Kitabı oku: «Flüchtige Verstrickungen», sayfa 6

Yazı tipi:

„Ich höre!“

Damit wollte sie nicht allein unsere durstigen Wünsche, sondern mit Sicherheit auch den Grund für unser aufgeregtes Gehabe erfahren.

Jetzt war Achim nicht mehr aufzuhalten, indes ich weiter teilnahmslos auf meinem Stuhl hing, sprudelte es förmlich aus ihm heraus. Dabei erweckte er den Eindruck eines Sportreporters, der sich beeilte die Dramatik des Spiels angemessen und zügig rüber zu bringen. Ohne auch nur die geringste Pause zwischen zwei Worten einzulegen, informierte er Lilo in kurzen abgehackten Sätzen bis ins kleinste Detail über das eben erlebte Geschehen vor dem Kulturhaus. Trotz der Schnelligkeit in seiner Berichterstattung bemerkte ich unterschwellig das leichte Zittern, die Brüchigkeit in seiner Stimme, die ich so von ihm überhaupt nicht kannte, und lastete es dem Schock an, den die einschneidende Lautsprecherstimme nachhaltig bei meinem Freund hinterlassen hatte.

Als mein Blick wieder einmal Lilo streifte, konnte ich deutlich beobachten wie sich ihre Augenbrauen allmählich zu einer düsteren Falte zusammengezogen hatten, indes sich das zarte Rot ihrer Wangen, wie die aufgeschlagene Meereswoge am Strand, kräuselnd in sich zurückzog. Auch Lilos anfängliche Ahnungslosigkeit realisierte jetzt unmissverständlich, dass solche Ereignisse in Zukunft auch für uns unabsehbare Folgen haben könnten. Es war auffallend, wie die Empörung sich in Lilos Gesicht widerspiegelte, denn sie sah hilflos aus, lehnte in verkrampfter Haltung an meinem Stuhl, und war einfach unfähig etwas zu entgegnen. Angesichts ihrer Ratlosigkeit fühlte ich mich irgendwie verpflichtet, sie zu beruhigen, sie mit irgendetwas abzulenken, ihre ängstliche Starre aufzulösen, und bestellte einfach bei ihr zwei Kaffee und drei Cognac. Den dritten Schnaps hatte ich vorsorglich Lilo zugedacht, sie würde ihn jetzt genau so nötig haben wie wir beide. Ihr Gesicht war jetzt auffällig blass geworden, ihre Nasenspitze fast weiß, als sie mit verstörtem Kopfnicken meine Bestellung realisierte und eilig wieder hinter dem Tresen verschwand. In Windeseile war sie mit den Getränken an unserem Tisch zurück, bereit mit ihren Freunden jeden erdenklichen Geheimbund zu besiegeln.

Das Damenkränzchen in der Ecke des Cafes sah jetzt häufiger zu uns herüber, tuschelnd fragten sie sich vermutlich, warum die Kellnerin bereits kurz vor Mittag mit ihren Gästen Alkohol trank. Das raunende Geflüster der alten Damen war uns aber irgendwie egal, wir nahmen es gar nicht weiter zur Kenntnis, ignorierten letztlich alles um uns herum, das gesamte Umfeld des Cafes lag im völligen Abseits unserer Wahrnehmung. Als hätten wir es miteinander abgesprochen, kippten wir alle drei zeitgleich in einem Hieb den Cognac in uns hinein und stellten demonstrativ mit laut ausgestoßenem „Aahh “ die leeren Gläser auf das Tablett zurück. Für Lilo der Startschuss zum Rückzug. Wie auf Kommando stellte sie sich in eine aufrechte Position, machte eine Drehung um 180 Grad, erschien zwar noch verstörter als zuvor, huschte aber trotzdem ganz schnell wieder hinter ihren Tresen.

Nach Lilos stürmischem Abgang kam mir Achims Verhalten auf einmal etwas merkwürdig vor. Er rutschte nervös auf seinem Stuhl hin und her, hüstelte gekünstelt vor sich hin und gab vor, er müsse sich heute Nachmittag unbedingt noch einmal an sein Reißbrett begeben. Hastig schlürfte er seinen Kaffee aus, meinte, dass ich diesen erst einmal bezahlen solle, eine mir sehr vertraute Geste, und verabschiedete sich ungewöhnlich schnell von mir.

Mit Lilo und den Cafehausdamen alleingelassen, saß ich jetzt in meiner Nische und horchte eine ganze Weile in mich hinein, dachte noch einmal über das gerade Erlebte nach, ließ die unwirklichen Bilder des kalten Novembertages noch einmal Revue passieren.

