Kitabı oku: «Hans Fallada – Gesammelte Werke», sayfa 87

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Also nun sitzt Willi Kufalt auf einer Bank an der Außenalster und ringt um einen Entschluss. Er verzehrt dabei seine vier Rundstücke und sein Viertel Leberwurst, das schmeckt, um seinen Appetit braucht ihm überhaupt nicht bange zu sein, wenn es um alles so gut stände wie um den!

Seltsam –: In den letzten belämmerten Wochen ist die Erinnerung an das Zentralgefängnis in jener kleinen Stadt wie eine selige Insel aus dem graunebligen Meer seines Lebens aufgetaucht. War es nicht eine herrliche, ruhige Zeit, als er dort in seiner Zelle lebte und nichts wusste von Geld, Kohldampf, Arbeit, Bleibe …?

Er stand morgens auf und wienerte seine Zelle, er ging zur Freistunde und schwätzte mit Schicksalsgefährten, er stand am Netz und strickte – die Stunden rannen dahin, mittags gab es Erbsen, und man freute sich, oder Rumfutsch, und man ärgerte sich, freute sich aber auf die Linsen morgen – eine selige Insel also, wie gesagt.

Was Wunder, dass bei der Insel auch der kugelige weißblonde Seehundskopf des kleinen Emil Bruhn mit seinen wasserblauen Augen auftauchte! Emil hatte recht gehabt, es wäre schlauer gewesen, er wäre mit ihm gegangen, statt nach Hamburg zu ziehen.

Es hatte ja nun zwei Richtungen damals gegeben: die Richtung Batzke (ich bin Ganove, und ich bleibe Ganove) und die Richtung Bruhn (einmal und nie wieder): Ich, Kufalts Willi, Dussel, das ich bin, ich habe es darauf ankommen lassen, ich habe nicht ja gesagt, ich habe nicht nein gesagt – und hier sitze ich mit meinem Talent!

Natürlich gab es immer noch die Möglichkeit, sich für das Eine oder für das Andere zu entscheiden, man konnte Bruhn einen Brief schreiben, dass man doch käme, oder man konnte mit Hilfe des Einwohnermeldeamtes auf die Suche nach Batzke gehen. Aber das war es ja gerade, wovor Batzke gewarnt hatte: Es war zu spät. Nun war das Geld alle, man hatte kein Betriebskapital mehr, um ein rechtes Ding auszubaldowern, zu sichern, zu finanzieren, man musste etwas Überstürztes machen, das immer misslang. Und das Geld, hier seine Zelte abzubrechen und zu Bruhn zu fahren, das hatte man eben auch nicht mehr, mit all den Sachen – und sich jetzt bereits von ihnen zu trennen, stand es denn wirklich schon so schlimm?

Diese Oktobersonne meinte es noch recht gut, in ihrem Schein, in ihrer Wärme sah die Welt wirklich nicht so verzweifelt aus, es würde sich schon etwas finden, nur ein Entschluss musste erst einmal kommen.

Nur ein Entschluss.

Einen Entschluss, der hier gewöhnlich um diese Stunde an regenfreien Tagen entlangstöckelte, den kannte Kufalt schon. Es war ein Parallelentschluss zu Batzke, dieser Entschluss hieß Emil Monte.

Ja, die beiden Prospektpacker aus der seligen Cito-Presto hatten sich hier wiedergetroffen. Aber in letzter Zeit kannten sie sich nicht mehr, sie zogen den Hut nicht mehr voreinander, sie verachteten einer den anderen.

Zuerst, das erste Mal, war es ja ein freudiges Wiedersehen zwischen den beiden gewesen, sie hatten so viel zu erzählen, Kufalt von seinen Erlebnissen in der Polizeihaft und dem endlichen Triumph der Unschuld, Monte von der Auflösung der Schreibstube, wie sie gejammert, wie sie gefleht hatten vor Marcetus, vor Seidenzopf, vor Jauch – man möchte sie wieder in Gnaden aufnehmen nach Presto, ins Friedensheim, zum halben Lohn ihrethalben – was in aller Welt sollten sie in dieser Welt anfangen, diese armen, von Kufalt und Maack verführten Herren Deutschmann, Öser, Fasse oder wie sie alle hießen …?!

