Kitabı oku: «Rift», sayfa 4
Soweit ich erkennen kann, hat Ben recht. Die Yacht hat keine größeren Schäden davongetragen. Wenn man die Bäume entfernt, könnte man sie wieder benutzen. Ich mache kehrt und gehe in Gedanken versunken zurück zum Haus. Was sollen wir mit einem Boot? Fischen wäre eine gute Idee, unsere Lebensmittel sind immerhin begrenzt. Könnten wir über das Meer segeln? Vermutlich kann keiner von uns ein Segelboot bedienen. Oder Ben etwa?
Nachdenklich erreiche ich das Haus. Ben sitzt schmollend auf der Couch.
„Kennst du dich mit Segelbooten aus?“, frage ich.
Er zögert – will es anscheinend nicht verneinen. „Ein bisschen. Ich bin schon öfter im Boot mitgefahren“, gibt er zurück.
„In einem Segelboot?“, hake ich nach.
„Motorboot“, entgegnet er kleinlaut und schaut dabei auf den Boden. „Aber das ist doch kein Unterschied.“
Wenn er nur verstehen würde, dass das der pure Wahnsinn wäre, aber wie soll ich das dem Jungen klarmachen? Er ist so voller Hoffnung. Ich will ihn nicht enttäuschen. Andererseits ist es vielleicht eine gute Aufgabe für uns. Wir könnten das Boot wieder seetüchtig machen.
„Lass uns erst mal versuchen, ob wir es reparieren können.“
Sein Gesicht hellt sich auf. Mit neuem Mut und Tatendrang stürmt er nach draußen.
„Ich fange schon mal an!“
„Sei vorsichtig!“, rufe ich zurück, obwohl ich weiß, dass ich ihn dabei nicht allein lassen sollte. Das ist zu gefährlich.
In diesem Moment kommt Mia herein.
„Was hat er?“, fragt sie.
„Er hat ein Boot gefunden“, antworte ich.
„Ein Boot?“, fragt sie gedehnt. Sie dreht sich um und läuft zu den anderen.
„Wir haben ein Boot“, ruft sie ihnen aufgeregt zu. „Wir haben ein Boot!“
„Kommt alle mit!“ Es ist besser, wenn wir alle zusammenbleiben. So habe ich alle im Blick.
Am Boot angekommen schlüpft Ben breit grinsend unter den Ästen hervor. Die Kinder laufen ihm entgegen und reden wild durcheinander. Ich bleibe ein Stück entfernt stehen und kann kaum etwas verstehen.
Ich will ihnen nicht die Freude und Hoffnung nehmen. Es fühlt sich gut an, ein Ziel, eine Aufgabe zu haben. Die Frage ist nur, wie ich die Kleinen bei den Arbeiten einbinde. Denn viel können sie noch nicht machen und ich will nicht, dass sie im Wasser landen.
„In Ordnung, Leute“, rufe ich in die Runde, „wir gehen jetzt zurück und planen, wie wir das Boot reparieren können und wer von euch welche Aufgabe übernimmt.“
Sie sind begeistert. Auf dem Rückweg reden alle durcheinander.
„Sorry wegen vorhin“, sage ich zu Ben, der neben mir hergeht. „Wir werden es versuchen, gleich morgen früh.“
1. April
Das Boot
Nach dem Frühstück versammeln wir uns im Wohnzimmer. Ich übernehme das Kommando, was Ben belustigt mit „Aye, aye, Captain“ kommentiert.
„Ich möchte, dass ihr zwei Regeln befolgt.“ Alle schauen gespannt zu mir auf.
„Erstens: Keiner von euch geht irgendwo allein hin. Nirgendwo. Es müssen immer drei zusammen sein. Nicht zwei. Und nicht allein.“ Ich blicke streng in die Runde. Alle nicken.
„Das gilt auch für uns beide“, sage ich zu Ben. Er nickt.
„Wenn ich …“, ich zögere, „oder wenn Ben etwas sagt, wird das befolgt. Okay?“
Alle stimmen auch diesmal zu.
„Ben, du gehst mit Alexander und Mason zum Boot und versuchst, die kleineren Äste und Bäume zu entfernen.“
„Verstanden“, antwortet er.
„Aber seid vorsichtig. Nicht die schweren Äste. Ich komme nachher zu euch, um zu helfen.“
Zu Sophia, Mia und Olivia: „Seht ihr bitte einmal überall im Haus nach, ob ihr noch Werkzeuge, Seile oder so etwas findet. Stellt alles unten neben das Auto.“
Sie setzen sich begeistert in Bewegung.
