Kitabı oku: «Rift», sayfa 3

Yazı tipi:

Wir folgen weiter dieser Straße. Überall begegnen uns Reste von Häusern, Autos, Bäumen und was die Zivilisation sonst noch hergibt. Die Kinder ahnen, dass etwas nicht stimmt und verhalten sich ungewöhnlich ruhig.

Nach einigen Kilometern steigt die Straße an und wir gelangen auf die trockene Fahrbahn. Der Asphalt ist teilweise weggespült und wo das nicht der Fall ist, sind große Risse zu erkennen. Vorsichtig umfahre ich die Gefahrenstellen. Ben ist dabei mein Lotse.

Auf einer übersichtlichen Anhöhe halten wir an. Von hier aus sieht man nur Wiese, Gestrüpp und Bäume. Die Landschaft ist hügelig, keine Berge, nur kleine Hügel. Sie sind so hoch, dass wir nur bis zu der nächsten Erhebung sehen können, aber nicht das, was sich dahinter verbirgt. Ich dachte, Florida sei flach und eben. Hier sieht das völlig anders aus. Bevor ich aussteige, begutachte ich unsere nähere Umgebung. Nur wenige Gegenstände liegen hier verstreut, dennoch sind die Spuren der Katastrophe sichtbar. Ich kann mir nicht erklären, was solch eine Zerstörung verursacht. Vielleicht doch ein Hurrikan?

„Wir machen jetzt eine kleine Pause, um uns die Beine zu vertreten. Bitte alle aussteigen.“

Auf der Wiese im Schatten eines Baumes rufe ich sie zusammen.

„Setzt euch einmal hier hin.“

Die Sonne scheint wieder intensiv und meine Sachen sind beinahe trocken. Die Kinder krabbeln lustlos aus dem Auto und kommen zu mir. Wir setzen uns in einem Kreis auf den Rasen.

„Ihr wisst alle, wie ich heiße. Aber ich kenne eure Namen noch gar nicht.“ Mann, was für ein Englisch. Grauenhaft. Zu Ben sage ich: „Du verstehst, was ich meine?“

Er ergreift die Initiative und fordert einen nach dem anderen auf, sich vorzustellen. Ich versuche, mir die Namen zu merken.

Sophia ist sieben Jahre alt, brünett, zart gebaut.

Mia ist neun und ihre ältere Schwester. Sie ist größer und hat lange braune Haare.

Mason, acht Jahre, dunkelblond, dunkle Augen, macht einen aufgeweckten Eindruck.

Hannah, sieben Jahre, blond, mittellanges Haar, blaue Augen, blasse Hautfarbe.

Alexander, ebenfalls acht wie Mason, kurze braune Haare, graugrüne Augen.

Emma, sieben, lange dunkelblonde Haare, kleiner als Hannah, beobachtet alles sehr aufmerksam.

Olivia, neun Jahre, dunkle Hautfarbe wie Ben, mit schwarzem langem Haar. Sie ist nach Mia die Zweitgrößte in der Runde.

„Wann können wir nach Hause?“, fragt Mia.

„Wir haben alle kein Zuhause mehr“, entgegnet Ben. Die Kinder sehen Ben an, als würden sie ihm nicht glauben.

„Und unsere Eltern?“, fragt Olivia.

Ich schaue Ben an und sage: „Schaffst du das allein?“ Die Kleinen sprechen zu schnell. Ich kann sie nicht gut verstehen. „Sag ihnen, dass wir alles versuchen, aber sei …“ Ich habe wieder Schwierigkeiten, mich auszudrücken.

„Behutsam, ich verstehe schon“, sagt Ben.

„Genau das meine ich. Danke. Ich schaue mich hier einmal um.“ Das war wieder nicht fair von mir. Aber was soll ich ihnen sagen? Ich kann es mir ja selbst nicht erklären. Ben geht auf alle Fragen ein und versucht, sie bestmöglich zu beantworten. Er ist jetzt die Bezugsperson für die Kleinen. Wie ein großer Bruder. Ich bin zu fremd. Vielleicht ändert sich das später.

Ich stehe auf und entferne mich von der Gruppe. Von Weitem schaue ich zurück und beobachte Ben. Er verhält sich erstaunlich erwachsen, obwohl es das nicht richtig beschreibt. Es gibt in extremen Situationen immer wieder Menschen mit außergewöhnlichen Fähigkeiten. Ben scheint so jemand zu sein.

Ich sehe, wie er zum Wagen geht und seine Sachen herausholt. Er gibt den Kindern die Bücher und seinen Ball. Ich habe nicht daran gedacht, die Kleinen zu beschäftigen.

