Kitabı oku: «Hans Fallada – Gesammelte Werke», sayfa 89
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Das Lachen, mit dem Kufalt das Büro verlassen hatte, hielt nicht lange vor. Gewiss war die Dottistraße abends um sechs dunkel, und gewiss war es höchst angenehm zu wissen, dass Herr Scialoja in der nächsten Zeit mit Angstgefühlen nach Hause gehen würde, wahrscheinlich eskortiert von irgendeinem Redakteur oder Setzer – aber was half das alles!
Vierhundertdreißig Mark sind nicht so sehr viel Geld, und das Ende war leichtlich auszurechnen. Nun gut, er würde zu den sechs Pastoren gehen, deren Adressen er am Schalter der Zeitung eingesehen hatte, aber auch dabei würde nicht viel herauskommen.
Unter den sechs Geistlichen war einer, den Kufalt kannte. Das war der katholische Pfarrer, dem Kufalt im Gefängnis den Altar hatte zurechtmachen müssen, ein alter strenger Mann. Kufalt hatte manchen Streit mit ihm gehabt, der Pfarrer hatte es ihn wohl auch entgelten lassen, dass ihm von der Beamtenschaft ein »Evangelischer« für diese Arbeit aufgezwungen worden war.
Aber trotzdem: Jetzt, als Kufalt auf der Straße geht und den Fall bedenkt, scheint ihm der Mann nicht übel. Er ist eifrig gewesen für seine Gefangenen, er hat sie wohl angeschnauzt und gescholten, aber er war immer da für sie. Vielleicht ist er auch für Kufalt da?
Kufalt entschließt sich ganz schnell: Jetzt sofort, nach diesem verfluchten Scialoja, wird er zum Pfarrer gehen.
Da empfängt ihn eine Nonne oder was das ist, man sieht fast nichts von ihrem weißen Gesicht unter der großen Haube. Kufalt muss lange warten, er steht da im Vorplatz, das Haus ist totenstill. Er steht lange da, aber er hat nichts zu versäumen, wirklich gar nichts.
Schließlich kommt auch der Pfarrer. Langsam geht der große starke Mann auf ihn zu, langsam und leise fragt er ihn, was er wohl möchte. Er hat Kufalt nicht wiedererkannt, und Kufalt muss ihn erst wieder ans Kittchen erinnern.
»Ja so«, sagt der Pfarrer und erinnert sich noch immer nicht recht. »Sie sehen jetzt aber anders aus. Sehr ordentlich.«
»Die andere Kleidung«, erinnert Kufalt.
»Ja, gewiss«, sagt der Pfarrer. »Andere Kleidung, ja.«
Er spricht immer langsam und leise, sicher ist er ein Bauernsohn von der Wasserkante, da sind sie so leise und stark.
»Und was kann ich jetzt für Sie tun?«
Kufalt erzählt es, und der Pfarrer hört zu, fragt auch einmal dazwischen, Kufalt merkt, er versteht, wie einem Menschen zumute sein kann.
Schließlich sagt der Pfarrer ganz kurz: »Ich gebe Ihnen ein Schreiben an den Prokuristen einer Lederfabrik. Ich sage nicht, dass das Schreiben Ihnen was nützt. Aber ich gebe es Ihnen.«
Er setzt sich hin und schreibt, einmal sieht er hoch und fragt: »Aber von meiner Konfession sind Sie nicht?«
Kufalt möchte lügen, aber dann sagt er doch leise: »Nein.«
»Gut«, sagt der Pfarrer und schreibt weiter.
»Also gehen Sie gleich«, sagt er dann. »Jetzt wird der Herr zum Essen zu Haus sein.« Er wiegt den Kopf. »Machen Sie sich keine Hoffnung«, sagt er. »Es gibt noch viel schlimmeres Elend. Geld haben Sie noch?«
»Ja«, sagt Kufalt.
»Und Kleidung?«
»Ja«, sagt Kufalt.