Und nach langem Zögern, nach strengen Zurückweisungen, nach fürchterlichen Anschnauzern hatte sich der Herr Pastor Marcetus schließlich doch wieder ihrer erbarmt – konnte man sie denn so verkommen lassen, im Pfuhle der Großstadt? Und schon seufzten sie, trafen sie sich einmal mit Monte, von Neuem unter dem harten Joch Jauchs, der nicht mit Stichelreden, Tadeln, Strafen sparte –: »Noch ein Wort, und Sie sitzen auf der Straße! Sie wissen doch, nicht wahr …«

Was aber wieder die Herren Jänsch und Maack anging, so saßen sie immer noch in Untersuchungshaft. Dieser Diebstahl, der kein Einbruchsdiebstahl gewesen war, hatte sich als eine recht komplizierte Geschichte erwiesen – denn hatte nicht jeder von den beiden einen Anteil an diesen von ihnen zusammengepackten Schreibmaschinen bezahlt? Kühnlich behaupteten sie, die Absicht gehabt zu haben, die Raten weiter abzutragen, und da sie im Besitz nicht unerheblicher Geldmittel waren, konnte man ihnen nicht einmal die Unmöglichkeit solcher Ratenzahlung vorhalten.

Woher Monte das wusste? Monte wusste alles!

Denn Monte war nicht zu Kreuze gekrochen, Monte hatte, wie er schon öfter gesagt hatte, für eine längere Zeit seines Lebens genug gearbeitet, Monte hatte seinen alten Beruf wiederaufgenommen!

Und dieser alte Beruf war es ja eben, der ihn an fast jedem schönen Morgen durch die belebteren Straßen, die von Fremden bevorzugten Anlagen Hamburgs führte: Monte war auf Jagd nach Kundschaft, nach würdigen älteren Herren, die so verschämt und zimperlich taten wie junge Bürgermädchen, und nach Engländern mit Raffzähnen, die nach abgewickeltem Geschäft mit einer Bullenbeißerwut um jede Mark feilschten.

Darum eben war es ja gekommen, dass diese beiden letzten Säulen der glücklichen Cito-Presto sich entzweien konnten, sodass sie sich heute nicht einmal mehr grüßten: Monte hatte jemanden, also Kufalt, haben wollen, der für ihn die Marie ziepte.

Oder genauer gesagt: Eigentlich kam die Differenz aus einem Streit her, um das Rauchbare, diese Quelle aller Differenzen, im Kittchen und draußen. Über alles andere hätte sich eine Einigung erzielen lassen, aber in der Tabakfrage hatte Monte eine gewisse Engherzigkeit, eine große Kleinzügigkeit bewiesen: daher die Verstimmung.

Beim ersten Wiedersehen war natürlich alles in schönster Butter gewesen. Die beiden hatten angeregt miteinander geplaudert, Monte hatte häufig Kufalt sein dickes silbernes Zigarettenetui hingereicht, und dabei hatte er natürlich gemerkt, dass Kufalt klamm war. Denn erstens hatte der nur Juno zu dreieindrittel bei sich gehabt, während Monte Ariston zu sechs rauchte, und zweitens hatte Kufalt von dieser Juno nur drei Stück gehabt, während Monte gleichgültig sagen konnte: »Wenn die alle sind, gibt’s im nächsten Laden mehr.«

Nun gut, alles war in den angenehmsten Formen verlaufen, Kufalt hatte sich was zugute getan mit Rauchen, und für den nächsten Tag hatten sie sich wieder verabredet, an dieselbe Stelle.

Aber am nächsten Tag fing nun eben Monte an zu erzählen, was für Malesche er mit seinen Kunden wegen der Marie hatte. Er brauchte gerade einen, der für ihn das Geld ziepte, wie er es nannte, das heißt, sein Kompagnon sollte gegen fünfundzwanzig Prozent der Einkünfte sich in der Nähe aufhalten und, hatten die Herren sich erst ihrer Oberkleider entledigt, eine kleine Brieftaschenrevision vornehmen.