Während ich über die Wiese gehe, versuche ich mit meinem Telefon mehr herauszufinden. Die Landkarte wird mir trotz fehlender Verbindung angezeigt. Ich kenne mich hier nicht aus und möchte wissen, wohin die Straße führt. Ben spielt derweil mit den Jungen. Ich winke ihn herbei.

„Wir bewegen uns in diese Richtung.“ Ich zeige ihm die Karte, als er neben mir steht. „Was denkst du? Wohin sollten wir fahren?“

Er zeigt auf einen Ort und nennt einen Namen, den ich nicht kenne. Ich merke mir den Punkt auf der Karte. Er liegt offenbar an einem See. Ob das heute auch noch zutrifft, ist schwer abzuschätzen. Die Karte ist mit unserer bisherigen Umgebung kaum noch zu vergleichen.

Ich präge mir den Weg ein und schalte das Gerät wieder aus. Inzwischen habe ich die Powerbank angeschlossen. Sie braucht Zeit, bis sie vollständig aufgeladen ist.

„Die Bäume sehen komisch aus“, höre ich hinter mir eine Stimme sagen. Alexander steht dort und zeigt auf eine Reihe von Bäumen. Jetzt fällt mir ebenfalls auf, dass sie eine unnatürliche Färbung angenommen haben. Erst bei genauer Betrachtung bemerkt man es. Ich gehe näher heran, aber ich kann diese Veränderung nicht zuordnen. Die Palmwedel weisen zahlreiche rote Flecken auf.

„Sieht merkwürdig aus. Ich weiß nicht, warum das so ist“, antworte ich.

Wir müssen weiter. Ich möchte gerne an einen Ort kommen, wo wir vielleicht Hilfe bekommen oder wenigstens rasten können. Der Pick-up kann uns nur provisorisch als Unterkunft dienen, jedoch nicht auf Dauer. Ich fordere alle auf, zum Wagen zurückzukehren. Nach einer weiteren Stunde ist auf der rechten Seite wieder das Meer zu sehen, das sich erneut bis zum Horizont erstreckt. Auf der Karte ist die Wasserfläche nicht verzeichnet.

Langsam geht die Sonne unter und wir halten auf der Straße an. Ben bereitet für alle das Abendessen zu. Olivia hilft ihm dabei. Es amüsiert mich, zu sehen, wie sie Ben anhimmelt.

Es gibt Cornflakes oder Müsli mit Milch. Eine warme Mahlzeit gibt es nicht, da wir kein Feuer machen können. Die Sache mit den zwei Stöcken, die man aneinanderreibt, versuche ich erst gar nicht.

Da die Innenbeleuchtung im Wagen nicht funktioniert, dient die Taschenlampe in meinem Telefon uns im Dunkeln als Lichtquelle. Ben sitzt auf dem Fahrer- und die beiden Jungs auf dem Beifahrersitz. Für die Mädchen ist es auf der Rückbank zu eng und sie fangen schon an, sich zu zanken. Ich verteile die Decken über alle und sage: „Morgen früh geht es weiter, versucht, zu schlafen.“

Die Kinder schauen mich an, bis Hannah sagt: „In Ordnung, gute Nacht.“

„Wo schläfst du?“, frag mich Ben.

„Ich lege mich neben den Wagen.“

Sonst wird es zu eng. Ich steige aus und hole mir zwei Decken. Mit ihnen bereite ich mir neben der Fahrertür mein Nachtlager. Ich stehe noch eine geraume Zeit vor dem Wagen und beobachte den Sonnenuntergang, bis fast alle eingeschlafen sind. Nur Mia ist länger wach, sagt aber nichts.

Ich lege mich auf die Decke und nehme mein Handy. Ohne Verbindung sind die meisten Apps nutzlos. Das Wörterbuch ist jedoch auch offline verfügbar und wird mir helfen.

Meine Gedanken schweifen wieder ab. Wie sieht es jetzt in Europa aus? Ich habe die geringe Hoffnung, dass die Katastrophe auf Florida beschränkt ist. Aber bei den Auswirkungen, die uns hier begegnen, bin ich mir nicht sicher. Ich verstehe nicht, warum wir keine Menschen antreffen, keine Flugzeuge oder Helikopter, die die Gegend absuchen? Waren die Hilfstruppen schon hier und wir sind zu spät aufgewacht?