»Nun, vielleicht kommen Sie, wenn dies nichts ist, noch einmal wieder. Ich will sehen, ich will sehen …«
Er reicht Kufalt die Hand.
Der gibt den Brief in der Wohnung des Prokuristen ab und wartet vor der Tür. Sein Herz klopft ein wenig, ein guter alter Mann, hat ihm keine Hoffnungen gemacht – aber es kann doch sein?
Das Dienstmädchen kommt zurück, es drückt ihm Geld in die Hand, es sagt: »Es ist nicht nötig, dass Sie wiederkommen.« Dann schließt sie die Tür.
Er steht ziemlich traurig auf dem Treppenabsatz, zählt das Geld, es sind dreißig Pfennig. Er hört das Mädchen in der Küche hantieren, steckt die dreißig Pfennig durch den Briefkastenschlitz und läuft eilig die Treppe hinunter, als die Groschen im Kasten klappern.
Dann zottelt er ziemlich trübselig und missvergnügt nach Haus. In einem Geschäft in der Königstraße kauft er sich noch zwei Bücklinge, Brot war zu Haus, Milch war zu Haus, und so war das Alltagsmittagessen à la Maack komplett. Dann konnte man nach dem Essen schlafen oder nicht schlafen, wie der Kopf es wollte, und dann kam der Lichtpunkt des Abends: der Besuch bei Emil Bruhn. Und vielleicht würde man sogar, wenn Emil Bruhn in seiner Holzwarenfabrik diese Woche gut verdient hatte, auf einen Tanzboden gehen. So fantastische Pläne hegt man. Die Bücklinge mit dem fettigen Pergamentpapier in der Hand, trat Kufalt in seine Stube ein und blieb unter der Tür stehen.
Am Fenster hatte ein schlanker, rötlicher Mann mit einer langen Nase gesessen, in einer Zeitung gelesen, die er jetzt zusammenfaltete.
»Herr Kufalt wahrscheinlich?« sagte der Mann. »Entschuldigen Sie, dass ich es mir bei Ihnen gemütlich gemacht habe. Ihre Wirtin hatte keine Bedenken.«
»O bitte«, sagte Kufalt verwirrt.
»Mein Name ist nämlich Dietrich«, sagte der Herr und sah Kufalt freundlich mit seinen geschwinden Mauseaugen an, die seltsam nah am Nasenrücken saßen.
»Kufalt«, stellte sich Kufalt ganz unnötig vor. Er wusste noch immer nicht, wer sein Besucher war.
Das kapierte der sofort.
»Ach so«, sagte er. »Sie erinnern sich nicht mehr. Sie haben doch an den ›Stadt- und Landboten‹ geschrieben wegen Arbeit. Wegen Ihrer unglücklichen Lage. Man hat da hin und her geredet auf der Redaktion wegen Ihres Briefes, aber natürlich tut keiner von den großen Leuten was, und so bin ich hier!«
Er lächelte einladend und schien den Fall für geklärt anzusehen.
Der »Stadt- und Landbote« war die kleinere Konkurrenz jener größeren Zeitung, deren Herrn Scialoja Kufalt eben besucht hatte.
»Ja«, sagte Kufalt zögernd und legte die Bücklinge auf den Waschtisch. »Und Sie haben also Arbeit für mich?«
»Vielleicht«, sagte Herr Dietrich. »Wer lebt, wird erleben.«
»Und was müsste ich tun, um vielleicht Arbeit zu bekommen?«
Sie hatten sich beide gesetzt und sahen einander freundlich an.
»Wissen Sie«, sagte Herr Dietrich und neigte sich so nahe zu Kufalt, dass der feststellen konnte, Herr Dietrich hatte heute schon Kognak getrunken. »Wissen Sie, ich bin nämlich auch nicht angestellt beim ›Stadt- und Landboten‹. Ich bin ein freier Mann.«
Kufalt zog sich ein wenig zurück. Sowohl vor dem Atem wie vor der Eröffnung.