O Gott, nein, beileibe nein, etwa die Brieftasche klauen? Nicht in die Hand, nicht in die la main, nein, nur zur Erleichterung des Zahlungsverkehrs, nicht wahr, etwa einen Zehnmarkschein? Natürlich auch mal einen Fünfzigmarkschein, war die Tasche sehr gespickt.

Bis hierher war alles recht gut gegangen, Kufalt hatte sich im Bewusstsein des großmütigen Monte gar nicht erst mit Rauchware versehen, fleißig hatte er aus der Silberdose mitgeschmökt. Aber hier war nun der Punkt gekommen, der entscheidende, die Vorschläge waren gemacht, die Antwort wurde erwartet – und da hatte Monte ein gewisses Zögern, den Vorboten einer Abweisung gewissermaßen, auf Kufalts Zügen zu bemerken geglaubt.

So hatte er denn auseinandergesetzt, dass man bei solcher Zieperei überhaupt nichts riskierte, es gab einen Paragrafen hundertfünfundsiebzig, und Montes Kunden hatten einen großmächtigen Respekt vor diesem Paragrafen. Außerdem würde er seinen Kufalt schon anlernen, der würde bald wissen, wo es zu riskieren war und wo nicht.

Und während er dies alles auseinandersetzte, hatte er träumerisch in seine Zigarettendose geblickt, sich eine genommen, Kufalt angeblickt, die sich angesteckt, Kufalt wieder angeblickt, weitergesprochen, gepafft, weitergesprochen …

Kufalt aber gehörte zu den Menschen, die andere nur dann rauchen sehen können, wenn sie selbst eine zwischen den Lippen haben. Er hatte den lieblichen Duft der Ariston gerochen, er hatte gut verstanden, warum ihn Monte so angeblickt hatte.

Jawohl, das Angebot war vielleicht nicht einmal so schlecht gewesen, trotzdem es Kufalt nicht ganz lag, jedenfalls hätte man es sich gründlich überlegen können – aber wenn dieser Bengel, dieser Pupe, da so saß und einem was vorrauchte und dachte, damit hätte er ihn, so hatte er sich geschnitten!

Eine kurze Auseinandersetzung war gefolgt, Kufalt hatte Montes Lebenswandel gemein, Monte Kufalts Verhalten dusselig gefunden, schließlich gingen sie auseinander, der eine hierhin, der andere dorthin – und kannten sich fürder nicht mehr.

Das war im August gewesen, und jetzt war es Oktober, zwei Monate gleichen viel aus. Wenn Kufalt jetzt über seinen Leberwurst-Rundstücken die Vorübergehenden musterte, so vielleicht darum, weil Monte ihm nicht ungelegen gekommen wäre. Hätte Monte damals nur ein bisschen mehr Verstand in seinem Lockenschädel gehabt und begriffen, dass es mit Rauchwarenerpressung nicht zu machen war, so hätte man ein Geschäft tätigen, eine Kumpelage begründen können.

Aber kein Monte ließ sich sehen, kein Monte kam.

Wer stattdessen kam, war ein großer, dunkelhaariger Mann, mit einer lederartigen grauen Haut, mit sehr eindringlichen, starken, schwarzen Augen, in einem äußerst auffallenden großkarierten Anzug.

»Mein Gott, Batzke!« rief Kufalt fassungslos aus.

»Hallo, Willi!« sagte Batzke und setzte sich neben ihn auf die Bank.

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»Habe eben an dich gedacht, Batzke«, berichtete Kufalt.

»Dann geht’s dir mies«, stellte Batzke fest.

»Und dir?« fragte Kufalt.

»Dito, danke, dito«, antwortete Batzke.

Eine kleine Pause entstand, dann rückte Batzke so auf der Bank hin und her, als wollte er aufstehen. Und darum fragte Kufalt hastig: »Ist denn gar nichts zu machen, Batzke?«

»Zu machen ist immer was«, erklärte der große Batzke.

»Aber was?«

»Ach, du denkst, ich baldowere für dich?«

Ziemlich lange Stille.

»Warum bist du denn damals nicht unter den Pferdeschwanz gekommen?« fing Kufalt wieder an.

»Ach, quatsch bloß nicht, Mensch«, antwortete Batzke.

»Du warst wohl bei deiner Schiffsreederwitwe in Harvestehude?« erkundigte sich Kufalt weiter.