Irgendetwas musste ich jetzt tun! Dieses absurde, und für mich völlig unerklärliche Geschehen ließ sich auch nicht so einfach wieder aus meinem Gedächtnis streichen, und schon gar nicht verdrängen. Außer meinen engsten Freunden, von denen ja die Meisten dabei gewesen waren, konnte ich Niemand von diesem Ereignis wahrheitsgemäß berichten. Lange überlegte ich, was ich tun könnte, es gab nur eine Möglichkeit, es aufzuschreiben. Nach einigem Zögern kramte ich aus der Jackentasche mein kleines Notizbuch hervor und begann stichpunktartig einfach das zu dokumentieren, was ich gerade erlebt hatte. Über jeden Satz musste ich ein Weilchen nachdenken, und Vieles hinterfragen:

Warum konnten Menschen die in einem sozialistischen Staat Verantwortung trugen, so unmenschlich handeln, und vor allen Dingen, was motivierte sie so etwas zu tun? War es ihre bloße Überzeugung oder nur reine Verblendung durch eine doktrinäre Ideologie? Gab es ein solches Verhalten in der deutschen Geschichte nicht schon einmal, oder gibt es in allen Gesellschaftsformationen diese Kategorie von Überzeugungstätern?

Meine Vorstellung von einem sozialistischen Staat, bei dem der Mensch eigentlich im Mittelpunkt stehen sollte, hatte bereits beim Bau der Mauer seine ersten Risse bekommen. Die hoch gepriesene Vorstellung vom sozialistischen Menschenbild hingegen, verlor mit dem heutigen Tag endgültig für mich seine Glaubwürdigkeit. Je länger ich an diesem trüben Novembertag über meinen Notizen saß, umso überzeugter war ich, dass dies alles nicht in Vergessenheit geraten durfte, der Nachwelt zu gegebener Zeit wieder in Erinnerung gebracht werden musste. Wenn es denn irgendeine andere Zeit danach geben sollte, würde man solche Geschichten wohl erst einmal für erfunden halten, und deshalb musste ich die unglaublichen Vorgänge glaubhaft zu Papier bringen.

Meine Notizen sollten noch lange Zeit in Anspruch nehmen, radierten mein Zeitgefühl nahezu aus. Ich hatte nicht einmal bemerkt, wie sich das Cafe langsam wieder füllte und der Nachmittag sich unmerklich davon gestohlen hatte. An einigen Nachbartischen konnte ich nach und nach schon wieder vertraute Gesichter sehen, die den Raum in anheimelndes Gemurmel tauchten, ihm wärmende Geborgenheit gaben. Die alten Damen waren, ohne dass ich es auch nur bemerkt hätte, im bereits vor sich hin dämmernden Novembernebel entschwunden und Lilo wurde wieder in gewohnter Weise von ihren Stammgästen vereinnahmt.

Allein an meinem Tisch sitzend überflog ich noch einmal die voll gekritzelten Seiten meines kleinen Büchleins und war mehr oder weniger mit meinen Aufzeichnungen zufrieden. Als ich mein Buch und die erdrückende Erinnerung an den bedeutungsvollen Tag beiseite legte, verschwand auch der beklemmende Druck der sich mittlerweile in meinem Kopf angestaut hatte. Ich fühlte mich sogar ein wenig erleichtert, war mit mir und der Welt im Reinen, und konnte deshalb das Schreiben für heute einstellen.

Jetzt wollte ich einfach loslassen, meine Gedanken im Kreis von Freunden etwas zerstreuen und flüchtete von meinem Ecktisch zu einem der großen Tische auf der anderen Seite, denn dort hatte ich im diffusen Schimmer der Kaffeehausbeleuchtung Erika entdeckt. Sie hockte mit Spatz und Kurt, dem Drummer aus dem Haus des Handwerks, unter der schummrigen Wandleuchte und schien sich sehr angeregt mit den beiden zu unterhalten. Zudem hatten mir die beiden Mädels wiederholt eindeutige Gesten gemacht, doch unbedingt zu ihnen rüber zu kommen und im Handumdrehen war ich jetzt bei ihnen. Meine Stimmung wechselte schlagartig, irgendwie genoss ich sogar die mehr als innige Begrüßung meiner Freunde und ließ mich schon etwas heiterer gestimmt gegenüber von Spatz und Erika neben Kurt auf einen Stuhl fallen.