»Aber«, sagte Herr Dietrich – und dieses Aber hatte mindestens sieben a –, »ich habe vielerlei zu tun. Ich habe viele Dinge in meinem Kopf.«
Kufalt glaubte, das schon einmal heute gehört zu haben, und sah still abwartend da.
»Erstens«, erklärte Herr Dietrich und legte seine Hand sachte auf Kufalts Hand, »erstens bin ich Abonnentenwerber für den ›Stadt- und Landboten‹.«
Er hob seine Hand hoch, betrachtete sie nachdenklich. Dass die Nägel, so kurz sie auch abgebissen waren, ziemlich dreckig aussahen, schien er nicht zu bemerken. Nach der Betrachtung der Hand legte er sie ein zweites Mal auf Kufalt.
»Zweitens«, sagte Herr Dietrich, »bin ich Annoncenakquisiteur für dieselbe Zeitung.«
Wieder dasselbe Manöver mit der Hand. Und wieder kam die Hand zu Kufalts Hand zurück.
»Drittens«, sagte Herr Dietrich, »werbe ich für eine freiwillige Krankenkasse Versicherte und erhebe die Beiträge.«
Die Hand flog wieder in die Luft und kehrte wieder zu Kufalt zurück.
»Viertens kassiere ich für die hiesige Gastwirtsinnung die Innungsbeiträge.«
Kufalt war überzeugt, dass Herr Dietrich gerade an diesem Morgen bei den Gastwirten Innungsbeiträge kassiert hatte. Er wusste nicht, wie lange Herr Dietrich schon in seinem Zimmer gesessen hatte. Aber jedenfalls roch das Zimmer entschieden spirituös.
»Fünftens«, erklärte Herr Dietrich feierlich, »erhebe ich auch die Mitgliedsbeiträge beim Turnverein Alte Eiche.
Sechstens bin ich aber auch der Geschäftsführer des hiesigen Wirtschafts- und Verkehrsvereins und gebe alle Auskünfte, die sonst von dem ganzen Stab eines Mitteleuropäischen Reisebüros erteilt werden.«
Kufalt wartete, ob noch Weiteres käme, aber die Hand blieb in der Luft und wanderte dann in die Tasche von Herrn Dietrich, wo sie mit Silbergeld klimperte.
Jedenfalls will er mich nicht anpumpen, dachte Kufalt.
»Ihr Schicksal hat mich direkt erschüttert«, sagte Herr Dietrich überleitend. »Ich versichere Ihnen: direkt erschüttert.«
Pause.
Eigentlich müsste Kufalt nun etwas sagen. Aber er sagte nichts. Herr Dietrich wandte sein Gesicht plötzlich scharf seinem Gesprächspartner zu. »Und was denken Sie nun, was ich für Sie tun kann?« fragte er.
»Ja, ich weiß doch nicht«, sagte Kufalt zögernd.
»Gehalt kann ich Ihnen nicht zahlen«, erklärte Dietrich mit Entschiedenheit. »Aber Sie haben Aussichten bei mir.«
»So«, sagte Kufalt nur.
»Ich will Ihnen mal was sagen«, erklärte Herr Dietrich, »ich will ganz offen mit Ihnen reden. Ich bin überhaupt ein sehr offener Mensch. Meine Offenheit hat mir schon tausend Mal geschadet …«
Er sah Kufalt freundlich lächelnd an, wusste aber entschieden nicht weiter. Dann hatte er eine Idee.
»Wissen Sie was«, sagte er, »hier gleich an der Ecke hat der Gastwirt Lemcke eine Wirtschaft. Darf ich Sie zu einem Glas Bier und einem Korn einladen? Da spricht es sich viel besser.«
Kufalt zögerte einen Augenblick. Dann sagte er: »Ich trink nie was am Vormittag. Ich vertrag das nicht.«
»Ich auch nicht«, sagte Herr Dietrich, »aber Sie verstehen, wenn man Kassierer der Gastwirtsinnung ist …«
Kufalt hüllte sich in Schweigen. Herr Dietrich rückte hin und her, sah unzufrieden seine Zigarre an und sagte dann, gewissermaßen zu dieser Zigarre: »Zu einem Entschluss müssen wir kommen.«
»Ja«, sagte Kufalt höflich.
