Kitabı oku: «Hans Fallada – Gesammelte Werke», sayfa 88

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An diesem ereignisreichen, schicksalsvollen Sonnabend wachte Kufalt früh auf, ganz früh. Er lag in seinem Bett und grübelte. Dachte nach in dem schmutzigen, verkommenen Zimmer mit dem knolligen Federbett, das Hunderte vor ihm beschlafen haben mochten, mit oder ohne ihr Mädchen, denn die olle Dübel war nicht so – nein, so was machte ihr Laune. Er sah gegen die Fenster, es musste nun hell werden, aber in diesen kleinen Hof von ein paar Geviertmetern drang kaum Licht. Plötzlich hatte er das Gefühl, draußen schien Sonne. Er sah sie nicht, aber er ahnte sie.

Er stand langsam auf, wusch sich viel und mit Gründlichkeit, rasierte sich sorgfältig, zog frische Wäsche an, seinen besten Anzug – und mit der geliebten Mercedes unter der Wachstuchkappe ging er los. Draußen schien wirklich die Sonne.

Die erste Enttäuschung war die, dass die Leihhäuser erst um neun aufmachten. Kein Mensch konnte ahnen, wann diese alte Ziege aufs Postscheckamt ging. Er stand unter der Reihe der Wartenden, manche trugen Federbetten, einer hatte einen Regulator unter dem Arm. Die Leute standen still, ohne zu sprechen, sie sahen alle vor sich hin, jeder war mit sich allein, gewissermaßen häuslich in seinen Sorgen eingerichtet. Nur wenn jemand Frisches sich an die Reihe der anderen anstellte, warfen sie einen raschen Blick auf ihn, um zu sehen, was er wohl zum Versatz brächte. Dann sahen sie wieder vor sich hin.

Als die Tür geöffnet wurde – endlich, endlich! –, ging alles ganz schnell.

»Dreiundzwanzig Mark«, sagte der Beamte, und als Kufalt in Gedanken an seine hundertfünfzig zögerte, sagte er auch schon: »Bitte weitergehen!«

»Nein, nein«, sagte Kufalt, »geben Sie schon her.«

Eine Weile musste er noch an der Kasse warten, dann hatte er das Geld und lief mehr, als er ging, zu einem Fahrradverleiher, den er sich schon am Abend vorher ausgesucht. Auch hier gab es Schwierigkeiten. Zwanzig Mark schienen dem Verleiher zu wenig als Sicherheit für ein nagelneues Rennrad. Kufalt redete endlos auf ihn ein. Schließlich hinterlegte er noch seinen Meldeschein, hinterlegte er noch den Pfandschein, und dann fuhr er los.

Es war gar nicht so einfach, so gut er früher geradelt hatte, nach netto sechs Jahren im modernen Straßenverkehr zurechtzukommen. Und er musste gut zurechtkommen. Heute kam alles auf Schnelligkeit, raschen Entschluss, Geistesgegenwart an.

Das Lübecker Tor (das kein Tor mehr ist, sondern ein Platz) ist eine unübersichtliche Geschichte. Viele Straßen münden dort ein, die Fußgänger laufen von hier und nach dort, man musste immer den Kopf drehen. Und dann sind da Buden, die den Überblick erschweren, die Elektrischen fahren vorbei und verdecken die Passanten auf der anderen Seite.

Plötzlich aber sah Kufalt – und er ging blitzschnell in Deckung mit seinem Rad – aus der Bedürfnisanstalt drüben auf der anderen Seite ein Gesicht herausschauen, ein bekanntes Gesicht. Und nun wusste er, dass er, trotzdem die Uhr elf Uhr fünfzehn zeigte, nicht zu spät gekommen war.

Hier stand er. Vielleicht dachte er an alles Mögliche, vielleicht sogar an die Zeit, da er ein Kind gewesen war, und seine Mutter war nach dem Abendessen in sein dunkles Schlafzimmer gekommen, hatte sich über sein Bett gebeugt und gesagt: »Träume gut. Aber gleich einschlafen!«

Hier stand er, und die Leute liefen, und sicher war in ihm das ganze Gefängnis wach, er hatte die Brücken abgebrochen, er wusste: Einmal bin ich wieder dort. Wann? Heute Mittag schon? Oder erst in fünf Jahren?

