Kitabı oku: «Diagnostik von Suizidalität», sayfa 3

Yazı tipi:

2.4.2 Cry of Pain-Modell

Im Cry of Pain-Modell geht Williams (2001) davon aus, dass es dann zu Suizidgedanken und suizidalem Verhalten kommt, wenn Personen negativen Lebensereignissen ausgesetzt sind, die sie

a) als niederschmetternd/vernichtend und/oder demütigend erleben (defeat), in denen sie

b) keine Handlungs-, Rettungs- oder Fluchtmöglichkeiten ausmachen können, sie sich

c) daher in einer ausweglosen Situation gefangen (entrapment) und

d) zunehmend hilflos und hoffnungslos fühlen.

Die suizidale Handlung wird schlussendlich als einziger Ausweg gesehen, belastenden Lebensumständen, Erlebensweisen und Empfindungen zu entkommen. Williams (2001) versteht suizidale Handlungen entsprechend als |31|Ausdruck von unerträglichem Schmerz- und Belastungserleben (cry of pain) und dezidiert nicht als Hilferuf (cry for help). Die Einschätzung, einer Situation hilflos ausgeliefert zu sein, wird Williams (2001) zufolge in starkem Maße von den Problemlösekompetenzen einer Person und ihrer Fähigkeit, positive Zukunftsszenarien zu generieren, moderiert. Überdies spielt die Verfügbarkeit sozialer Unterstützung eine entscheidende Rolle.

Die theoretischen Annahmen des Cry of Pain-Modells bauen auf den Suizid- und Depressionstheorien von Baumeister (1990) und Gilbert und Allan (1998) auf und bilden den Kern aktueller theoretischer Weiterentwicklungen (O’Connor, 2011; Tarrier, Gooding, Pratt, Kelly, Awenat & Maxwell, 2013). Wie im Modell von Wenzel und Beck (2008) wird auch im Modell von Williams (2001) die zentrale Rolle von Hoffnungslosigkeit betont. Beide Modelle heben zudem die Rolle von Problemlösedefiziten für die Entwicklung suizidaler Intentionen hervor. Gleichzeitig spezifiziert das Modell zwei Bewertungsmuster, die als besonders relevant für die Entwicklung suizidaler Intentionen gesehen werden. Die Bedeutung dieser beiden theoriespezifischen Konstrukte, defeat und entrapment, wird durch eine zunehmende Zahl an Studien gestützt (Taylor, Gooding, Wood & Tarrier, 2011a). Es zeigte sich beispielsweise, dass das Erleben von defeat und entrapment den Zusammenhang sowohl zwischen psychotischer Symptomatik und Suizidgedanken (Taylor, Gooding, Wood, Johnson, Pratt & Tarrier, 2010) als auch zwischen den Symptomen einer Posttraumatischen Belastungsstörung und suizidalem Verhalten (Panagioti, Gooding, Taylor & Tarrier, 2013) mediiert. Im Sinne der theoretischen Annahmen vermittelt entrapment überdies den Zusammenhang zwischen Defeat-Erleben und Suizidgedanken (Rasmussen, Fraser, Gotz, MacHale, Mackie, Masterton et al., 2010). In ersten prospektiven Studien erwies sich das Erleben von defeat und entrapment schließlich als prädiktiv für Suizidgedanken, Selbstverletzungen und Suizidversuche (O’Connor, Smyth, Ferguson, Ryan & Williams, 2013; Slade, Edelmann, Worrall & Bray, 2012) – und dies unter statistischer Kontrolle diverser Risikofaktoren wie Depressivität, Hoffnungslosigkeit und der Anzahl vorangegangener Selbstverletzungen bzw. Suizidversuche.

Zur Erfassung der beiden Kernkonstrukte liegen die Defeat Scale (vgl. Kap. 8.10) und die Entrapment Scale (vgl. Kap. 8.11) vor.