Ich blättere in meinem Handy weiter, obwohl es sinnlos ist. Mich erwarten nur alte Nachrichten und E-Mails. Die Termine im Kalender sind nicht mehr wichtig. Wie wird das Wetter? Die Wetteraussichten sehen gut aus. Stand von vor vier Tagen. Ich denke wieder an den roten Morgenhimmel. Sonne, kein Regen. Zum Glück, denn ich habe die Befürchtung, dass der Regen nichts Gutes bringen würde. Berichte von verheerenden Vulkanausbrüchen und wie sie das Klima verändern können, kommen mir in den Sinn.

Ich blättere weiter auf meinem Smartphone. Die nächste Seite zeigt Aktienkurse, eine Fitness-App zählt die Schritte. Tools wie Kompass, Licht und Landkarte sind die einzigen Funktionen, die in unserer Situation Sinn machen. Den Rest lösche ich. Sie würden nur unnötig Strom verbrauchen.

Ich will gerade die Bilder durchsehen, als Ben aus dem Wagen steigt und sich neben mich setzt.

„Ich kann nicht schlafen“, sagt er, „was guckst du dir da an?“

„Unterschiedlich, Apps, Wetter“, antworte ich, „aber das meiste ist unbrauchbar.“

Er sieht die angezeigten Bilder.

„Fotos? Von Deutschland?“

Ich nicke und wähle die Kontakte. Dort zeige ich Ben das Bild meiner Frau und das meines Sohnes.

„Interessant“, sagt Ben. „Wie alt ist dein Sohn?“

„Neunundzwanzig. Er ist verheiratet und wird bald Vater.“

Wie mag es ihnen jetzt gehen? Während ich darüber nachdenke, steht Ben auf und geht zur Ladefläche. „Kannst du einmal hierhin leuchten?“ Ich stehe auf und mache die Taschenlampe an. Er holt sein Kästchen hervor und wir setzen uns wieder hin. Ich lasse das Licht an und er holt ein Bild heraus. Darauf ist er mit einer Frau und einem Mädchen zu sehen.

„Deine Mom und deine Schwester?“, frage ich.

„Mhm.“ Er nickt.

„Waren sie auch in dem Haus?“

„Sie haben meine Tante besucht.“

„Und dein Vater? Er ist nicht auf dem Bild“, hake ich vorsichtig nach.

„Er hat das Foto gemacht.“

„Und wo war er vor …“ Ich mache eine Pause und schwenke meinen Arm. „Bevor das passiert ist?“, frage ich weiter.

„Arbeiten.“

Eine lange Pause entsteht und ich möchte nicht weiter nachfragen. Er wird schon von selbst erzählen, wenn er bereit ist.

„Möchtest du dich neben mich legen?“

Ohne eine Antwort zu geben, holt er seine Decke aus dem Auto. Gemeinsam legen wir uns hin und ich mache das Handy aus.

„Gute Nacht“, flüstere ich.

„Gute Nacht“, kommt es zurück.

30. März

Unterkunft

Es ist noch dunkel, als ich aufwache. Ben liegt eingerollt in seiner Decke neben mir. Ich bleibe bis zur Dämmerung liegen und denke über unsere Situation nach, während ich den Sternenhimmel bewundere.

Es ist stockfinster und ich bin überwältigt von der Vielzahl der Sterne. Wir haben zunehmenden Mond. Sein Licht lässt die Umgebung nur schemenhaft erscheinen. Ich suche nach dem Polarstern. Den großen Wagen erkenne ich sofort. Darüber den kleinen Wagen. Am Ende der Deichsel befindet sich der Polarstern. In dieser Richtung liegt Norden.

Wenigstens ein fester Punkt.

Als die Dämmerung beginnt, verfärbt sich der Himmel wieder rot. Ich stehe auf und sehe nach den Kindern. Mia hat sich in den Fahrersitz gesetzt. Sophia, die Kleinste, liegt quer auf den Schößen der anderen. Ich warte noch einige Minuten, bevor ich sie aufwecke.

Unsere Morgentoilette fällt aus Mangel an Wasser spartanisch aus. Ich verschwende ungern Trinkwasser.

Die Kinder bemerken den rötlichen Himmel, sagen aber nichts. Ich lasse sie noch eine Weile auf der Wiese herumtollen, während Ben uns mit Cornflakes versorgt. Schließlich zwängen sich alle in den Wagen und wir setzen unsere Reise fort.

Der Tank ist halb voll. Das reicht für heute. Aber dann? Die Schäden auf der Straße nehmen zu. Ebenso die herumliegenden Hindernisse. Es wird immer schwieriger, sie zu umfahren. Zum Glück ist der Wagen geländegängig. Es wird deutlich, dass wir uns einer größeren Stadt nähern. Die Kinder diskutieren über das, was sie sehen, zeigen auf Gegenstände, an denen wir vorbeifahren. Sie sprechen schnell und hektisch. Ich kann mich nicht darauf konzentrieren und verstehe nicht immer, was sie sagen.