Batzkes Kopf tauchte immer wieder auf, spähend wie ein Fuchs sah das harte, böse Gesicht, die blinzelnden Augen über die Straße, dann war es wieder fort, und man hatte von Neuem die Möglichkeit, sich auf das Rad zu setzen und heimzufahren. Wozu heimfahren? Ehrlich und anständig unterkriechen, sich demütigen, betteln und doch verrecken!

Kufalt fasste die Lenkstange fester – wie sollte er wissen, wie diese ältliche Buchhalterin aussah?

Er wusste es. Da kam sie, mit einem trockenen Schritt, der braune Rock war ziemlich lang, die Füße setzte sie einwärts, ihr Gesicht war ältlich, sehr weiß, von dem kranken Weiß der Bürostuben. Unter einem kleinen Filzhut hervor hing graues, zum Bubikopf geschnittenes Haar.

Sie kam, und sein Herz klopfte immer schneller, und es flehte in ihm: Wenn er es doch nicht wagt, ich könnte heimfahren, wenn er doch den Mut verlöre!

Es fiel überhaupt nicht auf im ersten Augenblick. Batzke war hinter ihr, er schien sie zu streifen, als er rasch vorbeiging, so wie sich eben Passanten auf der Straße streifen, dann kam es ganz leise wie ein unterdrückter, verblüffter Schrei herüber zu Kufalt.

Die braune Aktentasche in der Hand, lief Batzke in eine Querstraße hinein, und plötzlich schrie sie ganz laut drüben. Leute liefen zusammen. Schon sah Kufalt nur den Auflauf, er sah Batzke nicht mehr, und dann – wie schwer wurde der Entschluss, saß er auf seinem Rad, die Pfeife eines Schupos trillerte, Autos hielten an, eine Elektrische stockte so jäh, dass die Schienen aufschrien, er trampelte an ihr vorüber, in die Querstraße hinein, kein Batzke, in die nächste Querstraße, geradeaus, kein Batzke – alles umsonst? Alles vergeblich?

Es war sinnlos, so weiterzufahren. Er müsste Batzke längst gesehen haben! Verloren! Und doch fuhr er weiter.

Es durfte nicht verloren sein, es durfte nicht umsonst sein. Plötzlich wusste Kufalt, das, was er heute früh gewollt hatte, war nicht der Anfang zu einer Ganovenlaufbahn gewesen, es war der Anfang gewesen zu einem ehrlichen, stillen, kleinen Dasein, untergekrochen in der winzigen Stadt dort hinten, vielleicht mit einem guten Mädchen, mit dem man Kinder haben würde. Nur das bisschen Betriebskapital für den Anfang – dafür hatte es der Anfang sein sollen! Es durfte nicht umsonst gewesen sein.

Hier stehen Villen und Mietshäuser durcheinander, der Lärm vom Lübecker Tor ist längst verklungen. Hier heißt es Maxstraße, Eilbecker Riede. Und nun kommt er wieder hinaus auf eine große, breite Straße. Es ist die Wandsbeker Chaussee, es ist eine Viertelstunde später. Kaum fünf Minuten ist er entfernt vom Lübecker Tor. Und dort, wo sich die Wandsbeker Chaussee und der Eilbecker Weg gabeln, dort, wo eine kleine Verkehrsinsel ist, ein Häuschen mit einer Polizeiwache steht darauf, es ist ruhig dort, still, dort sieht er den Batzke, sieht er ihn wirklich und bremst und steigt ab und sieht ihn von fern an und sagt sich: Alles Unsinn. Ich habe ja Angst vor ihm.

Ein Schupo geht in die Wache, sein Blick fällt flüchtig auf Batzke, aber Batzke stört das nicht: Darf man hier etwa nicht stehen und auf sein Mädchen warten, eine Aktentasche in der Hand?