2.4.3 Interpersonale Theorie suizidalen Verhaltens

In der Interpersonalen Theorie suizidalen Verhaltens postuliert Joiner (2005), dass die Wahrnehmung, nicht Teil einer wertgeschätzten Gruppe zu sein (thwarted belongingness), und der Eindruck, für andere eine Belastung darzustellen (perceived burdensomeness), Suizidgedanken und Suizidwünsche bedingen. Zu suizidalen Handlungen soll es aber erst dann kommen, wenn |32|der Wunsch zu sterben mit der erworbenen Befähigung (acquired capability), sich zu töten, einhergeht (vgl. Abb. 4).

Abbildung 4: Die Interpersonale Theorie suizidalen Verhaltens


Perceived burdensomeness bezieht sich auf die subjektive Überzeugung, dass die eigene Existenz für Familie, Freunde und/oder die Gesellschaft eine Belastung darstellt und dass der eigene Tod eine (erwünschte) Erleichterung für das Umfeld darstellen würde (z. B. „Meiner Familie wird es besser gehen, wenn es mich nicht mehr gibt“; „Ich bin nutzlos und überflüssig“). Thwarted belongingness meint hingegen den Eindruck, von anderen entfremdet zu sein, nicht Teil einer wertgeschätzten Gruppe, einer Familie und/oder eines Freundeskreises zu sein (z. B. „Ich bin isoliert von anderen“; „Ich habe niemanden, an den ich mich wenden kann“). Van Orden et al. (2010) postulieren, dass thwarted belongingness und perceived burdensomeness für sich genommen proximale und hinreichende Ursache passiver Suizidwünsche (z. B. „Ich wünschte, ich wäre tot“) sind. Aktive Suizidwünsche (z. B. „Ich möchte mich umbringen“) sollen sich hingegen dann entwickeln, wenn die Überzeugung, eine Last für andere zu sein, und der Eindruck fehlender Zugehörigkeit gleichzeitig auftreten (und die Person einer Veränderung dieser Zustände hoffnungslos gegenübersteht).

|33|Van Orden et al. (2010) postulieren des Weiteren, dass nur diejenigen, die eine erhöhte Toleranz für physischen Schmerz und eine herabgesetzte Angst vor dem Tod erworben haben (acquired capability), in der Lage sind, einen Suizidwunsch auch in die Tat umzusetzen. Das Zusammentreffen eines Suizidwunsches mit einer reduzierten Furcht vor dem Tod soll dabei die Suizidabsicht bedingen, während das Ausmaß an Schmerztoleranz über die Letalität der gewählten Suizidmethode entscheidet. Joiner (2005) nimmt an, dass sich Furchtlosigkeit vor Schmerz und Tod durch Habituationserfahrungen im Kontext wiederholter Exposition mit schmerzhaften und/oder angsteinflößenden Ereignissen entwickelt. Den direktesten Weg zum Erwerb von aquired capability sieht er dabei in der wiederholten Durchführung von suizidalen und selbstverletzenden Verhaltensweisen. Daneben wird auch Erfahrungen wie körperlichem und sexuellem Missbrauch, Kriegseinsätzen sowie anderen schmerzhaften und/oder angstaktivierenden Ereignissen (z. B. nicht suizidale Selbstverletzung, intravenöser Drogengebrauch) eine Bedeutung hinsichtlich des Erwerbs von acquired capability beigemessen.

Die Annahmen der Interpersonalen Theorie suizidalen Verhaltens konnten mittlerweile in einer ganzen Reihe von Studien gestützt werden. So zeigte sich in diversen Untersuchungen, dass Suizidgedanken und Suizidversuche mit Ausmaß und Zusammenwirken von perceived burdensomeness, thwarted belongingness und acquired capability assoziiert sind – und dies in verschiedenen Stichproben, unter Anwendung verschiedener Messverfahren und unter statistischer Kontrolle relevanter Risikofaktoren wie Alter, Geschlecht, früheren Suizidversuchen, Vorliegen psychischer Erkrankungen, Depressivität und Hoffnungslosigkeit (Wachtel & Teismann, 2013). In ersten prospektiven Studien zeigte sich, dass perceived burdensomeness und thwarted belongingness das Ausmaß an Suizidgedanken vorhersagen (Kleiman, Law & Anestis, 2014a; Kleiman, Liu & Riskind, 2014b; Van Orden, Cukrowicz, Witte & Joiner, 2012).