„So, und wir drei müssen jetzt zählen“, sage ich zu Hannah und Emma.
„Könnt ihr schon zählen?“, frage ich die beiden.
„Bis 100“, antwortet Hannah stolz.
„Okay, dann zählen wir jetzt die Vorräte und schreiben alles auf.“
Ich brauche eine Übersicht über unseren Proviant und unser Wasser. Dem Leitungswasser traue ich nicht so weit, dass ich es trinken würde. Die beiden sind begeistert, mir dabei helfen zu können. Ich räume aus, Emma zählt und Hannah schreibt auf. Stolz zeigen sie mir ihre Ergebnisse, fragen immer wieder nach, wie etwas geschrieben wird, und korrigieren sich gegenseitig beim Zählen. Es ist fast wie in der Schule. Wir kommen nur langsam voran, aber wir haben Zeit und ich bin froh, die beiden gut beschäftigt zu haben.
Mia zeigt mir zwischendurch immer wieder ihr Sammellager. Sie räumen einfach alles zusammen, was sie tragen können. Sie zeigen mir die Sachen, die zu schwer für sie sind.
„Das können Ben und ich heute Abend tragen, lasst das ruhig stehen.“
„Was ist mit Kleidung?“, fragt Sophia. „Wir haben oben Hemden und Hosen gefunden. Das meiste ist für Erwachsene.“
Ich entscheide, dass diese Sachen im Wohnzimmer gesammelt werden sollen.
Gegen Mittag rufe ich die Kinder zum Essen. Sie berichten eifrig, was sie heute gemacht oder gesehen haben. Die Jungs am Boot sind nicht weit gekommen. Aber das habe ich auch nicht erwartet. Das ist Arbeit für Erwachsene. Ben ist mit dem Ergebnis unzufrieden und bemängelt, dass Mason und Alex mehr spielen als arbeiten. Woraufhin die beiden natürlich lautstark protestieren.
„Heute Nachmittag bringen wir die Werkzeuge mit dem Pick-up zum Boot. Dann können wir gemeinsam versuchen, das Boot freizubekommen“, beschwichtige ich die Bande.
Froh über die Ablenkung und die neue Aufgabe jubeln alle durcheinander. Jeder will helfen und bringt ein, was er machen wird. Harmlose Zwistigkeiten entstehen dabei. Sie verteidigen und rechtfertigen sich, bestehen darauf, recht zu haben. Ich lasse sie sich austoben.
Ben hingegen versucht, vereinzelt einzuschreiten. Das funktioniert eine Zeit lang, aber dann gibt er resigniert auf und setzt sich neben mich auf die Couch. Irgendwann merken die Kinder, dass wir sie beobachten.
Sie werden ruhiger und kommen nacheinander zu uns.
„Dann los“, sage ich und stehe auf.
Wir räumen zusammen und gehen zum Wagen. Alles, was wir am Boot gebrauchen könnten, kommt auf die Ladefläche.
„Ab in den Wagen!“, rufe ich, sobald alles verstaut ist.
Kaum habe ich ausgesprochen, drängeln sich die Kleinen schon in den Wagen. Über einen schmalen Weg kommen wir an den Kanal. Ich fahre langsam bis zum Boot und sehe, was die drei Jungen heute Morgen geleistet haben.
„Das sieht gut aus“, lobe ich sie.
Die dicken Stämme sind auch für mich zu groß, sodass wir überlegen, wie wir sie am besten wegräumen können. Am Ziel angekommen steigen alle aus und ich denke über unsere Möglichkeiten nach.
„Bitte bleibt in der Nähe“, sage ich zu den Kindern. „Seid vorsichtig und geht nicht zu nahe an den Steg. Ben und ich schauen uns um.“
Ich beziehe Ben absichtlich mit ein. Er soll wissen, dass ich ihm vertraue. Misstrauisch beobachte ich das Ufer.
„Meinst du, es gibt hier Alligatoren?“, frage ich ihn.
„Nein. Das ist Salzwasser.“
Er muss es wissen. Beruhigt schaue ich zu den Kindern. Sie laufen herum und spielen. Sobald ich sicher bin, dass sie nicht ins Wasser springen werden, gehe ich mit Ben näher zum Boot. Jetzt erkenne ich erst den ganzen Umfang der vor uns liegenden Arbeiten. Quer zum Steg befindet sich unter der Wasseroberfläche ein weiterer Steg.