Kufalt lehnt sein Rad langsam und gedankenvoll an einen Baum, er lässt es da stehen, verloren ist doch verloren, und geht es gut, kommt es darauf nicht an.

Der Batzke sieht nach einer anderen Richtung. Kufalt kommt bis auf einige Schritte an ihn heran, dann wendet der Große, Schwarze den Kopf und sieht den Kumpel von gestern. Ohlsdorfer Friedhof, die linke Marie, die Zeche von gestern Abend.

Batzke zieht die Brauen zusammen, sein Gesicht sieht sehr finster aus, zum Fürchten. Und Kufalt fürchtet sich auch.

Trotzdem weiß er, jetzt hängt alles vom Ton seiner Stimme ab, von seinem Auftreten, von dem, was Batzke über ihn denkt.

Er sagt, er wirft dabei einen Blick auf das Fenster der Wache, hinter dem man einen Schupo sieht: »Kippe oder Lampen!«

Batzke sieht Kufalt an. Er sagt kein Wort. Kufalt merkt, wie seine rechte, freie, ungeheure Tischlerpranke sich anhebt – und dann sieht er etwas in Batzkes Gesicht, was ihm ein bisschen Mut macht: Unschlüssigkeit.

»Alter Junge«, sagt er. Er sagt es ganz freundschaftlich. Plötzlich fühlt er, sie beide stehen auf gleichem Fuß. Endlich einmal nach Jahren der Bekanntschaft wirklich auf du und du. Er hat den Batzke angeschissen. Der Batzke ist natürlich wütend, aber Ganoven fressen einander auf, es gehört zum Geschäft. Es ist ein Naturereignis: Was kannst du da schon machen!

Batzke sagt, und auch er sieht dabei nach dem Fenster von der Polizeiwache: »Aber doch nicht hier!«

»Gerade hier«, sagt Kufalt.

Batzke steht unentschlossen.

Ein Polizeiflitzer kommt die Wandsbeker Chaussee vom Lübecker Tor her angerast, hält vor der Wache, ein Beamter springt heraus, er sieht die beiden gar nicht an: Welcher Ganove stellt sich denn gerade unter den Schutz einer Polizeiwache?! Der Batzke ist eben doch ein schlaues Aas!

Das beweist er auch dadurch, dass er jetzt ohne Weiteres die Tasche öffnet, hineingreift, blind kramt seine Hand darin herum, knüllt was zusammen, gibt es Kufalt.

Aber Kufalt geniert sich nicht mehr. Er macht die Scheine wieder glatt, zählt sie, sechs Fünfziger, und er sagt mit milder Gelassenheit: »Kippe habe ich gesagt! Lass mich mal in die Mappe sehen.«

Batzke zögert wieder. Dann aber greift seine Hand noch einmal in die Tasche. Noch einmal bringt sie ein Paketchen hervor, diesmal sind es acht Fünfziger. Er gibt sie Kufalt und sagt: »Nun aber Schluss, Willi, sonst schmeiß ich den ganzen Kram hin, hier vor der Wache. Aber vorher richte ich dich noch so zu, dass dich deine eigene Mutter nicht wiedererkennt.«

Jetzt ist es mit der Unentschlossenheit an Kufalt. Einen Augenblick steht er so da, sieht Batzke an, der die Tasche wieder schließt, sieht Batzke an, steckt die Scheine in sein Jackett, er sagt und lacht dabei: »Die drei Mark achtzig Zeche von gestern Abend bleibst du mir aber noch schuldig, Batzke!«

»Tjüs«, sagt Batzke.

»Tjüs«, sagt Willi Kufalt.

Und sie gehen auseinander. Jeder in anderer Richtung über den Damm, Kufalt seinem Rade zu, das wahrhaftig noch dasteht.

»Hallo«, ruft es plötzlich, »hallo, Willi.«

Sie gehen wieder aufeinander zu.

Batzke fasst den Kufalt bei der Schulter, fasst ihn schmerzhaft fest und sagt: »Läufst du mir aber in nächster Zeit über den Weg …«

Kufalt macht seine Schulter frei. »Also auf Wiedersehen im Bunker, Batzke«, sagt er und lacht.