Zur Erfassung der Konstrukte perceived burdensomeness und thwarted belongingness liegt der Interpersonal Needs Questionnaire vor (vgl. Kap. 8.6). Das Ausmaß an acquired capability kann mit der Acquired Capability for Suicide Scale (vgl. Kap. 8.7) oder dem German Capability for Suicide Questionnaire (vgl. Kap. 8.8) erfasst werden. Ereignisse, die relevant sein sollen für die Entwicklung von acquired capability, können mit der Painful and Provocative Events Scale (vgl. Kap. 8.9) erhoben werden.


2.4.4 Integratives motivational-volitionales Modell suizidalen Verhaltens

Im integrativen motivational-volitionalen Modell suizidalen Verhaltens geht O’Connor (2011), davon aus, dass es dann zu Suizidgedanken und suizidalem Verhalten kommt, wenn Personen infolge von niederschmetternden und/|34|oder demütigenden Geschehnissen sich selbst als hilflos und gefangen in einer nicht auflösbaren Lebenssituation erleben. Entscheidend für das Modell ist die Annahme, dass die Übergänge von (a) der Bewertung eines Erlebnisses als niederschmetternd/demütigend zum Eindruck des Gefangenseins, (b) vom Eindruck des Gefangenseins hin zu Suizidgedanken und (c) von Suizidgedanken hin zu suizidalen Handlungen durch diverse Moderatoren – also Faktoren, die die suizidale Entwicklung hemmen oder fördern – bestimmt werden. Während das Modell in besonderem Maße auf die Kernannahmen des Cry of Pain Modells zurückgreift, schafft die Einbindung verlaufsmoderierender Faktoren einen konzeptionellen Rahmen, innerhalb dessen sich zentrale Annahmen anderer Suizidtheorien und diverse empirische Befundmuster zu einem kohärenten Entwicklungsmodell suizidalen Verhaltens zusammenfügen lassen (vgl. Abb. 5).


Abbildung 5: Das integrative motivational-volitionale Modell suizidalen Verhaltens


Im Einzelnen nimmt O’Connor (2011) an, dass der Eindruck des Gefangenseins (entrapment) nicht zwangsläufige Folge von belastenden und kränkenden Ereignissen sein muss. Vielmehr soll die Entwicklung vom einen zum anderen durch Faktoren moderiert werden, die darüber bestimmen, ob belastende Ereignisse als Bedrohung des eigenen Selbst erlebt werden. Zu |35|diesen moderierenden Faktoren werden unter anderem fehlende Problemlösefähigkeiten sowie die habituelle Grübelneigung gezählt, d. h. solche Faktoren, die die Wahrscheinlichkeit erhöhen, dass Betroffene keine Lösung für bestehende Probleme entwickeln können und sich zunehmend hilflos und gefangen fühlen.

Als motivationale Moderatoren bezeichnete Faktoren sollen sodann darüber entscheiden, ob sich aus dem Eindruck des Gefangenseins Suizidwünsche, -ideen und -intentionen entwickeln. Unter den motivationalen Moderatoren subsummiert O’Connor (2011) den Eindruck, eine Last für andere zu sein, die Wahrnehmung, nicht Teil einer wertgeschätzten Gruppe zu sein, Hoffnungslosigkeit bzw. das Fehlen positiver Gedanken über die Zukunft, fehlende Beschäftigung mit Zielen und mangelnde soziale Unterstützung. Eingebettet in einen anderen konzeptionellen Rahmen werden hier also zentrale Konstrukte des kognitiven Modells und der Interpersonalen Theorie suizidalen Verhaltens aufgegriffen.