Dort hat das Boot wohl ursprünglich angelegt. Es liegt jetzt nach links gekippt auf diesem Steg und wird durch einen senkrechten Pfosten gehalten. Der größte Teil des Mastes mit den Seilen liegt auf dem Weg. Bäume, die auf dem Mast liegen, ziehen das Boot auf die Seite. Das Wasser schwappt über die Bordkante. Der Kiel liegt ebenfalls auf dem Steg und hindert das Boot daran, sich aufzurichten. Das Heck hängt mit der Finne in der Luft, während sich ein Bruchstück des Steges am Bug zwischen Boot und Uferbefestigung verklemmt hat, wodurch es in diese Richtung nicht weiter abrutschen kann. Die Schraube sehe ich von hier aus nicht. Der direkte Zugang zum Boot ist uns vorerst verwehrt, da die Holzplanken fehlen.
„Wir müssen zuerst das Zeug vom Mast wegnehmen“, sage ich zu Ben. „Durch den Kiel kann es sich nicht aufrichten.“
Gemeinsam können wir viele Äste und Sträucher beseitigen. Es ist eine Sisyphusarbeit, in den Seilen hat sich einiges verheddert und lässt sich nur mühsam entfernen. Letztendlich bleiben zwei schwere Stämme übrig.
„Ich denke, das reicht für heute. Es ist schon spät.“
Ich breche die Arbeiten ab. Wir gehen zusammen ins Haus und bereiten uns auf die Nacht vor. Beim gemeinsamen Abendessen am Lagerfeuer lese ich wieder zur Belustigung aller aus dem Roman vor. Später auf der Couch denke ich noch lange darüber nach, wie wir das Boot freibekommen können, ohne uns dabei zu verletzen oder das Boot zu beschädigen.
2. April
Arbeit
Ich schaue nach draußen. Den morgendlichen roten Himmel nehmen wir mittlerweile als gegeben hin. Nachdem ich mich frisch gemacht habe, nehme ich die Liste der Vorräte zur Hand. Bei dem derzeitigen Verbrauch wird das für ungefähr vierzehn Tage reichen. Wir müssen uns also Gedanken machen, wie wir an Nahrung kommen. Das Boot wäre sicher eine große Hilfe. Beim Frühstück diskutiere ich mit Ben, Mia und Olivia über das weitere Vorgehen. Die beiden älteren Mädchen will ich immer mehr mit einbeziehen.
„Wir brauchen ein starkes Seil, dann könnten wir den Wagen benutzen, um die Stämme zu entfernen“, sage ich und frage die Mädchen: „Habt ihr ein Seil gefunden?“
Während sie den Kopf schütteln, denkt Ben kurz nach und sagt mit erhobenem Finger: „Am Boot hing ein Seil im Wasser. Das könnten wir nehmen.“
Wir räumen auf und gehen gemeinsam zum Boot. Ich möchte die Kinder zusammen wissen, da ich Angst habe, es könne ihnen etwas zustoßen oder sich jemand verletzen. Auf größere Verletzungen sind wir nicht vorbereitet.
Der Wagen steht an der Stelle, wo wir ihn gestern verlassen haben. Ben läuft zum Boot und zeigt auf das Wasser. Als wir näher kommen, sehe ich es ebenfalls. Am Boot ist ein Seil befestigt. Ich verfolge es und sehe, dass es an dem Steg aus dem Wasser kommt und unter einem der Stämme verschwindet.
„Dort ist das Ende“, sage ich und zeige auf den Stamm.
Mason krabbelt sogleich darunter und holt das Ende hervor, bevor ich eingreifen kann.
„Hier!“, präsentiert er mir stolz das Seil.
„Gut gemacht“, lobe ich ihn, obwohl mir kurzzeitig das Herz in die Hose gerutscht ist. Was, wenn der Stamm nachgegeben und der Mast sich abrupt aufgerichtet hätte? Ich will nicht weiter darüber nachdenken und nehme das Seil.
Es lässt sich fast drei Meter unter dem Geäst hervorziehen, dann klemmt es. Auch durch gemeinsames Ziehen löst es sich nicht.
„Wartet. Ich habe eine Idee.“ Ich gehe zum Wagen und fahre ihn so nahe heran, dass wir das Seil an der Abschleppöse befestigen können.
„Wir müssen das Seil so fest machen, dass wir es nachher auch wieder lösen können.“ Ein normaler Knoten zieht sich zu fest und lässt sich nicht wieder öffnen.
Jetzt müsste man die Seemannsknoten kennen. Mein Vater hätte hier helfen können. Er hatte einen Segelschein. Ich hatte das auch einmal vorgehabt. Mein Traum war es, um die ganze Welt zu segeln. Das ist Jahrzehnte her. Allerdings sind Boote nicht mein Metier. Ich werde jedes Mal seekrank. Mir fällt ein, dass mich das hier auch erwartet. Na, das kann spaßig werden.