Dann geht er zu seinem Rad, setzt sich darauf und fährt los. Er hat es sehr eilig. In spätestens zwei Stunden muss er mit all seinem Kram aus Hamburg sein: Batzke könnte sich den Fall doch noch einmal überlegen. Kufalt ist polizeilich gemeldet, und die Hinterhäuser in den Raboisen kümmern sich nicht viel darum, ob gerade mal einer schreit.

Er tritt mit aller Wucht auf die Pedale.

6

Die kleine schleswig-holsteinische Industriestadt, D-Zug-Haltepunkt und mit einem Kanalhafen, liegt inmitten einer flachen, baumlosen Ebene, Äcker über Äcker, und ihren einzigen Reiz könnten vielleicht die Knicks ausmachen, die um die Felder laufen. Buschbestandene Feldraine also.

Es ist eine betriebsame Stadt, diese Stadt, über der als einziges Wahrzeichen, bedeutender noch als die Kirchen, die Fabriken, der Bau des Zentralgefängnisses in Zement und roten Steinen aufragt.

Kufalt liebt diesen Anblick, dieses Wahrzeichen der kleinen Stadt, nicht sehr. Er ist eine Art Gefangener, der freiwillig an den Ort seines Gefängnisses zurückgekommen ist – immer, wenn er um eine Ecke kommt, läuft ihm ein Wachtmeister entgegen und sagt grinsend: »Tag, Herr Kufalt.« Oder aber die Mauern sind da. Die Backsteinzinnen, die kleinen Gitter in den großen Wänden.

Wir kehren alle wieder heim zu uns. Immer wieder. Nichts blöder als das Geschwätz von dem neuen Leben, das einer anfangen könnte, in uns sitzt es. In uns bleibt es. Da hockt er nun in seiner Stube in der Königstraße, an der Peripherie der Stadt.

Wenn er aus der Tür hinaustritt und sich von der Stadt fortwendet, ist der Novemberwind da, mit dem Blättergetriebe, mit den öden, endlosen Landstraßen, die irgendwohin führen, wo es auch nicht anders ist. Ist der faulige Geruch da aus den Chausseegräben, von Sterben und Vergehen, ist die Einsamkeit da, mit der man nichts anfangen kann, ist alles, alles wieder da, ein verfehltes Leben ohne Aussicht, ohne Mut, ohne Geduld.

Er sitzt da in seinem Zimmer in der Königstraße, es ist ein gutbürgerliches Zimmer, Bruhn hat ein schlechteres. Bruhn hat ein Arbeiterzimmer, eine Schlafgelegenheit gewissermaßen nur. Aber Kufalt sitzt zwischen Mahagoni und Plüsch und Nippes und Bildern, er hat eine Adressenliste neben seiner Maschine, er tippt Briefe. Es sind viele Briefe für einen Mann, der kaum mit einem Menschen Umgang hat, zehn oder zwölf etwa, er tippt den letzten fertig, unterschreibt ihn, kuvertiert ihn, frankiert sie alle, alle Stadtporto zu acht Pfennig, und dann zieht er seinen Mantel an und setzt seinen Hut auf. Er nimmt die Briefe in die Hand und steht an der Schwelle.

Es ist elf Uhr vormittags. Er hat sein Tagewerk gewissermaßen vollbracht. Das Bettlertagewerk der Aussichtslosigkeit, und man kann nicht immer schlafen, und man kann nicht immer grübeln. Man hat so seine Sorgen, wenn man auch ein Rentier ist mit vierhundert Mark, mit über vierhundert Mark noch in der Brieftasche.