»Ach, hör bloß auf, Willi«, sagte Batzke. »Hast du was zu rauchen?«

»Nee.«

»Ich auch nicht.«

Sie grinsten sich beide an.

»Haste Geld?« fragte Batzke wieder.

»Nee.«

»Und was zu verscheuern?«

»Auch nicht.«

»Also fahren wir nach Ohlsdorf.«

Und Batzke stand auf und dehnte seine pferdestarken Knochen, dass sie knackten.

Kufalt blieb sitzen. »Was tu ich denn in Ohlsdorf?«

»In Ohlsdorf«, erklärte Batzke, »ist der modernste Kirchhof von der Welt.«

»Was geht der mich an?« fragte Kufalt. »Begraben lass ich mich noch lange nicht«

Beide grinsten wieder.

»Also, komm schon, Mensch«, drängte Batzke.

»Aber was soll ich da?«

»Ich denke, du willst ein Ding drehen mit mir?«

»Aber wieso auf dem modernsten Kirchhof von der Welt?«

»Das wirst du schon alles sehen.«

»Fahrgeld zahl ich jedenfalls nicht für dich«, sagte Kufalt unschlüssig.

»Wer hat dich darum gebeten, du Penner? Die paar Groschen habe ich noch.«

Und sie gingen los, zum Hauptbahnhof.

Hier, am Schalter, trotzdem das ganze Fahrgeld mit ein paar Nickeln abgetan war, sah Kufalt, dass Batzkes ganze Brieftasche vollgepfropft war mit Zwanzig- und Fünfzigmarkscheinen. Aber wenn Batzke auch daran gelegen zu sein schien, dass sein neuer Kumpel von dieser Tatsache Kenntnis nahm, so hütete er sich doch, für Kufalt zu zahlen, er begnügte sich mit dem fassungslosen Ausdruck auf dessen Gesicht.

Der Zug war zu voll, da konnte man nicht darüber reden. Aber kaum waren sie aus dem Ohlsdorfer Bahnhof heraus, da sagte Kufalt: »Mensch, Batzke, du hast aber einen Haufen Kies!«

»Na ja«, sagte Batzke. »Das muss auch so sein. – Da drüben liegt der Kirchhof.«

»Ja«, sagte Kufalt. Der Kirchhof interessierte ihn nicht. Er fühlte sich geborgener. Zwanzig Mark musste sich Batzke abpumpen lassen. Das waren viertausend Adressen. Und ein gutes Stück weiter in der Sicherheit. Bereit also, sich Batzke völlig unterzuordnen, fragte er: »Gehen wir jetzt rauf auf den Kirchhof?«

»Willst du?«

»Wenn du meinst?«

»Ob du willst, frage ich.«

»Ich kann mir den Kirchhof ja mal ansehen.«

»Ach«, sagte der große Ganove Batzke, »mir liegt eigentlich an Kirchhöfen nichts.«

»Also gehen wir woandershin.«

Und Batzke schlug einen Weg ein, der vom Kirchhof fortführte.

»Wo gehen wir denn nun hin?«

»Du musst auch nicht alles wissen.«

»Hör mal, Batzke«, bat Kufalt. »Kauf ein paar Zigaretten, was?«

»I wo …«, fing Batzke an und besann sich. Dann: »Ich hab kein Kleingeld.«

»Aber du hast doch genug Zwanzigmarkscheine«, sagte Kufalt.

»Ich mag jetzt nicht wechseln. Hol du sie. Ich geb dir das Geld heute Abend wieder.«

»Schön«, sagte Kufalt und sah sich nach einem Laden um.

Er entdeckte einen und wollte rein.

»Halt«, rief Batzke und nahm einen Schein aus der Brieftasche. »Hier hast du zwanzig Mark. Hol gleich fünfzig Stück. Juno. Ich geh langsam voraus. Da runter.«

»Schön«, sagte Kufalt wieder.

Die Ladenbimmel in diesem Vorstadtgeschäftchen klingelte ziemlich lange, aber keiner kam. Kufalt hätte sich aus den aufgebauten Packungen ganz hübsch Zigaretten in die Tasche stecken können, aber so was tat er nun wieder nicht. Es lohnte nicht das Risiko.