„Lasst mich einmal nachdenken“, sage ich und setze mich vor dem Wagen auf den Boden.
Die drei Jungen sowie Mia und Olivia setzten sich zu mir. Die anderen spielen auf dem Weg.
Ich denke nach. Es gibt einen Knoten, der hält, wenn man Zug darauf bringt. Wenn man an dem losen Ende zieht, löst er sich wieder. Mit Bens Hilfe erkläre ich den Kindern, was ich vorhabe.
„Es muss ähnlich wie beim Schuhebinden funktionieren“, überlege ich laut.
Einige Kinder verfolgen meine Versuche gespannt, bis ich die Lösung gefunden habe.
„Das ist es“, sag ich und befestige das Seil am Auto.
Ich weise die Kinder an, in sicherer Entfernung zum Boot, den Bäumen und dem Wagen zu bleiben. Während ich langsam das Seil auf Spannung bringe, prüft Ben den Knoten. Er gibt mir mit Daumen hoch zu verstehen, dass er hält, und geht zu den anderen.
Langsam fahre ich zurück, bis sich das Seil unter dem Stamm löst. Im selben Augenblick rollt der Größere zur Seite und gibt den Mast frei. Jubelnd kommen die Kinder herbeigerannt, während ich anhalte.
Ich löse den Knoten und ziehe an dem Seil, das jetzt nur noch an dem Boot befestigt ist. Bevor ich ihn davon abhalten kann, klettert Ben behände über den Mast und die Reste des Steges auf das Boot.
„Stopp! Nicht!“, rufe ich ihm zu. „Wir brauchen das Seil am Boot.“ Er versteht.
„Wir werden jetzt mit dem Seil und dem Auto die restlichen Stämme wegziehen“, sage ich in die Runde, nachdem Ben zurückgeklettert ist. Ich schaue mir genau an, wie der Mast durch die anderen Stämme daran gehindert wird, sich aufzurichten, und entscheide dann, an welchen Stellen wir das Seil befestigen. Während ich mit dem Wagen ziehe, müssen alle weit genug vom Auto entfernt stehen, damit ihnen nichts passieren kann. Immer wieder korrigieren wir das Seil an den Stämmen, um den Mast nicht zu beschädigen. Zentimeter für Zentimeter gelingt es uns, den Mast und die daran befestigten Seile zu befreien. Als die Hindernisse aus dem Weg geräumt sind, richtet sich das Boot selbstständig auf, bis es durch den Kiel und die Pfosten erneut gehindert wird. Freudig steige ich aus und juble mit den Kindern.
Plötzlich hören wir ein knirschendes Geräusch und sehen, dass sich das Boot erneut in Bewegung setzt. Erschreckt schauen wir auf und beobachten, wie der eingeklemmte Teil des Steges vor dem Bug freikommt und langsam ins Wasser gleitet. Das Boot dreht sich um seine Achse und bleibt dann, gehalten durch die Leine, liegen.
Erleichtert atmen wir auf und wagen uns näher heran. Das Boot muss jetzt nur noch von dem Steg gezogen werden. Sichtlich zufrieden entscheiden wir, eine Pause einzulegen. Ben, Mia und Olivia gehen zum Haus zurück und holen Lunch für uns. Während dieser Pause sitze ich mit den anderen zusammen und beantworte ihre zahlreichen Fragen. Mittlerweile ist die Arbeit an dem Boot für sie zu einem großen Abenteuer geworden.
Nach dem Lunch stehen wir auf und gehen die Befreiung des Bootes erneut an. Wir haben uns entschlossen, das Boot so von dem Steg zu ziehen, dass es rückwärts ins Wasser gleitet.
Wir machen das Seil wieder an dem Wagen fest. Als Ben neben mir steht, nehme ich das Seil in die Hand und versuche, daran zu ziehen. Es bewegt sich keinen Millimeter. Ich steige in den Wagen. Vorsichtig fahre ich rückwärts und bringe das Seil damit auf Spannung, als sich plötzlich alles in Bewegung setzt. Der gesamte Anleger bricht zusammen. Das Boot dreht sich und setzt seitlich auf einen Pfosten auf. Das Heck taucht ein und wird durch das Seil gehalten. Der Bug folgt und gleitet langsam seitlich ins Wasser. Es knirscht und kracht, dass ich schon denke, unsere ganze Arbeit war vergebens. Sofort steige ich aus dem Wagen, und schaue tatenlos zu.