Er steht an der Schwelle und zaudert. Es ist ganz egal, ob die Briefe heute Mittag in den Kasten kommen oder heute Abend, wenn es schon dunkel geworden ist, es erfolgt doch nichts darauf. Es ist ganz egal – aber da ist der kleine Emil Bruhn, der grübelt für seinen Freund Kufalt, der hat gestern Abend gesagt: »Die Pfaffen, Mensch, denk doch bloß an die Pfaffen, die müssen etwas für dich tun.« Er hat das »müssen« so betont – und Kufalt wird heute Abend den Bruhn treffen, und Bruhn wird fragen, ob er auch an die Pfaffen gedacht hat und zu ihnen gegangen ist. Bruhn ist ein Bohrer, Bruhn wird nicht nachlassen, bis Kufalt das getan hat, was er für richtig hält. Also muss Kufalt jetzt um elf aus seinem Zimmer in die Stadt gehen und sich die Adressen von den fünf oder sechs Pfaffen, die es in diesem Städtchen gibt, besorgen.

Kufalt steht immer noch zaudernd an der Tür. Plötzlich entschließt er sich. Er geht an seinen Koffer, er schließt den Koffer auf, in dem Koffer liegt die eine Antwort, die er auf alle seine Bewerbungsbriefe bekommen hat. Ein Mann hat sie geschrieben, der sich Malte Scialoja nennt. Er ist Chefredakteur einer hiesigen Zeitung, der größeren. Der Chefredakteur der anderen Zeitung hat gar nicht geantwortet. Nun gut, aber auch diese Antwort sieht nicht sehr hoffnungsvoll aus. Und doch müsste man eigentlich mal zu dem Mann hingehen.

Kufalt liest den Brief. Er ist nicht lang, ein paar Zeilen nur, er lautet:

»Sehr geehrter Herr! Wenn mich auch Ihr trauriges Schicksal bekümmert, so glaube ich doch nicht, etwas für Sie tun zu können. Zwar ist die Auskunft, die Herr Strafanstaltsdirektor über Sie gab, ausgezeichnet, aber Sie wissen wohl selbst, welche Verantwortung für den leitenden Redakteur damit verbunden ist, einen vorbestraften Mann in seinen Betrieb zu bringen. Immerhin würde es mich freuen, wenn Sie mich einmal zwischen elf und eins aufsuchen würden. – Hochachtungsvoll …« und so weiter.

Kufalt seufzt, als er diesen Brief liest. »Aussichtslos«, flüstert er, »völlig aussichtslos. Aber wenn ich mir doch die Adressen besorge, kann ich ja auch mal bei dem Manne vorbeigehen.«

Er hat in der einen Hand zwölf Bewerbungsschreiben. Mit der anderen steckt er das Schreiben des Chefredakteurs Malte Scialoja in seine Tasche. Und nun geht er wirklich aus seinem Zimmer auf die Straße.

*

Malte ist ein niederdeutscher Vorname, Scialoja ist ein italienischer Nachname. Der Mann, der diese beiden Namen trägt, ist der berühmte Heimatschriftsteller Holsteins, der an der Scholle hängt und der Bücher von Bauern schreibt, deren Sprache das Platt ist, das auch er am liebsten spricht. Die Sache ist nicht so kompliziert, wie man denkt. Vor hundert Jahren einmal hat ein italienischer Matrose in einer der kleinen Hafenstädte an der Küste Wurzel geschlagen. Er hat ein friesisches Mädchen geheiratet, und sein Urenkel ist es nun, der dort hinter seinem Schreibtisch auf dem Chefbüro sitzt, zwischen Papieren wühlt, auf das Radio horcht und eigentlich nichts tut. Er ist nicht mehr als ein Aushängeschild für die Zeitung, klüglich vom Besitzer zu diesem Zweck engagiert. Einmal in der Woche, am Sonntag, erscheint ein sinniger Artikel von ihm im Blatt, in der »Heimatsprak«.

Aber er ist ein wichtiger Mann. Er ist das rohe Ei in der Redaktion, das alle sorgfältig behandeln müssen, die Leute glauben an ihren versonnenen, schwärmerischen Dichter. Das Publikum will ihn haben.

Da sitzt er zwischen seinen Papieren, eigentlich könnte er ebenso gut zu Haus sitzen. Er hört unten die große Rotationsmaschine gehen, um halb eins ist die Abendausgabe fertig, das geht ihn nichts an. Dafür haben die kleinen Reporter ihre Sächelchen geschrieben, das geht ihn nichts an.