Kufalt ging von Neuem zur Ladentür, öffnete und schloss sie noch einmal, wobei er die Klingel lange lärmen ließ. Als noch niemand kam, rief er mehrmals laut: »Hallo.«

Schließlich kam ein verschrumpeltes Weiblein mit aufgekrempelten Ärmeln in einer blauen Schürze aus dem Hinterzimmer.

»Entschuldigen Sie bloß, lieber Herr«, sagte sie mit ihrer hellen Altweiberstimme. »Ich hab gescheuert, da hört man die Klingel schlecht.«

»Ja«, sagte Kufalt. »Ich möchte fünfzig Ariston.«

»Ariston?« fragte die Alte. »Ich weiß nicht, ob wir die haben.« Sie sah zweifelnd die Regale an. »Wissen Sie, lieber Herr, was meine Tochter ist, die hat gerade ein Kind gekriegt, heute Nacht, ich mach es nur zur Aushilfe hier im Laden.«

»Also geben Sie mir eine zu fünf«, sagte Kufalt gottergeben. »Machen Sie ein bisschen schnell. Ich muss weiter.«

»Ja, ja, lieber Herr, ich verstehe ja.«

Und sie fischte eine Zigarette aus einer Packung und hielt sie ihm hin.

»Fünfzig hab ich gesagt«, sagte Kufalt wütend.

»Sie haben doch eine zu fünf gesagt«, sagte das alte Weib.

»Also geben Sie mir schon fünfzig. Ja, lieber Gott, von denen!«

»So bedienen ist schwer«, seufzte die alte Frau. »Und die Leute sind immer so ungeduldig. Hier!« und sie reichte ihm die fünfzig Stück.

»Hier«, sagte Kufalt und reichte ihr das Geld.

Sie besah sich weitsichtig den Schein. »Zwanzig Mark?« fragte die Alte. »Haben Sie’s nicht kleiner?«

»Nein«, sagte Kufalt dickköpfig.

»Ich weiß nicht, ob wir so viel dahaben.« Und sie ging in das Hinterzimmer.

»Machen Sie bloß schnell!« rief Kufalt ihr nach und wartete weiter.

Aber dann kam sie doch. Drei Fünfmarkstücke, ein Zweimarkstück, ein Fünfziger –: »Ist es recht so, lieber Herr?«

»Ja, ja«, sagte Kufalt und rannte eilig los.

Von Batzke war nichts mehr auf der Straße zu sehen, soweit Kufalt auch den ihm bezeichneten Weg hinauflief. Nichts war zu merken von Batzke – dann kam er ganz überraschend aus einer Nebenstraße.

»Gehen wir hier weiter«, sagte er. »Na, hast du die Zigaretten?«

»Hier«, antwortete Kufalt. »Und hier ist auch das Geld.«

»Geht in Ordnung«, sagte Batzke. »Hier hast du zehn Zigaretten für dich.«

»Danke schön«, sagte Kufalt.

»Wer war denn im Laden?« fragte Batzke im Weitergehen.

»’ne alte Frau«, sagte Kufalt, »wieso?«

»Weil’s so lange gedauert hat.«

»Ach so«, sagte Kufalt. »Ja, lange hat’s gedauert, sie wusste mit nichts Bescheid.«

»Nein«, bestätigte Batzke.

»Wieso?« fragte wieder Kufalt.

»Weil’s so lange gedauert hat«, lachte Batzke.

»Ich finde, du bist komisch, Batzke«, sagte Kufalt argwöhnisch. »Ist was?«

»Was soll denn sein?« lachte Batzke weiter. »Weißt du auch, wohin wir gehen?«

»Nein«, sagte Kufalt, »keine Ahnung.«

»Dann wirst du’s ja gleich sehen«, sagte Batzke.

Und so gingen sie denn beide weiter, schweigend und rauchend. Der Platz, an den Kufalt von Batzke geführt wurde, war mit einem großen Haus bebaut, mit einem ganzen Komplex aus Backsteinzinnen, Zementwänden, hohen Mauern, kleinen rechteckigen Fensterlöchern, mit Gittern davor …

»Das ist ja ein Bunker«, sagte Kufalt enttäuscht.