Als der Weg durch Sand, Steine und Mauerreste der Häuser versperrt wird, halte ich an. Was wir sehen, verschlägt den Kindern die Sprache. Ein Bild der Verwüstung und Zerstörung breitet sich vor uns aus. Überall liegen Bretter, Reste von Häusern, Steine, Teile von Mauern, Dächer und Möbel. Stromleitungen hängen an zusammengefallenen Häuserfassaden herunter oder liegen auf der Straße. Die Fassaden machen den Eindruck, als würden sie jeden Moment einstürzen. Sogar Boote befinden sich dazwischen.

Es sieht aus wie auf einer großen Müllhalde. Ein leichter Wind ist zu spüren. Papier und Plastikplanen wiegen hin und her.

Fassungslos steige ich aus. Die Kinder folgen und das Quietschen der Türen scheucht einige Vögel auf, die in dem Unrat nach Nahrung suchen. Es sind überwiegend Möwen. Ich schaue hoch und sehe weitere von ihnen über uns kreisen. Beruhigend zu wissen, dass wir doch nicht die einzigen Lebewesen sind.

Wir steigen wieder ein und folgen einer schwer passierbaren Straße. Langsam durchqueren wir die Trümmer und Ruinen dieser Stadt. Immer öfter wird uns der Weg versperrt. Am Ende erreichen wir wieder die Küste. Oder zumindest das, was jetzt Küste ist. Hier liegen große und kleine Boote auf der Straße und sogar auf den Dächern einiger Häuser. Der größte Teil der Stadt steht im Wasser. An der ehemaligen Kaimauer ragen Teile von gekenterten Schiffen aus dem Wasser.

Vor uns führt der Weg zwar in die Stadt, aber da ist kein Durchkommen. Es macht auch keinen Sinn, dort nach Überlebenden zu suchen. Zu stark sind die Verwüstungen.

Sophia fängt an zu weinen. Ich halte und wende mich nach hinten. Sie kauert hinter Ben auf der Rückbank. An Mason und Alexander vorbei, die wieder auf der Mittelkonsole sitzen, nehme ihre Hand und versuche, sie zu beruhigen: „Hab keine Angst. Ich bringe euch in Sicherheit. Versprochen.“

Keine Ahnung, ob ich das Versprechen einlösen kann, aber vorerst hilft es. Zumindest weint sie nicht mehr.

„Was sollen wir machen?“, frage ich Ben.

„Die Stadt nützt uns nichts, wenn alles kaputt ist“, antwortet er. „Wir könnten es in die Richtung versuchen.“ Er zeigt auf die Straße, die wieder aus der Stadt herausführt. Sie ist stellenweise mit Wasser bedeckt und steigt leicht an. Ich stimme zu und lege den Gang ein. Vorsichtig biege ich in diese Straße und wir lassen die Stadt hinter uns. Nach einigen Kurven entlang der Küste erreichen wir das Ende. Vor uns ist die Straße weggebrochen. Dahinter ist wieder das Meer. Langsam wird es deprimierend. Wir befinden uns anscheinend auf einer verfluchten Insel.

„Ein paar Meter zurück ging ein Weg ab“, sagt Ben.

„Versuchen wir es“, antworte ich resigniert und wende den Wagen. Die amerikanischen Straßen sind glücklicherweise breit genug für dieses Manöver.

Wir biegen in den Weg ein. Es sieht aus wie eine Zufahrt zu einem größeren Anwesen. Eine schmale asphaltierte Straße führt an niedrigen Laubbäumen und Sträuchern vorbei, die sich mit Wiesen- und Sandflächen abwechseln. Die Stromleitungen sind von den Masten heruntergerissen. Dennoch ist die Verwüstung hier bei Weitem nicht so schlimm wie in der Stadt. Vereinzelt stehen Palmen am Straßenrand.

Schließlich kommt ein weißes Anwesen in Sicht. Es steht auf Betonsäulen, sodass man mit mehreren Autos unter dem Obergeschoß parken kann. Daneben befinden sich geschlossene Räume. Eine Öffnung in der Wand und der Schutt auf dem Boden zeigen, dass hier ebenfalls eine gewaltige Kraft Fenster und Türen herausgerissen hat. Ansonsten liegt außer kleinen umgestürzten Bäumen und Ästen nichts weiter herum. Es sieht friedlich, regelrecht unschuldig aus. Die Palmen, die das Haus säumen, verstärken den Eindruck.