Den Platz neben Kurt hatte ich allerdings nicht ganz uneigennützig gewählt, denn von hier aus hatte ich die beiden sehr unterschiedlichen Mädels einfach besser im Blickfeld, und diese reizende Aussicht würde mich mit Sicherheit viel schneller auf andere Gedanken bringen. Obwohl die Ausmaße des Tisches eine beachtliche Distanz zu den Damen herstellte, streifte ein nahezu betäubender Duft, von einem französischen Parfüm ausgehend, in winzigen, leicht narkotisierenden Schüben meine Nase. Für mein Empfinden allerdings ein wenig zu aufdringlich. Ich musste auch nicht lange überlegen und erinnerte mich ziemlich genau, dass dieser Duft zweifelsfrei nur einer Frau zuzuordnen war, nämlich Spatz, genauso wie in der lang zurückliegenden Geburtstagsnacht.

Für einen kurzen Moment lang schloss ich meine Augen, schnupperte und erwischte einen winzigen Hauch des Raum einnehmenden Duftes. Vor mir tauchte die Rupfenwand in meinem Zimmer auf, erinnerte mich an die komische Situation des atmenden Aktes. Ich konnte mir ein leichtes Schmunzeln nicht verkneifen. Spatz schien mein merkwürdiges Lächeln zwar registriert zu haben, ging aber gar nicht weiter darauf ein, weil sie pausenlos mit Kurts Anbaggerungsversuchen beschäftigt war.

Ganz im Gegensatz zu den überwiegend leger gekleideten Cafehausbesuchern, trug Kurt einen grau grünlich schimmernden Präsent 20 Anzug, darunter ein weißes Hemd mit einem sehr schmalen, grünen Velours Leder Schlips. Auch diesen kannte ich bereits von unserem ersten Treff in der Potsdamer Milchbar. Diese ungewöhnlich anmutende Kombination konnte man durchaus als seine Arbeitskleidung betrachten, denn mehrmals wöchentlich spielte Kurt im Haus des Handwerks in der Kaffeehausband, für ihn auch der Grund, sich nur in Ausnahmefällen von diesem gewohnten Outfit zu trennen. Wiederholt hatte ich ihn als Schlagzeuger bei den sehr beliebten Tanzveranstaltungen erlebt und erst viel später hier im Cafe näher kennen gelernt.

Da er irgendwo in Potsdam wohnte, Lindencafenächte aber bekanntlich sehr lang waren, ließ ich ihn einige male, insbesondere wenn die Nacht dem Morgen bedrohlich nahe kam, bei mir im Sperrgebiet übernachten, vorausgesetzt ich kannte die Grenzer der Nachtschicht. Im Gegenzug brachte mir dieser gefällige Freundschaftsdienst so manche Reservierung zu den äußerst begehrten, meist aber ausverkauften Tanztees ein. Am Ende einer solchen Veranstaltung, wenn sich auch die letzten Musiker verzogen hatten, schlug dann meine Stunde, denn ich durfte unter seiner Anleitung die in mir schlummernden Drummertalente auf seinem Schlagzeug lautstark unter Beweis stellen.

Falls Kurt heute nicht mit Spatz übereinkam, würde ich ihm wohl ersatzweise wieder meine bewachte Wohnung als Nachtquartier anbieten müssen, wusste aber vorerst noch nicht so richtig, wie sich der Abend für mich weiter gestalten würde. Erst als ich irgendwann bemerkte, dass sich der Dialog zwischen Kurt und Spatz, wie nicht anders zu erwarten, in eine vorwiegend auf Sex ausgerichtete Zielrichtung hin bewegte, überließ ich den beiden gern das Feld der Lüste. Was mich anbetraf, so hatte ich entschieden, mich einfach etwas mehr mit meinem reizenden Gegenüber zu beschäftigen, meine Gedanken in andere Bahnen zulenken, sie vielleicht sogar auf ein ungewisses Abenteuer vorzubereiten.