Nach einer gefühlten Ewigkeit kommt das Boot zur Ruhe. Mit Kratzern an der Seite und einer reichlich verbogenen Reling treibt es auf dem Wasser. Wir stehen einige Sekunden wie gelähmt da, bevor wir in einen erlösenden Jubel ausbrechen. Ich kann es gar nicht glauben, aber wir haben es geschafft. Wir haben das Boot freibekommen.
Vorsichtig ziehen wir es gemeinsam an das Ufer, sodass es mit dem Heck anliegt. Unsere Manöver würden einem Skipper das Blut in den Adern gefrieren lassen, denn es sind nur zwei Fender an der vorderen rechten Seite befestigt, an die wir nicht herankommen. So schrammt das Boot mit dem Heck an der Uferbefestigung. Vielleicht finden wir ja weitere an Bord.
Mit einem großen Schritt betrete ich das Heck. Alle wollen jetzt auf das Boot, aber ich halte sie zurück.
„Ich möchte erst nachsehen, ob es sicher ist. Wartet bitte einen Moment.“
Enttäuscht setzen sie sich an den Rand. Zu Ben sage ich: „Du kommst mit.“
Er macht einen Satz und ich fange ihn auf. Mein Blick gleitet über das Deck. Es ist ein großes Boot. Eine Segeljacht. Ich kann schlecht schätzen, aber das sind mindestens zwölf Meter. Sie schaukelt sanft im Wasser und ich weiß jetzt schon, dass ich Probleme bekommen werde. Sie sieht sehr neu und sehr teuer aus. Wir haben zwei Ruderstände.
Eine Traverse geht vor dem Abgang zum Innenraum quer über das Boot. Ich kann bequem darunter stehen. In der Mitte befindet sich ein zusammengeklappter Tisch. Der Mast steht senkrecht, alle Seile halten. Vor jedem Ruder befindet sich ein Kompass, außerdem drei weitere Instrumente und rechts ist ein roter Knopf mit der Beschriftung „Platform“. Ben öffnet den Zugang zum Innenraum. Mehrere Stufen führen nach unten. Ich folge ihm. Durch die seitlichen Fenster dringt ausreichend Licht. Es liegen vereinzelt Kissen, Gegenstände und Abdeckungen durcheinander, ansonsten ist es bemerkenswert aufgeräumt. Links gibt es die Kochnische samt Spüle. Zu beiden Seiten der Treppe befinden sich Schlafkabinen. Daneben liegt das Bad. In der Mitte gibt es einen Tisch mit einer U-förmigen Sitzbank. Elektronische Geräte sind an den Bordwänden zu sehen. An der Decke gibt es zwei Schalter. Als ich sie betätige, tut sich nichts. Ben und ich schauen uns an. Ich hatte auch nicht erwartet, dass hier irgendetwas funktioniert.
Ich begebe mich nach vorne in den Bug, wo sich die dritte Kabine befindet.
„Das Boot ist riesig. Hier ist genug Platz“, sage ich zu Ben, der sichtlich zufrieden zu mir aufsieht. „Gut gemacht.“ Ich klopfe ihm auf die Schulter.
Wir gehen nach draußen, wo wir bereits erwartet werden.
„Bleib du auf dem Boot, ich suche etwas, damit wir die Kleinen rüberbringen können.“
Eine breite Planke von dem defekten Steg schwimmt neben der Jacht und ist ideal für mein Vorhaben geeignet. Ich lege sie über das Heck und führe zuerst Olivia darüber.
„Hilfst du ihr?“, fordere ich Ben auf der anderen Seite auf.
Er ist sofort zur Stelle und hält ihr seine Hand hin. Auf diese Weise helfen wir allen auf das Boot. Das ist ganz schön voll, aber ich will keinen zurücklassen. Gemeinsam untersuchen sie das Boot und jeder ruft begeistert, wenn er glaubt, etwas Spannendes entdeckt zu haben. Wir müssen einen Schutzengel haben. Es ist schon merkwürdig, dass wir immer wieder auf nur gering Beschädigtes stoßen und es nutzen können. Erst der Pick-up, dann das Haus und jetzt das Boot. Ich hoffe, unsere Glückssträhne hält an.
Die Jacht ist für einen längeren Aufenthalt auf See eingerichtet.
„Niemand geht an den Wein!“, ermahne ich alle, als ich einige Weinflaschen entdecke.
Sie lachen, als hätte ich einen Witz gemacht. Ich runzle die Stirn und bringe die Flaschen in Sicherheit.
„Schaut her! Ich habe etwas gefunden.“ Hannah hält zwei Taschenlampen in den Händen.