Plötzlich war Herr Dietrich in Fahrt.
»Wissen Sie was, mein lieber Herr Kufalt«, sagte er, »schließlich kennen Sie mich nicht, und Kognak habe ich heute auch schon ein bisschen getrunken. Gehen Sie morgen um zwölf auf die Redaktion. Da sitzt unser Obermuckermuck, der Freese, der wird Ihnen sagen, was ich für ein Mann bin. Und dann übertrage ich Ihnen gegen prozentuale Beteiligung das Inkasso bei allen Vereinen und der Innung. Und Sie können auch Annoncen und Abonnenten werben, und wenn Sie sonst eine Arbeit für mich machen, dann bezahle ich sie extra. Was meinen Sie dazu?«
»Was könnte man denn da so verdienen im Monat?« fragte Kufalt vorsichtig.
»Das hängt ganz von Ihnen ab«, sagte Herr Dietrich. »Wenn Sie zum Beispiel hundert Abonnenten im Monat werben, pro Abonnent eine Mark fünfundzwanzig, macht hundertfünfundzwanzig Mark, ein Viertel an mich – das ist gewissermaßen so nebenbei verdientes Geld.«
»So«, sagte Kufalt, »und das Kassieren bei den Leuten? Die zahlen doch heute alle nicht gerne ihre Beiträge.«
»Na ja«, sagte Herr Dietrich, »Millionär werden Sie nicht werden. Aber Ihr Leben haben Sie. Wollen Sie, oder wollen Sie nicht?«
»Zu Herrn Freese will ich schon mal gehen«, sagte Kufalt.
»Und noch eins, lieber Herr Kufalt«, sagte Herr Dietrich und neigte sich ganz dicht zu Kufalt hin, sodass er das ganze Aroma von einem halben Dutzend Kognaks zu spüren bekam. »Wissen Sie, das mit dem Inkasso, da kriegen Sie doch Hunderte von Mark in die Hände, und ich muss dafür gradestehen.«
Er sah Kufalt ernst besorgt an.
»Ich muss dafür geradestehen«, wiederholte er noch einmal.
»Ja«, sagte Kufalt und wartete. Er wusste schon, was da kommen würde, aber er wollte es dem anderen nicht gar zu leichtmachen.
»Sie wissen doch, lieber Herr Kufalt«, sagte Herr Dietrich. »Sie haben es mir doch selbst geschrieben. Das war doch dieselbe Geschichte, weswegen Sie ins Kittchen kamen, ich meine, weswegen Sie Ihr unglückliches Schicksal erlitten.«
»Also kann ich eben nicht kassieren«, sagte Kufalt.
»Doch, doch«, versicherte der andere. »Man kann da doch sicher irgendwas einrichten. Sie sind doch aus guter Familie. Eine Kaution …«
»Also ich werde morgen mal zu Herrn Freese gehen«, sagte Kufalt und stand auf.
»Sie meinen, eine Kaution käme nicht in Frage? Ich würde sie natürlich in jeder Hinsicht sicherstellen.«
»Was glauben Sie denn eigentlich?« rief Kufalt. »Glauben Sie, ich hätte es nötig, Bettelbriefe zu schreiben, wenn ich große Kautionen stellen könnte?«
»Und eine kleinere?« fragte Herr Dietrich. »Sie können ja jeden Tag mit mir abrechnen.«
»Auch eine kleine nicht«, entschied Kufalt. »Jedenfalls werde ich aber mal Herrn Freese besuchen.«
»Das hat gar keinen Sinn«, sagte Herr Dietrich und pirschte sich gegen die Tür. »Freese ist das gröbste Schwein von der Welt. Im Übrigen«, sagte er und bekam die Türklinke zu fassen, »im Übrigen bin ich doch nur zu Ihnen gekommen, weil ich von Ihrem Schicksal erschüttert war, direkt erschüttert.«
»Ja, ja«, sagte Kufalt gedankenlos und betrachtete nachdenklich sein Gegenüber mit der langen Nase. Und plötzlich hatte er eine Idee.