War es das Turteln der beiden, oder war es nur das Parfüm von Spatz, irgendwie fühlte ich mich sogar animiert Schneewittchen jetzt unbedingt etwas mehr Aufmerksamkeit zu schenken, denn offensichtlich schien sie sich schon die ganze Zeit zu langweilen, obwohl ich ihrem zurückgenommenen Lächeln eher eine gewisse Nervosität entnahm. Auffällig war, dass ihre großen dunklen Augen in regelmäßigen Abständen zur Eingangstür wanderten. Trotzdem landete ihr Blick, was ich überhaupt nicht erwartet hatte, schon ab und zu mal für einen kurzen Augenaufschlag in meine Richtung. Die Feststellung, ich könne vielleicht auch nur ansatzweise ein bisschen ihr Interesse geweckt haben, ließ in mir auch sofort den Vorsatz reifen, jetzt ungehindert zur Attacke übergehen zu können, um sie ganz einfach anzubaggern. Ich brachte sogar den Mut auf, Schneewittchens Blick für einen Augenblick standzuhalten, verfolgte mit zunehmendem Interesse sogar die kleinste Veränderung ihrer Körperhaltung, auch jede Regung in ihrem Gesicht, weil ich einfach von ihrem gesamten Erscheinungsbild total fasziniert war.

Ihr sehr heller Teint unter den langen schwarzen Haaren bekam durch das schwache Rot ihrer schön geformten Lippen eine nahezu farbliche Vollendung. Das schwarzhaarige Mädchen, dessen Anblick so manches Mal meine morgendliche Busfahrt vergoldet hatte, saß mir jetzt direkt gegenüber, schien mich sogar ein wenig wahrzunehmen und musterte mich mit einem schüchternen Lächeln. Trotz aller Euphorie war ich auf einmal wieder total verunsichert, denn alles an ihr blieb weiterhin rätselhaft. Ich war einfach auch nicht fähig ihren Blick richtig zu deuten. War er verheißungsvoll, züngelte in der unergründlichen Tiefe dieser dunklen Augen vielleicht schon eine kleine Flamme, und loderte in ihr etwa die Aufforderung, mich ihr nähern zu dürfen?

Auf einmal wurde ich noch unsicherer, geriet ins Wanken, hatte erhebliche Zweifel die Lage richtig einschätzen zu können, und es kostete mir schon ein wenig Überwindung in diesem Moment den richtigen Ansatz für ein Gespräch zu finden. Bei meiner verzweifelten Suche nach passenden Worten nahm ich aber irgendwann all meinen Mut zusammen und eröffnete meine begehrliche Neugier mit der simplen Frage:

„Und was machst du überhaupt so beruflich, wir haben uns ja schon öfters auf dem Weg zur Arbeit gesehen?“

„Ja ich weiß, mit diesem Bus bin ich morgens immer nach Potsdam in die Näherei Gerlach gefahren, hab dort als Schneiderin gearbeitet und gerade mein letztes Lehrjahr beendet... und denk nur nicht, dass ich dich nicht bemerkt habe, du kamst mir aber ein bisschen schüchtern vor, so in dich gekehrt, hast verschämt den Rauch deiner Zigarette in den Morgenhimmel geblasen, ich dachte eher, du hättest mich gar nicht so richtig wahrgenommen“.

Allein der letzte Satz war für mich mehr als ermutigend, klang sogar ein bisschen einladend, deshalb nahm ich sichtlich erleichtert den Faden sofort wieder auf und wollte wissen, warum ich sie schon mehrmals hier im Cafe zwar gesehen, aber stets das Gefühl hatte, von ihr gar nicht wahrgenommen zu werden, oder hatte ich das vielleicht falsch gesehen?

Bei der direkten Art meiner Frage konnte ich zusehen, wie plötzlich ein zartes Rot die Blässe ihrer Wangen vereinnahmte, sie langsam aufzutauen begann und mir sogar verriet, dass sie vor wenigen Tagen hier im Cafe die Bekanntschaft mit einem Schauspielstudenten gemacht habe, und um sich mit ihm zu treffen, sei sie eigentlich heute hier hergekommen.

Der kleine Funken Hoffnung, der eben noch freudig in mir aufgekommen war, erstickte genau so schnell wie er sich entzündet hatte. Unmissverständlich wurde mir klar, dass ich nun nicht die geringste Anstrengung mehr aufbringen musste, mein Anbaggern weiter auf einen erfolgreichen Weg zu bringen. Welche Chance hatte ich schon gegen einen gut aussehenden Schauspielstudenten, der nicht nur häufig zur abendlichen Runde der Filmhochschüler, sondern auch zu meinem großen Freundeskreis gehörte. Damit waren vermutlich auch für die Zukunft ein für allemal die Fronten geklärt, ich konnte mich geschlagen geben und zog es vor, von nun an in die Defensive zu gehen, auch wenn es mir an diesem schicksalhaften Novemberabend etwas schwer fiel.