»Das ist Fuhlsbüttel«, erklärte Batzke fast feierlich, mit ganz anderer Stimme. »Da drin habe ich sieben Jahre abgerissen.«

»Und darum sind wir hier rausgefahren, dass du dir dein Kittchen ansiehst«, fragte Kufalt halb empört und halb enttäuscht.

»Wollte den alten Bau mal wiedersehen«, sagte Batzke ungerührt. »War ’ne schöne Zeit drin, nich so mies wie heute …«

»Na, weißt du, du magst es aber tun: soviel Marie und denn noch stöhnen …«

»Komm auf die andere Seite rum. Ich zeig dir die Tischlerei, wo ich damals drin gearbeitet habe.«

Kufalt ging mit.

»Siehst du dahinten? Das ist sie! Aber eine feine Tischlerei, sage ich dir, einfach Klasse, nicht solche Bruchdinger wie bei den Preußen.«

Kufalt hörte zu.

»Rolljalousieschränke habe ich gemacht«, sagte Batzke träumerisch und betrachtete seine Pranken, jetzt gepflegt, jetzt manikürt, »weißt du, das gibt Spaß, Willi, wenn man das so hinkriegt, dass die Stäbe nicht klemmen, rumplumplum und auf ist der Laden, ratschbumm und zu ist er!«

Kufalt lauscht. Batzke ist in seine Erinnerungen verloren. »Und dann haben wir mal für den Direktor eingebaute Schränke gemacht – ich hab immer in seine Villa kommen dürfen. Warte, wir gehen rum, ich zeige sie dir.«

Sie gehen rum.

»Na ja«, sagt Batzke unzufrieden. »Von außen kannst du die Schränke nicht sehen, aber schnafte, sage ich dir, wie das so ging. Und alte Möbel hat er sich gekauft, der Direktor, da hatte er einen Narren daran gefressen, weißt du. – ›Kommen Sie mal wieder rüber, Batzke‹, hat er zu mir gesagt. ›Sehen Sie sich mal an, was ich da wieder für einen Bruch gekauft habe, ob Sie den zurechtkriegen.‹«

Und mit einem tiefen Aufatmen: »Ich hab’s immer wieder zurechtgekriegt. Einlegearbeiten, die kaputt waren, uralte Dinger, ich hab sie hingekriegt, Junge, einfach großartig!«

»Na – und?« fragt Kufalt missbilligend. »Da kannst du doch immer wieder rein, wenn’s so schön war. Die fahren dich von der Davidswache gratis raus, da hätten wir kein Fahrgeld auszugeben brauchen.«

»So?« sagt Batzke und sieht Kufalt böse funkelnd an. »So? Meinst du das? Ich will dir was sagen, Kufalt, du bist einfach doof!«

Und damit dreht sich Batzke um und fängt an, eilig auszuschreiten. Er umrundet den ganzen Bau, einmal, zweimal, und schweigend läuft Kufalt neben ihm her, zitternd, dass er sich die Gunst eines so mächtigen Geldgebers verscherzt hat.

»Du kannst ja schließlich machen, was du willst«, sagt plötzlich Batzke. »Ich hab heute weiter nichts vor. Ich latsche nach Haus.«

»Ich auch«, sagt Kufalt eifrig. »Ich auch.«

Und so wandern sie denn den langen Weg nebeneinanderher, und so war Batzke ja nun auch wieder nicht, dass er den ganzen Weg gemuckscht hätte, nein, eine ganz vernünftige Unterhaltung kam zustande. Sie hatten ja so einige gemeinsame Erinnerungen, und man konnte herrlich lachen, wenn man sich all die Doofen ins Gedächtnis zurückrief, die man reingelegt hatte, Wachtmeister wie Strafgefangene.

Und als die zehn Zigaretten von Kufalt alle waren, spendierte ihm Batzke noch einmal fünf. »Damit musst du nun aber auskommen.«

Als sie dann in der Stadt waren, stand Batzke einen Augenblick zögernd vor einem Lokal und sagte schließlich: »Na, komm mal mit rein, ich zahle dir ein Abendbrot.«

»Ich danke dir auch schön, Batzke«, sagte Kufalt.

