Kitabı oku: «Hans Fallada – Gesammelte Werke», sayfa 90

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10

Es gab viele Dinge, über die man mit Emil Bruhn nicht sprechen konnte. Im Kittchen schien Gemeinsamkeit geherrscht zu haben – nun, nein, viele Dinge, über die man schweigen musste.

»Wo bist du denn gestern Nacht abgeblieben?«

»Ich war so müde, und es wurde so langweilig …«

»Wohl, weil die Hildegard Harder wegging?«

»Ach die!«

»Und lässt sich von einer wie der Wrunka Kowalska aus der Lederwarenfabrik ›Stiesel‹ sagen?«

»Quatsch«, sagt Kufalt nur. »Alles Quatsch.«

Und als der Bruhn weiter schwieg: »Mit den Pfaffen war es auch nichts. Sie können alle nichts wollen. Da ist das Wohlfahrtsamt, sagen sie. Als wenn ich das nicht wüsste!«

»Nicht einmal bei ihr reingekommen bist du!«

»Ich habe mir was überlegt deinetwegen, Emil«, sagt Kufalt und tut eifrig. »Mit deiner Holzwarenfabrik ist es auf die Dauer nichts. Und ein perfekter Tischler bist du doch …«

»Das bin ich«, muss Emil zugeben. »Wenn man elf Jahre im Kittchen getischlert hat …«

»Wenn du nun deine Gesellenprüfung nachmachtest und gingest zu einem richtigen Meister, nach Kiel oder Hamburg, wo niemand was von dir weiß?«

Bruhn ist wieder mürrisch. »Und das Geld, mein Junge, das Geld für die Prüfung und all die Zeit, wo ich nichts verdiene? Nein, du hast dich gestern schön blamiert vor der ganzen Stadt. Mit dir geh ich so leicht nicht wieder aus!«

Kann man erzählen? Ja, man könnte erzählen, man ist doch schließlich in ihrem Zimmer gewesen, nachts, nach zwölf … Aber das Kinderbett und das nahe liebe Gesicht …

»Wenn ich nun einmal für dich zum Direktor ginge und für dich redete?« fragt Kufalt. »Es ist doch ein Fonds da für die Entlassenen. Und bei dir hat es doch Sinn, du kriegst doch vernünftige Arbeit dadurch.«

»Du drückst es nicht durch«, sagt Emil versöhnter. »Die ganze Beamtenkonferenz wird dagegen sein.«

»Also gehe ich hin«, sagt Kufalt. »Ich hab immer beim Alten ’ne Nummer gehabt. Du wirst schon sehen …!«

Die Nacht ist vergessen und der Freund, mit dem man paradieren wollte und der sich Stiesel nennen ließ, ohne so ’nem Polenweib eine zu kleben, wie sich das gehörte …

»Wenn ich Tischlergesell würde«, sagt Emil träumerisch. »Du hast ja gar keine Ahnung, wie mich diese Arbeit anstinkt. Über acht Jahre bau ich nun schon Fallennester. Jeden Hammerschlag weiß ich. Aber wenn man wieder mal einen Schrank bauen könnte oder einen richtigen Tisch, die Beine anständig verzargt …«

»Werd ich dem Direktor sagen«, erklärt Kufalt. »Aber dauern wird es wohl noch ’ne Weile, bis es bewilligt ist.«

»Ich hab Zeit. Ich kann warten«, sagt Emil.

»Na schön! Also morgen«, sagt Kufalt. »Ich muss sehen, dass ich es mir so einrichte. Ich hab morgen viel zu tun …«

»Was hast du denn zu tun?« fragt Emil. »Du hast doch gar nichts zu tun.«

»Gerade hab ich viel zu tun. Laufen muss ich den ganzen Tag.« Er macht eine Pause und hustet. Er sieht die Straße entlang, es ist Herbstwetter, kalt, windig, nässlich, gegen sechs – immerhin ist es nicht ausgeschlossen, dass die Hildegard Harder einmal auf die Straße kommt.