Hier im Cafe kannte schließlich Jeder Jeden, mitten im Drehkreuz des gesellschaftlichen Lebens, im Zentrum der unaufhaltsamen Welverbesserer, trafen sich all die Individualisten und Außenseiter, bestehend aus DEFA Mitarbeitern, Filmhochschülern und dem Rest der Boheme. Vereint unter dem Dach dieser Szenekneipe waren wir eine eingeschworene Gemeinschaft, die zwar in der Regel jede Form konstruktiver Streitgespräche, aber keine aggressive Auseinandersetzung zuließ. Alle bemühten sich, wenn auch auf sehr individuelle Weise, diesen Zustand einigermaßen einzuhalten. Im erotischen Umgang mit dem weiblichen Geschlecht gab es zwar wenig Tabus, weil das erste Gebot Toleranz hieß, obwohl von Fall zu Fall dem Ausleben individueller Sexualpraktiken moralische Grenzen gesetzt waren, besonders wenn es um das Wildern in Nachbars Garten ging.

Allein schon aus diesem Grund war ich fest entschlossen, zu Erika fortan nicht mehr als ein freundschaftliches Kumpelverhältnis aufzubauen. Mein aufgekommenes Balzverhalten ließ ich deshalb schlicht wieder unter den Tisch fallen und täuschte von nun an so etwas wie freundliche Gelassenheit vor. Unser beider Verhältnis war damit eindeutig abgeklärt, und ohne mir etwas zu vergeben, konnte ich mein weiteres Verhalten ausnahmslos in diese angedeutete Richtung hin manifestierten.

Wenn ich mein turtelndes Gegenüber betrachtete, schien Kurt offensichtlich den erotischen Part zu Spatz weitgehend abgeklärt zu haben. Das hektische Aufbruchsmanöver der beiden ließ daran keinen Zweifel mehr, sie hatten ein gemeinsames Ziel vor Augen, welches dringend auf den Weg gebracht werden musste. Die Frage, ob Kurt in meiner Grenzvilla nächtigen würde, war somit für mich auch schnell beantwortet. Schon wenige Wimpernschläge später rauschte ein intensiv betörender Parfümduft an mir vorbei, und eilte meinem Freund Kurt in eine viel versprechende Nacht voraus.

Der Platz neben Erika sollte nicht mehr lange leer bleiben, denn unter der Klicke von Filmhochschülern, die wenige Minuten später in das Cafe stürmten, befand sich nun auch der Schauspielstudent Rene, dem Schneewittchen schon so lange entgegen gefiebert hatte.

Die Großfamilie der Studenten zelebrierte kurz ihr Begrüßungsritual und verteilte sich, dem individuellen Interessenressort zugeordnet, an die verschiedenen Tische, ausgenommen Rene, der sich ganz selbstverständlich mir gegenüber zu Erika setzte. Sein flüchtiger Wangenkuss bewirkte bei Erika auch sofort, dass ihre dunklen Augen größer und ihr samtiger Schimmer noch leuchtender wurden. Das Warten auf Rene, die lang aufgestaute innere Erregung, die unterdrückten Gefühle, Erikas Emotionen konnten jetzt endlich in äußerliche Aufgeregtheit übergehen. Die zarte Röte ihrer blassen Wangen, zuvor noch als winziger Tupfer von mir wahrgenommen, breitete sich jetzt beinahe über das ganze Gesicht aus. Genau wie im Märchen nahmen sie die Farbe des rotbäckigen Apfels an, was das Schneewittchenantlitz für mich augenblicklich wieder zu einem Wunschbild des Begehrens machte.

Erikas schüchternes Verlangen, ihr zaghafter Versuch Rene für sich allein zu vereinnahmen, wurde von ihm eher etwas beiläufig registriert, schauspielerisch hingegen aber gekonnt überspielt. In geübter Professionalität gab er sich ungemein locker, mimte, unbeeindruckt von der Anwesenheit seiner Kommilitonen, gestisch den Liebhaber, so als sei das Cafehaus seine Bühne, auf der er ganz allein den Romeo zu spielen hatte. Zwar wandte er sich hin und wieder mit stummen Gesten seiner Julia zu, um vor seinem Publikum den Anschein zu erwecken, mit ihr weiter im Dialog zu stehen, ließ sie aber gar nicht erst zu Wort kommen.