Es hat zwei Etagen und einen breiten, umlaufenden Balkon. Reste von einem Geländer sind sichtbar. Die Fenster wurden in den oberen Räumen teilweise zerbrochen oder aus den Angeln gerissen.

Ich fahre den Wagen unter das Haus. Neugierig steigen wir aus. Seitlich führt eine Treppe auf den Balkon.

„Wartet bitte hier!“, sage ich zu den Kindern. „Ich teste erst die Treppe.“ Vorsichtig gehe ich Stufe für Stufe nach oben. Dort angekommen rufe ich: „Ihr könnt kommen. Aber passt auf.“

Angeführt von Ben gelangen sie einer nach dem anderen auf den Balkon.

„Vorsicht an der ...“, ich überlege kurz, „Kante.“

An Bens Zustimmung sehe ich, dass es der richtige Ausdruck ist. Die Reste des brüchigen Balkongeländers würden sie nicht vor einem Sturz bewahren.

Wir betreten einen L-förmigen Raum – anscheinend das Wohnzimmer. Ein Durchgang trennt die Küche vom Wohnraum, in dem ein runder, aus Korb geflochtener Tisch mit einer Glasplatte steht. Dahinter befindet sich eine Sitzecke aus türkisfarbenem Leder. Weitere Möbel liegen umgestürzt und verstreut im Raum.

Die Teppiche sind verschlammt. Hier war auch Wasser? Es kann aber nur wenige Zentimeter hoch im Zimmer gestanden haben. Man erkennt es am unteren verschmutzten Rand der Möbel. Die Fluten waren so stark, dass es die bis auf den Boden reichenden Fenster beschädigte. Jetzt ist alles wieder trocken.

Die Kinder entspannen sich und laufen überall herum.

„Seid vorsichtig!“, rufe ich.

Natürlich wollen sie das nicht hören und spielen weiter. Die Küche ist geräumig und befindet sich auf der linken Seite um eine Ecke. Eine mindestens vier Meter lange Theke ragt in das Wohnzimmer. Ich probiere das Licht und den Herd aus. Aber es gibt keinen Strom. Ein mannshoher Kühlschrank mit zwei Türen steht der Zeile gegenüber. Ich öffne ihn. Wie es aussieht, ist er vor Kurzem gefüllt worden.

Die Mädchen kommen herbeigelaufen. Sie sind von den beiden Schlafzimmern begeistert. Mason und Alexander toben auf der Sitzecke. Ich entspanne mich und freue mich darüber, eine passende Unterkunft gefunden zu haben. Zumindest bis Hilfe eintrifft.

Nur Ben sieht nicht glücklich aus. Er steht mitten im Raum und schaut mich skeptisch an.

„Wir können nicht hierbleiben“, sagt er ernst.

Er schafft es, mich in die Realität zurückzuholen.

„Warum nicht, wir können hier auf Hilfe warten.“

„Es wird niemand kommen“, gibt er zurück.

„Warum nicht?“, frage ich erneut.

„Hier lebt keiner mehr, warum also sollen sie zurückkommen?“

Ich frage mich, wer von uns der Erwachsene ist.

„Du hast recht“, erwidere ich, „aber heute können wir erst einmal hierbleiben.“

Trotzdem befürchte ich, dass wir einige Tage hier verbringen müssen. Wo sollen wir hin? Vielleicht sucht uns ja doch jemand.

Ich nutze die anschließende Zeit damit, den Wagen auszuräumen. Durch die Beschäftigung bin ich abgelenkt und brauche nicht nachzudenken. Ben hat recht damit, dass wir hier nur vorübergehend bleiben sollten. Allerdings frage ich mich, wohin wir auf dieser Insel fahren können. Vor allem mit so vielen Kindern.

Ich gehe auf den hinteren Balkon. Dort führt eine Treppe auf die Terrasse, die einen guten Überblick über die Umgebung bietet. Der Pool ist mit Wasser und jeder Menge Müll gefüllt. Die Überdachung des Pools ist eingestürzt. Schwimmen kann man hier vergessen. Ein gemauerter Grill befindet sich daneben. Ich gehe nach unten und schaue ihn mir näher an und sehe, dass er einen Gasanschluss besitzt. Die Gasflaschen sind in einer seitlichen Nische untergebracht. Der Grill hat das Inferno gut überstanden. In den Schubladen finde ich neben dem üblichen Besteck eine Feuerzange, mehrere Feuerzeuge und Streichhölzer. Wir haben Feuer. Endlich eine warme Mahlzeit! Mir läuft bei dem Gedanken bereits das Wasser im Mund zusammen.

Ich werde durch zänkisches Geschrei abgelenkt. Mit großen Schritten eile ich nach oben, um nachzuschauen, was los ist. Die Kinder streiten darüber, wer welches Zimmer bekommt. Ben sitzt in einem Stuhl im Wohnzimmer und beobachtet das Theater kopfschüttelnd.

„Es reicht! Was ist hier los?“, rufe ich laut.

Sofort verstummt die Meute und schaut mich an.

„Jeder setzt sich jetzt ins Wohnzimmer und wir klären das!“, befehle ich mit strengem Blick.

Die Kinder gehorchen ohne Widerworte.

„Was ist das Problem?“, frage ich, nachdem sie Platz genommen haben. Sofort sprechen alle durcheinander und ich verstehe kein Wort.

„Stopp!“, rufe ich und hebe die Hände. „Einer nach dem anderen.“ Ich warte auf Antworten.

„Die da“, Emma zeigt auf Alexander und Mason, „wollen uns das Zimmer wegnehmen. Wir haben es aber zuerst entdeckt.“

Die beiden Jungen wollen etwas erwidern, aber ich unterbinde es, indem ich wieder meine Hand hebe.

„Verstehe.“ Ich überlege kurz. Die Kinder haben nichts zu tun. Wenn sie ihre Zimmer einrichten könnten, wären sie eine Weile beschäftigt.

„Wartet hier.“

Ich schaue mir die einzelnen Zimmer an. Es gibt zwei Schlafzimmer mit zwei Bädern. Ich folge der Treppe nach oben und finde dort ein weiteres kleineres Zimmer. Hier oben ist alles in Ordnung. Wieder im Wohnzimmer angekommen, bestimme ich: „Alexander und Mason schlafen oben.“

Murrend lassen sie die Köpfe hängen.

„Ihr Mädchen teilt euch die anderen beiden Zimmer. Wer will mit wem zusammen schlafen?“

„Ich bleibe bei Mia“, sagt Sophia sofort. Das war klar. Sie ist ihre Schwester.

„Ich auch“, sagt Olivia leise.

„Gut, dann einigt ihr Mädchen euch, wer in welchem Zimmer schläft. Aber ohne Streit!“, ermahne ich sie.

Nachdem das geklärt ist, verschwinden alle in ihre zugewiesenen Räume.

„Gut gemacht.“ Ben kommt zu mir herüber. „Und wo schlafen wir?“, fragt er.

„Ich denke, wir bleiben im Wohnzimmer auf der Couch.“

Er ist einverstanden und geht nach unten, um unsere Decken aus dem Wagen zu holen.

Ich lasse mich auf das Sofa fallen. Wenn man hier einmal durchfegt, sieht das bestimmt ganz ordentlich aus. Wahrscheinlich müssen wir eine lange Zeit hierbleiben. Ich bin mir nicht sicher, ob ich das mit den Kindern schaffe. Sie sind eine enorme Verantwortung. Kann ich dieser Herausforderung gerecht werden? Andererseits kann ich sie auch nicht im Stich lassen.

Ich stehe auf und gehe in eines der Schlafzimmer. Sophia, Mia und Olivia liegen auf dem Bett und haben einige Bücher vor sich aufgeschlagen.

„Ist alles okay?“, frage ich sie.

„Wir haben Bücher gefunden.“ Sie schauen mich fragend an, als ob ich Einwände hätte.

„Schön, viel Spaß damit“, antworte ich nickend. Hinter mir erscheinen Hannah und Emma.

„Wann können wir wieder nach Hause?“, fragt Hannah traurig.

„Ja, zu Mom und Dad“, ergänzt Emma.

Ich kann ihre Not nachvollziehen. Sie haben Tränen in den Augen. Die anderen drei Mädchen schauen mich an und warten auf eine Antwort. Wir hatten das während der Fahrt schon angesprochen, aber die Kinder haben es offenbar noch nicht realisiert. Und nun stehe ich ratlos zwischen ihnen und bin zu keiner sinnvollen Antwort fähig.

„Ich weiß es nicht“, sage ich schließlich und senke den Kopf. „Wir werden uns zusammensetzen und einmal darüber reden“, beschließe ich. „Wo ist Ben?“

Ich gehe ins Wohnzimmer und rufe ihn. Er steht draußen auf dem Balkon und wendet sich zu uns. „Komm bitte herein“, rufe ich ihm zu. Er kommt nachdenklich zu uns. „Wir müssen mit den Kindern reden“, sage ich zu ihm. „Ich brauche dich dafür.“

Er nickt nur.

„Ich hole die Jungs“, sage ich und gehe ins obere Geschoss, wo die zwei in ihrem Zimmer toben und die vorhandenen Kissen hin- und herwerfen.

„Könnt ihr bitte ins Wohnzimmer kommen?“, unterbreche ich sie.

„Jetzt?“, fragt Mason.

„Ja, jetzt.“

Ich warte, bis die beiden an mir vorbei die Treppe hinunterrennen, und folge ihnen. Wir versammeln uns in einer großen Runde um den Tisch.

„Ich weiß, dass ihr viele Fragen habt“, beginne ich. Diesmal würde ich nicht alles Ben überlassen können. „Wir wissen nicht, was passiert ist. Ben und ich haben noch niemanden außer euch getroffen“, erkläre ich. „Ihr habt gesehen, was mit der Stadt passiert ist. Die Häuser sind alle zerstört. Darum könnt ihr nicht zurück. Vielleicht sind die Menschen – eure Eltern – gerettet worden, aber wir wissen es nicht.“

Ich mache eine Pause. Sie sehen mich mit ihren großen Augen fragend an.

„Wenn wir hierbleiben, können wir auf Hilfe warten. In der Zwischenzeit können wir hier aufräumen und das Nötige reparieren.“

Ich verteile Aufgaben an die einzelnen Gruppen und versuche, sie damit zu beschäftigen.

„Und wenn nicht?“ Ben steht mit verschränkten Armen vor mir, als wir wieder allein sind.

„Was willst du stattdessen tun?“, frage ich zurück.

„Wir müssen weiter. Hier kommt keine Hilfe!“, sagt er eindringlich.

„Und wohin? In die Stadt?“, sage ich kopfschüttelnd. „Wir befinden uns anscheinend auf einer Insel. Hier ist niemand mehr.“ Ben hat wahrscheinlich recht. Aber ich habe Angst vor den Konsequenzen. „Wir bleiben hier, das ist ein sicherer Ort!“, entscheide ich.

„Bist du sicher?“, gibt er nur kurz zurück, dreht sich um und hilft Mason und Alexander, die damit beschäftigt sind, die Reste der zerbrochenen Balkontüren zu beseitigen.

Die Kinder haben das Gespräch mitbekommen, halten sich aber zurück. Was erwartet er von mir?, frage ich mich. Ich kann an der Situation nichts ändern. Das Haus ist in einem guten Zustand. Viel besser als alles, was wir während der Fahrt gesehen haben.

Später prüfe ich die technischen Einrichtungen. Die elektrischen Sicherungen sind intakt. Also kommt kein Strom an. Das Wasser funktioniert, ich befürchte aber, dass das nur vorübergehend ist. Die Toiletten sind okay. Die schwereren Gegenstände wie Türen und Fenster räume ich nach draußen. Als die Arbeit getan ist, rufe ich alle zusammen.

„Wir sind jetzt ein Team. Wir müssen zusammenhalten, versteht ihr das? Kommt näher.“ Ich winke sie herbei. Sie verstehen die Geste und wir legen reihum die Arme auf die Schulter unserer Nachbarn wie ein Fußball-Team vor dem Anpfiff.

„Sind wir ein Team?“, frage ich lauter.

„Ja!“, stimmen alle ein.

„Was sind wir?“, frage ich wieder.

„Ein Team!“, rufen sie laut.

„Na, dann werde ich einmal sehen, ob wir heute Abend eine warme Mahlzeit bekommen.“ Es ist bereits sehr spät und ich bemerke erst jetzt meinen Hunger.

„Wer will, kann sich etwas zu trinken holen.“

Die Kinder stürmen los und verteilen sich anschließend im ganzen Haus. Ich gehe in den Garten und schaffe dort eine Feuerstelle. Sie wird uns Licht spenden, wenn es dunkel wird.

Am Grill hat sich Ben eingefunden und fragt: „Bin ich noch der Koch?“

„Sicher. Wenn du noch willst.“

Er holt aus der Küche Geschirr und bereitet aus den Konserven auf dem Grill ein Nudelgericht in einer Pfanne zu. Das ist am einfachsten und schmeckt allen. Später setzen wir uns mit den Kindern um das Feuer und nehmen unsere erste warme Mahlzeit zu uns. Als die Dämmerung einsetzt, kommt Sophia mit einem Buch zu mir und fragt, ob ich ihr daraus vorlesen kann. Es ist ein Liebesroman.

„Sicher. Gib her.“

Ich beginne mit dem Vorlesen, während alle um das Feuer herumsitzen. Ab und zu muss ich den einen oder anderen ermahnen, wenn er der Feuerstelle zu nahekommt. Ben sitzt ebenfalls bei uns, jedoch mit einigem Abstand zu mir.

Es wird ein lustiger Abend. Die meisten Worte betone ich falsch und die Kinder machen sich darüber lustig, wie ich vorlese. An manchen Stellen finden die Mädchen das süß und die Jungen machen Faxen und finden es albern. Alle tollen herum und lachen.

Es ist schon spät und ich fordere sie auf, die Sachen ins Haus zu tragen. Die Taschenlampe in meinem Mobiltelefon hilft uns dabei, den Weg zurück ins Haus zu finden. Ich bringe sie in ihre Zimmer und wünsche ihnen eine gute Nacht.

31. März

Entdeckungen

Am Morgen wache ich entspannt auf. Es ist die erste Nacht, in der ich durchgeschlafen habe. Die Mädels sind schon wach und servieren mir Cornflakes.

„Danke schön“, sage ich anerkennend. „Und was ist mit euch?“

„Wir haben schon“, antworten sie. „Nur Alex und Mason nicht, die schlafen noch.“

Ich lache und bedanke mich.

„Wo ist Ben?“, frage ich Olivia.

„Der ist draußen. Er wollte etwas suchen.“ Oder meint sie nachsehen?

„Wo?“, hake ich nach.

„Hinter dem Pool“, antwortet sie.

„Okay, ich schaue gleich nach“, sage ich, während ich mein Frühstück zu mir nehme. „Aber vorher sehe ich nach Alex und Mason.“

Nachdem ich aufgegessen habe, gehe ich nach oben und wecke die beiden Schlafmützen.

„Die Mädchen haben bereits Frühstück gemacht.“ Sie sind sofort auf und wollen nach unten rennen.

„Stopp. Nicht so schnell. Die Mädchen haben das Frühstück gemacht, aber ihr räumt das Geschirr und die Küche auf. Ist das ein Deal?“, frage ich die beiden.

„Deal“, meinen sie zögerlich, sichtlich nicht einverstanden.

Ich mache mich auf den Weg und schaue nach Ben. Als ich am Pool vorbei bin, kommt Ben hinter einer Hecke hervor und zeigt ein zufriedenes, nein, ein siegessicheres Lächeln.

„Rate mal, was ich gefunden habe!“, ruft er freudig.

„Zeig es mir“.

„Komm mit!“, fordert er mich auf.

Ich hebe die Hände. „Warte. Ich sage erst den Kindern Bescheid, dass sie im Haus bleiben sollen.“

„Mach ich schon“, ruft er und rennt an mir vorbei.

Ich bin gespannt, was er entdeckt hat. Kurze Zeit später kommt er zurück und ich folge ihm auf einen Weg, der hinter der Hecke verläuft. Wir kommen an einen Wassergraben, eine Art Kanal, der mindestens fünfzig Meter breit ist. Ein Holzsteg führt unterhalb der Wasseroberfläche am Ufer entlang. Jede Menge Bretter, Balken und Müll treibt auf dem Wasser.

Ben rennt weiter über den befestigten Weg. Ich erkenne, dass einige Bäume und irgendetwas Großes den Pfad blockieren. Auch der Steg ist an dieser Stelle zerstört und ragt mit seinen zerbrochenen Planken, Brettern und Pfosten teilweise aus dem Wasser, als wäre etwas Schweres darauf niedergegangen. Dann sehe ich das Boot, das von Sträuchern, umgestürzten Bäumen und Geäst bedeckt wird.

„Ein Boot?“, sage ich verwirrt.

„Ein Segelboot. Es ist kaum beschädigt!“ Er klingt euphorisch. Perplex sehe ich auf das Boot. Was hilft uns das? Er bemerkt mein fragendes Gesicht.

„Wir können es reparieren. Und damit von der Insel …“

Ich hebe abwehrend die Hände. „Das ist viel zu gefährlich!“, entgegne ich und sehe, wie Ben zornig die Fäuste ballt.

„Du willst nur nicht!“, schreit er mich an, dreht sich um und rennt zum Haus zurück.

Wie vor den Kopf geschlagen bleibe ich zurück. In diesem Augenblick wird mir bewusst, dass er noch nicht erwachsen ist. Er ist ein zwölfjähriger Junge.

Ich gehe näher an das Boot heran. Es ist nicht nur ein Boot, sondern eine Segeljacht. Sie liegt halb auf der Seite, der Mast wird von den Ästen und Bäumen niedergedrückt. Allein der ist schätzungsweise fünfzehn Meter lang, wenn nicht länger.

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