Der Übergang von Suizidgedanken zu suizidalen Handlungen und damit der Übergang von einer motivationalen zu einer volitionalen Handlungsphase sind dem Modell zufolge schließlich abhängig von weiteren moderierenden Bedingungen. Unter Rückgriff auf die Interpersonale Theorie suizidalen Verhaltens nimmt O’Connor (2011) dabei an, dass das Vorliegen von Furchtlosigkeit vor Schmerz, Sterben und Tod eine zentrale Bedingung dafür darstellt, ob Suizidgedanken in suizidale Handlungen umgesetzt werden. Darüber hinaus gelten die Verfügbarkeit von letalen Mitteln, Impulsivität und das Wissen um andere, die sich das Leben genommen haben, als Beispiele für Faktoren, die die Umsetzung von Suizidgedanken erleichtern sollen.

Während das Modell in besonderem Maße die Bedeutung von überwältigenden und/oder demütigenden Erlebnissen und das Gefühl des Gefangenseins für die Entwicklung suizidalen Erlebens und Verhaltens hervorhebt, ist es offen für die Integration diverser psychosozialer und biologischer Risikofaktoren und bietet damit einen hilfreichen Beschreibungs- und Verstehensrahmen suizidaler Krisen. Allerdings fehlt es bislang an theoriegeleiteten Untersuchungen zu den spezifischen Modellannahmen.

Fazit:

Die beschriebenen theoretischen Modelle heben unterschiedliche psychosoziale Variablen hervor, die in der Diagnostik und Risikoabschätzung suizidalen Erlebens und Verhaltens besondere Beachtung erfahren sollten. Während die Bedeutung von Hoffnungslosigkeit in allen Modellen gleichermaßen betont wird, sind die anderen Faktoren – Unbearability-Überzeugung, kognitive Einengung, der Eindruck, demütigenden Erlebnissen ausgesetzt zu sein und keinen Ausweg zu haben, der Eindruck, eine Last für andere zu |36|sein, fehlende Zugehörigkeit zu einer geschätzten Gruppe, Furchtlosigkeit vor Schmerz, Sterben und Tod – spezifisch für die verschiedenen Modelle. Einzig das motivational-volitionale Modell versucht eine erste Integration dieser verschiedenen Modellannahmen. Vor dem Hintergrund der derzeitigen Studienlage und des heterogenen Verlaufs suizidaler Krisen kann keines der Modelle alleinige oder gar absolute Gültigkeit bei der Vorhersage von Suizidalität beanspruchen. Vielmehr definieren alle Modelle relevante Suchräume, die im Einzelfall weiter abgeklärt werden sollten. Der unterstützende Einsatz von Fragebögen bietet sich hierfür an.


2.5 Allgemeine Probleme bei der Diagnostik suizidalen Verhaltens und Erlebens

Es lässt sich grundsätzlich infrage stellen, ob und inwieweit Personen in einer suizidalen Krise valide Auskunft über ihre Lage, ihre Beschwerden und den Verlauf suizidalen Erlebens geben können. Wie eingangs erwähnt, unterliegen suizidale Krisen schnellen zeitlichen Fluktuationen und sind geprägt durch ambivalentes Erleben – der Wunsch zu sterben besteht gleichzeitig zum Wunsch weiterzuleben. Überdies werden viele suizidale Handlungen in intoxikiertem Zustand (Cherpitel et al., 2004) oder raptusartig-impulsiv (Simon et al., 2001) ausgeführt, sodass die Betroffenen ggf. nur in eingeschränktem Maße über ihre Beweggründe berichten können. Schließlich wird die Bereitschaft von Betroffenen, offen über Suizidwünsche, -absichten und -versuche zu berichten, in entscheidendem Maße davon abhängen, welche Konsequenzen sie infolge ihrer Selbstoffenbarung erwarten, wie sie grundsätzlich über Suizidalität denken (z. B. „Suizidalität ist ein Zeichen von Schwäche.“; „Suizidgedanken sind eine Sünde.“) und wie entschieden sie bereit sind zu sterben. Vor dem Hintergrund, dass kein objektiver – von einer verbalen Schilderung unabhängiger – Test suizidalen Erlebens und Verhaltens existiert, ist jede Psychodiagnostik, Risiko- und Schweregradabschätzung gegenüber diesen Störquellen anfällig.