Obwohl ich nach dem Redeschwall von Rene eigentlich einen Monolog von Erika erwartet hatte, blieb diese auch im weiteren Gesprächsverlauf völlig stumm. Statt der zu erwartenden Gegenrede, die jetzt eigentlich von ihr hätte kommen müssen, träumte Erika wie ein kleines Mädchen schwärmerisch an seiner Schulter. Anstelle des ausgebliebenen Monologs rückte ein seliges Lächeln um ihren blassroten Mund und es sah so aus, als wollten sich die kleinen Lachfältchen dort auf ewig eingraben. Julia erlag von nun an in stummer Ergebenheit dem Scharm ihres Geliebten, deshalb übernahm ich bis auf weiteres ihren Theaterpart, weil Rene schon die ganze Zeit unentwegt auf mich einredete, mir unbedingt etwas über Schillers „Räuber“ erzählen wollte.

Bei seinem eloquenten Vortrag aber konnte ich ganz beiläufig beobachten, wie sich seine rechte Hand wie selbstverständlich schon mal unter dem Tisch verirrte, um vertraulich auf Erikas linkem Knie zu landen. Ungeachtet dessen trieb der große Mime sein rhetorisches Ablenkungsmanöver wortgewaltig voran, obwohl er trotz ausladender Gestik die Entgleisung seiner Hand vor mir, auch wenn er es noch so geschickt kaschierte, keinesfalls verbergen konnte. Vielmehr hatte ich das Gefühl, dass sein, durchaus von Emotionen getragener Dialog mit mir, unter dem Tisch in eine völlig andere Richtung manövrierte.

Da ich in fast allen Lebenslagen stets bemüht war tolerant zu bleiben, beschloss ich Renes abwesende Hand ganz einfach zu ignorieren, sie schlicht zu übersehen, und plauderte zwanglos mit ihm über seine eben beendete Theaterprobe. Dabei verriet er mir, dass sich die Schauspieleleven seiner Seminargruppe gerade mit großem Engagement an die „Räuber“ heranarbeiteten und demnächst mit diesem Stück auf der Bühne des Hans Otto Theaters in Potsdam stehen würden. Rene, der in diesem Stück den Karl Moor spielte, wollte insbesondere auch hier im Cafe zeigen, dass ihm das ungestüme Studentenleben im wahren Leben nicht fremd sei, und arbeitete mitten im Freundeskreis gerade mit großem Pathos die Parallele zum Moor heraus. Das Cafe als Zentrum unseres wahren Seins bot für einen Theaterhelden die beste Voraussetzung, die Heftigkeit des studentischen Lebens voll auskosten zu können, bevor seine ungestüme Leidenschaft im Kampf um eine gerechte Weltordnung geopfert wurde.

Für mich war es immerhin beeindruckend, mit welcher Vehemenz Rene mit mir über den Mohr stritt, während er zeitgleich Erikas Knie unter dem Tisch bearbeitete. Über dem Tisch zelebrierte unser Held die Weltbühne, von der durch seine überzeugend theatralische Darstellung sogar ein Hauch des Schillerschen Freiheitsgedanken auf mich übergesprungen war.

Unter dem Tisch, quasi in der Bühnenversenkung, sollte aber bereits die Vorbereitung für ein völlig neues Theaterstück, das des „Doktor Faustus“ laufen, und Mephisto hatte Erika bereits auf die Gretchenrolle vorbereitet.

Doch zurück ins wirkliche Leben. Der Geräuschpegel des Cafes überschritt mittlerweile die erträglichen Grenzwerte um ein Vielfaches. An fast allen Tischen wurde diskutiert, gestikuliert und Rotwein geschlürft, wurden Rollen gespielt und getauscht, Illusionen geweckt und Träume gelebt. Von dieser kleinen Insel der Weltverbesserer, zu deren Bewohner auch ich damals zählte, ging durchaus ein revolutionärer Hauch von Opposition aus, auch wenn der kleine Gegenwind von der Außenwelt kaum wahrgenommen wurde. Streitgespräche über Gesellschaft und Politik konnten unsere Gemüter durchaus auf das Äußerste erhitzen. Vermischt mit philosophisch, künstlerischen Betrachtungen endeten sie irgendwann im kritischen Zerpflücken eines Theaterstückes oder eines Filmes.

Richtete man den Focus ausschließlich auf die verbale Seite, konnte der eine oder andere dabei sogar seinen Höhepunkt erreichen, auch wenn sein Streitpartner das völlig anders empfand und wieder einmal leer ausging. Eine ähnliche Disharmonie, wie sie beim Gleichklang des Gedankenaustausches relativ häufig vorkommt, könnte man durchaus auch mit der erotischen Gleichberechtigung im partnerschaftlichen Umgang vergleichen. Beispielsweise wird der Höhepunktes beim Liebesakt, zwar meist von beiden Partnern ersehnt, oft aber nur einseitig erreicht, weil ein gleichzeitiger Orgasmus in der Regel nur äußerst selten vorkommt.