Nein, sie kommt nicht. Er sagt so nebenhin: »Ich werde wohl von jetzt an meine zehn, zwölf Mark den Tag verdienen.«

»Anschiss«, sagt Bruhn bloß.

»Wieso Anschiss?! Gar nicht Anschiss«, sagt Kufalt empört. »Ich bin heute Mittag bei Freese gewesen …«

»Kenn ich nicht«, sagt Bruhn. »Einen Freese kenn ich nicht. Was sollst du ihm denn im Voraus für die piekfeine Stellung geben?«

»Gar nichts«, bricht Kufalt aus. »Nicht ’nen Pfennig! Erst war so ein Blasser bei mir, Dietrich hieß er. Der wollte ’ne Kaution haben. Na, den habe ich schön reingelegt, ein Viertel von all meinen Einnahmen hat er auch haben wollen. Nachher hat er mir zwanzig Mark gepumpt!«

Kufalt bricht in ein Gelächter aus, und auch Emil lacht mit, trotzdem ihm all das nicht ganz klar vorkommt. Dann muss Kufalt von Dietrich erzählen: »Eine Molle und einen Korn an der Ecke, so dumm, dass er mir mein letztes Geld abnimmt, so doof …«

Und nun lacht auch Emil. »Dem ist das recht, dem Bruder, dem! Und dann bist du hinter seinem Rücken zu dem Herrn Freese gegangen?«

»Bin ich«, sagt Kufalt und ist merkwürdig kurz. »Und ich darf Abonnenten und Anzeigen werben, und von allem kriege ich Geld.«

»O Mensch, o Manning, Manning, Mensch!« jubelt Bruhn. »Und wenn du nun noch zum Direktor gehst, und der Laden klappt auch – dann verdienen wir beide so viel Geld, dass wir in die richtig feinen Lokale zu den richtigen Weibern gehen können, und alle Wrunkas und Hildegards können uns …«

Es war in diesem Augenblick, dass eine Stimme neben ihnen sagte: »Darf ich Sie mal einen Augenblick sprechen?«

Verlegenheit, Stille, Verlegenheit.

Dann sagte zuerst Kufalt: »Vielleicht komme ich heute Abend noch mal bei dir vor, Emil!«

»Schön«, sagte Emil. »Und denk an den Direktor!«

»Wird gemacht!« sagte Kufalt. »Geht in Ordnung, alter Junge!« Und seine Stimme klang unnatürlich frisch. Dann aber gingen die beiden, Hildegard Harder und Willi Kufalt, gegen den dunklen Stadtpark, aus der Stadt hinaus.

11

Kufalt war nicht umsonst so schweigsam über die Unterredung mit Herrn Chefredakteur Freese gewesen. Der »Stadt- und Landbote« mochte ein kleineres Blatt sein als »Der Vaterlandsfreund« – aber ein ebenso großer Mann wie der Herr Scialoja war der Herr Freese sicherlich.

Freilich nichts von Schwierigkeiten, durchgelassen zu werden, nichts von Warten … »Gehen Sie da durch«, sagte ein langer, knochiger, pferdegesichtiger Mann und zeigte auf eine Tür. »Aber gute Stimmung hat er heute nicht.«

Also ging Kufalt durch.

Da sah ein dicker, schwerer, schmuddliger Mann hinter seinem Schreibtisch, einen weißgrauen Walrossbart hatte er, und einen Kneifer, dessen Gläser herabhingen.

Auf der einen Seite vom Schreibtisch sitzt Herr Freese, auf der anderen steht Kufalt. Zwischen beiden auf dem Schreibtisch ist ein Gewusel von Papieren, aber auch Bierflaschen, eine Kognakbuddel, Gläser. Herr Freese sieht grau aus, nur seine Augen sind gerötet und böse.

Er blinzelt nach Kufalt, er macht den Mund auf, als wollte er reden, dann macht er den Mund wieder zu.

»Guten Morgen«, sagt Kufalt, »ich komme auf Veranlassung von Herrn Dietrich.«

Freese krächzt einmal, krächzt zweimal, dann hat er die Kehle so frei, dass man deutlich verstehen kann: »Raus!«

Kufalt überlegt einen Augenblick, er ist ja nicht mehr der Kufalt von damals, als er aus dem Kittchen kam mit der Hoffnung, alles würde schon glattgehen; er weiß, man muss ein bisschen zähe sein, schlucken, eigentlich genau wie im Kittchen – er überlegt also und sagt dann: »Oder eigentlich komme ich gerade gegen den Rat von Herrn Dietrich!«

Er steht und wartet ab, wie das wirkt.

Herr Freese sieht ihn mit seinen kleinen geröteten Augen böse an. Er krächzt wieder, er macht die Kehle frei – dann sieht er nach der Kognakflasche und schüttelt trübe den Kopf, er krächzt noch einmal und sagt langsam: »Junger Mann, Sie sind schlau. Sie sind nicht schlau genug für einen alten Mann.« Plötzlich unterbricht er sich: »Stört der Ofen Sie nicht!«

Kufalt ist verwirrt, er sieht sich um nach dem großen, weißen Kachelofen, der Hitze strahlt, er kann nicht raten, was der andere hören möchte (denn am liebsten sagte er das), so sagt er denn: »Nein, stört mich nicht.«

»Aber mich«, sagt Herr Freese mühsam. »Zu kalt, viel zu kalt. Werfen Sie drei Briketts auf, nein, halt, fünf!«

Eine Kiste steht da mit Briketts, aber nichts, womit die schwarzen Dinger anzufassen – Kufalt sieht sich um, er hat eine Erleuchtung, er nimmt vom Schreibtisch einen Fetzen Papier, ein Manuskript also wohl, damit fasst er die Briketts an, feuert sie in die Glut, hinterher das Papier … Er dreht sich um nach Freese.

»Fuchsschlau«, murmelt der, »fuchsschlau. Doch nicht schlau genug.«

Er sitzt zusammengesunken da und sieht trübe aus, ein alter Mann. Durch das Fenster kommt etwas wie ein Herbstsonnenstrahl über das graue verwüstete Gesicht, die gerötete Stirn, das schändliche Gewusel aus weißen und grauen Haaren.

Schläft er ein? fragt sich Kufalt.

Der andere denkt nicht daran. »Aus dem Kittchen kommen Sie«, sagt er. »Die Gesichtsfarbe kenne ich. Pflegt sich noch die Hände, das Schwein, hofft noch auf anständige Arbeit.«

Er hebt trübe seine eigene Pranke und betrachtet sie, die seit Wochen nicht gewaschen scheint, so grau sieht sie aus.

Freese schüttelt den Kopf, er betrachtet wieder Kufalt, er sagt: »Es hat alles keinen Sinn, Jüngling, alles keinen Sinn. Durch den Stadtpark fließt die Trehne, bei den Lederwerken ist ein guter Hafen, überall ist das Wasser kühl und nass – bei Ihnen hat es noch einen Sinn.«

»Und bei Ihnen?« fragt Kufalt atemlos das Gespenst aus Alkohol und Trübsinn.

»Zu alt«, sagt Freese, »viel zu alt. Wenn man nichts mehr zu erwarten hat, lebt man immer weiter … Sie haben noch was zu erwarten, also Schluss!«

Die beiden sind still.

»Kalt«, sagt der alte Mann und schaudert mit einem Blick auf den Ofen. »Lassen Sie nur, es hilft doch nichts mehr. – Wie kommen Sie zu Dietrich?«

»Er ist bei mir gewesen auf der Wohnung.«

»Und was hat er Ihnen geboten?«

»Alle mögliche Arbeit, ein Viertel der Erträge an ihn.«

»Hat er Sie angepumpt?« fragt Freese.

»Nein«, sagt Kufalt stolz. »Ich hab ihn angepumpt.«

»Wie viel?«

»Zwanzig Emm.«

»Kraft!« schreit der Mann laut. »Kraft!!!«

Die Tür zum Vorderzimmer tut sich auf, und das Pferdegesicht steckt seinen Kopf herein.

»Na?« fragt es.

»Der junge Mann fängt morgen früh bei uns an, Annoncen- und Abonnentenwerben. Der gewöhnliche Satz. Wenn er nicht sechs am Tage schafft, fliegt er. Vorläufig fliegt erst einmal der Dietrich.«

»Aaaber …«, fängt der Kraft an.

»Fliegt der Dietrich, lässt sich anpumpen!« sagt Herr Freese mit Nachdruck. Und dann: »Raus!«

Und Herr Kraft geht wirklich raus.

»Also morgen früh um neun«, sagt Herr Freese. »Aber ich sage Ihnen gleich, es hat keinen Zweck. Sie schaffen nie sechse, und ich schmeiß Sie raus, und dann kommt doch das Wasser …«

Er sitzt da, sicher sieht er es, er sieht es. »Das Wasser«, sagt er. »Grau, kalt, nass. Wasser …«, sagt er. »Nass«, sagt er und schüttelt sich.

Diesmal schenkt er sich einen Kognak ein.

Er schaudert auch beim Trinken.

Dann sagt er klarer: »Und wie ist es mit den zwanzig Mark von Dietrich? Der hat noch Schulden hier. Zahlen Sie die gleich ab.«

»Aaaber …«, fängt Kufalt an.

»Na also«, sagt der alte Mann. »Sie haben noch Angst, wovon Sie die nächsten Tage leben werden – und Sie wollen Abonnenten werben?!!! Guten Morgen.«

»Guten Morgen!« sagt Kufalt und ist schon beinahe bei der Tür. Dann hört er es noch einmal: »Das Wasser«, und sieht das graue aufgeschwemmte Gesicht, das grauweiße Haar, diesen Nickelmann der Schnapsflasche …

»Das Wasser …«, sagt der.

12

»Wie gefällt dir der Junge?« fragte sie.

»Gut. Sehr gut«, sagte er hastig.

»Er heißt Willi. Wilhelm«, sagte sie.

»So heiße ich auch«, sagte er.

»Ja, ich weiß«, sagte sie.

Die Nacht war sehr dunkel. Über dem blattlosen Geäst der Stadtwaldbäume war der Himmel – ohne Sterne – mehr zu ahnen als zu sehen. Sie waren – erst getrennt nebeneinander durch die beleuchteten Straßen, dann eingehängt über die Chaussee, dann sich umfassend im verödeten Stadtwald –, so waren sie bis zu dieser Bank gekommen, um die junge Fichten standen. Der Wind war über ihnen, an den Seiten ferner, sie saßen dicht beieinander, warm.

Er sah ihr Gesicht wie einen hellen Schimmer, die Augenhöhlen ganz dunkel – und es leuchtete aus dieser samtigen Dunkelheit.

»Kinder müssen einen Vater haben«, sagte sie.

»Ich bin auch so lange allein gewesen«, sagte er und lehnte den Kopf gegen ihre Schulter. Es war weich.

Sie zog ihn näher, mit einer Hand gegen ihre Brust. »Und ich erst!« sagte sie. »Wie das mit dem Kind passierte, und alle sahen mich an, und plötzlich war ich ein Dreck, und Vater schlug mich immer, und Mutter heulte ewig bloß …«

Sie versank in Gedanken.

»Ich habe keinen Vater mehr«, sagte er.

»Ach, das wäre viel besser!« rief sie. »Dann könnte ich mir ein Zimmer mieten und für den Jungen arbeiten … Aber so …«

»Warum gehst du denn nicht weg?« fragte er. »Du bist doch mündig.«

»Aber das geht doch nicht«, widersprach sie eifrig. »Wo Vater hier Meister ist, und bis das passierte, war er Obermeister von der Glaserinnung. Wo mich hier alle kennen! Nein, nein, ich muss schon zu Haus bleiben, bis mich mal einer heiratet.«

Eine Weile Stille. Die Hand, die den Kopf an der warmen weichen Brust hält, ist lockerer geworden im Zugriff. Aber dann kommt die andere dazu, beide heben sie den Kopf, nun berühren sich die Lippen, und dieses Mal bleiben die des Mädchens nicht geschlossen. Halb geöffnet ist ihr Mund, die Lippen sind weich, es ist, als schwellten sie unter dem Kuss, als blühten sie auf.