Es war kein sehr berühmtes Lokal, in dem sie dann saßen, eher eine verräucherte, verschmutzte Stampe. Das Gängeviertel dichte bei. Aber das Essen schmeckte, das Bier schmeckte, und schließlich fragte Batzke: »Willst du wirklich was anfassen, Willi?«

»Kommt drauf an«, sagte Kufalt, der erst einmal satt war.

»Ich hab was ausbaldowert«, sagte Batzke.

»Ja?« fragte Kufalt.

»Auf dem Postscheckamt«, sagte Batzke.

»Da ist ohne Kanone nichts zu machen«, sagte Kufalt sachverständig.

»Du bist wohl blöd? Überfall!« empörte sich Batzke.

»Was denn sonst?« fragte Kufalt.

»Da kommt«, flüsterte Batzke und sah sich um, »jeden Mittwoch und Sonnabend so ’ne olle Schachtel und holt immer sechs-, achthundert ab. Damit rennt sie durch die halbe Stadt, bis in ein Geschäft an der Wandsbeker Chaussee.« – Pause. »Na, was meinst du?«

Kufalt zog ein Gesicht. »Das ist nicht so einfach.«

»Ganz einfach ist das«, erklärt Batzke. »Beim Lübecker Tor gibt ihr einer von uns beiden was über die Rübe, der andere reißt ihr die Tasche weg, einer rechts, der andere links …«

Das ist doch nichts, denkt Kufalt. Der haut mit der Marie ab, und mich nehmen sie hops.

Und laut: »Ich verstehe dich nicht, Batzke, wo du die ganze Tasche voll Marie hast.«

»Ach, höre doch bloß auf mit meinem Geld!« schreit Batzke wütend. Und ruhiger: »Also willst du, oder willst du nicht? Es gibt ja noch mehr, die mitmachen.«

»Das muss man sich überlegen«, erklärt Kufalt.

»Morgen ist Sonnabend«, sagt Batzke.

»Ja, ja«, sagt Kufalt nachdenklich.

»Also nein?« fragt Batzke.

»Ich weiß nicht«, sagt Kufalt zögernd. »Ein bisschen doof kommt es mir vor.«

»Wieso doof? Ohne Risiko is nichts.«

»Aber nicht so viel Risiko für so wenig Geld. Ich will nicht schon wieder Knast schieben.«

»Den schiebst du so und so«, sagt Batzke nachdenklich. Er pausiert und setzt dazu: »Wenn ich nämlich will.«

»Wieso?« fragt Kufalt verblüfft.

»Findest du nicht, der Kellner sieht mächtig blöd aus«, fragt Batzke ablenkend.

»Wieso muss ich Knast schieben, wenn du willst?« fragt Kufalt hartnäckig.

»Willst du dem Kellner nicht die Zeche bezahlen?« lacht Batzke plötzlich. »Ich geb dir auch einen von meinen Scheinen.«

»Von – deinen – Scheinen …?«

Kufalt glotzt.

»O Mensch, hast du’s noch immer nicht kapiert?!« platzt Batzke los. »Linke Marie ist das, Inflationsgeld ist das! Und geht hin und kauft fünfzig Zigaretten damit!«

Plötzlich steht vor Kufalts Auge die Szene vom Vormittag: die runzlige, verwirrte Alte mit der hellen Stimme, im Hinterzimmer die Frau, die gerade ein Kind bekommen hat, vielleicht deren letztes Geld – und in welcher Gefahr war er gewesen? Der Batzke hatte sich schön in eine Seitenstraße gedrückt, der Lump, der Elende! Und wenn nun ein Verkäufer im Laden gewesen wäre, irgendeiner, der nur ein bisschen wacher war, dann hätte Kufalt um diese Stunde schon wieder auf der Polizei gesessen, mit einem hübschen, langen Knast vor sich …

Aber der Batzke lacht ihm ins Gesicht, dieser elende Kerl, der steckt das Wechselgeld ein und macht nicht einmal Kippe …

»Batzke!« schreit Kufalt. »Ich will jetzt sofort …«

»Ober, mein Freund zahlt!« schreit Batzke, greift seinen Hut, und ehe noch Kufalt protestieren kann, ist er aus dem Lokal.

Kufalt zahlt drei Mark achtzig.

Blieb Rest sieben Mark fünfzehn.

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