Der dramaturgische Verlauf des Abends sollte von nun an - Goethes Faust hatte es bereits vorgegeben - primär von irdischen Gelüsten diktiert werden. Mein philosophischer Diskurs mit Rene ebbte dabei auch zwangsläufig ab, zumal ich ein wenig resignierend feststellen musste, dass mittlerweile der Faustsche Unterbühnenbereich mehr und mehr von meinem leidenschaftlichen Mimen Besitz ergriffen hatte. Als passiver Betrachter musste ich zusehen, wie er unruhig auf seinem Stuhl hin und her rückte, seine körperliche Aktivität erheblich zunahm, seine Streitkultur hingegen zusehends verblasste, und dem rein animalischen Verlangen geopfert wurde.

Meinem Vorschlag, dass man bei einer weiteren Flasche Rotwein den Schillerschen Freiheitsgedanken doch irgendwie weiter ausdehnen könne, wollte Rene nun nicht mehr nachkommen. Der Vorhang war gefallen! Der Tragödie erster Akt, und auch sein leidenschaftlicher Bühnenauftritt waren für heute beendet. Rene hatte sich jetzt fest für einen anderen zweiten Akt und zum Aufbruch entschlossen, winkte Lolo heran und bezahlte.

Irgendwie war ich enttäuscht von Renes abruptem Bühnenabgang und bestellte mir trotzig eine neue Flasche Gamza. Notfalls wollte ich allein mit ihr die Nachhaltigkeit des eklig grauen Vormittags ganz und gar auslöschen, wollte das Ende dieses ereignisreichen Novembertages unter dem Einfluss des Rebensaftes ein kleines bisschen vergolden. Schließlich fing der Abend für mich erst an, und ich hatte keine Ahnung, was daraus noch werden würde.

Während Rene seinen winzigen Geldvorrat zusammenkratzte, wickelte sich Erika kunstvoll in ihren schwarzen Schal, schlüpfte in den Fell gefütterten Parka und sah in hoffnungsvoller Erwartung auf Rene, der umständlich wie ein Krämer die letzten Groschen zusammenzählte. Als er sich endlich anschickte aufzustehen, im Vorbeigehen seinen dunkelblauen Anorak von der Stuhllehne nahm, um Erika hinterher zu laufen, wurde die Glastür des Cafes weit aufgerissen.

Mit dem einströmenden kalten Luftzug stürzte, ganz in Schwarz und in völliger Vermummung, Heidi in den Raum und steuerte, ohne die anderen überhaupt nur wahrzunehmen, direkt auf unseren Tisch zu. Erika und Rene, die ihr kurz vor der Tür beinahe in die Arme liefen, begrüßte sie im Vorbeiflug mit flüchtigem Handschlag, hastete weiter auf mich zu und fiel mir mit großem Hallo freudestrahlend um den Hals. Eine Ewigkeit hatten wir uns nicht mehr gesehen, eine wirklich freudige Abwechselung, wir würden uns sicherlich viel zu erzählen haben.

Beim Hinsetzen erwischte mich von der Tür her kommend wieder ein eisiger Luftzug, und ich konnte gerade noch mitbekommen, wie Schneewittchen mit ihrem Theaterprinz hibbelig durch die Ausgangstür fegte, um eilig in die Nacht und ihrem heiß begehrten Höhepunkt entgegenzustürzen.

Heidi hüpfte, eingehüllt in ihren langen schwarzen Mantel, sofort auf den Platz zu meiner Rechten, dort wo noch wenige Augenblicke zuvor Kurt dem betörenden Parfümduft von Spatz erlegen war. Ohne mich überhaupt zu fragen, schnappte sie sich einfach mein volles Glas, um es in einem langen Zug zu leeren.

„Entschuldige, aber das musste sein“, eröffnete sie noch völlig außer Atem ihre Begrüßungsrede, „es muss doch eine Ewigkeit her sein, ...als wir uns das letzte mal gesehen haben, ich weiß auch gar nicht mehr wo, und ...was gibt’s denn eigentlich bei dir so Neues?“ In abgehackten Halbsätzen, noch immer etwas atemlos, purzelten die Worte nur so aus ihrem Mund, und hinterließen auf ihren Lippen, die im milchigen Licht verführerisch schimmerten, winzig kleine, funkelnde Rotweinperlen.