Der Mund von Hilde löst sich einen Augenblick, sie stößt einen Laut aus; Befriedigung, Wasser nach langem Durst – und dann stürzt er gleichsam aus dem Nachthimmel auf den seinen herab, saugt, verlangt, wird immer voller, glühender, zärtlicher …

Nein, kein Wort, keine Anrede, kein Kosename. Zwei Verdurstende, die endlich, endlich trinken. Stilles, endloses Küssen – und dazwischen hinein hört Kufalt den Nachtwind im Walde, ein Ast schabt knarrend an einem anderen, das plötzliche Aufwirbeln von Herbstlaub, eine Autohupe, fern, fern …

Und während Kufalt atemlos trinkt, erfüllt eine grenzenlose Traurigkeit sein Herz: Vorbei, während ich küsse, schon vorbei … Im Anfang Ende. Und: Kinder müssen einen Vater haben … er heißt Willi … bis mich mal einer heiratet … vorbei, im Küssen schon vorbei …

Arme, düstere Erde, die mit der Erfüllung schon die Trauer bringt, Planet, kaum von Sonnenstrahlen durchwärmt, schon von Eiseskälten versteinert … kalte Glut, armer Kufalt …

Und – ach, wie sie sich küssen, nun haben sie schon umeinander die Arme geschlungen, sie atmen hastiger, das Hirn beginnt zu tanzen, das Herz flattert, vor den Augen glimmt es wie aus Asche entflammte Glut – und während sie sich immer verzehrender, begieriger, einwühlender küssen, geht durch Kufalts Kopf böses Denken: Wenn du schlau bist, vielleicht bin ich noch schlauer … wenn du mich fangen willst, vielleicht fange ich dich … Und seine eine Hand gleitet von der Schulter unter den Mantel, über die Bluse, an die Brust, umfasst sie. Und sein Bein bedrängt sie.

Mit einem Ruck reißt sie sich los, sie reißt ihren Leib von seinem los, wie man ein Eisen von einem Magnet losreißt.

Einen Augenblick stehen beide taumelnd. Sie fasst – er ahnt es sogar in der Nacht – nach ihren Haaren, wie sie es gestern auf dem Tanzboden tat.

»Nein«, hört er sie flüstern. »Nie, nie wieder.«

»Ich wollte ja nur …«, sagt er hastig.

»Wenn du das willst«, sagt sie, »dann können wir gleich gehen. Von einem Male habe ich genug.«

Sie schaudert. Sie fasst nach seinem Arm. »Komm. Es wird kalt. Gehen wir noch ein Stück.«

Sie gehen. Nein, übelgenommen hat sie es nicht, aber … Das wird man nie überwinden, denkt Kufalt. Sie hat wirklich genug. Sie hat Angst.

Und laut: »Du musst noch nicht nach Haus? Was sagt denn dein Vater?«

»Vater hat Kegelabend«, sagt sie.

Sie findet im Dunkeln jeden Weg. Der Stadtwald ist nicht klein, aber sie weiß jeden Weg. »Links müssen wir hinein, dort, wo es ganz schwarz aussieht. Dann kommen wir zum Rindenhäuschen.«

Wie oft muss sie hier, denkt Kufalt, mit dem anderen gegangen sein. Oder mit den anderen. Denn es gibt keinen Vater, keinen, der für das Kind zahlt. Und ich muss ausgerechnet kommen, wenn sie nicht mehr will. Immer habe ich Pech.