»Können Sie mir nicht vielleicht mit zwanzig Mark aushelfen«, sagte er. »Ich bin nämlich ziemlich abgebrannt.« Er lachte.
Und nun geschah das Wunderbare. Dieser Dietrich, dieser halb betrunkene Kerl, der mit dem Silbergeld der Gastwirtsinnung in seiner Tasche klapperte, dieser Dietrich fasste einfach in die Tasche, holte eine Handvoll Geld heraus, zählte vier Fünfmarkstücke ab, drückte sie Kufalt in die Hand, sagte: »Quittung ist unnötig. Wir arbeiten doch noch miteinander.«
Und verschwand mit dem sachten und vorsichtigen Schritt der regelmäßig Betrunkenen, die wissen, dass sie auf sich aufzupassen haben, treppab.
8
Emil Bruhn wohnte in der Lerchenstraße, auch weit draußen vor der Stadt, in der Nähe seiner Holzwarenfabrik, in der er, genau wie im Kittchen, Fallennester für Hühner im Akkord nagelte.
Er hatte seine grünlich getünchte Kammer nicht für sich allein.
Er teilte sie mit dem Wächter einer Lederwarenfabrik, der abends um acht fortging und erst morgens um acht wiederkam, anderthalb Stunden später, als Bruhn das Haus verließ. Sie schliefen im gleichen Bett. Sie teilten so ziemlich alles miteinander, und wenn es Differenzen gab, und es gab oft Differenzen, so wurden sie am Sonntag ausgetragen, wenn der Wächter der Lederfabrik seine freie Nacht hatte.
Kufalt, erst zwei Wochen im Städtchen, wusste alles über diese Differenzen. Dass der Lump, der andere, nie die eigene, sondern immer die fremde Seife benutzte, dass er nie sein Zeug weghängte und dass er jeden Sonntagabend betrunken mit einem Mädchen auf die Bude kam und verlangte, Bruhn solle auf dem Fußboden schlafen. »Nur ein kleines Weilchen, Emil. Gleich sind wir fertig …«
Ja, von diesen Differenzen erzählte Bruhn viel und ausgiebig. Aber davon zu hören war Kufalt immer noch lieber, als wenn der Krüger im gleichen Zimmer mit Bruhn gewohnt hätte.
Der Krüger war gottlob längst wieder verschüttgegangen, hatte seine Arbeitskollegen bemaust. Kleine, klägliche, widerliche, sinnlose Diebstähle von Tabak und Manschettenknöpfen. Der saß schon wieder drin, und Bruhn trauerte ihm nicht nach.
Wenn sich der Emil Bruhn in einem geändert hatte, so darin, dass die Jungen keine Rolle mehr in seinem Leben spielten. Jetzt war er hinter den Mädchen her, aber irgendwie klappte es immer nicht damit. Entweder war er zu schüchtern, oder er war zu frech. Oder sie witterten an ihm, dass etwas nicht ganz in Ordnung war, und es kam zu nichts. Und er lief herum und glotzte sich seine gutmütigen blauen Seehundsaugen nach ihnen aus und rannte auf die Tanzböden und schwitzte sich ab und zahlte von seinen paar Groschen zwei, drei Glas Bier für sie, und dann versetzten sie ihn. Verschluckt von der Nacht, oder sie zogen ganz offen mit anderen Kavalieren los, und Bruhn hatte das Nachsehen.