Scialoja ist ein blasser Mann mit einem untadeligen dunklen Scheitel, in einem Lüsterjackett. Er hört auf die Tanzmelodien, er liest auch mal ein paar Zeilen aus den Manuskripten, und dann sieht er sich seine Nägel an. Er ist ein großer Mann, er weiß das sehr genau. Es ist nicht einfach, das Leben eines großen Mannes zu führen. Man hat seine Verpflichtungen. Das hat er immer verstanden.

Es klopft an seine Bürotür. Er ruft unwirsch: »Herein.« Er ruft immer unwirsch »herein«. Denn er darf nicht zu viel gestört werden. Er ist ein Mann von großer Tätigkeit, mit einem regen Innenleben.

Der Bürobote steht an der Tür. Er meldet: »Ein Herr Kufalt möchte Sie sprechen. Sie wüssten Bescheid.«

Scialoja hat einen Bleistift in der Hand und schreibt. Er sieht kaum auf, als er sagt: »Ich habe zu arbeiten. Ich kenne keinen Herrn Kufalt. Ich weiß nicht Bescheid.«

Die Tür schließt sich wieder. Herr Scialoja ist wieder allein. Er hat den Bleistift wieder hingelegt. Er horcht auf die Radiomusik. Die spielen Tänze. Es sind jene bösen falschen Tänze, die dem Volk so schaden. Es gibt so hübsche Bauerntänze, all das ist verdrängt von diesem Asphaltkitsch. Aber er horcht darauf. Es hört sich nicht schlecht an, aber es ist schlecht.

Schon klopft es wieder an die Tür. Da ist noch einmal dieser unausstehliche Bote. Er sagt vorsichtig: »Der Herr sagt, er ist zwischen elf und eins zu Ihnen bestellt.«

Der Chefredakteur antwortet: »Ich habe so viele Dinge im Kopf, ich muss arbeiten, verstehen Sie das doch! Ich bestelle keine Besucher. Schicken Sie den Herrn weg.«

Die Tür fällt wieder zu. Und wieder die Musik und das Papier, und all die langweiligen Manuskripte, die nicht von ihm geschrieben sind.

Kommt der Bote wirklich noch einmal wieder? Wagt er es? Ja, er wagt es! Er hat ein Stück Papier in der Hand, einen Brief also. »Der Herr will nicht gehen, Sie hätten ihm diesen Brief geschrieben.«

Der Bote bleibt unter der Tür stehen mit dem Brief in der Hand. Scialoja schreibt. Er sagt scharf: »Einen Augenblick bitte, ich habe zu arbeiten.«

Und er schreibt eine lange Zeit weiter.

Dann legt er den Bleistift hin. Er seufzt dabei. Er sagt: »Zeigen Sie mir also mal den Brief.«

Er liest ihn, einmal, zweimal, er betrachtet die Unterschrift genau. Unterschriften von großen Leuten können gefälscht werden: So betrachtet er die Unterschrift. Dann sagt er: »Führen Sie den Herrn herein. Aber sagen Sie ihm gleich, dass ich nur eine Minute Zeit habe. Ich habe zu arbeiten.«

Nun steht Kufalt in dem Chefredakteurbüro, vor dem weißgesichtigen Mann mit dem dunklen Scheitel, der schreibt und ihn nicht ansieht.

Vor einer halben Stunde in seinem Zimmer schien es Kufalt noch zweifelhaft, ob er den Brief überhaupt benutzen würde. Aber mit dem Widerstand wächst der Widerstand: Was du geschrieben hast, Freundchen, das tu.

»Also – Sie wollen?« fragt Scialoja und schreibt weiter.

»Ich habe Ihnen das ausführlich in meinem ersten Brief auseinandergesetzt«, antwortet Kufalt zögernd.