Entsprechend betonen verschiedene Autoren einerseits die Notwendigkeit, unterschiedliche diagnostische Zugänge zu nutzen (Jobes, Eyman & Yufit, 1995) und andererseits die Bedeutung der Einbettung des diagnostischen Prozesses in eine positive therapeutische Beziehung, die es den Betroffenen erlaubt, auch schambesetzte und stigmatisierte Inhalte zu offenbaren (Jobes, 2006; Rogers & Oney, 2005). Ein Beispiel für eine entsprechende Gestaltung des diagnostischen Prozesses findet sich in Kapitel 4.1. Zudem müssen gerade im Kontext inkonsistenter Informationen und bei sich stark und schnell wandelnden Problemdarstellungen durch den Betroffenen weitere Quellen für die Risikoabschätzung (u. a. Angehörige, Betreuer, behandelnde Ärzte) herangezogen werden.

|37|3 Screeninginstrumente und Checklisten

Der erste und zunächst auch wichtigste Schritt bei der Diagnostik von Suizidalität ist ein Screening auf das Vorliegen suizidaler Gedanken, Wünsche oder Handlungen. Hierzu bedarf es möglichst kurzer, sensitiver und spezifischer sowie valider und reliabler Instrumente, die mittels weniger Fragen Patienten mit einem erhöhten Suizidrisiko identifizieren können. In diesem Kapitel wird eine Auswahl an Verfahren zum Screening und zur Früherkennung von Suizidalität vorgestellt. Alle ausgewählten Verfahren sind relativ kurz und wurden in Studien und in der klinischen Praxis zu Screeningzwecken eingesetzt. Allerdings sind die meisten verfügbaren Instrumente mit psychometrischen Einschränkungen behaftet; kaum eines vereint alle genannten wünschenswerten Aspekte auf sich. Im zweiten Teil dieses Kapitels wird zudem eine Auswahl international gebräuchlicher Checklisten vorgestellt. Deren Einsatz zur Abschätzung des Suizidrisikos sollte wohlüberlegt sein und das Zurückgreifen auf alternative oder ergänzende diagnostische Zugänge erwogen werden, wie in der zusammenfassenden Beurteilung (vgl. Kap. 3.3) der in diesem Kapitel beschriebenen Instrumente dargelegt wird.


3.1 Screeninginstrumente

3.1.1 Paykel Suicide Items (PSI)

Die Paykel Suicide Items (PSI; Paykel, Myers, Lindenthal & Tanner, 1974) sind eine Sammlung von fünf Fragen, die, von einem diagnostischen Interviewer gestellt, Suizidalität in aufsteigender Schwere erfassen. Die ersten beiden Fragen erfassen dabei passive Suizidgedanken/Todesgedanken (z. B. Item 1: „Hatten Sie jemals das Gefühl, das Leben sei nicht lebenswert?“), die Fragen 3 und 4 aktive Suizidgedanken (z. B. Item 3: „Haben Sie jemals daran gedacht, sich das Leben zu nehmen, auch wenn Sie es nicht wirklich tun würden?“) und Frage 5 vergangene Suizidversuche („Haben Sie jemals versucht, sich das Leben zu nehmen?“). Die fünf hierarchisch organisierten Fragen werden von den Patienten mit „ja“ oder „nein“ beantwortet und sind ursprünglich nicht als eine gemeinsame Skala konzipiert worden, wenngleich sie vereinzelt bereits in dieser Form eingesetzt wurden (|38|Meneese & Yutrzenka, 1990). In ihrer ursprünglichen Form beziehen sich die Fragen auf die gesamte Lebenszeit. Es wurden aber auch verschiedentlich andere Bezugszeiträume gewählt, so z. B. der letzte Monat (Nazem et al., 2008). Grundsätzlich sind die Fragen bei allen erwachsenen Personen zu Screeningzwecken einsetzbar und beanspruchen nur wenige Minuten Bearbeitungszeit.