Vielleicht war es darum, dass er die Rückkehr Kufalts so freudig begrüßt hatte. So ein schnieker Junge, so fein in Schale, da musste es klappen. Die Mädels gingen immer zu zweien. Nun gut, Kufalt sollte die hübsche nehmen, es gingen doch immer eine hübsche und eine schieche miteinander, aber so schiech konnte keine sein, sie hatte, was Emil Bruhn wollte.
Er stand vor seinem Spiegel und mühte sich mit seinem weißen Kragen ab, mit jenem Ding, das sie da oben ein Quäder nennen, mühte sich ab und erzählte, was für feine Mädels heute zum Tanz kommen würden, in den Rendsburger Hof. Und hoffte so treu auf seinen Kufalt und hatte keine Ahnung, dass es dem mit den Mädels auch nicht anders ging.
»Wenn es nur nicht zu teuer wird«, sagte Kufalt.
»Teuer?« fragte Emil. »Ich sitze mit einem Bier den ganzen Abend. Aber natürlich, wenn man die Mädels erst besoffen machen muss …«
»Kommt gar nicht in Frage«, sagte Kufalt.
»Na also«, sagte Emil. »Ich hab doch immer gesagt, bei dir wird es was.«
»Und was hast du diese Woche verdient?« fragte Kufalt.
»Einundzwanzig Mark sechzig«, sagte Bruhn. »Die ziehen einem immer mehr ab, die Räuber, die wissen, sie können mit mir machen, was sie wollen. Jetzt haben sie schon dem Werkmeister erzählt, dass ich ein Raubmörder bin. Und der braucht nur die Fresse aufzutun und es den Kollegen zu sagen, und ich sitze draußen. Die arbeiten doch nicht mit so einem, wie ich bin, wenn sie’s erst wissen.«
Er steht da vor seinem Spiegel, das Quäder und der Schlips sitzen nun richtig. Er sieht Kufalt an.
Auch Kufalt sieht seinen Emil Bruhn an.
Siehe, da ist ein bisschen Wärme. Verlorenste Erinnerung an damals, als sie sich Kassiber schickten, durch den Kalfaktor, als sie im Duschraum unter dieselbe Brause krochen, als sie sich liebten.
Sie sind da, wieder sind sie beieinander. Sie sehen einander an. Das Leben ist weitergegangen, vieles hat sich verändert, und sie vor allem sind anders geworden. Aber da ist der Duft von damals und die Erinnerung an die nahe Berührung und an die so heiß begehrte, so selten geschehene Erfüllung.
Nein, sie reichen sich heute nicht einmal mehr die Hand. Es ist eben weitergegangen, das Leben. Es ist ein anderer Leib als damals der zwischen den Mauern, ein anderes Begehren als früher. Über die Straßen laufen die Mädchen, und die Röcke wehen um ihre Beine, und sie haben eine Brust. Ach, es ist so schön, es könnte so schön sein …
»Und mit deinem Sparkassenbuch ist auch nichts?«
»Nichts«, sagt Emil Bruhn. »Die haben mich schön angeschissen, die Lumpen. Aber wenn ich je wieder ins Kittchen komme …!«
»Wenn du fertig bist, gehen wir also«, antwortet Kufalt.
Nein, es ist vorbei. Andere Welt, andere Gefährten, du hältst es nicht, du rufst es nicht zurück, aber immer, dort in der Königstraße, hier in der Lerchenstraße, steht das einsame Bett, mit den Grübeleien, den Sorgen, den selbstischen Erfüllungen.
Kann es denn gar nicht anders werden?
9
An der einen Seite des verräucherten Tanzbodens, unter dessen Decke noch die Papierkränze und Lampions der Venezianischen Nacht vom letzten Karneval hingen – an der einen Seite standen die Mädchen, auf der anderen Seite standen die Burschen.