Der Chefredakteur sieht hoch. Er lächelt. »Ich habe so viele Dinge in meinem Kopf«, sagt er. »Hunderte kommen um Hilfe zu mir. Ich bin bekannt im ganzen Land. Was wollen Sie nun also?«

»Eine Stellung«, sagt Kufalt. »Irgendetwas zu arbeiten. Gleichviel was.«

Und er setzt leiser hinzu: »Ich habe Ihnen doch geschrieben, ich bin vorbestraft. Ich finde nichts. Ich dachte, dass gerade Sie …«

Das ist eigentlich der richtige Appell an den großen Mann: »gerade Sie«; aber andererseits kann er wieder nicht zugeben, dass es Fälle gibt, die er noch nicht erlebt hat.

Und so sagt er: »Dutzende von Vorbestraften kommen zu mir um Hilfe, ich sage Ihnen, Dutzende.«

Er hat mit Schreiben aufgehört und sieht Kufalt freundlichkühl an.

Kufalt steht abwartend.

»Ja«, sagt der große Mann und noch einmal: »Ja.«

Kufalt weiß immer noch nicht, was er reden soll. Und so wartet er weiter.

»Sehen Sie«, sagt der große Mann, »ich habe zu arbeiten, ich vertrete das Volk, das einfache Volk, verstehen Sie? Blut und Scholle, verstehen Sie?«

»Ja«, antwortet Kufalt geduldig.

»Ich darf mich nicht zersplittern«, sagt der andere weiter. »Ich habe einen Beruf. Verstehen Sie, was Berufung heißt?«

»Ja«, sagt Kufalt wieder.

Der Chefredakteur betrachtet den Bittsteller, als sei nun alles erledigt. Aber Kufalt findet, es ist nichts erledigt, man hätte ihn nicht zwischen elf und eins zu bestellen brauchen, damit er sich anhört, ein anderer hat einen Beruf, er hat keinen.

So steht er weiter da.

»Wissen Sie«, sagt Herr Scialoja, »Sie können ja vielleicht später mal wieder vorfragen. Wie gesagt, ich bedaure Ihr unglückliches Schicksal. Der Strafanstaltsdirektor hat mir eine ausgezeichnete Auskunft gegeben.«

Das Erinnern scheint ihm also wiedergekommen zu sein, trotz der tausend Dinge, die durch seinen Kopf gehen. Und so versucht Kufalt es noch einmal.

»Nur ein bisschen Arbeit«, sagt er. »Ein, zwei Stunden täglich.« Und er setzt lockend hinzu: »Ich hab eine eigene Schreibmaschine.«

Sein Gegenpart sieht bekümmert aus.

»Ja, ich weiß wirklich nicht«, sagt er zögernd, »ich lebe ja nur meiner Arbeit. Vielleicht sprechen Sie einmal mit unserem Geschäftsführer.«

»Würden Sie mich Ihrem Geschäftsführer empfehlen?« fragt Kufalt.

»Aber mein lieber Herr«, sagt der andere, »ich kenne Sie ja gar nicht!«

»Aber Sie haben doch mit Herrn Strafanstaltsdirektor gesprochen!«

»Der Strafanstaltsdirektor«, sagt der Chefredakteur und ist plötzlich ganz von dieser Welt, »empfiehlt natürlich all seine entlassenen Gefangenen, damit er die Laufereien nicht mehr hat.«

»Aber warum haben Sie mich hierherbestellt?« fragt Kufalt.

»Wissen Sie was«, sagt der große Mann und hat eine Erleuchtung. »Wir haben da so einen Fonds, ich gebe Ihnen eine Anweisung an die Kasse auf drei Mark, und Sie versprechen mir, nicht wiederzukommen.«

Kufalt steht einen Augenblick still. Er besinnt sich. Dann sagt er plötzlich und ist gar nicht mehr schüchtern: »Sie wohnen doch in der Dottistraße, Herr Scialoja, in einer Villa?«

»Ja«, antwortet der Chefredakteur verwirrt.

»Na also«, sagt Kufalt. »Dann klappt es ja. Redaktionsschluss ist doch um sechs?«

»Wieso?« fragt der andere.

»Weil’s da dunkel ist«, sagt Kufalt und lacht. Und lachend geht er aus dem Chefbüro.

Er lässt einen ziemlich aufgeregten Mann hinter sich.

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