„Bei mir ist alles beim Alten, aber was ist denn auf einmal mit dir los, du hast es mit dem ersten Glas so eilig gehabt, ist irgendetwas nicht in Ordnung?“, fragte ich besorgt zurück und zitierte durch Handzeichen Lilo heran, um ein weiteres Glas für Heidi zu ordern. Als Lilo mit den randvollen Gläsern auf uns zu balancierte, bekam ich erst einmal nachträglich von Heidi einen laut schmatzenden Wangenkuss und erst nach diesem hörbaren Begrüßungszeremoniell ließen wir die Gläser kräftig aneinander klingen, denn die Wiedersehensfreude war auf beiden Seiten.

Bei all der vordergründigen Fröhlichkeit wurde ich einfach nicht das Gefühl los, dass Heidi etwas verbarg, dass sie ein wenig Trost gebrauchen könne, und begann ihren schmalen Handrücken zu streicheln. Obwohl ich mir unsicher war, und nicht so recht wusste, ob ich damit richtig lag, suchte ich für einen kurzen Moment ihren Blick, so wie es Verliebte tun, wohl wissend, nur ein guter Freund zu sein, aber einer, zu dem sie uneingeschränktes Vertrauen haben konnte.

Erst nach längerem Zögern begann Heidi, in der Wortfolge zwar noch etwas holpernd, nach dem zweiten Glas, das sie wieder in einem Zug runterkippte, schon fließender, zu reden und mir ihren Kummer anzuvertrauen.

Nach der anfänglichen Zurückhaltung konnte ich jetzt von Heidi in Erfahrung bringen, dass ihr eigentliches Problem ihr Ehemann Knut war, der ihr erhebliche Sorge bereitete. Obwohl sie noch nicht sehr lange verheiratet waren, zogen am bislang so sonnigen Ehe Himmel bereits die ersten dunklen Wolken auf. Heidi beklagte sich mehrfach über das eigentümliche Verhalten von Knut, besonders wenn es um die Belange ihrer ganz persönlichen beruflichen Karriere ging. Aus ihren verzweifelten Worten war herauszuhören, dass sie dieses besonders egoistische Verhalten ihres Mannes sehr zu kränken schien. Nach Heidis Schilderung mussten Knuts Äußerungen geradezu herablassend gewesen sein, und mir wurde sehr schnell klar, dass bei ihm ein harmonisches Verständnis für die beruflichen Alltagsprobleme seiner Frau gar nicht existierte, sogar erheblich gestört zu sein schien. Mir war das schlicht unverständlich, schließlich waren sie beide von Beruf Bibliothekare, auch wenn sie in verschiedenen Bibliotheken beschäftigt waren.

Knut war aber strikt der Meinung, dass beide Bildungseinrichtungen von sehr unterschiedlichem intellektuellem Niveau seien. Damit musste er, so kam es mir jedenfalls vor, einer merkwürdigen Logik des menschlichen Denkens gefolgt sein. Ganz offensichtlich sah er sich in der Rolle des philosophischen Alphatiers, und gab aus nicht nachvollziehbaren Gründen vor, dass nur seine Bibliothek ein wirklich anspruchsvolles Niveau vorweisen könne. Worauf er aber diese These stützte, stand für mich in den Sternen, war logisch einfach nicht nach zu vollziehen.

Fast alle Bibliotheken der kleinen DDR waren, ungeachtet ihrer räumlichen Größe und dem damit verbundenen Literaturangebot, was ihren Bildungsauftrag anbetraf, als ziemlich gleichwertig anzusehen. Die von Knut geäußerte Kritik am intellektuellen Unterschied war wohl eher seiner Exaltiertheit zuzuschreiben. Wie ich es aus einigen Begegnungen mit ihm kannte, ließ er keinen anderen Menschen wirklich nah an sich heran, und hatte zudem meistens das Recht für sich allein gepachtet. Heidis besorgtem Gesichtsausdruck konnte ich jetzt deutlich ansehen, dass sie unter genau dieser Eigenschaft von Knut sehr zu leiden hatte, damit einfach nicht mehr so richtig klarkam, irgendwie auch ziemlich ratlos war, und jetzt einfach meine Hilfe in einem freundschaftlichen Gespräch suchte.

Ücretsiz ön izlemeyi tamamladınız.

Türler ve etiketler

Yaş sınırı:
0+
Hacim:
430 s. 1 illüstrasyon
ISBN:
9783844246223
Yayıncı:
Telif hakkı:
Bookwire
İndirme biçimi: