Kitabı oku: «Flüchtige Verstrickungen», sayfa 5

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An diesem spätherbstlichen Oktobertag war das Lindencafe noch wie ausgestorben, die leeren Cafehaustische dämmerten in den Nachmittag hinein, die verwaisten Stühle lauerten auf ihre Stammgäste. Sehnsüchtig auf Gitti wartend, hockte ich neben meinem Freund Chris in der Stammnische des Cafes und döste gelangweilt vor mich hin. Von außen betrachtet mussten wir beide den Vorbeieilenden wie lässig dekorierte Schaufensterpuppen eines Warenhauses vorgekommen sein, die man in die gähnende Leere des Raumes hinein drapiert hatte.

Ich hatte mich so gesetzt, dass ich durch die großen Schaufensterscheiben genau registrieren konnte, wer draußen vorbei ging. Chris hingegen hielt seine langen Beine weit von sich gestreckt, war intensiv mit seinem Notizkalender beschäftigt, und krakelte unentwegt irgendwelche Worte in das zierliche, etwas abgegriffene Büchlein. Aus den Augenwinkeln heraus konnte ich dabei genau beobachten, wie sich seine nicht minder langen Finger zusammenzogen, nach vorn streckten, sich wieder auftürmten, wie die Fangarme einer Spinne auseinanderspreizten, um sich danach sehr entschlossen zur Faust zusammenzuballen.

Obwohl ich das Spiel seiner Hände zuerst nicht bewusst sondern eher beiläufig wahrnahm, wurde ich durch den überlangen Fingernagel seines rechten Daumens nicht nur von meinen nach innen gerichteten Betrachtungen etwas abgelenkt, sondern verlor auch nach und nach das Interesse, das Geschehen vor dem Cafe bewusst wahrzunehmen, so sehr nahm mich sein agierender Daumen gefangen. Dieses eckig gefeilte Horngebilde war schließlich zu allen Zeiten sein wichtigstes Werkzeug beim Gitarre spielen, und für ihn unverzichtbar gewesen. Jedes mal wenn ich mich aus meiner etwas schläfrigen Beobachterposition zu ihm eindrehte, blieb mein Blick fasziniert auf seinem Fingernagel hängen, und meine Gedanken entflohen zurück in die Stadt Werder, hin zu den gemeinsam durchlebten Internatstagen.

Das kleine Havelstädtchen war noch vor wenigen Jahren unser gemeinsames Tor zur Freiheit gewesen, deshalb blieben unsere Erlebnisse unvergessen und die Auftritte meines Freundes legendär. Weit über die Pforten unseres Internates hinaus galt Chris seinerzeit als der ungekrönte König des Rock`n Roll. Wenn er den Elvis oder den Peter Kraus gab, war das stets aufs Neue eine grandiose Show, die mit Nichts und Niemanden zu überbieten war. Bei seinen Soloauftritten lag ihm nicht nur der große Schwarm der überzähligen weiblichen Heimbewohner zu Füßen, auch alle Jungs und Mädchen aus der weitläufigen Umgebung strömten in Scharen auf das Internat zu. Dicht gedrängt versammelten sie sich unter dem Fenster unseres Wohnheims, um ihr Recht auf populäre Musik von ihm einzufordern. Wenn er auf der Fensterbank des oberen Stockwerkes saß, die Gitarre lässig auf den linken Oberschenkel gestützt, war seine Elvis Interpretation einfach beispiellos. Das Röhren und Schluchzen meines Freundes, besonders bei dem Elvistitel Thats Allright Mama, drang bis in den letzten Winkel der verträumten Gässchen des alten Obststädtchens. Abend für Abend, und mit jedem seiner beispiellosen Gitarrensolos, wurde seine Fangemeinde größer, die vorwiegend aus Teenagern und Halbstarken der damaligen Jugendszene Werders bestand. Auf dem alten Kopfsteinpflaster vor dem Internatsgebäude konnte man bisweilen ganze Cliquen ausmachen, die alles dafür gaben, um den Klängen des oben im Fenster sitzenden Rocktroubadours zuhören zu können.

Wenn ich jetzt hier träge vor mich hinträumend im Cafe saß, und mit starrem Blick die eleganten Bewegungen der Hand meines Freundes verfolgte, seinen überlangen Daumen bewunderte, erinnerte ich mich auf einmal an eine ganz bestimmte Halbstarkengruppe, die häufig unter unserem Internatsfenster anzutreffen war. Unvergesslich ist für mich auch ein besonders hervorstechendes Gesicht aus dieser Gruppe geblieben, das sich bis heute in meinem Gedächtnis fest eingeprägt hat, obwohl es keins der hysterisch kreischenden Mädchengesichter, sondern das Gesicht eines halbstarken Jungen war. Für jeden unübersehbar gab er in vorderster Reihe äußerst dominant das Alpha Männchen.

Auf seiner gedrungenen Gestalt präsentierte sich dem Betrachter ein kurzer breiter Nacken, dem sich ein voluminöser quadratischer Schädel anschloss. Das nicht gerade symphatische Gesicht dieses Jungen fand in den aufgeworfenen Lippen und in dem leicht schielenden Blick seine misslungene Vollendung. Das Bemerkenswerte an ihm aber war, über diese hervorstechenden Merkmale hinaus, bildete seine aufgetürmte Schmalzlocke und das zur Ente gekämmte Nackenhaar durchaus ein zeitgemäßes Kontrastprogramm. Trotzdem war sein gesamter Habitus für uns alle einfach zum Fürchten. Besonders unsere Handvoll männlicher Fotografen hatte erhebliche Angst vor ihm, war er doch im kleinen Havelstädtchen einer der Größten unter den von uns allen gefürchteten Schlägern, der uns schwachbrüstigen Internatsjungen bei jeder Gelegenheit Prügel angedroht hatte.

Die Ursache für diese Bedrohung war ausnahmslos in der Überzahl der weiblichen Heimbewohner zu suchen, über die, so sahen es jedenfalls unsere Rivalen, unsere unterentwickelte männliche Zehnergruppe die alleinige Vormachtstellung einzunehmen schien. Auch wenn dies nur den Schein erweckte, befanden wir uns ob dieser Unterstellung ständig vor dieser Clique und ihrem Silberrückenmännchen in Gefahr.

Einzig und allein Chris war es zu verdanken, diesen Teufelskreis durch seine wachsende Fangemeinde peu a peu langsam zu durchbrechen. Seinen einschmeichelnden und betörenden Gesängen konnten selbst die hart gesottenen Rocker nicht mehr länger widerstehen, und so zerbröselte auch letztlich jeglicher Groll und Neid bei der von uns gefürchteten Schlägerbande.

Eines Tages, für uns alle völlig verblüffend, bot uns das Alphatier nicht nur den Waffenstillstand, sondern sogar seine starke beschützende Hand an. Von nun an stand unser kleines Häufchen angehender Männer fest unter dem Schutz des Silberrückens und keine der konkurrierenden Banden des Städtchens konnte uns mehr etwas anhaben.

Allabendlich, wenn sich die Nacht leise über das kleine Havelstädtchen senkte, hockte unser Provinztroubadour im Fenster des ersten Stockwerkes und spielte sich laut röhrend in alle Herzen. Selbst die Härtesten unter den halbwüchsigen männlichen Rockern wurden weich wie Butter und ließen sich von seinem Schmalz einwickeln, ja sogar besänftigen.

Schon damals ersetzte der auf Länge präparierte Daumennagel grandios das zum Schlagen der Saiten erforderliche Hornblättchen. Mit diesem ungewöhnlichen Daumen hatte er jeden Akkord fest im Griff, schlug und liebkoste die Seiten gleichermaßen, wie immer es der Sound gerade erforderte. Wie die Beine eines Tänzers glitten seine langen Finger über den Steg seiner Gitarre, vollzogen dabei wahre Kunststücke. Und ausnahmslos der verlängerte Nagel war es, der seinem Instrument diesen ganz individuellen rhythmischen Klang entlockte.

Selbst nach dieser langen Zeit übte der Fingernagel von Chris hier im Cafe noch die gleiche Faszination wie damals auf mich aus. Die Haltung seiner grazilen Hand, und besonders die eigenwillige Art wie sie über das Notizbuch glitt, konnte einfach von Niemand kopiert werden. Wie hypnotisiert starrte ich jetzt auf die langen Finger, die den Kugelschreiber geradezu spielerisch umschlossen hielten, indes sich sein langer Daumennagel, ähnlich dem Beine überschlagen, ganz leger über den Zeigefinger gelegt hatte. Ich konnte meinen Blick einfach nicht abwenden und musste unwillkürlich über dieses seltsam geformte Gebilde schmunzeln.

So versonnen auf die Hand von Chris schauend hatte ich erst gar nicht bemerkt, dass inzwischen ein weibliches Wesen zur Tür hereingeschneit war, welches zielgerichtet auf unseren Tisch zusteuerte. Aufgeschreckt vom zügigen Heranrauschen, löste ich mich ganz schnell von meiner innigen Daumennagelbetrachtung, und als ich aufsah, stand vor mir putzmunter nicht Gitti, auf die ich ja die ganze Zeit schon gewartet hatte, sondern Elvira und strahlte über das ganze Gesicht.

Meine dösende Spätherbststimmung war auf einmal wie weggeblasen. Voller Freude sprang ich vom Stuhl auf, umarmte sie innig und küsste sie zärtlich auf die Stirn, die in sanfter Wölbung am streng nach hinten gekämmten Haaransatz auslief. Elviras Begrüßung war geradezu leidenschaftlich, sie klammerte sich förmlich an mich und erinnerte mich mit einem lang anhaltenden Kuss daran, dass es sie noch gab, dass sie wohl ein wichtiges Puzzleteil in meinem ganzen bisherigen Leben war. Es dauerte auch eine geraume Zeit bis sie ihren Liebesbeweis ausladend und mit großem Nachdruck zelebriert hatte, und ich ließ sie gewähren. Erst als sie sich sicher war, dass auch mein Freund von der Nachhaltigkeit unserer Liebe überzeugt schien, ließ sie wieder von mir ab und kreiste hibbelig um unseren Tisch herum, hüpfte genau zwischen uns und klemmte sich mit einer Pobacke auf meine Stuhlecke. Während sie meinem Freund einen flüchtigen Kuss auf die Wange drückte, begann sie schon ohne Unterlass munter auf mich loszuplappern.

So war sie, alles an ihr war mir plötzlich wieder vertraut, ihr Habitus entsprach auch heute in allen Details voll ihrem Naturell. Sie nahm mich einfach gefangen, war ganz einfach ein süßer lebhafter Fratz, übersprudelnd vor Temperament, und was ich besonders schätzte: Mit ihr war es einfach nie langweilig.

Kennen gelernt hatte ich Elvira ja bereits vor gut einem Jahr, zwei Tage vor dem Mauerbau, konnte sie als quirlige Bardame in der Potsdamer Milchbar bewundern, und hatte mich schon damals sofort in sie verknallt. In der Folgezeit gab es sporadisch hin und wieder ein Treffen im Cafe, aber in der letzten Zeit hatte ich sie durch die Turbulenzen der zurückliegenden Ereignisse wieder etwas aus den Augen verloren. Trotzdem war stets etwas Verbindendes zwischen uns geblieben, wir hatten einfach zueinander gefunden und aus der anfänglichen Freundschaft war ganz allmählich eine tiefe Zuneigung entstanden. Bis vor kurzem war sie noch verheiratet, lebte jetzt in Scheidung, war Mutter und hatte einen dreijährigen Sohn, mit dem sie sich eine kleine Zweizimmerwohnung teilte.

Auch heute war unser Zusammentreffen hier im Cafe nicht geplant, fand eher zufällig statt, obwohl der Zufall meist Montag hieß. Der Job in der Milchbar, ihre Mutterpflichten, hier und da auch der Ärger mit ihrem Exmann, all das schränkte ihren Freiraum erheblich ein. Manchmal begleitete ich sie nach einem langen Lindencafeabend in ihre Wohnung, suchte für den Rest der Nacht in ihren Armen das Gefühl von Wärme und Geborgenheit, und erspürte durch ihre Nähe den liebenden Menschen. Meine Wohnung im Grenzgebiet hat sie nie kennen gelernt. Elviras zu Hause war für mich die einzige Möglichkeit mit ihr ganz allein in Amors Reich zu entfliehen, die wenigen Momente des kleinen Glücks wahrzunehmen, sich vom bedrückenden Alltag für Sekunden lösen zu können.

Im ersten Jahr nach dem Mauerbau war es für mich nahezu unmöglich fremde Personen ohne Passierschein in mein vergittertes Liebesnest zu entführen. Erst viel später, als mir einige Wachposten vertrauter wurden, gelang es mir, die eine oder andere weibliche Besucherin, oder manchmal auch Freunde, in meine verlorene Grenzvilla einzuschleusen.

Umso mehr ich mich freute, dass Elvira jetzt aus heiterem Himmel hereingeschneit war, umso weniger konnte ich meine angespannte innere Nervosität unterdrücken, denn eigentlich war ich ja heute mit Gitti verabredet. Schon allein der Gedanke, was machst du, wie verhältst du dich, wenn sie jetzt wie verabredet zur Tür hereinkommt, beunruhigte mich zutiefst und würde meine freudige Euphorie schlagartig wieder in ängstliche Schuldgefühle umwandeln.

Mein 19. Geburtstag lag über ein Jahr zurück und mein Verhältnis zu Gitti hatte sich über diesen langen Zeitraum hinweg mehr als intensiviert, wir waren einfach vertrauter geworden, mehr noch, wir glaubten uns wirklich zu lieben, taten alles, um uns so oft wie möglich zu sehen. Wenn ihre Freizeit, und manchmal auch die Durchlässigkeit der Grenze es zuließen, besuchte sie mich am Ort unserer ersten Berührung. Für uns beide war es eine Zeit im Schwebezustand, losgelöst von allen Fesseln und Hindernissen, die Gittis junges Leben damals erheblich eingeengt haben. Für sie war unser heimliches Zusammentreffen eine Nische, ein Zufluchtsort in dem sie ihre bedrückenden Eheprobleme einfach fallen lassen konnte.

Auch aus meiner Sicht war es nicht allein die neue Eroberung, das neue verliebt sein oder gar eine neue erotische Erfahrung, sondern vielmehr das Einlassen auf eine Beziehung, in der Nehmen und Geben ganz selbstverständlich waren.

Seit dem Mauerbau vor gut einem Jahr, mussten wir uns ausnahmslos im Lindencafe treffen, und es ist mir auch nur sehr selten gelungen, sie heimlich als so genannte unbefugte Person in mein stilles Reich einzuschleusen.

Heute war wieder einmal so ein Tag, an dem wir uns unbedingt hatten sehen wollen, an dem ich mit Gitti aus dem Cafe in mein kleines bewachtes Reich fliehen wollte. Aber sie kam nicht, dafür war Elvira gekommen, und es sollte auch den ganzen Abend über so bleiben. Offensichtlich gab es in Gittis Umfeld größere Probleme, die sie massiv am Kommen hinderten, ob es mit ihrem Mann zusammenhing, ob es andere Gründe waren, ich wusste es einfach nicht. Obwohl sich der Abend unendlich dehnte, sogar bis in die tiefe Nacht hineinzog, Gitti tauchte nicht mehr auf, es kam auch keine erklärende Nachricht, keine freudige Botschaft, auch kein anders geartetes Lebenszeichen.

Mit der voranschreitenden Zeit legte sich nach und nach auch meine ängstliche Nervosität. Die vorsorgliche Entschuldigung, die ich mir Elvira gegenüber zurechtgelegt hatte, brauchte ich fortan nicht mehr.

Seit jenem Abend haben sich Gittis Spuren im Nichts verloren. Es gab keinen schmerzlichen Abschied, keinerlei Erklärungen, auch keine Briefe. Ich habe sie seitdem nie wieder gesehen.

Elviras Liebe ist mir geblieben.

6

Während die ersten nasskalten Novembertage unmissverständlich den bevorstehenden Winter ankündigten, rekelte ich mich wohlig warm in meiner Kaffeehausnische. Auf Achim wartend, genussvoll einen heißen Kaffee schlürfend, beobachtete ich die hinter dem Tresen gelangweilt Gläser polierende Lilo. Das Lindencafe gähnte vor Leere. Draußen zog die Dämmerung bereits ihren grauen Schleier durch die Straßen, obwohl es gerade mal sechzehn Uhr war. In einer guten Stunde würde Achim hier sein, falls er keine Überstunden machen musste, denn für einen Entwicklungsingenieur im Karl-Marx Werk Babelsberg konnte schon mal die eine oder andere Sonderschicht anfallen.

An seinem Reißbrett war Achim Mitgestalter am seinerzeit größten Diesellok Projekt, welches die kleine DDR jemals gebaut hat. Deshalb betonte er auch bei jeder Gelegenheit, maßgeblich an der Konstruktion der legendären V 180 beteiligt zu sein und berichtete nicht ohne Stolz allen Freunden von seinem kreativen Schaffensprozess an diesem einmaligen Prestigeobjekt. Mit sichtbar geschwellter Brust und weit ausladender Gestik machte er allen Freunden unmissverständlich klar, wie groß doch sein persönlicher Anteil am Gelingen dieses Vorhabens sei. Die gesamte Lindencafebesatzung hatte keinerlei Zweifel mehr, war der festen Überzeugung, ohne Achim wäre die Lok nie gebaut worden.

Es war an einem der vorangegangenen dämmrigen Novemberabende gewesen, wo ich ihn das erste Mal hier im Cafe gesehen, und seinen mit sehr viel Enthusiasmus vorgetragenen Schilderungen interessiert zugehört hatte. An diesem Abend war ich von seiner Erzählweise ungeheuer beeindruckt, seine Rhetorik war zwanghaft einnehmend und geradezu von einem intelligenten Wortschatz durchdrungen. Obwohl er nicht gerade von großer Gestalt, sondern eher untersetzt war, konnte er eine kräftige Figur und breite Schultern vorweisen. Auf seinem kantigen Gesicht vereinigte sich der schwarze Vollbart mit dem lockigen schwarzen Haupthaar zu einem wahrhaft gelungenen Ensemble.

Geradezu auffällig war darüber hinaus sein Bemühen, stets korrekt gekleidet zu sein, er hatte eine große Vorliebe für Anzüge. Für die damalige Zeit und besonders im Umfeld des Lindencafes war dies nicht gerade selbstverständlich. Aber irgendwie passte das gesamte Outfit zur dieser ganz individuellen Persönlichkeit, es machte ihn schlicht sympathisch, zumal er auch über eine sehr eigenwillige, schöngeistige Intelligenz verfügte. Selbst die kaum lösbaren, komplizierten Situationen schlichtete er in seiner moderaten Art mit der ihm eigenen Leichtigkeit. Er war einfach ausgesprochen anpassungsfähig und überzeugte im Freundeskreis in jeder kniffligen Situation durch sein ausgleichendes Wesen. In der versammelten Cafehausrunde empfand ich seine Gegenwart als besonders angenehm, weil ich mit ihm bei so einigen heftigen Diskursen stets eine niveauvolle Streitkultur pflegen konnte. In vielen endlosen Nächten entdeckten wir eine Menge Gemeinsamkeiten, irgendwie hatte ich einen Freund dazu gewonnen.

Als Achim an diesem Abend endlich mit einiger Verspätung das Cafe betrat, waren die meisten Stammgäste schon zum Rotwein übergegangen, und wie an jedem ganz gewöhnlichen Abend waren sie gerade dabei, in lautstarken Diskussionen die Welt verändern zu wollen. Aus der Nische meiner Stammecke heraus konnte ich mit zusammengekniffenen Augen sehr genau den fulminanten Auftritt meines Freundes verfolgen, der auch für jeden anderen Beobachter schon etwas Aristokratisches hatte.

Der Jahreszeit angepasst trug er einen anthrazitfarbenen, kurzen Flanellmantel und schritt, betont lässig eine Hand in der Seitentasche seines Zweireihers, von Tisch zu Tisch, um alle Freunde gebührend begrüßen zu können. Erst als er dieses ausgiebige Zeremoniell hinter sich gebracht hatte, tauchte er plötzlich, wie ein Asthmatiker nach Luft ringend, vor meinem Tisch auf. Ich erschrak dermaßen, glaubte ihm sei etwas Schlimmes passiert, denn einen solchen Auftritt hatte ich von ihm noch nie erlebt. Selbst der schwarze Rauschebart konnte sein hochrotes Gesicht nicht verbergen, die Zornesader über den Schläfen war angeschwollen, und sein Schnauben brachte sogar die gekräuselten Barthaare über dem atemlosen Mund in eine bedrohliche Steillage. Geradezu hektisch zog er seinen maßgeschneiderten Mantel aus, versuchte ihn mit zittriger Hand sorgfältig über die Stuhlkante zu legen, vergaß sogar mir die Hand zu geben und sackte nach Worte ringend, völlig erschöpft mir gegenüber auf den Stuhl.

„Du glaubst gar nicht, was ich gerade erfahren habe,“ prustete es aus seinem Vollbart. „Morgen Vormittag findet im Kulturhaus der Eisenbahner ein Volksgerichtsprozess statt,“ fügte er erneut nach Luft schnappend hinzu.

„Schorschi, da müssen wir unbedingt hin, es soll irgendwie um Westfernsehen gehen,“ schob er hastig hinterher und wusste sogar, dass man den Prozessverlauf über Lautsprecher für die draußen versammelte Bevölkerung übertragen wollte. Sollte mich dieses Spektakel genauso interessieren und ich sei bereit mitzukommen, würde er sich extra dafür frei nehmen und wir könnten gemeinsam mit unseren Freunden lautstark unseren Protest bekunden.

Ohne lange zu überlegen stimmte ich diesem Vorhaben sofort zu, und wie bei einem Geheimabkommen verabredeten wir uns für den morgigen Tag um zehn Uhr gleich hier vor dem Cafe. Die Unruhe meines Freundes war inzwischen auch auf mich übergesprungen. Wie von einer Wespe gestochen sprang ich von meinem Stuhl auf und zottelte Achim wie einen Spielball vor mich her schubsend von Tisch zu Tisch, um die gesamte Cafehausbesatzung über das morgen anstehende Großereignis zu informieren. Die langen Gesichter meiner Freunde werde ich nicht vergessen, die Schockwirkung war ihnen anzusehen, trotzdem erklärten alle einstimmig ihre Bereitschaft mitzukommen, schon allein deshalb, um den dort versammelten Menschen eine moralische Stütze zu sein.

Ein eklig grauer und feuchtkalter Morgen stimmte mich am darauf folgenden Tag auf den bevorstehenden Volksprozess ein. Als ich kurz nach zehn Uhr mit Achim auf dem Platz vor dem Kulturhaus der Eisenbahner auftauchte, staunten wir nicht schlecht: Außer unseren Freunden war eine beachtliche Menschenmenge vor dem aus den fünfziger Jahren stammenden Kulturpalast versammelt. Unterdrücktes Murmeln brodelte über dem Platz, aus dem die leichten Nebelschwaden wie aus einem Dampfkessel gerade nach oben steigend in den grauen Morgenhimmel entwichen. Aufgeregt und dicht gedrängt wartete das hier versammelte Volk auf den Beginn dieses absurden Prozesses. Aus dem gedämpften Stimmengewirr heraus konnte man unüberhörbar die Aufregung spüren. Vereinzelt durchstachen wild gestikulierende Arme das ineinander verflochtene Menschenknäuel, verwandelten es in eine wabernde Masse.

Meine klaustrophobische Veranlagung ließ bei diesem Anblick all meinen kämpferischen Mut auf ein Minimum zusammenschrumpfen. Ich sah Achim an und hatte den Eindruck, dass ihn ähnliche Gefühle plagen mussten, dass er befürchtete, sein oppositioneller Kampfgeist könne von einer Welle des proletarischen Volkszorns überrollt werden. Achim, der sonst so großmäulige kämpferische Haudegen signalisierte mir jetzt unmissverständlich, in die Defensive gehen zu wollen. Das kampflustige Funkeln in seinen braunen Hundeaugen war auf einmal schlagartig verschwunden, hatte sich ängstlich in die dunklen Augenhöhlen meines Freundes zurückgezogen. Uns beiden saß die Angst jetzt uneingeschränkt im Nacken, der Grund weshalb wir mit gebührendem Abstand in der hintersten Reihe Posten bezogen und so Aufstellung nahmen, dass wir im Ernstfall, sollte es richtig gefährlich werden, schnell das Weite suchen konnten.

In das Volksgemurmel hinein mischte sich plötzlich ein geräuschvolles Knacken, das aus den beiden vor dem vor dem Palast aufgestellten Lautsprechern kam. Die abgehackten Geräusche ließen erahnen, dass sich drin anscheinend etwas bewegen musste, dass es jetzt bestimmt bald losgehen würde. Mit dieser Vermutung schienen wir auch richtig zu liegen, denn eine schroffe Stimme verkündete sehr resolut den Prozeßbeginn und bat energisch um Ruhe.

Die andere Stimme, die schon nach kurzer Pause folgte, und bissig durch den blechern klingenden Lautsprecher tönte, übertraf den Vorgänger um ein Vielfaches an Sarkasmus. Das vorgetragene Plädoyer, das jetzt in schneidender Tonlage auf meine Ohren herunterprasselte, wirkte auf mich wie eine schlechte Kopie aus den Prozessen des Volksgerichtshofes der Nazis aus den dreißiger Jahren. Fast glaubte ich eine Bandaufnahme aus dieser dunklen Zeit zu hören, sosehr glich die knarrende, deutlich an Freisler erinnernde Stimme ihrem Original. Den Wortlaut den diese anklagende Stimme in der Folge dem hohen Gericht des Volkes und damit auch den draußen versammelten Werktätigen vortrug, ließ Achim und mir fast das Blut in den Adern stocken:

Die Beschuldigten hätten sich durch unerlaubtes Westfernsehen, und darüber hinaus durch dessen Verbreitung der Volksverhetzung schuldig gemacht. Eindeutiges Beweismittel – die Positionierung der Antennenanlage auf den Dächern ihrer Wohnhäuser.

Ich war wie gelähmt, eine solche Anschuldigung wollte einfach nicht in meinen Kopf gehen. Viele Menschen im Berliner Raum hatten ihre Antennen so ausgerichtet, dass sie außer dem DDR Fernsehen auch ARD und ZDF empfangen konnten, eigentlich für die Leute im Berliner Umfeld eine Selbstverständlichkeit, auch wenn die Staatsmacht damit ein Problem zu haben schien und das reine Konsumieren eines Westsenders plötzlich zur Volksverhetzung deklarierte. Im Zelebrieren dieser Scheinanklage, die vor der breiten Öffentlichkeit von einem staatlichen Justizorgan durchgeführt wurde, kriminalisierte man harmlose Bürger die nichts weiter getan hatten, als von ihrem elementaren Informationsrecht Gebrauch zu machen.

Lange habe ich Achim nicht mehr mit einem solchen Gesichtsausdruck gesehen. Enttäuschung, Erschütterung und aufkommende Wut brodelten an diesem Morgen unter seinem dunklen Vollbart, der aber gleichsam verhinderte, dass seine Emotionen so einfach von anderen erkannt werden konnten. Beide waren wir gleichermaßen von dieser Lautsprecherstimme angewidert, bemühten uns aber ängstlich, unsere aufkommende Wut mit allen Mitteln zu unterdrücken, sie auf keinen Fall nach außen zu tragen, aus Angst wir könnten damit ganz schnell in das Visier der Stasi gelangen. Die bedrohliche Lage aber war nicht alles, was wie ein eisiger Windhauch über meinen Rücken fröstelte, es sollte noch schlimmer kommen, denn bislang hatte sich die Lautsprecherstimme ausschließlich mit dem Vortrag der Anklage beschäftigt.

Nach einer längeren Pause tönte erneut die knarrende Stimme über den Platz und verkündete die Urteile:

Mehrere Monate Gefängnis für alle Angeklagten!

Das alles war wie ein Schlag ins Gesicht. Entsetzen und Empörung kroch brodelnd in mir auf, kochte beinahe über, vermischte sich aber sofort wieder mit der großen Angst, dass uns alle auch ganz schnell ein solcher Vorwurf treffen könne. Wenn ich gründlicher darüber nachdachte, wurde mir unmissverständlich klar, dass in diesem Schauprozess mit allen Mitteln ein Exempel konstatiert werden sollte, um künftig möglichst viele Menschen davon abzuhalten, so genannte Feindsender zu rezipieren. Und schon allein der Gedanke, solcher Taten überführt zu werden, ließ auf der Stelle alles Blut in meinen Adern gefrieren. Dieser unheimlich anmutende Kälteschock drang tief bis ins Mark vor, wurde noch unterstützt vom nasskalten Wetter, das jetzt spürbar heftiger durch meine Glieder fuhr.

Angewidert stieß ich Achim in die Seite und bat ihn durch stummes Kopfnicken, mir auf der Stelle zu folgen. Weiter zuhören mochte ich nicht mehr, es hätte mich total überfordert, ich hätte meine innere Wut und den Druck mich verbal äußern zu müssen, nicht mehr weiter zurückhalten können. Achim zögerte zwar erst, war aber auch der Meinung, dass man dieses grausame Schauspiel nicht länger ertragen könne, ohne auf irgendeine Weise protestieren zu müssen, oder sich mit dem Zorn der versammelten Werktätigen zu solidarisieren. Aber für beide Entscheidungen kannten wir die Konsequenzen, wussten wie schnell das auch für uns das totale Aus bedeuten würde, und so fügte sich letztlich auch Achim meinem drängenden Rückzugsbegehren.

Unseren Freunden, die fröstelnd im grauen Nebel standen, versuchten wir durch Gesten anzudeuten, dass wir kapitulierend das Feld räumen würden. In ihren Gesichtern konnte ich lesen, dass sie zwar unsere Signale, nicht aber den Grund unseres Abzugs verstanden hatten. Voller Unbehagen verkrochen wir uns ganz tief in unsere Mäntel und ließen, nicht ganz frei von Schuldgefühlen, das protestierende Volk allein auf dem Platz zurück. Mit jedem Meter den wir hinter uns ließen, wurde die Intensität der schneidenden Stimme aus der Lautsprecheranlage dünner, meine Angst vor den Auswüchsen der Staatsmacht ist damit größer geworden.

Das Gefühl vor einer Solidaritätsbekundung mit Gleichgesinnten geflohen zu sein, lastete drückend auf unseren hochgezogenen Schultern, als wir beide, wie Diebe die ertappt werden könnten, schweigend durch das neblig graue Babelsberg schlichen. Die Köpfe tief im Mantelkragen versenkt, hatten wir nur einen Gedanken, ganz schnell zurück, „nach Hause“ in unser Cafe.

Zwei ältere Damen und Eberhard, der Zeitung lesend an seinem Fensterplatz in der Ecke saß, waren die einzigen Cafehausgäste an diesem trüben Vormittag. Eher beiläufig sah Eberhard von seiner Zeitung auf und begrüßte uns breit grinsend:

„Wo kommt ihr denn jetzt schon her?“

Er staunte nicht schlecht, als wir uns unaufgefordert einfach an seinem Tisch niederließen, statt in unsere an gestammte Ecke zu verschwinden. Sein Grinsen verformte sich zusehends zu einem Fragezeichen, denn irgendetwas musste aus dem Lot sein. Um die Irritationen ganz schnell wieder aus Eberhards Gesicht zu nehmen, sprudelte das gerade Erlebte nur so aus uns beiden heraus, als hätten wir die Sätze abgesprochen. Die Zeitung hatte Eberhard sogar bis unter sein Kinn sinken lassen während er uns ungläubig musterte. Seinem Ausdruck war zu entnehmen, dass er unseren Rapport wohl eher für einen unglaubhaften Politthriller hielt, denn er blickte über die Zeitung hinweg, als kämen wir aus einer anderen Welt:

„Ihr wollt mich doch wohl verscheißern, oder?“

Demonstrativ schob er die Zeitung gleich wieder vor sein Gesicht und gab damit unmissverständlich zu verstehen, dass er jetzt ungestört weiter lesen wolle.

„Mensch Eberhard, das ist die reine Wahrheit, wir kommen direkt vom Klubhaus, die anderen Freunde sind alle noch da, Achim und ich haben es vorgezogen, das Weite zu suchen, du kannst dich ja persönlich überzeugen, der Prozess läuft noch!“

Eberhard ließ die Zeitung wieder nach unten sinken, betrachtete uns aber weiter zweifelnd mit zusammengekniffenen Augen, überlegte noch eine Weile, faltete nach längerem Zögern seine Lektüre gewissenhaft zusammen und blickte uns jetzt schon etwas entschlossener an:

„Gut, ich werd mir das mal ansehen!“

Die Zeitung ließ er zusammengerollt in seine Jackentasche verschwinden, legte abgezähltes Kleingeld für den Kaffee auf den Tisch, verabschiedete sich kurz angebunden mit einem mürrischen Gesichtsausdruck von uns und rannte ohne sich noch einmal umzusehen eilig nach draußen, wo der Nebel ihn mit kaltem Atem in Empfang nahm.

Übrig geblieben waren nur die beiden alten Damen, die munter plaudernd ihr Kaffee Kränzchen zelebrierten und gerade im Begriff waren sich über ein Stück Sachertorte herzumachen. Lilo, die von den Damen kommend wieder zum Tresen zurück wollte, blieb plötzlich stehen, weil sie uns entdeckt hatte, schaute sichtlich erstaunt zu uns herüber und fragte in den Raum hinein:

„Was ist los? Ihr seid so aufgeregt! Warum hat es denn Eberhard so eilig? Soll ich euch irgendwas bringen?“

Achim nickte bejahend und winkte Lilo zu, doch umgehend an unseren Tisch zu kommen. Sie schien zu ahnen, dass irgendetwas nicht stimmte, fächelte sich mit dem kleinen silbernen Tablett Luft zu und steuerte wie eine Diva auf hohen Hacken staksend unseren Tisch an. An meine Seite angelangt stützte sie sich mit der Hand lässig auf meiner Stuhllehne ab und sah mit hoch gezogenen Augenbrauen erwartungsvoll auf uns beide herab:

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9783844246223
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