Empirische Erfahrungen bestehen bisher mit amerikanischen Allgemeinbevölkerungsstichproben (Paykel et al., 1974), körperlich erkrankten Patienten (Nazem et al., 2008) sowie insbesondere mit Stichproben des höheren Lebensalters (Maust et al., 2011; Skoog et al., 1996; Van Orden, Simning, Conwell, Skoog & Waern, 2013; Van Orden et al., 2014).

Bisher wurden nur sehr wenige Befunde zur psychometrischen Qualität der PSI veröffentlicht. Die grundsätzliche Validität des Instrumentes stützen Daten aus der initialen Studie von Paykel und Kollegen (1974), die berichten, dass diejenigen Personen aus der Allgemeinbevölkerung, die irgendeiner der fünf Fragen der PSI zugestimmt haben, eher sozial isoliert waren, mehr somatische und psychische Symptome erlebten und mehr negative Lebensereignisse im vergangenen Jahr berichteten, als die Personen, die keiner der fünf Fragen zustimmten. Suizidgedanken, gemessen mit den PSI, wurden bei an Parkinson erkrankten Patienten von dem Ausmaß depressiver Symptome vorhergesagt (Nazem et al., 2008). In einer skandinavischen Studie an 345 Personen, die älter als 85 Jahre waren, fand sich eine deutlich erhöhte Mortalitätsrate bei Frauen, die Suizidgedanken in den PSI angaben, im Vergleich zu denjenigen, die keine Suizidgedanken berichteten (Skoog et al., 1996). Außerdem zeigte eine zweite Analyse der Daten dieser Stichprobe, dass Todesgedanken mit Depressivität und Angst assoziiert waren (Van Orden et al., 2013). Bisher liegen keine Angaben zur prädiktiven Validität der PSI im Hinblick auf einen vollzogenen späteren Suizid sowie zur Reliabilität, Objektivität oder Normierung des Instrumentes vor. Die englischen Originalitems finden sich bei Paykel et al. (1974). Eine deutsche Version der PSI ist derzeit in Vorbereitung.


3.1.2 Beck Depression Inventory (Suizidalitätsitem-BDI)

Häufig wird für Screeningzwecke auf einzelne Items aus umfassenderen Selbstbeurteilungsinstrumenten zur Erfassung von Depressivität zurückgegriffen. Ein häufig verwendetes Item ist z. B. das Suizidalitätsitem des Beck Depression Inventory (BDI), bzw. seiner revidierten und aktualisierten Fassung BDI-II (Beck, Steer & Brown, 1996). Das BDI ist ein 21 Items umfassendes Selbstbeurteilungsinstrument, das Depressivität dimensional bezogen auf die letzte Woche (BDI) bzw. in Anlehnung an DSM-IV bezogen auf die letzten 2 Wochen (BDI-II) erfasst. Ausführliche Informationen zu den |39|deutschsprachigen Versionen dieser Instrumente finden sich bei Hautzinger, Bailer und Hellgard (1995) und bei Hautzinger, Keller und Kühner (2006).

Das Item zur Erfassung von Suizidalität ist in beiden Versionen des BDI identisch. Die Patienten werden gebeten, aus den folgenden vier Antwortalternativen diejenige auszuwählen, die am ehesten auf sie zutrifft: 0 = „Ich denke nie daran, mich umzubringen“, 1 = „Ich habe Selbstmordgedanken, aber ich würde sie nicht ausführen“, 2 = „Ich möchte mich umbringen“ oder 3 = „Ich würde mich umbringen, wenn ich die Möglichkeit hätte“. Das Item erfasst somit Suizidgedanken und -pläne, aber kein suizidales Verhalten.

Das Suizidalitätsitem des BDI bzw. BDI-II wurde sowohl im Jugend- als auch im Erwachsenenalter zur Erfassung von Suizidgedanken eingesetzt. Für das Jugendalter ist eine Retest-Reliabilität über ein Intervall von einem Jahr von r = .27 bekannt (Lewinsohn, Rohde & Seeley, 1993), was erwartungsgemäß für eine gewisse Variabilität des mit diesem Item erfassten Merkmals spricht. Über einen Zeitraum von 4 bis 6 Wochen waren die Suizidalitätswerte auf diesem Item bei 40 % der untersuchten Jugendlichen stabil (Larsson, Melin, Breitholtz & Andersson, 1991). Das Suizidalitätsitem des BDI besitzt eine hohe Augenscheinvalidität. Beck und Steer (1991) berichten von moderaten Korrelationen des BDI-Items mit der Beck Scale for Suicidal Ideation (vgl. Kap. 6.1 und Kap. 7.1). Brown (2000) berichtet zudem von Hinweisen auf eine gute prädiktive Validität des Items: Ambulante psychiatrische Patienten, die mindestens eine 2 („Ich würde mich umbringen, wenn ich die Möglichkeit hätte“) auf dem BDI-Item ankreuzten, begingen im Verlauf 6,9-mal häufiger Suizid, als Patienten, die einen niedrigeren Wert als 2 ankreuzten (siehe auch Brown et al., 2000). Allerdings finden sich in der Literatur auch Befunde, die auf eine eingeschränkte konvergente Validität hindeuten. So zeigten z. B. Weitz, Hollon, Kerkhof und Cuijpers (2014) und Forkmann et al. (2014), dass das Suizidalitätsitem des BDI im Vergleich zum Suizidalitätsitem der Hamilton Depression Rating Scale (HAMD; Hamilton, 1960) zu deutlich unterschiedlichen Ergebnissen beim Einsatz zur Evaluation psychotherapeutischer Interventionen zur Reduktion von Suizidalität kommt. Dies kann gegebenenfalls zu einem gewissen Maße auf die unterschiedlichen Erhebungsmodi (Selbst- vs. Fremdbeurteilung) zurückgeführt werden. Es bleibt aber offen, inwieweit diese diskrepanten Ergebnisse auch auf Validitätseinschränkungen des BDI-Items zurückgehen. Generell sollten Screenings mit einzelnen Items immer nur dann erwogen werden, wenn aufgrund knapper Zeit und Ressourcen (etwa im Rahmen umfangreicher bevölkerungsrepräsentativer Erhebungen) keine dimensionalen Skalen verwendet werden können. In allen anderen Fällen sollten psychometrisch vorteilhaftere dimensionale Skalen zum Einsatz kommen. In der klinischen Praxis kann das Suizidalitätsitem des BDI gleichwohl als Ausgangspunkt für eine ausführlichere Abklärung von Suizidalität genutzt werden.

|40|Das BDI-Item wurde hier ausgewählt, weil es zu den am häufigsten verwendeten Einzelitems gehört. Es ist aber wichtig anzumerken, dass auch einzelne Items zur Suizidalität aus anderen Selbstbeurteilungsinstrumenten zur Erfassung von Depressivität zu diesem Zwecke verwendet werden können und auch bereits erfolgreich zum Einsatz kamen. Hier sind z. B. das Suizidalitätsitem aus dem Rasch-basierten Depressionsscreening (DESC; Forkmann et al., 2009; Forkmann, Böcker, Wirtz, Gauggel & Norra, 2011) oder das entsprechende Item aus der Selbstbeurteilungsversion des Inventory of Depressive Symptoms (IDS; Rush, Gullion, Basco, Jarrett & Trivedi, 1996) zu nennen. Diese wurden als solche auch bereits erfolgreich in klinischen Studien eingesetzt (Garlow et al., 2013; Forkmann et al., 2014; Rucci et al., 2011) und haben den Vorteil, dass sie frei verfügbar sind und keine Lizenzgebühren für ihre Verwendung anfallen.


₺1.123,80

Türler ve etiketler

Yaş sınırı:
0+
Litres'teki yayın tarihi:
11 kasım 2024
Hacim:
268 s. 15 illüstrasyon
ISBN:
9783844426397
Telif hakkı:
Bookwire
İndirme biçimi:
Serideki 14 kitap "Kompendien Psychologische Diagnostik"
Serinin tüm kitapları