste er der Wirtin, der Dübel, mindestens drei Mark auf Abschlag geben, sonst würde sie ihn wohl rausschmeißen.
Schöner Morgen heute Morgen zum Spazierengehen, o Gott!
Nein, Kufalt wohnte nicht mehr in der Marienthaler Straße, jetzt wohnt er auf den Raboisen, in einem Loch, nach einem dunklen Hinterhof hinaus, außerdem ging er jetzt nicht dahin, sondern er ging spazieren an der Alster, am schönen Vormittag, wie ein Großkotz … Übrigens sind Sie zu teuer, Herr Kufalt. Andere machen das für drei Mark …
So ein Affe! So ein langschwänziger Affe! Also diese Arbeit war er nun auch los, bloß weil er so nach der Kasse geschielt hatte, alle Arbeit war er los. Hatte man deswegen weniger Kohldampf? Schlecht konnte es einem immer noch werden von den schlechten Zeiten, lieber jetzt erst ein bisschen Lebeschön machen.
Und Kufalt kauft sich vier Rundstücke und ein Viertel Leberwurst, fünfundzwanzig Pfennig, Rest zehn fünfundneunzig.
Na, was denn? So zum Picknick? Was denn?
Also, das schöne Zimmer in der Marienthaler war vorbei. Nichts mehr von wehenden Vorhängen, klirrenden Bahnen, obszönen Müttern, perversen Liesen, nichts mehr. Ein schlichter Abschied, ein englischer Abschied. Als Kufalt damals zurückkam aus der Untersuchungshaft, da war niemand von denen zu Hause. Und da niemand von ihnen zu Hause war, packte Kufalt still und stumm seine Sachen und verzog. Unbekannt, wohin.
Ja, die Wahrheit zu reden, es hätte da vielleicht noch eine Chance gegeben, es war da ein Augenblick des Wartens vorgekommen, genauer gesagt, eine ganze reichliche halbe Stunde, Kufalt war auf und ab gegangen. Er hätte ja nun die Taxe holen können, Umzug ins Blaue, auf den Rat eines Chauffeurs hin – aber nein, er war auf und ab gelaufen und hatte gewartet.
Kam sie nicht?
Nein, sie kam nicht.
Es hat einmal eine schmähliche Nacht gegeben, wo wir vor der Tür ihres Zimmers lagen – also jetzt gehen wir mal rein. Ja, wir sind verrückt, wir sind rot im Hirn, Feuersbrunst, wir riechen an ihren Kleidern, wir schnuppern an ihrem Bett …
Aber dann geht eine Tür, und schon fliehen wir, schon stehen wir auf dem Vorplatz, unser Herz zittert vor Angst, dass sie es sein könnte. Dann war es nur die Tür bei den Nachbarn.
Damit war es aber auch genug, allzu viel halten wir nicht mehr aus, die letzten Tage kam es ein wenig dicke, mit Beerboom, mit Cito-Presto, mit Polizeihaft, mit den getreuen Freunden Maack und Jänsch – also her mit der Taxe und ab dafür.
Es genügt nicht, schließlich ein Zimmer in einem Hinterhof der Raboisen gefunden zu haben, ein dunkles, schmieriges, stinkendes Loch mit trüben Fenstern neben einer schwarzen Küche, so groß wie ein Handtuch, mit hunderttausend Schaben und einem verrückten alten Weib von Wirtin, das Dübel heißt – ach ja, es ist schon die rechte Wohnung für den geschlagenen, entmutigten, verzweifelten Kufalt, die dunkle Höhle, in deren knolligem Federbett man liegen und vor sich hin dösen kann, Stunden und Stunden – aber es genügt nicht.
Denn zwischendurch immer wieder blitzt sie in ihm auf, die Hoffnung, wie Tatendurst, es kann noch werden, o Gott, alles kann vielleicht noch wieder gut werden.
Und da rennt er denn hin, er hat eine Idee, hat er nicht die Schreibmaschine anbezahlt, hat er nicht Geld dafür gegeben, soll das Geld alles verloren sein …?
Ach, in seinen Träumen ist ein Blümlein aufgeblüht, eine eigene Schreibmaschine ist etwas Großes, nicht nur ein Ding aus Stahl und Eisen mit Rädern, Federn, Walzen, Gummi – eine Schreibmaschine ist eine Hoffnung, mit einer Schreibmaschine kann man sich durchs Leben schlagen, sie ist ein Wechsel auf die Zukunft. Nichts mehr von Dreihunderttausend-Stück-Aufträgen, aber, wie er da so auf seinem Bette lag, scheinbar betäubt von der Tiefe seines Sturzes, da ist er losgelaufen, zwischendurch, in Gedanken, zwischen der blöden, ewig gleich knarrenden Kaffeemühle der ewig gleichen Vorwürfe: Hätt ich – hätt ich nicht – hätt ich doch …! – da ist er losgelaufen in Gedanken von Bürohaus zu Bürohaus, von Geschäft zu Geschäft. »Hätten Sie vielleicht irgendeine Schreibarbeit für mich?«
So viel musste sich doch zusammenbringen lassen im großen Hamburg, dass ein einzelner Mensch nicht darüber verhungerte?!
Nun, er hat es erreicht: Er hat sich auf den netten Untersuchungsrichter berufen dürfen, eine ebenso nette Firma hat ein Einsehen gehabt, und er hat eine Schreibmaschine bekommen. Keine neue zwar, aber eine tadellose gebrauchte, Kostenpunkt hundertfünfzig, dreißig Mark Anzahlung von damals ab, Rest hundertzwanzig Mark in bar.
O Gott, wie glücklich ist er in der ersten Zeit über seine olle Mercedes gewesen! Wie hat er an ihr gewischt und poliert, Stäubchen und Fäserchen entfernt, immer wieder den Anschlag probiert und dem Klingling am Schluss der Zeile gelauscht!
Aber seltsam – er wohnt eben nicht in einem Zimmer, er haust in einer Höhle, in einem Loch, worein man sich verkriecht. Da steht der Wechsel auf die Zukunft unter seiner Wachstuchhaube – müsste er nicht aufstehen und Aufträge sammeln?
Gut, gut, gut. Er steht schon auf, er geht schon los, anderthalb Stunden ist eine Fernsprechzelle auf dem Hauptpostamt blockiert, weil einer da das halbe Branchentelefonbuch ausschreibt …
Dann marschiert er ab, klingelt zweimal, spricht zweimal, erhält zwei Körbe – und heim ins Loch, auf das hässliche Bett. Zieh gar nicht erst die Schuhe aus, es lohnt nicht, du hast keine Ahnung, ob du heute noch einmal Lust haben wirst, sie wieder anzuziehen … also rein mit den Stiefeln in die Betten und losgegrübelt …
Ich war ein Strafgefangener, ich bin ein Strafgefangener, ich werde ein Strafgefangener sein. Alle.
Ein Ganove werde ich sein – aber auch das nicht einmal richtig, gut, schön, ich werde ein paar Aufträge zusammenkriegen, aber davon leben?
Und das Geld rinnt fort, wenn wir auch schmale Kost machen, es rinnt, es rinnt, zehn Mark fünfundneunzig zwischen uns und dem Nichts – und was dann?
Die Sachen kann man noch verscheuern, die Maschine noch verscheuern – und was dann? Die Höhle kann man noch aufgeben, eine Schlafstelle nehmen, selbst bei den Halleluja-Brüdern kann man pennen – und was dann?
Ein Entschluss, Kufalt, nur ein Entschluss!
Und was nach dem Entschluss …?