„Die können wir gebrauchen. Gut gemacht“, sage ich zu ihr. Ich teste sie und freue mich über mehr Licht. Das ist sehr gut.
Im Cockpit denke ich nach. Ben setzt sich neben mich.
„Und? Wann können wir los?“
Auf diese Frage warte ich schon, seit er uns das Boot gezeigt hat.
„Zuerst müssen wir checken, ob alles funktioniert“, sage ich, „und auch, wie es funktioniert. Warst du schon einmal auf so einem Boot?“, frage ich.
„Nicht wirklich“, gibt er zurück.
Er sieht mich mit flehenden Augen an. Wie soll ich ihm begreiflich machen, dass wir ohne Segelkenntnisse keine Chance auf dem offenen Meer haben?
„Keiner von uns kann segeln. Das überleben wir nicht.“ Er ist verärgert über meine Antwort.
„Vielleicht können wir auf dem Kanal üben“, versuche ich, ihn zu besänftigen.
„Du willst nur nicht!“, sagt er trotzig und geht von Bord. Schimpfend tritt er nach Steinen und geht zurück zum Haus.
„Die Kinder“, ermahne ich mich, bevor ich ihm nachlaufen kann. Wir sollten zurückgehen. Keiner geht allein. Das ist die Regel. Ich halte Mia an, die an mir vorbei über das Deck rennt. „Ben ist gegangen. Du musst mir jetzt helfen.“
Vorsichtig gelangt sie auf den Steg. Dort angekommen hilft sie mir, die anderen sicher an Land zu bringen. Ich verschließe die Luke zum Abgang, bevor ich das Boot als Letzter verlasse.
„Wir nehmen den Wagen“, rufe ich und fahren alle zum Haus zurück. Dort gehe ich in die Küche und überlege, wie es weitergehen soll.
Von hier aus kann ich sehen, dass Ben unten am Grill mit dem Essen beschäftigt ist. Ich nehme einen Stift und notiere Pro und Contra eines Segeltörns. Dagegen fallen mir sofort viele Punkte ein.
Wir wären dem Wetter ausgesetzt. Keiner weiß, wie man Segel setzt oder die Richtung bestimmt. Wo liegt unser Ziel? Reicht der Proviant, das Wasser? Was machen wir, wenn einer über Bord geht? Können die Kinder schwimmen?
Als Positives fällt mir nur ein, dass wir unser Schicksal selber in die Hand nehmen.
Ich gehe zu Ben, der gerade das Abendessen verteilt. Er ist zeitweise zu erwachsen. Das ist wirklich unheimlich. Obwohl fast zwei Generationen zwischen uns liegen, begegnen wir uns auf Augenhöhe.
„Danke für das Essen“, sage ich zu ihm.
Die Kinder scheinen zu merken, dass dicke Luft zwischen mir und Ben herrscht und ziehen sich nach dem Essen auf ihre Zimmer zurück.
3. April
Technik
Wir folgen dem gleichen Muster wie gestern. Aufstehen, besorgter Blick auf den roten Himmel, Morgentoilette, Frühstück.
Bis auf Hannah und Sophia haben sich die Kinder mit der Situation, auf sich selbst gestellt zu sein, abgefunden. Sophia sucht öfter Trost bei ihrer großen Schwester. Hannah dagegen wird, wenn sie nachts aufwacht, von Emma getröstet. Tagsüber sucht sie die Nähe von Ben oder mir. Wobei ich mir hilflos vorkomme. Aber allein meine Anwesenheit scheint sie zu beruhigen. Mia und Olivia kümmern sich rührend um die jüngeren Mädchen. Ich beobachte Alexander mit Sorge. Er ist sehr ruhig und in sich gekehrt. Ich nehme mir vor, mich später mehr um ihn zu kümmern.
Was macht das mit den Kindern? Es dauert wahrscheinlich nicht mehr lange, bis sie das ganze Ausmaß begreifen werden. Hoffentlich ist bis dahin Hilfe eingetroffen. Ich wäre damit sicherlich überfordert. Nicht, dass ich nicht alles versuchen würde, um ihnen zu helfen und zur Seite zu stehen, allerdings habe ich darin keine Erfahrung.
Nach kurzer Diskussion teilen wir drei Gruppen ein. Dieses Mal gehe ich mit Ben und Olivia zum Boot, während Mia, Sophia und Alexander mit Arbeiten im Haus beschäftigt sein werden. Mason, Hannah und Emma haben die Aufgabe, alle Sachen zusammenzutragen, die wir ihrer Meinung nach auf dem Boot gebrauchen können.