»Der kleine Dicke, mit dem du warst, im Rendsburger Hof – ist das dein Freund?«

»Der Bruhn? Ja«, sagt Kufalt, »das ist mein Freund.«

»Vor dem nimm dich man in acht, ich hab gehört, das soll ein Raubmörder sein.«

»Raubmörder …«, sagt Kufalt böse. »Was weißt du von Raubmörder? Ein feiner Junge ist das.«

»Aber im Kittchen hat er schon gesessen«, sagt sie. »Ich weiß das sicher.«

»Na, und wennschon«, versucht Kufalt. »Findest du das schlimm?«

»Das ist Geschmacksache«, erklärt sie. »Ich möchte keinen solchen. Auch keinen Arbeitslosen. Denke, vom Stempelgeld leben und den ganzen Tag den Mann im Haus! Solche könnte ich einen Haufen haben. Ich könnte immer noch eine Menge haben.«

»Ja«, sagt Kufalt.

Ihm ist, als wiche sie immer weiter von ihm zurück; es war so gut mit ihr, da sie noch schwiegen, jetzt, da sie reden, entfernen sie sich voneinander.

»Ja«, sagt er bloß.

»Wo arbeitest du?« fragt sie. »Bist du auf einem Büro, oder bist du Verkäufer?«

»Nein, auf der Zeitung«, sagt er.

»O fein!« ruft sie. »Da kriegst du sicher viel Kinobilletts. Können wir bald mal ins Kino?«

»Ich weiß nicht«, sagt er unschlüssig. »Ich muss erst mal sehen, wie es passt. Da sind noch mehr bei uns auf dem ›Stadt- und Landboten‹.«

»So, du bist auf dem ›Boten‹«, sagt sie etwas enttäuscht. »Ich dachte, du wärst auf dem ›Freund‹. Wir lesen immer den ›Freund‹. Der ›Freund‹ ist doch viel besser!«

»Wo ihr den ›Boten‹ gar nicht lest?«

»Doch, lesen tun wir ihn schon. Aber wir sind eben an den ›Freund‹ gewöhnt. – Vielleicht ist auch der ›Bote‹ besser geworden«, sagt sie einlenkend. »Ich weiß es ja nicht, wir sehen den ›Boten‹ immer nur flüchtig. – Komm, da ist das Rindenhäuschen. Drin ist es vielleicht wärmer.«

»Nein«, sagt er. »Ich möchte jetzt nach Haus.«

»O Gott, nun bist du böse!« ruft sie bestürzt. »Weil ich das vom ›Boten‹ gesagt habe? Ich will nie wieder was gegen den ›Boten‹ sagen, bestimmt nicht!«

»Nein, ich bin müde. Ich will jetzt nach Haus«, sagt er.

Sie stehen einander gegenüber. Auf der Lichtung, die der schmale Rindentempel ziert, ist es etwas heller. Er sieht ihr Gesicht, die Hände heben sich bittend auf die Höhe der Brust.

»O Willi«, sagt sie und nennt ihn zum ersten Mal beim Vornamen. »Sei mir doch nicht bös. Bitte, komm.«

»Ich bin gar nicht bös«, sagt er, und seine Stimme klingt sehr verärgert. »Aber ich bin wirklich müde und muss schnell ins Bett. Ich habe morgen viel zu tun.«

Ihre Hände sinken herunter, sie schweigt einen Augenblick.

»Also geh«, sagt sie dann tonlos. »Geh.«

Er wendet sich zögernd, er murmelt ein »Gute Nacht«.

»Gute Nacht«, sagt auch sie leise.

Und dann: »Gib mir noch einen Kuss, Willi, bitte.«

Er dreht sich um nach ihr. Er geht einen Schritt auf sie zu.

Und plötzlich umfasst er sie. O Gott, es ist ja die Frau, die Frau, die Frau, nach der ich seit Jahren mich gesehnt, es ist das vermisste Glück, die ewig ausgebliebene Erfüllung … Frau, Weib, Brust … es ist das Glück, es ist das Glück, es ist das große, große Glück … Müde zurück ins Zimmer, ins einsame Bett …

Und er fällt hinab auf sie mit dem Sturm aller seiner Küsse. Er betäubt sie mit dem Sturzbach seiner Berührungen, er ist hier, da, dort. Er stammelt Worte dazwischen, abgerissene, sinnlose Worte. »O du, dass ich dich wiederhabe … ach, du bist mein … wie ich dich liebhabe …!«

Sie taumeln. Das Rindenhäuschen kommt näher, eine Tür knarrt. Es ist sehr dunkel darin und eine modrige Kälte, voll des Geruchs von faulendem Holz …

Es ist stiller. Das hastige Atmen ist ruhiger geworden und ruhig. Hilde weint leise vor sich hin. Er liegt mit dem Kopf auf ihrem Schoß, sie streichelt sein Haar, aber ein anderes Haar ist es wohl, an das sie denkt: seidigeres, helleres, jüngeres.