Die Mädchen trugen die kleinen Fähnchen der Fabrikarbeiterinnen, viele Burschen hatten die Mützen auf dem Kopf. Manche waren ohne Jacketts. Wenn sie tanzen wollten, winkten sie dem Mädel zu, und das Mädel kam herüber und trat vor seinen Herrn, der ruhig die Unterhaltung zu Ende führte, ehe er den Arm um seiner Tänzerin Rücken legte und mit ihr losschob.
An einem Tisch saßen Kufalt und Bruhn und tranken ihr Bier. Die anderen Burschen gingen zwischen den Tänzen zur Theke und tranken im Stehen einen Schnaps oder ein Bier. Oder sie tranken auch nichts – wozu hatte man dreißig Pfennig Eintritt bezahlt?! Die Musik lärmte sehr, und die Mädchen sangen alle Schlager mit. Und wenn der Tanz zu Ende war, ließen die Bengels ihre Mädels stehen, wo es gerade war, und gingen von ihnen fort, zu den anderen Bengels.
»Wollen wir nicht irgendwo anders hingehen, wo es netter ist?« fragte Kufalt.
»Aber wo es netter ist, kostet es viel Geld«, sagte Bruhn. »Und Weib ist Weib.«
Kufalt wollte etwas antworten, da sah er sie. Sie war ziemlich groß, mit einem fröhlichen, offenen Gesicht, einem lebendigen Mund und einer Stupsnase.
Vielleicht war ihr Kleid wirklich eine Kleinigkeit hübscher als das der anderen. Aber vielleicht kam es Kufalt auch nur so vor.
»Wer ist die?« fragte er Bruhn plötzlich eifrig und hatte alles Fortgehen vergessen.
Bruhn fand natürlich zuerst nicht die, die Willi meinte, aber dann sagte er: »Ach die, die mach dir bloß ab. Die hat nämlich schon ein Kind.«
»Wieso?« fragte Kufalt verständnislos.
»Na, weil keiner für das Kind zahlen will«, erklärte Bruhn.
»Aber dann gerade«, fing Kufalt an.
»Nein, nein«, sagte Bruhn, »die lässt sich mit keinem Mann mehr ein. Die hat die Neese voll. Die hat so viel Dresche gekriegt von ihrem Vater, dem Glasermeister Harder in der Lütjenstraße, die sieht keinen wieder an.«
»Wenn es so ist«, sagte Kufalt langsam.
Und dann saß er still da und sah sie an. Die Musik schien immer lauter zu werden, und manchmal tanzte sie auch und lachte. Und sie war die Hildegard von dem Glasermeister Harder in der Lütjenstraße. Dem sie heute Nacht wohl ausgebimst war. Und er war der Kufalt aus der Königstraße mit gar keinen Aussichten. Aber mit noch etwas Geld, einem heilen Anzug – und manchmal sah sie ihn auch an.
Wenn die Mädchen weggehen, so kann man hinterhergehen. Und man braucht sich nicht zu genieren, wenn man sich auch lächerlich gemacht hat, weil sie gar nicht richtig weggegangen sind, sondern nur auf die Toilette. Man kann ruhig davorstehen, sich auslachen lassen, die haben es doch alle im Saal kapiert: Der Neue in dem guten blauen Anzug, der mit dem kleinen Seehund aus der Holzwarenfabrik geht, der hat Feuer gefangen. Was schadet es schon? Einmal, einmal muss man tun dürfen, wozu das Herz einen treibt. Fort sind die anderen, und er sieht sie, und sie hat eine Art, sich ins Haar zu fassen, wenn sie tanzt, ihren Kopf gewissermaßen zu stützen beim Tanzen. Und sie hat ein Kind, sie hat schon mit anderen Männern geschlafen. Alles wird leichter sein bei ihr …
Und dann der Kopf, wenn sie ihn senkt über das Glas, und die Haare fallen alle über ihr Gesicht. O geh, flüstert es in ihm, o geh doch schon, dass ich mit dir sprechen kann …
Aber sie tanzt weiter und lacht weiter und schwatzt weiter, und sie sieht ihn gar nicht, denn nun weiß sie, dass er sie sieht.
O geh doch!
Geliebte, einsame Nächte, ihr habt dies möglich gemacht, dass es so sein kann, dass es so kommen kann, wie ein Glück, wie das eine ganz große Glück. Und sie kann nicht nein sagen, und sie wird nicht nein sagen. Und sie mögen lachen über ihn. Nächsten Sonnabend wird er doch mit ihr tanzen, und er wird Arbeit bekommen, und er wird sie heiraten, er wird einen Jungen haben.
Ach, Liese von vor Kurzem, wie anders ist diese Welt!
Das sind die kleinen, schlechtbeleuchteten, schmalen Straßen der Stadt, mit den niedrigen Häusern. Und man fühlt tief den Himmel, fühlt ihn tief und ganz nahe. Und der Wind jagt um die Ecken, und die beiden Mädels da vorn kuscheln sich enger aneinander. Und er geht hinter ihnen her. Einen Schritt hinter ihnen her und hat noch immer nicht ein Wort gesagt. Die Lütjenstraße kommt, und sie schließt die Haustür auf und schwatzt noch einmal mit der Freundin, und er steht dabei, dicht dabei und fleht: O komm doch, komm.
Und die Haustür fällt zu, und das andere Mädchen geht an ihm vorbei und lacht und sagt: »Stiesel!« und geht weiter. Und er steht allein. Und es ist sehr dunkel, und er fürchtet sich vor seinem Zimmer.
Es ist viel später, als er entdeckt, dass ein Hof hinter dem Haus ist und dass die Hoftür nicht verschlossen ist und dass man auf den Hof gehen kann und dass hinter einem Fenster im Erdgeschoss noch Licht brennt.
Und wie es kam, nun gut, einmal hat man Mut. Er kratzte mit dem Fingernagel an der Scheibe, leise, er klopfte lauter. Das Fenster ging auf. Und sie war am Fenster. Und fragte ganz sacht: »Ja?«
»O bitte, du!« sagte Kufalt.
Und das Fenster ging wieder zu, und es wurde dunkel. Und er stand da, in dem fremden Hof, und plötzlich sah er nach oben, in seiner Einsamkeit sah er nach oben. Und er sah die Sterne, und sie gingen so seltsam nahe und bedeutend hervor. Und eine Hand war in der seinen. Und es flüsterte: »Komm.«
Es ist wieder Licht in dem Zimmer, aber es ist nicht ihr Bett, das er sieht. Es ist das Bett des Kindes, und das Kind schläft. Es hat sich zusammengerollt, die Knie hoch hinaufgezogen bis unters Kinn, wie es wohl früher in dem Mutterleib gehockt hat. Und die Wangen sind rosig, und die Haare sind verwuselt über der Stirn …
Beide sehen sie herunter auf das Kind.
Und dann sehen sie einander an.
O liebes, liebstes Gesicht du!
Und er nimmt seine beiden Hände und legt die Fingerspitzen gegen ihre Wangen und führt ihren Kopf seinem Kopf entgegen. Und er meint, ihr Blut raunen zu hören. Und sie sehen sich nahe an, und ihre Lider wehen über die Augen, die braun sind. Und das Gesicht kommt näher und wird ganz groß.
Eben waren noch die Sterne da und die Nacht und das einsame Stehen auf dem Hof. Und nun kann solch ein Mädchengesicht die ganze Welt sein. Mit Bergen und Tälern und den ertrunkenen Seen der Augen …
O du liebes, liebstes Gesicht!
Und ihr Mund ist da. Er ist fest geschlossen. Er gibt nicht nach unter dem Druck seiner Lippen.
Plötzlich entgleitet ihm erst ihre Schulter, dann ihr Gesicht. Das Kind schläft noch immer. Sie stehen da: fremde Welt.
»Geh«, sagt sie bittend und führt ihn an der Hand über den Hof auf die Straße.
Und er geht nach Hause.
So fing es an.