„Seid vorsichtig“, sage ich ermahnend, doch sie winken nur ab. Den Spruch kennen sie bereits.
Mit dem Wagen fahren wir gemeinsam zum Boot. Dort besprechen wir, was wir heute erledigen wollen. Viel ist für die Kinder nicht zu tun. Hier und da liegen Sachen herum, die Fenster sind schmutzig, das Deck muss gereinigt und die wahllos herumliegenden Leinen müssen sortiert werden. Ben versucht sich an den Reparaturen und wird dabei von Olivia unterstützt. Ich werde mir die Technik ansehen.
Die Jacht scheint in einem guten Zustand zu sein. Nacheinander prüfe ich die Geräte und Einrichtungen. Dusche und Toilette funktionieren. Der Herd funktioniert mit Gas. Der Kühlschrank ist aus und leer.
In einer der Kabinen finde ich die Sicherungen und den Hauptschalter. Einmal eingeschaltet haben die elektrischen Geräte wieder Strom und das Licht geht an. Das Funkgerät gibt jedoch nur Rauschen von sich. Entweder ist die Antenne defekt oder es funkt zur Zeit keiner. Ich starte einige Versuche auf verschiedenen Frequenzen, ohne Erfolg.
Olivia gesellt sich zu uns und wir finden heraus, wie der Motor gestartet wird. Später entdecken wir, dass der Spiegel, die Rückwand der Jacht, automatisch heruntergeklappt werden kann, wenn man den richtigen Knopf gedrückt hält. Das erleichtert uns den Einstieg enorm. Der Anker ist vom Cockpit aus bedienbar. Bei den drei Geräten mit Touchscreen im Cockpit sind wir überfordert. Die Beschriftung weist darauf hin, dass das Gerät in der Mitte das Radarbild anzeigt. Allerdings hängt das in der Mastspitze befindliche Radar – ich denke, das soll der dunkle Kasten dort oben sein – ziemlich schief. Das können wir wohl vergessen. Wäre auch zu schön gewesen. In den seitlichen Bänken finden wir insgesamt sechs Rettungswesten.
Gegen Mittag kommen die anderen sechs zu uns. Nach einigen Minuten rufe ich alle im Cockpit zusammen. Wir müssen an Bord ebenfalls einige Regeln festlegen.
Erste Regel: Jeder auf Deck zieht eine Rettungsweste an. Das heißt, wir können maximal zu sechst oben an Deck sein, da wir nicht mehr Westen besitzen. Drei Kinder müssen immer unten sein oder an Land.
Zweite Regel: Es wird nur so wenig Wasser, Strom oder Diesel verbraucht wie nötig. Damit müssen wir sparsam sein, da wir nicht wissen, wie lange wir darauf angewiesen sein werden.
Dritte Regel: Jeder muss in seinem Bereich Ordnung halten.
Vierte Regel: Der Herd darf nur von Ben oder mir bedient werden.
Fünfte Regel: Finger weg von allen elektrischen Geräten.
Sechste Regel: Finger weg von allen Leinen.
Anschließend werden die Kabinen aufgeteilt. Mia, Sophia und Olivia bekommen zu dritt die größte Kabine im Bug. Hinten rechts am Bad nehmen Hannah und Emma die Kabine in Beschlag und auf der anderen Seite quartieren sich Mason und Alexander ein. Ben und ich werden uns in der Mitte oder oben im Cockpit aufhalten. Wir werden die Kabinen sicher nur selten benutzen, aber es ist gut, wenn alle wissen, wohin sie sich zurückziehen können. Als Nächstes interessiert mich, wer von den Kindern schwimmen kann. Wie sich herausstellt, können alle halbwegs gut schwimmen. Das ist sehr beruhigend.
Ben schlägt vor, weiteren Proviant und Wasser auf das Boot zu schaffen. Er gibt nicht auf. Um des Friedens willen stimme ich zu, da es nicht schaden kann, die Sachen auf zwei Orte aufzuteilen.
Das Wetter ändert sich. Es ziehen mehr und mehr Wolken auf. Erst sehr dünne, dann werden sie größer und hängen immer tiefer, bis der gesamte Himmel bedeckt ist. Ich kenne das.
Zu meiner Ausbildung als Privatpilot vor vielen Jahren gehörten auch Wetterkunde und Navigation. So wie die Wolken jetzt aussehen, wird es bald Regen geben. Aber gelten die Gesetze des Wetters aus Europa auch in Florida?
Ich gehe nach vorne. Das Segel ist im Mast aufgerollt, ebenso das Vorsegel am Bug. Ich knie nieder, um den Anker zu begutachten. Dabei schaue ich nach unten ins Wasser. Was ich da sehe, lässt mir eine Gänsehaut über den Rücken laufen.