In seinem Bettchen, anderthalb Kilometer ab, schläft der kleine Willi. Sie kann zu ihm, aber wird sie bei ihm bleiben können? Nie, nie wieder, hat sie gesagt, und so ist es auch jetzt noch.

»Weine doch nicht mehr«, bittet er. »Es ist bestimmt nichts passiert.«

Sie weint.

Und dann flüstert sie: »Hast du mich denn wenigstens ein bisschen gerne, Willi? Sage es doch, bitte!«

13

Er hat es gesagt und hat gedacht: Sagen kann man viel. Und sie hat es geglaubt oder hat es nicht geglaubt. Und dann haben sie sich getrennt. Im Licht einer Laterne, ihr Gesicht war verweint.

Sagen kann man viel.

Aber nun liegt er allein in seinem Bett; siehst du, es ist gut, allein in seinem Bett zu liegen zwischen den kühlen glatten Laken, ohne fremde Wärme. Er liegt allein im Bett, das Zimmer ist nicht ganz dunkel, eine Straßenlampe wirft Licht gegen die Wand, dahin sieht er.

Sagen kann man viel. Und: Sie hat mich reinlegen wollen, nun habe ich sie reingelegt.

Er macht die Augen zu, jetzt ist es dunkel. Aber in der endlosen Tiefe der Dunkelheit erscheint ein kleines helles Bild: Hildegard von gestern Nacht am Bett des Kindes. Sie hat sich darübergebeugt – und auch heute Nacht im Rindenhaus hat sie eine Bewegung gehabt … Nein, sie ist nicht nur Abwehr, nicht nur Verzweiflung und Weinen gewesen, sie war auch bei ihm, einen kurzen Moment hat sie ihn in ihre Arme genommen, ihn, ihn, Willi Kufalt, auch sie hat ihn gewollt – einen kurzen Moment.

Eine schnelle Sekunde voll Zärtlichkeit, ein hastigerer, seligerer Atem, ein Seufzer vom Glück …

Ich muss sie wiedersehen, und ich muss anders zu ihr sein. Viel netter. Sie hat es doch nicht schlimm gemeint. Und das Kind? Grade wegen des Kindes! Sie hat recht, Kinder müssen einen Vater haben (wie es da schlief, so verwuselt und zusammengekrochen!), und sie hat grade recht, wenn sie versucht, einen Vater zu kriegen. Warum soll ich sie nicht heiraten? Vielleicht wird es wirklich was mit der Zeitung, vielleicht verdiene ich richtig Geld … Und wenn wir später einmal verheiratet sind, erzähle ich ihr, dass ich vorbestraft bin … Alles kann noch gut werden …

Und er lächelt ein wenig. Er denkt an ihre Bewegung, als sie ihn im Glück fester in die Arme zog. Wann war ihm das geschehen?

Nein, er war nicht ganz schlecht, Reste waren noch da von früher, er kam aus einer Umwelt der Eigensucht, rücksichtslosen Selbstbehauptens, von Schmutz … Aber nur ein wenig Zärtlichkeit, ein wenig Vertrauen und Liebe, und es regte sich unter dem Geröll, nicht alles war verschüttet …

»Liebe Hilde«, flüstert er. »Liebste Hilde.«

Es stimmt noch nicht ganz, aber beinahe konnte es schon stimmen. –

Am nächsten Morgen dann stört er im Goldwarengeschäft von Linsing kurz nach acht Uhr morgens beim Reinemachen: Er kauft eine goldene Damenarmbanduhr für siebenundsechzig Mark.

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