Durch den Unrat auf der Oberfläche habe ich bisher nicht darauf geachtet. Das, was ich als Steg oder Anleger gedeutet habe, ist in Wirklichkeit eine Brücke. Die Holzbrücke liegt ungefähr einen Meter unter Wasser. Viel tiefer unter uns und weiter vom Ufer entfernt, erkenne ich den Anleger, an dem das Boot einmal gelegen haben muss.
Auf dem Grund des Kanals sind weitere kleine Motorboote zu erkennen. Das bedeutet aber, dass der Meeresspiegel um mindestens zehn Meter gestiegen ist. Wenn nicht sogar mehr. Das erklärt, warum alles überschwemmt ist.
Mir schwirren tausend Gedanken durch den Kopf. Was ist, wenn das weltweit so ist? Wie sieht dann Europa aus? Ich muss an meine Familie denken. Sind sie in Sicherheit? Sicher machen sie sich auch Sorgen.
Werde ich sie je wiedersehen?
Hinter mir höre ich Emmas Stimme. „Mister GS? Ich habe Hunger. Können wir essen?“
Es entlockt mir immer ein Lächeln, wenn sie mich so ansprechen. Dankbar für die Ablenkung erwidere ich: „Klar. Wir fahren am besten zurück.“
Am Grill bereitet dieses Mal Mia einen kleinen Imbiss zu. Ben ist ausgiebig mit Packen beschäftigt. Ich gönne mir im Garten ein paar Minuten Ruhe und sehe zu, wie Ben mehr als notwendig auf die Ladefläche packt, lasse ihn aber machen. Schließlich ist es egal, wo wir die Sachen aufbewahren. Zur Not können wir sie ins Haus zurückbringen.
Er kommt zu mir und fragt, ob er meine Tasche mitnehmen soll. Das ist keine schlechte Idee. Auf dem Boot sind Anschlüsse und Steckdosen für die Geräte vorhanden.
„Nimm sie mit.“ Ich reiche ihm mein Handy. „Das bitte auch. Wir können es dort laden.“ Da kommt mir eine Idee. „Was haltet ihr davon, wenn wir heute Nacht alle auf dem Boot schlafen?“
Alle sind sofort begeistert und völlig aus dem Häuschen. Jeder muss noch dringend etwas holen, was er unbedingt benötigt. Anschließend sammeln sie sich erwartungsvoll vor dem Wagen. Der ist jedoch so voll bepackt, dass niemand Platz hat. Ich schaue Ben amüsiert an. Er zieht nur entschuldigend die Schultern hoch.
Ich fahre den Wagen zum Boot, während alle anderen zu Fuß folgen. Wir verstauen so viel wie wir können auf dem Boot und entdecken dabei, dass wir sogar eine Mikrowelle haben. Was für ein Luxus. Es ist später Nachmittag und der Himmel sieht nicht gut aus. Mir fällt ein, dass wir die Taschenlampen hier gut gebrauchen können und schicke Mia, Sophia und Olivia zurück zum Haus, damit sie sie besorgen.
„Kommt aber sofort zurück. Es sieht nach Regen aus“, rufe ich ihnen hinterher.
Wir räumen inzwischen weiter ein. Die Weinflaschen nehme ich vorsichtshalber heraus und leere sie im Wasser. Hier braucht niemand Alkohol. Auch ich nicht.
3. April
Flucht
Die Mädchen sind schon eine Stunde weg. Was dauert da so lange?
Ihnen ist doch hoffentlich nichts passiert!
„Alexander, Mason, ihr beide kommt mit mir. Wir sehen nach, wo die Mädchen bleiben! Ben, du passt hier an Board auf.“
Ben ist noch dabei, den Wagen zu entladen. Wir drei gehen den Weg zurück zum Haus. Der Himmel zieht sich immer mehr zu. Na, ob das mit dem Boot so eine gute Idee war? Ich bekomme Zweifel.
Kurz bevor wir um den letzten Strauch zum Haus biegen wollen, höre ich laute, harte Stimmen und bleibe wie angewurzelt stehen. Die Jungen sehen mich erschrocken an, als ich sie mit beiden Händen zurückhalte. Das sind keine Mädchenstimmen, sondern raue, dunkle Männerstimmen. Sie reden zwar laut, jedoch in einem Slang, den ich kaum verstehe. Ich flüstere Alexander und Mason zu, sie sollen still sein und warten. Gebückt wage ich einen Blick auf das Haus.
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